Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 11

Little Brother

Kapitel 11

Dieses Kapitel ist der Universitätsbuchhandlung an der Universität von Washington gewidmet, deren Science-Fiction-Abteilung dank dem scharfen Blick und der Hingabe des Science-Fiction-Einkäufers Duane Wilkins derjenigen vieler spezialisierter Geschäfte ebenbürtig ist. Duane ist ein echter Science-Fiction-Fan †“ ich habe ihn das erste Mal bei der World Science Fiction Convention in Toronto 2003 getroffen -, und das zeigt sich im gut informiert ausgewählten Sortiment, das im Laden präsentiert wird.

Ein gutes Indiz für eine herausragende Buchhandlung ist die Qualität der †œRegal-Reviews† †“ der kleinen Kartonschnipsel an den Regalen, auf denen das Personal üblicherweise handschriftlich kleine Rezensionen über die Vorzüge von Büchern verfasst, die man sonst einfach verpassen würde. Und die Angestellten in der Universitätsbuchhandlung haben offensichtlich von Duanes Anleitung profitiert, denn die Regal-Reviews hier sind absolut unvergleichlich.

The University Bookstore:

http://www4.bookstore.washington.edu/_trade/ShowTitleUBS.taf?ActionArg=Title&ISBN=9780765319852

4326 University Way NE, Seattle, WA 98105 USA +1 800 335 READ

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Jolu stand auf. †œJetzt wird†™s ernst, Leute. Jetzt sehen wir, aufwelcher Seite ihr seid. Vielleicht habt ihr keine Lust, für eure Überzeugungen auf die Straße zu gehen und dafür hopsgenommen zu werden, aber wenn ihr Überzeugungen habt, dann wird es uns das zeigen. Das hier wird das Web of Trust knüpfen, das uns zeigt, wer drin und wer draußen ist. Wenn wir unser Land jemals zurückbekommen wollen, dann müssen wir das tun. Wir müssen einfach etwas wie das hier tun.†

Jemand in der Menge †“ es war Ange †“ hob eine Hand mit einer Bierflasche.

†œNennt mich blöde, aber ich versteh das kein Stück. Warum wollt ihr, dass wir das machen?†

Jolu schaute mich an, und ich erwiderte den Blick. Als wirs organisierten, hatte alles so offensichtlich ausgesehen. †œDas Xnet ist nicht bloß eine Möglichkeit, gratis zu spielen. Es ist das letzte offene Kommunikationsnetzwerk in Amerika. Es ist die letzte Möglichkeit, miteinander zu reden, ohne vom DHS dabei überwacht zu werden. Und damit das so bleibt, müssen wir wissen, dass derjenige, mit dem wir grade sprechen, kein Schnüffler ist. Das bedeutet, wir müssen wissen, dass die Leute, denen wir Nachrichten schicken, tatsächlich die sind, für die wir sie halten.

Und hier kommt ihr ins Spiel. Ihr seid alle hier, weil wir euch vertrauen. Ich meine, wirklich vertrauen. Vertrauen auf Leben und Tod.†

Ein paar Leute stöhnten. Das klang so melodramatisch und dumm.
Ich stand wieder auf.

†œAls die Bomben hochgingen†, sagte ich, und da begann sich etwas in meiner Brust zu regen, etwas Schmerzhaftes. †œAls die Bomben hochgingen, da sind vier von uns auf der Market Street gefangen genommen worden. Aus irgendeinem Grund war das DHS der Meinung, wir hätten Verdacht erregt. Die haben uns Tüten über den Kopf gezogen, auf ein Schiff gebracht und tagelang verhört. Die haben uns erniedrigt und Psychospielchen mit uns gespielt. Dann haben sie uns gehen lassen.

Uns alle außer einem. Meinem besten Freund. Er war bei uns, als sie uns einkassiert haben. Er war verletzt und brauchte ärztliche Hilfe. Und er kam nie wieder raus. Sie behaupten, sie hätten ihn nie gesehen. Sie sagen, wenn wir je irgendwem davon erzählen, dann verhaften sie uns und lassen uns verschwinden.

Für immer.†

Ich zitterte. Diese Scham. Diese verdammte Scham. Jolu hielt mit der Lampe auf mich.

†œOh Gott†, sagte ich. †œIhr hier, ihr seid die ersten, denen ich das erzähle. Wenn diese Story die Runde macht, dann könnt ihr drauf wetten, dass die rauskriegen, wer undicht war.

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Dann könnt ihr drauf wetten, dass sie kommen und an meine Tür klopfen.† Ich atmete ein paar Mal tief durch. †œDeshalb engagiere ich mich im Xnet. Und deshalb ist mein Leben von jetzt an dem Kampf gegen das DHS gewidmet. Mit jedem Atemzug, an jedem einzelnen Tag. Bis wir wieder frei sind. Jeder von euch könnte mich jetzt in den Knast bringen, wenn er wollte.†

Ange hob wieder die Hand. †œWir verpfeifen dich nicht†, sagte sie. †œKein Stück. Ich kenn hier so ziemlich jeden, und so viel kann ich dir versprechen. Ich hab zwar keine Ahnung, woran man jemanden erkennt, dem man vertrauen kann, aber ich weiß, wem man nicht vertrauen kann: alten Leuten. Unseren Eltern. Erwachsenen. Wenn die an jemanden denken, dem nachspioniert wird, dann denken die an jemand anderen, irgendeinen Bösen. Wenn sie an jemanden denken, der gefangen und in ein Geheimgefängnis verschleppt wird, dann ist das immer ein anderer †“ ein Junger, ein Farbiger, ein Ausländer.

Sie haben vergessen, wie es ist, in unserem Alter zu sein. Einfach ständig unter Generalverdacht zu sein! Wie oft steigst du in den Bus, und alle starren dich an, als ob du Bröckchen rülpst und Hunde quälst?

Und noch schlimmer: Die werden immer früher und früher erwachsen. Früher hieß es mal, ,trau keinem über 30†².

Ich sage: ,Trau keinem Mistkerl über 25†².†

Alle lachten, und sie lachte mit. Sie war auf eine merkwürdige Weise hübsch, ihr langes Gesicht und die kräftigen Kiefer gaben ihr entfernt was von einem Pferd. †œIch mein das nicht als Witz, wisst ihr? Ich meine, denkt mal drüber nach. Wer hat denn diese Arschgeigen gewählt? Wer hat ihnen gesagt, dass sie unsere Stadt besetzen sollen? Wer hat denn dafür gestimmt, Kameras in unseren Klassenräumen aufzuhängen und uns mit ihren ekligen Schnüffelchips in unseren Transitpässen und Autos überall hinterher zu rennen? Das war doch kein 16-Jähriger. Wir sind jung und vielleicht nicht ganz dicht, aber Abschaum sind wir nicht.†

†œDas will ich auf nem T-Shirt†, sagte ich.

†œDas wär ein gutes†, entgegnete sie. Wir lächelten uns an.

†œWo bekomm ich jetzt meine Schlüssel?†, fragte sie und zog ihr Handy raus.

†œWir machen das da drüben, in der stillen Ecke bei den Höhlen. Ich bring dich rein und bereite den Rechner vor, dann machst du deine Sache und bringst die Maschine zu deinen Freunden, damit die Fotos von deinem öffentlichen Schlüssel machen und ihn zuhause signieren können.†

Ich erhob die Stimme. †œAch, eins noch! Mist, wie konnte ich das vergessen? Ihr müsst die Fotos löschen, sobald ihr die Schlüssel eingetippt habt! Das letzte, was wir brauchen können, ist ein Flickr-Stream mit Fotos von uns allen bei unserer konspirativen Sitzung.†

Als Antwort kam ein bisschen nervöses, gutmütiges Kichern, dann machte Jolu das Licht aus, und in der plötzlichen Dunkelheit konnte ich nichts mehr sehen. Nach und nach passten sich meine Augen an, und ich machte mich auf den Weg zur Höhle. Jemand ging hinter mir. Ange. Ich drehte mich um und lächelte sie an, sie lächelte zurück, und ihre Zähne leuchteten in der Dunkelheit.

†œDanke für grade eben†, sagte ich. †œDu warst toll.†

†œHast du das ernst gemeint, was du von der Tüte überm Kopf und all dem Zeug erzählt hast?†

†œHab ich†, antwortete ich. †œDas ist echt passiert. Ich hab es noch niemandem erzählt, aber es ist passiert.†

Ich dachte einen Moment drüber nach.

†œWeißt du, nach all der Zeit, seit das passiert ist, ohne dass ich irgendwas erzählt habe, hat es sich irgendwann nur noch wie ein böser Traum angefühlt. Aber es war echt.†

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Ich hielt an und kletterte dann zur Höhle hoch.

†œIch bin froh, dass ichs endlich ein paar Leuten erzählt habe. So langsam dachte ich schon, ich wäre durchgedreht.†

Ich stellte den Laptop auf einen trockenen Felsbrocken und fuhr ihn vor ihren Augen von der DVD hoch.

†œIch werde ihn für jeden von euch neu starten. Das hier ist eine normale ParanoidLinux-DVD, aber ich schätze, das musst du mir einfach so glauben.†

†œZum Teufel†, sagte sie. †œGeht es hier um Vertrauen oder was?†

†œJa†, sagte ich. †œVertrauen.†

Ich ging ein paar Schritte weg, während sie den Schlüsselgenerator laufen ließ, hörte ihr zu, wie sie tippte und klickte, um Zufallsdaten zu generieren, hörte dem Rauschen der Brandung zu, hörte den Partygeräuschen zu, die von dort her kamen, wo das Bier war.

Sie kam aus der Höhle raus, den Laptop in den Händen. Darauf waren in großen, leuchtend weißen Lettern ihr öffentlicher Schlüssel, ihr Fingerprint und ihre E-Mail-Adresse zu sehen. Sie hielt den Monitor hoch neben ihr Gesicht und wartete, während ich mein Handy rauskramte.

†œCheese†, sagte sie. Ich machte ein Bild von ihr und steckte die Kamera wieder ein. Sie ging weiter zu den Zechern und ließ jeden ein Foto von ihr mit dem Monitor machen. Es hatte was Feierliches. Und es war lustig. Sie hatte wirklich eine Menge Charisma †“ man wollte sie nicht bloß anlachen, man wollte mit ihr lachen. Und verdammt noch mal, es war lustig. Wir erklärten gerade einen geheimen Krieg gegen die Geheimpolizei. Wer dachten wir denn, wer wir waren?

So ging es vielleicht eine Stunde lang weiter, jeder machte Fotos und erzeugte Schlüssel. Ich lernte jeden hier kennen. Ich kannte schon viele †“ einige hatte ich ja selbst eingeladen -, und die anderen waren Freunde meiner Kumpels oder von Kumpeln meiner Kumpels. Wir sollten alle ein Team sein. Am Ende dieser Nacht waren wirs. Es waren alles gute Leute.

Als alle fertig waren, ging Jolu, um einen Schlüssel zu erzeugen, und drehte sich dann mit einem unbeholfenen Lächeln von mir weg. Mein Ärger über ihn war inzwischen verraucht. Er tat, was er tun musste. Und ich wusste, dass er, was immer er jetzt auch sagte, immer für mich da sein würde. Und wir waren zusammen im DHS-Knast gewesen. Van auch. Das würde uns für immer zusammenschweißen, komme was da wolle.

Ich erzeugte meinen Schlüssel und drehte dann die Runde durch die Gang, um jeden ein Foto machen zu lassen. Dann kletterte ich wieder auf den erhöhten Fleck von vorhin und bat alle um Aufmerksamkeit.

†œAlso, ne Menge von euch haben mitbekommen, dass die ganze Nummer einen Riesenhaken hat: Was wäre, wenn ihr diesem Laptop nicht trauen könnt? Wenn er heimlich all unsere Anweisungen aufzeichnet? Wenn er uns ausspioniert? Was wäre, wenn ihr Jose Luis und mir nicht trauen könnt?†

Mehr wohlwollendes Gickeln. Ein bisschen wärmer als vorher, bieriger.

†œIch mein das so†, sagte ich. †œWenn wir auf der falschen Seite wären, dann würde all das hier uns alle †“ euch alle †“ in die Scheiße reiten. Vielleicht in den Knast.†

Die Gickler wurden nervöser.

†œUnd deshalb mach ich jetzt das hier†, sagte ich und nahm einen Hammer zur Hand, den ich aus Dads Werkzeugkiste mitgebracht hatte. Ich stellte den Laptop neben mir auf den Felsen und holte mit dem Hammer aus, Jolu mit der Lampe immer an der Bewegung dran. Crash †“ ich hatte immer davon geträumt, einen Laptop mit einem Hammer zu töten, und jetzt tat ich es. Es fühlte sich pornomäßig gut an. Und schlecht zugleich.

Smash! Das Monitorpanel fiel raus, zersplitterte in Millionen Teile und gab die Tastatur frei.

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Ich schlug weiter darauf ein, bis die Tastatur runterfiel und Hauptplatine und Festplatte sichtbar wurden. Crash! Ich zielte genau auf die Festplatte und hieb mit aller Kraft auf sie ein. Es dauerte drei Schläge, bis das Gehäuse zerbarst und das zerbrechliche Innenleben freigab. Ich hämmerte weiter, bis nur noch feuerzeuggroße Einzelteile übrig waren, dann packte ich alles in einen Müllsack. Meine Zuschauer jubelten frenetisch †“ laut genug, dass ich ernsthaft begann, mir Sorgen zu machen, dass uns jemand von oberhalb über die Brandung hinweg hören und die Gesetzeshüter rufen könnte.

†œDas wäre das!†, rief ich. †œAlso, wenn mich jetzt jemand begleiten möchte †“ ich trage das jetzt runter zum Meer und spül es zehn Minuten im Salzwasser.†

Zuerst fand der Vorschlag keinen Zuspruch, aber dann kam Ange nach vorn, nahm meinen Arm in ihre warme Hand und flüsterte mir †œdas war wundervoll† ins Ohr; dann gingen wir zusammen runter zum Strand.

