Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 16

Little Brother

Kapitel 16

Dieses Kapitel ist San Franciscos Booksmith gewidmet, versteckt im legendären Haight-Ashbury-Viertel, nur ein paar Türen hinter Ben and Jerry†™s an eben dieser Ecke Haight und Ashbury. Die Leute von Booksmith wissen genau, wie man eine Autorenlesung veranstalten muss †“ als ich in San Francisco lebte, war ich ständig dort, um unglaubliche Autoren zu hören (William Gibson war unvergesslich). Sie produzieren auch kleine Sammelkarten für jeden Autor †“ ich habe zwei von meinen eigenen Lesungen dort.

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Zuerst wirkte Mom schockiert, dann wütend, und schließlich gab sie es ganz auf und saß bloß noch mit offenem Mund da, während ich sie durch die Vernehmungen führte, durch mein Einpinkeln, den Sack über meinem Kopf, Darryl. Ich zeigte ihr den Zettel.

†œWarum…?†

Es war alles in diesem einen Wort: All die Vorwürfe, die ich mir während der Nächte machte, jeder Moment, den es mir an Mut mangelte, der Welt zu berichten, worum es wirklich ging, warum ich in Wirklichkeit kämpfte und was das Xnet in Wahrheit inspiriert hatte.

Ich atmete tief durch.

†œSie haben mir gesagt, ich würde ins Gefängnis gehen, wenn ich darüber rede. Nicht nur für ein paar Tage. Für immer. Ich… ich hatte Angst.†

Mom saß eine lange Zeit nur bei mir und sagte kein Wort. Dann: †œUnd was ist mit Darryls Vater?† Genauso gut hätte sie mir eine Stricknadel in die Brust bohren können. Darryls Vater. Er musste glauben, dass Darryl schon lange, lange tot war.

Und war er es etwa nicht? Wenn das DHS dich widerrechtlich drei Monate lang festgehalten hat, lassen sie dich dann überhaupt noch mal raus?

Aber Zeb war rausgekommen. Vielleicht würde Darryl auch rauskommen. Vielleicht konnten ich und das Xnet dabei helfen, Darryl rauszubekommen.

†œIch hab es ihm nicht erzählt.†

Jetzt fing Mom an zu weinen. Das tat sie nicht oft; es war ihre britische Ader. Das machte ihre kleinen hicksenden Schluchzer noch viel schwerer zu ertragen.

†œDu wirst es ihm erzählen†, brachte sie hervor. †œDu musst.†

Ja.†

†œAber zuerst müssen wir es deinem Vater erzählen.†

Dad kam längst nicht mehr zu einer bestimmten Zeit nach Hause. Durch seine Beratungstätigkeit †“ seine Kunden hatten jetzt reichlich Arbeit, seit das DHS sich auf der Halbinsel nach Data-Mining-Startups umsah †“ und die lange Pendelei nach Berkeley kam er irgendwann zwischen sechs Uhr abends und Mitternacht nach Hause.

Heute abend rief Mom ihn an und sagte, er möge †œauf der Stelle† heimkommen. Er entgegnete etwas, und sie wiederholte bloß †œauf der Stelle†.

Als er ankam, hatten wir uns im Wohnzimmer hingesetzt und den Zettel zwischen uns auf den Kaffeetisch gelegt.

Beim zweiten Mal fiel das Erzählen leichter. Das Geheimnis war nicht mehr so drückend. Ich schönte nichts, und ich verheimlichte nichts. Ich redete mir alles von der Seele.

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Ich hatte die Phrase schon gehört, aber nie zuvor begriffen, was sie eigentlich bedeutete. Das Geheimnis für mich zu behalten hatte mich beschmutzt, meinen Geist verdorben. Es hatte mich ängstlich und beschämt gemacht. Es hatte mich zu all dem gemacht, was Ange über mich gesagt hatte.

Dad saß die ganze Zeit steif wie ein Amboss da, sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Als ich ihm den Zettel reichte, las er ihn zwei Mal und legte ihn dann sorgfältig beiseite.

Er schüttelte den Kopf, stand auf und ging zur Haustür.

†œWohin gehst du?†, fragte Mom besorgt.

†œIch muss mal um den Block†, war alles, was er mit brechender Stimme hervorbrachte.

[X]

Wir sahen einander unsicher an, Mom und ich, und warteten auf seine Rückkehr. Ich versuchte mir vorzustellen, was in seinem Kopf vorgehen mochte. Nach den Attentaten war er ein so anderer Mensch geworden, und ich wusste von Mom, dass das, was ihn geändert hatte, die Tage waren, während derer er mich für tot gehalten hatte. Er war zu der Ansicht gelangt, dass die Terroristen seinen Sohn beinahe getötet hatten, und das hatte ihn verrückt gemacht.

Verrückt genug, um alles zu tun, was das DHS von ihm verlangte: sich einzureihen wie ein braves kleines Lamm, sich kontrollieren zu lassen, sich antreiben zu lassen.

Und nun wusste er, dass es das DHS war, das mich gefangen gehalten hatte, dasselbe DHS, das San Franciscos Kinder in Gitmo-an-der-Bay als Geiseln hielt. Es war auch völlig logisch, jetzt, da ich drüber nachdachte. Natürlich musste es Treasure Island sein, wo man mich gefangen gehalten hatte. Was sonst war zehn Minuten Bootsfahrt von San Francisco entfernt?

Als Dad zurückkam, sah er so zorniger aus als jemals zuvor im Leben.

†œDu hättest es mir erzählen müssen!†, polterte er.

Mom stellte sich zwischen ihn und mich. †œDu beschuldigst den Falschen†, sagte sie. †œEs war doch nicht Marcus, der für das Kidnapping und die Einschüchterung verantwortlich war.†

Er schüttelte den Kopf und stampfte. †œIch beschuldige nicht Marcus. Ich weiß nur zu genau, wer hier schuld ist. Ich. Ich und das dumme DHS. Zieht eure Schuhe an und holt eure Mäntel.†

†œWohin gehen wir?†

†œZuerst zu Darryls Vater. Und dann besuchen wir Barbara Stratford.†

Der Name Barbara Stratford sagte mir irgendwas, aber mir fiel nicht ein, was. Mochte sein, dass sie eine alte Freundin meiner Eltern war, aber ich konnte sie nicht einordnen.

Erst mal waren wir jetzt zu Darryls Vater unterwegs. Ich hatte mich nie sehr wohl gefühlt in der Gegenwart des alten Mannes, der Funker bei der Navy gewesen war und seinen Haushalt straff wie auf dem Schiff organisierte. Er hatte Darryl schon Morsecode beigebracht, als der noch ein Kind war, und das hatte ich ziemlich cool gefunden. Das war übrigens einer der Gründe dafür, dass ich wusste, ich konnte Zebs Nachricht trauen. Aber auf jedes coole Ding wie Morsecode kam bei Darryls Vater irgendeine schwachsinnige militärische Disziplinnummer aus anscheinend reinem Selbstzweck †“ zum Beispiel bestand er auf perfektes Bettenbauen und auf zwei Rasuren pro Tag. Das trieb Darryl ziemlich auf die Palme.

Darryls Mutter hatte das auch nicht so dufte gefunden und war zu ihrer Familie nach Minnesota zurückgegangen, als Darryl zehn war; er verbrachte seine Sommer- und Weihnachtsferien dort.

Ich saß hinten im Auto und konnte den Hinterkopf meines Vaters betrachten, während er fuhr. Seine Muskeln im Nacken waren angespannt und waren in steter Bewegung, weil er mit seinen Kiefern mahlte.

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Mom behielt ihre Hand auf seinem Arm, aber es war niemand da, der mich tröstete. Wenn ich doch bloß Ange anrufen könnte. Oder Jolu. Oder Van. Naja, vielleicht, wenn dieser Tag rum war.

†œEr muss seinen Sohn innerlich schon beerdigt haben†, sagte Dad, während wir uns auf den Haarnadelkurven hinauf nach Twin Peaks dem Häuschen näherten, in dem Darryl und sein Vater lebten. Es war neblig um Twin Peaks, wie so oft bei Nacht in San Francisco, und das Scheinwerferlicht wurde zu uns zurückreflektiert. In jeder Kurve sah ich die Täler der Stadt tief unter uns, Schüsseln voller glitzernder Lichter, die sich im Nebel bewegten.

†œIst es das?†

†œJa†, sagte ich, †œdas ist es.† Ich war nun monatelang nicht bei Darryl gewesen, aber ich hatte in all den Jahren genug Zeit hier verbracht, um sein Haus auf Anhieb zu erkennen.

Wir drei standen einen ausgedehnten Moment lang ums Auto herum, um zu sehen, wer gehen und an der Tür klingeln würde. Zu meiner eigenen Überraschung war ich es.

Ich klingelte, und wir warteten in angespanntem Schweigen eine Minute lang. Dann klingelte ich erneut. Der Wagen von Darryls Vater stand in der Auffahrt, und wir hatten im Wohnzimmer ein Licht brennen sehen. Gerade wollte ich ein drittes Mal klingeln, als die Tür geöffnet wurde.

†œMarcus?† Ich erkannte Darryls Vater kaum wieder. Unrasiert, in einem Hausmantel und barfuß, mit langen Zehennägeln und roten Augen. Er hatte Gewicht zugelegt, und unter dem kräftigen Soldatenkinn war ein weiches Doppelkinn zu erkennen. Sein dünnes Haar war strähnig und ungepflegt.

†œMr. Glover†, sagte ich. Meine Eltern schoben sich hinter mir zur Tür herein.

†œHallo, Ron†, sagte meine Mutter.

†œRon†, sagte mein Vater.

†œIhr auch? Was ist los?†

†œKönnen wir reinkommen?†

Sein Wohnzimmer sah aus wie eins jener Zimmer, die man in den Nachrichtenmeldungen über verwahrloste Jugendliche sieht, die einen Monat eingeschlossen sind, bevor sie von den Nachbarn gerettet werden: Schachteln für Tiefkühlkost, leere Bierdosen und Saftflaschen, schmutzige Müslischüsseln und stapelweise Zeitungen. Ein Hauch von Katzenpisse hing in der Luft, und Müll knirschte unter unseren Füßen. Selbst ohne die Note von Katzenpisse wäre der Geruch unglaublich gewesen, wie in einem Bahnhofsklo.

Die Couch war mit einem schmuddeligen Laken und ein paar fettig glänzenden Kissen bedeckt, und die Polster waren eingedrückt wie nach vielen Nächten Schlaf.

Wir standen alle für einen langen, schweigsamen Moment da, während dessen Verlegenheit alle anderen Gefühle überlagerte. Darryls Vater sah aus, als wolle er auf der Stelle sterben.

Langsam räumte er dann die Laken vom Sofa, räumte die Stapel schmutzigen Geschirrs von einigen der Sofas und trug sie in die Küche, wo er sie, dem Geräusch nach zu urteilen, auf den Boden fallen ließ.

Vorsichtig setzten wir uns auf die Plätze, die er freigeräumt hatte, dann kam er zurück und setzte sich ebenfalls.

†œEs tut mir Leid†, sagte er undeutlich. †œIch kann euch wirklich keinen Kaffee anbieten. Ich rechne für morgen mit der Lebensmittellieferung, deshalb bin ich ein bisschen knapp…†

†œRon†, sagte mein Vater. †œHör uns bitte zu. Wir haben dir etwas zu erzählen, und es wird nicht leicht sein, es anzuhören.†

Er saß wie eine Statue da, während ich berichtete.

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Dann starrte er auf den Zettel, las ihn augenscheinlich, ohne ihn zu begreifen, und las ihn noch einmal. Dann gab er ihn mir zurück.

Er zitterte.

†œEr…†

†œDarryl lebt†, sagte ich. †œDarryl lebt, und er wird auf Treasure Island als Gefangener festgehalten.†

Er presste seine Faust in seinen Mund und gab ein furchterregendes Stöhnen von sich.

†œWir haben eine Freundin†, sagte mein Vater. †œSie schreibt für den ,Bay Guardian†™. Eine investigative Reporterin.†

Daher also kannte ich den Namen. Die kostenlose Wochenzeitung †œGuardian† verlor häufiger ihre Reporter an die größeren Tageszeitungen und ans Internet, aber Barbara Stratford war dort schon seit Ewigkeiten. Ich hatte eine vage Erinnerung an ein Abendessen mit ihr, als ich ein Kind war.

†œWir gehen jetzt zu ihr†, sagte meine Mutter. †œWirst du mit uns kommen, Ron? Wirst du ihr Darryls Geschichte erzählen?†

Er schlug die Hände vors Gesicht und atmete schwer. Dad versuchte ihm die Hand auf die Schulter zu legen, aber Mr. Glover schüttelte sie vehement ab.

†œIch muss mich auf Vordermann bringen†, sagte er. †œGebt mir eine Minute.†

Mr. Glover kam als veränderter Mensch wieder die Treppe herunter. Er hatte sich rasiert und sein Haar zurückgegelt, und er hatte eine makellose Militär-Ausgehuniform mit einer Reihe Abzeichen auf der Brust angezogen. Am Fuß der Treppe blieb er stehen und wies auf die Uniform.

†œIch habe momentan nicht allzu viele saubere Sachen, die vorzeigbar sind. Und das hier schien mir angemessen. Ihr wisst schon, falls sie Fotos machen möchte.†

Er und Dad saßen vorn und ich auf dem Rücksitz hinter ihm. Aus der Nähe roch er ein wenig nach Bier, als ob es durch seine Poren käme.

Als wir in Barbara Stratfords Einfahrt bogen, war es bereits Mitternacht. Sie lebte außerhalb der Stadt, unten in Mountain View, und während wir über die 101 sausten, sprach keiner von uns ein Wort. Die Hightech-Gebäude längs des Highways flitzten an uns vorbei.

Das war eine ganz andere Bay Area als die, in der ich lebte, eher wie das kleinstädtische Amerika, das ich manchmal im Fernsehen sah. Jede Menge Autobahnen und segmentierte Ansammlungen identischer Häuser; Städte, in denen kein einziger Obdachloser seinen Einkaufswagen den Bürgersteig entlang schob †“ hier gab es nicht einmal Bürgersteige!

Mom hatte Barbara Stratford angerufen, während wir darauf warteten, dass Mr. Glover wieder runterkam. Die Journalistin hatte schon geschlafen, aber Mom war so erregt gewesen, dass sie völlig vergessen hatte, sich britisch zu benehmen und peinlich berührt zu sein, sie geweckt zu haben; stattdessen hatte sie ihr nachdrücklich erzählt, dass sie etwas zu besprechen habe und dass es persönlich sein müsse.

Als wir zu Barbara Stratfords Haus hochrollten, war meine erste Assoziation Brady Bunch †“ ein geducktes Ranch-Haus mit Ziegelverblendung und ordentlichem, vollkommen quadratischem Rasen. Die Verblendung hatte ein abstraktes Kachelmuster, und dahinter ragte eine altmodische UHF-TV-Antenne hervor. Wir gingen ums Haus herum zum Eingang und sahen, dass drinnen bereits Licht brannte.

Die Schreiberin öffnete die Tür, bevor wir auch nur eine Chance hatten, den Klingelknopf zu drücken. Sie war etwa so alt wie meine Eltern, mit scharf profilierter Nase und klugen Augen mit vielen Lachfältchen. Sie trug Jeans, die hip genug waren, um auch in einer der Boutiquen auf Valencia Street durchzugehen, und eine weite indische Baumwollbluse, die ihr bis über die Oberschenkel hing.

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Ihre kleinen runden Brillengläser blitzten im Licht ihres Korridors.

Sie schenkte uns die Andeutung eines Lächelns.

†œWie ich sehe, seid ihr mit der ganzen Sippe angereist.†

Mom nickte. †œDu wirst gleich verstehen, warum†, sagte sie.

Mr. Glover trat hinter Dad hervor.

†œUnd die Navy habt ihr auch angefordert?†

†œAlles zu seiner Zeit.†

Wir wurden ihr vorgestellt. Sie hatte einen festen Händedruck und langgliedrige Finger.

Ihr Heim war japanisch-minimalistisch eingerichtet mit nur wenigen wohlproportionierten, niedrigen Möbelstücken, großen Tongefäßen mit Bambus, dessen Wedel bis zur Decke ragten, und etwas, das aussah wie großes, verrostetes Bauteil eines Dieselaggregats auf einem polierten Marmorsockel. Ich entschied mich dafür, es zu mögen. Die Fußböden waren altes Holz, gesandet und gebeizt, aber nicht versiegelt, so dass man Risse und Vertiefungen unter dem Firnis sehen konnte. Das mochte ich wirklich sehr, insbesondere, als ich auf Socken darüberlief.

†œIch habe Kaffee aufgesetzt†, sagte sie. †œWer möchte welchen?† Wir hoben alle die Hände. Ich blickte meine Eltern herausfordernd an.

†œOkay†, sagte sie.

Sie verschwand in einem anderen Raum und kam kurz darauf mit einem groben Bambustablett zurück, auf dem eine Zwei-Liter-Thermoskanne und sechs Tassen in sehr präziser Formgebung, aber grobschlächtiger Dekoration standen. Die mochte ich auch.

†œNun denn†, sagte sie, nachdem sie eingeschenkt und verteilt hatte. †œEs ist sehr schön, euch alle mal wieder zu sehen. Marcus, als ich dich letztes Mal gesehen habe, warst du ungefähr sieben Jahre alt. Und wenn ich mich recht erinnere, warst du damals sehr begeistert von deinen neuen Videospielen, die du mir gezeigt hast.†

Ich erinnerte mich daran überhaupt nicht, aber es klang genau nach dem, wofür ich mich mit sieben begeistert hatte. Musste wohl meine Sega Dreamcast gewesen sein.

Sie holte ein Tonbandgerät, einen gelben Block und einen Kugelschreiber und drehte den Stift auf. †œIch bin bereit, anzuhören, was immer ihr mir zu erzählen habt, und ich kann euch versprechen, dass ich alles, was ich höre, vertraulich behandeln werde. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich das, was ich höre, irgendwie verwenden werde oder dass es veröffentlicht werden wird.† Die Art, wie sie das sagte, machte mir klar, dass diese Lady meiner Mom, die sie aus dem Bett geklingelt hatte, einen sehr großen Dienst erwies, Freundinnen hin oder her. Berühmte investigative Reporterin musste manchmal ein ganz schöner Scheißjob sein. Wahrscheinlich waren eine Million Leute heiß drauf, dass sie sich ihrer Fälle annahm.

Mom nickte mir zu. Obwohl ich die Story in dieser Nacht schon drei Mal erzählt hatte, ging sie mir dieses Mal nicht so leicht über die Lippen. Das hier war was anderes, als es meinen Eltern zu erzählen. Es war auch was anderes, als es Darryls Vater zu erzählen. Das hier, das würde dem Spiel eine völlig neue Wendung geben.

Ich fing langsam an und beobachtete Barbara dabei, wie sie sich Notizen machte. Ich trank eine ganze Tasse Kaffee nur während der Erklärung, was ARG war und wie ich zum Spielen aus der Schule rauskam. Mom, Dad und Mr. Glover hörten dabei besonders aufmerksam zu. Ich schenkte mir eine zweite Tasse ein und trank sie über dem Bericht unserer Festnahme aus. Als ich mit der kompletten Geschichte durch war, hatte ich die Kanne leer gemacht und hatte Druck auf der Blase wie ein Rennpferd.

Ihr Badezimmer war genauso puristisch wie das Wohnzimmer, und es gab braune Öko-Seife, die wie reiner Schlamm roch.

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Ich kam wieder zurück und sah die Augen aller Erwachsenen auf mir ruhen.

Dann erzählte Mr. Glover seine Geschichte. Er konnte nichts darüber berichten, was passiert war, aber er erzählte, dass er ein Veteran sei und sein Sohn ein guter Junge. Er sprach darüber, wie er sich gefühlt hatte, als er annehmen musste, dass sein Sohn tot war, und wie seine Ex-Frau einen Zusammenbruch erlitten hatte und in die Klinik kam. Er weinte ein wenig und schämte sich nicht dafür, wie die Tränen über sein zerfurchtes Gesicht liefen und den Kragen seiner Ausgehuniform benetzten.

Als alles gesagt war, verschwand Barbara in einem anderen Zimmer und kam mit einer Flasche irischem Whiskey zurück. †œEin 15-jähriger Bushmills, im Rum-Fass gelagert†, sagte sie, während sie vier kleine Gläser hinstellte. Keins für mich. †œDieser hier wird seit zehn Jahren nicht mehr verkauft. Ich glaube, dies ist wohl ein angemessener Moment, ihn anzubrechen.†

Sie goss allen ein kleines Gläschen ein, hob ihres, nippte daran und leerte es zur Hälfte. Die anderen taten es ihr nach. Sie tranken nochmals und leerten die Gläser. Sie goss ihnen neu ein.

†œAlso†, begann sie. †œIm Moment kann ich euch folgendes sagen: Ich glaube euch. Nicht nur, weil ich dich kenne, Lillian. Die Story klingt schlüssig und fügt sich in einige andere Gerüchte ein, die mir zugetragen wurden. Aber es wird nicht reichen, mich allein auf euer Wort zu verlassen. Ich werde jeden einzelnen Aspekt dieser Sache recherchieren müssen und jedes kleine Teilchen eures Lebens und eurer Geschichte. Ich muss wissen, ob es irgendetwas gibt, das ihr mir noch nicht erzählt habt und das dazu dienen könnte, euch zu diskreditieren, nachdem diese Sache ans Licht kommt. Ich brauche alles. Es könnte Wochen dauern, bevor ich etwas veröffentlichen kann.

Ihr müsst auch an eure Sicherheit denken und an die Sicherheit dieses Darryl. Wenn er wirklich eine ,Unperson†™ ist, dann könnte jeder Druck, den wir auf das DHS ausüben, dazu führen, dass sie ihn sehr weit weg bringen, zum Beispiel nach Syrien. Sie könnten auch etwas noch viel Schlimmeres tun.† Sie ließ das so in der Luft hängen. Ich wusste, dass sie meinte, sie könnten ihn töten.

†œIch werde jetzt diese Nachricht einscannen. Und ich brauche Fotos von euch beiden, jetzt gleich und später. Wir können noch einen Fotografen rumschicken, aber ich will alles heute Nacht schon möglichst sorgfältig dokumentieren.†

Ich ging mit in ihr Büro, um zu scannen. Ich hatte einen schicken Kleincomputer erwartet, der zur Einrichtung passte, aber tatsächlich war ihr kombiniertes Schlaf- und Arbeitszimmer gerammelt voll mit High-End-Rechnern, großen Flachbildschirmen und einem Monster-Scanner, mit dem man eine ganze Zeitungsseite auf einmal einlesen konnte. Und mit all dem ging sie sehr souverän um. Mit einiger Befriedigung registrierte ich, dass sie mit Paranoid-Linux arbeitete. Diese Lady nahm ihren Job ernst.

Die Computerlüfter sorgten schon für sehr effektive Geräuschunterdrückung, dennoch schloss ich die Tür und trat nah an sie heran.

†œBarbara?†

Ja?†

†œWas Sie vorhin gesagt haben, über Dinge, die geeignet wären, mich zu diskreditieren…†

Ja?†

†œWas ich Ihnen erzähle: Man kann Sie doch nicht zwingen, das jemandem weiterzuerzählen?†

†œTheoretisch schon. Aber sagen wir so: Ich bin schon zwei Mal ins Gefängnis gegangen, statt einen Informanten preiszugeben.†

†œOkay, okay. Gut. Wow. Knast. Wow. Okay.† Ich atmete tief ein. †œSie haben doch schon vom Xnet und von M1k3y gehört?†

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Ja, und?†

†œIch bin M1k3y.†

†œOh†, sagte sie. Sie hantierte am Scanner und drehte den Zettel um, um auch die Rückseite einzulesen. Sie scannte mit irgendeiner unglaublich hohen Auflösung, 10.000 dpi oder noch mehr, und am Schirm sah der Scan aus wie der Ausdruck eines Rastertunnelmikroskops.

