Gedicht von Martin Walser – Friedensfeier, aber bald

Durch nichts zu ersetzen ist die Bestimmtheit,
wenn sie fehlt. Du kannst fast nichts lernen.
Du bist ein Aufbruch, dem nicht gesagt wird,
wohin. Wenn alle Autos plötzlich führen,
als führen sie zum selben Ziel. Kindische Wünsche.
Endlich mit den Armen nur noch umarmen, auch
die Fallensteller, die Untersteller. Den Mund
zu nichts mehr brauchen als zum Küssen. Die Hände
zum Streicheln. Zu Fäusten haben sie nicht getaugt. Wenn
ich nur nicht vorsichtig werde. Ich spür ja, wie mir
die Hölderlin-Mut fehlt. Viel zu wenig frech bin ich.
Dass ich nichts mehr wissen will von den Quartieren, in denen
das Rechthaben blüht, ist schon fast ein Verbrechen. Umarmen,
streicheln, küssen, aber alle. Alle Fallensteller, Untersteller,
Verdächtiger. Mir ist zum Umarmen keiner zu schrecklich.
Zum Unterscheiden bin ich nicht blind genug. Wie jeder werd ich
durch Zustimmung schön. Zur Friedensfeier komm ich, sagt mir, wohin.
Der himmlischen, still widerklingenden, Der ruhig wandelnden Töne voll,
sei, was ist. Ich, das Echo der Freundlichkeit. Zu hoffen ist nichts,
zu lieben viel. Überall willkommen ist niemand. Robinson wär
ein Patron. Ich habe mich so vergangen und will
gefunden werden, wo ich am liebsten wär.

Quelle: Süddeutsche Zeitung am 05. Februar 2008

„Ein liebender Mann“ von Martin Walser wird als Vorabdruck in der FAZ veröffentlicht

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung lehnte vor 6 Jahren den Vorabdruck von Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ ab. Sie hielt das Buch zwar nicht für literarisch missglückt, seinen Autor Martin Walser und das Buch allerdings für antisemitisch. Der Vorwurf, den FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher 2002 in einem offenen Brief an Walser erhob, lautete:

Der Schriftsteller Walser spiele mit antisemitischen Klischees und hole symbolisch jenen Mord nach, dem der Jude Marcel Reich-Ranicki im realen Leben wider alle Wahrscheinlichkeit entkommen sei.

Martin WalserNun wird Martin Walsers neuer Roman „Ein liebender Mann“ überraschend nach der Kontroverse ausgerechnet in der FAZ vorabgedruckt.

„Ein liebender Mann“ kommt am 7. März in die Buchhandlungen. Darin schildert der 80-jährige Schriftsteller die Liebe des alternden Goethe zu der 19-jährigen Ulrike von Levetzow.

Der FAZ-Vorabdruck soll voraussichtlich in der zweiten Februarhälfte beginnen. Ein genaues Datum stand zunächst noch nicht fest. Am 27. Februar wird der Schriftsteller sein neues Werk in Weimar bei einer „Ur-Lesung“ vorstellen.

„Der Rowohlt-Verlag hat mit meinem Einverständnis den Roman der FAZ zum Vorabdruck angeboten, Schirrmacher hat positiv reagiert“, sagte Walser. Der Streit über die Vorab-Veröffentlichung in der Zeitung von „Tod eines Kritikers“ habe er zwar nicht vergessen. „Ich weiss, was passiert ist, ich habe mein Gedächtnis.“

Angesichts seiner vielfältigen Erfahrungen mit Kritikern sei er aber zu dem Schluss gekommen: „Der Kritiker muss nicht sein Urteil revidieren, das er irgendwann über mich gefällt hat. Es genügt, wenn er mit einem ganz anderen Buch genauso extrem gerecht wird, wie er früher extrem ungerecht geworden ist.“

Die Süddeutsche Zeitung fragt sich in der Wochenendausgabe vom 2/3. Februar: Wenn an der damaligen Aufregung irgendetwas dran war, was heißt das dann für die FAZ? „Wir drucken nur Ihre antisemitischen Bücher nicht, die zur Weimarer Klassik aber schon?“ Das Frivole dieses Vorgangs besteht darin, dass beide Seiten, der Ankläger wie der betroffenen Autor, den Antisemitismusvorwurf wie ein Geschmacksurteil behandeln, bei dem es naturgemäß geboten ist, irgendwann zur Tagesordnung zurückzukehren.

Ein liebender MannKurzbeschreibung zu Ein liebender Mann
Der 73-jährige Goethe †“ Witwer und so berühmt, dass sein Diener Stadelmann heimlich Haare von ihm verkauft †“ liebt die 19-jährige Ulrike von Levetzow. 1823 in Marienbad werden Blicke getauscht, Worte gewechselt, die beiden küssen einander auf die Goethe†™sche Art. Er sagt: Beim Küssen kommt es nicht auf die Münder, die Lippen an, sondern auf die Seelen. «Das war sein Zustand: Ulrike oder nichts.» Aber sein Alter holt ihn ein. Auf einem Kostümball stürzt er, und bei einem Tanztee will sie ein Jüngerer verführen. Der Heiratsantrag, den er Ulrike trotzdem macht, erreicht sie erst, als ihre Mutter mit ihr nach Karlsbad weiterreisen will. Goethe, mal hoffend, mal verzweifelnd, schreibt die «Marienbader Elegie». Zurück in Weimar, lässt ihn die eifersüchtige Schwiegertochter Ottilie nicht mehr aus den Augen. Martin Walsers neuer Roman erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe: bewegend, aufwühlend und zart. Die Glaubwürdigkeit, die Wucht der Empfindungen und ihres Ausdrucks †“ das alles zeugt von einer Kraft und (Sprach-)Leidenschaft ohne Beispiel.

