Dezember 2020: Die Sommer von Ronya Othmann

Am 29. Dezember 2020 besprechen wir im Lesekreis Die Sommer von Ronya Othmann. Wir treffen uns um 20.30 Uhr online.

Nachtrag: Das treffen im Lesekreis wird auf den 5. Januar 2021 verschoben.

Kurzbeschreibung: Leyla ist die Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden… Das ergreifende Debüt der Gewinnerin des Publikumspreises des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (2019) über das Dasein zwischen zwei Welten

Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Leyla wird eine Entscheidung treffen müssen. Ronya Othmanns Debütroman ist voller Zärtlichkeit und Wut über eine zerrissene Welt.

Die gebundene Ausgabe umfasst 288 Seiten und ist im Jahr 2020 im Carl Hanser Verlag erschienen.

Über die Autorin: Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren und studierte am Literaturinstitut Leipzig. Sie erhielt unter anderem den MDR-Literaturpreis, den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, den Lyrik-Preis des Open Mike und den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs.

2018 war sie in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan, Irak, und schrieb bis August 2020 für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne „OrientExpress†œ über Nahost-Politik. 2020 erschien im Hanser Verlag ihr Debütroman Die Sommer, für den sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde.

Buchcover: Carl Hanser Verlag

November 2020: Hope Hill Drive von Garry Disher

Am 28. November 2020 besprechen wir im Lesekreis Hope Hill Drive von Garry Disher. Wir treffen uns um 20.30 Uhr online.

Kurzbeschreibung: Die Dezemberhitze brennt auf die trockenen Felder und den flimmernden Asphalt im australischen Tiverton. Constable Paul Hirschhausen leitet die Polizeistation der Kleinstadt im staubigen Niemandsland. Bagatelldiebstähle, Trunkenheit am Steuer – Hirsch hat nicht allzu viel zu tun. Bis ein Pferdemassaker die Anwohner erschüttert und dem Constable Rätsel aufwirft.

Die Medien wittern eine Story und fallen in Tiverton ein. Hirsch muss die Gemüter beruhigen, doch als auch noch eine Leiche gefunden wird, überschlagen sich die Ereignisse. Hinter den rostigen Gattern der entlegenen Farmen stößt Hirsch auf schlummernde Leidenschaften und explosive Gewalt.

Die gebundene Ausgabe umfasst 336 Seiten und ist im Jahr 2020 im Unionsverlag erschienen.

Über den Autor: Garry Disher, geboren 1949, wuchs im ländlichen Südaustralien auf. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, Kriminalromane und Kinderbücher. Sein Werk wurde für den Booker Prize nominiert und mehrfach ausgezeichnet, u. a. dreimal mit dem Deutschen Krimipreis sowie mit dem wichtigsten australischen Krimipreis, dem Ned Kelly Award. Garry Disher lebt an der Südküste von Australien in der Nähe von Melbourne.

Buchcover: Unionsverlag

Oktober 2020: The Girls von Emma Cline

Am 10. Oktober 2020 besprechen wir im Lesekreis The Girls von Emma Cline. Unser Treffen findet online über Zoom statt.

Kurzbeschreibung: Kalifornien, 1969. Evie Boyd ist vierzehn und möchte unbedingt gesehen werden †“ aber weder die frisch geschiedenen Eltern noch ihre einzige Freundin beachten sie. Doch dann, an einem der endlosen Sommertage, begegnet sie ihnen: den „Girls†œ. Das Haar, lang und unfrisiert. Die ausgefransten Kleider. Ihr lautes, freies Lachen. Unter ihnen ist auch die ältere Suzanne, der Evie verfällt. Mit ihnen zieht sie zu Russell, einem Typ wie Charles Manson, dessen Ranch tief in den Hügeln liegt. Gerüchte von Sex, wilden Partys, Einzelne, die plötzlich ausreißen. Evie gibt sich der Vision grenzenloser Liebe hin und merkt nicht, wie der Moment naht, der ihr Leben mit Gewalt für immer zerstören könnte.

Die gebundene Ausgabe umfasst 352 Seiten und ist im Juli 2016 im Carl Hanser Verlag erschienen.

Über die Autorin: Emma Cline, geboren 1989, wuchs mit ihren sechs Geschwistern im nordkalifornischen Sonoma auf. Nach einem Master of Fine Arts an der Columbia University zog sie nach Brooklyn. Sie schreibt u. a. für den New Yorker und Oprah Winfreys Magazin O., 2014 hat sie den Plimpton Prize for Fiction der Paris Review erhalten. 2016 ist bei Hanser ihr Debütroman The Girls erschienen.