Es war völlig dunkel unten am Wasser und nicht ungefährlich, selbst mit unseren Schlüsselanhänger-Lampen. Rutschige, scharfkantige Felsen überall, auf denen auch schon ohne drei Kilo pürierter Elektronik in ner Plastiktüte schwer balancieren war. Ein Mal rutschte ich aus und war drauf gefasst, mir was aufzuschlagen, aber sie angelte mich mit erstaunlich festem Griff und hielt mich aufrecht. Ich wurde ganz nah an sie rangezogen, nah genug, um ihr Parfum wahrzunehmen, einen Duft nach neuen Autos. Ich liebe diesen Duft.

†œDanke†, brachte ich raus und schaute ihr in die großen Augen, die von ihrer männlichen, schwarz gefassten Brille noch vergrößert wurden. Ich konnte im Dunkeln nicht erkennen, welche Farbe ihre Augen hatten, aber ich tippte auf was Dunkles, soweit man aus ihrem dunklen Haar und olivbraunen Teint darauf schließen konnte. Sie wirkte südländisch, vielleicht mit griechischen, spanischen oder italienischen Wurzeln.

Ich bückte mich und ließ den Beutel im Meer mit Salzwasser volllaufen. Dabei brachte ichs fertig, auszurutschen und meinen Schuh zu fluten; ich fluchte und sie lachte. Seit wir zum Ufer aufgebrochen waren, hatten wir kaum ein Wort gewechselt. Es war etwas Magisches um unser Stillschweigen.

Bis zu diesem Tag hatte ich insgesamt drei Frauen geküsst, den Heldenempfang in der Schule nicht mitgerechnet. Das ist keine beeindruckende Zahl, aber so ganz winzig ja auch nicht. Ich habe ein passables Frauenradar, und ich glaube, ich hätte sie küssen können. Sie war nicht h31ß im traditionellen Sinn, aber ein Mädchen und eine Nacht und ein Strand, das hat schon was; außerdem war sie smart, leidenschaftlich und engagiert.

Aber ich küsste sie nicht und nahm sie auch nicht bei der Hand. Stattdessen erlebten wir einen Moment, den ich nur als spirituell bezeichnen kann. Die Brandung, die Nacht, das Meer und die Felsen, dazu unser Atmen. Der Moment dehnte sich aus. Ich seufzte. Was für eine Aktion! In dieser Nacht würde ich noch eine Menge zu tippen haben, um all die Schlüssel in meinen Schlüsselbund zu übertragen, zu signieren und die signierten Schlüssel zu veröffentlichen. Um das Web of Trust zu starten.

Sie seufzte auch.

†œGehn wir†, sagte ich.

Ja.†

So gingen wir zurück. Diese Nacht war eine gute Nacht.

Jolu wartete hinterher noch, bis der Freund seines Bruders kam, um die Kühlboxen abzuholen. Ich ging mit allen anderen die Straße hoch bis zur nächsten Bushaltestelle und stieg ein. Natürlich benutzte niemand von uns eine reguläre Fahrkarte mehr; mittlerweile klonte jeder Xnetter gewohnheitsmäßig drei-, viermal am Tag den Fahrausweis von jemand anderem, um sich für jede Fahrt eine neue Identität zuzulegen.

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Es war nahezu unmöglich, im Bus cool zu bleiben. Wir waren alle leicht angeschickert, und es war wahnsinnig komisch, uns gegenseitig im grellen Licht im Bus anzuschauen. Wir wurden ziemlich laut, und der Fahrer ermahnte uns zwei Mal über die Sprechanlage und sagte dann, wenn wir nicht sofort ruhig seien, würde er die Polizei rufen.

Das brachte uns gleich wieder zum Gickeln, und so stiegen wir alle auf einmal aus, bevor er die Bullen rufen konnte. Wir waren jetzt in North Beach, und jede Menge Busse, Taxis, die BART in Market Street und ein paar neonleuchtende Clubs und Cafés sorgten dafür, dass sich unsere Gruppe hier zerstreute.

Ich kam heim, warf die Xbox an und begann, Schlüssel von meinen Handyfotos zu übertragen. Das war eine stumpfsinnige, hypnotisierende Angelegenheit, und weil ich außerdem ein bisschen betrunken war, fiel ich darüber in einen Halbschlaf.

Grade als ich vollends am Wegdämmern war, poppte ein neues Messenger-Fenster hoch.

> hey-ho!

Ich erkannte den Nick nicht †“ spexgril -, aber ich hatte so eine Ahnung, wer es sein könnte.

>hi

tippte ich vorsichtig.

> ich bins, von heute nacht

Dann fügte sie einen Block Krypto ein. Ihren öffentlichen Schlüssel hatte ich schon am Schlüsselbund, also ließ ich den Messenger versuchen, den Code mit ihrem Schlüssel zu entziffern.

> ich bins, von heute nacht

Sie war es!

> Schön dich hier zu sehen

tippte ich, verschlüsselte es mit meinem Schlüssel und schickte es ab.

> Es war toll, dich zu treffen

tippte ich weiter.

> Dich auch. Ich treff nicht so viele kluge Jungs, die auch noch süß sind und ein soziales Gewissen haben.

Gute Güte, Mann, du lässt einem Mädchen kaum eine Chance.

Mein Herz hämmerte in meiner Brust.

>Hallo? Klopfklopf? Jemand daheim? Ich bin nicht hier geboren, Leute, aber ich werde ganz sicher hier sterben. Vergesst nicht, euren Kellnerinnen Trinkgeld zu geben, sie arbeiten so hart. Ich bin die ganze Woche hier.

Ich musste laut lachen.

> Ich bin ja hier, ich lach bloß zu laut, um tippen zu können

> Na zumindest meine Messenger-Comedy zieht noch

Aha?

> Es war echt toll, dich zu treffen

> Ja, das ist es meistens. Wohin führste mich aus?

> Ausführen?

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> Bei unserem nächsten Abenteuer?

> Hatte noch nichts geplant

> Okay, dann sag ich, wohin. Freitag, Dolores Park. Illegales Open-Air-Konzert. Komm da hin, oder du bistn Dodekaeder

> Was noch mal?

> Liest du nicht mal Xnet? Steht an jeder Ecke. Schon mal von den Speedwhores gehört?

Ich verschluckte mich bald. Das war Trudy Doos Band †“ DIE Trudy Doo, die Frau, die Jolu und mich dafür bezahlte, den indienet-Code zu aktualisieren.

> Ja, schon von gehört

> Die planen einen Riesengig und haben wohl noch so fünfzig andere Bands dabei, wollen das auf den Tennisplätzen machen, mit ihren eigenen Boxentrucks dabei, und die ganze Nacht durchrocken

Ich fühlte mich wie ein Grottenolm. Wie war das denn an mir vorbeigegangen? Auf Valencia gabs diese anarchistische Buchhandlung, an der ich manchmal auf dem Weg zur Schule vorbeikam; und die hatte ein Poster im Fenster mit einer alten Revolutionärin, Emma Goldman, mit der Zeile †œWenn ich nicht tanzen kann, dann will ich nichts mit deiner Revolution zu tun haben.† Ich hatte meine gesamte Energie darauf verwendet, mit dem Xnet engagierte Kämpfer zu organisieren, um dem DHS dazwischenzufunken. Aber das hier war ja wohl soo viel cooler. Ein Riesenkonzert †“ ich hatte keine Ahnung, wie man so was aufzog, aber ich war froh, dass es Leute gab, die das konnten.

Und wenn ichs mir recht überlegte, dann war ich verdammt stolz drauf, dass sies mit Hilfe des Xnets organisierten.

Am nächsten Tag war ich ein Zombie. Ange und ich hatten bis vier Uhr früh gechattet †“ na ja, geflirtet. Zum Glück war Samstag, und ich konnte ausschlafen, aber vor Kater und Übermüdung kriegte ich trotzdem keinen geraden Gedanken zusammen.

Gegen Mittag mühte ich mich aus dem Bett und raus auf die Straße. Ich wankte rüber zum Türken, um meinen Kaffee zu kaufen †“ wenn ich allein war, kaufte ich neuerdings meinen Kaffee immer hier, weil ich das Gefühl hatte, der Türke und ich seien Mitglieder eines geheimen Clubs.

Auf dem Weg dahin kam ich an einer Menge frischer Graffiti vorbei. Ich mochte die Graffiti im Mission-Viertel; es war meist riesige, üppige Wandmalerei oder die sarkastischen Schablonenwerke von Kunststudenten. Und ich mochte es, dass die Tagger in der Mission unter den Augen des DHS immer noch weiter machten. Auch ne Art Xnet, dachte ich †“ die mussten auch ihre Methoden haben, rauszukriegen, was los war, woher man Farbe kriegte und welche Kameras funktionierten. Einige Kameras, merkte ich, waren einfach übergesprüht.

Vielleicht benutzten sie ja das Xnet!

In drei Meter hohen Buchstaben prangten am Bretterzaun eines Schrottplatzes die Worte: TRAU NIEMANDEM ÜBER 25.

Ich hielt an. War wohl jemand gestern von meiner †œParty† mit einer Farbdose hier vorbeigekommen? Ne Menge von den Leuten lebte hier im Viertel.

Ich holte meinen Kaffee und stratzte dann ein bisschen durch die Stadt. Dabei dachte ich die ganze Zeit, eigentlich müsste ich jemanden anrufen, ob wir uns einen Film ausleihen wollten oder so. So war es immer gewesen an faulen Samstagen wie heute. Aber wen sollte ich anrufen? Van redete nicht mit mir, ich glaubte nicht, schon wieder mit Jolu sprechen zu können, und Darryl…

Nun, Darryl konnte ich nicht anrufen.

Also holte ich noch einen Kaffee, ging heim und suchte ein bisschen in den Blogs im Xnet herum. Diese anonymen Blogs konnten keinem bestimmten Autor zugeordnet werden †“ es sei denn, der Autor war blöd genug, einen Namen drüberzuschreiben -, und es gab eine ganze Menge davon.

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Die meisten waren unpolitisch, etliche aber auch nicht. Dort schrieben sie über Schulen und wie unfair es dort war. Sie schrieben über die Bullen und übers Tagging.

Wie sich rausstellte, waren die Planungen für das Konzert im Park schon seit Wochen im Gang. Sie waren von Blog zu Blog gewandert, ohne dass ich was mitbekommen hatte. Und das Konzert stand unter dem Motto †œTrau keinem über 25†³.

Nun, das erklärte, woher Ange es hatte. War ein guter Slogan.

Am Montagmorgen beschloss ich, mal wieder bei der Anarchistenbuchhandlung vorbeizuschauen und zu versuchen, eins dieser Emma-Goldman-Poster zu bekommen. Ich brauchte die Gedächtnisstütze.

Also nahm ich auf dem Weg zur Schule den Umweg die 16te runter in die Mission, dann Valencia hoch und rüber. Der Laden war zu, aber ich notierte mir die Öffnungszeiten und vergewisserte mich, dass sie das Poster noch hängen hatten.

Als ich Valencia runterstapfte, war ich erstaunt zu sehen, wie viel †œTrau keinem über 25 †œ-Zeug hier zu sehen war. Die Hälfte der Läden hatte Trau-keinem-Devotionalien in den Fenstern: Brotdosen, Babydoll-Shirts, Stiftdosen, Truckerhüte. Die Trendsetterläden sind immer schneller geworden: Wenn sich neue Meme binnen ein, zwei Tagen übers Netz verbreiten, dann sind die Läden mittlerweile ganz gut darin, ruckzuck den passenden Merchandising-Kram ins Fenster zu hängen. Wenn du am Montag ein witziges Youtube-Filmchen über einen Typ, der sich aus Mineralwasserflaschen einen Düsenantrieb bastelt, in deiner Mail findest, kannst du davon ausgehen, am Dienstag die ersten T-Shirts mit Stills aus dem Video kaufen zu können.

Aber es war irre zu sehen, wie sich was aus dem Xnet in die Szeneläden ausbreitete. Zerfetzte Designerjeans, auf die der Slogan sorgfältig wie mit Tinte geschrieben war. Gestickte Aufnäher.

Gute Nachrichten verbreiten sich schnell.

Als ich in die Gesellschaftskundeklasse von Ms. Galvez kam, stand der Slogan an der Tafel. Wir saßen alle an unseren Tischen und grinsten ihn an, und er schien zurückzugrinsen. Es hatte was ungeheuer Befriedigendes zu denken, dass wir alle einander trauen konnten und dass der Feind identifizierbar war. Ich wusste, dass das nicht so ganz stimmte, aber es war eben auch nicht so ganz falsch.

Ms. Galvez kam rein, strich sich übers Haar, stellte ihr SchulBook auf den Tisch und schaltete es ein. Dann nahm sie ein Stück Kreide und drehte sich zur Tafel. Alles lachte. Gutmütig zwar, aber wir lachten.

Sie drehte sich wieder zu uns und lachte ebenfalls. †œSieht so aus, als ob die Sloganschreiber der Nation unter Inflation leiden. Wer von euch weiß denn, woher dieser Satz ursprünglich stammt?†

Wir schauten uns an. †œHippies?†, fragte jemand, und wir lachten wieder. San Francisco ist voll von Hippies, von den alten Kiffern mit ihren Schmuddelbärten und Batikfummeln bis zu denen von heute, die sich mehr fürs Verkleiden und Footbag-Spielen interessieren als fürs Protestieren.

†œJa, Hippies. Aber wenn wir heute an Hippies denken, dann meist nur an ihre Kleidung und an die Musik. Aber Kleidung und Musik waren nur eine Begleiterscheinung von dem, was diese Ära, die Sechziger, so wichtig machte.

