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September 2006: Alles ist erleuchtet – Jonathan Safran Foer

23. September 2006 | Von | Kategorie: Bücher, Bücher aus dem Lesekreis

Cover Alles ist erleuchtetKurzbeschreibung
Man lacht und weint und ist hingerissen vom Talent eines jungen Autors. Er erzählt die phantastische Geschichte eines jüdischen Schtetls, das Schicksal seiner Familie während des Holocaust und die Abenteuer eines jungen Amerikaners, der aufgebrochen ist, um die Vergangenheit zu suchen. Ein junger Amerikaner kommt in die Ukraine. Er heißt zufällig Jonathan Safran Foer. Im Gepäck hat er das vergilbte Foto einer Frau namens Augustine. Sie soll gegen Ende des 2. Weltkrieges seinen Großvater vor den Nazis gerettet haben. Jonathan will Augustine finden und Trachimbrod, den Ort, aus dem seine Familie stammt. Sein Reiseführer ist ein alter Ukrainer mit einem noch älteren klapprigen Auto, sein Dolmetscher dessen Enkel Alex, ein unglaubliches Großmaul und ein Genie im Verballhornen von Sprache. Mit von der Partie ist noch Sammy Davis jr. jr., eine neurotische Promenadenmischung mit einer Leidenschaft für Jonathan, der Angst vor Hunden hat. Die Reise führt durch eine verwüstete Gegend und in eine Zeit des Grauens. Alex berichtet in seiner unnachahmlichen Sprache von den Abenteuern und irrsinnigen Missverständnissen während dieser Fahrt, Jonathan erzählt die phantastische Geschichte Trachimbrods bis zum furchtbaren Ende, und der alte Ukrainer begegnet den Gespenstern seiner Ver gangenheit. Alex und Jonathan aber sind zum Schluss der Reise Freunde geworden.

Über den Autor
Jonathan Safran Foer, geboren 1977, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er lebt und schreibt in New York und ist mit der Schriftstellerin Nicole Krauss verheiratet. Er studierte in Princeton Philosophie und Literatur.

Im Jahr 2001 fungierte Safran Foer nach seinen vorherigen Jobs als Ghostwriter und Rezeptionist erstmals als Literat, wenn auch zweiter Hand, nämlich als Herausgeber der Sammelschrift „A Covergence Of Birds: Original Fiction and Poetry Inspired by the Work of Joseph Cornell“ zu Ehren des 1972 verstorbenen New Yorker Künstlers Joseph Cornell, der sich als Bildhauer vor allen Dingen durch seine Boxes einen Namen gemacht hatte. Das Buch vereint Texte von verschiedensten Schriftstellern (so z. B.: Robert Pinsky, Joyce Carol Oates, Paul West, Rick Moody, Howard Norman, Robert Coover), die Foer zuvor angeschrieben und darum gebeten hatte, sich von Cornells Arbeit zu einem eigenen Werk inspirieren zu lassen. Dieses Faible für außergewöhnliche Projekte ist Foer bis heute erhalten geblieben: so sammelt er mit großer Begeisterung die jeweils nächste, noch unbeschriebene Seite eines in Arbeit befindlichen Buches bedeutender Schriftsteller, die er per Brief um den leeren Bogen Papier bittet.

2002 erschien Foers Debutroman „Everything Is Illuminated“; die deutsche Übersetzung folgte im Frühjahr 2003 unter dem Titel „Alles ist erleuchtet“ (Deutsch von Dirk van Gusteren). Der Roman erzählt die Geschichte eines jungen amerikanischen Schriftstellers namens Jonathan Safran Foer, der sich auf den Weg in die Ukraine macht, um die Frau zu suchen, die den Erzählungen seiner Familie zufolge seinen Großvater vor den Nazis gerettet haben soll. Begleitet wird er auf dieser abenteuerlichen Reise durch die ukrainische Pampa von einem touristischen Albtraum: einem jungen Übersetzer namens Alex, der sich seine Fremdsprachenkenntnisse mehr schlecht als recht im Heimstudium hat angedeihen lassen, dessen Großvater, der behauptet sein Augenlicht verloren zu haben, dennoch aber der Fahrer der Reisegruppe ist und dem zu diesem Gebrechen gehörigen Blindenhund Sammy Davis jr. jr., einer läufigen Hündin, die es vornehmlich auf den hundescheuen Jonathan abgesehen hat und ihn mit ihrer Zuneigung auf der Rückbank eines sehr kleinen und sehr alten Vehikels oftmals an den Rande des Wahnsinns treibt. Die zweite Erzählebene zeigt die Entstehung des jüdischen Schtetls Trachimbrod über die Jahrhunderte und erzählt die Geschichte seiner Bewohner auf magische Weise und mit dem Hang zum wunderbaren, bunten Fabulieren, das ebenso plötzlich gefolgt sein kann von dem traurigsten Ereignissen.

