Der Neuzugang in unserem Lesekreis stammt aus der Feder der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk und heißt Der Gesang der Fledermäuse. Wir besprechen den Roman am 22. August 2020 und treffen uns um 20.30 Uhr bei Heike und Christian.

Kurzbeschreibung:
Im Sommer tummeln sich wohlhabende Städter auf dem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze. Im Winter fliehen die allermeisten Einwohner den windumtosten Ort. An den langen dunklen Tagen widmet sich Janina Duszejko der Astrologie und der Lyrik des von ihr verehrten William Blake. Man hält die ältere Dame für verschroben, wenn nicht gar für verrückt, auch weil sie die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vorzieht. Dann gibt es einen Toten. Janinas Nachbar Bigfoot ist grausam erstickt: In seiner Kehle steckt der Knochen eines Rehs. Und es bleibt nicht bei einer Leiche. Janina ermittelt auf eigene Faust. Kriminalfall, philosophischer Essay, Fabel, literarisches Spiel – auf ebenso komische wie ergreifende Weise zeigen Olga Tokarczuk und ihre hinreißende Heldin, wie sehr es unserer Gesellschaft an Respekt mangelt, ob der Natur und den Tieren oder jenen Menschen gegenüber, die am Rande stehen.

Die gebundene Ausgabe umfasst 320 Seiten und ist im November 2020 in der deutschen Übersetzung im Kampa Verlag erschienden.

Über die Autorin:
Olaga Tokarczuk, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Ihr Werk wurde in 37 Sprachen übersetzt. 2019 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, geehrt und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für Unrast. Zum Schreiben zieht Olga Tokarczuk sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.

Buchcover: Kampa Verlag

Menschen wie wir
DIE BAGAGE

Ein Päckchen zu tragen

haben die Protagonisten in Monika Helfers neuem Roman DIE BAGAGE.

Maria und Josef Moosbrugger leben mit ihren Kindern am Rande eines kleinen Dorfes in Österreich. Sie sind die Randständigen, die Außenseiter, die Bagage. Von den Leuten im Dorf misstrauisch beobachtet, denn haben sie doch etwas, das ihnen fehlt.

Maria ist die schönste Frau weit und breit. Schwarzhaarig, mit aufrechtem Gang und wogendem Busen. Schneewittchen könnte schöner nicht sein. Und auch Josef beeindruckt die Frauen durch sein schmuckes Äußeres. Seine Haare ebenfalls schwarz, sein Hemd blütenweiß und riechen tut er auch gut, dank Marias Zitronenseife. Jeden Morgen wäscht er sich von Kopf bis Fuß mit dem Wasser aus dem Bach.

Verkommen scheinen sie nicht zu sein, die Armen. Die Reichen sind es hier, die nicht mithalten können. Äußerlich nicht gepflegt und auch innerlich voll schlechter Gedanken. Als Maria mitten im Krieg schwanger wird, setzt das Getuschel ein. Kann der Josef denn überhaupt der Vater sein? Er ist doch an der Front und war nur zwei Mal da auf Heimaturlaub. Oder war es der Georg aus Hannover, der Maria zwei Mal in dem Haus besucht hat?

Diese Frage wird Monika Helfer uns nicht beantworten. Wir müssen uns aus all den Indizien, dem Gerede, den Vermutungen selber ein Bild zusammensetzen.

Wie ist es gewesen 1914 als Josef nicht da war und Maria sich in den Georg verliebte? Der so anders ist als ihr stolzer und schweigsamer Ehemann, der außerhalb des Ehebettes zu keiner Zärtlichkeit fähig ist.

Georg ist die einzige Liebe ihres Lebens, ein Mann, der sich nicht nur für ihr Äußeres interessiert, sondern sie so sieht, wie sie ist.

Als er das Dorf verlässt, ist sie gebrochen.

Monika Helfer hat dieses Buch geschrieben, um sich mit ihrer Herkunft auseinander zu setzen. Es geht ihr dabei wie vielen von uns. Man weiß etwas, aber das meiste nur vom Hörensagen. Dieses Buch flüstert aus vielen Perspektiven und wir sind als LeserInnen gefordert. Die Autorin wertet nicht, sie wispert uns diese Geschichten zu. Sie sind nicht auserzählt. Wir können uns unseren Teil denken. So ist der Text in seiner Aussage so diffus wie das kongenial ausgesuchte Portrait von Gerhard Richter auf dem Cover.

Vielen herzlichen Dank an Gerlinde Moorkamp für ihre lesenswerte Interpretation zu Die Bagage von Monika Helfer.

Buchcover: Hanser Verlag

Ein weiterer virtueller Lesekreis ist am 20. Juni 2020 um 20.30 Uhr geplant. Falls bis dahin die Kontaktbeschränkungen aufgehoben sein sollten, treffen wir uns zur selben Zeit bei Hanne und Henry im Garten. Wir besprechen Elf Tage in Berlin von Håkan Nesser.