Quelle: swissinfo.ch

Denis Scheck bewertet die Top Ten der Spiegel-Bestenliste Woche 3/08

Die Hardcover der Bestseller vom 3. Februar 2008 finden eindeutig mehr Gnade vor den Augen von Denis Scheck als in der Woche 52/2007. In seiner Sendung Druckfrisch beförderte er nur drei Bücher in die Mülltonne.

MÜll1. Ildefonso Falcones: Die Kathedrale des Meeres (Scherz Verlag)

Lesen2. Martin Suter: Der letzte Weynfeldt (Diogenes)

Lesen3. Julia Frank: Die Mittagsfrau (S. Fischer)

MÜll4. J.K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Carsen)

MÜll5. Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen (Bloomsbury Verlag)

Lesen6. Andrea Maria Schenkel: Tannöd (Edition Nautilus)

Lesen7. Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder der Eigensinn (Suhrkamp)

Lesen8. Milena Agus: Die Frau im Mond (Hoffmann und Campe)

Lesen9. Cornelia Funke: Tintenherz (Dressler Verlag)

Lesen10. Cornelia Funke: Tintentod (Dressler Verlag)

Liedermacher Heinz Ratz läuft gegen die Kälte von Dortmund nach München

Über 1000 km zu Fuß, von Dortmund nach München.
30 Konzerte in 30 verschiedenen Städten der Republik.
Zu Gunsten von Wohnungslosen
und gegen die soziale Härte:
Heinz Ratz läuft vom 22.01. – 22.02.

Heinz RatzDie Idee: Der Lauf gegen die Kälte

Vom 24.01 bis 21.02.08 wird Heinz Ratz von Dortmund nach Reutlingen laufen, um auf die oft sehr verzweifelte Situation von Obdachlosen in Deutschland aufmerksam zu machen. Vorher gibt es Konzerte in Kiel (22.1.) und Hamburg (23.1.); Abschlusskonzert wird in München sein (22.2.). Es ist damit auch ein Lauf gegen den zunehmenden Abbau von sozialen Einrichtungen und die Kürzungen von Sozialleistungen, die eine zunehmende Armut bewirken und ein wachsendes Gefälle zwischen Arm und Reich. Er wird die gesamte Strecke zu Fuß bewältigen und jeden Abend in wechselnder Besetzung mit seinem Liedermacherprogramm „Strom & Wasser†œ und Gaststars auftreten. Die Auftritte werden eintrittsfrei sein, um auch mittellosen Zuschauern zu ermöglichen, durch einen Besuch des Konzerts ihren Protest gegen den Sozialabbau in Deutschland und ihre Unterstützung für ihrenLauf auszudrücken. Während der Konzerte werden Spenden gesammelt. Der Erlös geht direkt an die örtlichen Wohnungslosen-Organisationen und an spezielle Projekte, die Wohnungslose unterstützen oder ihre Lebensqualität verbessern helfen.

05.02. Koblenz Café Hahn 20 Uhr Anka Zink
07.02. Bingen JUZ Bingen 20 Uhr Kenny Legendre alias Majiken
08.02. Ingelheim Sebastian-Münster-Gymn. (Aula) 20 Uhr Stark Holland & Lange
09.02. Wiesbaden Schlachthof 16 Uhr Bodo Wartke
10.02. Mainz Caveau 20 Uhr Meike Köster kw. Timm
11.02. Frankfurt DGB-Haus 20 Uhr Sven Panne kw. Timm
12.02. Darmstadt Schlosskeller 20 Uhr Martin Sommer
13.02. Worms Rotes Haus 19 Uhr
14.02. Mannheim
16.02. Heidelberg Deutsch-Amerikanisches Institut 14 Uhr Jess Jochimsen
16.02. Bruchsal
17.02. Karlsruhe JUBEZ 20 Uhr Christina Lux, Tina Häussermann
18.02. Pforzheim Kupferdächle 20 Uhr
19.02. Stuttgart Kulturzentrum Merlin 20 Uhr Roland Baisch
20.02. Tübingen Sudhaus 20 Uhr Wortfront
21.02. Reutlingen Cafe Nepomuk 20 Uhr Thomas Felder, Barbara Thalheim
22.02. München Freiheizhalle 20 Uhr Stoppok, Götz Widmann

Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritische Literatur geht an Günter de Bruyn

Nach Peter Rühmkorf, Timothy Garton Ash, Hans Joachim Schädlich und Walter Kempowski erhält der 81-jährige Günter de Bruyn den mit 15.000 Euro dotierten Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für seine glänzenden Essays zur Annäherung der Deutschen in Ost und West.

Günter de BruynGünter de Bruyns Werk besteht zum einen aus häufig autobiographisch gefärbten, realistischen Romanen und Erzählungen, die sich kritisch mit dem Privatleben der Kulturschaffenden in der DDR auseinandersetzen, zum anderen aus Essays zu literaturwissenschaftlichen und historischen Themen, insbesondere aus der preußischen Geschichte.

Er ist Herausgeber einer Reihe von Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts mit Bezug zu Berlin und zur Mark Brandenburg, die unter dem Titel Märkischer Dichtergarten erschien.

Großen Erfolg hatte er in den Neunzigerjahren mit den beiden Bänden (Zwischenbilanz und 40 Jahre) seiner Autobiographie.

Die Hoffmann-von-Fallersleben-Gesellschaft vergibt diesen internationalen Literaturpreis alle zwei Jahre. Günter de Bruyn wird die Auszeichnung am 22. Juni in der Michaeliskirche in Wolfsburg-Fallersleben überreicht.