†œIhr habt schon von der Bürgerrechtsbewegung gehört, der es um die Abschaffung der Rassentrennung ging; weiße und farbige Jugendliche wie ihr, die mit Bussen in den Süden gefahren sind, um bei der Registrierung schwarzer Wähler zu helfen und gegen den offiziellen Staatsrassismus zu protestieren. Kalifornien war einer der Orte, aus denen die meisten Führer der Bürgerrechtsbewegung kamen. Wir waren hier immer schon ein bisschen politischer als der Rest des Landes, und in diesem Teil des Landes konnten Farbige außerdem schon dieselben Fabrikjobs bekommen wie Weiße, so dass es ihnen ein bisschen besser ging als ihren Verwandten im Süden.

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Die Studenten in Berkeley schickten kontinuierlich Freiheitsaktivisten nach Süden, die sie mithilfe von Infoständen auf dem Campus, in Bancroft und Telegraph Avenue rekrutierten. Die Stände gibt es heute noch, ihr habt sie wahrscheinlich schon gesehen.

Tja, die Universität versuchte das zu unterbinden. Ihr Präsident verbot politische Aktivitäten auf dem Campus, aber die Bürgerrechtsjugend ließ sich davon nicht aufhalten. Die Polizei versuchte jemanden zu verhaften, der an den Infoständen Flugblätter verteilte, aber dann haben 3000 Studenten den Wagen umzingelt und es verhindert, ihn abtransportieren zu lassen. Sie wollten es nicht zulassen, dass sie diesen Jugendlichen ins Gefängnis brachten. Sie stellten sich aufs Dach des Polizeiautos und hielten Reden über das First Amendment (3) und über Meinungsfreiheit.

(3) Erster Zusatzartikel zur US-Verfasssung, verbietet u.a. die gesetzliche Einschränkung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, A.d.Ü

Das gab den Startschuss für die Bewegung für Meinungsfreiheit. Es war der Beginn der Hippies, aber von hier nahmen auch ein paar radikalere Studentenbewegungen ihren Anfang. Black-Power-Gruppen wie die Black Panthers, und später auch Gruppen für Schwulenrechte wie die Pink Panthers, radikale Frauengruppen, sogar ,lesbische Separatisten†™, die Männer komplett abschaffen wollten. Und die Yippies. Hat schon mal jemand von den Yippies gehört?†

†œWollten die nicht das Pentagon zum Schweben bringen?†, fragte ich. Darüber hatte ich mal eine Doku gesehen.

Sie lachte. †œDas hatte ich vergessen, aber du hast Recht, das waren sie. Yippies waren so etwas wie sehr politische Hippies, aber sie waren nicht in dem Sinne ernsthaft, wie wir uns Politik heute vorstellen. Sie waren ziemlich verspielt, Faxenmacher. Sie haben Geld in die New Yorker Börse geworfen und das Pentagon mit Hunderten Leuten umringt, um es mit einem Zauberspruch zu levitieren. Sie haben eine fiktive Art von LSD erfunden, das man mit Wasserpistolen versprühen sollte, und dann haben sie sich gegenseitig bespritzt und so getan, als ob sie stoned seien.

Sie waren lustig und ziemlich telegen †“ einer der Yippies, ein Clown namens Wavy Gravy, brachte in der Regel Hunderte von Demonstranten dazu, sich wie der Weihnachtsmann zu verkleiden, so dass man abends in den Fernsehnachrichten sehen konnte, wie Polizisten den Weihnachtsmann festnahmen -, und sie mobilisierten eine Menge Leute.

Ihre große Stunde war die Democratic National Convention 1968, als sie zu Protesten gegen den Vietnamkrieg aufriefen. Tausende von Leuten kamen nach Chicago, schliefen in den Parks und demonstrierten jeden Tag. In diesem Jahr hatten sie eine Menge bizarrer Aktionen; zum Beispiel ließen sie ein Schwein namens Pigasus als Präsidentschaftskandidat antreten. Die Polizei und die Demonstranten kämpften in den Straßen †“ das hatten sie vorher auch schon oft getan, aber die Polizisten in Chicago waren nicht klug genug, die Presse in Ruhe zu lassen. Sie verprügelten die Reporter, und die rächten sich, indem sie endlich ausführlich berichteten, was bei diesen Demonstrationen wirklich passierte. Plötzlich sah das ganze Land, wie seine Kinder ziemlich brutal von Polizisten zusammengeschlagen wurden. Sie nannten es einen ,Polizei-Aufstand†™.

Die Yippies sagten immer: †œTrau keinem über 30†³. Damit meinten sie, dass Leute, die vor einem bestimmten Zeitpunkt geboren waren, als Amerika Feinde wie die Nazis bekämpfte, es nie begreifen würden, was es bedeutete, sein Land so sehr zu lieben, dass man es ablehnen musste, gegen die Vietnamesen zu kämpfen.Sie dachten, dass du, wenn du erst mal 30 warst, deine Einstellungen nicht mehr ändern würdest und niemals begreifen könntest, wieso die Kinder der damaligen Zeit auf die Straße gingen und Krawall machten.

San Francisco war der Ausgangspunkt für all das. Hier wurden revolutionäre Armeen gegründet. Einige davon jagten im Dienst ihrer Sache Häuser in die Luft oder raubten Banken aus. Viele der Jugendlichen von damals wurden später mehr oder weniger normal, während andere im Gefängnis landeten. Einige von den Studienabbrechern erreichten Erstaunliches †“ Steve Jobs und Steve Wozniak zum Beispiel, die den PC erfunden haben.†

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Die Sache begann mich zu faszinieren. Ein bisschen was wusste ich schon davon, aber so wie heute hatte man mir die Geschichte noch nie erzählt. Auf einmal sahen die lahmen, betulichen, erwachsenen Straßenproteste gar nicht mehr so lahm aus. Vielleicht war diese Sorte Action auch in der Xnet-Bewegung möglich.

Ich hob meine Hand. †œHaben sie gewonnen? Haben die Yippies gewonnen?†

Sie sah mich lange an, als ob sie darüber nachdenken musste. Niemand sagte ein Wort. Wir waren alle auf die Antwort gespannt.

†œVerloren haben sie nicht†, sagte sie schließlich. †œSie sind sozusagen implodiert. Einige von ihnen sind wegen Drogen oder anderer Vergehen ins Gefängnis gekommen. Einige haben ihr Fähnchen gedreht und sind Yuppies geworden, und dann sind sie auf Vortragsreisen gegangen und haben herumerzählt, wie dumm sie gewesen seien und dass Gier doch eine gute Sache sei.

Aber sie haben die Welt verändert. Der Vietnamkrieg ging zu Ende, und die Art von Konformismus und vorbehaltlosem Gehorsam, die bis dahin als Patriotismus gegolten hatte, war jetzt völlig out. Die Rechte von Farbigen, Frauen und Schwulen wurden nachhaltig weiterentwickelt. Die Rechte von Chicanos oder von Behinderten, überhaupt unsere gesamte Tradition bürgerlicher Freiheiten, wurden von diesen Leuten überhaupt erst ins Leben gerufen oder gestärkt. Die heutige Protestbewegung ist ein unmittelbarer Abkömmling der damaligen Auseinandersetzungen.†

†œIch fass es nicht, wie Sie über die Leute reden†, sagte Charles. Er lehnte halb stehend in seinem Stuhl, und sein mageres, kantiges Gesicht war rot angelaufen. Seine Augen waren groß und feucht und seine Lippen riesig, und wenn er sich aufregte, sah er immer ein bisschen wie ein Fisch aus.

Ms. Galvez verspannte sich merklich, dann sagte sie, †œJa, bitte, Charles?†

†œSie haben gerade Terroristen beschrieben. Echte Terroristen. Sie sagen, dass sie Häuser gesprengt haben. Die wollten die Börse zerstören. Die haben Polizisten verprügelt und sie davon abgehalten, Gesetzesbrecher zu verhaften. Die haben uns angegriffen!†

Ms. Galvez nickte bedächtig. Mir war klar, dass sie drüber nachdachte, wie sie mit Charles umgehen solle, der tatsächlich aussah, als würde er gleich platzen.

†œCharles spricht da einen interessanten Aspekt an. Die Yippies waren keine fremden Agenten, sondern amerikanische Bürger. Wenn du sagst, ,die haben uns angegriffen†™, dann musst du dir klarmachen, wer ,die†™ und ,wir†™ sind. Wenn deine Mitbürger…†

†œSchwachsinn!†, rief er. Er war jetzt aufgestanden. †œWir waren damals im Krieg. Diese Typen haben den Feind unterstützt. Es ist doch ganz einfach, wer ,wir†™ sind und wer ,die†™: Wenn du Amerika unterstützt, gehörst du zu uns. Wenn du die Leute unterstützt, die auf Amerikaner schießen, gehörst du zu denen.†

†œMöchte vielleicht sonst jemand etwas dazu sagen?†

Einige Hände schossen hoch. Ms. Galvez rief sie auf. Ein paar Leute wiesen darauf hin, dass die Vietnamesen bloß auf Amerikaner geschossen hatten, weil die Amerikaner nach Vietnam geflogen waren, um dort bewaffnet im Dschungel herumzurennen. Andere fanden, dass Charles insofern Recht hatte, dass es nicht erlaubt sein dürfe, verbotene Dinge zu tun.

Alle diskutierten angeregt; alle außer Charles, der sich drauf beschränkte, Leute anzubrüllen und sie zu unterbrechen, wenn sie ihre Standpunkte erläutern wollten. Ms. Galvez versuchte ein paar Mal, ihn zum Warten zu bewegen, aber er wollte davon nichts wissen.

Ich schlug derweil was in meinem SchulBook nach, von dem ich wusste, dass ich es schon mal gelesen hatte.

Ich fand es. Ich stand auf. Ms. Galvez blickte mich erwartungsvoll an. Die Anderen folgten ihrem Blick und verstummten. Selbst Charles schaute nach einer Weile zu mir hin; in seinen großen, feuchten Augen loderte sein Hass auf mich.

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†œIch möchte etwas vorlesen†, sagte ich. †œEs ist kurz: ,daß, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein müssen, deren volle Gewalten von der Zustimmung der Regierten herkommen; daß zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstörend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche Grundsätze zu gründen, und deren Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Glücke am zweckmäßigsten erscheint.† (4) -  Fortsetzung Kapitel 12

(4) Zitat folgt einschließlich damaliger Rechtschreibung der Übersetzung von 1849, wie veröffentlicht auf www.verfassungen.de/us/unabhaengigkeit76.htm, A.d.Ü

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 10

Little Brother

Kapitel 10

Dieses Kapitel ist Anderson†™s Bookshops gewidmet, Chicagos legendärer Kinderbuchhandlung. Anderson†™s ist ein sehr, sehr altes familiengeführtes Unternehmen, das in grauer Vorzeit damit angefangen hatte, als Apotheke ein paar Bücher nebenher zu verkaufen. Heute ist es ein florierendes Kinderbuchimperium mit zahlreichen Niederlassungen und mit ein paar unglaublich innovativen Buchvertriebsideen, die auf spannende Weise Bücher und Kinder zusammenbringen. Am besten sind ihre mobilen Buchmessen; dafür schicken sie riesige rollende Bücherregale mit exzellenten Kinderbüchern auf LKWs direkt an die Schulen †“ voilà, eine Instant-Buchmesse!

Anderson†™s Bookshops:

http://www.andersonsbookshop.com/search.php?qkey2=doctorow+little+brother&sid=5156&imageField.x=0&imageField.y=0

123 WestJefferson, Naperville, IL 60540 USA + 1 630 355 2665

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Was würdet ihr tun, wenn ihr rausfindet, dass ihr einen Spion in eurer Mitte habt? Ihr könntet ihn verurteilen, an die Wand stellen und umlegen. Aber vielleicht habt ihr irgendwann einen anderen Spion unter euch, und der neue wäre dann viel vorsichtiger als der erste und würde sich dann nicht mehr so leicht schnappen lassen.

Hier kommt eine bessere Idee: Fangt an, die Kommunikation des Spions abzufangen, und dann füttert ihn und seine Auftraggeber mit Fehlinformationen. Angenommen, seine Hintermänner instruieren ihn, Informationen über eure Unternehmungen zu sammeln. Dann lasst ihn ruhig hinter euch herrennen und so viele Notizen machen, wie er möchte, aber macht hinterher die Umschläge auf, die er ans Hauptquartier sendet, und ersetzt seinen Bericht eurer Unternehmungen durch einen fiktiven Bericht.

Wenn ihr wollt, könnt ihr ihn als wirr und unzuverlässig dastehen lassen und so dafür sorgen, dass er abgesägt wird. Ihr könnt auch Krisen konstruieren, die die eine oder andere Seite dazu veranlassen, die Identität anderer Spione preiszugeben. Kurz: Ihr habt sie in der Hand.

Das nennt man Man-in-the-Middle-Angriff oder auch Janus-Angriff, und wenn man sichs recht überlegt, ist das eine ziemlich erschreckende Sache. Ein Man-in-the-Middle in eurem Kommunikationsstrang kann euch auf tausenderlei Arten übers Ohr hauen.

Aber natürlich gibt es eine Möglichkeit, einem Man-in-the-Middle-Angriff zu begegnen. Benutzt Krypto. Mit Krypto ist es egal, ob der Feind eure Nachrichten sehen kann, denn er kann sie nicht entziffern, verändern oder neu verschicken. Das ist einer der Hauptgründe, Krypto zu benutzen.

Aber denkt dran: Damit Krypto funktioniert, braucht ihr Schlüssel für die Leute, mit denen ihr reden wollt. Ihr und euer Partner müsst ein, zwei Geheimnisse teilen, ein paar Schlüssel, die ihr dazu benutzt, eure Nachrichten so zu ver- und entschlüsseln, dass der Man-in-the-Middle außen vor bleibt.