†œNun, das wirft ein anderes Licht auf die Sache.†

†œJa†, sagte ich. †œSo siehts wohl aus.†

†œUnd deine Eltern wissen nichts davon.†

†œNichts. Und ich bin nicht sicher, ob sies wissen sollten.†

†œDas ist etwas, das du selbst entscheiden musst. Ich muss drüber nachdenken. Kannst du mich im Büro besuchen? Ich würde gern mit dir darüber sprechen, was genau das alles bedeutet.†

†œHaben Sie eine Xbox Universal? Ich würde einen Installer mitbringen.†

†œJa, ich bin sicher, das lässt sich arrangieren. Wenn du kommst, dann sag am Empfang, dass du Mr. Brown bist und mich sprechen möchtest. Dort wissen sie, was das bedeutet. Deine Ankunft wird nirgends registriert, und die Aufzeichnungen dieses Tages aus den Überwachungskameras werden automatisch gelöscht und die Kameras ausgeschaltet, bis du wieder gehst.†

†œWow†, sagte ich. †œSie denken wie ich.†

Sie lächelte und knuffte mich in die Schulter. †œMein Junge, ich bin schon verdammt lange in diesem Spiel. Und bislang habe ich es geschafft, mehr Zeit in Freiheit als hinter Gittern zu verbringen. Paranoia ist meine Freundin.†

Am nächsten Tag hing ich wie ein Zombie in der Schule rum. Ich hatte nur noch drei Stunden Schlaf bekommen, und nicht mal drei Tassen Koffeinschlamm beim Türken hatten mein Gehirn auf Touren bringen können. Das Problem mit Koffein ist, dass man sich zu leicht dran gewöhnt und dann immer höhere Dosen braucht, nur um sein Level zu halten.

Ich hatte in der Nacht darüber gegrübelt, was ich zu tun hatte. Und es war so, wie durch ein Labyrinth mit lauter verzweigten kleinen Gängen zu rennen, die alle gleich aussahen und alle in der gleichen Sackgasse endeten. Wenn ich zu Barbara ging, war es aus für mich. Darauflief es hinaus, ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte.

Als der Schultag vorbei war, wollte ich bloß noch heim und ins Bett kriechen. Aber ich hatte eine Verabredung beim †œBay Guardian† unten am Wasser. Ich hielt meinen Blick auf meine Füße gerichtet, als ich aus dem Tor rauswankte, und als ich in die 24. Straße abbog, lief plötzlich ein zweites Paar Füße neben meinen her. Ich erkannte die Schuhe und blieb stehen.

†œAnge?†

Sie sah so aus, wie ich mich fühlte. Übernächtigt, mit Waschbäraugen und einem traurigen Zug um die Mundwinkel.

†œHi du†, sagte sie. †œÜberraschung. Ich hab mir selbst schulfrei gegeben. Konnte mich sowieso nicht mehr konzentrieren.†

†œÄh.†

†œHalt den Mund und umarm mich, du Idiot.†

Tat ich sofort. Mann, war das gut. Besser als gut. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Teil meiner selbst amputiert, und jetzt hätte man ihn wieder angeflickt.

†œIch liebe dich, Marcus Yallow.†

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†œIch liebe dich, Angela Carvelli.†

†œOkay†, unterbrach sie. †œIch mochte deinen Blogeintrag darüber, warum du nicht mehr jammst. Kann ich respektieren. Und wie weit bist du mit deiner Suche nach einer Methode, sie zu jammen, ohne dich erwischen zu lassen?†

†œIch gehe grade zu einer Verabredung mit einer investigativen Journalistin, die eine Story darüber drucken will, wie ich in den Knast gekommen bin, wie ich das Xnet ins Leben gerufen habe und wie Darryl vom DHS wider- rechtlich in einem Geheimknast auf Treasure Island gefangen gehalten wird.†

†œOh.† Sie blickte sich kurz um. †œHättest du dir nicht auch was… Ehrgeiziges ausdenken können?†

†œKommst du mit?†

†œIch komm mit, ja. Und wenns dir nichts ausmacht, könntest du mir auf dem Weg dahin auch schon mal alles im Detail erklären.†

Nach all den wiederholten Erzählungen fiel mir diese am leichtesten; während wir zur Potrero Avenue und runter zur 15. Straße liefen, hielt sie meine Hand und drückte sie häufig.

Wir nahmen zu den Büroräumen des †œBay Guardian† hoch immer zwei Treppenstufen auf einmal. Mein Herz wummerte. Ich kam am Empfangstresen an und sagte dem gelangweilten Mädchen dahinter: †œIch bin hier mit Barbara Stratford verabredet. Mein Name ist Mr. Green.†

†œIch nehme an, Sie meinen Mr. Brown?†

†œJa.† Ich errötete. †œMr Brown.†

Sie machte irgendwas an ihrem Computer und sagte dann: †œNehmen Sie Platz. Barbara wird in einer Minute bei Ihnen sein. Kann ich Ihnen irgendetwas anbieten?†

†œKaffee†, sagten wir wie aus einem Mund. Noch ein Grund, Ange zu lieben: Wir waren von derselben Droge abhängig.

Die Rezeptionistin †“ eine hübsche Latina, kaum älter als wir, in Gap-Klamotten so alt, dass sie schon wieder retroschick waren †“ nickte, ging hinaus und kam mit zwei Bechern zurück, die mit dem Logo der Zeitung bedruckt waren.

Wir schlürften still vor uns hin und beobachteten das Kommen und Gehen von Besuchern und Reportern. Endlich kam Barbara auf uns zu. Sie trug ziemlich genau das Gleiche wie in der Nacht zuvor. Stand ihr gut. Sie hob eine Augenbraue, als sie sah, dass ich jemanden mitgebracht hatte.

†œHallo†, sagte ich. †œÄh, das ist…†

†œMs. Brown†, warf Ange ein und streckte ihr die Hand entgegen. Ach klar, unsere Identitäten sollten ja geheim bleiben. †œIch arbeite mit Mr. Green zusammen.† Sie stupste mich mit dem Ellenbogen an.

†œGehen wir also†, sagte Barbara und führte uns in einen Konferenzraum mit langen Glaswänden, deren Jalousien geschlossen waren. Sie legte ein Tablett voller Whole-Foods-Biokekse, einen Digitalrecorder und wieder einen gelben Block auf den Tisch.

†œMöchtest du, dass ich das hier auch aufzeichne?†, fragte sie.

Hatte mir darüber echt noch keine Gedanken gemacht. Mir war klar, dass es nützlich sein könnte, wenn ich nachträglich dementieren wollte, was Barbara gedruckt haben würde. Trotzdem: Wenn ich mich nicht drauf verlassen konnte, dass sie meine Aussagen korrekt behandelte, dann war ich sowieso geliefert.

†œNein, ist schon okay†, sagte ich.

†œNun gut, dann los. Junge Dame, mein Name ist Barbara Stratford, und ich bin eine investigative Reporterin. Ich vermute, dass Sie wissen, warum ich hier bin, und es würde mich interessieren zu erfahren, warum Sie hier sind.†

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†œIch arbeite mit Marcus im Xnet. Müssen Sie meinen Namen wissen?†

†œJetzt noch nicht unbedingt†, sagte Barbara. †œSie können anonym bleiben, wenn Sie möchten. Marcus, ich hatte dich gebeten, mir diesen Teil der Geschichte zu erzählen, weil ich wissen muss, wie sie mit der Geschichte über deinen Freund Darryl und den Zettel, den du mir gezeigt hast, zusammenpasst. Ich könnte mir vorstellen, dass sie eine gute Dreingabe wäre: Ich könnte sie als den Ursprung des Xnet darstellen. ,Sie machten sich einen Feind, den sie nie vergessen werden†™, etwas in dieser Art. Aber ehrlich gesagt würde ich diese Story lieber nicht erzählen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

Ich hätte viel lieber eine hübsche, saubere Geschichte über das Geheimgefängnis vor unserer Haustür, ohne darauf eingehen zu müssen, inwiefern die Gefangenen dort die Sorte Leute sind, die, kaum draußen, sofort eine Untergrundbewegung ins Leben rufen, um die Regierung zu destabilisieren. Ich bin sicher, das wirst du verstehen.†

Allerdings. Wenn das Xnet ein Teil der Story war, würden manche Leute sagen, seht ihr, solche Typen muss man wegsperren, sonst starten sie einen Aufruhr.

†œEs ist Ihre Show†, sagte ich. †œIch denke, Sie müssen der Welt von Darryl erzählen. Und wenn Sie das tun, dann wird es dem DHS zeigen, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, und dann sind sie wieder hinter mir her. Vielleicht finden sie dann auch raus, dass ich mit dem Xnet zu tun habe, und stellen eine Verbindung zu M1k3y her. Schätze mal, was ich damit sagen will, ist, sobald Sie über Darryl schreiben, ist es für mich so oder so vorbei. Damit hab ich meinen Frieden gemacht.†

†œOb du nun als Schaf oder als Lamm gehängt wirst…†, sagte sie. †œGut, das wäre geklärt. Ich möchte, dass ihr beide mir möglichst alles über die Entstehung und den Betrieb des Xnet erzählt, und dann möchte ich eine Vorführung. Wofür benutzt ihr es? Wer benutzt es sonst noch? Wie hat es sich verbreitet? Wer hat die Software geschrieben? Alles.†

†œDas wird ne Weile dauern†, sagte Ange.

†œIch habe eine Weile Zeit†, entgegnete Barbara. Sie trank einen Schluck Kaffee und aß einen Keks. †œDies könnte sich zur wichtigsten Geschichte über den Krieg gegen den Terror entwickeln. Es könnte die Geschichte werden, die die Regierung stürzt. Und so eine Story hat alle denkbare Sorgfalt verdient.† – Fortsetzung Kapitel 17

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 15

Little Brother

Kapitel 15

Dieses Kapitel ist Chapters/Indigo gewidmet, der nationalen kanadischen Mega-Kette. Ich arbeitete zu der Zeit bei Bakka, der unabhängigen Science-Fiction-Buchhandlung, als Chapters seine erste Filiale in Toronto eröffnete; und es war mir schnell klar, dass da was Großes am Werden war, weil zwei unserer klügsten und bestinformierten Kunden bei uns reinschneiten, um mir zu berichten, dass sie für die Leitung der dortigen Science-Fiction-Abteilung angestellt worden seien. Von Beginn an legte Chapters die Messlatte für eine große Buchhandels-Filiale hoch †“ mit erweiterten Öffnungszeiten, einem freundlichen Café mit vielen Sitzplätzen, Selbstbedienungs-Terminals und einem erstaunlich vielfältigen Sortiment.

Chapters/Indigo:

http://www.chapters.indigo.ca/books/Little-Brother-Cory-Doctorow/9780765319852-item.html

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Ich bloggte über die Pressekonferenz, noch bevor ich die Einladungen an die Presse rausschickte. Es war klar, dass all diese Schreiberlinge mich zu einem Führer oder General oder obersten Guerilla-Kommandeur hochstilisieren wollten, und der beste Weg, dem zu begegnen, schien mir der, sicherzustellen, dass noch eine Menge anderer Xnetter sich dort herumtrieben und Fragen beantworteten.

Dann mailte ich den Presseleuten. Die Reaktionen rangierten von verwirrt bis enthusiastisch †“ nur die Reporterin von Fox war †œempört†, dass ich es wagte, ihr dieses Spielchen aufzunötigen, um in ihrer TV-Show zu erscheinen. Die anderen schienen das für den Beginn einer ziemlich coolen Story zu halten, allerdings brauchten etliche von ihnen eine ganze Menge Support, um sich bei dem Spiel anzumelden.

Ich entschied mich für acht Uhr abends, nach dem Essen. Mom hatte schon länger nachgebohrt, wo ich mich in letzter Zeit abends rumtrieb, bis ich schließlich mit Ange rausgerückt war; seither sah sie mich ständig mit diesem verträumten Blick an, als ob sie sagen wolle, †œoh, mein Kleiner wird langsam gro߆. Sie wollte Ange treffen, und das benutzte ich als Hebel, indem ich versprach, sie am nächsten Abend einmal mitzubringen, wenn ich mit Ange heute †œins Kino gehen† dürfe.

Anges Mom und ihre Schwester waren schon wieder unterwegs †“ sie waren beide keine Stubenfliegen -, so dass ich mit Ange und unseren beiden Xboxen in ihrem Zimmer allein war. Ich stöpselte einen der Monitore neben ihrem Bett aus und hängte meine Xbox dran, damit wir uns beide zugleich einloggen konnten.

Beide Xboxen waren jetzt in Clockwork Plunder eingeloggt und ansonsten untätig. Ich lief nervös auf und ab.

†œSieht aus, als obs gut für uns läuft†, sagte sie, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden. †œAuf dem Markt von Patcheye Pete hats jetzt 600 Spieler!† Patcheye Pete hatten wir uns ausgeguckt, weil es vom Dorfplatz aus, wo neue Spieler †œausschlüpften†, der nächstgelegene Markt war. Sofern die Reporter nicht schon Clockwork Plunder spielten (haha), würden sie dort automatisch auftauchen. Deshalb hatte ich in meinem Blogeintrag darum gebeten, dass sich ein paar Leute an der Strecke zwischen Patcheye Pete und dem Ankunftstor aufhalten mögen, um jeden, der wie ein orientierungsloser Reporter aussah, zu Pete weiterzulotsen.

†œWas zum Teufel soll ich denen denn erzählen?†

†œDu beantwortest einfach nur ihre Fragen. Und wenn dir eine Frage nicht passt, ignorier sie. Wird sich schon jemand finden, der sie beantwortet. Alles wird gut.†

†œDas ist Wahnsinn.†

†œDas ist perfekt, Marcus. Wenn du das DHS wirklich drankriegen willst, dann musst du sie piesacken. Wenn du es auf ein direktes Duell ankommen lässt, hast du keine Chance. Deine einzige Waffe ist deine Fähigkeit, sie als Idioten dastehen zu lassen.†

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Ich ließ mich aufs Bett fallen, und sie zog meinen Kopf in ihren Schoß und strich mir übers Haar. Vor den Anschlägen hatte ich mit diversen Schnitten experimentiert und meine Haare in den lustigsten Farben getönt, aber seit ich aus dem Knast raus war, war mir das alles unwichtig geworden. Mein Haar war lang und zottelig geworden, und dann war ich ins Bad gegangen, hatte mir die Schere geschnappt und alles rundum auf gut einen Zentimeter Länge getrimmt; das war völlig pflegeleicht, und außerdem war es hilfreich, beim Jammen und RFID-Klonen unauffällig auszusehen.

Ich öffnete die Augen und blickte in ihre großen, braunen Augen hinter der Brille. Sie waren rund, feucht und sehr ausdrucksstark. Sie konnte sie hervorpoppen lassen, um mich zum Lachen zu bringen, sie konnte sie weich und traurig wirken lassen, aber auch träge und schläfrig auf eine Weise, die mich vor Geilheit fast zerfließen ließ.

Und genau das tat sie gerade jetzt.

Ich setzte mich langsam auf und umarmte sie. Sie erwiderte die Umarmung. Wir küssten uns. Sie küsste unglaublich. Ich weiß, ich sagte es schon, aber das kann man nicht oft genug wiederholen. Wir küssten uns ziemlich oft, aber irgendwie hörten wir immer auf, bevor es zu heftig zur Sache ging.

Jetzt wollte ich einen Schritt weiter gehen. Ich fand den Saum ihres T-Shirts und zog. Sie hob ihre Hände übern Kopf und rutschte ein kleines Stück zurück. Ich hatte gewusst, dass sie das tun würde; ich hatte es seit der Nacht im Park gewusst. Vielleicht waren wir deshalb nie weiter gegangen. Ich wusste, ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass sie rechtzeitig die Notbremse zog, und das machte mir ein wenig Angst.

Aber dieses Mal hatte ich keine Angst. Die bevorstehende Pressekonferenz, die Querelen mit meinen Eltern, die internationale Aufmerksamkeit, dieses Gefühl, dass es da eine Bewegung gab, die sich über die Stadt ausbreitete wie eine wildgewordene Flipperkugel †“ das alles prickelte auf meiner Haut und ließ mein Herz singen.

Und sie war wunderschön, klug und lustig, und ich verliebte mich mehr und mehr in sie.

Ihr Shirt rutschte heraus, mit einer Biegung ihres Rückens half sie mir, es über ihre Schultern zu ziehen. Dann griff sie hinter sich, hantierte etwas, und ihr BH fiel aufs Bett. Ich konnte sie nur sprachlos, bewegungslos anstarren, und dann griff sie nach meinem Shirt, zerrte es mir über den Kopf und zog mich an sich heran, Brust an nackte Brust.

Wir wälzten uns übers Bett, berührten einander, vernestelten unsere Körper ineinander und stöhnten. Sie bedeckte meine Brust mit Küssen, und ich ihre ebenso. Ich konnte nicht atmen, nicht denken; ich konnte mich nur bewegen und küssen und lecken und berühren.

Dann trauten wir uns noch einen Schritt weiter. Ich knöpfte ihre Jeans auf, sie öffnete meine. Ich zog ihren Reißverschluss auf, sie meinen, dann zog sie mir die Jeans aus und ich ihre. Einen Augenblick später waren wir beide nackt, mit Ausnahme meiner Socken, die ich mit den Zehen abstreifte.

Und genau in diesem Moment erhaschte ich einen Blick auf ihren Wecker, der schon vor langer Zeit auf den Boden gerollt war und uns von dort unten entgegenleuchtete.

†œVerdammt!†, schrie ich. †œEs geht in zwei Minuten los!† Ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich im Begriff war, damit aufzuhören, wo ich doch gerade erst damit aufgehört hatte, vorher aufzuhören. Ich mein, hätte man mich gefragt, †œMarcus, du wirst gleich zum allerersten Mal in deinem Leben mit einem Mädchen ins Bett gehen; würde es dich stören, wenn ich im gleichen Raum diese Atombombe zündete?†, dann wäre meine Antwort ein beherztes, eindeutiges †œNEIN† gewesen.

Und doch: Dafür hörten wir auf.

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Sie zog mich zu sich heran, mein Gesicht eng an das ihre, und küsste mich, bis ich dachte, gleich ohnmächtig werden zu müssen; dann schnappten wir uns unsere Klamotten, hockten uns mehr oder weniger angezogen hinter unsere Tastaturen und Mäuse und machten uns auf den Weg zu Patcheye Pete.

Die Presseleute konnte man leicht erkennen. Das waren die Anfänger, die ihre Charaktere wie stolpernde Besoffskis spielten, hin- und her-, rauf- und runterwankend versuchten, sich irgendwie zurechtzufinden, und gelegentlich die falsche Taste drückten, was dann dazu führte, dass sie Fremden ihre Ausrüstung ganz oder teilweise zum Tausch anboten oder sie versehentlich umarmten oder traten.

Auch die Xnetter waren leicht zu erkennen. Wir spielten alle Clockwork Plunder, sooft wir etwas Freizeit hatten (oder keine Lust auf Hausaufgaben), und wir hatten ziemlich ausgefuchste Charaktere mit coolen Waffen und Sprengsätzen an den Schlüsseln hinten am Rücken, die jedem eine Ladung verpassen würden, der versuchte, uns die Schlüssel zu mopsen und uns leerlaufen zu lassen.

Als ich auftauchte, erschien eine Systemstatusmeldung M1K3Y HAT PATCHEYE PETE†™S BETRETEN †“ WILLKOMMEN, SWABBIE, HIER GIBT ES GUTE WARE FÜR FETTE BEUTE. Alle Spieler auf dem Monitor erstarrten, dann scharten sie sich um mich. Der Chat explodierte. Ich dachte kurz daran, auf Sprachsteuerung umzuschalten und mir ein Headset zu nehmen, aber angesichts dessen, wie viele Leute hier gleichzeitig zu reden versuchten, wurde mir klar, wie verwirrend das sein würde. Texte waren viel leichter zu erfassen, und dann konnten sie mich auch nicht falsch zitieren (hehe).

Ich hatte die Örtlichkeiten vorher mit Ange ausgekundschaftet †“ es war super, mit ihr zusammen im Spiel loszuziehen, weil wir unsere Figuren gegenseitig aufziehen konnten. Es gab da einen erhöhten Punkt auf einem Stapel von Packungen mit Salzrationen; wenn ich mich dort raufstellte, konnte ich aus jedem Winkel des Marktes gesehen werden.

> Guten Abend und herzlichen Dank Ihnen allen fürs Erscheinen. Mein Name ist M1k3y, und ich bin nicht der Anführer von was-auch-immer. Überall um Sie herum sind andere Xnetter, die ebenso viel wie ich darüber zu sagen haben, warum wir hier sind. Ich benutze das Xnet, weil ich an die Freiheit glaube und an die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich benutze das Xnet, weil das DHS meine Stadt in einen Polizeistaat verwandelt hat, in dem wir alle terrorismusverdächtig sind. Ich benutze das Xnet, weil ich denke, dass man die Freiheit nicht verteidigen kann, indem man die Bill of Rights zerreißt. Was ich über die Verfassung weiß, habe ich an einer Schule in Kalifornien gelernt, und ich bin aufgewachsen in einem Land, das ich um seiner Freiheit willen liebe.

Wenn ich eine Philosophie habe, dann diese:

> daß, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein müssen, deren volle Gewalten von der Zustimmung der Regierten herkommen; daß zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstörend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche Grundsätze zu gründen, und deren Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Glücke am zweckmäßigsten erscheint.

> Ich habe das nicht geschrieben, aber ich glaube daran. Das DHS regiert nicht mit meiner Zustimmung.

> Vielen Dank.

Ich hatte das am Tag zuvor geschrieben und immer wieder Entwürfe mit Ange ausgetauscht. Den Text einzufügen dauerte bloß eine Sekunde, aber jeder im Spiel brauchte einen Moment, um ihn zu lesen. Eine Menge Xnetter jubelten, wilde exaltierte Piraten-Hurras mit emporgereckten Säbeln und Papageien, die ihnen krächzend um die Köpfe flatterten.

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Nach und nach verdauten auch die Journalisten das Gelesene. Der Chat raste nur so an uns vorbei, so schnell, dass es kaum zu lesen war; etliche Xnetter schrieben Sachen wie †œAuf gehts†, †œAmerika: Wenn du es nicht liebst, dann verschwinde†, †œWeg mit dem DHS† und †œAmerika raus aus San Francisco†, alles Slogans, die in der Xnet-Blogosphäre angesagt waren.

> M1 k3y, ich bin Priya Rajneesh von der BBC. Sie sagen, sie sind nicht der Führer einer Bewegung, aber würden Sie sagen, dass es eine Bewegung gibt? Nennt sie sich Xnet?

Jede Menge Antworten. Manche Leute sagten nein, es gebe keine Bewegung, andere sagten ja, es gebe eine, und viele Leute kamen mit Vorschlägen dafür, wie sie sich nannte: Xnetter, Kleine Brüder, Kleine Schwestern, und mein persönlicher Favorit, Vereinigte Staaten von Amerika.

Sie liefen zu großer Form auf. Ich kümmerte mich erst mal nicht weiter, sondern überlegte mir eine eigene Antwort. Dann tippte ich

> Ich schätze, das beantwortet Ihre Frage, nicht wahr? Möglicherweise gibt eine oder auch mehrere Bewegungen, und möglicherweise heißen sie Xnet oder auch nicht.

> M1 k3y, ich bin Doug Christensen von der Washington Internet Daily. Was sollte das DHS Ihrer Meinung nach tun, um einen weiteren Anschlag auf San Francisco zu verhindern, wenn das, was sie jetzt tun, nicht erfolgreich ist?

