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Der schönste erste Satz von Dorothy L. Sayers

1. November 2007 | Von | Kategorie: Bücher, Der schönste erste Satz

Dorothy L. SayersSehr geehrter Sir Gilbert, ich danke für Ihren Brief gestrigen Datums und beeile mich, Ihnen die erbetene Zusammenstellung aller Dokumente zu übersenden.

Die Akte Harrison von Dorothy L. Sayers

“Die Akte Harrison” (The documents in the case, erschienen 1930) von Dorothy L. Sayers ist sicherlich nicht ihr bekanntester Krimi, aber ich finde ihn von der Konstruktion her sehr gelungen.

Sayers war die Tochter eines anglikanischen Pfarrers und sehr religiös. Sie war außerdem auch eine der ersten Frauen, die ein Examen in Oxford ablegten, und sehr bildungseitel. Das merkt man der Mehrzahl ihrer zum Teil sehr geistreichen Kriminalromane an. Die Pointe von “Die Akte Harrison” besteht darin, dass die Überführung des Täters im Zuge eines naturwissenschaftlich geführten Gottesbeweises
(jeder Theologe und alle anderen Leute, die was davon verstehen, wird einem sagen, dass es keinen Gottesbeweis gibt, aber egal)
geschieht, mit dem gleichzeitig dann wieder die Verurteilung des Täters in Gottes Namen gerechtfertigt wird.

Der Mord, um den es in diesem Buch geht, wird mit Muscarin, dem Gift des Fliegenpilzes, an einem leidenschaftlichen Pilzsammler ausgeführt. Der Täter, Liebhaber der Gattin des Opfers, beschafft sich dafür künstlich hergestelltes Muscarin aus einem Labor und gibt es in eine Fleischbrühe, die das Opfer zur Zubereitung seiner Pilzmahlzeit verwendet. Deshalb wird der Mord zunächst für einen Unfall gehalten, zumal der Täter sich ein Alibi beschafft hat, durch das er nachweislich zur fraglichen Zeit außerstande war, dem Opfer eventuell vergiftete Pilze unter die Mahlzeit zu mischen.

In einem Gespräch, das eine Gruppe von Naturwissenschaftlern und Theologen über die Möglichkeit eines Schöpfergottes im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Weltbildes führen, erfährt ein Freund des Täters dann von den sogenannten Razematen: künstlich erzeugten Verbindungen, die ihrem molekularen Aufbau nach auch in der Natur vorkommen, dort aber eine andere, asymmetrische kristalline Struktur bilden, wodurch sie optisch aktiv sind (kann man in einem sogenannten Polariskop testen, was dann im Buch auch geschieht).

Rechtsdrehende Verbindungen werden also nur auf irgendwie “lebendige” Weise erzeugt, und aus dieser Tatsache schließen die maßgeblichen Wissenschaftler bei Sayers, daß im Übergang von anorganischer zu organischer Materie eine ordnende Intelligenz (= Schöpfergott) erkennbar wird. Man kann also zumindest im Rahmen des Buches bzw. im Rahmen des Sayers’schen Weltbildes von einem naturwissenschaftlichen Gottesbeweis sprechen, auch wenn der keineswegs Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit erheben kann.

Jedenfalls führt dieses Gespräch über die Existenzmöglichkeit Gottes im Rahmen eines modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes dann auch zur direkten Überführung des Täters, weil anhand der Giftspuren nachgewiesen werden kann, daß der Tote ermordet worden sein muß, da ein natürlicher Pilz kein Razemat produziert hätte.

Die “entsprechende Strafe” für Mord war in Großbritannien bis 1964 die Todesstrafe durch Erhängen.

Anjelka am 01. November 2007

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22 Kommentare
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  1. Der Satz selbst gibt eigentlich schon einige wichtige Informationen: Es handelt sich um einen englischsprachigen Briefroman. Deshalb ergänze ich jetzt zunächst nur, daß er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschien.