Die dreigeteilte Erzählperspektive des Buches ist von der Kritik insbesondere gelobt worden: neben dem durch einen nicht näher genannten Ich-Erzähler geschilderten Trachimbrod-Parts des Buches werden die in der Gegenwart spielenden Teile durch die Korrespondenz von Jonathan und seinem ukrainischen Freund Alex erzählt. Jonathan beginnt in der Erzählfiktion des Buches nach Rückkehr in seine Heimat, die Geschichte des Schtetls Trachimbrod aufzuschreiben und schickt diese Kapitel nach und nach an Alex. Dieser wiederum reagiert auf die Beschreibungen seines amerikanischen Freundes mit mal überschwänglichen, mal stark kritischen Briefen, in denen er in holprigem Englisch und unfreiwillig komisch auch viel von seinem Leben und dem seines Großvaters berichtet. Im Laufe dieser Korrespondenz kommen sich die beiden Hauptfiguren eigentlich noch näher, als dies während der gemeinsamen Reise der Fall war.

Ähnlich wie seine fiktive Romanfigur hat auch Foer selbst eine solche Reise unter ähnlichem Vorsatz angetreten, war jedoch nicht erfolgreich in dem Sinne, dass er die erwähnte Retterin namens Augustine nicht gefunden hat. In Interviews auf diese Besonderheit angesprochen, gab Foer zu Protokoll, die Romanform habe ihm erlaubt, die Reise in konzentrierterer Form zu verarbeiten, vielleicht auch zu einem besseren Ende zu bringen – eine Thematik die besonders durch die Figur Alex wieder aufgegriffen wird.

Der Roman erregte international großes Aufsehen, wurde von den meisten Feuilletonisten einhellig als eines der besten, wenn nicht gar als das beste Buch des Jahres gewürdigt und im Zuge dieses Hypes um den damals gerade mal 24-jährigen Foer in über 20 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Allein für seinen zweiten Roman erhielt Foer im Voraus eine Million Dollar, eine Modalität und Summe, die für einen Literaten eine mittelschwere Sensation ist und sonst nur lange etablierten Bestsellerautoren zugestanden wird.

2005 erschien sein zweiter Roman mit dem Titel „Extremely Loud & Incredibly Close“ in den USA. Die deutsche Übersetzung von Henning Ahrens folgte noch im selben Jahr unter dem Titel „Extrem laut und unglaublich nah“.

Erzählt wird die Geschichte des 9-jährigen Oskar Schell, dessen Vater bei den Terroranschlägen des 11. September 2001 ums Leben gekommen ist. Oskars Verhältnis zu seinem Vater war sehr eng und geprägt durch viele spielerische Rituale, wie das gemeinsame Durchschauen der „New York Times“ auf Fehler hin oder das Stellen von sehr schwierigen Rätsel-Rallyes. So glaubt Oskar, nachdem er in den Hinterlassenschaften seines toten Vaters einen mysteriösen Briefumschlag mit dem Namen „Black“ gefunden hat, auf ein letztes Rätsel seines Vaters gestoßen zu sein – eines, das ihm auch seinen unerwarteten Tod zu erklären vermag.

Der Junge macht sich auf die Suche nach diesem Black und nach dem passenden Schloss zu dem im Umschlag steckenden Schlüssel und durchstreift so die fünf Bezirke New Yorks. Begleitet wird er dabei von einem alten Nachbarn namens Black und später vom „Untermieter“ seiner Großmutter, einem stummen alten Mann, der sich später als sein Großvater erweist – und indirekt auch von seiner Mutter, der die Ausflüge ihres Sohnes nicht verborgen geblieben sind und die die von Oskar aufgesuchten Menschen mit dem Nachnamen Black vorher über sein Kommen informiert.

