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Die Box von Günter Grass

8. August 2008 | Von | Kategorie: Bücher, Dies und Das, Lesekreis

Günter GrassMit seinem Waffen-SS-Geständnis Beim Häuten der Zwiebel erregte Günter Grass 2006 die Gemüter. Sein neues Buch Die Box erscheint voraussichtlich am 29. August im Steidl Verlag und ist eine heitere Geschichte. Auch darin finden sich Stücke aus seiner Vergangenheit wieder.

Der Roman wird 216 Seiten (Erstausgabe 260 Seiten) umfassen und den Zeitraum Ende der 50er Jahre bis zum Erscheinen des Romans Ein weites Feld (1995) behandeln.

Die mit 3000 Exemplaren limitierte Erstausgabe wird Günter Grass mit eigenen Lithographien und Zeichnungen gestalten, sie kostet 32 Euro.

In den ersten Kapiteln reihen sich Bilder der Vergangenheit aneinander, in denen unter anderem auch angeknüpft wird an die Novelle Katz und Maus (1961) und den Roman Hundejahre (1963). Beide Werke vollendeten die Danziger Trilogie, die Grass mit seinem Welterfolg Die Blechtrommel (1959) begonnen hatte.

Die Box beginnt wie ein klassisches Märchen: “Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen”.

Die BoxDie Box – Kurzbeschreibung
Eigentlich ist es eine altmodische Kastenkamera, wie man sie früher Jugendlichen zum Geburtstag schenkte. Aber mit der Agfa-Box der alten Marie hat es etwas Besonderes auf sich: Seit sie in Berlin Krieg und Feuerstürme überdauert hat, blickt sie vorwärts und rückwärts. Genauer gesagt: Die mit ihr geknipsten Aufnahmen zeigen Zukünftiges und Vergangenes, zeigen bei einem Stapellauf den tragischen Untergang des Schiffes oder am Wohnzimmertisch eine Männerrunde aus uralten Zeiten. Lara entdeckt auf einem Schnappschuss das Pferd, das sie sich wünscht, Nana sieht sich mit Mutter und Vater, die getrennt leben, vereint auf dem Kettenkarussell durch die Lüfte sausen. “Mariechens Wünsch-dir-was-Box” sagen die Kinder.

Marie ist Fotografin. Sie besitzt eine Leica, auch eine Hasselblad. Aber wenn der Schriftstellerfreund auf Motivsuche für seine Bücher “Knips mal, Mariechen” sagt, arbeitet sie nur mit der Box. So schreiben die Box und der Schriftsteller ihre wahren und ihre Dunkelkammergeschichten. Jahre später sitzen die acht Kinder, die nun erwachsen sind, zusammen und erinnern sich achtstimmig, jedoch widersprüchlich, freundlich, kritisch und manchmal anklagend an den “Alten” und seine “starken” Frauen, ihre Mütter, an ihre von Marie und ihrer “Zauberbox” begleitete Kindheit.

Günter Grass schreibt in diesem Buch, das durch die Optik der Spezial-Kamera eine zweite Erzählebene und eine unerwartete Perspektive gewinnt, seine Autobiographie fort. Zugleich hat er damit der Fotografin und Freundin Maria Rama, die ihn und seine Familie ab Mitte der fünfziger Jahre bis zu ihrem Tod 1997 begleitete, ein heiteres Denkmal gesetzt.

Gebundene Ausgabe: 216 Seiten, Verlag: Steidl; Auflage: 1 (29. August 2008), 18 Euro

In der FAZ erschien in der Online-Ausgabe vom 24.08. eine Rezension von Volker Weidemann zu dem Buch unter dem Titel: Noch mehr Kinder, irgendwo. Sein Fazit lautet:

Es ist eine traurige Geschichte, mit einer Art Harmonie und vielen Lügen und Geheimnissen am Ende, Verletzungen, eine Geschichte, die nur wenig hilft. Aber es hilft ja alles nichts: „Jetzt hofft der unzulängliche Vater, daß die Kinder ein Einsehen haben. Denn weder können sie sein Leben, noch er ihres wegstreichen, wie ungelebt einfach wegstreichen . . .“

Niemand kann das. Auch kein Vater Grass. Er kann es nur zu einer Geschichte runden. So rund wie lange keine mehr.

Eckhard Fuhr verfasste für Welt-Online ebenfalls am 24.08. eine Rezension. Die Überschrift lautet: Was Günter Grass seinen Kindern zumutet und kommt zu dem Fazit:

Beim Lesen ist Gewöhnungszeit notwendig. Man muss mit dem Werk und der Familiengeschichte von Günter Grass halbwegs vertraut sein, wenn die Lektüre ertragreich werden soll. Es dauert eine Weile, bis man sich an das Durcheinanderplappern der Stimmen, die Satzfetzen, das Familienidiom gewöhnt hat. Um den Eindruck von Authentizität zu erzeugen, verordnet Grass den Kindern, die ja alle erwachsen und teils selbst schon Eltern sind, sprachliche Regression. Die Fragwürdigkeit dieses Verfahrens erkennend, gibt er es zu Beginn als von der Wirklichkeit vorgegeben aus: „Obgleich erwachsen und von Beruf und Familie gefordert, reden Töchter und Söhne so, als wollten sie wortwörtlich rückfällig werden… als höre Kindheit nie auf“.
Das glaubt der Rezensent nicht. Der Dichtervater hat die Dichterkinder noch einmal in die Kindheit zurück gestoßen. Er hat ihnen die eigene Vergangenheits-Obsession, die der Glutkern seiner Literatur ist, zugemutet. Er hat sie benutzt. Sie fügen sich und gehen in die Falle. Erst am Schluss, als der Vater sich verflüchtigen will, werfen sie die Kinder-Maskerade ab. Aber da ist das Buch zu Ende. Und es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

Quellen: Steidl Verlag, Wikipedia

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