Menschen wie wir
DIE BAGAGE

Ein Päckchen zu tragen

haben die Protagonisten in Monika Helfers neuem Roman DIE BAGAGE.

Maria und Josef Moosbrugger leben mit ihren Kindern am Rande eines kleinen Dorfes in Österreich. Sie sind die Randständigen, die Außenseiter, die Bagage. Von den Leuten im Dorf misstrauisch beobachtet, denn haben sie doch etwas, das ihnen fehlt.

Maria ist die schönste Frau weit und breit. Schwarzhaarig, mit aufrechtem Gang und wogendem Busen. Schneewittchen könnte schöner nicht sein. Und auch Josef beeindruckt die Frauen durch sein schmuckes Äußeres. Seine Haare ebenfalls schwarz, sein Hemd blütenweiß und riechen tut er auch gut, dank Marias Zitronenseife. Jeden Morgen wäscht er sich von Kopf bis Fuß mit dem Wasser aus dem Bach.

Verkommen scheinen sie nicht zu sein, die Armen. Die Reichen sind es hier, die nicht mithalten können. Äußerlich nicht gepflegt und auch innerlich voll schlechter Gedanken. Als Maria mitten im Krieg schwanger wird, setzt das Getuschel ein. Kann der Josef denn überhaupt der Vater sein? Er ist doch an der Front und war nur zwei Mal da auf Heimaturlaub. Oder war es der Georg aus Hannover, der Maria zwei Mal in dem Haus besucht hat?

Diese Frage wird Monika Helfer uns nicht beantworten. Wir müssen uns aus all den Indizien, dem Gerede, den Vermutungen selber ein Bild zusammensetzen.

Wie ist es gewesen 1914 als Josef nicht da war und Maria sich in den Georg verliebte? Der so anders ist als ihr stolzer und schweigsamer Ehemann, der außerhalb des Ehebettes zu keiner Zärtlichkeit fähig ist.

Georg ist die einzige Liebe ihres Lebens, ein Mann, der sich nicht nur für ihr Äußeres interessiert, sondern sie so sieht, wie sie ist.

Als er das Dorf verlässt, ist sie gebrochen.

Monika Helfer hat dieses Buch geschrieben, um sich mit ihrer Herkunft auseinander zu setzen. Es geht ihr dabei wie vielen von uns. Man weiß etwas, aber das meiste nur vom Hörensagen. Dieses Buch flüstert aus vielen Perspektiven und wir sind als LeserInnen gefordert. Die Autorin wertet nicht, sie wispert uns diese Geschichten zu. Sie sind nicht auserzählt. Wir können uns unseren Teil denken. So ist der Text in seiner Aussage so diffus wie das kongenial ausgesuchte Portrait von Gerhard Richter auf dem Cover.

Vielen herzlichen Dank an Gerlinde Moorkamp für ihre lesenswerte Interpretation zu Die Bagage von Monika Helfer.

Buchcover: Hanser Verlag

Aliide Truu, geboren 1925, wächst zusammen mit ihrer 5 Jahre älteren Schwester Ingel in West-Estland, in der Nähe von Haapsalu/ Lihula, auf. Die Eltern bewirtschaften einen Bauernhof. Beim sonntäglichen Kirchgang schlägt die Liebe in Aliide ein wie ein Blitzschlag. Hans, ein junger blonder Este, verliebt sich an dem Tag ebenfalls unsterblich. Aber leider nicht in Aliide, sondern in ihre Schwester Ingel. Nach diesem Zusammentreffen ist nichts mehr wie es war. Ingel und Hans werden heiraten und 1940 Tochter Linda bekommen. Aliide bleibt vorerst alleine und muss dem kleinen Glück zusehen. Dabei ist sie neidisch auf Ingel. Ihre einzige Sehnsucht ist es, Hans für sich zu gewinnen. Folgerichtig muss das Glück gestört werden. Das Zauberwässerchen, das die Schwangerschaft verhindern soll, kommt leider zu spät. Und auch das eigene Blut, das in Hans´ Essen gemischt wird, führt nicht dazu, dass Hans sich in sie verliebt. Auch Linda hat unter Aliide zu leiden. Wenn sie das Kind beaufsichtigen muss, kneift sie es heimlich und piekt es mit einer Nadel und das Geschrei beschert ihr heimliche Genugtuung (S. 127).