Kurzbeschreibung: Einen Nobelpreis wird er wohl nicht bekommen. Arne Murberg ist von schlichterem Gemüt. Nach einem Badeunfall in der Kindheit hat er Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und komplexere Zusammenhänge zu erfassen. Aber Arne ist ein warmherziger, liebenswerter Mensch, der sich eine kindlich naive, offene Art bewahrt hat und voll Vertrauen auf das Leben blickt. Als sein Vater ihm auf dem Totenbett offenbart, dass seine Mutter nicht tot ist, wie Arne geglaubt hat, sondern in Berlin lebt, und ihm gleichzeitig den Auftrag gibt, sie dort aufzusuchen und ihr ein verschlossenes Kästchen zu übergeben, beginnt für ihn ein wundersames Abenteuer.

Mit äußerst rudimentären Deutschkenntnissen und einem Paar strapazierfähiger gelber Schuhe macht Arne sich auf die Reise – und gerät schon bald in Schwierigkeiten. Doch ihm zur Seite stehen zwei Menschen, die der Himmel höchstpersönlich geschickt zu haben scheint: ein etwas wirrer Professor und eine kluge junge Frau im Rollstuhl. Wird Arne seiner Mutter begegnen? Wird er sein Glück finden in Berlin?

Die Taschenbuchausgabe umfasst 384 Seiten und ist im btb Verlag im Juni 2017 erschienen.

Über den Autor:Lesen ist großartig, aber schreiben ist vielleicht noch großartiger“, sagte Håkan Nesser einmal. Den deutschen Lesern ist er besonders durch die Reihe mit Kommissar Van Veeteren bekannt sowie durch die „Gunnar-Barbarotti“-Krimis. In Schweden sind seine Werke so anerkannt, dass zwei seiner Bücher zu Schulliteratur wurden: „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ sowie „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“. Das freut den Autor besonders, weil er bis 1998 als Lehrer tätig war. Der 1950 in der schwedischen Gemeinde Kumla geborene Schriftsteller hat Geisteswissenschaften studiert und Englisch und Schwedisch unterrichtet. Er lebt heute mit seiner Familie in London und auf Gotland.

Umschlaggestaltung: btb Verlag

Am 14. März 2020 besprechen wir im Lesekreis „Herkunft“ von Saša Stanišić. Wir treffen uns um 20.30 Uhr bei Karin.

Kurzbeschreibung
HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.
HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem die Bundesregierung die Grenzen nicht schloss und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh.
HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist.
In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden.
Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Saša Stanišić.

Über den Autor
Saša Stanišić, geboren am 7. März 1978 in Višegrad, Jugoslawien, ist ein aus Bosnien und Herzegowina stammender deutschsprachiger Schriftsteller. Er ist unter anderem Träger des Preises der Leipziger Buchmesse (Vor dem Fest, 2014) und des Deutschen Buchpreises (Herkunft, 2019).

Foto: Lesekreis

Am 01. Februar 2020 besprechen wir im Lesekreis „Durch deine Augen“ von Peter Høeg. Wir treffen uns um 20.30 Uhr bei Eli und Ibrahim.

Kurzbeschreibung
Simon hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Peter will ihm helfen und nimmt Kontakt mit der Therapeutin Lisa auf. Die drei waren einst Kindergartenfreunde, doch daran kann Lisa sich nicht mehr erinnern. Als Forscherin hat Lisa eine Methode gefunden, wie man das Bewusstsein eines Menschen als Hologramm sichtbar machen kann. So will sie Patienten helfen, wieder in eine echte Beziehung zu anderen zu treten. In ihrem Bemühen, den völlig in sich verschlossenen Simon zu retten, kommen sich Peter und Lisa näher. Auch die verschüttete Kindheit steigt wieder vor Lisa auf. Nach dem Bestseller „Der Susan Effekt“ ein neues Meisterstück von Peter Hoeg über umwerfende menschliche Begegnungen.

Über den Autor
Peter Høeg, 1957 in Kopenhagen geboren, ist mit dem Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee (Hanser 1994) zum internationalen Bestsellerautor geworden. Bei Hanser liegen außerdem vor: Vorstellung vom zwanzigsten Jahrhundert (Roman, 1992), Der Plan von der Abschaffung des Dunkels (Roman, 1995), Die Liebe und ihre Bedingungen in der Nacht des 19. März 1929 (Erzählungen, 1996), Die Frau und der Affe (Roman, 1997), Das stille Mädchen (Roman, 2007), Die Kinder der Elefantenhüter (Roman, 2010), Der Susan-Effekt (Roman, 2015) und Durch deine Augen (Roman, 2019). Peter Høeg lebt in der Nähe von Kopenhagen.