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Für Buchtrinker und Seitenfresser mit dem Faible für Ringelnatz

12. April 2008 | Von | Kategorie: Dies und Das, Für Buchtrinker und Seitenfresser, Gedichte, Lesekreis

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

“Knochiges Sturmhaubengesicht…geiernder Raubritterschädel!” – Kommentare wie diese muss Joachim Ringelnatz ein Leben lang über sich ergehen lassen. Dass er nicht wirklich das Bild eines Liebhabers abgibt, weiß niemand besser als er selbst: ” Ich bin überzeugt, dass mein Gesicht mein Schicksal bestimmt. Hätte ich ein anderes Gesicht, wäre mein Leben ganz anders, jedenfalls viel ruhiger verlaufen.

Ringelnatz leidet unter seiner Erscheinung, vor allem unter seiner großen Nase, die er schon früh bedichtet:

Hans freite des Nachbars Liesel so gern
Da drüben über der Straße.
Und sagt ihm die Liesel:
Sie mag keinen Mann
mit einer so langen Nase.

Joachim Ringelnatz, eigentlich Hans Bötticher (1883-1934), war Abenteurer, Seemann, Minensuchboot-Kommandant, Artist und Bohemien aus Sachsen (Leipzig). Die Nazis verboten ihm 1933 Kabarett-Auftritte und beschlagnahmten seine Bücher, ein Jahr später starb er völlig mittellos in Berlin. Sein Werk aber bleibt in der deutschen Literatur unsterblich. Seine Zeitgenossen liebten seine skurrilen und trotzig optimistischen Texte.

„Sein eigentliches künstlerisches Element war die Sprachphantastik, das erfinderische Spiel des Wortes, das er mit handwerklichem Sinn für Farbe und Kraft behandelte; das konnte lärmende Kaskaden geben, aber die besten seiner Verse soll man still und schlicht lesen, und dann schenken sie keine gedichtete Journalistik, sondern etwas sehr Altmodisches: Poesie.“ Theodor Heuss

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