    Alsdann, legt los!

  2. merci!
    Du hast vergessen zu erwähnen, dass man ihn bestimmt nicht im Netz findet, und geschrieben wurde er von einem männlichen Wesen, oder?
    LG

  3. Oh, hier ist ja auch schon was.
    Nein, ich hab gar nichts vergessen, sondern mich absichtlich nicht geäußert.

    Im ersten Fall deshalb nicht, weil ich selbstverständlich davon ausgehe, aber die Hoffnung ja leider auch trügen kann, und im zweiten Fall aus Geheimhaltungsgründen.

    Aber nun gut:
    Hinweis 1, 2 und 3: Englisch, Briefroman, erste Hälfte 20. Jh.
    Hinweis 4: Autor ist eine Frau

    Ich seh schon wieder kommen, daß der Satz den Abend nicht mehr erlebt.

    Ich glaub, ich sollte mal dem Don auf die Schliche kommen. Ich hab ihn in Verdacht, daß er Hinweise gibt, mit denen man einen Tag lang dem Ziel überhaupt nicht näher kommen kann, und dann, 2 Stunden vor Ende des 2. Tages, schütttet er dann endlich das Füllhorn brauchbarer Tipps aus, wenn alle bereits am Rande des Nervenzusammenbruchs in den Seilen hängen und damit aus Konzentrationsmangel nichts mehr anfangen können. Ich nenne nur mal das Stichwort “ordentlicher Historiker”.

  4. guck, guck, Anjelka, bist du da? Ich hatte gehofft, dass es einfacher wird ;-) Sage mir doch bitte, ob es sich lohnen würde eine Freundin, die englische Literaturgeschichte studiert hat, zu konsultieren, oder ob dieser ominöse Satz unter Umständen einem Werk entnommen ist, das nicht unbedingt in dieses Fachgebiet gehört?!

  5. Nun ja, es handelt sich um englische Literatur, und in den angelsächsichen Ländern ist die Trennung zwischen Kunst- und Unterhaltungsliteratur ja weitaus weniger streng als bei uns. Möglicherweise hat Deine Freundin also einen geeigneten Hinweis. Die Autorin jedenfalls schrieb Unterhaltungsliteratur und hat zwar nicht gerade Literaturwissenschaft, aber Sprachen studiert.

  6. Sagen wir mal als

    Hinweis 5: die Autorin schrieb vorwiegend Krimis.

  7. ok, dann habe ich hier für dich eine Dame im Angebot auf die viele deiner Hinweise zutrifft, nur mit einen Titel kann ich nicht dienen, den würde ich selbstredend nachreichen: Dorothy L. Sayers – :-(

  8. Hallo und guten Abend, ich tippe auf Agatha Christie oder Mary Westmacott!

    Nicht das Ihr denkt Ihr seid mich los, bin schon immer wieder sporadisch da :-)

  9. :) Ja, guten Abend, Christoph!

    Schön, daß wir Dich nicht los sind – hoffentlich ändert sich das auch nicht, wenn ich auf Deine Vorschläge zunächst mal mit einem glasklaren Nein antworten muß.

  10. Dein Timing ist ja hervorragend, dolcevita!

    Gerade wollte ich der versammelten ES-Gemeinde noch mitteilen, daß es zwischen der Autorin und Indira Gandhi eine Gemeinsamkeit gibt (später hätte ich dann mit der gleichen Gemeinsamkeit auch noch die zwölftwitzigste Frau Englands nachgeschoben), da kommst Du schon mit der Autorin persönlich.
    Darüber läßt es sich doch bestimmt gut einschlafen.
    (Warum ziehst Du eigentlich so ein trauriges Gesicht?)

    Obwohl Du natürlich jetzt auch gern noch den Titel nachliefern darfst – das sollte Dir doch ein Leichtes sein.

