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Kurzgeschichte vom Fliegen: Der Germanische Flügel von Jane White

29. März 2011 | Von | Kategorie: Dies und Das

Der Germanische Flügel von Jane White

Dr. Jane White lag in einer Hängematte am Strand und gönnte sich einen Cocktail. Entspannt ließ sie ihren Blick über die Privatinsel ihrer Geheimorganisation schweifen. Der Vibrationsalarm ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Es war eine SMS von Sweetlife, der Anführerin des Geheimbundes.
Hallo Doc. Komm bitte in mein Büro.
Schnell trank sie aus, schlüpfte in ihre Flip Flops und schlappte los. Sweetlifes Büro befand sich in einer der vielen kleinen Höhlen unter dem Felsen im Herzen der Insel. Kurz vor dem Eingang ertönte schon Sweetlifes rauchige Stimme durch die offen stehende Tür.
„Komm rein, Doc.“
Sie betrat das gemütliche Büro. Das Oberhaupt der Sixpack-Schwestern saß hinter ihrem monströsen Schreibtisch. Sie machte eine einladende Handbewegung, die Doc bedeutete, sich ihr gegenüber auf den Besuchersessel zu setzen. In dem Kamin prasselte ein gemütliches Feuer. Gedankenverloren starrte sie in die Flammen. „Na, Jane, schon wieder eingelebt zuhause?“
„Hm, ehrlich gesagt, vermisse ich die Schwestern und viel los ist hier ja gerade auch nicht“, antwortete Doc ein wenig gelangweilt. Warum wollte ihre Chefin sie hier sprechen? Zum Smalltalk hätten sie sich auch am Strand treffen können.
„Wunderbar, dann ich komme mal direkt zur Sache, denn ich muss in zwei Stunden zu einer wichtigen Konferenz nach München fliegen. Vorher wollte ich dich um etwas bitten. Es handelt sich um einen Spezialauftrag, und ich wäre wirklich froh, wenn du den für mich erledigen könntest.“ Das weckte Janes Aufmerksamkeit schlagartig.
„Schieß´ los, worum geht’ s?“
„Also gut. Obwohl du dir nach dem letzten schwierigen Einsatz eigentlich eine Erholung verdient hättest, möchte ich, dass du für mich nach Irland fliegst um etwas abzuholen – etwas sehr Wichtiges. Es erfordert absolute Diskretion.“ Verschwörerisch blickte die Chefin sie an.
„Es wäre auf jeden Fall hilfreich, wenn du mir sagen könntest, um was es sich handelt und wo genau ich es abholen soll?“, fragte Jane plötzlich hellwach.
„Gut, genauso habe ich mir deine Reaktion vorgestellt.“ Lächelnd schob Sweetlife Jane eine Akte über den Schreibtisch.
„Das Artefakt, um das es sich handelt, nennt sich „Germanischer Flügel“ und befindet sich in Newgrange, einer keltischen Grabstätte in der Nähe von Dublin. Alles, was du wissen musst und brauchst, findest du in der Akte. Du kannst den Learjet nehmen, denn ich werde mit meinem neuen Helikopter aufs Festland fliegen. Also, kann ich mich auf dich verlassen?“ Doc blätterte schon interessiert in der Mappe.
„Ja, klar natürlich.“
„Super, dann los! Ich will dich zwar nicht rausschmeißen, aber du solltest packen und dich direkt auf den Weg machen. Das kannst du dir auch im Flieger in Ruhe anschauen. Viel Glück.“
Doc klemmte sich die Akte unter den Arm und stand auf.
„Gute Reise in deinem neuen Heli, Sweetlife.“
„Danke, dir auch. Sei vorsichtig… und wir bleiben in Kontakt.“ Jane wollte gerade das Büro verlassen, als Sweetlife sie nochmal zu sich rief.
„Ach, warte… eines noch… der Dämon, also dieser sprechende Hamster, den du bei deinem letzten Einsatz gefunden hast, es wäre mir lieb, wenn du ihn für diese Mission woanders unterbringen könntest. Ich möchte nicht, dass er Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich hab da auch was Passendes gefunden und ihn dort schon angemeldet. Der Transport ist von einer vertrauenswürdigen Firma organisiert. Er wird dann in 15 Minuten abgeholt.“ Sie reichte Jane eine Broschüre und schob sie zur Tür raus, die hinter ihr mit einem laut vernehmlichen Klicken einrastete. Was sollte das denn jetzt? So schlimm war Ef-Ef doch auch nicht, aber gut, wenn er davon nichts wissen sollte, konnte sie ihn wohl schlecht mitnehmen.