Als Russland 1944 Estland besetzt und Hans´ Leben aufgrund seiner politischen Einstellung in Gefahr gerät, entwirft sie einen Plan. Hans soll als gestorben gelten, aber ein Versteck im Haus haben. Selbst als Aliide mehrfach von den Russen verhört und gefoltert wird, verrät sie nichts. Innerlich zerbricht sie darüber. Sie erkennt, dass sie nur überleben wird, wenn sie kollaboriert. Um ihrer Sicherheit wegen heiratet sie 1948 Martin, den Parteifunktionär. Er verschafft ihr eine Stelle als Kontrolleurin. Sie treibt die Kinderlosigkeitsgebühr ein.

Von Martin erfährt sie 1949, dass Ingel und Linda deportiert werden sollen. Aliide denkt dabei nur an Hans, den sie weiter beschützen will. Er ist ihr Lebenselixier. „Denn nur Hans bewirkte, dass die Dinge eine Bedeutung bekamen. Nur durch Hans existierte Aliide“, (S. 211). Währenddessen ist das Objekt der Begierde ahnungslos und verharrt in seinem Versteck unter dem Bauernhaus. Hans ist in Gedanken immer bei seiner Frau und seiner Tochter. Von der Welt isoliert flüchtet er sich in Tagträume, während Aliide vergeblich darauf wartet, dass er erkennt, dass sie „zu allem bereit war und die Kraft hatte, endlos weiterzumachen, durch einen einzigen Blick. Obwohl Aliide jetzt der einzige Mensch in Hans` Leben war, sah er sie trotzdem nicht an. Eines Tages würde sich das ändern müssen.“(S. 211).

Schmerzlich muss Aliide erfahren, dass Liebe nicht zu erzwingen ist. Es reicht nicht die Rivalin auszuschalten, den Angebeteten zu isolieren, sich ihm dienbar zu machen. Nichts was sie für das Keimen dieser Beziehung getan hat, ist von Erfolg gekrönt. Dabei hätte sie es eigentlich wissen müssen, denn wie sagte ihr bereits Maria Kreel: „Aus der Erde der Verzweiflung wachsen schlechte Blumen.“ (S. 129).

1951 wähnt sich Aliide ihrem Ziel, der von ihr geplanten gemeinsamen Zukunft mit Hans, ganz nahe. Hans soll mit gestohlenem Pass nach Tallinn flüchten. Aliide will die Scheidung von Martin beantragen und ihm folgen. Das neue Kleid und die Schuhe stehen schon bereit. Die Situation eskaliert, als Aliide erkennen muss, dass Hans ganz andere Pläne hat. Er möchte in den Wald und sich dem bewaffneten Widerstand anschließen. In seinem Tagebuch hat er seine Wut und seinen Hass auf Aliide dokumentiert. Er wünscht ihr den Tod. Der tritt ein, aber nicht für Aliide, sondern für Hans. Bis ins Mark verletzt, da alle Opfer sinnlos waren (…alles lag in Scherben. All die Mühe! All die Energie!, S. 348) wird Aliide zu seiner Mörderin. Sie vernichtet ihre Zukunft und muss erkennen, dass auch ihr Leben in der Vergangenheit nur dem einen Ziel, dem Leben mit Hans, untergeordnet, zum Scheitern verurteilt war. Und sie erkennt, dass es ohne Hans kein Verhör, in dem sie zu seinem Schutz höchste Qualen erlitt, gegeben hätte (Sie wären kein einziges Mal verhört worden, sie hätten ihre Ruhe gehabt…S. 349). So wird ihr ihre emotionale Abhängigkeit zum Verhängnis.