Weiteres Geschnatter. Viele Leute sagten, die Terroristen und die Regierung seien dasselbe †“ entweder wörtlich oder in dem Sinne, dass sie gleichermaßen böse seien. Andere behaupteten, die Regierung wisse, wie man Terroristen fange, bevorzuge aber, es nicht zu tun, weil †œKriegspräsidenten† wiedergewählt würden.

> Ich weiß es nicht

tippte ich schließlich.

> Ich weiß es wirklich nicht. Und ich stelle mir diese Frage wirklich oft, denn ich möchte nicht hochgejagt werden, und ich möchte auch nicht, dass meine Stadt hochgejagt wird. Aber was ich weiß, ist dies: Wenn es der Job des DHS ist, unsere Sicherheit zu gewährleisten, dann versagt es kläglich. All der Budenzauber, den sie hier veranstaltet haben †“ nichts davon würde einen Terroristen davon abhalten, die Brücke ein zweites Mal zu sprengen. Unsere Spuren durch die ganze Stadt verfolgen? Unsere Freiheit beschneiden? Uns dazu bringen, uns gegenseitig zu verdächtigen, und uns gegeneinander ausspielen? Andersdenkende als Verräter beschimpfen? Das Ziel von Terrorismus ist es, uns in Angst zu versetzen. Das DHS versetzt mich in Angst.

> Ich habe keinen Einfluss darauf, was die Terroristen mir antun, aber wenn dies ein freies Land ist, dann sollte ich zumindest ein Mitspracherecht darüber haben, was meine eigenen Polizisten mir antun dürfen. Ich sollte in der Lage sein, sie davon abzuhalten, mich zu terrorisieren.

> Ich weiß, dass das keine gute Antwort ist. Tut mir Leid.

> Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass das DHS Terroristen nicht aufhalten könnte? Woher wollen Sie das wissen?

> Wer sind Sie?

> Ich arbeite für den Sydney Morning Herald.

> Ich bin 17 Jahre alt. Und ich bin bestimmt kein Einserschüler oder so was. Und trotzdem habe ich es fertiggebracht, ein Internet aufzubauen, das sie nicht anzapfen können. Ich habe Methoden ausgetüftelt, ihre Personenverfolgungs-Techniken zu manipulieren. Ich kann unschuldige Menschen zu Verdächtigen und schuldige Menschen in ihren Augen zu Unschuldigen machen. Ich könnte Metall in ein Flugzeug schmuggeln oder eine Flugverbots-Liste umgehen. Das alles habe ich herausgefunden, indem ich ins Internet geschaut und darüber nachgedacht habe. Wenn ich das kann, können Terroristen es auch. Man hat uns gesagt, dass man uns unsere Freiheit nimmt, um uns mehr Sicherheit zu geben. Fühlen Sie sich sicher?

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> In Australien? Oh, ja doch.

Alle Piraten lachten.

Weitere Journalisten stellten Fragen. Einige waren freundlich, andere feindselig. Wenn ich müde wurde, reichte ich meine Tastatur an Ange weiter und ließ sie für eine Weile M1k3y sein. Ich hatte sowieso nicht mehr das Gefühl, dass M1k3y und ich dieselbe Person waren. M1k3y war ein Jugendlicher, der mit internationalen Journalisten sprach und eine Bewegung inspirierte. Marcus wurde zeitweise der Schule verwiesen, stritt sich mit seinem Dad und fragte sich, ob er gut genug sei für seine rattenscharfe Freundin.

Gegen elf Uhr hatte ich genug. Außerdem würden meine Eltern mich bald daheim erwarten. Ich loggte mich aus dem Spiel aus, Ange ebenso, und dann lagen wir für einen Moment bloß da. Ich nahm ihre Hand in meine, und sie drückte sie fest. Wir umarmten uns.

Sie küsste meinen Nacken und murmelte etwas.

†œWas?†

†œIch sagte, ich liebe dich†, sagte sie. †œSoll ichs dir auch noch mal als Telegramm schicken?†

†œWow.†

†œÜberrascht dich das so sehr?†

†œNein. Hm. Es ist bloß… Ich wollte grade dasselbe sagen.†

†œNa klar†, sagte sie und biss mir in die Nasenspitze.

†œIch hab das bloß noch nie gesagt. Und solche Dinge brauchen etwas Vorlauf.†

†œDu hast es aber immer noch nicht gesagt. Glaub nicht, ich hätte das nicht gemerkt. Wir Mädchen nehmen es mit solchen Dingen sehr genau.†

†œIch liebe dich, Ange Carvelli†, sagte ich.

†œIch liebe dich auch, Marcus Yallow.†

Wir küssten und streichelten einander, mein Atem wurde heftiger und ihrer auch. Da klopfte ihre Mutter an die Tür.

†œAngela, ich denke, es ist an der Zeit, dass dein Freund sich auf den Weg macht, meinst du nicht auch?†

†œJa, Mutter†, sagte sie und schwang eine imaginäre Axt. Während ich meine Socken und Schuhe anzog, murmelte sie: †œSie werden sagen, diese Angela, sie war so ein gutes Mädchen, wer hätte das gedacht, immer war sie hinten im Garten und half ihrer Mutter, indem sie diese Axt schärfte.†

Ich lachte. †œDu glaubst gar nicht, wie gut du es hast. Es ist undenkbar, dass meine Leute uns in meinem Zimmer bis elf Uhr nachts allein lassen würden.†

†œViertel vor zwölf†, sagte sie mit Blick auf die Uhr.

†œMist!†, schrie ich und schnürte meine Schuhe.

†œGeh†, sagte sie, †œrenn und sei frei! Schau in beide Richtungen, bevor du über die Straße gehst! Schreib, wenn du Arbeit findest! Halt bloß nicht noch mal für eine Umarmung an! Wenn du nicht bei zehn draußen bist, dann gibt†™s Ärger, mein Herr. Eins. Zwei. Drei.†

Ich brachte sie zum Schweigen, indem ich aufs Bett hüpfte, auf ihr landete und sie küsste, bis sie mit Zählen aufhörte. Zufrieden mit meinem Sieg stapfte ich mit der Xbox unterm Arm die Treppe runter.

Ihre Mom stand unten an der Treppe. Wir waren uns erst ein paar Mal begegnet. Sie sah wie eine ältere, größere Variante von Ange aus †“ laut Ange war ihr Vater der Kleinere †“ und trug Kontaktlinsen statt Brille.

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Sie schien mich vorläufig als einen netten Jungen eingestuft zu haben, und ich wusste das zu schätzen.

†œGute Nacht, Mrs. Carvelli.†

†œGute Nacht, Mr. Yallow.† Das war eins unserer kleinen Rituale, seit ich sie bei unserer ersten Begegnung als Mrs. Carvelli angesprochen hatte.

Ich blieb ein wenig unbeholfen an der Tür stehen.

†œJa?†, fragte sie.

†œÄh, danke, dass ich hier sein darf.†

†œIn unserem Haus sind Sie stets willkommen, junger Mann†, sagte sie.

†œUnd danke für Ange†, sagte ich dann noch und hasste es, wie platt das klang. Aber sie lächelte breit und umarmte mich kurz.

†œSehr gern geschehen†, sagte sie.

Während der ganzen Busfahrt heim dachte ich an die Pressekonferenz, an Ange, die sich nackt mit mir auf ihrem Bett wälzte, und an Anges Mutter, wie sie mich lächelnd nach draußen brachte.

Meine Mom war wach geblieben, um auf mich zu warten. Sie fragte mich nach dem Film, und ich erzählte ihr, was ich mir vorab aus der Besprechung im †œBay Guardian† zurechtgelegt hatte.

Beim Einschlafen dachte ich nochmals an die Pressekonferenz. Ich war wirklich stolz darauf, wie es gelaufen war. Es war sehr cool gewesen, wie all diese Superjournalisten im Spiel aufgetaucht waren, wie sie mir zuhörten und all den Leuten, die an dasselbe glaubten wie ich. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief ich ein.

Ich hätte es besser wissen müssen.

XNET-ANFÜHRER: ICH KÖNNTE METALL IN EIN FLUGZEUG SCHMUGGELN

DAS DHS REGIERT NICHT MIT MEINER ZUSTIMMUNG

XNET-KIDS: USA RAUS AUS SAN FRANCISCO

Und das waren noch die guten Schlagzeilen. Jeder sandte mir Artikel zum Bloggen, aber das war das Letzte, was ich jetzt tun wollte.

Irgendwie hatte ich es vergeigt. Die Presse war zu meiner Pressekonferenz gekommen und hatte den Eindruck gewonnen, dass wir Terroristen oder Terroristennachbildungen seien. Am schlimmsten war die Reporterin von Fox News, die offensichtlich doch noch aufgetaucht war und die uns einen zehnminütigen Kommentar widmete, in dem sie über unseren †œverbrecherischen Verrat† sprach. Ihr Kommentar gipfelte in diesem Abschnitt, der in jedem Nachrichtenkanal, den ich fand, wiederholt wurde:

†œSie sagen, sie haben keinen Namen. Ich habe einen für sie. Nennen wir diese verdorbenen Kinder Kal-Kaida. Sie erledigen die Arbeit der Terroristen an der Heimatfront. Wenn †“ nicht falls, sondern wenn †“ Kalifornien noch einmal angegriffen wird, dann werden diese Kröten ebenso viel Schuld daran haben wie das Haus Saud.†

Führer der Antikriegsbewegung taten uns als Randerscheinung ab. Einer sagte sogar im Fernsehen, er glaube, dass wir eine Erfindung des DHS seien, um die Bewegung in Misskredit zu bringen.

Das DHS hielt eine eigene Pressekonferenz ab, bei der angekündigt wurde, die Sicherheitsmaßnahmen in San Francisco zu verdoppeln. Sie zeigten einen RFID-Kloner und demonstrierten den Einsatz, wobei sie so taten, als ginge es dabei um einen Autodiebstahl, und warnten eindringlich vor jungen Menschen, die sich verdächtig verhielten, insbesondere, wenn man ihre Hände nicht sehen könne.

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Sie meinten es ernst. Ich beendete meinen Kerouac-Aufsatz und fing einen Text über den Sommer der Liebe an, den Sommer 1967, als die Antikriegsbewegung und die Hippies in San Francisco zusammenkamen. Die Gründer von Ben and Jerry†™s, selbst alte Hippies, hatten ein Hippie-Museum im Haight gegründet, und es gab noch mehr Archive und Ausstellungen überall in der Stadt.

Aber dorthin zu kommen war nicht einfach. Am Ende der Woche wurde ich bereits durchschnittlich vier Mal täglich gefilzt. Bullen checkten meinen Ausweis und fragten mich, was ich auf der Straße zu tun hätte, wobei sie dem Brief von Chavez über meine Suspendierung immer besondere Aufmerksamkeit schenkten.

Ich hatte Glück. Niemand verhaftete mich. Aber die anderen im Xnet hatten nicht so viel Glück. Jeden Abend verkündete das DHS neue Verhaftungen; †œRädelsführer† und †œMitläufer† des Xnet, Leute, von denen ich noch nie gehört hatte, wurden im Fernsehen vorgeführt, zusammen mit ihren RFID-Sensoren und anderen Gerätschaften, die man bei ihnen gefunden hatte. Das DHS behauptete, diese Leute würden †œNamen nennen† und das Xnet †œbloßstellen†; man erwarte in Kürze weitere Verhaftungen. Der Name †œM1k3y† fiel häufig.

Dad fand das alles toll. Er und ich sahen zusammen die Nachrichten, er mit diebischer Freude, ich im inneren Rückzug, insgeheim halb wahnsinnig werdend. †œDu müsstest mal das Zeug sehen, das sie gegen diese Kids einsetzen werden†, sagte Dad. †œIch habe es schon in Aktion gesehen. Wenn sie eine Handvoll dieser Kids haben, dann gehen sie ihre Buddy-Listen im Messenger und die Kurzwahlen in den Handys durch und suchen nach Namen, die immer wieder mal auftauchen, nach Mustern, und so erwischen sie immer mehr von ihnen. Sie werden das Xnet auseinanderdröseln wie einen alten Pullover.†

Ich sagte Anges Abendessen bei uns ab und verbrachte stattdessen noch mehr Zeit bei ihr. Anges kleine Schwester Tina fing an, mich den †œHausgast† zu nennen, und sagte Sachen wie †œIsst der Hausgast heute mit mir zu Abend?† Ich mochte Tina. Sie interessierte sich eigentlich nur fürs Ausgehen, Feiern und Jungstreffen, aber sie war witzig und völlig vernarrt in Ange. Als wir einmal abends das Geschirr abräumten, trocknete sie ihre Hände ab und sagte beiläufig: †œWeißt du, Marcus, du scheinst ja ein netter Typ zu sein. Meine Schwester ist total in dich verknallt, und ich mag dich auch ganz gern. Aber ich muss dir eins sagen: Wenn du ihr das Herz brichst, dann erwisch ich dich und stülp dir deinen eigenen Hodensack über den Kopf. Und das sieht nicht schön aus.†

Ich versicherte ihr, eher würde ich mir selbst meine Hoden übern Kopf ziehen, als Anges Herz zu brechen, und sie nickte. †œSo lange das mal klar ist.†

†œDeine Schwester ist ein bisschen bekloppt†, sagte ich, als wir wieder auf Anges Bett lagen und Xnet-Blogs lasen.

Viel was sonst machten wir nicht †“ rumgammeln und Xnet lesen.

†œOh, hat sie die Sack-Nummer gebracht? Ich hasse es, wenn sie das macht. Weißt du, sie findet das Wort †œHodensack† einfach klasse. Nimms nicht persönlich.†

Ich küsste sie, und wir lasen weiter.

†œHör mal†, sagte sie. †œDie Polizei rechnet für dieses Wochenende mit vier- bis sechshundert Verhaftungen im Rahmen des, wie sie sagen, bislang größten abgestimmten Einsatzes gegen Xnet-Dissidenten.†

Mir kam das Essen hoch.

†œWir müssen das abbrechen†, sagte ich. †œWeißt du, dass es sogar Leute gibt, die jetzt noch mehr jammen, bloß um zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen? Ist das nicht völlig bescheuert?†

†œIch find, es ist mutig. Wir können es doch nicht zulassen, dass die uns einschüchtern bis zur Unterwerfung.†

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†œWie bitte? Nein, Ange, nein. Wir können nicht zulassen, dass Hunderte von Leuten im Knast enden. Du warst nicht da. Ich schon. Und es ist schlimmer, als du denkst: Es ist sogar schlimmer, als du es dir vorstellen kannst.†

†œAch, ich habe eine ziemlich lebhafte Fantasie.†

†œHör auf damit, ja? Sei doch mal einen Moment ernsthaft. Ich mach das nicht. Ich schicke keine Leute ins Gefängnis. Wenn ich das tue, dann bin ich genau der Typ, für den Van mich hält.†

†œMarcus, ich meine das ernst. Denkst du etwa, diese Jungs wissen nicht, dass sie möglicherweise ins Gefängnis kommen? Hey, die glauben an die Sache. Du glaubst doch auch dran. Du kannst ihnen ruhig zugestehen, dass sie wissen, was sie da tun. Die brauchen dich nicht, um zu entscheiden, welches Risiko sie eingehen können und welches nicht.†

†œEs ist aber meine Verantwortung, weil sie damit aufhören, wenn ich es ihnen sage.†

†œIch dachte, du bist nicht der Anführer?†

†œBin ich auch nicht; natürlich nicht. Aber ich kann nichts dafür, dass sie sich zur Orientierung an mich halten. Und so lange sie das tun, so lange habe ich die Verantwortung, ihnen dabei zu helfen, in Sicherheit zu sein. Das verstehst du doch, oder?†

†œIch verstehe nur, dass du bereit bist, beim ersten Anzeichen von Ärger die Kurve zu kratzen. Und ich glaube, du hast Angst, dass sie dahinterkommen, wer du bist. Ich glaube, du hast um dich selbst Angst.†

†œDas ist nicht fair†, sagte ich, setze mich auf und rückte ein Stück ab von ihr.

†œAch nein? Wer hatte denn fast einen Herzinfarkt, als er glaubte, seine geheime Identität sei enttarnt?†

†œDas war was anderes. Jetzt gehts nicht um mich. Und das weißt du auch. Warum also benimmst du dich so?†

†œWarum benimmst DU dich so? Warum bist DU nicht mehr bereit, der Typ zu sein, der mutig genug war, dies alles anzufangen?†

†œDas hier ist nicht mutig, sondern selbstmörderisch.†

†œBilliges Schülertheater, M1k3y.†

†œNenn mich nicht so!†

†œWas, M1k3y? Warum nicht, M1k3y?†

Ich zog meine Schuhe an, schnappte meine Tasche und ging zu Fuß nach Hause.

> Warum ich nicht mehr jamme

> Ich werde keinem von euch erzählen, was er tun soll, weil ich nicht euer Anführer bin, egal, was die Fox-News glauben.

> Aber ich werde euch erzählen, was ich vorhabe. Wenn ihr denkt, dass es das Richtige ist, dann macht ihr es ja vielleicht auch so.

> Ich jamme nicht. Diese Woche nicht. Vielleicht auch nicht nächste Woche. Nicht, weil ich Angst habe. Sondern weil ich klug genug bin zu wissen, dass ich in Freiheit mehr tun kann als im Knast. Die haben rausgefunden, wie sie unsere Taktik durchkreuzen können, also müssen wir uns eine neue Taktik ausdenken. Es ist mir im Grunde egal, welche Taktik das ist, Hauptsache, sie funktioniert. Es ist dumm, sich schnappen zu lassen. Es ist nur Jamming, wenn ihr damit durchkommt.

> Und es gibt noch einen Grund, nicht zu jammen. Wenn ihr geschnappt werdet, dann könnten sie mit eurer Hilfe eure Freunde schnappen, deren Freunde und die Freunde ihrer Freunde.

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Die könnten eure Freunde sogar hopsnehmen, wenn die gar nicht im Xnet sind, weil das DHS sich benimmt wie eine angeschossene Wildsau und es den Typen völlig egal ist, ob sie vielleicht einen Falschen geschnappt haben.

> Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt.

> Aber das DHS ist dumm, und wir sind klug. Jammen beweist, dass sie nicht in der Lage sind, Terrorismus zu bekämpfen, weil es beweist, dass sie nicht mal eine Horde Jugendlicher aufhalten können. Wenn ihr geschnappt werdet, dann sieht es so aus, als ob die klüger sind als wir.

> DIE SIND NICHT KLÜGER ALS WIR! Wir sind klüger als die. Lasst uns klug sein. Lasst uns Wege finden, sie zu jammen, egal, wie viele trottelige Schläger sie in unserer Stadt auf Streife schicken.

Ich postete es und ging ins Bett.

Ich vermisste Ange.

Ange und ich sprachen vier Tage lang nicht miteinander, das Wochenende inbegriffen, und dann war es wieder Zeit, in die Schule zu gehen. Eine Million Mal hatte ich sie fast angerufen, eintausend E-Mails und Instant Messages nicht versendet.

Jetzt war ich zurück im Gesellschaftskunde-Kurs, Mrs. Andersen begrüßte mich mit wortreich-sarkastischer Höflichkeit und fragte mich zuckersüß, wie denn mein †œUrlaub† gewesen sei. Ich setzte mich hin und murmelte irgendwas. Dabei konnte ich Charles kichern hören.

In dieser Stunde ging es um Manifest Destiny, den Gedanken, dass Amerikaner dazu auserwählt seien, die ganze Welt zu erobern (zumindest klang es in ihrer Darstellung so), und sie schien mir zu versuchen, mich zu irgendwelchen Reaktionen zu provozieren, um mich wieder rauswerfen zu können.

Ich spürte die Blicke der ganzen Klasse auf mir, und das erinnerte mich an M1k3y und die Leute, die zu ihm aufschauten. Ich hatte es satt, dass man zu mir aufschaute. Ich vermisste Ange.

Ich brachte den Rest des Tages hinter mich, ohne mir irgendwelche Kainszeichen einzuhandeln. Schätzungsweise sagte ich keine acht Worte.

Endlich war es vorbei, und ich sauste zur Tür, zum Tor, raus zur blöden Mission und zu meinem dämlichen Zuhause.

Ich war kaum zum Tor raus, als jemand in mich reinrannte. Es war ein junger Obdachloser, vielleicht mein Alter oder ein bisschen älter. Er trug einen langen, speckigen Mantel, Jeans wie Kartoffelsäcke und verwarzte Turnschuhe, die aussahen wie einmal durch den Häcksler gelaufen. Sein langes Haar hing ihm ins Gesicht, und ein Zottelbart hing ihm bis runter in den Kragen eines völlig verblichenen Strickpullis.

Das alles realisierte ich, während wir nebeneinander auf dem Bürgersteig lagen und die Leute an uns vorbeihasteten und komisch guckten. Sah so aus, als sei er in mich reingerannt, während er Valencia runterhastete, vermutlich von der Last seines Rucksacks gebeugt, der neben ihm auf dem Gehsteig lag, eng bedeckt mit geometrischen Kritzeleien mit Filzstift.

Er setzte sich auf die Knie und wippte vor und zurück, als ob er betrunken war oder seinen Kopf gestoßen hatte.

†œSorry, Kumpel†, sagte er. †œHab dich nicht gesehen. Biste verletzt?† Ich setzte mich ebenfalls auf. Nichts fühlte sich verletzt an.

†œHm, nein, alles okay.†

Er stand auf und lächelte. Seine Zähne waren erschreckend weiß und ebenmäßig, die hätten auch eine Anzeige für eine kieferorthopädische Klinik zieren können.

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Er streckte mir seine Hand entgegen, und sein Griff war kräftig und bestimmt.

†œTut mir echt Leid.† Auch seine Stimme war klar und aufgeweckt. Ich hätte erwartet, dass er klang wie einer dieser Besoffenen, die mit sich selbst sprachen, wenn sie nachts durch die Straßen der Mission wankten, aber er klang eher wie ein gut informierter Buchhändler.

†œKein Problem†, sagte ich.

Er streckte nochmals die Hand aus.

†œZeb.†

†œMarcus.†

†œEin Vergnügen, Marcus†, sagte er. †œHoffe, ich renne mal wieder in dich rein!† Lachend schnappte er seinen Rucksack, machte auf dem Absatz kehrt und eilte davon.

Den Rest des Weges nach Hause lief ich wie benebelt vor mich hin. Mom saß am Küchentisch, und wir plauderten über dies und jenes, gerade so, wie wir es immer getan hatten, bevor sich alles änderte.

Ich ging rauf in mein Zimmer und ließ mich in meinen Stuhl fallen. Ausnahmsweise hatte ich keine Lust, mich ins Xnet einzuloggen. Das hatte ich schon heute früh vor der Schule getan und dabei festgestellt, dass mein Blogeintrag eine gigantische Kontroverse ausgelöst hatte zwischen Leuten, die sich meiner Meinung anschlossen, und anderen, die ernsthaft angepisst waren davon, dass ich ihnen sagte, sie sollten ihren Lieblingssport aufgeben.

Hier lagen noch dreitausend Projekte rum aus der Zeit, bevor das alles angefangen hatte. Ich war dabei, eine Lochkamera aus Legos zu bauen, und ich hatte ein bisschen mit Lenkdrachen-Luftbildfotografie rumgespielt, indem ich eine alte Digitalkamera mit einem Auslöser aus Hüpfknete getunt hatte, der sich beim Start des Drachens ausdehnte, langsam zu seiner alten Form zurückfand und dabei die Kamera in gleichmäßigen Abständen auslöste. Außerdem war da noch ein Vakuum-Röhrenverstärker, den ich in eine prähistorische, verrostete und verbeulte Olivenöl-Dose eingebaut hatte †“ sobald das erledigt war, wollte ich eine Docking-Station für mein Handy einbauen und das Ganze um ein Set von 5.1-Surround-Boxen aus Tunfischdosen erweitern.

Ich schaute über meine Arbeitsplatte und griff mir schließlich die Lochkamera. Gewissenhaft Legos ineinanderzustecken war heute genau mein Tempo.