Hier kommt die Idee des öffentlichen Schlüssels ins Spiel. Jetzt wirds ein bisschen haarig, aber es ist dabei auch unglaublich elegant.

In Krypto mit öffentlichem Schlüssel bekommt jeder Benutzer zwei Schlüssel. Das sind lange Folgen von mathematischem Krickelkrackel, die eine geradezu magische Eigenschaft haben: Was immer du mit dem einen Schlüssel unleserlich machst, kannst du mit dem anderen wieder entziffern und umgekehrt. Mehr noch: Es sind die einzigen Schlüssel, die diese Eigenschaft haben †“ wenn du mit dem einen Schlüssel eine Nachricht entziffern kannst, dann weißt du mit Sicherheit, dass sie mit dem anderen verschlüsselt worden ist (und umgekehrt).

Also nimmst du einen der beiden Schlüssel, egal welchen, und veröffentlichst ihn einfach. Du machst ihn total ungeheim. Du willst, dass jeder auf der ganzen Welt ihn kennt. Aus naheliegenden Gründen nennt man das deinen †œöffentlichen Schlüssel†.

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Den anderen Schlüssel vergräbst du in den hintersten Windungen deines Gehirns. Du verteidigst ihn mit deinem Leben. Du lässt nie jemanden erfahren, welches dieser Schlüssel ist. Das nennt man deinen †œprivaten Schlüssel†. (Na klar.)

Jetzt mal angenommen, du bist ein Spion und willst mit deinen Chefs reden. Ihr öffentlicher Schlüssel ist jedem bekannt. Dein öffentlicher Schlüssel ist jedem bekannt. Niemand kennt deinen privaten Schlüssel außer du selbst. Niemand kennt den privaten Schlüssel deiner Chefs außer sie selbst.

Du willst ihnen eine Nachricht schicken. Zuerst verschlüsselst du sie mit deinem privaten Schlüssel. Jetzt könntest du die Nachricht schon verschicken, und das wäre so weit okay, weil deine Chefs wissen würden, dass die Botschaft tatsächlich von dir kommt. Warum? Nun, dadurch, dass sie die Nachricht mit deinem öffentlichen Schlüssel entziffern können, ist klar, dass sie nur mit deinem privaten Schlüssel verschlüsselt worden sein kann. Das ist ungefähr so wie dein Siegel oder deine Unterschrift unter einer Nachricht. Es besagt: †œIch habe das geschrieben, niemand sonst. Niemand kann daran herumgefuhrwerkt und es verändert haben.†

Blöderweise sorgt das allein noch nicht dafür, dass deine Nachricht geheim bleibt. Denn dein öffentlicher Schlüssel ist ja weithin bekannt (das muss er auch, denn sonst bist du darauf beschränkt, Nachrichten an die paar Leute zu schicken, die deinen öffentlichen Schlüssel haben). Jeder, der die Nachricht abfängt, kann sie lesen. Er kann sie zwar nicht ändern und dann wieder so tun, als käme sie von dir, aber wenn du Wert drauf legst, dass niemand erfährt, was du zu sagen hast, dann brauchst du eine bessere Lösung.

Also verschlüsselst du die Nachricht nicht bloß mit deinem privaten Schlüssel, sondern zusätzlich mit dem öffentlichen Schlüssel deiner Chefs. Jetzt ist sie doppelt gesperrt. Die erste Sperre †“ der öffentliche Schlüssel der Chefs †“ lässt sich nur mit dem privaten Schlüssel deiner Chefs lösen. Die zweite Sperre †“ dein privater Schlüssel †“ lässt sich nur mit deinem öffentlichen Schlüssel lösen. Wenn deine Chefs die Nachricht bekommen, dann entschlüsseln sie sie mit beiden Schlüsseln und wissen jetzt zweierlei ganz sicher: a) du hast sie geschrieben und b) nur sie selbst können sie lesen.

Das ist ziemlich cool. Noch am selben Tag, an dem ich das entdeckte, tauschten Darryl und ich Schlüssel aus; und dann verbrachten wir Monate damit, zu gackern und uns die Hände zu reiben über unsere militärischen Geheimnisse, wo wir uns nach der Schule treffen wollten und ob Van ihn wohl je bemerken würde.

Aber wenn du Sicherheit richtig begreifen willst, musst du auch die paranoidesten Möglichkeiten in Betracht ziehen. Was ist zum Beispiel, wenn ich dich dazu bringe zu glauben, dass mein öffentlicher Schlüssel der öffentliche Schlüssel deiner Chefs ist? Dann würdest du die Nachricht mit deinem geheimen und meinem öffentlichen Schlüssel verschlüsseln. Ich entziffere sie, lese sie, verschlüssele sie dann wieder mit dem echten öffentlichen Schlüssel deiner Chefs und schicke sie weiter. So weit deine Chefs wissen, kann niemand außer dir die Botschaft geschrieben haben, und niemand außer ihnen selbst hätte sie lesen können.

Und dann sitze ich in der Mitte, wie eine dicke Spinne in ihrem Netz, und all deine Geheimnisse gehören mir.

Der einfachste Weg, das Problem zu beheben, besteht darin, deinen öffentlichen Schlüssel wirklich sehr weit bekannt zu machen. Wenn es wirklich für jedermann leicht ist zu wissen, welches dein öffentlicher Schlüssel ist, dann wird Man-in-the-Middle immer schwieriger. Aber weißt du was? Dinge sehr weit bekannt zu machen ist genauso schwierig wie sie geheim zu halten. Überleg mal †“ wie viele Milliarden werden für Shampoo-Werbung und anderen Mist ausgegeben, bloß um sicherzustellen, dass möglichst viele Leute etwas kennen, was sie laut der Meinung irgendeines Werbis kennen sollten?

Es gibt noch eine billigere Art, Man-in-the-Middle-Probleme zu lösen: das Web of Trust. Nimm an, bevor du das Hauptquartier verlassen hast, sitzen deine Chefs und du bei einem Kaffee zusammen, und ihr verratet euch gegenseitig eure Schlüssel.

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Schluss-aus-vorbei für den Mann in der Mitte! Du bist dann absolut sicher, wessen Schlüssel du hast, weil du sie direkt in die Hand bekommen hast.

So weit, so gut. Aber es gibt eine natürliche Begrenzung für so etwas: Wie viele Leute kannst du im wahren Leben tatsächlich treffen, um Schlüssel mit ihnen zu tauschen? Wie viele Stunden des Tages willst du daran aufwenden, das Äquivalent deines eigenen Telefonbuchs zu schreiben? Und wie viele von diesen Leuten sind wohl bereit, dir auf diese Weise ihre Zeit zu opfern?

Es hilft tatsächlich, sich diese Sache wie ein Telefonbuch vorzustellen. Die Welt war mal ein Ort mit einer ganzen Menge von Telefonbüchern, und wenn du eine Nummer brauchtest, dann hast du sie im Buch nachgeschlagen. Aber eine Menge derjenigen Nummern, die du so übern Tag brauchst, kennst du entweder auswendig oder kannst sie von jemandem erfragen.

Selbst heute, wenn ich mit meinem Handy unterwegs bin, frag ich noch Darry oder
Jolu, ob sie mir eine bestimmte Nummer geben können. Das ist schneller und einfacher, als online nachzuschlagen, und zuverlässiger ist es sowieso. Wenn Jolu eine Nummer weiß, dann traue ich ihm, also traue ich auch der Nummer. Das nennt sich †œtransitives Vertrauen† †“ Vertrauen, das sich über das Netz deiner Bekanntschaften hinweg fortpflanzt.

Ein Web of Trust ist dasselbe in größer. Mal angenommen, ich treffe Jolu und bekomme seinen Schlüssel. Den kann ich an meinen †œSchlüsselbund† hängen †“ eine Liste von Schlüsseln, die ich mit meinem privaten Schlüssel signiert habe. Das bedeutet, du kannst ihn mit meinem öffentlichen Schlüssel entschlüsseln und weißt mit Sicherheit, dass ich †“ oder zumindest jemand mit meinem Schlüssel †“ sage, †œdieser-und-jener Schlüssel gehört zu dieser-und-jener Person†.

Also gebe ich dir meinen Schlüsselbund, und †“ vorausgesetzt, du traust mir so weit, zu glauben, dass ich die Leute zu all diesen Schlüsseln wirklich getroffen und ihre Schlüssel bestätigt habe †“ jetzt kannst du ihn nehmen und zu deinem Schlüsselbund hinzufügen. So wird der Schlüsselbund größer und größer, und vorausgesetzt, du vertraust dem Nächsten in der Kette, und er traut dem Nächsten, und so weiter, dann ist die Sache ziemlich sicher.

Und damit komm ich zu Keysigning-Partys. Das ist haargenau das, was der Name sagt: eine Party, wo sich Leute treffen und die Schlüssel aller anderen signieren. Als Darryl und ich Schlüssel tauschten, war das so was wie eine Mini-Keysigning-Party, eine mit bloß zwei traurigen Geeks. Aber mit mehr Leuten dabei legst du das Fundament für ein Web of Trust, und von da an kann das Netz sich weiter ausdehnen.

Und in dem Maße, wie jeder an deinem Schlüsselbund in die Welt rausgeht und mehr Leute trifft, kommen mehr und mehr Namen am Schlüsselbund zusammen. Du musst diese neuen Leute gar nicht mehr in echt treffen, du musst bloß drauf vertrauen, dass die signierten Schlüssel, die du von den Leuten in deinem Netz bekommst, gültig sind.

Und deswegen passen ein Web of Trust und Partys zusammen wie Faust auf Auge.

†œSag ihnen aber, dass es eine superprivate Party ist, nur mit Einladung†, sagte ich. †œUnd sag ihnen, dass sie niemanden mitbringen dürfen, sonst werden sie nicht reingelassen.†

Jolu schaute mich über seinen Kaffee hinweg an. †œMachst du Witze? Wenn du den Leuten das sagst, dann bringen sie erst recht noch ein paar Mann extra mit.†

†œMist†, sagte ich. Ich verbrachte jetzt eine Nacht pro Woche bei Jolu, um den indienet-Code auf dem neuesten Stand zu halten. Pigspleen zahlte mir sogar einen gewissen Betrag dafür, was ich irgendwie ziemlich abseitig fand. Ich hatte nie gedacht, dass ich mal dafür bezahlt würde, Code zu tippen.

†œWas machen wir denn dann? Wir wollen da doch nur Leute haben, denen wir total vertrauen, und wir wollen erst die Schlüssel haben und geheime Nachrichten senden können, bevor wir denen allen erklären, warum wir das so machen.†

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Jolu war am Debuggen, wobei ich ihm über die Schulter schaute. Das hatte man früher mal †œExtremprogrammieren† genannt, aber das war ein bisschen lächerlich. Heute hieß das nur noch †œProgrammieren†. Zwei Leute finden einfach besser die Fehler als nur einer, wie das Klischee besagt: †œMit genug Augen werden alle Fehler unbedeutend†.

Wir arbeiteten uns durch die Bug-Meldungen und machten die neue Revision startklar. Die aktualisierte sich automatisch im Hintergrund, so dass unsere Nutzer sich um überhaupt nichts kümmern mussten, sie bekamen einfach einmal pro Woche oder so ein besseres Programm. Es war ziemlich irre zu wissen, dass der Code, den ich schrieb, gleich morgen von Hunderttausenden Leuten benutzt wurde!

†œTja, was machen wir? Mann, ich weiß nicht. Schätze mal, wir müssen einfach damit leben.† Ich dachte zurück an unsere Tage mit Harajuku Fun Madness. Zu dem Spiel hatten auch Berge von sozialen Herausforderungen gehört, bei denen man es mit großen Menschengruppen zu tun hatte.

†œOkay, du hast Recht. Aber lass uns zumindest versuchen, die Sache geheim zu halten. Sagen wir ihnen, sie dürfen höchstens eine andere Person mitbringen, und das muss jemand sein, den sie schon seit mindestens fünf Jahren persönlich kennen.†

Jolu sah vom Bildschirm hoch. †œHey†, sagte er. †œHey, das wird garantiert klappen. Ich seh das schon. Ich meine, wenn du mir sagst, ich soll niemanden mitbringen, dann denk ich doch ,was glaubt der, wer er ist?†™ Aber so rum klingt das wie irgendwas tolles 007-Mäßiges.†

Ich fand einen Fehler. Wir tranken Kaffee. Ich ging heim, spielte ein bisschen Clockwork Plunder, wobei ich versuchte, nicht an Aufzieher mit neugierigen Fragen zu denken, und schlief dann wie ein Baby.

Sutro Baths sind San Franciscos original falsche Römerruinen. Bei der Eröffnung 1896 waren sie die größte Schwimmhalle der Welt, ein riesiges Viktorianisches Glassolarium, voll mit Pools, Wannen und sogar einer frühen Wasserrutsche. In den Fünfzigern gings bergab, und die Besitzer fackelten sie 1966 für die Versicherungssumme ab. Was davon übrig blieb, ist ein Labyrinth verwitterter Steine inmitten der vertrockneten Klippenlandschaft von Ocean Beach.

Es sieht für die ganze Welt wie eine römische Ruine aus, verfallen und geheimnisvoll, und direkt unterhalb gibt es noch ein paar Höhlen, die zum Meer führen. Bei stürmischer See rauschen die Wellen durch die Höhlen und überspülen die Ruinen †“ man weiß sogar von dem einen oder anderen Touristen, der mitgerissen wurde und ertrank.

Ocean Beach ist weit draußen hinter Golden Gate Park, eine kahle Klippe, gesäumt von teuren, aber dem Untergang geweihten Häusern, die zu einem schmalen Streifen Strand hin abfällt, wo man Quallen und mutige (wahnsinnige) Surfer antrifft. Es gibt da einen riesigen weißen Felsen, der sich kurz vor der Küste aus dem seichten Wasser erhebt. Den nennt man Robbenfelsen, und er war der Versammlungsplatz der Seelöwen, bevor man sie in die touristenfreundlichere Gegend bei Fisherman†™s Wharf umsiedelte.