    Und ich hab mal wieder viel zu früh viel zu viel erzählt :(

  11. Da mir das Buch nicht vorliegt, muß ich raten: Ich tippe auf “Die Akte Harrison” (The documents in the case) von 1930.

  12. *«:::T:::» «:::U:::» «:::S:::» «:::C:::» «:::H:::»*

    Guten Abend, mamalinde!

    Ausgezeichnet!
    Wie Ihr jetzt den Keks verteilt, weiß ich ja nicht, aber das ist zweifellos die richtige Lösung.

    Na ja, dolcevita, so ein richtig gut abgehangener Erster Satz ist ja auch was Feines … ;)

  13. tztztzt – Mamalinde!!! Das ist jetzt aber ooooobbbbeerrrfffiiiieeees

  14. bin total geschockt!!! Freue mich natürlich sehr, dass du mal wieder hier bist meine liebe Mamalinde! Und natürlich darfst du den Keks ganz alleine verspeisen, wenn du einen Neuvorschlag liefern kannst (hihi)

  15. “Die Akte Harrison” (The documents in the case) von Dorothy L. Sayers ist sicherlich nicht ihr bekanntester Krimi, aber ich finde ihn von der Konstruktion her sehr gelungen.

    Sayers war die Tochter eines anglikanischen Pfarrers und sehr religiös. Sie war außerdem auch eine der ersten Frauen, die ein Examen in Oxford ablegten, und sehr bildungseitel. Das merkt man der Mehrzahl ihrer zum Teil sehr geistreichen Kriminalromane an. Die Pointe von “Die Akte Harrison” besteht darin, daß die Überführung des Täters im Zuge eines naturwissenschaftlich geführten Gottesbeweises
    (jeder Theologe und alle anderen Leute, die was davon verstehen, wird einem sagen, daß es keinen Gottesbeweis gibt, aber egal)
    geschieht, mit dem gleichzeitig dann wieder die Verurteilung des Täters in Gottes Namen gerechtfertigt wird.

  16. ach so, sorry, ganz übersehen. Christoph, du Pechvogel, freue mich ebenfalls über deine regelmäßigen Besuche – tztztz – es hieß doch, dass die Autorin studiert hat und das trifft doch auf Agatha Christie nicht zu :-)
    @Anjelka, da hast du ja wieder einen sehr schönen Tusch kreiert!
    @ Mamalinde, wie bist du auf den Titel gekommen, ich habe über Briefromane aus dem 20. Jahrhundert so gut wie gar nichts finden können. Jane Austen hat wohl einen sehr bekannten namens “Evelina” verfasst, aber ansonsten waren es doch eher die Männer, die Briefromane verfasst haben.

  17. :) Na ja, dolcevita, jetzt hast Du aber wenigstens im Nachhinein Grund für die Trauermiene gehabt – wahrscheinlich leidest Du an Ahnungen.

    Ich jedenfalls hab damit mein Tagwerk vollbracht und kann mich getrost auf die Schlafstatt begeben. Zumal sich die Teilnehmerzahl hier auf den letzten 10 Metern noch um 200 % vergrößert hat. ;)

    Guts Nächtle allerseits!

  18. Ja, vielen Dank für die 200% und schlafe schön! Nein, in erster Linie danke ich dir natürlich für diese interessante Autorin. Sag doch noch schnell in welcher Form dieser naturwissenschaftliche Gottesbeweis den Täter überführt hat und wie die entsprechende Strafe ausfiel? Hat aber auch bis morgen Zeit….
    LG

  19. Aller wohlbegründeten Zweifel zum Trotz, ob es ratsam sei, jene Rasse zu erhalten, die Gottes Einverständnis und der Menschen Mißbilligung erfährt, gebar im Frühjahr … im Alter von … Jahren …, eine Wienerin von großer Kraft und soldatischer Schönheit – hingestreckt unter Pfosten eines Himmelbettes von üppig theatralischem Karmin, hinter Behängen auf denen Habsburgs gegabelte Schwingen prangten, unter Federdecken, deren Atlashülle in reichem indes erblindeten Goldfaden das ….Wappen schmückte -, ihr einziges Kind: einen Sohn; sieben Tage nach der vom Arzt vorausgesagten Stunde.