Ich nahm meine Uhr ab, ebenso den klobigen silbernen Zwei-Finger-Ring, der einen Affen und einen Ninja in Zweikampfbereitschaft zeigte, und ließ beides in die kleine Kiste fallen, die ich für das ganze Zeug benutzte, das ich jeden Tag in die Taschen und um den Hals packe, bevor ich das Haus verlasse: Handy, Brieftasche, Schlüssel, WLAN-Finder, Kleingeld, Akkus, aufrollbare Kabel,… ich ließ alles ins Kistchen ploppen und merkte plötzlich, dass ich etwas in der Hand hielt, das ich nicht in meine Tasche gesteckt hatte.

Es war ein Stück Papier, grau und weich wie Flanell, ausgefasert an den Kanten, wo es aus einem größeren Stück Papier herausgerissen worden war. Es war übersät mit der kleinsten, sorgfältigsten Handschrift, die ich je gesehen hatte. Ich faltete es auf und nahm es hoch. Das Geschriebene bedeckte beide Seiten, ohne Unterbrechung von der linken oberen Ecke bis zu einer kaum lesbaren Unterschrift rechts unten auf der anderen Seite.

Die Unterschrift lautete einfach Zeb.
Ich nahm den Zettel und begann zu lesen.

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Lieber Marcus

Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Die letzten drei Monate, seit die Bay Bridge hochgejagt wurde, wurde ich aufTreasure Island gefangen gehalten. Ich war an dem Tag im Hof, an dem du mit dem asiatischen Mädchen sprachst und in die Mangel genommen wurdest. Du warst mutig. Respekt.

Ich hatte am folgenden Tag einen Blinddarmdurchbruch und kam in die Krankenstation. Im nächsten Bett lag ein Typ namens Darryl. Wir waren beide eine ganze Weile in Rekonvaleszenz, und als wir irgendwann wieder gesund waren, wäre es allzu lästig geworden, uns laufen zu lassen.

Also entschieden sie, dass wir wirklich schuldig sein müssten. Sie befragten uns jeden Tag. Du kennst ihre Befragungen, das weiß ich. Stell dir dasselbe monatelang vor. Darryl und ich waren irgendwann Zellengenossen. Wir wussten, dass sie uns verwanzt hatten, also redeten wir nur über belangloses Zeug. Aber nachts auf unseren Pritschen haben wir uns leise Nachrichten mit Morse-Code zugeklopft (ich wusste es immer, dass meine Amateurfunkerei irgendwann mal zu etwas gut ist).

Zuerst waren ihre Fragen an uns derselbe Dreck wie immer †“ wer war es, wie haben sie es getan. Aber ein bisschen später haben sie dann angefangen, uns über das Xnet zu befragen. Natürlich hatten wir davon noch nie was gehört. Aber das hielt sie nicht vom Fragen ab.

Darryl erzählte mir, dass sie ihm RFID-Kloner, Xboxen und alles mögliche Technikzeug brachten und von ihm verlangten, dass er ihnen erzählte, wer das benutzte und wo sie lernen würden, das Zeug zu tunen. Darryl hat mir von euren Spielen erzählt und davon, was ihr dabei alles gelernt habt.

Insbesondere hat das DHS uns über unsere Freunde ausgefragt. Wen kannten wir? Wie waren sie so? Hatten sie politische Ansichten? Hatten sie Ärger in der Schule oder mit dem Gesetz?

Wir nennen den Knast Gitmo-an-der-Bay. Ich bin jetzt seit einer Woche draußen, und ich glaube nicht, dass hier irgendjemand eine Ahnung hat, dass ihre Söhne und Töchter mitten in der Bay gefangen gehalten werden. Nachts konnten wir sogar die Leute auf dem Festland lachen und feiern hören.

Letzte Woche bin ich rausgekommen. Ich erzähl dir nicht, wie, falls das hier in die falschen Hände gerät. Mögen andere meiner Route folgen.

Darryl hat mir erzählt, wie ich dich finde, und ich musste ihm versprechen, dir alles zu berichten, was ich weiß. Jetzt, da ich das getan habe, bin ich nix wie weg hier. Ich werde einen Weg finden, dieses Land zu verlassen. Scheiß auf Amerika.

Bleib stark. Die haben Angst vor dir. Tritt sie von mir. Lass dich nicht erwischen.

Zeb

Als ich mit der Nachricht fertig war, hatte ich Tränen in den Augen. Irgendwo auf meinem Schreibtisch hatte ich ein Einwegfeuerzeug, das ich manchmal benutzte, um die Isolierung von Kabeln abzuschmelzen, und ich kramte es hervor und hielt es an den Zettel. Ich wusste, ich schuldete es Zeb, ihn zu zerstören, um sicherzugehen, dass niemand sonst ihn jemals finden würde, um sie nicht auf seine Spur zu führen, wohin immer er jetzt ging.

Ich hielt die Flamme und den Zettel, aber ich brachte es nicht über mich.

Darryl.

Über all dem Zeugs mit dem Xnet und Ange und dem DHS hatte ich fast vergessen, dass es ihn gab. Er war zu einem Geist geworden, wie ein Jugendfreund, der jetzt weggezogen oder auf einem Austauschprogramm war. Und diese ganze Zeit hatten sie ihn befragt, von ihm verlangt, dass er mich verrate, das Xnet erkläre und die Jammerei. Er war also auf Treasure Island, dem verlassenen Militärstützpunkt eine halbe Länge der zerstörten Bay Bridge entfernt. Er war all die Zeit so nah gewesen, dass ich zu ihm hätte hinschwimmen können.

Ich legte das Feuerzeug wieder weg und las den Zettel nochmals. Bis ich damit durch war, weinte und schluchzte ich hemmungslos.

Seite 138

Es kam alles zurück, die Lady mit dem strengen Haarschnitt, ihre Fragen, der Geruch von Pisse und die Steifigkeit meiner Hose, als der Urin darin langsam trocknete.

†œMarcus?†

Meine Tür stand offen, und darin stand meine Mutter, einen besorgten Ausdruck im Gesicht. Wie lange mochte sie dort schon gestanden haben?

Ich wischte mir die Tränen weg und zog die Nase hoch. †œMom†, sagte ich. †œHi.†

Sie kam zu mir ins Zimmer und nahm mich in den Arm. †œWas ist los? Möchtest du drüber sprechen?†

Die Nachricht lag auf dem Tisch. †œIst das von deiner Freundin? Ist alles in Ordnung?†

Sie hatte mir ein Hintertürchen geöffnet. Ich hätte es einfach alles auf Probleme mit Ange abwälzen können, und sie wäre aus meinem Zimmer verschwunden und hätte mich allein gelassen. Ich öffnete den Mund, um genau das zu sagen, und dann sagte ich stattdessen:

†œIch war im Gefängnis. Als sie die Brücke gesprengt hatten. Ich war die ganze Zeit im Knast.†

Die Schluchzer, die dann kamen, klangen kein Stück wie meine Stimme. Sie klangen wie die Stimme eines Tiers, eines Esels vielleicht oder einer großen Katze in der Nacht. Ich schluchzte, dass meine Kehle brannte und meine Brust bebte.

Mom nahm mich in ihre Arme, genau so, wie sie es früher getan hatte, als ich ein kleiner Junge war; und dann streichelte sie mein Haar, murmelte mir etwas ins Ohr und wiegte mich hin und her, und langsam, ganz langsam, ließ das Schluchzen nach.

Ich holte einmal tief Luft, und Mom holte mir ein Glas Wasser. Ich setzte mich auf meine Bettkante, und sie setzte sich auf meinen Schreibtischstuhl, und dann erzählte ich ihr alles.

Alles.

Naja, fast alles. – Fortsetzung Kapitel 16

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 14

Little Brother

Kapitel 14

Dieses Kapitel ist der unvergleichlichen Mysterious Galaxy in San Diego, Kalifornien gewidmet. Die Leute von Mysterious Galaxy laden mich jedes Mal zu einer Signierstunde ein, wenn ich zu einer Konferenz oder zum Unterrichten in San Diego bin (an der San Diego State University im nahen La Jolla, CA findet der Clarion Writers†™ Workshop statt), und jedes Mal ist die Bude gerammelt voll. Dieser Laden hat eine treue Kundschaft aus Hardcore-Fans, die sich drauf verlassen können, dort hervorragende Empfehlungen und Ideen zu bekommen. Im Sommer 2007 nahm ich meinen Autoren-Kurs bei Clarion zum mitternächtlichen Erstverkauf des letzten Harry Potter in die Buchhandlung mit, und ich habe niemals sonst eine so ausgelassene, unglaublich lustige Party in einem Geschäft erlebt.

Mysterious Galaxy:

http://mysteriousgalaxy.booksense.com/NASApp/store/Product?s=showproduct&isbn=9780765319852

7051 Clairemont Mesa Blvd., Suite #302 San Diego, CA USA 92111 +1 858 268 4747

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Das Xnet machte tagsüber keinen Spaß, wenn alle regelmäßigen Benutzer in der Schule waren. Ich hatte den Schrieb zusammengefaltet und in die hintere Jeanstasche gesteckt, und als ich heimkam, warf ich ihn auf den Küchentisch. Dann setzte ich mich ins Wohnzimmer und schaltete die Glotze ein. Ich sah nie Fernsehen, aber ich wusste, dass meine Eltern es taten. Fernsehen, Radio und Zeitungen waren es, wo sie ihre Ideen über die Welt her hatten.

Die Nachrichten waren fürchterlich. Es gab so viele Gründe, Angst zu haben. Amerikanische Soldaten starben überall auf der Welt. Und im Übrigen nicht bloß Soldaten. Auch Nationalgardisten, die sich vermutlich gemeldet hatten, um nach Wirbelstürmen Menschenleben zu retten, und die jetzt auf Jahre hinaus für einen endlos langen Krieg in Übersee stationiert waren.

Ich zappte durch die Nachrichtensender, einen nach dem anderen, und sah eine Parade von Würdenträgern, die uns erzählten, warum wir Angst haben sollten, und eine Parade von Fotos von Bomben, die überall auf der Welt hochgingen.

Ich zappte weiter und sah plötzlich ein vertrautes Gesicht. Es war der Typ, der damals in den Truck gekommen war und mit Frau Strenger Haarschnitt gesprochen hatte, während ich hinten angekettet war. Der in der Militäruniform. Die Unterschrift wies ihn aus als Major General Graeme Sutherland, Regional Commander, DHS.

†œHier in meinen Händen halte ich Literatur, die bei dem angeblichen Konzert in Dolores Park am vergangenen Wochenende angeboten wurde.† Er hielt einen Stapel Pamphlete hoch. Ich erinnerte mich, dort viele Leute mit Handzetteln gesehen zu haben. Sobald sich in San Francisco eine Gruppe von Menschen traf, waren auch Handzettel dabei.

†œBitte schauen Sie sich das einen Moment an. Ich lese mal die Titel vor. OHNE ZUSTIMMUNG DER REGIERTEN: EIN BÜRGERLEITFADEN ZUM UMSTURZ DES STAATES. Nehmen wir den hier: SIND DIE ANSCHLÄGE VOM 11. SEPTEMBER WIRKLICH PASSIERT? Und noch einer: WIE MAN IHRE SICHERHEITSMAßNAHMEN GEGEN SIE WENDET. Diese Literatur zeigt uns, wobei es bei der illegalen Zusammenrottung Samstagnacht wirklich ging. Es war nicht bloß eine unsichere Versammlung von Tausenden Leuten ohne entsprechende Vorkehrungen oder auch bloß Toiletten. Es war eine Rekrutierungsveranstaltung für den Feind. Es war der Versuch, Kindern missbräuchlich die Idee einzuimpfen, dass Amerika sich nicht mehr selbst verteidigen sollte.

Nehmen Sie diesen Slogan, TRAU KEINEM ÜBER 25. Wie könnte man besser gewährleisten, dass keine umsichtige, ausgewogene Diskussion erwachsener Menschen deiner Pro-Terroristen-Botschaft in die Quere kommt, als Erwachsene von vornherein auszuschließen und die Gruppe auf leicht beeinflussbare junge Menschen zu begrenzen?

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Als die Polizei am Ort des Geschehens erschien, fand sie eine Rekrutierungsveranstaltung für die Feinde Amerikas in vollem Gange. Die Versammlung hatte bereits die Nachtruhe von Hunderten Anwohnern gestört, von denen keiner im Vorfeld in die Planung dieser nächtlichen Rave-Party einbezogen worden war.

Die Polizisten forderten diese Leute auf, sich zu zerstreuen †“ das ist auf allen Videos zu sehen -, und als das Partyvolk sie angriff, von den Musikern auf der Bühne aufgestachelt, setzte die Polizei nicht-tödliche Massenkontroll-Techniken ein, um sie unter Kontrolle zu bringen.

Die Festgenommenen waren Rädelsführer und Provokateure, die Tausende beeinflussbarer junger Menschen dazu brachten, die Polizisten anzugreifen. 827 von ihnen wurden in Gewahrsam genommen. Viele von diesen Leuten waren schon früher straffällig geworden. Gegen mehr als hundert lagen bereits Haftbefehle vor. Sie sind nach wie vor inhaftiert.

Meine Damen und Herren, Amerika führt einen Krieg an vielen Fronten, aber unser Land ist nirgends stärker gefährdet als hier in der Heimat. Sei es, dass wir von Terroristen angegriffen werden oder von jenen, die mit ihnen sympathisieren.†

Ein Reporter hob die Hand und fragte: †œGeneral Sutherland, sie wollen doch sicherlich nicht behaupten, dass diese Kinder, bloß weil sie eine Party im Park besucht haben, Terror-Sympathisanten sind?†

†œNatürlich nicht. Aber wenn junge Menschen unter den Einfluss der Feinde unseres Landes geraten, wächst ihnen so eine Sache schnell über den Kopf. Terroristen würden liebend gern eine fünfte Kolonne rekrutieren, die für sie den Krieg an der Heimatfront führt. Wären dies meine Kinder, ich würde mir ernsthaft Sorgen machen.†

Ein anderer Reporter griff den Faden auf. †œAber wir reden hier lediglich von einem Open-Air-Konzert, General. Es fand wohl kaum Drill mit Gewehren statt.†

Der General holte einen Stoß Fotos hervor und begann sie emporzuhalten. †œDies sind Fotos, die Beamte mit Infrarot-Kameras aufgenommen haben, bevor sie dort vorrückten.† Er hob sie zu seinem Gesicht empor und blätterte eins nach dem anderen auf. Es waren wild tanzende Menschen zu sehen, so wild, dass sie andere umrempelten oder auf sie traten. Dann folgten Sex-Szenen bei den Bäumen, ein Mädchen mit drei Typen, zwei knutschende Jungs. †œBei diesem Event waren Kinder anwesend, die teilweise nicht älter als zehn Jahre waren. Ein tödlicher Cocktail aus Drogen, Propaganda und Musik hat zu Dutzenden Verletzten geführt. Es grenzt an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen sind.†

Ich schaltete den Fernseher aus. Sie stellten es dar, als wäre es ein Aufstand gewesen. Wenn meine Eltern ahnten, dass ich auch dort war, würden sie mich einen Monat lang ans Bett binden und mich hinterher nur noch mit einem Funkhalsband wieder rauslassen.

A propos: sie würden ziemlich angepisst sein, wenn sie rausfanden, dass ich freigestellt war.

Sie nahmen es jedenfalls nicht gut auf. Dad wollte mich zur Schnecke machen, aber Mom und ich konnten es ihm noch ausreden.

†œDu weißt genau, dass dieser Konrektor es schon seit Jahren auf Marcus abgesehen hat†, sagte Mom. †œAls wir ihn das letzte Mal sprachen, hast du hinterher eine Stunde lang über ihn geflucht. Ich erinnere mich, dass mehrfach das Wort ,Arschloch†™ gefallen ist.†

Dad schüttelte den Kopf. †œDen Unterricht zu unterbrechen, um gegen die Heimatschutzbehörde zu wettern…†

†œEs ist ein Gesellschaftskunde-Kurs, Dad.† Mir war mittlerweile alles egal, aber ich fand, wenn mir Mom schon in die Bresche sprang, dann sollte ich sie nicht hängen lassen. †œWir haben über das DHS gesprochen. Ist Diskutieren denn nichts Gutes mehr?†

†œHör mal, Sohn†, sagte er. In letzter Zeit sagte er viel zu oft †œSohn† zu mir.

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Fühlte sich an, als ob er aufgehört hätte, mich als Person zu betrachten, und mich stattdessen als so ne Art halbfertige Larve sah, die Führung und Anleitung beim Entpuppen brauchte. Ich hasste das. †œDu wirst dich endlich an die Tatsache gewöhnen müssen, dass wir heute in einer veränderten Welt leben. Du hast selbstverständlich immer noch das Recht, deine Meinung zu äußern, aber du musst bereit sein, die Konsequenzen daraus zu tragen. Du musst endlich begreifen, dass es da draußen Leute gibt, die leiden und die nicht gewillt sind, die Feinheiten des Verfassungsrechts zu diskutieren, während ihr Leben bedroht ist. Wir sitzen jetzt im Rettungsboot, und wenn man im Rettungsboot sitzt, will niemand was darüber hören, wie gemein der Käptn ist.†

Viel fehlte nicht, und ich hätte mit den Augen gerollt.

†œNa, jedenfalls habe ich die Aufgabe, zwei Wochen lang unabhängig Studien zu treiben und in jedem Fach einen Aufsatz zu schreiben, der die Stadt als Hintergrund hat †“ einen Aufsatz in Geschichte, einen in Gesellschaftskunde, einen in Englisch und einen in Physik. Ist allemal besser, als tagsüber vor der Glotze zu hängen.†

Dad sah mich prüfend an, als erwarte er, dass ich auf irgendwas hinauswolle, dann nickte er. Ich sagte ihnen Gute Nacht und verzog mich in mein Zimmer. Dort warf ich die Xbox an, startete eine Textverarbeitung und fing an, Ideen für meine Aufsätze zu sammeln. Warum auch nicht? Das war wirklich besser, als bloß daheim herumzusitzen.

Letztlich chattete ich dann die halbe Nacht mit Ange. Sie war voll auf meiner Seite und sagte, sie würde mir bei den Aufsätzen helfen, wenn ich sie nach der Schule am nächsten Abend sehen wolle. Ihre Schule kannte ich †“ es war dieselbe, auf die Van ging -, sie war ganz drüben in der East Bay, wo ich seit den Bombenanschlägen nicht mehr gewesen war.

Der Gedanke, sie wiederzusehen, machte mich ziemlich hibbelig. Seit der Party hatte ich jede Nacht beim Einschlafen an zweierlei gedacht: an den Anblick der Masse, wie sie auf die Polizei zustürmte, und an das Gefühl, dort an dem Pfeiler ihre Brüste unter dem T-Shirt zu spüren. Sie war einfach umwerfend. Ich war noch nie mit einem so… aggressiven Mädchen zusammengewesen. Bisher war immer ich es gewesen, der die Initiative ergriff, um dann zurückgewiesen zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass Ange genauso scharf drauf war wie ich, und das war ein quälender Gedanke.

In dieser Nacht schlief ich tief und fest und träumte wildes Zeug von Ange und mir und was wir wohl anstellen würden, wenn wir uns nur an einem abgeschiedenen Fleck fänden.

Am nächsten Tag fing ich mit meinen Aufsätzen an. Über San Francisco kann man phantastisch schreiben. Geschichte? Jede Menge, vom Goldrausch zu den Schiffsdocks im Zweiten Weltkrieg, den Internierungslagern für die japanischstämmige Bevölkerung und der Erfindung des PCs. Physik? Das Exploratorium hat die coolste Austellung von allen Museen, in denen ich je war. Ich empfand eine perverse Befriedigung bei der Darstellung der Verflüssigung des Erdreichs während großer Beben. Englisch? Jack London, die Beat-Poeten, Science-Fiction-Autoren wie Pat Murphy und Rudy Rucker. Gesellschaftskunde? Die Bewegung für Meinungsfreiheit, Cesar Chavez, Schwulenrechte, Feminismus, die Antikriegsbewegung…

Ich fand es schon immer toll, Sachen einfach um ihrer selbst willen zu lernen, mehr zu wissen über die Welt um mich herum. Und dazu genügte es schon, einfach nur in der Stadt herumzulaufen. Ich entschied mich dafür, mit einem Englisch-Aufsatz über die Beatniks zu beginnen. City Lights Books hatte eine großartige Bibliothek in einem Zimmer im Obergeschoss, wo Allen Ginsberg und seine Kumpel ihre radikale Drogenpoesie verfasst hatten. Das eine Gedicht, das wir im Englisch-Kurs gelesen hatten, war Howl (Geheul); und seine ersten Zeilen würde ich niemals vergessen, solche Gänsehaut verursachten sie mir:

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/ saw the best minds ofmy generation destroyed by madness, starving hysterical naked,
(Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgezehrt hysterisch nackt,

dragging themselves through the negro streets at dawn lookingfor an angry fix,
wie sie sich durch die Negerstraßen schleppten bei Tagesanbruch auf der Suche nach einer zornigen Spritze,

angelheaded hipsters burningfor the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night…
engelsköpfige Hipster, sich verzehrend nach jener uralten himmlischen Verbindung zum Sternendynamo in der Maschinerie der Nacht…)

Ich liebte es, wie diese Wörter ineinanderflössen, †œausgezehrt hysterisch nackt†. Ich kannte dieses Gefühl. Und †œdie besten Köpfe meiner Generation† gab mir auch schwer zu denken. Es erinnerte mich an den Park und an die Polizei und daran, wie das Gas fiel. Man klagte Ginsberg für Howl wegen Obszönität an †“ wegen einer Zeile über Homo-Sex, deretwegen heute niemand mehr mit der Wimper zucken würde. Irgendwie stimmte es mich fröhlich zu wissen, dass wir doch irgendwelche Fortschritte gemacht hatten, dass frühere Zeiten noch viel restriktiver gewesen waren als diese.

In der Bibliothek vergaß ich alles um mich herum, während ich die wunderschönen alten Ausgaben dieser Bücher las. Ich verlor mich in Jack Kerouacs †œOn the Road†, einen Roman, den ich schon lange lesen wollte, und ein Angestellter, der nachschauen kam, was ich da trieb, nickte zustimmend und fand eine billige Ausgabe für mich, die er mir für sechs Dollar verkaufte.

Dann ging ich nach Chinatown weiter und aß Dim Sum Buns und Nudeln mit scharfer Sauce, die ich früher als ziemlich scharf bezeichnet hätte, die mir aber mit der Erfahrung eines Ange-Special mittlerweile eher mild vorkam.

Als es auf Nachmittag zuging, stieg ich in die BART und dann in einen Shuttlebus über San Mateo Bridge, der mich zur East Bay brachte. Ich las mein Exemplar von †œOn the Road† und genoß die vorbeiflitzende Landschaft. †œOn the Road† ist ein halb autobiografischer Roman über Jack Kerouac, einen drogen- und alkoholabhängigen Schriftsteller, der per Anhalter durch Amerika reist, Billigjobs annimmt, bei Nacht durch die Straßen geistert, Leuten begegnet und wieder seiner Wege zieht. Hipster, traurige Hobos, Betrüger, Straßenräuber, Penner und Engel.

Das Buch hat keine eigentliche Handlung †“ Kerouac soll es, zugedröhnt bis zur Kante, innerhalb von drei Wochen auf eine lange Rolle Papier geschrieben haben -, es beschreibt bloß eine Reihe erstaunlicher Dinge, ein Ereignis nach dem anderen. Er freundet sich mit selbstzerstörerischen Leuten wie Dean Moriarty an, die ihn in merkwürdige Pläne verwickeln, aus denen nie irgendwas wird, und doch wird was draus, wenn ihr wisst, was ich meine.