Nach Einbruch der Dunkelheit ist kaum mehr jemand da. Es wird dort sehr kalt, und der Salznebel weicht dich völlig durch, wenn du nichts Geeignetes anhast. Die Felsen sind scharfkantig, außerdem liegen Glasscherben und vereinzelt mal eine gebrauchte Spritze rum.

Es ist ein Wahnsinns-Ort für eine Party.

Die Tarps und chemischen Handschuhwärmer mitzubringen war meine Idee. Jolus Job war es, für das Bier zu sorgen †“ sein älterer Bruder, Javier, hatte einen Kumpel, der einen regelrechten Getränkedienst für Minderjährige unterhielt: Wenn du genug zahltest, belieferte er deine abgeschottete Party mit Kühlkisten und so viel Gebräu, wie du nur wolltest. Ich opferte was von meiner indienet-Programmierkohle, und der Typ war pünktlich: Um acht, eine gute Stunde nach Sonnenuntergang, wuchtete er sechs Schaum-Kühlboxen von seinem Pickup runter und rein in die Ruinen der Badeanstalt. Er brachte sogar eine leere Box für die Abfälle mit.

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†œIhr Kids geht aber echt auf Nummer Sicher†, sagte er und tippte sich an die Hutkrempe. Er war ein fetter Samoaner mit einem breiten Lächeln und einem furchterregenden Tanktop, unter dem sein Achsel-, Brust- und Schulterhaar hervorquoll. Ich wickelte ein paar Zwanziger von meiner Rolle ab und gab sie ihm. Seine Marge war 150 Prozent †“ kein schlechtes Geschäft.

Er starrte auf meine Rolle. †œWeißte, ich könnte dir die jetzt einfach wegnehmen†, sagte er, ohne dabei aufzuhören zu lächeln. †œImmerhin bin ichn Krimineller.†

Ich steckte die Rolle in die Tasche zurück und sah ihm fest in die Augen. Es war dumm von mir gewesen, ihm zu zeigen, was ich dabei hatte, aber ich wusste, manchmal musste man einfach fest bleiben.

†œIch mach bloß Quatsch†, sagte er schließlich. †œAber sei vorsichtig mit der Kohle. Zeigs nicht so viel rum.†

†œDanke†, sagte ich, †œaber der Heimatschutz passt eh auf mich auf.† Sein Lächeln wurde noch breiter. †œHa! Das sind doch nicht mal echte Bullen! Die Spacken haben doch gar keinen Plan.† Ich schaute zu seinem Lieferwagen rüber. Hinter der Windschutzscheibe klemmte gut sichtbar ein FasTrak. Ich fragte mich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis sie ihn hopsnehmen würden.

†œHabt ihr Bräute hier heute nacht? Braucht ihr dafür das ganze Bier?† Ich grinste und winkte ihm zu, als ginge er zurück zum Wagen (was er jetzt endlich tun sollte). Irgendwann begriff er den Wink und fuhr davon, aber er lächelte immer noch.

Jolu half mir, die Kühlboxen im Schutt zu verstecken, wobei wir uns mit kleinen weißen LED-Lampen an Stirnbändern behalfen. Sobald sie verstaut waren, steckten wir weiße LED-Schlüsselanhänger rein, die leuchteten, sobald man die Styropordeckel anhob, damit man sehen konnte, was man tat.

Der Nachthimmel war mondlos und bedeckt, und die Straßenlaternen in der Ferne warfen kaum Licht bis hierher. Ich wusste, auf einem Infrarotdetektor würden wir uns klar und deutlich abzeichnen, aber eine ganze Truppe Leute würden wir nirgends zusammentrommeln können, ohne dabei observiert zu werden. Na gut, dann würden wir eben als kleine betrunkene Strandparty durchgehen.

Ich trinke nicht wirklich viel. Seit ich 14 bin, gabs auf den Partys Bier, Pot und Ecstasy, aber ich hasste Rauchen (obwohl ich nichts gegen ein gelegentliches Haschkekschen hatte), Ecstasy dauerte zu lange †“ wer hat schon das ganze Wochenende Zeit, high zu werden und wieder runterzukommen? -, und Bier, na ja, es war okay, aber mir war nicht klar, was daran jetzt toll sein sollte. Mein Ding waren ja eher riesige, kunstvolle Cocktails, die Sorte, die in Keramikvulkanen serviert wird, sechs Schichten, flambiert, ein Plastikaffe außen am Rand, aber das war eigentlich nur wegen dem Brimborium.

Betrunken bin ich eigentlich ganz gern. Nur den Kater kann ich nicht ausstehen, und oh Mann, was krieg ich immer für einen Kater! Obwohl †“ das kann natürlich auch an den Getränken liegen, die üblicherweise in Keramikvulkanen ausgeschenkt werden.

Aber du kannst keine Party schmeißen, ohne mindestens ein, zwei Kisten Bier kaltzustellen. Das wird so erwartet. Es entkrampft. Leute machen dummes Zeug, wenn sie ein paar Biere zu viel intus haben, aber die wenigsten meiner Freunde haben Autos. Und außerdem machen Leute sowieso dummes Zeug, ob nun wegen Bier oder Gras oder was auch immer, das ist dabei zweitrangig.

Jolu und ich machten jeder ein Bier auf †“ Anchor Steam für ihn, ein Bud Lite für mich †“ und stießen damit an, wie wir so auf den Felsen saßen.

†œHast du ihnen neun Uhr gesagt?†

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Jo†, sagte er.

†œIch auch.†

Wir tranken schweigend. Das Bud Lite war das am wenigsten alkoholische Getränk im Kühler. Ich würde später einen klaren Kopf brauchen.

†œKriegst du manchmal Angst?†, fragte ich schließlich.

Er drehte sich zu mir um. †œNe, Mann, ich krieg keine Angst. Ich hab immer Angst. Seit den Explosionen hab ich jede Minute Angst gehabt. Manchmal hab ich so viel Schiss, dass ich gar nicht aus dem Bett kriechen will.†

†œWarum machst dus trotzdem?†

Er lächelte. †œWas das angeht†, sagte er, †œvielleicht mach ich es gar nicht mehr lange. Ich mein, es war toll, dir zu helfen. Toll. Wirklich klasse. Wüsste nicht, wann ich schon mal so was Wichtiges gemacht habe, Aber Marcus, Alter, ich muss sagen…† Er verstummte.

†œWas?†, fragte ich, obgleich ich wusste, was nun kommen würde.

†œIch kann das nicht mehr ewig weitermachen†, sagte er endlich. †œVielleicht nicht mal mehr einen Monat. Ich glaube, das wars für mich. Ist einfach zu riskant. Du kannst einfach nicht gegen das DHS in den Krieg ziehen. Das ist bescheuert. Wirklich totaler Wahnsinn.†

†œDu hörst dich an wie Van†, sagte ich. Meine Stimme klang viel bitterer, als ich es wollte.

†œIch kritisier dich nicht, Mann. Ich finds klasse, dass du den Mut hast, die Sache die ganze Zeit durchzuziehen. Ich hab ihn nicht. Ich kann mein Leben nicht in permanenter Angst leben.†

†œWas meinst du damit?†

†œIch meine, ich bin raus. Ich werde einer dieser Typen, die so tun, als ob alles in Ordnung ist und als ob bald alles wieder normal wird. Ich werde im Internet surfen wie immer und das Xnet nur noch zum Spielen benutzen. Ich zieh mich raus, das mein ich. Ich werde kein Teil deiner Pläne mehr sein.†

Ich sagte kein Wort.

†œIch weiß, das bedeutet, dich im Stich zu lassen. Ich will das nicht, glaub mir. Ich will viel lieber, dass du mit mir zusammen aufgibst. Du kannst keinen Krieg gegen die Regierung der USA erklären. Das ist ein Kampf, den du nicht gewinnen kannst. Und dir dabei zugucken, wie dus versuchst, ist wie zugucken, wie ein Vogel immer noch mal gegen die Scheibe fliegt.†

Er erwartete, dass ich was sagte. Was ich sagen wollte, war Oh Gott, Jolu, herzlichen Dank dafür, dass du mich im Stich lässt! Hast du schon vergessen, wies war, als sie uns abgeholt haben? Hast du vergessen, wie es in diesem Land aussah, bevor sie es übernommen haben? Aber das war es nicht, was er von mir hören wollte. Was er hören wollte, war:

†œIch verstehe, Jolu. Und ich respektiere deine Entscheidung.†

Er trank den Rest aus seiner Flasche, zog sich eine neue raus und öffnete sie.

†œDa ist noch was†, sagte er.

†œWas?†

†œIch wollts nicht erwähnen, aber ich will, dass du wirklich kapierst, warum ich das tun muss.†

†œOh Gott, Jolu, was denn?†

†œIch hasse es, das zu sagen, aber du bist weiß. Ich nicht. Weiße werden mit Kokain geschnappt und gehen dann ein bisschen auf Entzug. Farbige werden mit Crack erwischt und wandern für zwanzig Jahre in den Knast. Weiße sehen Bullen auf der Straße und fühlen sich sicherer. Farbige sehen Bullen auf der Straße und fragen sich, ob sie wohl gleich gefilzt werden. So, wie das DHS dich behandelt, so war das Gesetz in diesem Land für uns schon immer.†

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Es war so unfair. Ich hatte es mir nicht ausgesucht, weiß zu sein. Ich glaubte auch nicht, mutiger zu sein, nur weil ich weiß bin. Aber ich wusste, was Jolu meinte. Wenn die Bullen in der Mission jemanden anhielten und nach den Papieren fragten, dann war dieser Jemand typischerweise kein Weißer. Welches Risiko ich auch einging †“ Jolu ging das höhere ein. Welche Strafe ich zu zahlen hätte, Jolu würde mehr zu zahlen haben.

†œIch weiß nicht, was ich sagen soll†, sagte ich.

†œDu musst nichts sagen†, entgegnete er. †œIch wollte bloß, dass dus weißt, damit dus verstehen kannst.†

Ich konnte Leute auf dem Nebenweg auf uns zukommen sehen. Es waren Freunde von Jolu, zwei Mexikaner und ein Mädchen, das ich vom Sehen kannte, klein und eher der intellektuelle Typ; sie trug immer süße schwarze Buddy-Holly-Brillen, die sie aussehen ließen wie eine ausgestoßene Kunststudentin in einem dieser Teenie-Streifen, die schließlich den Megaerfolg landet.

Jolu stellte mich vor und verteilte Bier. Das Mädchen nahm keins, sondern holte einen kleinen silbernen Flachmann mit Wodka aus ihrer Handtasche und bot mir einen Schluck an. Ich nahm einen †“ warmer Wodka muss ein anerzogener Geschmack sein †“ und beglückwünschte sie zu dem Fläschchen, das mit einem wiederholten Motiv aus Parappa-the-Rapper-Charakteren geprägt war.

†œIst japanisch†, sagte sie, während ich es mit einem LED-Schlüsselanhänger begutachtete. †œDie haben jede Menge irren Trinkerbedarf mit Kinderspielzeug-Motiven. Total abgefahren.†

Ich stellte mich vor und sie sich auch. †œAnge†, sagte sie und nahm meine Hand in ihre beiden Hände †“ trocken, warm, mit kurzen Fingernägeln. Jolu stellte mich seinen Kumpels vor, die er schon seit dem Computercamp in der vierten Klasse kannte. Dann kamen noch mehr Leute †“ fünf, zehn, dann zwanzig. Jetzt wars eine richtig große Gruppe.

Wir hatten den Leuten eingeschärft, bis Punkt halb zehn da zu sein, und warteten bis viertel vor, um zu sehen, wer alles kommen würde. Ungefähr drei Viertel waren Jolus Freunde. Ich hatte alle Leute eingeladen, denen ich vertraute. Entweder war ich wählerischer als Jolu oder nicht so beliebt. Aber da er mir nun erzählt hatte, dass er aufhören wolle, nahm ich an, dass er weniger wählerisch war. Ich war echt stinkig auf ihn, aber versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, indem ich mich drauf konzentrierte, mit ein paar anderen Leuten bekannt zu werden. Aber er war nicht blöd. Er wusste, was los war. Ich konnte ihm ansehen, dass er ziemlich niedergeschlagen war. Gut.

†œOkay†, sagte ich und kletterte auf eine der Ruinen, †œokay, hey, hallo?† Ein paar Leute in der Nähe schenkten mir ihre Beachtung, aber die weiter hinten schnatterten weiter. Ich hob meine Arme in die Höhe wie ein Schiedsrichter, aber es war zu dunkel. Dann kam ich auf die Idee, meinen LED-Schlüsselanhänger anzuknipsen und immer abwechselnd einen der Sprecher und dann mich selbst anzublinken. Nach und nach wurde die Menge still.

Ich begrüßte sie und dankte ihnen allen fürs Kommen, dann bat ich sie darum, näher ranzukommen, um ihnen erklären zu können, warum wir hier waren. Ich merkte, dass sie von der Geheimnistuerei schon angesteckt waren, fasziniert und ein bisschen angewärmt vom Bier.

†œAlso, es geht darum: Ihr benutzt alle das Xnet. Es ist kein Zufall, dass das Xnet so kurz, nachdem das DHS die Stadt übernommen hat, entstanden ist. Die Leute, die das angeleiert haben, sind eine Organisation, die sich persönliche Freiheit auf die Fahne geschrieben hat und die für uns ein Netzwerk geschaffen haben, in dem wir sicher vor DHS-Schnüfflern und Vollstreckern sind.† Jolu und ich hatten uns das vorher so zurechtgelegt. Wir wollten uns nicht als die Leute hinter dem Ganzen offenbaren, nicht gegenüber jedem. Das war viel zu riskant. Stattdessen hatten wir ausgetüftelt, dass wir bloß Leutnants in †œM1k3y†s Armee seien und damit beauftragt, den örtlichen Widerstand zu organisieren.