Ihr Fegefeuer kann sie erst überwinden, als sie auf die Enkelin von Ingel und Hans trifft. In Zara erkennt sie einen Menschen, der ebensolche Qualen der Folter und Erniedrigung erdulden musste. Sie stellt sich auf ihre Seite und erschießt die Peiniger. Danach beschließt sie, das Haus anzuzünden und sich neben Hans in sein Grab unter die Dielenbretter zu legen.

Kurzbeschreibung
Das international gefeierte Meisterwerk über Liebe, Verrat und Angst – vor allem vor der Gewalt der Männer.
Wer Äußerstes erlebt hat, ist auch Äußerstes zu tun im Stande – das zeigt dieser vielfach ausgezeichnete und hoch spannende Roman über zwei Frauen, die sich wie zufällig begegnen und die doch eine gemeinsame Geschichte verbindet.
Als Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, ein Bündel in ihrem Garten findet, das sich als junge Frau entpuppt, schluckt sie ihre Skepsis und Menschenverachtung herunter und nimmt Zara in ihr Haus auf. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie mit brutalster Gewalt zu Willfährigkeit gezwungen haben und ihr schon dicht auf den Fersen sind. Doch Zara sucht keineswegs so zufällig Unterschlupf bei Aliide, wie diese glaubt: Aliide könnte die Schwester ihrer Großmutter sein.
Während Zara noch Beweise für die Verwandtschaft sucht und nach einer Möglichkeit, Estland zu verlassen, fühlt sich Aliide von der jungen Frau bedroht: Zu oft musste sie Leib und Seele, Hab und Gut vor Eindringlingen schützen. In Rückblenden entsteht das immer schärfer werdende Bild einer Familientragödie, die fast fünfzig Jahre zuvor, als Estland von den Russen besetzt wurde, ihren Höhepunkt fand. Rivalität und Eifersucht, Scham, Schutzbedürftigkeit und vor allem Angst vor der Brutalität der Männer gegenüber den Frauen – das sind die Motive, die Aliide zu unvorstellbaren Entscheidungen zwangen.
Sofi Oksanen gelang mit diesem Roman, der in mehr als 25 Ländern erscheint und gerade in den USA gefeiert wird, der große Wurf. Atemlos vor Spannung liest man über das Schicksal zweier Frauen, die ganz unterschiedliche und im Kern doch vergleichbare Erfahrungen machen: Egal welches politische System auch herrscht, Opfer sind immer die Frauen.

Die gebundene Ausgabe von Fegefeuer von Sofi Oksanen umfasst 395 Seiten und ist im August 201o bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Der Lesekreis bedankt sich ganz herzlich bei Gerlinde für diese detaillierte Analyse der Hauptfigur Aliide Truu in diesem außergewöhnlichen Roman.

Menschen wie wir

Siegtrud K. Ólafsdóttir, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, in Kristín Steinsdóttir „Eigene Wege“

Rebelliert hat Siegtrud ihr Leben lang nicht, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte.
Kaum auf der Welt verliert sie ihre Mutter, wächst als Ziehtochter bei der alten Hofherrin Hallfridur in Hafnir auf, die sich liebevoll um sie kümmert.

Ihre linke Hand ist verkrüppelt. Die Finger sind nicht ausgeprägt, dazwischen liegen Schwimmhäute, flossenähnlich. Ihr Haar ist rot, im Gesicht hat sie Sommersprossen. Schon rein äußerlich passt sie nicht in die Welt Islands, als sie 1938 das Licht der Welt erblickt, passenderweise „in jenem Frühjahr als Hitler Österreich ins dritte Reich eingliederte“ (S.14).

Eingegliedert hat sich Siegtrud trotzdem – als Schülerin, als Arbeiterin auf dem Hof, als Arbeiterin in einer Fischfabrik. Klaglos, trotz der Hänseleien über ihr Aussehen, das Naheliegende nutzend, sich anpassend ohne eine eigene Spur zu hinterlassen. Hilfreich ist dabei die Phantasie, die sich an den Gegenständen entzündet, die ihr die Mutter Petrina in einem Schrankkoffer hinterlassen hat: ein Bild des Großvaters, der geerbte Seidenschal, die Mundharmonika, ein Fotoalbum mit der Aufschrift „La France“.