Diese Worte hatten einen ganz eigenen Rhythmus, sie waren üppig, ich konnte sie laut in meinem Kopf hören. Sie weckten in mir das Verlangen, mich auf der Ladefläche eines Pickups schlafen zu legen und in einer staubigen Kleinstadt im Central Valley auf halber Strecke nach L.A. wieder aufzuwachen, in einem dieser Orte mit einer Tankstelle und einem Diner, und dann einfach nur auf die Felder hinauszulaufen und Leute zu treffen, Dinge zu sehen und Dinge zu tun.

Es war eine lange Busfahrt, und ich musste ein bisschen eingenickt sein †“ mit Ange bis werweißwann zu chatten war schlecht für meinen Schlafrhythmus, denn Mom erwartete mich nach wie vor zum Frühstück. Ich wachte auf, wechselte den Bus, und kurz daraufwar ich bei Anges Schule.

Sie kam mir hüpfend entgegen in ihrer Uniform †“ ich hatte sie noch nie darin gesehen, sie sah auf eine merkwürdige Art süß aus und erinnerte mich an Van in ihrer Uniform. Sie umarmte mich lange und gab mir einen harten Kuss auf die Wange.

†œHallo, du!†, sagte sie.

†œHi!†

†œWas liestn da?†

Daraufhatte ich gewartet. Ich hatte die Stelle mit einem Finger markiert. †œHör mal:

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,Sie tanzten die Straßen hinab wie Dingledodies (6), und ich schlurfte hinterher, wie ich es mein Leben lang mit Leuten getan habe, die mich interessieren, weil die einzigen Leute, die für mich zählen, die Verrückten sind †“ die verrückt sind nach Leben, verrückt nach Reden, verrückt nach Erlösung, begierig nach allem zugleich; die niemals gähnen oder Gemeinplätze plappern, sondern brennen, brennen, brennen wie sagenhafte gelbe römische Kerzen, explodieren wie Spinnen über all die Sterne hinaus, und in der Mitte siehst du das blaue Zentrum der Flamme verpuffen und alles sagt †œOohhh!††˜†

(6) Pardon, das wundervolle Wort †œdingledodies† kann in der Übersetzung nur verlieren. Am ehesten bedeutet es wohl †œwilde Verrückte†, A.d.Ü

Sie nahm das Buch und las die Passage noch einmal. †œWow, Dingledodies! Ich liebe so was! Ist das alles so?†

Ich erzählte ihr von dem, was ich schon gelesen hatte, während wir langsam den Bürgersteig runter zur Bushaltestelle schlenderten. Als wir um die Ecke gebogen waren, schlang sie ihren Arm um meine Hüfte, und ich legte meinen über ihre Schulter. Die Straße runterzugehen mit einem Mädchen im Arm †“ meiner Freundin? Klar, wieso nicht? †“ und über dieses coole Buch zu reden, das war einfach himmlisch. Es ließ mich meine Sorgen für einen Moment vergessen.

†œMarcus?†

Ich drehte mich um. Es war Van. Im Unterbewusstsein hatte ich damit gerechnet. Ich wusste es, weil mein Bewusstsein nicht im Mindesten überrascht war. Es war keine große Schule, und sie hatten alle zur selben Zeit Schluss. Ich hatte seit Wochen nicht mit Van geredet, und diese Wochen fühlten sich wie Monate an. Früher hatten wir jeden Tag miteinander geredet.

†œHi, Van†, sagte ich. Ich unterdrückte den Reflex, meinen Arm von Anges Schulter zu nehmen. Van schien überrascht zu sein, aber nicht so sehr wütend als vielmehr bleich und erschüttert. Sie beobachtete uns beide scharf.

†œAngela?†

†œHi, Vanessa†, sagte Ange.

†œWas machst du denn hier?†

†œIch bin hier rausgekommen, um Ange abzuholen†, sagte ich in bemüht neutralem Tonfall. Plötzlich fühlte ich mich unwohl dabei, mit einem anderen Mädchen gesehen zu werden.

†œOh. Na dann, war nett, dich gesehen zu haben.†

†œJa, war nett, dich gesehen zu haben, Vanessa†, sagte Ange, zog mich herum und weiter Richtung Bushaltestelle.

†œDu kennst sie?†

†œJa, schon ewig.†

†œWart ihr zusammen?†

†œWas? Nein! Überhaupt nicht! Wir waren bloß Freunde.†

†œIhr wart Freunde?†

Ich hatte das Gefühl, als würde Van direkt hinter uns herlaufen und zuhören, obwohl sie bei dem Tempo, das wir eingeschlagen hatten, hätte joggen müssen, um an uns dranzubleiben. Ich widerstand der Versuchung, über die Schulter zu blicken, so lange wie nur möglich, aber schließlich tat ich es doch. Hinter uns waren massenhaft Mädchen aus der Schule, aber keine Van.

†œSie war mit mir und Jose-Luis und Darryl unterwegs, als wir verhaftet wurden. Wir haben zusammen ARGs gemacht. Wir vier waren so was wie beste Freunde.†

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†œUnd dann?†

Ich dämpfte die Stimme. †œSie mochte die Idee mit dem Xnet nicht. Sie dachte, wir würden Ärger kriegen und ich würde andere Leute in Schwierigkeiten bringen.†

†œUnd deshalb seid ihr jetzt keine Freunde mehr?†

†œWir haben uns bloß sozusagen auseinandergelebt.† Wir gingen ein paar Schritte.

†œIhr wart nicht, du weißt schon, Freund-und-Freundin-Freunde?†

†œNein!†, sagte. Ich. Mein Gesicht glühte. Ich fühlte mich, als würde ich mich wie ein Lügner anhören, obwohl ich ja nun die Wahrheit sagte.

Ange brachte uns beide abrupt zum Stehen und studierte meinen Gesichtsausdruck.

†œOder doch?†

†œNein! Ehrlich nicht! Nur Freunde. Darryl und sie †“ na ja, auch nicht wirklich, aber Darryl war ziemlich in sie verknallt. Überhaupt kein Gedanke daran,…†

†œAber wenn Darryl nicht in sie verknallt gewesen wäre, wärst du, oder was?†

†œNein, Ange. Nein. Bitte glaub mir doch einfach und lass das Thema. Vanessa und ich waren gute Freunde und sind es jetzt nicht mehr, und das macht mir zu schaffen; aber ich war nie hinter ihr her, okay?†

Sie entspannte sich ein bisschen. †œOkay, okay. Tut mir Leid. Ist bloß, dass ich mit ihr nicht klarkomme. Wir sind nie miteinander klargekommen in all den Jahren, die wir uns schon kennen.†

Ach so, dachte ich. Das erklärte, weshalb Jolu Ange schon so lange kannte und ich sie trotzdem noch nie getroffen hatte. Sie hatte ihre Privatfehde mit Van, und deshalb hatte er sie nie mitgebracht.

Wir umarmten uns ausgiebig und küssten uns, und eine Horde Mädels kam an uns vorbei und machte †œhuiuiuiui†; also rissen wir uns zusammen und gingen weiter zur Bushaltestelle. Vor uns lief jetzt Van, die an uns vorbeigekommen sein musste, während wir uns küssten. Ich fühlte mich wie ein kompletter Idiot.

Natürlich war sie auch an der Bushaltestelle und dann im Bus, und wir sprachen kein Wort miteinander, und ich versuchte die ganze Fahrt über ein Gespräch mit Ange zu führen, aber es war sehr verkrampft.

Wir hatten geplant, irgendwo auf einen Kaffee anzuhalten und dann zu Ange weiterzugehen, um zu †œlernen†, also um abwechselnd mit ihrer Xbox im Xnet zu lesen. Anges Mom kam an Dienstagen immer spät nach Hause, weil sie da abends Yogakurs hatte und dann mit ihren Freundinnen essen ging, und Anges Schwester war mit ihrem Freund auf der Piste, also würden wir ganz ungestört sein. Und ich hatte schmutzige Phantasien seit dem Moment, als wir uns für diesen Abend verabredet hatten.

Wir kamen bei ihr an, gingen direkt in ihr Zimmer und machten die Tür hinter uns zu. Ihr Zimmer hatte was von einem Bombenkrater, es wär übersät mit schichtenweise Klamotten, Notizbüchern und PC-Teilen, die sich wie Krähenfüße in die Socken bohren würden. Ihr Schreibtisch war noch schlimmer als der Fußboden, dort stapelten sich die Bücher und Comics; so setzten wir uns schließlich auf ihr Bett, wogegen ich nichts einzuwenden hatte.

Die Verlegenheit seit dem Treffen mit Van hatte sich einigermaßen gelegt, und wir warfen ihre Xbox an. Sie war in ein Nest von Kabeln eingebettet, von denen einige zu einer WLAN-Antenne führten, die sie am Fenster befestigt hatte, um die Funknetze der Nachbarn anzapfen zu können. Andere Kabel führten zu alten Laptop-Monitoren, die sie zu Einzelbildschirmen umgebaut hatte, auf Standfüßen balancierend und voll freiliegender Elektronik. Die Monitore standen auf beiden Nachttischen, ein geniales Arrangement, um im Bett Filme zu sehen oder zu chatten: Wenn sie die Bildschirme zum Bett hin drehte, konnte sie sich auf die Seite drehen und hatte nach links oder rechts immer ein seitenrichtiges Bild.

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Nebeneinander an den Nachttisch gelehnt auf ihrem Bett sitzend wussten wir beide, weshalb wir wirklich hier waren. Ich zitterte ein wenig, und die Wärme ihres Beins und ihrer Schulter an mir waren nur zu gegenwärtig; aber ich musste mich zumindest mal ins Xnet einloggen, meine Mails lesen und so.

Eine Mail kam von einem Jungen, der gern lustige Handy-Videos über das Amok laufende DHS verschickte. Das letzte hatte gezeigt, wie sie einen Kinderwagen zerlegten, weil ein Sprengstoffspürhund sich dafür interessiert hatte; sie hatten ihn mitten auf der Straße in der Marina mit Schraubenziehern auseinandergenommen, und man konnte sehen, wie all die reichen Leute da vorbeikamen, sich umdrehten und offensichtlich wunderten, wie bescheuert das war.

Ich hatte zu dem Video verlinkt, und es war wie bescheuert runtergeladen worden. Er hatte es auf den Spiegelserver des †œInternet Archive† in Alexandria, Ägypten hochgeladen, wo sie so ziemlich alles akzeptierten, vorausgesetzt, es stand unter einer remix- und weitergabefähigen Creative-Commons-Lizenz. Das US-†Archive† †“ im Presidio, nur ein paar Minuten von hier †“ war gezwungen worden, all diese Videos im Namen der nationalen Sicherheit vom Netz zu nehmen, aber das †œArchive† in Alexandria hatte sich als eigenständige Organisation abgespalten und hostete jetzt alles, was geeignet war, die Vereinigten Staaten zu verärgern.

Dieser Junge †“ sein Nick war Kameraspie †“ hatte mir diesmal ein noch besseres Video geschickt. Es war im Eingang zur City Hall im Civic Center aufgenommen, dieser riesigen Hochzeitstorte von einem Haus, voll mit Statuen in kleinen Bogengängen, vergoldeten Blättern und Gedöns. Das DHS hatte rund um das Gebäude eine Sicherheitszone eingerichtet, und Kameraspies Video zeigte eine Ansicht ihres Checkpoints, während sich ein Typ in Offiziersuniform näherte, seinen Ausweis zeigte und seine Aktentasche auf das Röntgenband stellte.

Alles war okay, bis einer der DHS-Leute auf dem Röntgenbild etwas sah, das ihm nicht gefiel. Er stellte dem General Fragen, und der rollte mit den Augen und sagte etwas Unhörbares (das Video war von der anderen Straßenseite aufgenommen, offenkundig mit einem getarnten Eigenbau-Zoom, deshalb war die Tonspur voll mit Geräuschen von vorbeieilenden Passanten und dem Straßenverkehr).

Der General und die Leute vom DHS gerieten aneinander, und je länger sie diskutierten, desto mehr DHS-Typen scharten sich dazu. Schließlich schüttelte der General verärgert den Kopf, wies mit dem Finger auf die Brust des einen DHSlers, schnappte sich die Aktentasche und ging davon. Die DHS-Typen riefen ihm nach, aber er wurde nicht langsamer. Seine Körpersprache sagte überdeutlich †œich bin äußerst verärgert†.

Dann geschah es. Die DHS-Typen rannten dem General hinterher. Kameraspie hatte das Video hier verlangsamt, so dass man in extremer Zeitlupe, Bild für Bild, das Gesicht des Generals sehen konnte: Wie er sich halb umdrehte mit diesem Ausdruck im Gesicht, der besagte †œIhr werdet den Teufel tun, mich zu tackeln†, und wie der Ausdruck sich in Entsetzen verwandelte, als sich drei der riesigen DHS-Wachen auf ihn stürzten, ihn zur Seite stießen und dann um die Hüfte fassten, als wäre dies das letzte Football-Tackling in seiner Karriere. Der General †“ schon etwas älter, mit stahlgrauem Haar, zerfurchtem und würdevollem Gesicht †“ ging zu Boden wie ein Sack Kartoffeln, schlug zweimal hart auf, sein Gesicht knallte auf den Bürgersteig, und Blut schoss aus seiner Nase.

Das DHS verschnürte den General, fesselte ihn an Händen und Füßen. Der General brüllte jetzt, und wie er brüllte, sein Gesicht verfärbt von dem Blut, das ihm immer noch aus der Nase strömte. Beine flitzten durchs Bild. In der starken Tele-Einstellung sah man vorbeikommende Fußgänger zuschauen, wie man diesen Typ in Uniform fesselte, und seinem Gesicht war zu entnehmen, dass dies das Schlimmste von allem war †“ dies war rituelle Erniedrigung, der Raub seiner Würde. Hier endete der Clip.

†œAch du mein süßer Buddha†, sagte ich, während der Schirm schwarz wurde und ich das Video nochmals startete.

Seite 124

Ich stupste Ange an und zeigte ihr den Clip. Sie sagte kein Wort und betrachtete den Film mit offenem Mund.

†œLad das ja hoch!†, sagte sie. †œLos, hochladen hochladen hochladen hochladen hochladen!† Ich lud ihn hoch. Ich konnte kaum tippen vor Aufregung, als ich aufschrieb, was ich hier gesehen hatte; und ich fügte eine Notiz an, ob wohl jemand den Offizier im Video identifizieren könne oder etwas über die Sache wisse.

Ich drückte auf †œVeröffentlichen†.

Dann sahen wir uns das Video noch einmal an. Und noch einmal.

Mein E-Mail-Programm meldete sich.

> Ich erkenn den Kerl ganz sicher †“ du findest seine Bio in der Wikipedia. Das ist General Claude Geist. Er war Kommandeur der UN-Friedenstruppen in Haiti.

Ich schlug die Bio nach. Es gab da ein Bild des Generals bei einer Pressekonferenz und Anmerkungen über seine Rolle bei der kniffligen Haiti-Mission. Es war offensichtlich derselbe Typ.

Ich aktualisierte meinen Blogeintrag.

Theoretisch war dies die Chance für Ange und mich, ein bisschen rumzumachen, aber daraus wurde schließlich doch nichts. Wir stöberten durch die Blogs im Xnet und suchten nach weiteren Berichten über Durchsuchungen und Übergriffe durch das DHS. Das war schon ein Routinejob, weil ich dasselbe bereits nach den Ausschreitungen im Park gemacht hatte. In meinem Blog führte ich eine neue Kategorie für diese Sachen ein, MissbrauchVonBefugnissen, und sortierte alles ein. Ange überlegte sich immer noch mehr Suchbegriffe, die wir ausprobieren könnten, und als ihre Mutter heimkam, hatte meine neue Kategorie schon siebzig Einträge, allen voran der Angriff auf General Geist vor City Hall.

Den ganzen nächsten Tag über arbeitete ich daheim an meinem Beatnik-Aufsatz, las Kerouac und surfte im Xnet. Eigentlich hatte ich Ange an der Schule treffen wollten, aber der Gedanke, womöglich wieder Van zu treffen, machte mich furchtbar nervös, also simste ich ihr eine Ausrede, dass ich noch am Aufsatz zu schreiben hätte.

Derweil trudelten alle möglichen tollen Vorschläge für MissbrauchVonBefugnissen ein, Hunderte von kleinen und großen, Bilder und Videos. Das Mem hatte begonnen, sich zu replizieren.

Und es hörte nicht wieder auf. Am nächsten Morgen waren es nochmals mehr geworden. Jemand hatte ein neues Blog namens MissbrauchVonBefugnissen aufgesetzt, das Hunderte weiterer Vorfälle sammelte. Der Stapel wuchs. Wir wetteiferten darum, die saftigsten Storys und die wildesten Bilder aufzutun.

Mit meinen Eltern hatte ich vereinbart, dass ich jeden Morgen mit ihnen zusammen frühstückte und über die Projekte redete, die ich gerade in Arbeit hatte. Es gefiel ihnen, dass ich Kerouac las. Es war für sie beide eines ihrer Lieblingsbücher gewesen, und es stellte sich heraus, dass wir bereits ein Exemplar im Regal in ihrem Schlafzimmer hatten. Mein Dad brachte es runter, und ich blätterte es durch. Da waren Abschnitte mit Kuli angestrichen, es gab Seiten mit Eselsohren und Notizen am Rand. Mein Dad hatte dieses Buch offensichtlich sehr geliebt.

Das erinnerte mich an bessere Zeiten, als mein Dad und ich uns noch fünf Minuten am Stück unterhalten konnten, ohne uns über Terrorismus in die Haare zu kriegen, und wir hatten zum Frühstück ein tolles Gespräch darüber, wie der Roman strukturiert war, und über all die irren Abenteuer.

Aber am nächsten Morgen hingen sie beim Frühstück wieder wie gebannt vorm Radio.

†œMissbrauch von Befugnissen †“ so heißt der neueste Trend in San Franciscos berüchtigtem Xnet, und er hat bereits weltweites Aufsehen erregt.

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Die Bewegung, kurz MvB genannt, besteht aus ,Kleinen Brüdern†™, die ihrerseits die Anti-Terrorismus-Maßnahmen der Heimatschutzbehörde überwachen und ihre Pannen und Exzesse dokumentieren. Initialzündung für MvB war ein populäres virales Video, das zeigt, wie General Claude Geist, ein pensionierter Drei-Sterne-General, von DHS-Mitarbeitern auf dem Bürgersteig vor City Hall umgerempelt wird. Geist hat den Vorfall nicht kommentiert, aber es gab zahlreiche wütende Reaktionen junger Zuschauer, die auch über ihre eigene Behandlung entrüstet sind.

Besonders bemerkenswert ist das hohe Maß an Aufmerksamkeit, das dieser Bewegung weltweit zuteil wird. Bilder aus dem Geist-Video wurden bereits auf den Titelseiten von Zeitungen in Korea, Großbritannien, Deutschland, Ägypten und Japan veröffentlicht, und Rundfunkstationen überall auf der Welt zeigten den Clip in ihren Abendnachrichten. Ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte die Angelegenheit, als gestern abend National News Evening der British Broadcasting Corporation eine Sondersendung über den Umstand ausstrahlte, dass die Story bislang weder von einem US-Sender oder einer hiesigen Nachrichtenagentur aufgegriffen wurde. Kommentatoren auf der Website der BBC weisen zudem daraufhin, dass sich die Sondersendung auf den Seiten von BBC America ebenfalls nicht finden lässt.†

Es folgte eine Reihe von Interviews: britische Medienbeobachter, ein Bürschchen von der schwedischen Piratenpartei mit spöttischen Bemerkungen über Amerikas korrupte Presse, ein ehemaliger amerikanischer Nachrichtensprecher im Ruhestand in Tokio; dann strahlten sie einen kurzen Spot von Al-Dschassira aus, in dem es um die US-Presse im Vergleich zu den nationalen Nachrichtenmedien in Syrien ging.

Ich meinte die Blicke meiner Eltern auf mir zu spüren, meinte zu ahnen, dass sie wussten, was ich tat. Aber als ich mein Geschirr wegräumte, sah ich, dass sie einander anschauten.

Dad hielt sich mit zitternden Händen am Kaffeebecher fest. Mom blickte zu ihm hin.

†œDie wollen uns schlechtreden†, sagte Dad schließlich. †œDie wollen alle Bemühungen um unsere Sicherheit sabotieren.†

Ich öffnete den Mund, aber dann fing ich den Blick meiner Mutter und ihr Kopfschütteln auf. Also ging ich in mein Zimmer, um weiter an dem Kerouac-Aufsatz zu arbeiten. Sobald ich zum zweiten Mal die Haustür gehört hatte, warf ich meine Xbox an und ging online.

> Hallo M1k3y. Mein Name ist Colin Brown, ich bin Produzent der Nachrichtensendung The National bei der Canadian Broadcasting Corporation. Wir machen eine Geschichte über das Xnet und haben bereits einen Reporter nach San Francisco geschickt, um von dort zu berichten. Wären Sie an einem Interview interessiert, um über Ihre Gruppe und ihre Aktivitäten zu sprechen?

Ich starrte den Monitor an. Oh Gott. Die wollten mich über †œmeine Gruppe† interviewen?

> Oh, nein, danke. Ich achte sehr auf meine Privatsphäre. Außerdem ist es gar nicht †œmeine† Gruppe. Aber danke, dass Sie eine Geschichte drüber machen!

Eine Minute später kam die nächste E-Mail.

> Wir können Sie unkenntlich machen und Ihnen Anonymität zusichern. Es ist Ihnen klar, dass das DHS nur zu gern seinen eigenen Sprecher vorschicken wird. Ich bin aber interessiert an Ihrer Sicht der Dinge.

Ich speicherte die E-Mail ab. Er hatte Recht, aber ich wäre bescheuert, das zu tun. Von meinem Standpunkt aus war er das DHS.

Ich wandte mich wieder Kerouac zu, da kam die nächste E-Mail. Dieselbe Bitte von einer anderen Nachrichtenagentur: KQED wollte mich treffen, um ein Radio-Interview aufzuzeichnen. Ein Sender in Brasilien. Die Australian Broadcasting Corporation. Deutsche Welle. Den ganzen Tag lang trudelten Presse-Anfragen ein. Und den ganzen Tag lang lehnte ich höflich ab.

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Viel Kerouac las ich an diesem Tag nicht.

†œDu musst eine Pressekonferenz abhalten†, sagte Ange, als wir am selben Abend in dem Café bei ihr um die Ecke saßen. Ich war nicht mehr allzu scharf drauf, sie in der Schule abzuholen und womöglich wieder mit Van im selben Bus zu sitzen.

†œHä? Bist du wahnsinnig?†

†œMach es in Clockwork Plunder. Such dir einfach einen Handelsstützpunkt, wo kein PvP erlaubt ist, und leg eine Uhrzeit fest. Du kannst dich von hier einloggen.†

PvP, Player-versus-Player, ist ein Kampf-Modus Spieler gegen Spieler. Einige Bereiche von Clockwork Plunder waren als neutrales Territorium definiert, und dort konnten wir theoretisch eine Tonne Reporter anschleppen, die keine Ahnung vom Spiel hatten, ohne zu riskieren, dass andere Spieler sie während der Pressekonferenz einfach umlegten.

†œIch kenn mich mit Pressekonferenzen null aus.†

†œMusst du halt googeln. Ganz sicher hat schon mal jemand einen Ratgeber geschrieben, wie man eine erfolgreiche Pressekonferenz abhält. Ich mein, wenn der Präsident das kann, kannst du das auch. Der sieht nicht so aus, als ob er sich schon allein die Schuhe zubinden kann.†

Wir bestellten noch Kaffee.

†œDu bist eine sehr kluge Frau†, sagte ich.

