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grauenhaft und real: Tiger, Tiger von Margaux Fragoso

10. März 2011 | Von | Kategorie: Bücher, Lesekreis, Leseproben, Neuerscheinungen

Am 07.03.2011 erschien Margaux Fragosos autobiografischer Roman “Tiger, Tiger” zeitgleich in 22 Ländern. Schon im Vorfeld wurde heftig darüber diskutiert, denn die Meinungen über das Buch gehen weit auseinander. Laut Spiegel Online ist es ein “grauenhaftes Buch, aber auf keinen Fall ein schlechtes.”

Grauenhaft ist die Geschichte, die Fragoso erzählt – weil es ihre eigene ist. Die Autorin ist heute Anfang 30, Mutter einer Tochter, und “Tiger, Tiger” ist die Geschichte ihrer gestohlenen Kindheit. Es geht um Missbrauch und nicht um Tiger. Im Alter von 7 Jahren lernt Margaux Fragoso den 51-jährigen Pädophilen Peter Curran kennen. 15 Jahre später bringt er sich um, davor war er Freund, Ersatzvater und Geliebter von Margaux. Viele haben das gewusst, doch niemand hat eingegriffen.

“Tiger, Tiger” ist kein Buch, das man gern liest. Man hat Fragoso schon die naive Erzählhaltung vorgeworfen, denn abgesehen von Vor- und Nachwort bewertet sie die Erlebnisse nicht, sondern beschreibt sie wie eine große Rebellions- und Liebesgeschichte. Diese Distanzlosigkeit ist eine Stärke des Buches: Die Autorin schlüpft zurück in die Perspektive des kleinen Mädchens. Für Fragoso mag das ein therapeutischer Akt gewesen sein, für den Leser ist es kaum auszuhalten.”

Kurzbeschreibung
An einem Sommertag in einem öffentlichen Freibad trifft Margaux Fragoso auf Peter Curran, der mit seinen Stiefsöhnen dort ist, und fragt, ob er mit ihr spielen will. Sie ist sieben, er 51. Als sie einige Zeit später mit ihrer Mutter in sein ungewöhnliches Haus eingeladen wird, findet das Mädchen dort ein zauberhaftes Kinderparadies vor, voller seltsamer Haustiere, Bücher, Musik und magischer Spielzeuge. Margaux Mutter ist liebevoll, aber vom Alltag überfordert und psychisch krank. Immer mehr überlässt sie Peter in fataler Verkennung dessen, was vor ihren Augen geschieht, ihre Tochter. Bald will Margaux ihre gesamte Zeit bei Peter verbringen, der eine ganze Welt für sie erschafft – ganz so wie Lewis Carroll es für Alice getan hat.
Ihre Beziehung entwickelt sich schnell vom Unschuldigen zum Illegalen. Mit der Zeit erschleicht sich Peter die Rolle von Margaux Spielkameraden, wird zu ihrem Vater, dann zum Liebhaber und Eroberer. Charmant und abstoßend, warmherzig und gewalttätig, liebevoll und manipulativ dringt Peter in jeden Bereich von Margaux Leben ein und verwandelt sie von einem vor Phantasie und Gefühl sprühenden Mädchen in eine jung-alte Frau am Rande des Suizids. Die Umwelt wird auf das ungleiche Paar aufmerksam, doch alle Erkundungen von außerhalb verlaufen im Sand. Als sie 22 ist, ist es Peter, der sich, gequält von der Angst, sie zu verlieren, mit 66 Jahren das Leben nimmt.

Über die Autorin
Margaux Fragoso hat unerschrocken ihre eigene Geschichte aufgeschrieben: Lolitas Geschichte, erzählt aus der Perspektive des Mädchens. In poetischer Sprache und mit bestrickender Klarheit hat Margaux Fragoso die dunkelsten Phasen ihres eigenen Lebens niedergeschrieben, und hilft uns damit zu verstehen, wie Pädophile vorgehen, ganz öffentlich und doch geheim, um Kindern ihre Kindheit zu stehlen. Entstanden ist ein außergewöhnlicher autobiographischer Roman, der einen nie da gewesenen Einblick in ein unbegreifliches Geschehen gibt, und mehr als nur das: ein Roman, der die heilende Kraft beschwört, die das Erinnern und das Aussprechen der Wahrheit haben kann. Margaux Fragoso hat kürzlich ihren PhD in English und Creative Writing an der Binghamton University abgeschlossen, wo sie gemeinsam mit dem Romanautor John Vernon studiert hat. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten und Gedichte in amerikanischen Literaturmagazinen, darunter The Literary Review, Barrow Street, Pennsylvania English, Margie, Other Voices und Paddlefish. “Tiger, Tiger” ist ihre erste Buchveröffentlichung. Margaux Fragoso – heute selbst Mutter – will mit ihrem autobiographischen Roman Eltern und Kinder für das Thema Pädophilie sensibilisieren. Sie versteht ihren Text als Beitrag, um zu verhindern, dass noch mehr Kinder in den Bann eines Menschen wie Peter geraten und dass sich das, was sie selbst über den Zeitraum von 15 Jahren durchlebt hat, wiederholt.

PROLOG

Ich begann, dieses Buch im Sommer nach dem Tod von Peter Curran zu schreiben, den ich mit sieben Jahren kennenlernte und mit dem ich fünfzehn Jahre eine Beziehung hatte, bis er im Alter von sechsundsechzig Selbstmord beging.