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Typisch Sweetlife, alles bis ins kleinste Detail durchorganisiert. Sie blickte auf die Broschüre in ihrer Hand:
Fetty-Dort-Klinik „Die Pension für das exzentrische Haustier“. Sie machen Urlaub und wir kümmern uns um ihren Liebling. Sportcamp, Diätklinik, Therapien aller Art.
Na, das klang ja wirklich nach dem perfekten Ort für einen übellaunigen, sprechenden Hamster. Sie holte Ef-Ef in der Hängematte ab und ging mit ihm die paar Schritte zu ihrer Hütte.
„Wieso gehön wir schon rein? Isch wollte noch die Sonnenuntergang sehön und dabei an mon Angel denken.“ Sie ignorierte ihn einfach, legte die Akte und den Flyer aufs Bett und setzte ihn obendrauf. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Bett hervor. Es war Herbst, also würde sie für Irland etwas Wärmeres einpacken müssen als für eine Kreuzfahrt. Sie zog die Schubladen ihrer Kommode auf und wühlte darin herum bis sie fündig wurde. Schnell steckte sie alles in die Tasche.
„Wieso packst du? Verreisen wir? Zu Angie?“ Hoffnungsvoll blickte Ef-Ef sie an.
„Hm, nein nicht so direkt. Also, wir verreisen beide, das ist richtig. Allerdings getrennt. Ich habe einen Auftrag von Sweetlife, über den ich dich nicht in Kenntnis setzen darf und du wirst gleich abgeholt und machst Ferien auf dem Bauernhof.“ Skeptisch kniff der Hamster die Augen zusammen.
„Bauernhof? Mon dieu, wieso nicht Schottland? Und wo und wie..“ Er brach ab, als draußen ein lautes Rumpeln ertönte. Kurz darauf klopfte es an der Türe. Jane öffnete und stand einem rotäugigen Dämon gegenüber. Seine Haut schimmerte blau und um seinen Kopf wanden sich zwei geschwungene Hörner. Er trug einen neongelben Overall. Ehrerbietend verbeugte er sich tief vor Doc.
„Guten Tag. Mein Name ist Fredex von Piff und Paff, wir sind ein Materialisierungs-Transportunternehmen. Ich habe den Auftrag, Monsieur Ford Fleur in die Fetty-Dort Klinik zu transportieren.“
„Merde! Das ist einfach unglaublisch. Das Allerletze!“, motzte es vom Bett. Doc holte Ef-Ef und gab ihm ein Küsschen auf die Nase.
„Sorry, Kleiner, schreib mir mal ne Karte und genieß deinen Aufenthalt dort.“ Sie überreichte ihn an Fredex. Bevor der kleine Dämon noch irgendwas sagen konnte, lösten sich die beiden Gestalten mit einem lauten Ploppen in eine Rauchwolke auf.
Sie schloss die Tür, packte ihre Tasche fertig und machte sich auf den Weg zur Rollbahn. Am Jet begrüßte sie ihren Piloten. Sein Name war Ikarus. Er war ein freundlicher junger Gestaltwandler mit blonden Haaren und Grübchen. Jane stieg ein, bewunderte einen kurzen Moment die luxuriöse Einrichtung bevor sie auf einem der gemütlichen großzügigen Ledersitzen Platz nahm.
Als die Maschine die vorgesehene Flughöhe erreicht hatte und das Anschnallzeichen erloschen war, meldete sich Ikarus über den Lautsprecher.
„Verehrte Passagierin, willkommen an Bord der Ikarus-Airline. Ich hoffe, Sie genießen Ihren Flug. Der Wetterdienst meldet keine besonderen Vorkommnisse, und wenn kein Schwarm Flugenten in die Triebwerke gerät, werden wir voraussichtlich in 4 Stunden in Dublin landen. Over.“
Ein humorvoller Pilot – wunderbar. Hoffentlich nahm er seinen Job ernster, denn Jane flog überhaupt nicht gern. Ein Absturz könnte selbst ihrem unsterblichen Leben zum Verhängnis werden. Sie stand auf und holte die geheimnisvolle Akte aus ihrer Tasche im Gepäckfach. Danach goss sie sich einen Tomatensaft aus der Minibar ein und machte es sich in ihrem Sitz bequem.
„So, dann wollen wir mal schauen, was die gute Sweetlife von mir will“, murmelte sie. Auf der ersten Seite der Akte klebte eine schwarze Kreditkarte von Euro-Express ohne Limit. Auf der nächsten Seite waren die Adressen von drei Hotels, die ihre Chefin ihr empfahl, aufgelistet. Ein Auto würde auch schon bereitstehen, den Schlüssel sollte sie an einem Schalter der Flughafenverwaltung abholen. Danach stieß sie endlich auf das, was sie am meisten interessierte – eine Skizze des „Germanischen Flügel“. Das Artefakt war Bestandteil einer Götterstatue von unermesslichem Wert. Es befand sich in einem kleinen Kästchen in der Größe von 10 x 15 cm. Auf der Zeichnung war nicht genau zu erkennen, aus welchem Material es bestand, aber es war reich verziert und mit Steinen, vermutlich Edelsteinen, besetzt. Ein kleines Vorhängeschloss war auf der Vorderseite zu sehen. Im Anschluss fand sie einen Bericht, den Sweetlife mit einigen persönlichen Anmerkungen versehen hatte. Dieses Kästchen darf unter keinen Umständen geöffnet werden! – war dreimal rot unterstrichen.