    Oh, wie ich mich freue. Endlich, endlich kann ich diesen wunderbaren Satz hier loswerden.
    Um eure Rätselfreuden nicht zu schmälern, habe ich das Jahr, das Alter und den Namen gestrichen. Und den Satzanfang geringfügig, aber nicht sinnentstellend, geändert.
    @dolcevita. Ganz einfach: Habe Dorothy L. Sayers und Briefroman bei google eingegeben. Aber Du hast Recht: das gibt allerhöchstens einen halben Keks. Ich revanchiere mich demnächst!

  20. @ dolcevita

    Der Mord, um den es in diesem Buch geht, wird mit Muscarin, dem Gift des Fliegenpilzes, an einem leidenschaftlichen Pilzsammler ausgeführt. Der Täter, Liebhaber der Gattin des Opfers, beschafft sich dafür künstlich hergestelltes Muscarin aus einem Labor und gibt es in eine Fleischbrühe, die das Opfer zur Zubereitung seiner Pilzmahlzeit verwendet. Deshalb wird der Mord zunächst für einen Unfall gehalten, zumal der Täter sich ein Alibi beschafft hat, durch das er nachweislich zur fraglichen Zeit außerstande war, dem Opfer eventuell vergiftete Pilze unter die Mahlzeit zu mischen.

    In einem Gespräch, das eine Gruppe von Naturwissenschaftlern und Theologen über die Möglichkeit eines Schöpfergottes im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Weltbildes führen, erfährt ein Freund des Täters dann von den sogenannten Razematen: künstlich erzeugten Verbindungen, die ihrem molekularen Aufbau nach auch in der Natur vorkommen, dort aber eine andere, asymmetrische kristalline Struktur bilden, wodurch sie optisch aktiv sind (kann man in einem sogenannten Polariskop testen, was dann im Buch auch geschieht).

    Rechtsdrehende Verbindungen werden also nur auf irgendwie “lebendige” Weise erzeugt, und aus dieser Tatsache schließen die maßgeblichen Wissenschaftler bei Sayers, daß im Übergang von anorganischer zu organischer Materie eine ordnende Intelligenz (= Schöpfergott) erkennbar wird. Man kann also zumindest im Rahmen des Buches bzw. im Rahmen des Sayers’schen Weltbildes von einem naturwissenschaftlichen Gottesbeweis sprechen, auch wenn der keineswegs Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit erheben kann.

    Jedenfalls führt dieses Gespräch über die Existenzmöglichkeit Gottes im Rahmen eines modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes dann auch zur direkten Überführung des Täters, weil anhand der Giftspuren nachgewiesen werden kann, daß der Tote ermordet worden sein muß, da ein natürlicher Pilz kein Razemat produziert hätte.

    Die “entsprechende Strafe” für Mord war in Großbritannien bis 1964 die Todesstrafe durch Erhängen.

  21. Danke für deine Ausführungen, liebe Anjelka, werde mal schauen, was ich davon noch einbauen kann….

  22. Ich danke Dir für den gelungenen Bild- und Texteinbau, liebe dolcevita, ich merk ja immer alles erst zu spät, weil ich immer ratzfatz sofort nach unten durchrutsche.

    Ich glaube auch, daß man da gar nichts weiter einbauen müßte, weil das Wesentliche ja bereits oben steht, ohne daß dem geneigten Leser in spe damit zu viel im voraus vom Plot verraten wird. Ich hab das so ausführlich hier unten nur für Dich ganz persönlich geschrieben, weil Du ja fragtest, und weil ich davon ausgehe, daß der geneigte Leser in spe soweit nach unten gar nicht lesen wird. ;-)

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