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Internationaler Literaturpreis 2011 geht an Michail Schischkin für “Venushaar”

10. Juli 2011 | Von | Kategorie: Bücher, Literaturpreise u. Auszeichnungen

Seit 2009 wird der Internationale Literaturpreis für internationale Erzählliteratur in deutscher Erstübersetzung durch das Haus der Kulturen der Welt und die Stiftung Elementarteilchen ausgeschrieben. In diesem Jahr geht die Literaturauszeichnung an Michail Schischkin und seinen Übersetzer Andreas Tretner. Für “Venushaar” (Originaltitel Venerin Volos), 2011 erschienen bei der DVA, erhält der Autor 25.000 Euro. Weitere 10.000 Euro gehen an Andreas Tretner für die deutsche Erstübersetzung des Romans aus dem Russischen.

Jurybegründung für den Preisträger / Autor

“Mit Venushaar ist Michail Schischkin ein Roman von stupender Komplexität und betörender Vielfalt gelungen. Als Lotse und zentrale Gestalt figuriert der “Dolmetsch“, ein Alter ego des Autors, der für die schweizerische Einwanderungsbehörde arbeitet. Die Geschichten von Gewalt und Vertreibung, die er aus dem Mund tschetschenischer und anderer Gesuchsteller zu hören bekommt, vermischen sich mit eigenen Erinnerungen an die Moskauer Kindheit und mit der Lektüre von Xenophons Kriegsbericht “Anabasis“.

In kühner Schnitttechnik werden diesem Erzählstrang zwei weitere hinzugefügt: die autobiographische Reminiszenz des “Dolmetsch” an seine Liebe zu “Isolde” und die schmerzliche Trennung von ihr sowie das (fiktive) Tagebuch der russischen Sängerin Isabella Jurjewa, das aus persönlicher Sicht ein Jahrhundert russischer Historie mit Revolution, Bürgerkrieg, Stalinzeit wiedergibt.

Die Aufzeichnungen – sie hätten dem “Dolmetsch” als Material für eine Biographie dienen sollen – zeichnen sich durch Spontaneität und den Gebrauch der Ich-Form aus, was den Stimmenchor des Romans erweitert und auffrischt. Zu dieser Vielstimmigkeit gehören auch zahlreiche Anspielungen und (verdeckte) Zitate, was sich in verschiedenen Redeweisen, Sprachgesten und Stilvarianten niederschlägt.

Venushaar” ist ein Roman über private, gesellschaftliche und politische Verwerfungen, er thematisiert Krieg, Flucht, Exil, er feiert aber auch den Zauber der Liebe und der Erinnerung und steht für die Kraft des Wortes, wie schon das Motto suggeriert: “Denn durch das Wort ward die Welt erschaffen, und durch das Wort werden wir einst auferstehen.

Schischkin zeigt sich als Sprachkünstler ersten Ranges: nicht nur hat er eine einzigartige Romanform entwickelt, er spielt mit wechselnden Perspektiven und Einstellungen, mit unterschiedlichsten verbalen Registern und Stillagen, er beherrscht poetische, satirische, elegische und sarkastische Tonarten und brilliert mit überraschenden Details. Man liest eine Chronik der Gewalt und eine Liebesgeschichte, ein Künstlertagebuch und ein Verhörprotokoll und bewegt sich zugleich in einem intertextuellen Gewebe, das diesen Roman – über seine herausragende Qualität hinaus – weltliterarisch verortet.

Jurybegründung für den Preisträger / Übersetzer

Michail Schischkins Roman “Venushaar” zeichnet sich durch thematische Komplexität und eine grosse Vielfalt von Redeweisen, Sprachgesten und Stilvarianten aus. Zur Sprache kommen tschetschenische Flüchtlinge (als Gesuchsteller bei der schweizerischen Einwanderungsbehörde) und deren Vernehmer, der in assoziativen Erinnerungen sich ergehende “Dolmetsch” und die 1899 geborene russische Sängerin Isabella Jurjewa, in deren (fiktiven) Tagebuchaufzeichnungen Epochenschilderungen kontrastreich mit palindromischen Wortspielereien abwechseln.Zu diesem Stimmenchor gesellen sich zahlreiche Anspielungen und (verdeckte) Zitate, die ein komplexes intertextuelles Gewebe bilden.

Andreas Tretner ist es auf virtuose Weise gelungen, die Bezüglichkeiten aufzudecken und die unterschiedlichen Sprachregister und –masken abzubilden. Bibel- und Verhörton, elegische Liebesreminiszenz und Jargon der Gewalt, poetische Introspektion und Xenophonsche Archaik finden eine plastische Wiedergabe. Als besonders anspruchsvoll erwiesen sich die brüsken Stil- und Rhythmuswechsel, die oft einen einzigen Satz polyphon erklingen lassen. Mit wachem Ohr hat Andreas Tretner jede Sprachbewegung subtil nachvollzogen und damit die enorme Detailarbeit, die in diesem allseits überraschenden Roman steckt, optimal zur Geltung gebracht.

Eine meisterliche Übersetzung eines Meisterwerks.

Quelle: Haus der Kulturen der Welt

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