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Okay, notiert, dachte Jane, nahm einen Schluck aus ihrem Glas und verzog das Gesicht als der Tomatensaft brennend ihre Kehle hinabrann. Typisch, sie hatte schon wieder vergessen, den Pfeffer zu verrühren. Um den Pfeffergeschmack aus ihrem Hals zu vertreiben, nahm sie einen winzigen Schluck Wodka, den sie ebenfalls in der gut bestückten Minibar unter ihrem Tisch fand. Dann vertiefte sie sich wieder in die Akte. Den Unterlagen entnahm sie, dass der Germanische Flügel Teil einer Statue, die ursprünglich in einem Kloster in der Burg Hukvaldy in Tschechien aufbewahrt wurde, war. Einer Legende nach hatte Hermes selbst sie dorthin gebracht. Nachfahren der Götter hatten als Mönche getarnt den Orden Passmaauf gegründet und das Artefakt jahrhundertelang bewacht. Bei einem Großbrand im Jahr 1651 waren alle Mitglieder des Ordens umgekommen. Die Ursache des Brandes wurde niemals geklärt. Danach sollte die Statue in Einzelteile zerlegt und auf alle Kontinente verteilt werden. Der Germanische Flügel erhielt seinen Namen, weil er ursprünglich in Dortmund unter der hölzernen Skulptur des Reinoldus aufbewahrt werden sollte. Doch dort kam er nie an. Fast 350 Jahre lang war er wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt gab es eine erste Spur in Irland. Weiter hinten war eine Luftaufnahme von einem grünen Hügel, der mit weißen Steinen umrandet war, eingefügt. Die Landschaft hatte sie schon beim Durchblättern im Büro wiedererkannt. Es war das legendäre Hügelgrab in Newgrange. Als Tochter eines Druiden mit keltischer Abstammung, hatte sie natürlich schon davon gehört. Sie war zwar noch nie dort gewesen, wusste aber, dass es mit seinen 70 Metern Durchmesser eines der größten bekannten Hügelgräber war. Wie üblich war es mit mehreren Gängen und Kammern versehen. Aber sie hatte schon die vage Vermutung, dass sich dieser kleine Schatz nicht in der Hauptkammer befinden würde, da Newgrange tagsüber Touristen für Besichtigungen offen stand. Das war genial – so konnte sie eine Tour buchen und sich den Ort ganz unverbindlich ansehen. Das war alles. Warum und wie dieses Artefakt in Irland gelandet war, und woher ihre Chefin das alles wusste, ging aus den Unterlagen nicht hervor. Das war auch wieder typisch Sweetlife, nur nicht zu viel preisgeben. Aber gut, sie vertraute ihr, und sie würde das Ding finden, nicht öffnen und schleunigst nach NSI befördern. Dann wäre immer noch genug Zeit zu erfahren, was genau es damit auf sich hatte. Sie klappte die Akte zu und tauschte sie gegen ihren Laptop aus. Sie rief die Internetseiten der vorgeschlagenen Hotels auf und reservierte sich eine Suite im Clontarf Castle. Es lag nah an der irischen See und von dort konnte sie die Stadt sowie auch Newgrange schnell mit dem Auto erreichen. Als auch das erledigt war, stellte sie den Sitz in die Schlafposition um ein Nickerchen zu machen. Schließlich döste sie ein und träumte wieder einmal von Bowen – bis sie jäh aus dem Schlaf gerissen wurde.
„Mayday, Mayday! Houston wir haben ein Problem. Dr. White bitte kommen Sie sofort ins Cockpit. Mayday! Mayday!“
Sie schreckte hoch, stieß dabei ihr Glas aus der Halterung in der Lehne und stürmte nach vorne ins Cockpit.
„Ikarus. Was ist los? Oh Gott, wir stürzen doch nicht ab, oder?“
Der Pilot schaute sie nur grinsend an.
„Nein, nein. Ich hab nur furchtbaren Durst und Hunger. Mir blieb quasi keine andere Wahl.
Würdest du mir die Stewardess machen und mir etwas zum Essen bringen?“
Unglaublich! Wütend starrte Doc den Piloten an.
„Also, wenn du nicht die wichtigste Person neben mir hier an Bord wärst, würde ich dir dafür glatt den Hals umdrehen. Hat das Ding keinen Autopiloten, der für dich kurz übernehmen kann?“
„Doch schon, aber normalerweise hat man auch einen Co-Piloten, ich kann das hier vorne“, und dabei tätschelte er liebevoll das Steuerrad, „unmöglich unbeaufsichtigt lassen. Jetzt komm schon… bitte bring mir etwas zu essen, und dann befördere ich dich von der Stewardess zur Co-Pilotin.“ Sie blickte in sein jungenhaftes Gesicht. Wäre der Kerl nicht noch grün hinter den Ohren, hätte sie sich das mit dem Hals nochmal glatt überlegt. Wortlos verschwand sie nach hinten und kehrte mit einem Müsliriegel und einer Flasche Saft ins Cockpit zurück.
„Hier. Bitte sehr. Hühnchen war aus.“ Sie reichte ihm die Sachen und setzte sich neben ihn in den Sessel. Zeit für eine klitzekleine Retourkutsche.
„Was sind das hier für komische Hebel?“ Sie schaute ihn mit einem naiven Klein-Mädchen-Blick an und tat so, als wollte sie daran ziehen. Da schlug Ikarus ihr plötzlich auf die Hand. Mit Panik in der Stimme kreischte er sie an.