†œDas Xnet ist nicht rein†, sagte ich. †œEs kann von der Gegenseite genauso einfach benutzt werden wie von uns. Wir wissen, dass es DHS-Spione gibt, die es gerade in diesem Moment benutzen. Sie verwenden Techniken sozialer Manipulation, um uns dazu zu bringen, unsere Identität offenzulegen, damit sie uns hochgehen lassen können.

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Wenn das Xnet erfolgreich bleiben soll, dann müssen wir Mittel und Wege finden, wie wir sie davon abhalten können, uns auszuschnüffeln. Wir brauchen ein Netzwerk innerhalb des Netzwerks.†

Ich machte ne Pause und ließ das sacken. Jolu hatte gemeint, es sei vielleicht harter Stoff, zu erfahren, dass man gerade in eine revolutionäre Zelle eingeführt wird.

†œIch bin heute nicht hier, um euch darum zu bitten, selbst aktiv zu werden. Ihr sollt nicht losgehen und Systeme jammen oder so was. Ihr seid hierher gebeten worden, weil wir wissen, dass ihr cool seid; dass ihr vertrauenswürdig seid. Und diese Vertrauenswürdigkeit ist es, von der ich möchte, dass ihr sie heute Nacht hier einbringt. Ein paar von euch sind wahrscheinlich schon vertraut mit dem Konzept vom Web of Trust und mit Keysigning-Partys, aber für den Rest von euch will ich das noch mal kurz erklären…† Was ich dann auch tat.

†œWas ich heute Nacht von euch möchte, ist, dass ihr euch die Leute hier anschaut und euch überlegt, wie weit ihr ihnen trauen könnt. Dann helfen wir euch, Schlüsselpaare zu erzeugen und mit allen anderen hier zu tauschen.†

Dieser Teil war knifflig. Wir hätten nicht von den Leuten erwarten können, dass sie alle ihre Laptops mitbrachten, aber wir mussten trotzdem ein paar verdammt komplizierte Sachen machen, die mit Stift und Papier nicht wirklich funktionieren würden.

Ich hielt einen Laptop hoch, den Jolu und ich in der Nacht zuvor von Null aufgebaut hatten. †œIch vertraue dieser Maschine. Jedes Einzelteil haben wir von Hand eingebaut. Hier drauf läuft ein jungfräuliches ParanoidLinux, frisch von der DVD gebootet. Wenn es irgendwo auf der Welt einen vertrauenswürdigen Computer gibt, dann ist es dieser hier.

Ich habe hier einen Schlüsselgenerator geladen. Ihr kommt hier hoch und gebt dem ein bisschen Zufalls-Input

– Tasten drücken, Mauszeiger bewegen -, und auf dieser Basis erzeugt der Generator einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel für euch, den er auf dem Monitor anzeigt. Ihr macht mit eurem Handy ein Foto von eurem privaten Schlüssel, und wenn ihr dann irgendeine Taste drückt, verschwindet der Schlüssel für immer †“ er wird definitiv nicht im Rechner gespeichert. Als nächstes zeigt er euren öffentlichen Schlüssel an. Dann ruft ihr all die Leute hoch, denen ihr vertraut und die euch vertrauen, und die machen dann ein Bild von dem Monitor mit euch daneben, damit sie wissen, wessen Schlüssel das ist.

Wenn ihr nach Hause kommt, müsst ihr die Fotos in Schlüssel umwandeln. Das ist eine Menge Arbeit, fürchte ich, aber ihr müsst das auch bloß ein Mal machen. Ihr müsst super-vorsichtig dabei sein, wenn ihr sie eintippt

– ein Vertipper, und die Sache ist im Arsch. Zum Glück lässt sich prüfen, ob ihrs richtig gemacht habt: Unter dem Schlüssel wird noch eine sehr viel kürzere Nummer stehen, euer ,Fingerprint†™. Sobald ihr den Schlüssel eingetippt habt, könnt ihr einen Fingerprint davon erzeugen und mit dem ersten Fingerprint vergleichen, und wenn sie passen, habt ihrs richtig gemacht.†

Alle starrten mich ziemlich erschreckt an. Okay, ich hatte sie darum gebeten, ein paar ziemlich abgefahrene Sachen zu machen, aber trotzdem… – Fortsetzung Kapitel 11

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 9

Little Brother

Kapitel 9

Dieses Kapitel ist Compass Books/Books Inc gewidmet, der ältesten unabhängigen Buchhandlung im Westen der USA. Sie hat Filialen überall in Kalifornien, in San Francisco, Burlingame, Mountain View und Palo Alto, aber am coolsten ist ihre Monster-Buchhandlung mitten in Downtown Disney im Disneyland Anaheim.
Ich bin ein Hardcore-Fan von Disney-Parks (wie mein erster Roman, †œDown and Out in the Magic Kingdom† †“ dt. †œBackup†, A.d.Ü. -) beweist, und wann immer ich in Kalifornien lebte, habe ich mir eine Disneyland-Jahreskarte gekauft und bei praktisch jedem Besuch auch einmal bei Compass Books in Downtown Disney reingeschaut.
Sie haben da eine fantastische Auswahl an unautorisierten, teils auch kritischen Büchern über Disney vorrätig, außerdem eine Menge Kinderbücher und Science Fiction, und im Kaffee nebenan machen sie einen fiesen Cappuccino.

Compass Books/Books Inc:

http://www.booksinc.net/NASApp/store/Product;jsessionid=abcF-ch09-pbU6m7ZRrLr?s=showproduct&isbn=0765319853

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Er war so wütend, dass ich dachte, gleich müsse er platzen. Sagte ich schon, dass ich erst ein paar Mal erlebt hatte, wie er die Fassung verlor? In dieser Nacht verlor er sie mehr als jemals zuvor.

†œIhr glaubt es nicht. Dieser Polizist war vielleicht 18, und der fragte dauernd, ,Warum waren Sie denn gestern in Berkeley, wenn Ihr Kunde doch in Mountain View sitzt?†™ Und dann hab ich ihm noch mal erklärt, dass ich in Berkeley unterrichte, und dann er wieder ,Aber ich dachte, Sie seien ein Berater†™, und dann ging das Ganze wieder von vorn los. Es war wie bei einer Sitcom, wo sie die Polizisten mit einem Dummheitslaser beschossen haben.

Aber schlimmer war: Der bestand darauf, ich sei auch heute in Berkeley gewesen, und ich sagte nein, war ich nicht, und er sagte doch, ich sei da gewesen. Dann hat er mir meine FasTrak-Abrechnung gezeigt, und da stand drauf, dass ich heute drei Mal über San Mateo Bridge gefahren sein soll!

Und das ist noch nicht alles†, sagte er und atmete so scharf ein, dass ich merkte, wie sauer er war. †œSie hatten Informationen über Orte, an denen ich gewesen sein soll, die überhaupt keine Mautstation haben. Die müssen meinen Pass einfach so auf der Straße eingelesen haben. Und das war alles falsch! Ach verdammt, die schnüffeln uns allen hinterher und sind dafür noch nicht mal kompetent genug!†

Während er sich so in Fahrt redete, war ich in die Küche verschwunden, und jetzt sah ich ihm von der Türschwelle aus zu. Mom begegnete meinem Blick, und wir hoben beide die Augenbrauen, wie um zu sagen †œwer sagt ihm jetzt ,siehst du†™?† Ich nickte ihr zu. Sie würde ihre ehefrauliche Macht nutzen können, seine Wut zu besänftigen, wie das mir als einer bloßen Nachwuchs-Einheit niemals möglich wäre.

†œDrew†, sagte sie und schnappte ihn am Arm, um ihn davon abzuhalten, weiter durch die Küche zu stratzen und mit den Armen zu wedeln wie ein Straßenprediger.

†œWas?†, schnappte er.

†œIch glaube, du schuldest Marcus eine Entschuldigung.† Ihre Stimme war ganz ruhig dabei. Dad und ich sind die Durchgeknallten im Haushalt †“ Mom ist ein echter Fels in der Brandung.

Dad schaute mich an. Seine Augen wurden schmal, während er einen Moment lang nachdachte. †œOkay†, sagte er schließlich. †œDu hast Recht. Was ich meinte, war kompetente Überwachung. Diese Typen waren die totalen Anfänger. Es tut mir Leid, mein Junge†, sagte er. †œDu hattest Recht. Es war lächerlich.† Er streckte seine Hand aus und schüttelte meine, dann zog er mich plötzlich an sich und umarmte mich heftig.

†œOh Gott, was machen wir mit diesem Land, Marcus? Deine Generation hätte es verdient, etwas Besseres zu erben als das hier.†

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Als er mich wieder los ließ, konnte ich die tiefen Furchen in seinem Gesicht sehen, Linien, die mir zuvor nie aufgefallen waren.

Ich ging zurück in mein Zimmer und spielte ein paar Xnet-Spiele. Es gab da eine gute Mehrspieler-Nummer, ein Uhrwerk-Piratenspiel, bei dem man jeden Tag ein paar Aufgaben lösen musste, um die Uhrfedern seiner ganzen Mannschaft neu aufzuziehen und wieder auf Raubzüge gehen zu können. Es war diese Sorte Spiel, die ich hasste, von der ich aber trotzdem nicht wegkam: Viele Aufgaben, die sich wiederholten und nicht sonderlich anspruchsvoll waren, ein paar Kämpfe Spieler gegen Spieler (Klingen kreuzen, um auszufechten, wer das Schiff kommandierte) und nicht gerade viele coole Rätsel zu lösen.

Hauptsächlich verursachte diese Sorte Spiel mir Heimweh nach Harajuku Fun Madness, dieser Kombination aus Rumrennen in der echten Welt, Online-Rätselaufgaben und Strategiesitzungen mit deinem Team.

Aber heute nacht war es genau das, was ich brauchte. Sinnlose Unterhaltung. Mein armer Dad.

Ich hatte ihm das angetan. Vorher war er zufrieden gewesen, zuversichtlich, dass seine Steuerdollars dafür ausgegeben wurden, ihn sicherer zu machen. Ich hatte diese Zuversicht zerstört. Natürlich war es eine falsche Zuversicht, aber es hatte ihn aufrecht erhalten. So wie ich ihn nun sah, am Boden zerstört, fragte ich mich, ob es wohl besser sei, klarsichtig und ohne Hoffnung zu leben oder in einem Paradies der Einfältigen. Diese Scham †“ dieselbe Scham, die ich seit dem Moment empfunden hatte, als ich meine Passwörter preisgab, als sie mich gebrochen hatten †“ kehrte zurück, machte mich träge und ließ mich wünschen, nur weit weg von mir selbst zu sein.

Mein Spielcharakter war ein Matrose auf dem Piratenschiff †œZombie Charger†, und er war abgelaufen, während ich offline war. Ich musste alle anderen Spieler auf dem Schiff anbeamen, um einen zu finden, der bereit war, mich wieder aufzuziehen. Das beschäftigte mich. Ich mochte es sogar. Es hat was Magisches, wenn ein völlig Fremder dir einen Gefallen tut. Und weil es das Xnet war, wusste ich, dass alle Fremden hier in gewissem Sinne Freunde waren.

> Woher kommste?

Der Charakter, der mich aufzog, hieß Lizanator, und er war weiblich, obwohl das nicht bedeuten musste, dass eine Frau dahintersteckte. Kerle hatten manchmal eine bizarre Neigung dazu, weibliche Charaktere zu spielen.

> San Francisco

sagte ich

> Nein, Idiot, wo in San Fran?

> Warum, biste pervers?

Das war normalerweise das Ende so einer Konversation. Natürlich war jede Spiele-Site voll von Pädos und Pervis sowie von Bullen, die hier als Köder für die Pädos und Perversen unterwegs waren (obwohl ich hoffte, dass es im Xnet keine Bullen gab!) So eine Anschuldigung war in neunzig Prozent aller Fälle genug für nen Themenwechsel.

> Mission? Potrero Hill? Noe? East Bay?

> Zieh mich bloß auf, ja?

Sie hörte auf, mich aufzuziehen.

> Hast Angst?

> Ne, wieso?

> Nur ne Frage

Ich hatte kein gutes Gefühl mit ihr. Sie war offensichtlich mehr als bloß neugierig. Nenn es Paranoia. Ich loggte mich aus und fuhr die Xbox runter.

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Dad schaute mich am nächsten Morgen übern Frühstückstisch hinweg an und sagte: †œSieht aus, als ob es endlich besser würde†. Er reichte mir den Chronicle, der auf der dritten Seite aufgeschlagen war.

Ein Sprecher der Heimatschutzbehörde bestätigte, dass das Büro in San Francisco in DC eine Budget- und Personalaufstockung um 300 Prozent beantragt habe.

Wie bitte?

Generalmajor Graeme Sutherland, der Kommandierende der DHS-Operationen in Nordkalifornien, bestätigte die Anfrage bei einer Pressekonferenz am Vortag, wobei er angab, dass ein Anstieg verdächtiger Aktivitäten in der Bay Area den Antrag ausgelöst habe. † Wir verzeichnen einen Zuwachs an Untergrund-Gerede und Aktivitäten und glauben, dass Saboteure absichtlich falsche Sicherheitswarnungen auslösen, um unsere Bemühungen zu unterminieren.†

Ich verdrehte die Augen. Ach du Sch…

†œDiese Fehlalarme sind möglicherweise ,Störfeuer†™, die dazu dienen sollen, von tatsächlichen Angriffen abzulenken. Der einzig effektive Weg, sie zu bekämpfen, besteht darin, unser Personal zu verstärken und die Analystenlevel zu erhöhen, so dass wir jede einzelne Spur konsequent verfolgen können.†

Sutherland bemerkte, die Verspätungen überall in der Stadt seien †œunglücklich†, und er zeigte sich entschlossen, sie zu beseitigen.