Da sie keine Verwandten hat, die ihr den Bezug erklären könnten, denkt sie sich im Geiste die passenden Geschichten aus, setzt sich in den Koffer und „flog davon“ (S. 24).
In ihren Geschichten lebt die Mutter noch, bekleidet mit der isländischen Tracht und der Troddelkappe, direkt unter dem Eiffelturm in Paris. Der Vater ist Kapitän auf dem größten Lastkahn und spielt Mundharmonika. Siegtrud „das einzige Kind in ganz Frankreich“ (S.25) fühlt sich in dieser Scheinwelt geborgen und geliebt. Ihren richtigen Vater kennt sie nicht. Auf einen Brief erhält sie keine Antwort, als der Vater nach langen Jahren des Schweigens den Kontakt sucht, stirbt er, bevor sie ihn besuchen kann.

Als sie ihren Mann Tómas kennenlernt, versucht sie es auch ihm recht zu machen. Von Liebe ist nicht die Rede, aber „natürlich hatte sie Tomás gern gehabt. Er war rechtschaffen und zuverlässig, wusste was für sie beide am besten war, und regelte alles einwandfrei“ (S.58).

Nach seinem Tod kann sie ein Leben führen, das ihren Interessen entspricht. Sie ist erfüllt von einem „Freiheitsgefühl“ (S.58), trennt sich von ungeliebten Gewohnheiten, kann den Quark pur essen, und geerbtem Mobiliar. Langjährige Freunde hat sie nicht, also sucht sie sich Situationen aus, in denen sie mit Menschen unverbindlich Umgang hat: auf Beerdigungen, Vernissagen, Wohnungsbesichtigungen in Reykjavik. Wenn es nötig ist und ihr die Menschen zu nahe kommen, gibt sie sich eine andere Identität, erzählt „die Familie warte zu Hause auf sie. Die Urenkel seien nachmittags oft bei ihr, und die Enkel schneiten auch häufig herein (S.33)

Und wirklich allein ist sie sowieso nicht: die Personen aus ihrer Vergangenheit – die Großmutter, Mutter, Ziehmutter begleiten sie und tauchen in bestimmten Situationen auf. Das verstärkt sich, als sie ihrer Vergangenheit mehr Raum gibt und den Deckel zu dem Koffer hebt, der noch von ihrem Großvater stammen soll. „Es öffneten sich Pforten, und atemlos traf sie alte Bekannte…schloss sie die Augen und ging mit ihren imaginären Verwandten auf die Reise.“ Diese Vergangenheit bereichert ihr Leben. Wie in einem Puzzle setzt sie aus all den verschiedenen Vorfahren ihre eigene Identität zusammen und recherchiert in öffentlichen Datenbanken und alten Zeitungen. Am Schluß fehlt noch ein Mosaiksteinchen. Um nach ihren französischen Wurzeln zu suchen, lernt sie die Sprache des Großvaters und bucht mutig eine Gruppenreise. Im Bus sitzt sie nicht alleine, neben ihr nimmt eine dunkelhaarige Frau mit langen Zöpfen Platz (S.126). Wunschbild und Realität treffen zum letzten Mal aufeinander, „als sie wieder aufschaute, war die Frau verschwunden“ (S.127).

Sie hat ihre Wurzeln gefunden und es ist Siegtrud zu wünschen, dass sie auf ihrem eigenen Weg auch sich selbst entdecken wird. Denn mit dem Wissen um ihre Herkunft, kann sie beruhigt den Fuß in die Zukunft setzen, sie wird wie es eingangs programmatisch in der Liedzeile heißt „auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann (S.7).