In der Hoffnung, dem, was geschehen ist, einen Sinn zu geben, habe ich die Geschichte meines Lebens aufgezeichnet. Selbst wenn ich nicht an ihr arbeitete, wenn sie nur in einem Fach meines Wandschranks lag, überfiel mich täglich um Punkt zwei Uhr nachmittags die Verzweiflung und erinnerte mich an das Geschehene, denn das war die Zeit, wenn Peter mich zu unserer täglichen Spazierfahrt abholte. Dieselbe Verzweiflung quält mich noch heute um fünf Uhr nachmittags, dann, wenn ich ihm immer, den Kopf an seiner Brust, etwas vorlas. Um sieben Uhr abends, wenn er mich in den Arm nahm, und schließlich um neun Uhr, wenn wir zu unserer abendlichen Rundfahrt aufbrachen: zuerst auf dem Boulevard East in Weehawken, dann zur River Road und anschließend hinunter zum Imbiss Royal Cliffs, wo ich einen Becher Kaffee mit viel Sahne und exakt sieben Stück Zucker und einen Brotpudding mit Rosinen und Schlagsahne kaufte oder, wenn Peter etwas anderes wollte, einen Reisauflauf. Wenn ich wieder im Wagen war (dem Granada, dem Cimarron, dem Escort oder dem schwarzen Mazda), wendete er, und wir fuhren über die River Road und den Boulevard East zurück, vorbei an den teuren Häusern im viktorianischen oder neogotischen Stil, blickten über den Hudson River hinüber zu den Lichtern der Wolkenkratzer, die wie tausend Spiegel funkelten, und manchmal hielten wir an und beobachteten ein Gewitter.

In einem seiner Abschiedsbriefe schlug Peter mir vor, ich solle meine Erinnerungen an unser gemeinsames Leben niederschreiben – eine völlig abwegige Idee. Denn unser Leben, unsere gemeinsame Welt hatten ja nur durch Heimlichkeiten bestehen können; hätte man uns unsere Lügen und unsere Geheimsprache, unsere Blicke, Symbole und Verstecke genommen, hätte man uns alles genommen. Und wäre mir das im Alter von zwanzig oder fünfzehn oder zwölf passiert, ich hätte mich vielleicht umgebracht, und niemand mehr hätte von dieser kleinen Insel erfahren können, die aus Lügen und geheimer Sprache, aus versteckten Blicken, Symbolen und Lieblingsorten bestand. Wenn man all diese Geheimnisse zusammen nahm, hätte man den Universalschlüssel gehabt, doch fragen Sie einen Schlosser, ob es den Universalschlüssel gibt, der jedes Schloss der Welt öffnen kann, er wird es verneinen. Allerdings ist es durchaus möglich, einen Schlüssel herzustellen, der in einem bestimmten Gebäude sämtliche Türen öffnet. Die Schlösser sind dann so konstruiert, dass der sogenannte Generalschlüssel in alle passt; einen Schlüssel für jedes schon existierende Schloss zu entwerfen ist hingegen nicht möglich. Peter wusste das, weil er einmal einen Generalschlüssel für ein Krankenhaus angefertigt hatte; er hatte sich das selbst beigebracht, hatte erst abends das Handwerk in Bibliotheken studiert und dann, nachdem er sich in eine Anstellung geblufft hatte, entsprechende Erfahrungen in der Praxis gesammelt.

Stellen Sie sich ein ungefähr siebenjähriges Mädchen vor, das die roten Kugeln aus dem Kaugummiautomaten mag, aber die blauen und grünen nicht anrührt, ein Kind, dessen Turnschuhe keine Schnürsenkel, sondern Klettverschlüsse haben, ein Kind, dessen Beine sich um das metallene Pferdchen im Einkaufszentrum Pathmark klammern, nachdem ein Vierteldollar eingeworfen wurde. Ein Mädchen, das Angst hat vor den Jokern im Kartenspiel und deshalb verlangt, dass sie vor dem Spielen herausgenommen werden, das seinen Vater fürchtet und keine Puzzles mag (zu langweilig!), ein Kind, das Hunde, Kaninchen, Leguane und Wassereis liebt, das gerne hinten auf dem Motorrad mitfährt, denn welches siebenjährige Kind darf das schon? Ein Mädchen, das nie nach Hause gehen will, weil Peters Haus wie ein Zoo ist, und vor allem, weil es lustig ist bei Peter, weil Peter genauso ist wie sie, nur größer, und Dinge kann, die sie nicht beherrscht.

Vielleicht war ihm bekannt, dass sich die Zellen des menschlichen Körpers alle sieben Jahre erneuern und in jedem Zyklus aus den bisherigen Atomen einen neuen Menschen hervorbringen. Man könnte sagen, dass dieser Mann, also Peter, im Verlauf der nächsten sieben Jahre die sprießenden Zellen dieses Kindes neu programmierte. Aufmerksam prägte er sich ein, wie man dem Mädchen Freude bereiten konnte, folgte der deutlichen Spur seiner stillen Wünsche: Vanilleeis mit Orangenüberzug, wie ein Junge ohne Oberteil herumlaufen, sich von einer niedlichen rosa Hundezunge durchs Gesicht lecken lassen und einem Kaninchen zusehen, das frisches Grün mümmelt. Später lernte Peter gewissenhaft die Texte von Madonna auswendig und wusste die Titel von zwanzig Nirvana-Liedern.

Fortsetzung der Leseprobe bei der Frankfurter Verlags-Anstalt.

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