Vor meinem inneren Auge sah ich die Stadt mit vier oder fünf Mal so vielen DHS-Beamten, die alle hergekommen waren, um meine eigenen blöden Ideen anzugehen. Van hatte Recht. Je mehr ich sie bekämpfte, desto schlimmer wurde die Sache.

Dad zeigte auf die Zeitung. †œDiese Leute sind vielleicht Idioten, aber sie sind Idioten mit Methode. Die bewerfen das Problem einfach so lange mit Ressourcen, bis sie es lösen. Denn es ist lösbar, weißt du? Sämtliche Daten der ganzen Stadt erheben, jeder einzelnen Spur folgen. Sie werden die Terroristen fangen.†

Ich fasste es nicht. †œDad! Hörst du dir eigentlich selbst zu? Die reden davon, praktisch jeden einzelnen Menschen in ganz San Francisco unter die Lupe zu nehmen!†

†œJa†, sagte er, †œstimmt. Und sie werden jeden einzelnen Alimentenbetrüger, jeden Drogendealer, jeden Schmutzfink und jeden Terroristen fangen. Warts nur ab. Das hier könnte sich als das Beste erweisen, was dem Land je passiert ist.†

†œSag mir, dass du Witze machst†, sagte ich. †œIch bitte dich. Glaubst du wirklich, dass sie das haben wollten, als sie die Verfassung geschrieben haben? Und was ist mit der Bill of Rights?†

†œAls sie die Bill of Rights geschrieben haben, kannten sie noch keine Datenanalysen†, sagte er. Er war erschreckend abgeklärt dabei, völlig überzeugt davon, im Recht zu sein. †œDas Recht auf Versammlungsfreiheit ist ja gut und schön, aber warum sollte es der Polizei nicht erlaubt sein, dein soziales Netzwerk durchzugrasen, um rauszufinden, ob du mit Vergewaltigern und Terroristen abhängst?†

†œWeil es meine Privatsphäre beeinträchtigt!†, entgegnete ich.

†œNa und, was ist schon dabei? Ist dir Privatsphäre wichtiger als Terroristen?†

Urgs, ich hasste diese Sorte Diskussionen mit meinem Dad. Ich brauchte jetzt einen Kaffee.

†œDad, komm schon. Jemandem die Privatsphäre wegzunehmen hat nichts mit Terroristenfangen zu tun; das ist bloß dazu gut, normale Leute zu ärgern.†

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†œWoher willst du wissen, dass sie keine Terroristen fangen?†

†œWo sind denn die Terroristen, die sie gefangen haben?†

†œIch bin sicher, wir werden demnächst Verhaftungen erleben. Warts mal ab.†

†œDad, was zum Teufel ist denn seit letzter Nacht mit dir passiert? Du warst kurz vorm Platzen darüber, dass die Bullen dich gestoppt hatten …†

†œNicht in diesem Ton, Marcus. Was seit letzter Nacht passiert ist, ist, dass ich Gelegenheit hatte, über die Sache nachzudenken und dies hier zu lesen.† Er raschelte mit seiner Zeitung. †œDer Grund dafür, dass sie mich abgefangen haben, ist, dass die bösen Jungs ihnen Steine in den Weg legen. Sie müssen ihre Techniken anpassen, um diese Blockaden zu überwinden. Aber das werden sie schaffen. Und bis dahin ist die eine oder andere Straßensperre ein sehr bescheidener Preis. Jetzt ist einfach nicht die Zeit, sich zum Anwalt der Bill of Rights aufzuspielen. Jetzt ist die Zeit, ein paar Opfer zu bringen, um die Sicherheit unserer Stadt zu erhalten.†

Ich brachte meinen Toast nicht mehr runter. Also packte ich den Teller in die Spülmaschine und ging zur Schule. Ich musste einfach nur raus hier.

Die Xnetter waren nicht glücklich über die verstärkte Polizeiüberwachung, aber sie waren nicht bereit, sie ohne Gegenwehr zu akzeptieren. Irgendjemand rief bei einer Hörertelefon-Sendung auf KQED an und erzählte, die Polizei verschwende bloß Zeit und wir würden das System schneller durcheinanderbringen, als sie es entwirren könnten. Die Aufzeichnung war in dieser Nacht ein Top-Download im Xnet.

†œHier ist California Live, und wir sprechen mit einem anonymen Anrufer aus einer Telefonzelle in San Francisco. Er hat seine eigenen Informationen über die die Verzögerungen, die wir in dieser Woche überall in der Stadt erleben. Anrufer, Sie sind auf Sendung.†

Ja, hey, das ist erst der Anfang, wisst ihr? Ich mein, hey, wir fangen grad erst an. Sollen die doch ne Milliarde Schweine einstellen und Kontrollpunkte an jeder Ecke aufmachen. Wir jammen die alle! Und hey, was soll die Terroristenscheiße? Wir sind keine Terroristen! Ich mein, echt jetzt! Wir blocken das System, weil wir die Heimatschützer hassen und unsere Stadt lieben. Terroristen? Ich kann Dschihad nicht mal buchstabieren. Entspannt euch.†

Er klang wie ein Idiot. Nicht bloß die unzusammenhängenden Wörter, sondern auch sein hämischer Ton. Er klang wie ein Junge, der unanständig stolz auf sich selbst war. Er war ein Junge, der unanständig stolz auf sich selbst war.

Das Xnet schäumte über deswegen. Viele Leute dachten, es sei idiotisch, dass er da angerufen habe, und andere meinten, er sei ein Held. Ich machte mir Sorgen darüber, dass auf die Telefonzelle, die er benutzt hatte, wahrscheinlich eine Kamera gerichtet war. Oder ein RFID-Leser, der seinen Fast Pass ausgeschnüffelt haben könnte. Ich hoffte, der Junge war klug genug gewesen, seine Fingerabdrücke von der Münze zu wischen, die Kapuze aufzubehalten und all seine RFIDs daheim zu lassen. Aber ich bezweifelte es. Und ich fragte mich, ob sie wohl demnächst bei ihm an die Tür klopften.

Ich wusste, dass im Xnet eine große Sache abging, wenn ich plötzlich ne Million E-Mails von Leuten bekam, die M1k3y über die neuesten Entwicklungen informieren wollten. Und grade als ich über Herrn Dschihad-nicht-buchstabieren las, spielte meine Mailbox verrückt. Jeder hatte eine Botschaft für mich, einen Link zu einem Livejournal im Xnet, einem der vielen anonymen Blogs, die auf dem Freenet-Veröffentlichungssystem basierten, das auch von chinesischen Demokratieaktivisten benutzt wurde.

> Das war knapp

> Heute abend hingen wir wieder beim Embarcadero rum, um jedem einen neuen Autoschlüssel oder FastPass oder FasTrak zu verpassen und ein bisschen Pseudo-Schießpulver zu verstreuen.

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Überall waren Bullen, aber wir waren klüger als die; wir waren da so ziemlich jede Nacht und wurden nie erwischt.

> Aber heute haben sie uns erwischt. Blöder Fehler. Wir waren schlampig, und sie haben uns geschnappt. Einer von den Verdeckten hat erst meinen Freund und dann die anderen von uns erwischt. Die hatten die Menge schon lange beobachtet, und die hatten einen von diesen Trucks in der Nähe, da brachten sie vier von uns rein und haben den Rest entwischen lassen.

> Der Truck war PROPPEVOLL wie ne Sardinendose mit allen Arten von Leuten, alt jung schwarz weiß reich arm alle verdächtig, und zwei Bullen waren drin, die haben versucht, uns Fragen zu stellen, und die Verdeckten brachten immer noch mehr von uns rein. Die meisten Leute versuchten nach vorn in die Reihe zu kommen, um schneller mit der Fragerei durch zu sein, deshalb kamen wir immer weiter nach hinten und wir waren wohl stundenlang da drin und es wurde immer bloß noch voller statt leerer.

> So um acht abends hatten die Schichtwechsel und zwei neue Bullen kamen rein und schnauzten die anderen Bullen an, so was zum Teufel und macht ihr hier überhaupt irgendwas und so. Die hatten echt Streit und dann verschwanden die alten Bullen und die neuen setzten sich an die Tische und flüsterten ne Weile.

> Dann stand einer von den Bullen auf und fing an zu brüllen IHR ALLE HIER VERSCHWINDET JETZT EINFACH NACH HAUSE JESUS WIR HABEN BESSERES ZU TUN ALS EUCH FRAGEN ZU STELLEN OB IHR WAS FALSCH GEMACHT HABT MACHTS EINFACH NICHT NOCH MAL UND LASST ES EUCH ALLE EINE WARNUNG SEIN.

> Ein paar von den Anzügen wurden echt stinkig, das war UMWERFEND weil sie vielleicht zehn Minuten vorher rumgezickt hatten weil sie hier festgehalten werden, und jetzt haben sie rumgezickt weil sie rausgelassen wurden, ich mein, hä?

> Wir haben uns dann ganz schnell verdünnt und sind nach Hause verschwunden, um das hier zu schreiben. Glaubts uns, die Verdeckten sind überall. Wenn ihr zum Jammen geht, dann haltet die Augen offen und seid immer auf dem Sprung, falls es Probleme gibt. Wenn sie euch erwischen, versucht es auszusitzen die sind so beschäftigt dass sie euch vielleicht einfach wieder gehen lassen.

> Und nur wegen uns sind die so beschäftigt! Die ganzen Leute im Truck waren bloß wegen unseren Störaktionen da. Also: weiterjammen!

Ich hatte das Gefühl, ich müsse mich übergeben. Diese vier Leute †“ Kinder, die ich nie gesehen hatte -, die wären fast für immer verschwunden wegen einer Sache, die ich angeleiert hatte.

Wegen einer Sache, die ich ihnen aufgetragen hatte. Ich war kein bisschen besser als ein Terrorist.

Dem DHS wurde die Budgetanforderung bewilligt. Der Präsident war im Fernsehen zusammen mit dem Gouverneur, um uns zu erzählen, dass für Sicherheit kein Preis zu hoch sei. Wir mussten es am nächsten Tag in der Schulaula ansehen. Mein Dad war begeistert. Er hatte den Präsidenten seit dem Tag seiner Wahl gehasst, weil er fand, der sei kein Stück besser als der Typ vor ihm, und der sei ja wohl ein Totalausfall gewesen; aber jetzt fiel ihm nichts anderes mehr ein als zu erzählen, wie entschlossen und dynamisch der Neue doch sei.

†œSei nicht so hart mit deinem Vater†, sagte Mom eines Abends zu mir, als ich von der Schule heimkam. Sie hatte in letzter Zeit möglichst viel von zu Hause gearbeitet. Mom ist eine freiberufliche Übersiedelungsexpertin und hilft englischen Landsleuten, sich in San Francisco einzugliedern. Die UK High Commission bezahlt sie dafür, E-Mails von entgeisterten Briten im ganzen Land zu beantworten, die nicht damit klarkommen, wie völlig durchgeknallt wir Amerikaner sind. Sie verdient also ihr Geld damit, Amerikaner zu erklären, und sie sagte, dass es in diesen Tagen besser sei, das von daheim zu tun, wo sie keinem Amerikaner leibhaftig begegnete oder mit ihm sprechen müsste.

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Ich hab keine Illusionen über Großbritannien. Okay, Amerika ist vielleicht bereit, die Verfassung in die Tonne zu treten, sobald irgendein Dschihadist uns schief anguckt; aber wie ich in meinem freien Gesellschaftskunde-Projekt in der Neunten gelernt habe, haben die Briten noch nicht mal eine Verfassung.

Und sie haben Gesetze, die dir die Haare auf den Zehen kräuseln: Sie können dich da für ein ganzes Jahr in den Knast stecken, wenn sie wirklich total sicher sind, dass du ein Terrorist bist, ohne das aber beweisen zu können. Aber wie können sie so sicher sein, wenn sie keine Beweise haben? Wie kommen sie dazu? Haben sie dich in einem total lebendigen Traum dabei beobachtet, wie du terroristische Akte begehst?

Und die Überwachung in Großbritannien ließ Amerika wie nen blutigen Anfänger aussehen. Der durchschnittliche Londoner wird 500 Mal am Tag fotografiert, einfach dabei, wie er die Straße entlangläuft. Jedes Nummernschild wird an jeder Ecke des Landes fotografiert. Jeder, von den Banken bis zum Verkehrsunternehmen, ist total heiß drauf, dich zu tracken und dich zu verpetzen, wenn du auch nur im entferntesten verdächtig wirkst.

Aber Mom sah das nicht so. Sie hatte Großbritannien vor dem Highschool-Abschluss verlassen und war hier nie heimisch geworden, obwohl sie einen Jungen aus Petaluma geheiratet und einen Sohn hier großgezogen hatte. Für sie war dies hier für immer das Land der Barbaren, und Großbritannien würde auf ewig ihre Heimat sein.

†œMom, er liegt aber einfach daneben. Du solltest das noch am ehesten wissen. Alles, was dieses Land mal groß gemacht hat, wird durchs Klo gespült, und er findet das völlig in Ordnung. Hast du gemerkt, dass sie noch keinen einzigen Terroristen geschnappt haben? Dad sagt immer nur ,wir müssen sicher sein†™, aber er muss doch mal begreifen, dass sich die meisten von uns kein Stück sicher fühlen. Wir fühlen uns die ganze Zeit nur bedroht.†

†œIch weiß das alles, Marcus. Glaub mir, ich bin nicht begeistert davon, was mit diesem Land geschieht. Aber dein Vater ist…† Sie brach ab. †œAls du nach den Angriffen nicht nach Hause kamst, da dachte er …†

Sie stand auf und machte sich eine Tasse Tee †“ etwas, was sie immer tat, wenn sie sich unwohl oder verunsichert fühlte.