Kurzbeschreibung
Siegtrud ist Witwe geworden, lebt allein in Reykjavík von sehr wenig Geld und staunt, was man alles in dieser schönen Stadt erleben kann, auch wenn man gar nichts ausgibt. Sie trägt Zeitungen aus und bekommt das ‚Morgenblatt‘ daher umsonst, ist über alles informiert und muss an manchen Tagen sogar eine Prioritätenliste aufstellen. Da gibt es die Beerdigungen, zu denen sie gerne geht, um mitzusingen und sich beim anschließenden Leichenschmaus zu verköstigen, Wohnungsbesichtigungen, bei denen es Kaffee und Vernissagen, bei denen es Champagner gibt. Sie ist genügsam, mit dem Alleinsein vertraut und weiß das Leben mit allen Sinnen zu genießen. Aber da ist noch mehr: Ein Koffer mit Erinnerungsstücken ihrer Mutter, darin ein französischer Seidenschal, ein Bildband von Frankreich und ein Foto ihres exotisch wirkenden Großvaters Magnús, der Franzose gewesen sein soll. Schon als Kind hatte sich Siegtrud in den Koffer gesetzt und war in ihren Tagträumen in dieses geheimnisvolle Frankreich gereist. Eines Tages macht sie sich auf, in Archiven nach ihrer Lebensgeschichte und Herkunft zu suchen, lernt sogar Französisch, allerdings mit unnachahmlichem isländischem Akzent. Und am Ende trifft sie eine Entscheidung, packt den alten Koffer wirklich und macht sich auf den Weg nach Paris.

Auf anrührende und ganz und gar unsentimentale Weise erzählt Kristín Steinsdóttir in diesem poetischen kleinen Roman eine Lebensgeschichte, die zugleich den Weg Islands von einer Bauernnation zu einer modernen Gesellschaft illustriert. ‚Eigene Wege‘ ist eine Eloge auf die Zufriedenheit, die Phantasie und den Mut.

Über die Autorin
Kristín Steinsdóttir, 1946 geboren, lebt in Reykjavík und arbeitete zunächst als Grundschul- und Gymnasiallehrerin. Seit 1988 arbeitet sie als Schriftstellerin und ist eine der meistgelesenen, preisgekrönten Kinderbuchautorinnen Islands.

Über die Übersetzerin
Tina Flecken, geboren 1968 in Köln. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Verlagslektorin arbeitet sie seit 2005 als freie Übersetzerin.

Die gebunden Ausgabe von „Eigene Wege“ von Kristin Steinsdottir umfasst 126 Seiten, ist im Juli 2009 im C.H. Beck Verlag erschienen und für 14,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

Der Lesekreis bedankt sich bei Mamalinde für die anschaulichen Einblicke in das Leben der Protagonistin in „Eigene Wege“ und beim Verlag C.H. Beck für die freundliche Überlassung des Rezensionsexemplars.

Menschen wie wir

Trond Sander, die Hauptperson in Per Pettersons „Pferde stehlen“.

Trond Sander, 67 Jahre, zieht sich zurück. Er, der Junge mit den Goldhosen, der durch den Verkauf seiner Firma nun genug Geld hat, möchte ein Leben in der Stille beginnen. Ihn begleiten seine Hündin Lyra aus einem Tierheim in Oslo und seine Erinnerungen.
Diese drohen so übermächtig zu werden, dass er ihnen nicht mehr ausweichen kann.

„Ich habe verkauft, was von der Firma übrig war, und bin hierher gezogen, das musste ich tun, sonst wäre es mir übel ergangen. Ich konnte nicht weitermachen wie bisher.“ S.283

Trond hat sich aller Bindungen entledigt. Seine Frau starb bei einem Autounfall vor drei Jahren, seine Töchter wissen nicht, wo sich ihr Vater aufhält, und dass er sich ein Haus fernab von der lärmenden Großstadt Oslo in der Stille der ostnorwegischen Wälder gekauft hat. Hier stellt er sich seinen Erinnerungen, die schneller kommen als ihm lieb ist.

Auslöser ist sein Nachbar Lars Haug, in dem er den Bruder seines Jugendfreundes Jon erkennt.
In seiner Jugend hat er 15-jährig einen Sommer mit seinem Vater an einem ähnlichen Ort verbracht. Das war der letzte Sommer mit seinem Vater, ein Sommer in dem er unfreiwillig erwachsen geworden ist. Seine Mutter und seine Schwester blieben in Oslo. Er wähnte sich als „Auserwählter“ mit seinem Vater in enger Zweiergemeinschaft verbunden.