Dieses Operieren im Verborgenen ist symptomatisch für das Verhältnis von Mutter und Sohn: während Oskar die Liebe zu seinem Vater ganz offen zeigte und verbalisierte, ist das Verhältnis zu seiner Mutter weit stärker belastet durch die Unfähigkeit, sich zu öffnen. So verarbeiten beide ihren Schmerz über den Tod des wichtigsten Menschen in ihrem Leben weitestgehend getrennt.

In diesem Sinne ist „Extrem laut und unglaublich nah“ nicht nur das Porträt eines durch den 11. September traumatisierten Jungen und seiner Familie, sondern auch eine Liebeserklärung an die Stadt New York, die in der Perspektive eines kleinen Jungen zu einem beinahe magischen Ort wird. Die Parallelen zu Günter Grass „Die Blechtrommel“ sind offensichtlich. Neben dem für amerikanische Verhältnisse in dieser Schreibweise ungewöhnlichen Namen Oskar (Matzerath bzw. Schell), sind es vor allen Dingen motivische Reminiszenzen, die an den Nobelpreisträger Grass erinnern. Beide Oskars sind durch die Welt der Erwachsenen traumatisiert worden und lehnen diese ab. Beide durchstreifen ihre Heimatstädte bewaffnet mit Musikinstrumenten (Trommel bzw. Tambourin). Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Figuren ist jedoch, dass während Matzerath eine radikale Außenseiterposition einnimmt und sich der Welt der Erwachsenen durch die Verweigerung des Wachsens endgültig entzieht, Oskar verzweifelt versucht, mit dieser ihm fremden Welt zu kommunizieren und sie für sich dadurch verständlicher zu machen.

Wie schon sein Erstling „Alles ist erleuchtet“ zeichnet sich der Roman durch eine komplexe Erzählstruktur aus. Die zweite Ebene bildet wiederum eine auf eine große Menschheitskatastrophe zurückgreifende Geschichte, welche wiederum in der Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt ist. Erzählt wird die Liebesgeschichte von Oskars Großvater (wie sich herausstellen wird: des stummen Mannes, der Oskar durch New York begleitet), der die von ihm geliebte Frau sowie seinen ungeborenen Sohn bei der Bombardierung Dresdens verliert. Durch diesen Verlust traumatisiert, verliert er allmählich seine Fähigkeit zu sprechen und wandert in die USA aus, wo er Oskars zukünftige Großmutter kennenlernt, die Schwester seiner ermordeten Geliebten.

Im September 2005 ist in der Berliner Staatsoper die Oper „Seven Attempted Escapes From Silence“ aufgeführt worden, zu der Jonathan Safran Foer das Libretto geschrieben hat. Die aus insgesamt sieben Kurzopern bestehende Oper wurde von sieben verschiedenen Komponisten und Regisseuren gestaltet, die sich alle von einem siebenaktigen Ausgangstext Jonathans inspirieren ließen und ihren Akt auf die für sie typische musikalische/szenische Art umsetzten. Dabei sind vor allen Dingen die Regisseure weit von den durch Jonathan ursprünglich gedachten Szenarien abgewichen. Ziel des Projekts war vor allem, dem in moderner Oper wenig geschultem Publikum verschiedene, sehr erfolgreiche Komponisten der Gegenwart und ihren speziellen „Ton“ komprimiert und unterhaltsam vorzustellen. Ob dieses Vorhaben erfüllt wurde, ist fraglich, zumindest reagierte die Kritik nicht sehr begeistert auf den über weite Strecken sehr experimentellen und anstrengenden Abend. Auch Foer schien in den auf den Premierenabend folgenden Interviews als höflicher Zyniker: er habe die Zusammenarbeit sehr interessant gefunden, in Hinblick aber auf die Freiheit, die sich die Regisseure bei der Nichtbeachtung seiner szenischen Vorgaben genommen hätten, sei er froh, bald wieder an einem Roman arbeiten zu können, bei dem er zu 100% selbst bestimme, was am Ende in den Läden liege.

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