†œUnd ich bin schön.†

†œDas auch.† – Fortsetzung Kapitel 15

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 13

Little Brother

Kapitel 13

Dieses Kapitel ist Books-A-Million gewidmet, einer Kette riesiger Buchläden überall in den USA. Mit Books-A-Million bin ich zum ersten Mal in Berührung gekommen, als ich in einem Hotel in Terre Haute, Indiana wohnte (an diesem Tag sollte ich eine Rede im Rose Hulman Institute of Technology halten). Der Laden war ganz in der Nähe des Hotels, und ich brauchte dringend was zu lesen †“ Ich war schon einen ganzen Monat auf Achse gewesen, hatte alle Bücher in meinem Koffer durch und noch fünf weitere Städte auf dem Reiseplan, bevor ich wieder nach Hause konnte. Und während ich eifrig durch die Regale schaute, fragte mich eine Angestellte, ob ich Hilfe benötige.

Ich habe selbst schon in Buchläden gearbeitet, und Buchhändler mit Erfahrung sind ihr Gewicht in Gold wert; also sagte ich ja und fing an, meinen Geschmack und meine Lieblingsautoren zu beschreiben. Die Angestellte lächelte und sagte, †œda habe ich genau das richtige Buch für Sie†, und dann brachte sie mir meinen ersten Roman, †œDown and Out in the Magic Kingdom†. Ich brach in Gelächter aus, stellte mich vor, und wir hatten eine ganz wunderbare Plauderei über Science Fiction, die mich fast davon abhielt, rechtzeitig zu meiner Rede zu kommen!

Books-A-Million:

http://www.booksamillion.com/ncom/books?&isbn=0765319853

………………………………………………………………………………………………

Die sind ja absolute Huren†, sagte Ange, wobei sie das Wort geradezu ausspuckte. †œNein, das wär ja eine Beleidigung aller hart arbeitenden Huren. Die †“ die sind Profiteure†

Wir blätterten einen Stapel Zeitungen durch, die wir ins Café mitgebracht hatten. Sie hatten alle †œBerichterstattung† über die Party in Dolores Park, und ausnahmslos stellten sies so dar, als sei es eine Orgie betrunkener, bekiffter Kiddies gewesen, die die Polizei angegriffen hatten. USA Today schrieb über die Kosten der †œAusschreitungen† und vergaß dabei nicht aufzurechnen, was es kosten würde, die Rückstände des Pfefferspray-Bombardements zu beseitigen, was der Anstieg an Asthma-Attacken, die die städtischen Notaufnahmen verstopft hatten, und was die Behandlung der achthundert festgenommenen †œRandalierer†.

Niemand erzählte es aus unserer Sicht.

†œNa ja, zumindest im Xnet steht es richtig†, sagte ich. Ich hatte einige Blogeinträge, Videos und Fotostreams auf meinem Handy gespeichert und zeigte sie ihr. Darunter waren Erfahrungsberichte von Leuten, die vom Gas erwischt worden waren, und von solchen, die man verprügelt hatte. Auf dem Video sah man uns alle tanzen und Spaß haben, man sah die friedlichen politischen Ansprachen und den Chorus von †œHolt es euch zurück†, man sah Trudy Doo darüber sprechen, dass wir die einzige Generation sei, die noch daran glauben könne, für unsere Freiheiten zu kämpfen.

†œWir müssen das den Menschen zeigen†, sagte sie.

†œJa†, sagte ich finster. †œHübsche Theorie.†

†œWarum meinst du denn, dass die Presse unseren Standpunkt nicht veröffentlichen würde?†

†œDu hast doch selbst gesagt, es sind Huren.†

†œJa, aber Huren machens für Geld. Wenn sie eine richtige Kontroverse hätten, könnten sie mehr Zeitungen und mehr Anzeigen verkaufen. Was sie bis jetzt haben, ist bloß ein Verbrechen; eine Kontroverse ist das viel größere Thema.†

†œOkay, so weit, so gut. Aber warum machen sies dann nicht? Na ja, Reporter finden sich ja schon kaum in normalen Blogs zurecht, wie sollen die dann auch noch das Xnet finden? Ist ja auch nicht wirklich ein erwachsenenfreundlicher Ort.†

†œStimmt. Aber das lässt sich doch ändern, oder?†

†œAch ja?†

†œSchreib es alles auf. Tu es alles auf eine Seite, mit allen Links.

Seite 110

Eine einzige Site, extra für die Presse, wo sie sich ein vollständiges Bild machen kann. Verlink die noch mit den How-Tos für das Xnet. Normale Internet-Surfer kommen ja auch ins Xnet, solange es ihnen egal ist, dass das DHS mitbekommt, was sie da besuchen.†

†œUnd du meinst, das kann klappen?†

†œUnd wenn nicht, dann haben wir es zumindest versucht.†

†œWarum sollten sie uns schon zuhören?†

†œWer würde denn M1k3y nicht zuhören?†

Ich stellte meinen Kaffee ab. Ich nahm mein Handy und steckte es in die Tasche. Ich stand auf, drehte mich auf dem Absatz um und verließ das Café. Ich suchte mir keine bestimmte Richtung aus und ging einfach nur los. Mein Gesicht fühlte sich wie erstarrt an, und mein Magen rebellierte.

Die wissen, wer du bist, dachte ich. Die wissen, wer M1k3y ist. Die Sache war gelaufen. Wenn Ange es rausgefunden hatte, dann das DHS ja wohl erst recht. Ich war geliefert. Ich hatte es von dem Moment an gewusst, in dem ich aus dem DHS-Truck aussteigen durfte: Eines Tages würden sie kommen, um mich zu holen und mich für immer verschwinden zu lassen, dort, wo sie auch Darryl hatten verschwinden lassen.

Alles war aus.

Auf Höhe Market Street rannte sie mich fast um. Sie war außer Atem und sah ziemlich wütend aus.

†œWas zum Teufel ist Ihr Problem, mein Herr?†

Ich schüttelte sie ab und ging weiter. Alles war aus.

Sie packte mich wieder. †œHör auf damit, Marcus, du machst mir Angst. Komm schon, sprich mit mir.†

Ich hielt an und schaute sie an. Sie verschwamm vor meinen Augen. Ich sah alles nur unscharf. Und ich hatte diesen wahnsinnigen Drang, mich einfach vor die Straßenbahn zu werfen, die grade an uns vorbeiratterte, hier, mitten auf der Straße. Lieber sterben als noch mal dorthin zurück.

†œMarcus!† Sie tat etwas, was ich bisher nur aus Filmen kannte: Sie haute mir eine runter, und zwar hart ins Gesicht.

†œSprich mit mir, verdammtnochmal!†

Ich sah sie an und befühlte mein Gesicht, das brannte wie Hölle.

†œNiemand darf wissen, wer ich bin†, sagte ich. †œIch kanns nicht anders sagen. Wenn du es weißt, dann ist es vorbei. Sobald andere Leute es wissen, ist es gelaufen.†

†œOh Gott, es tut mir Leid. Hey, ich weiß das bloß, weil, also, ich hab Jolu erpresst. Nach der Party hab ich dir ein bisschen hinterhergeschnüffelt, um rauszukriegen, ob du wirklich so nett bist, wie du wirkst, oder vielleicht doch ein heimlicher Serienkiller. Jolu kenn ich schon ewig, und als ich ihn über dich ausgefragt habe, da hat er von dir geschwärmt, als wärst du der nächste Messias oder so; aber ich hab gemerkt, dass da immer noch was war, womit er nicht rausrücken wollte. Ich kenn ihn also schon ewig; und er war mal im Computer-Camp hinter meiner älteren Schwester her, als er nochn Kind war. Ich weiß ein paar ziemlich schmutzige Sachen über ihn. Und ich hab ihm gesagt, ich würde die in der Welt rumposaunen, wenn er mir nicht alles erzählt.†

†œUnd dann hat ers dir erzählt.†

†œNein†, sagte sie. †œEr meinte, ich könne mich mal gehackt legen. Dann hab ich ihm also was über mich erzählt. Etwas, was ich überhaupt noch niemandem erzählt habe.†

†œWas denn?†

Sie schaute mich an. Blickte sich um, blickte wieder zu mir.

Seite 111

†œOkay, ich lass dich jetzt nicht Verschwiegenheit schwören; was solls? Entweder ich kann dir trauen oder nicht.

Letztes Jahr hab…† Sie stockte. †œLetztes Jahr hab ich die standardisierten Tests geklaut und im Internet veröffentlicht. War eigentlich nur zum Spaß. Ich kam zufällig am Büro des Schulleiters vorbei und sah sie im Safe, und die Tür war offen. Ich bin also reingehuscht †“ da waren sechs Exemplare, und ich hab mir eins davon in die Tasche gesteckt und bin wieder raus. Daheim hab ich sie gescannt und auf einem Piratenpartei-Server in Dänemark veröffentlicht.†

†œDu warst das?†

Sie errötete. †œHm, ja.†

†œHeilige Scheiße!† Das war wirklich ne dolle Sache gewesen. Das Erziehungsministerium sagte damals, dass es etliche Millionen Dollar gekostet habe, ihre †œKein Kind wird zurückgelassen†-Tests produzieren zu lassen, und dass sie jetzt nach dem Leck gleich noch mal dieselbe Summe ausgeben müssten. Sie sprachen von †œBildungsterrorismus†, und in den Nachrichten wurde spekuliert ohne Ende über die politischen Motive des Täters; man fragte sich, ob es ein Lehrerprotest war, ein Schüler, ein Dieb oder ein unzufriedener Behördenmitarbeiter.

†œDU warst das?†

†œIch war das.†

†œUnd du hast es Jolu erzählt…†

†œWeil ich ihm zeigen wollte, dass er sich drauf verlassen kann, dass ich das Geheimnis für mich behalte. Wenn er mein Geheimnis kennt, dann hat er was gegen mich in der Hand, das mich ins Gefängnis bringen würde, falls ich meine Falle öffne. Bisschen geben, bisschen nehmen. Quid pro quo, wie in Schweigen der Lämmer.†

†œUnd dann hat er es dir erzählt.†

†œNein, hat er nicht.†

†œAber…†

†œDann hab ich ihm erzählt, wie total verknallt ich in dich bin und dass ich bereit wär, mich völlig zum Depp zu machen, nur um dich zu kriegen. Dann hat er es mir erzählt.†

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und guckte meine Zehen an. Sie nahm meine Hände und drückte sie.

†œEs tut mir Leid, dass ich es aus ihm rausgepresst habe. Es wäre deine Entscheidung gewesen, es mir zu erzählen oder eben nicht. Es stand mir nicht zu…†

†œNein†, sagte ich. Jetzt, da ich wusste, wie sies erfahren hatte, beruhigte ich mich langsam wieder. †œNein, es ist gut, dass du es weißt. Du.†

†œIch†, sagte sie. †œIch dummes kleines Ding.†

†œOkay, ich kann damit leben. Aber da ist noch eine Sache.†

†œWas?†

†œKeine Ahnung, wie ich es sagen soll, ohne wie ein kompletter Idiot zu klingen, aber… egal. Also: Wenn Leute zusammen sind, oder wie immer man das nennen soll mit uns, dann trennen sie sich manchmal. Und wenn sie sich trennen, dann sind sie böse aufeinander. Manchmal hassen sie sich sogar. Eigentlich zu finster, auch nur drüber nachzudenken bei dir und mir, aber weißt du, wir müssen drüber nachdenken.†

†œIch verspreche hoch und heilig, dass nichts, was du jemals tun könntest, mich dazu bringen könnte, dein Geheimnis zu verraten. Nichts. Vögel ein Dutzend Cheerleader in meinem Bett, während meine Mutter zuschaut. Zwing mich, Britney Spears zu hören. Zerleg meinen Laptop, hau ihn mit Hämmern zu Brei und weich ihn in Meerwasser ein. Ich verspreche es dir. Nichts, niemals.†

Seite 112

Ich atmete sehr tief aus.

†œHm.†

†œJetzt wäre ein guter Moment, mich zu küssen†, sagte sie und wandte mir ihr Gesicht entgegen.

M1k3ys nächstes großes Xnet-Projekt war die ultimative Zusammenstellung von Berichten über die Trau-Keinem-Party in Dolores Park. Ich machte daraus die größte und rattenschärfste Website, die mir nur möglich war, die gesamte Action aufgeschlüsselt nach Orten, nach Zeit, nach Kategorien †“ Polizeigewalt, Tanzen, Nachwirkungen, Gesang. Dazu lud ich das komplette Konzert hoch.

Das war so ziemlich alles, was ich den Rest der Nacht machte. Und die nächste Nacht. Und die übernächste.

Meine Mailbox quoll über mit Anregungen von Anderen, die mir Aufzeichnungen aus ihren Handys und ihren Kompaktkameras zusandten. Dann bekam ich eine E-Mail von jemandem, dessen Namen ich kannte †“ Dr. Eeevil (mit drei †œE†), einem der führenden Köpfe hinter ParanoidLinux.

> M1k3y

> Ich habe dein Xnet-Experiment sehr interessiert verfolgt. Hier in Deutschland haben wir eine Menge Erfahrung damit, was passiert, wenn Regierungen außer Kontrolle geraten.

> Eine Sache solltest du wissen: Jede Kamera hat eine einzigartige †œRausch-Signatur†, die man später dazu verwenden kann, ein Bild einer bestimmten Kamera zuzuordnen. Das bedeutet, dass Fotos, die du auf deiner Site veröffentlichst, möglicherweise dazu benutzt werden können, ihre Fotografen zu identifizieren, falls sie später mal wegen was anderem hochgenommen werden.

> Es ist zum Glück nicht schwer, die Signaturen zu entfernen, wenn du dir die Mühe machen willst. In der ParanoidLinux-Distro, die du benutzt, gibt es dafür ein Tool. Es heißt photonomous, und es steckt in /usr/bin. Lies einfach die Hilfeseiten als Anleitung. Ist aber eigentlich simpel.

> Viel Glück bei dem, was du da tust. Lass dich nicht schnappen. Bleib frei. Bleib paranoid.

> Dr Eeevil

Ich beseitigte die Signaturen von allen Fotos, die ich gepostet hatte, und lud sie dann wieder hoch, zusammen mit einem Bericht darüber, was Dr. Eeevil mir erzählt hatte, und der dringenden Bitte an alle anderen, es genauso zu machen, um all unsere Fotos zu anonymisieren. Mit den Fotos, die schon runtergeladen und gespeichert waren, konnten wir nichts mehr machen, aber von jetzt an würden wir schlauer sein.

Weiter dachte ich in dieser Nacht nicht über die Sache nach, bis ich am nächsten Morgen zum Frühstück runterkam und Mom das Radio anhatte, wo die NPR-Morgennachrichten liefen.

†œDie arabische Nachrichtenagentur Al-Dschassira verbreitet Fotos, Videos und Augenzeugenberichte vom Jugendaufstand am vorigen Wochenende in Mission Dolores Park†, sagte der Sprecher, während ich grade ein Glas Orangensaft trank. Irgendwie schaffte ich es, ihn nicht über den ganzen Raum zu versprühen, aber ein bisschen verschluckte ich mich dann doch.

†œAl-Dschassira-Reporter geben an, dass diese Berichte im so genannten ,Xnet†™ veröffentlicht wurden, einem Untergrund-Netzwerk von Studenten und Al-Kaida-Sympathisanten in der Bay Area. Über die Existenz dieses Netzwerks wurde schon lange spekuliert, doch der heutige Tag markiert seine erstmalige Erwähnung in Massenmedien.†

Mom schüttelte den Kopf. †œDas fehlte uns noch. Als ob die Polizei nicht schon schlimm genug wäre. Kids, die rumrennen und glauben, eine Guerilla-Armee zu sein, geben denen doch bloß einen Vorwand, noch härter zuzuschlagen.†

Seite 113

†œDie Weblogs im Xnet sind voll mit Hunderten von Berichten und Multimedia-Dateien junger Menschen, die bei dem Aufruhr dabeiwaren und behaupten, es sei eine friedfertige Versammlung gewesen, bis die Polizei sie angegriffen habe. Hier ist einer dieser Berichte:

,Alles, was wir machten, war tanzen. Ich hatte meinen kleinen Bruder mitgebracht. Bands spielten, und wir redeten über Freiheit und darüber, dass wir auf dem besten Weg sind, sie an diese Idioten zu verlieren, die behaupten, Terroristen zu hassen, aber uns dann angreifen, als ob wir Terroristen sind und nicht Amerikaner. Ich glaube, die hassen die Freiheit, nicht uns.

Wir haben getanzt, und die Bands spielten, und alles war lustig und einfach toll, und dann brüllten die Polizisten uns an, wir sollten auseinandergehen. Wir schrien alle, holt es euch zurück!, und damit meinten wir, holt euch Amerika zurück. Die Polizei hat uns mit Pfefferspray angegriffen. Mein kleiner Bruder ist zwölf, der konnte drei Tage lang nicht in die Schule gehen.

Meine dämlichen Eltern behaupten, das sei meine Schuld. Und was ist mit der Polizei? Wir bezahlen die dafür, uns zu beschützen,aber die haben uns ohne Grund mit Pfefferspray begast, als ob wir feindliche Soldaten seien.†™

Ähnliche Berichte, einschließlich Video und Audio, können Sie auf Al-Dschassiras Website und im Xnet finden. Wie Sie dieses Xnet erreichen, erfahren Sie auf der Homepage von NPR.†

Dad kam runter.

†œBenutzt du das Xnet?†, wollte er wissen. Er blickte mir eindringlich ins Gesicht. Mir wurde übel.

†œDas ist für Computerspiele†, sagte ich. †œJedenfalls benutzen die meisten Leute es dafür. Es ist bloß ein drahtloses Netzwerk. Das hat jeder mal ausprobiert, als sie letztes Jahr diese Xboxen verschenkt haben.†

Er sah mich finster an. †œSpiele? Marcus, du scheinst nicht zu begreifen, dass du damit Leuten eine Tarnung verschaffst, die dieses Land angreifen und zerstören wollen. Ich möchte nicht, dass du dieses Xnet noch ein Mal benutzt. Nie wieder. Haben wir uns verstanden?†

Ich wollte diskutieren. Ach verdammt, ich wollte ihn an den Schultern packen und schütteln. Aber ich ließ es sein.

Ich sagte †œNa klar, Dad† und verschwand in die Schule.

[x]

Zuerst war ich erleichtert, als ich merkte, dass Fred Benson nicht dauerhaft für meinen Gesellschaftskunde-Kurs zuständig war. Aber die Frau, die ihn ersetzen sollte, war mein schlimmster Alptraum.

Sie war jung, vielleicht 28 oder 29, und auf so eine gesunde Weise hübsch. Sie war blond und ließ einen leichten Südstaaten-Akzent durchschimmern, als sie sich bei uns als Mrs. Andersen vorstellte. Das ließ bei mir sofort die Alarmglocken klingeln: Ich kannte keine Frau unter sechzig, die sich selbst †œMrs.† nannte.

Aber darüber wollte ich hinwegsehen. Sie war jung, hübsch und klang nett. Sie würde schon okay sein.

Sie war nicht okay.

†œUnter welchen Umständen sollte die Regierung bereit sein, die Bill of Rights außer Kraft zu setzen?†, fragte sie und drehte sich dabei an die Tafel, um die Zahlen von eins bis zehn untereinanderzuschreiben.

†œGar nicht†, sagte ich, ohne abzuwarten, dass sie mich aufrief. Das war ja wohl leicht. †œVerfassungsrechte sind absolut.†

†œDas ist keine sonderlich fortschrittliche Ansicht.† Sie schaute auf ihren Sitzplan. †œMarcus. Nimm zum Beispiel einen Polizisten, der eine unzulässige Durchsuchung durchführt und dabei seine Befugnisse überschreitet.

Seite 114

Dabei stößt er auf erdrückende Beweise, dass ein Krimineller deinen Vater getötet hat. Diese Beweise sind die einzigen, die existieren. Sollte der Kriminelle ungeschoren davonkommen?†

Ich wusste, wie die Antwort lauten musste, aber ich konnte es nicht recht erklären. †œJa†, sagte ich schließlich. †œAber die Polizei sollte keine unzulässigen Durchsuchungen durchführen…†

†œFalsch. Die richtige Reaktion auf polizeiliches Fehlverhalten sind Disziplinarmaßnahmen, aber es wäre falsch, die ganze Gesellschaft für das Fehlverhalten eines einzelnen Polizisten zu bestrafen.† Sie schrieb †œVerbrecherische Schuld† unter Punkt eins an die Tafel.

†œAndere Anlässe, bei denen die Bill of Rights ersetzt werden kann?†

Charles hob die Hand. †œIn einem überfüllten Theater Feuer schreien?†

†œSehr gut,…† †“ sie konsultierte den Sitzplan †“ †œCharles. Es gibt viele Umstände, unter denen das First Amendment keine absolute Gültigkeit hat. Lasst uns noch ein paar davon zusammentragen.†

Charles hob die Hand noch mal. †œEinen Exekutivbeamten in Gefahr bringen.†

†œJa, die Identität eines verdeckten Ermittlers oder Geheimdienstlers offenlegen. Sehr gut.† Sie schrieb es auf. †œNoch etwas?†

†œNationale Sicherheit†, sagte Charles, ohne nochmals aufs Aufrufen zu warten. †œVerleumdung. Obszönität. Missbrauch Minderjähriger. Kinderpornografie. Bombenbauanleitungen.†

Mrs. Andersen schrieb zügig mit, hielt aber bei Kinderpornografie inne. †œKinderpornografie ist nur eine Unterart von Obszönität.†

Mir wurde langsam schlecht. Das war nicht das, was ich über mein Land gelernt hatte oder woran ich glaubte. Ich hob die Hand.

†œJa, Marcus?†

†œIch verstehe das nicht. Wie Sie es sagen, klingt das, als ob die Bill of Rights optional wäre. Aber es ist die Verfassung. Und der sollen wir uneingeschränkt Folge leisten.†

†œDas ist eine verbreitete Übervereinfachung†, sagte sie mit aufgesetztem Lächeln. †œTatsache ist, dass die Gestalter der Verfassung sie als ein lebendiges Dokument verstanden, das durchaus im Lauf der Zeit revidiert werden sollte. Ihnen war klar, dass die Republik keinen dauerhaften Bestand haben konnte, wenn die jeweilige Regierung nicht den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend regieren konnte. Sie hatten nicht vorgesehen, dass man an die Verfassung glauben solle wie an eine religiöse Doktrin. Immerhin waren sie auf der Flucht vor religiöser Doktrin hierher gekommen.†

Ich schüttelte den Kopf. †œWas? Nein. Sie waren Kaufleute und Handwerker, und sie waren dem König so lange loyal verbunden, bis er Gesetze erließ, die ihren Interessen zuwiederliefen, und sie mit Gewalt durchzusetzen versuchte. Die religiösen Flüchtlinge waren schon viel früher.†

†œEinige der Farmer (5) stammten von religiösen Flüchtlingen ab†, sagte sie.

(5) Autoren der Verfassung von 1787, als solche sozusagen die zweite Welle der Gründerväter, siehe auch
http://en.wiki pedia.org/wi ki/Founding_Fathers_of_the_United_States, A.d.Ü

†œUnd die Bill of Rights ist doch nicht etwas, aus dem man sich nach Belieben rauspicken kann, was man möchte. Die Framer hassten Tyrannei. Und genau das soll die Bill of Rights verhindern. Sie waren eine Revolutionsarmee, und sie wollten ein Regelwerk, dem jeder zustimmen konnte. Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Das Recht des Volkes, seine Unterdrücker zu beseitigen.†

†œJa, ja†, sagte sie gestikulierend. †œSie glaubten an das Recht des Volkes, seine Könige zu beseitigen, aber…† Charles grinste, und als sie das sagte, grinste er noch viel breiter.

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†œSie erarbeiteten die Bill of Rights, weil sie dachten, es sei besser, absolute Rechte zu haben, als zu riskieren, dass irgendjemand sie ihnen wegnimmt. Wie beim First Amendment: Das ist dazu gedacht, uns zu beschützen, indem es der Regierung untersagt, zwei Sorten von Meinungsäußerung zu unterscheiden, die erlaubte und die kriminelle.