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„Fass´ den bloß nicht an. Das ist der Hebel für den Schleudersitz.“
Das wusste sie natürlich, denn im Ernstfall hätte sie den Jet auch fliegen können. Alle Schwestern hatten eine Grundeinweisung in ihrer Ausbildung erhalten. Sie grinste amüsiert.
„Wenn ich mich recht erinnere, ist der für den Sitz des Piloten, oder?“
„Okay, es tut mir leid, dass ich mir eben nicht selbst was geholt habe. Wir landen in zwei Stunden, schau dir doch solange einen Film an.“
Sie hatte sowieso nicht vorgehabt bei ihm vorne sitzen zu bleiben. Lachend klopfte sie ihm auf die Schulter und verließ wieder das Cockpit. Bis zur Landung schlief sie noch ein wenig in ihrem gemütlichen Sitz und der Flug verging ohne weitere Vorfälle. Als der Jet etwas holpernd aufsetzt hatte, verlor sie keine Zeit, tauschte mit Ikarus nur kurz die Handynummern aus und zog los. Er würde sich ständig in der Nähe des Flughafens aufhalten und sich bereit halten, damit sie jederzeit zurückfliegen konnte. Durch die Zeitverschiebung war es bei ihrer Landung immer noch Abend. Die Sonne ging gerade unter. Sie marschierte über das Rollfeld zur großen Flughafenhalle. Dann steuerte sie den Stand der Flughafenverwaltung an.

Unsere Kommentatorin Jane hat sich mit dieser Kurzgeschichte beim Germanwings Story Award und bei Readbox beteiligt. Wer für die Geschichte voten möchte, findet sie hier in der Readbox. ;-)

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