Rückblickend erkennt er, dass diese Sicherheit eine trügerische war. Der Vater wird die Familie und ihn am Ende des Sommers verlassen, und er wird nie wieder Kontakt zu ihm aufnehmen. Die Zeit mit dem Vater ist geprägt von Eindrücken, die ihn jetzt einholen. Der Vater hat in der norwegischen Widerstandsbewegung gearbeitet und Informationen und Menschen außer Landes geschleust. Unterstützt wird er dabei von einer Frau, die in diesem Sommer ihre „zufällige“ Nachbarin ist. Mit ihr wird er ein neues Leben beginnen, zusammen mit ihrem Sohn Lars – ein Leben, in dem Trond keinen Platz mehr hat.

Später wird Tronds Lieblingslektüre „David Copperfield“ sein. Dem Titelheld ergeht es übel, aber die Geschichte nimmt einen guten Ausgang. Trond liest das Buch „Seite um Seite, fast starr vor Schreck, weil ich sehen musste, wie alles zuletzt auf seinen Platz fiel, und dem war ja auch so, aber es dauerte immer so lange, bis ich mich sicher fühlte. In der Wirklichkeit war es anders.“

Für Trond waren die Erlebnisse in diesem Sommer traumatisch und richtungweisend für sein weiteres Leben.
Sein Vater lebte nun in einer anderen Familie weiter mit einem Stiefsohn.

Als er Jahre später auf Lars trifft, wäre seine brennendste Frage, die er sich jedoch nicht traut ihm zu stellen: „Hast du den Platz eingenommen, der eigentlich meiner war? Hast du Jahre meines Lebens bekommen, die eigentlich mir gehören sollten?“ S.280
Dieses Gefühl, nicht für das geliebt zu werden was man ist und auswechselbar zu sein, hat sein weiteres Leben bestimmt. Es ergeht ihm wie David Copperfield. „Ob ich als Hauptperson meines eigenen Lebens hervortreten werde, oder ob sonst jemand diesen Rang einnehmen wird, müssen diese Seiten erst erweisen.“ S.279

Per Petterson beschreibt hier einen Menschen, der schockartig erwachsen werden muss, denn „der kindliche Glauben an die immer gute Wendung im Leben“ hat sich erledigt. Das Vertrauen war „im Laufe eines einzigen Julitages wie weggeblasen“. Sein Vater ist für ihn so gut wie tot, die Trauer über den Verlust unterdrückt er sein Leben lang. Das kindliche Gefühl, zusammen mit seinem Vater „Bäume ausreißen“ zu können, verpufft. Er trifft auf eine Grenze, die er akzeptieren muss.

Nicht umsonst beginnt das Buch mit einer Grenzerfahrung. Die Kohlmeisen, die Trond aus seiner Hütte heraus beobachtet, fliegen gegen die Fensterscheibe und landen betäubt im Schnee. Was für ein wunderbares Bild für die innere Isolation, das an Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ erinnert. Trond fragt sich „Ich weiß nicht, was ich habe, dass sie haben wollen“. Wir hoffen für ihn, dass er seine Einsamkeit überwinden wird.

Die Kommunikation mit seiner unverhofft auftauchenden Tochter lässt darauf schließen, dass er beginnt sich zu öffnen. Oder wie ein Rezensent es schrieb: „Er hat sich endlich entschlossen in seinem Leben selbst die Hauptrolle zu spielen, auch wenn der Abgang von der Lebensbühne nicht mehr fern ist.

„Pferde stehlen“ von Per Petterson ist am 10. Januar 2008 im Fischer Verlag erschienen. Der Lesekreis hat das Buch im April 2010 besprochen.

Rezensionen:

FAZ vom 04.03.2006, Nr. 54 / Seite 50: Wir entscheiden selbst, wann es weh tut – Hasenjagd auf die verlorene Zeit: Per Pettersons großes Vatersuchspiel

23.04.2006 Lesemond