†œSie wollten nicht das Risiko eingehen, dass irgendein Idiot auf die Idee käme, die Dinge, die ihm nicht passten, als illegal zu deklarieren.†

Sie drehte sich um und schrieb †œLeben, Freiheit und das Streben nach Glück† an die Tafel.

†œWir sind dem Lehrplan schon ein bisschen voraus, aber ihr scheint eine fortgeschrittene Gruppe zu sein.† Die anderen lachten nervös.

†œDie Aufgabe der Regierung ist es, die Rechte der Bürger auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu gewährleisten. In dieser Reihenfolge. Das ist wie ein Filter. Wenn die Regierung etwas unternehmen möchte, das uns ein wenig unzufriedener macht oder unsere Freiheit teilweise einschränkt, dann ist das okay, vorausgesetzt, es dient dazu, unser Leben zu schützen. Deshalb dürfen Polizisten euch einsperren, wenn sie glauben, dass ihr eine Gefahr für euch oder andere darstellt. Ihr verliert eure Freiheit und eure Freude, um Leben zu schützen. Wenn ihr Leben habt, dann bekommt ihr vielleicht später noch Freiheit und Freude dazu.†

Ein paar von den anderen hatten die Hände oben. †œAber bedeutet das nicht, dass sie tun können, was immer sie wollen, solange sie behaupten, dass es jemanden davon abhält, uns irgendwann in der Zukunft zu verletzen?†

†œGenau†, meinte ein anderer. †œEs klingt, als ob Sie sagen, dass nationale Sicherheit wichtiger ist als die Verfassung.†

In diesem Moment war ich so was von stolz auf meine Mitschüler. Ich sagte: †œWie können Sie denn Freiheit schützen, indem Sie die Bill of Rights außer Kraft setzen?†

Sie schüttelte den Kopf, als ob wir unglaublich dumm seien. †œDie †œrevolutionären† Gründerväter haben Verräter und Spione erschossen. An absolute Freiheit haben sie nicht geglaubt, nicht wenn sie die Republik bedrohte. Nehmt zum Beispiel diese Xnet-Leute…†

Es fiel mir schwer, nicht zu erstarren.

†œ… diese so genannten Jammer, die heute früh in den Nachrichten waren. Nachdem diese Stadt von Leuten angegriffen worden war, die diesem Land den Krieg erklärt haben, machten die Xnetter sich daran, die Sicherheitsmaßnahmen zu sabotieren, die dazu dienten, Bösewichter zu fangen und sie von Wiederholungstaten abzuhalten. Das taten sie, indem sie ihre Mitbürger gefährdeten und ihnen Ärger bereiteten…†

†œDas taten sie, um zu zeigen, dass unsere Rechte geraubt wurden unter dem Vorwand, sie zu schützen!†, sagte ich. Okay, ich schrie es. Oh Gott, hatte die mich in Fahrt gebracht. †œSie haben es getan, weil die Regierung jeden wie einen Terrorverdächtigen behandelt hat.†

†œAch, und um zu beweisen, dass man sie nicht wie Terroristen behandeln sollte†, brüllte Charles zurück, †œhaben sie sich wie Terroristen benommen? Deshalb haben sie ihren Terror ausgeübt?†

Ich kochte.

†œJetzt komm mal runter. Terror ausgeübt? Sie haben bloß gezeigt, dass allgegenwärtige Überwachung gefährlicher ist als Terrorismus. Denk mal an den Park letztes Wochenende. Die Leute da haben getanzt und Musik gehört. Was ist denn daran Terrorismus?†

Die Lehrerin kam durch den Raum auf mich zu und postierte sich über mir, bis ich still war. †œMarcus, du scheinst noch zu glauben, dass sich in diesem Land nichts geändert hat. Aber du hast zu begreifen, dass die Sprengung der Bay Bridge alles geändert hat. Tausende unserer Freunde und Verwandten liegen tot da unten in der Bay. Dies ist die Zeit für nationale Einheit angesichts dieser Gewalt, die unser Land erleiden musste…†

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Ich stand auf. Dieses †œAlles hat sich geändert†-Geseiher ging mir bis hier. †œNationale Einheit? Was Amerika ganz wesentlich ausmacht, ist doch wohl, dass wir ein Land sind, in dem Dissens willkommen ist. Wir sind ein Land von Dissidenten und Kämpfern und Uniabbrechern und Aktivisten für Meinungsfreiheit.†

Dann dachte ich an Ms. Galvez†™ letzte Stunde und an die Tausende von Berkeley-Studenten, die den Polizeiwagen eingekesselt hatten, als dieser eine Typ für das Verteilen von Bürgerrechts-Literatur abtransportiert werden sollte. Niemand hatte versucht, die Trucks aufzuhalten, die mit all den Tänzern aus dem Park davonfuhren. Ich hatte es nicht versucht. Ich war weggelaufen.

Vielleicht hatte sich ja wirklich alles geändert.

†œIch glaube, du weißt, wo Mr. Bensons Büro ist†, sagte sie zu mir. †œDu wirst dich unverzüglich dort melden. Ich werde es nicht dulden, dass mein Unterricht von respektlosem Verhalten gestört wird. Für jemanden, der behauptet, die Meinungsfreiheit zu lieben, wirst du ziemlich laut, sobald irgendjemand nicht deiner Meinung ist.†

Ich schnappte mein SchulBook und meine Tasche und stürmte raus. Die Tür hatte eine Gasfeder, deshalb konnte ich sie nicht hinter mir zuknallen; ich hätte sie gern zugeknallt.

Ich ging zügig zu Mr. Bensons Büro. Kameras filmten mich auf dem Weg dorthin. Mein Gang wurde aufgezeichnet. Die RFIDs in meinem Schülerausweis funkten meine Identität an die Sensoren im Flur. Es war hier wie im Knast.

†œSchließ die Tür, Marcus†, sagte Mr. Benson. Dann drehte er seinen Monitor herum, so dass ich den Videostream aus der Gesellschaftskunde-Klasse sehen konnte. Er hatte zugeschaut.

†œWas hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?†

†œDas war kein Unterricht, das war Propaganda. Sie hat uns gesagt, dass die Verfassung belanglos ist.†

†œNein. Sie hat gesagt, dass sie keine religiöse Doktrin ist. Und du hast sie angegangen wie irgendein Fundamentalist und damit genau ihren Standpunkt bewiesen. Marcus, du solltest als allererster wissen, dass sich alles geändert hat, seit die Brücke gesprengt wurde. Dein Freund Darryl…†

†œWagen Sie es nicht, auch nur ein verdammtes Wort über ihn zu sagen†, sagte ich schäumend vor Ärger. †œEs steht Ihnen nicht zu, ihn auch nur zu erwähnen. Ja, ich habe verstanden, dass sich alles geändert hat. Wir waren mal ein freies Land. Jetzt nicht mehr.†

†œMarcus, weißt du, was Null-Toleranz bedeutet?†

Ich zuckte zusammen. Er konnte mich wegen †œbedrohenden Verhaltens† rauswerfen. Eigentlich war die Regel als Maßnahme gegen Gang-Kids gedacht, die ihre Lehrer einzuschüchtern versuchten. Aber natürlich würde er keinerlei Hemmungen haben, sie auch gegen mich einzusetzen.

†œJa, ich weiß, was das bedeutet.†

†œIch glaube, du schuldest mir eine Entschuldigung.†

Ich sah ihn an. Er unterdrückte sein sadistisches Lächeln nur unzureichend. Ein Teil von mir wollte kuschen. Dieser Teil wollte, Scham hin oder her, um seine Verzeihung winseln. Aber ich unterdrückte diesen Teil von mir und beschloss, dass ich mich lieber rauswerfen lassen würde, als um Verzeihung zu bitten.

†œdaß, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein müssen, deren volle Gewalten von der Zustimmung der Regierten herkommen; daß zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstörend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche Grundsätze zu gründen, und deren Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Glücke am zweckmäßigsten erscheint.† Ich erinnerte mich Wort für Wort daran.

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Er schüttelte den Kopf. †œEtwas auswendig zu wissen ist nicht dasselbe wie es zu begreifen, Kleiner.† Er bückte sich über den Computer und klickte ein paar Mal. Der Drucker surrte. Dann reichte er mir ein noch warmes Blatt mit dem Behörden-Briefkopf, auf dem stand, dass ich für zwei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen war.

†œIch schicke jetzt deinen Eltern eine E-Mail. Wenn du in einer halben Stunde noch auf dem Schulgelände bist, wirst du wegen Hausfriedensbruchs verhaftet.†

Ich blickte ihn an.

†œDu willst nicht wirklich in meiner eigenen Schule Krieg gegen mich erklären. Diesen Krieg kannst du nicht gewinnen. RAUS!†

Ich ging. – Fortsetzung Kapitel 14

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 12

Little Brother

Kapitel 12

Dieses Kapitel ist Forbidden Planet gewidmet, der britischen Buchhandelskette für Science-Fiction und Fantasy, Comics, Spiele und Videos. Forbidden Planet hat Filialen überall in Großbritannien sowie Außenstellen in Manhattan und Dublin, Irland. Es ist gefährlich, einen Forbidden Planet zu betreten †“ ich komme da fast nie mit intakter Geldbörse wieder raus. Forbidden Planet ist wirklich ganz vorn dabei, wenn†™s darum geht, die riesige Klientel für Science-Fiction-Filme und -Serien in Kontakt mit Science-Fiction-Literatur zu bringen †“ und darauf kommt es in Zukunft auf diesem Sektor an.

Forbidden Planet, UK, Dublin and New York City:

New home

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Ms. Galvez lächelte übers ganze Gesicht. †œWeiß irgendwer, woher das kommt?† Ein vielstimmiger Chor antwortete: †œAus der Unabhängigkeitserklärung†.

Ich nickte.

†œWarum hast du uns das vorgelesen, Marcus?†

†œWeil ich denke, die Gründer dieses Landes haben damit gesagt, dass Regierungen nur so lange an der Macht bleiben sollten, wie wir daran glauben, dass sie in unserem Interesse arbeiten, und wenn wir nicht mehr daran glauben, dann sollen wir sie aus dem Amt jagen. Das steht da doch, oder nicht?†

Charles schüttelte den Kopf. †œDas ist Hunderte von Jahren her†, sagte er. †œHeute sind die Dinge anders!†

†œWas ist anders?†

†œNa ja, zum Beispiel haben wir keinen König mehr. Die Regierung, die die damals meinten, existierte doch bloß, weil der Urururgroßvater von irgendeinem Idioten glaubte, von Gott eingesetzt zu sein, und jeden tötete, der anderer Meinung war. Wir haben eine demokratisch gewählte Regierung…†

†œIch hab sie nicht gewählt†, sagte ich.

†œUnd das gibt dir das Recht, Gebäude in die Luft zu jagen?†

†œWer redet denn vom Gebäudehochjagen? Die Yippies und Hippies und all diese Leute glaubten fest, dass die Regierung ihnen nicht mehr zuhörte †“ denk nur mal daran, wie die Leute behandelt wurden, die bei der Wählerregistrierung im Süden geholfen haben. Die wurden verprügelt, eingesperrt…†

†œEin paar von ihnen wurden sogar getötet†, ergänzte Ms. Galvez. Dann hob sie ihre Hände und wartete, bis Charles und ich uns gesetzt hatten.

†œUnsere Zeit heute ist fast vorbei, aber ich möchte euch allen für eine der interessantesten Stunden danken, die ich je gehalten habe. Es war eine fantastische Diskussion, und ich habe von euch allen viel gelernt. Ich hoffe, ihr habt auch etwas voneinander gelernt. Danke euch allen für eure Beiträge.

Ich habe eine Zusatzaufgabe für diejenigen von euch, die gern eine kleine Herausforderung mögen. Ich möchte, dass ihr einen Aufsatz schreibt, in dem ihr die politischen Reaktionen auf die Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegungen in der Bay Area mit den heutigen Bürgerrechts-Auswirkungen des Kriegs gegen den Terror vergleicht. Mindestens drei Seiten, aber schreibt so viel ihr mögt. Ich bin gespannt, zu welchen Ergebnissen ihr kommt.†

Im nächsten Moment klingelte es, und alles strömte aus der Klasse raus. Ich blieb zurück und wartete, bis Ms. Galvez mich bemerkte.

†œJa, Marcus?†

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†œDas war faszinierend†, sagte ich. †œIch wusste das alles über die Sechziger noch gar nicht.†

†œAuch die Siebziger. In politisch brisanten Zeiten war dies hier schon immer ein aufregender Ort zum Leben. Deine Anspielung auf die Erklärung hat mir gefallen; das war sehr clever.†

†œDanke, aber das ist mir irgendwie zugeflogen. Vor heute hatte ich noch gar nicht richtig begriffen, was dieser Abschnitt bedeutete.†

†œOh, so etwas hören Lehrer immer gern, Marcus†, sagte sie und schüttelte mir die Hand. †œIch bin sehr gespannt drauf, deinen Aufsatz zu lesen.†

Auf dem Heimweg kaufte ich das Emma-Goldman-Poster und hängte es über meinem Schreibtisch auf, direkt über einem echten Schwarzlicht-Poster. Ich kaufte auch ein TRAU-NIEMANDEM-T-Shirt mit einer Photoshop-Montage aus Grover und Elmo, wie sie die Erwachsenen Gordon und Susan aus der Sesamstraße kicken, weil ich es lustig fand. Später fand ich raus, dass es schon ungefähr ein halbes Dutzend Photoshop-Wettbewerbe mit dem Slogan auf Websites wie Fark, Worth1000 und B3ta gab und dass bereits Hunderte fertige Bilder auf so ziemlich allem zirkulierten, was sich bedrucken und verkaufen ließ.

Mom zog angesichts des Shirts eine Augenbraue hoch, und Dad schüttelte den Kopf und meinte mir einen Vortrag übers Ärgersuchen halten zu müssen; aber seine Reaktion bestätigte mich bloß.

Ange fand mich wieder online, und wir flirteten über Messenger bis spät in der Nacht. Der weiße Lieferwagen mit den Antennen kam wieder vorbei, und ich schaltete meine Xbox ab, bis er weg war. Daran hatten wir uns alle inzwischen gewöhnt.

Ange war ziemlich aufgedreht wegen der Party. Schien, als würde das ein Monsterevent werden. Es waren so viele Bands mit an Bord, dass man davon sprach, noch eine zweite Bühne für die B-Acts aufzubauen.

> Wie sind die an die Genehmigungen gekommen, die ganze Nacht Lärm zu machen? Da sind doch überall Häuser

> Ge-neh-mi-gun-gen? Was ist das denn? Erzähl mir mehr von deinen Ge-neh-mi-gun-gen

> Boah, es ist illegal?

> Äh, hallo? Du machst dir Sorgen übers Gesetzebrechen?

> Guter Punkt

> LOL

So nen Hauch einer Ahnung von Nervosität spürte ich aber doch. Hey, ich hatte am Wochenende ein Date mit diesem völlig umwerfenden Mädchen (streng genommen hatte sie ein Date mit mir), und zwar bei einem illegalen Rave mitten in einer belebten Gegend.

Es versprach ziemlich interessant zu werden.

Interessant, in der Tat.

Über den ganzen langen Samstagnachmittag verteilt tröpfelten die Leute in Dolores Park ein und verteilten sich unter die Frisbeespieler und Hundehalter. Einige spielten auch Frisbee oder führten Hunde aus. Es war noch nicht recht klar, wie das Konzert vonstatten gehen sollte, aber es hingen schon eine Menge Bullen und Verdeckte rum. Die Verdeckten erkannte man an ihren Castrofrisuren und dem Nebraska-Körperbau, genau wie damals Pickel und Popel: stämmige Typen mit kurzem Haar und unordentlichen Schnurrbärten. Sie stromerten herum und wirkten seltsam unbeholfen in ihren riesigen Shorts und weit geschnittenen Hemden, die wohl das Ausrüstungsgeraffel überdecken sollten, mit dem sie vermutlich behängt waren.

Dolores Park ist hübsch und sonnig; Palmen, Tennisplätze und jede Menge Hügel und urwüchsige Bäume zum Rumlaufen und Abhängen.

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Nachts schlafen Obdachlose dort, aber das tun sie ja überall in San Francisco.

Ich traf Ange die Straße runter in der Anarchistenbuchhandlung. Mein Vorschlag. Im Nachhinein wars eine völlig durchsichtige Nummer, um vor ihr als cool und trendig dazustehen, aber in diesem Moment hätte ich schwören können, dass es einfach bloß ein günstiger Treffpunkt war. Als ich kam, las sie gerade ein Buch mit dem Titel †œAn die Wand, Motherf….r†.

†œWie hübsch†, sagte ich. †œWas sagt denn deine Mutter zu so was?†

†œDeine Mutter soll sich mal nicht beschweren. Ernsthaft, das hier ist die Geschichte einer Gruppe von Leuten wie die Yippies, aber in New York. Und sie hatten das Wort alle als Nachname, zum Beispiel ,Ben M-F†™. Es ging darum, eine Gruppe zu haben und in die Nachrichten zu kommen, aber mit einem absolut undruckbaren Namen, einfach nur, um die Medien zu ärgern. Ziemlich lustig, echt.†

Sie stellte das Buch zurück ins Regal, und ich fragte mich, ob ich sie wohl umarmen sollte. Die Leute in Kalifornien umarmen sich eigentlich ständig, zur Begrüßung und zum Abschied, außer sie tun es mal nicht. Und manchmal küssen sie sich auf die Wange. Ziemlich verwirrend das alles.

Sie nahm mir die Entscheidung ab, indem sie mich zu einer Umarmung schnappte, meinen Kopf an sich heranzog, mich hart auf die Wange küsste und mir dann einen Furz in den Nacken blies. Ich lachte und schubste sie weg.

†œWillst du einen Burrito?†, fragte ich.

†œIst das ne Frage oder eine Feststellung offensichtlicher Tatsachen?†

†œWeder noch. Es ist ein Befehl.†

Ich kaufte ein paar lustige Aufkleber DIESES TELEFON IST VERWANZT, die genau die richtige Größe für die Münztelefone hatten, die es immer noch in den Straßen der Mission gab, in diesem Viertel, in dem sich nicht unbedingt jeder ein Handy leisten konnte.

Wir traten raus in die Abendluft. Ich erzählte Ange davon, wie es vorhin im Park ausgesehen hatte.

†œIch wette, sie haben hundert von diesen Trucks um den Block geparkt†, sagte sie, †œdamit sie uns besser hochnehmen können.†

†œÖh.† Ich blickte mich um. †œEigentlich hatte ich gehofft, du würdest sowas sagen wie ,ach, dagegen können sie überhaupt nichts machen†™.†

†œAber darum gehts nicht, glaub ich. Es geht darum, ne Menge Zivilisten in eine Situation zu bringen, in der die Bullen sich zu entscheiden haben, ob sie all diese normalen Leute wirklich wie Terroristen behandeln sollen. Es ist son bisschen wie diese Jammerei, aber mit Musik statt mit Elektronikkrams. Du jammst doch auch, oder?†

Manchmal vergaß ich, dass meine Freunde nicht wussten, dass Marcus und M1k3y derselbe waren. †œJa, ein bisschen†, sagte ich.

†œDas hier ist wie Jammen mit einem Haufen toller Bands.†

†œVerstehe.†

Mission Burritos sind eine Institution. Sie sind billig, riesig und lecker. Stellt euch eine Röhre in der Größe einer Bazooka-Granate vor, die mit würzigem Grillfleisch, Guacamole, Salsa, Tomaten, zweifach gebratenen Bohnen, Reis, Zwiebeln und Cilantro gefüllt ist. Es verhält sich ungefähr so zu Taco Bell wie ein Lamborghini zu einem Hot-Wheels-Modell.

Es gibt ungefähr zweihundert Mission-Burrito-Filialen. Allen gemeinsam ist ihr Mut zur Hässlichkeit, mit unbequemen Sitzgelegenheiten, nur einem Minimum an Deko (ausgeblichene Mexiko-Tourismus-Plakate und gerahmte, elektrische Jesus-und-Maria-Hologramme) und lauter Mariachi-Musik.

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Was sie voneinander unterscheidet, ist hauptsächlich, mit welchen exotischen Fleischsorten sie jeweils ihre Burritos füllen. Die wirklich authentischen Läden haben auch Hirn und Zunge †“ das bestelle ich nie, aber es ist gut zu wissen, dass es das gibt.

Der Laden, zu dem wir gingen, hatte sowohl Hirn als Zunge, aber wir bestelltens nicht. Ich nahm Carne Asada und sie Hühnerhack, und beide nahmen wir einen großen Becher Horchata.

Kaum hatten wir uns gesetzt, rollte sie ihren Burrito aus und holte ein kleines Fläschchen aus ihrer Tasche. Es war ein kleiner Edelstahl-Zerstäuber, den wohl jeder für eine Pfefferspray-Selbstverteidigungswaffe gehalten hätte. Sie zielte auf die freiliegenden Innereien ihres Burrito und nebelte sie mit einem feinen, öligen roten Spray ein. Ich bekam einen Hauch in die Nase, meine Kehle zog sich zusammen und meine Augen tränten.

†œWas zum Teufel tust du deinem armen, wehrlosen Burrito da an?†

Sie warf mir ein fieses Grinsen zu. †œIch bin süchtig nach scharfem Essen. Das hier ist Capsaicinöl in einem Zerstäuber.†

†œCapsaicin…†

†œGenau, das Zeug in Pfefferspray. Das hier ist im Prinzip Pfefferspray, aber in Öl angelöst. Und viel leckerer. Stell es dir einfach wie Spicy Cajun Visine vor.†

Meine Augen tränten schon beim bloßen Gedanken daran.

†œDu machst Witze. Das da wirst du niemals essen.†

Sie zog die Augenbrauen hoch. †œHey, Bürschchen, das klingt wie ne Herausforderung. Schau genau hin.†

Sie rollte den Burrito so sorgfältig zusammen wie ein Kiffer seinen Joint, schlug die Enden ein und wickelte ihn dann wieder in die Alufolie. Sie pulte ein Ende ab, hielt es sich vor den Mund und balancierte es ein wenig vor ihren Lippen.

Bis zu dem Moment, in dem sie reinbiss, konnte ich nicht glauben, dass sie es wirklich tun würde. Ich mein, was sie da grade auf ihr Essen gesprüht hatte, das war nicht bloß scharf, das war eine scharfe Waffe!

Sie biss rein. Kaute, schluckte. Und sah dabei in jeder Hinsicht so aus wie jemand, der seine Mahlzeit genießt.

†œMagst mal beißen?†, fragte sie mit Unschuldsmiene.

Jo†, sagte ich. Ich mag scharfes Essen. Bei den Pakistanis bestell ich immer die Currys, die auf der Speisekarte mit vier Chilis markiert sind.

Ich pulte etwas mehr Folie ab und biss herzhaft rein.

Böser Fehler.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr einen großen Haps Rettich oder Wasabi oder so was nehmt und wenn sich dann die Nebenhöhlen und die Luftröhre gleichzeitig zusammenziehen und sich der ganze Kopf mit brennend heißer Luft füllt, die durch eure tränenden Augen und Nasenlöcher einen Weg ins Freie sucht? Dieses Gefühl, als obs gleich aus euren Ohren dampft wie bei einer Zeichentrickfigur?

Das hier war viel schlimmer.

Das hier war so, wie wenn man die Hand auf die heiße Herdplatte legt, außer dass es nicht bloß die Hand war, sondern die gesamte Innenseite des Kopfes und die Speiseröhre und alles bis runter zum Magen. Mein ganzer Körper brach in Schweiß aus und ich schnappte verzweifelt nach Luft.

Sie reichte mir kommentarlos meine Horchata, und irgendwie gelang es mir, den Strohhalm in meinen Mund zu führen und gewaltig zu schlucken, den halben Becher auf einmal.