Buchcover: Carl Hanser Verlag

August 2020: Der Gesang der Fledermäuse von Olga Tokarczuk

Der Neuzugang in unserem Lesekreis stammt aus der Feder der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk und heißt Der Gesang der Fledermäuse. Wir besprechen den Roman am 22. August 2020 und treffen uns um 20.30 Uhr bei Heike und Christian.

Kurzbeschreibung:
Im Sommer tummeln sich wohlhabende Städter auf dem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze. Im Winter fliehen die allermeisten Einwohner den windumtosten Ort. An den langen dunklen Tagen widmet sich Janina Duszejko der Astrologie und der Lyrik des von ihr verehrten William Blake. Man hält die ältere Dame für verschroben, wenn nicht gar für verrückt, auch weil sie die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vorzieht. Dann gibt es einen Toten. Janinas Nachbar Bigfoot ist grausam erstickt: In seiner Kehle steckt der Knochen eines Rehs. Und es bleibt nicht bei einer Leiche. Janina ermittelt auf eigene Faust. Kriminalfall, philosophischer Essay, Fabel, literarisches Spiel †“ auf ebenso komische wie ergreifende Weise zeigen Olga Tokarczuk und ihre hinreißende Heldin, wie sehr es unserer Gesellschaft an Respekt mangelt, ob der Natur und den Tieren oder jenen Menschen gegenüber, die am Rande stehen.

Die gebundene Ausgabe umfasst 320 Seiten und ist im November 2020 in der deutschen Übersetzung im Kampa Verlag erschienden.

Über die Autorin:
Olaga Tokarczuk, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Ihr Werk wurde in 37 Sprachen übersetzt. 2019 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, geehrt und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für Unrast. Zum Schreiben zieht Olga Tokarczuk sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.

Buchcover: Kampa Verlag

Menschen wie wir: Die Bagage von Monika Helfer

Menschen wie wir
DIE BAGAGE

Ein Päckchen zu tragen

haben die Protagonisten in Monika Helfers neuem Roman DIE BAGAGE.

Maria und Josef Moosbrugger leben mit ihren Kindern am Rande eines kleinen Dorfes in Österreich. Sie sind die Randständigen, die Außenseiter, die Bagage. Von den Leuten im Dorf misstrauisch beobachtet, denn haben sie doch etwas, das ihnen fehlt.

Maria ist die schönste Frau weit und breit. Schwarzhaarig, mit aufrechtem Gang und wogendem Busen. Schneewittchen könnte schöner nicht sein. Und auch Josef beeindruckt die Frauen durch sein schmuckes Äußeres. Seine Haare ebenfalls schwarz, sein Hemd blütenweiß und riechen tut er auch gut, dank Marias Zitronenseife. Jeden Morgen wäscht er sich von Kopf bis Fuß mit dem Wasser aus dem Bach.

Verkommen scheinen sie nicht zu sein, die Armen. Die Reichen sind es hier, die nicht mithalten können. Äußerlich nicht gepflegt und auch innerlich voll schlechter Gedanken. Als Maria mitten im Krieg schwanger wird, setzt das Getuschel ein. Kann der Josef denn überhaupt der Vater sein? Er ist doch an der Front und war nur zwei Mal da auf Heimaturlaub. Oder war es der Georg aus Hannover, der Maria zwei Mal in dem Haus besucht hat?

Diese Frage wird Monika Helfer uns nicht beantworten. Wir müssen uns aus all den Indizien, dem Gerede, den Vermutungen selber ein Bild zusammensetzen.

Wie ist es gewesen 1914 als Josef nicht da war und Maria sich in den Georg verliebte? Der so anders ist als ihr stolzer und schweigsamer Ehemann, der außerhalb des Ehebettes zu keiner Zärtlichkeit fähig ist.

Georg ist die einzige Liebe ihres Lebens, ein Mann, der sich nicht nur für ihr Äußeres interessiert, sondern sie so sieht, wie sie ist.

Als er das Dorf verlässt, ist sie gebrochen.

Monika Helfer hat dieses Buch geschrieben, um sich mit ihrer Herkunft auseinander zu setzen. Es geht ihr dabei wie vielen von uns. Man weiß etwas, aber das meiste nur vom Hörensagen. Dieses Buch flüstert aus vielen Perspektiven und wir sind als LeserInnen gefordert. Die Autorin wertet nicht, sie wispert uns diese Geschichten zu. Sie sind nicht auserzählt. Wir können uns unseren Teil denken. So ist der Text in seiner Aussage so diffus wie das kongenial ausgesuchte Portrait von Gerhard Richter auf dem Cover.

Vielen herzlichen Dank an Gerlinde Moorkamp für ihre lesenswerte Interpretation zu Die Bagage von Monika Helfer.

Buchcover: Hanser Verlag