†œEs gibt da diese Skala, die Scoville-Skala, mit der wir Chili-Liebhaber die Schärfe von Paprikafrüchten beschreiben. Reines Capsaicin hat zirka 15 Millionen Scoville. Tabasco liegt bei rund 50.000. Pfefferspray hat freundliche drei Millionen. Das Zeug hier hat kümmerliche 200.000, es ist also in etwa so scharf wie milder Scotch Bonnet Pepper. Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht bis hierher. Ein paar von den richtig Harten können bis zu einer Million ab, zwanzig Mal schärfer als Tabasco. Das ist verdammt höllenscharf. Bei solchen Scoville-Graden wird dein Gehirn total mit Endorphinen geflutet; wirkt auf den Körper berauschender als Hasch. Und gesund ist es auch.†

Allmählich meldeten sich meine Nebenhöhlen zurück, und ich konnte wieder atmen, ohne zu hecheln.

†œAch, und wenn du nächstes Mal pinkeln gehst, wird das noch mal übel brennen†, sagte sie zwinkernd.

Autsch.

†œDu bist wahnsinnig†, sagte ich.

†œGroße Worte von jemandem, der zum Spaß Laptops baut und wieder verschrottet.†

†œTouch醝, sagte ich und fasste mir an die Stirn.

†œMagst du noch was?† Sie hielt mir den Zerstäuber hin.

†œGib rüber†, sagte ich schnell genug, dass wir beide lachen mussten.

Als wir das Restaurant Richtung Dolores Park verließen, legte sie mir den Arm um die Hüfte, und ich stellte fest, dass sie genau die richtige Größe hatte, dass ich ihr bequem meinen Arm um die Schulter legen konnte. Das war neu. Ich war nie einer von den Großen gewesen, und die Mädchen, mit denen ich ging, waren alle genau so groß gewesen wie ich. Mädchen wachsen als Teens schneller als Jungs †“ ein fieser Trick der Natur. Das hier war nett. Es fühlte sich gut an.

An der Ecke 20. Straße bogen wir ab Richtung Dolores. Und noch ehe wir einen Schritt getan hatten, spürten wir schon die Schwingungen, wie das Summen einer Million Bienen zugleich. Unmengen von Leuten strömten dem Park entgegen, und von hier betrachtet sah er hundert Mal voller aus als vorhin, bevor ich Ange traf.

Der bloße Anblick brachte mein Blut zum Kochen. Es war eine wundervolle, kühle Nacht, und wir würden feiern, richtig feiern, feiern, als gäbe es kein Morgen. †œLass uns essen, trinken und fröhlich sein, denn morgen sterben wir.†

Ohne ein Wort zu sagen, fielen wir in Laufschritt. Wir begegneten massenhaft Polizisten mit ernsten Gesichtern, aber was würden die schon unternehmen wollen? Es waren unglaublich viele Leute im Park. Ich bin nicht so gut darin, Massen zu zählen. In den Zeitungen sollten die Veranstalter später von 20.000 Leuten sprechen, während die Polizei 5000 zählte. Vielleicht waren es also 12.500.

Wie auch immer: Noch nie war ich unter so vielen Menschen gewesen, und hier war ich Teil eines unangekündigten, unzulässigen, illegalen Events.

Nur einen Augenblick später waren wir mittendrin. Ich würds nicht beschwören wollen, aber ich glaube, es war wirklich niemand über 25 in dieser Traube von Menschen. Alle lächelten. Ein paar jüngere Kinder waren dabei, Zehn-, Zwölfjährige, und das empfand ich als beruhigend. Niemand würde etwas allzu Dummes unternehmen, wenn so junge Kinder in der Menge dabeiwaren. Niemand würde riskieren wollen, dass Kinder verletzt würden. Diese Nacht würde einfach bloß eine denkwürdige, festliche Frühlingsnacht werden.

Ich fand, wir sollten uns am besten Richtung Tennisplätze orientieren. Also wühlten wir uns durch die Menge, und um uns nicht zu verlieren, nahmen wir uns bei den Händen. Um uns nicht zu verlieren, wäre es natürlich nicht nötig gewesen, unsere Finger ineinander zu verschränken; das war nur zum Vergnügen. Und es war ein ganz erhebliches Vergnügen.

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Die Bands waren alle auf den Tennisplätzen mit ihren Gitarren, Mischpulten, Keyboards und sogar einem Schlagzeug. Später fand ich im Xnet einen Flickr-Stream davon, wie sie das ganze Zeug reinschmuggelten, Stück für Stück, in Sporttaschen und unter den Mänteln. Außerdem gab es monströse Lautsprecher, die Sorte, wie man sie bei Autoteilehändlern findet, und darunter ein Stapel von… Autobatterien! Ich musste lachen. Genial! So also versorgten sie ihre Aufbauten mit Strom.

Ich konnte erkennen, dass es Batterien von einem Hybridwagen waren, von einem Prius. Jemand hatte ein Ökomobil ausgeweidet, um die nächtliche Unterhaltung mit Energie zu versorgen. Die Stapel von Batterien gingen außerhalb der Tennisplätze noch weiter; draußen häuften sie sich auch noch am Zaun entlang, mit dem Hauptstapel mit durchgefädelten Kabeln verbunden. Ich zählte insgesamt 200 Batterien! Gott, das Zeug wog bestimmt auch eine Tonne.

Keine Chance, dass sie das alles ohne E-Mail, Wikis und Mailinglisten hätten organisieren können. Und unvorstellbar, dass so kluge Leute das alles im öffentlichen Internet gemacht hätten. Das alles war im Xnet passiert, darauf verwettete ich meine Stiefel.

Erst mal ließen wir uns eine Weile von der Menge hierhin und dorthin treiben, während die Bands ihre Instrumente stimmten und sich untereinander besprachen. Von weitem sah ich Trudy Doo auf den Tennisplätzen. Sie sah aus wie in einem Käfig, wie ein Profi-Wrestler. Sie trug ein abgerissenes Tanktop, und ihr Haar hing in langen, leuchtend pinkfarbenen Dreadlocks bis zur Hüfte. Dazu trug sie Army-Tarnhosen und riesige Grufti-Stiefel mit Stahlkappen. In diesem Moment nahm sie eine schwere Motorradjacke, abgegriffen wie ein Catcher-Handschuh, und zog sie über, als seis eine Rüstung. Obwohl: Wahrscheinlich war es ja auch als Rüstung gedacht.

Ich versuchte ihr zuzuwinken (wohl um Ange zu beeindrucken), aber sie sah mich nicht, und um nicht weiter bescheuert zu wirken, ließ ichs sein. Die Energie hier in der Menge war schwer beeindruckend. Man redet ja immer von †œVibes† und †œEnergie†, wenn es um große Menschenansammlungen geht, aber wenn mans noch nicht selbst erlebt hat, hält man es vermutlich nur für eine rhetorische Figur.

Ist es aber nicht. Es ist das Lächeln, ansteckend und groß wie Wassermelonen, auf jedem Gesicht. Wie jeder Einzelne zu einem unhörbaren Rhythmus hopst und die Schultern wippen. Der wogende Gang. Witze, Lachen. Der Klang jeder Stimme, angespannt, aufgeregt, wie ein Feuerwerk, das jeden Moment gezündet wird. Und du kannst gar nicht anders, als ein Teil davon zu sein. Ist einfach so.

Als die Bands loslegten, war ich von den Massen-Vibes schon komplett zugedröhnt. Der Opener war eine Art serbischer Turbo-Folk, und ich konnte nicht rauskriegen, wie man dazu tanzen sollte. Ich kann überhaupt nur zu zweierlei Sorten Musik tanzen: zu Trance (schlurf rum und lass dich von der Musik bewegen) und zu Punk (spring rum und schüttel die Mähne, bis du verletzt oder ausgepowert bist oder beides). Der nächste Act waren Oakland-HipHopper mit einer Thrash-Metal-Kombo als Backup, was besser klingt, als die Beschreibung vermuten lässt. Danach kam etwas Kaugummi-Pop. Und dann übernahmen die Speedwhores die Bühne, und Trudy Doo trat ans Mikro.

†œMein Name ist Trudy Doo, und ihr seid Idioten, wenn ihr mir traut. Ich bin zweiunddreißig, und für mich ist der Zug abgefahren. Ich bin fertig. Ich bin noch voll in den alten Ideen drin. Ich betrachte meine Freiheit immer noch als was Selbstverständliches und erlaube es anderen Leuten, sie mir wegzunehmen. Ihr seid die erste Generation, die im Gulag Amerika aufwächst, und ihr wisst auf den letzten gottverdammten Cent genau, was eure Freiheit wert ist!†

Die Menge tobte. Sie huschte ein paar schnelle, nervöse Akkorde auf ihrer Gitarre dahin, und ihre Bassistin, ein mächtig dickes Mädchen mit ner Dyke-Frisur, noch größeren Stiefeln und einem Lächeln, das Bierflaschen öffnen konnte, verlegte schon ein reichlich hartes Brett. Mich hielt es nicht mehr auf den Füßen. Ich hüpfte, und Ange hüpfte mit. Wir schwitzten in der Abendluft, die schon geschwängert war von Schweiß und Pot-Rauch. Von allen Seiten wurden wir von warmen Leibern bedrängt, alles hüpfte mit.

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†œTraut keinem über 25!†, rief sie.

Wir brüllten, ein einziges riesiges Tier, aus voller Kehle.

†œTraut keinem über 25!†

†œTraut keinem über 25!†

†œTraut keinem über 25!†
†œTraut keinem über 25!†
†œTraut keinem über 25!†
†œTraut keinem über 25!†

Sie schlug auf der Gitarre ein paar harte Akkorde an, und die zweite Gitarristin, eine Elfe mit heftig gepierctem Gesicht, fiel ein, in schwindelerregenden Höhen, über den zwölften Bund raus.

†œDas hier ist unsere verdammte Stadt! Es ist unser verdammtes Land. Und kein Terrorist kann es uns wegnehmen, so lange wir nur frei sind. Sobald wir nicht mehr frei sind, gewinnen die Terroristen! Holt es euch zurück! Holt es euch zurück! Ihr seid jung genug und dumm genug, um noch nicht zu wissen, dass ihr eigentlich keine Chance habt, also seid ihr die einzigen, die uns noch zum Sieg führen können! Holt es euch zurück!†

†œHOLT ES EUCH ZURÜCK!†, brüllten wir. Sie drosch hart auf ihre Saiten ein. Wir nahmen die Note grölend auf, und dann wurde es richtig, richtig LAUT.

Ich tanzte, bis ich vor Müdigkeit keinen Schritt mehr machen konnte, und Ange tanzte neben mir. Rein technisch gesehen rieben wir stundenlang unsere schwitzenden Leiber aneinander, aber glaubt es oder lasst es bleiben, es törnte mich nicht an. Wir tanzten bloß, wir verloren uns in den Beats und dem Soundgeprügel und dem Schreien †“ HOLT ES EUCH ZURÜCK! HOLT ES EUCH ZURÜCK!

Als ich nicht mehr tanzen konnte, griff ich nach ihrer Hand, und sie drückte meine, als ob ich sie davon abhalten müsse, von einem Hausdach zu fallen. Sie zog mich aus der Masse raus, wo es luftiger und kühler wurde. Da draußen, im Randbereich von Dolores Park, waren wir der kühlen Luft ausgesetzt, und der Schweiß auf unseren Körpern wurde sofort eiskalt. Wir zitterten, und sie schlang ihre Arme um meine Hüfte. †œWärm mich†, forderte sie.

Ich brauchte keine weiteren Hinweise und umarmte sie auch. Ihr Herzschlag war ein Echo der rasenden Beats auf der Bühne †“ Breakbeats jetzt ohne Gesang, schnell und aggressiv.

Sie roch nach Schweiß, ein scharfer, überwältigender Geruch. Ich wusste, ich roch auch nach Schweiß. Meine Nase war in ihrem Haar vergraben, ihr Gesicht an meinem Schlüsselbein. Ihre Hände wanderten in meinen Nacken und zogen an mir.

†œKomm hier runter, ich hab keine Trittleiter dabei†, sagte sie, und ich versuchte zu lächeln, aber Lächeln ist schwierig, wenn man gleichzeitig küsst.

Ich erwähnte bereits, dass ich in meinem Leben bislang drei Mädchen geküsst hatte. Zwei von ihnen hatten vorher noch niemanden geküsst. Eine hatte feste Freunde, seit sie zwölf war, und die hatte so ihre Eigenarten.

Keine von ihnen küsste wie Ange. Sie machte ihren gesamten Mund weich wie das Innere einer reifen Frucht, und sie rammte mir ihre Zunge nicht einfach in den Mund, sondern ließ sie reingleiten, und gleichzeitig saugte sie meine Lippen in ihren Mund, und es war, als ob mein Mund und ihrer ineinander verschmolzen. Ich hörte mich selbst stöhnen und packte sie und umarmte sie fester.

Langsam, ganz langsam ließen wir uns ins Gras sinken. Und dann lagen wir auf der Seite und umarmten einander, küssten und küssten und küssten. Die ganze Welt verschwand hinter diesem einen Kuss.

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Meine Hände fanden ihren Po, ihre Hüften. Den Saum ihres T-Shirts. Ihren warmen Bauch, den weichen Nabel. Sie bewegten sich langsam höher. Sie stöhnte ebenfalls.

†œNicht hier†, sagte sie. †œLass uns da rüber gehen.† Sie zeigte über die Straße hinweg auf die große weiße Kirche, die Mission Dolores Park und der Mission den Namen gab. Händchenhaltend eilten wir rüber zur Kirche. Vor dem Eingang standen einige Pfeiler. Sie presste mich mit dem Rücken gegen einen davon und zog mein Gesicht wieder zu sich herunter. Meine Hände wanderten schnell und mutig zurück zu ihrem T-Shirt und dort immer höher.

†œEr geht hinten auf†, flüsterte sie in meinen Mund. Mit meiner Latte hätte ich mittlerweile Glas schneiden können. Meine Hände wanderten weiter zu ihrem breiten, kräftigen Rücken, und mit zitternden Fingern fand ich das Häkchen. Ich fummelte eine Weile und dachte dabei an all die Witze darüber, wie schlecht Jungs darin sind, BHs zu öffnen. Ich war schlecht darin. Dann plötzlich ging das Häkchen auf. Sie keuchte in meinen Mund. Ich zog meine Hände wieder nach vorn, spürte die Feuchtigkeit unter ihren Achseln (was ich sexy fand und merkwürdigerweise kein Stück abstoßend) und streichelte die Seiten ihrer Brüste.

In diesem Moment begannen die Sirenen zu heulen.

Sie waren lauter als alles, was ich jemals gehört hatte. Ein Lärm, der im ganzen Körper zu spüren war, als ob dich plötzlich jemand von den Füßen reißt. Ein Lärm so laut, wie ihn deine Ohren nur verarbeiten können, und noch lauter.

†œENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER!† donnerte die Stimme Gottes in meinem Schädel.

†œDIES IST EINE ILLEGALE VERSAMMLUNG. ENTFERNEN SIE SICH SOFORT!† Die Band hatte aufgehört zu spielen, und die Geräusche der Menge auf der anderen Straßenseite änderten sich. Sie wurde ängstlich. Und wütend.

Ich hörte ein Klicken, als die PA-Anlage aus Autoboxen und Autobatterien auf den Tennisplätzen eingeschaltet wurde.

†œHOLT ES EUCH ZURÜCK!†

Es war ein lauter, trotziger Schrei, ein Schrei wie in die Brandung oder von einer Klippe herab.

†œHOLT ES EUCH ZURÜCK!†

Die Masse grummelte, ein Klang, der mir die Nackenhaare sträubte.

†œHOLT ES EUCH ZURÜCK!†, skandierten sie. †œHOLT ES EUCH ZURÜCK HOLT ES EUCH ZURÜCK HOLT ES EUCH ZURÜCK!†

Die Polizei rückte in Reihen an, hinter Plastikschilden, unter Darth-Vader-Helmen, die die Gesichter bedeckten. Jeder hatte einen schwarzen Gummiknüppel und eine Infrarot-Nachtsichtbrille. Sie sahen aus wie Soldaten in einem futuristischen Kriegsfilm. Alle zusammen machten einen Schritt vorwärts, und jeder hieb seinen Knüppel gegen seinen Schild †“ ein Krachen, als ob die Erde splitterte. Noch ein Schritt, noch ein Krachen. Sie hatten den gesamten Park umstellt und zogen den Belagerungsring jetzt zu.

†œENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER†, sagte die Stimme Gottes noch einmal. Plötzlich waren Helikopter über uns. Aber ohne Suchscheinwerfer. Infrarotbrillen, klar. Die würden da oben auch Nachtsichtgeräte haben. Ich zog Ange zurück zur Kirchentür, aus dem Sichtfeld der Bullen und der Helis.

†œHOLT ES EUCH ZURÜCK!†, donnerte die PA. Das war Trudy Doos Rebellenschrei, und ich konnte hören, wie sie auf der Gitarre ein paar Akkorde rausprügelte, dann der Schlagzeuger dazu, dann der riesige, tiefe Bass.

†œHOLT ES EUCH ZURÜCK!†, antwortete die Menge, und dann schwappte die Woge aus dem Park heraus und den Gefechtsreihen der Polizei entgegen.

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Ich war noch nie im Krieg, aber jetzt glaube ich zu wissen, wie das ist. Wie es sich anfühlen muss, wenn verängstigte Kids über eine Wiese rennen, um sich einer gegnerischen Macht entgegenzuwerfen, wohl wissend, was kommen muss, und trotzdem rennen sie, brüllen und heulen.

[x]

†œENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER†, sagte die Stimme Gottes. Sie kam von Trucks, die rund um den Park abgestellt waren, Trucks, die dort in den letzten paar Sekunden postiert worden waren.

Und dann fiel der Nebel vom Himmel. Er kam aus den Helikoptern, und er erwischte uns nur grade eben noch. Ich dachte, mir sprengts die Schädeldecke weg und meine Nasenhöhlen werden mit Eispickeln perforiert. Meine Augen schwollen und tränten, meine Kehle zog sich zusammen.

Pfefferspray. Nicht bloß 200.000 Scoville. Eineinhalb Millionen. Die hatten die Masse begast.

Ich konnte nicht sehen, was da passierte, aber ich konnte es hören, über Anges und mein Husten hinweg, während wir einander festhielten. Erst die erstickten, würgenden Geräusche. Gitarre, Drums und Bass kamen abrupt zum Schweigen. Dann Husten.

Dann Schreien.

Das Schreien dauerte entsetzlich lange. Als ich wieder sehen konnte, hatten die Bullen ihre Brillen hochgeschoben, und die Helis fluteten Dolores Park mit so viel Scheinwerferlicht, dass es aussah wie am hellichten Tag. Jeder schaute in Richtung Park, und das war gut für uns, denn als die Lichter angingen, da waren auch wir perfekt sichtbar.

†œWas machen wir jetzt?†, fragte Ange mit belegter, furchtsamer Stimme. Für einen Augenblick war ich nicht sicher, ob ich meiner eigenen Stimme schon wieder trauen könnte, und schluckte ein paar Mal.

†œWir gehen jetzt weg†, sagte ich dann. †œWas anderes bleibt uns nicht übrig. Weggehen, als ob wir hier bloß vorbeigekommen sind. Dolores runter und dann hoch zur Sechzehnten. Als ob wir bloß vorbeigekommen sind und uns das alles hier nichts angeht.†

†œDas klappt nie†, sagte sie.

†œMehr fällt mir nicht ein.†

†œDenkst du nicht, wir sollten lieber rennen?†

†œNein. Wenn wir rennen, dann jagen sie uns. Aber wenn wir gehen, denken sie vielleicht, dass wir nichts getan haben, und lassen uns in Ruhe. Die haben mit ihren Verhaftungen hier genug zu tun, um sich ne Weile zu beschäftigen.†

Im Park wälzten die Leute sich auf dem Boden, hielten sich die Hände vors Gesicht und schnappten nach Luft. Die Bullen packten sie unter den Achseln und zogen sie raus, dann fesselten sie die Handgelenke mit Plastikhandschellen und schubsten sie in die Trucks, als seien es Stoffpuppen.

†œOkay?†, fragte ich.

†œOkay.†

Und genau so machten wirs. Wir gingen händchenhaltend, flott und zielstrebig davon, wie zwei Leute, die bemüht waren, sich aus dem Ärger anderer Leute rauszuhalten. Die Sorte Gang, in die man verfällt, wenn man so tut, als ob man den Schnorrer nicht sieht, oder einem Straßenkampf aus dem Weg gehen will.

Es klappte.

Wir erreichten die Ecke, bogen ab und gingen weiter. Zwei Blocks weit traute sich keiner von uns zu sprechen. Dann ließ ich einen Atemzug raus, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn schon so lange angehalten hatte.

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Dann kamen wir zur 16ten Straße und bogen ab Richtung Mission Street. Normalerweise ist das samstagnachts um zwei eine ziemlich beängstigende Gegend. In dieser Nacht war es eine Offenbarung †“ dieselben alten Junkies, Nutten, Dealer und Besoffskis wie immer. Keine Bullen mit Knüppeln, kein Gas.

†œHm†, sagte ich, Nachtluft einsaugend. †œKaffee?†

†œNach Hause†, erwiderte sie. †œJa, ich glaube, nach Hause jetzt. Kaffee später.†

†œGut.† Sie wohnte oben in Hayes Valley. Ich sah ein Taxi vorbeifahren und winkte es ran. Das war ein kleines Wunder †“ wenn man in San Francisco ein Taxi braucht, ist normalerweise kaum eins zu kriegen.

†œHast du genug Taxigeld für nach Hause?†

†œJa†, sagte sie. Der Taxifahrer beäugte uns durch die Seitenscheibe. Ich öffnete schon mal die Fondtür, um ihn davon abzuhalten, gleich wieder loszufahren.

†œGute Nacht†, sagte ich.

Sie griff um meinen Kopf herum und zog mein Gesicht zu sich heran. Dann küsste sie mich hart auf den Mund, nichts Sexuelles darin, aber vielleicht grade deswegen um so intimer.

†œGute Nacht†, flüsterte sie mir ins Ohr und verschwand im Taxi.

Mit dumpfem Schädel, tränenden Augen und einem brennenden Schamgefühl, weil ich all diese Xnetter zurückgelassen hatte, der Gnade oder Ungnade von DHS und SFPD ausgeliefert, machte ich mich auf den Weg nach Hause.

Am Montagmorgen stand Fred Benson hinter Ms. Galvez†™ Schreibtisch. †œMs. Galvez wird diese Klasse nicht länger unterrichten†, sagte er, kaum dass wir uns gesetzt hatten. Er hatte diese selbstgefällige Miene aufgesetzt, die ich sofort erkannte. Einer Ahnung folgend schaute ich zu Charles rüber. Er grinste, als sei heute sein Geburtstag und er hätte das schönste Geschenk der Welt bekommen.

Ich hob die Hand.

†œWarum nicht?†

†œEs gehört zu den Prinzipien der Schulbehörde, die Belange der Angestellten mit niemandem außer dem Angestellten selbst und dem Disziplinarkomitee zu besprechen†, sagte er und gab sich dabei nicht mal Mühe zu verbergen, welche Genugtuung es ihm bereitete, das zu sagen.

†œWir beginnen heute mit einer neuen Unterrichtseinheit zur nationalen Sicherheit. Ihre SchulBooks haben die neuen Texte. Bitte öffnen Sie sie und rufen sie den ersten Bildschirm auf.†

Auf dem Startbildschirm prangte ein DHS-Logo nebst Titel †œWAS JEDER AMERIKANER ÜBER HEIMATSCHUTZ WISSEN SOLLTE†.

Am liebsten hätte ich mein SchulBook auf den Boden gepfeffert. – Fortsetzung Kapitel 13

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.