†œMarcus†, sagte sie dann, †œMarcus, wir glaubten, du seiest tot. Begreifst du das? Wir haben tagelang um dich getrauert. Wir haben uns vorgestellt, wie du in Stücke gebombt auf dem Meeresgrund liegst. Tot, weil irgendein Mistkerl der Meinung war, Hunderte ihm unbekannte Leute töten zu müssen, nur um irgendwas zum Ausdruck zu bringen.†

Das musste ich erst mal verdauen. Ich meine, klar hatte ich begriffen, dass sie sich Sorgen gemacht hatten. Eine Menge Leute waren bei den Bombenanschlägen gestorben †“ die aktuelle Schätzung lag bei viertausend -, und praktisch jeder kannte jemanden, der an diesem Tag nicht nach Hause gekommen war. An meiner Schule waren zwei Leute verschwunden.

†œDein Vater war so weit, jemanden zu töten. Irgendwen. Er war völlig außer sich; so hast du ihn noch nie gesehen. Nicht mal ich habe ihn schon mal so gesehen. Völlig außer sich. Er saß immer nur hier am Tisch und fluchte und fluchte und fluchte. Gemeine Worte, die ich ihn noch nie hatte sagen hören. An dem einen Tag †“ am dritten Tag †“ rief jemand an, und er war sicher, dass du es warst, aber es hatte sich bloß jemand verwählt, und da schmiss er das Telefon so in die Ecke, dass es in tausend Teile zerfallen ist.† Ich hatte mich schon gefragt, weshalb das Telefon in der Küche neu war.

†œIrgendetwas ist in deinem Vater zerbrochen. Er liebt dich. Wir lieben dich beide. Du bist das Allerwichtigste in unserem Leben, und ich glaube nicht, dass dir das klar ist. Erinnerst du dich, als du zehn warst, als ich für diese lange Zeit heim nach London ging? Erinnerst du dich?†

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Ich nickte stumm.

†œDamals waren wir so weit, uns scheiden zu lassen, Marcus. Oh, es ist jetzt egal, warum. Wir hatten bloß eine ganz schlechte Phase, wie das eben passiert, wenn Leute, die sich lieben, sich für ein paar Jahre nicht mehr richtig umeinander kümmern. Und er kam rüber zu mir und überzeugte mich, dass ich deinetwegen zurückkommen müsse. Wir konnten den Gedanken nicht ertragen, dir das anzutun. Deinetwegen haben wir uns wieder ineinander verliebt. Und deinetwegen sind wir heute noch zusammen.†

Jetzt hatte ich einen Kloß im Hals. Das hatte ich nicht gewusst. Das hatte mir nie jemand gesagt.

†œFür deinen Vater ist das jetzt eine schwere Zeit. Er ist nicht richtig er selbst. Es wird eine Weile dauern, bis er wieder zu uns zurückkommt; bis er wieder der Mann ist, den ich liebe. Bis dahin müssen wir versuchen, ihn zu verstehen.†

Sie umarmte mich eine Weile, und ich bemerkte, wie dünn ihre Arme geworden waren und wie faltig die Haut in ihrem Nacken. Wenn ich an meine Mutter dachte, sah ich sie immer jung, blass, mit rosigen Wangen und einem strahlenden Lächeln vor mir, wie sie schlau durch ihre metallgefassten Brillengläser schaut. Jetzt sah sie aus wie eine alte Frau. Ich hatte ihr das angetan. Die Terroristen hatten ihr das angetan. Die Heimatschutzbehörde hatte ihr das angetan. Auf eine merkwürdige Weise waren wir alle auf der gleichen Seite, und Mom und Dad und all die Leute, deren Daten wir manipuliert hatten, waren auf der anderen Seite.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Moms Worte schwirrten durch meinen Kopf. Dad war beim Abendessen angespannt und schweigsam gewesen, und wir hatten kaum ein Wort gewechselt, weil ich Angst hatte, ein falsches Wort zu sagen, und weil er sehr erregt über die neuesten Meldungen war, nach denen Al Kaida definitiv für die Bombenanschläge verantwortlich war. Sechs verschiedene Terrorgruppen hatten Verantwortung für die Angriffe übernommen, aber nur das Internetvideo von Al Kaida enthielt Informationen, von denen das DHS sagte, man habe sie nicht öffentlich gemacht.

Ich lag im Bett und hörte eine Late-Night-Anrufshow im Radio. Das Thema war Sexprobleme, mit diesem schwulen Typ, den ich normalerweise total gern hörte, weil er den Leuten ziemlich derbe, aber gute Tipps gab und sehr lustig und schwülstig war.

Heute Nacht konnte ich nicht lachen. Die meisten Anrufer wollten wissen, wie sie damit umgehen sollten, dass sie seit den Attentaten mit ihren Partnern nicht mehr in die Gänge kamen. Nicht mal im Sexprogramm im Radio war ich vor diesem Thema sicher.

Ich schaltete das Radio aus und hörte unten auf der Straße einen Motor schnurren.

Mein Schlafzimmer ist im obersten Stock unseres Hauses, einer dieser lackierten Ladies. Ich habe ein Schrägdach und Fenster auf beiden Seiten; eins davon überblickt den gesamten Mission-Distrikt, das andere die Straße vor unserem Grundstück. Dort fuhren zu allen Nachtstunden Autos vorbei, aber dieses Motorengeräusch war irgendwie anders.

Ich ging zum Straßenfenster und zog die Jalousien hoch. Auf der Straße unter mir war ein weißer, unbeschrifteter Lieferwagen, dessen Dach mit mehr Antennen verziert war, als ich jemals auf einem Auto gesehen hatte. Es fuhr sehr langsam die Straße runter, wobei sich eine kleine Schüssel obendrauf permanent drehte.

Während ich zusah, hielt der Wagen an, und eine der Hecktüren klappte auf. Ein Typ in einer DHS-Uniform †“ die erkannte ich mittlerweile auf hundert Meter †“ trat auf die Straße. Er hatte irgendein mobiles Gerät in der Hand, dessen blaues Leuchten sein Gesicht erhellte. Er ging auf und ab, suchte erst bei meinen Nachbarn, machte Notizen auf seinem Gerät und kam dann in meine Richtung. Es war etwas Vertrautes in der Art, wie er ging, runterschaute…

Er benutzte einen WLAN-Schnüffler! Das DHS suchte nach Xnet-Knoten. Ich ließ die Jalousien runter und flitzte quer durch den Raum zu meiner Xbox.

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Ich hatte sie angelassen, um ein paar coole Animationen runterzuladen, die einer der Xnetter aus der Kein-Preis-zu-hoch-Rede des Präsidenten gemacht hatte. Ich riss den Stecker aus der Dose, dann sauste ich zurück zum Fenster und öffnete die Jalousien nur einen Spalt breit.

Der Typ schaute wieder auf seinen Sniffer und ging vor unserem Haus auf und ab. Einen Moment später stieg er wieder in den Lieferwagen und fuhr an.

Ich holte meine Kamera raus und schoss so viele Bilder wie möglich von dem Auto und seinen Antennen. Dann öffnete ich die Fotos in dem freien Bildbearbeitungsprogramm GIMP und retuschierte aus den Bildern alles außer dem Van heraus, die ganze Straße und alles, was mich identifizieren könnte.

Dann lud ich sie ins Xnet hoch und schrieb dazu alles über den Lieferwagen, was mir einfiel. Diese Typen waren definitiv auf der Suche nach dem Xnet, darauf würde ich wetten.

Jetzt konnte ich wirklich nicht mehr schlafen.

Da blieb mir nichts übrig, als Aufziehpiraten zu spielen. Selbst um diese Zeit würde man da noch jede Menge Spieler treffen. Der echte Name von Aufziehpiraten war Clockwork Plunder, und es war ein Amateur-Projekt von jungen Death-Metal-Freaks aus Finnland. Mitspielen war dort völlig gratis, und es machte genauso viel Spaß wie jedes der 15-Dollar-pro-Monat-Angebote wie Ender†™s Universe, Middle Earth Quest oder Discworld Dungeons.

Ich loggte mich wieder ein, und da war ich, immer noch an Deck der †œZombie Charger†, und wartete auf jemanden, der mich aufziehen würde. Ich hasste diesen Teil des Spiels.

> He du

tippte ich einen vorbeikommenden Piraten an.

> Ziehst mich auf?

Er blieb stehen und schaute mich an.

> Was hab ich davon?

> Wir sind im selben Team. Und du kriegst Erfahrungspunkte.

Was fürn Depp.

> Wo kommst du her?

> San Francisco

Das fing an, mir bekannt vorzukommen.

> Wo in San Francisco?

Ich loggte mich aus. Irgendwas lief in dem Spiel grade ziemlich schräg. Ich sprang rüber zu den Livejournalen und fing an, Blog auf Blog zu durchwühlen. Nach einem halben Dutzend entdeckte ich etwas, das mir das Blut gefrieren ließ.

Blogger lieben Quizspiele. Welche Sorte Hobbit bist du? Bist du ein großer Liebhaber? Welchem Planeten bist du am ähnlichsten? Welcher Film-Charakter bist du? Was ist dein emotionaler Typus? Sie füllen die Fragebögen aus, und ihre Freunde füllen sie aus, und dann vergleichen alle ihre Ergebnisse. Harmlose Späßchen.

Aber das Quiz, das heute Nacht die Blogs beherrschte, war es, was mir Angst einjagte, denn es war alles andere als harmlos:

Welches ist dein Geschlecht?
In welcher Klasse bist du?
In welche Schule gehst du?
Wo in der Stadt lebst du?

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Die Quizseiten übertrugen die Ergebnisse auf eine Landkarte mit farbigen Pins für Schulen und Stadtviertel und lieferten dürftige Empfehlungen, wo man dort Pizza und Zeug kaufen konnte.

Aber seht euch mal die Fragen an. Nehmt mal meine Antworten:

Männlich
12
Chavez High
Potrero Hill

Es gab bloß zwei Leute in meiner Schule, auf die das Profil passte. An den meisten anderen Schulen würde es genauso sein. Wenn du rausfinden wolltest, wer die Xnetter waren, könntest du sie mit diesen Quizfragen alle finden.

Das war schon schlimm genug, aber schlimmer war, was es bedeutete. Jemand vom DHS benutzte das Xnet, um an uns ranzukommen. Das Xnet war vom DHS unterwandert.

Wir hatten Spione in unserer Mitte.

Ich hatte Hunderten von Leuten Xnet-DVDs gegeben, und die hatten wieder dasselbe getan. Die Leute, denen ich die Scheiben gegeben hatte, kannte ich einigermaßen gut. Mein ganzes Leben hatte ich immer im selben Haus gewohnt und über die Jahre Hunderte von Freunden kennen gelernt, von denen, die mit mir bei der Tagesmutter gewesen waren bis zu denen, mit denen ich gekickt hatte; LARPer, solche, die ich in Clubs getroffen hatte, solche, die ich aus der Schule kannte. Mein ARG-Team, das waren meine engsten Freunde, aber es gab noch viel mehr, denen ich genug vertraut hatte, um ihnen eine Xnet-DVD zu geben.

Die brauchte ich jetzt.

Ich weckte Jolu, indem ich ihn auf dem Handy anrief und nach dem ersten Mal auflegte, und das drei Mal hintereinander. Eine Minute später war er im Xnet, und wir konnten einen geschützten Chat halten. Ich wies ihn auf meinen Blogeintrag über die Funk-Lieferwagen hin, und eine Minute später war er völlig außer sich wieder da.

> Bist du sicher, die suchen nach uns?

Als Antwort schickte ich ihn zu dem Quiz.

> Oh Gott, wir sind geliefert

> Ne, so schlimm noch nicht, aber wir müssen rauskriegen, wem wir trauen können

> Wie?

> Das wollte ich dich fragen; wie vielen Leuten kannst du echt bedingungslos vertrauen?

> Hm, 20 oder 30 vielleicht

> Ich will eine Truppe von wirklich vertrauenswürdigen Leuten zusammentrommeln und ein Web of Trust mit Schlüsseltausch machen

Ein Web of Trust (†œNetz des Vertrauens†) ist eins dieser coolen Krypto-Dinger, von denen ich schon gelesen, sie aber noch nie ausprobiert hatte. Es ist eine nahezu narrensichere Methode, dich so mit den Leuten zu unterhalten, denen du vertraust, dass garantiert kein anderer mithören kann. Das Problem ist, dass du dich mit den Leuten im Netz mindestens einmal physisch treffen musst, um das Ding in Gang zu bringen.

> Schon kapiert. Nicht schlecht. Aber wie kriegen wir alle fürs Schlüsselsignieren zusammen?

> Das wollte ich dich fragen †“ wie machen wirs, ohne hopsgenommen zu werden?

Jolu tippte ein paar Wörter und löschte sie wieder, dann tippte er mehr und löschte noch mal.

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> Darryl wüsste was

tippte ich

> Gott, mit diesen Sachen war er gut

Jolu tippte erst mal gar nichts. Dann schrieb er

> Und was wäre mit ner Party? Wenn wir uns alle treffen wie Teenager, die sich zu ner Party treffen, dann haben wir eine Ausrede, wenn jemand vorbeikommt und wissen will, was wir machen

> Das würde absolut klappen! Jolu, du bistn Genie

> Ich weiß. Und jetzt kommts noch besser: Ich weiß auch schon, wo wirs machen

> Wo?

> Sutro Baths! – Fortsetzung Kapitel 10

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 8

Little Brother

Kapitel 8

Dieses Kapitel ist Borders gewidmet, dem globalen Buchhandelsriesen, den man in Städten rund um die Welt finden kann †“ ich werde nie vergessen, wie ich einmal in den gigantischen Borders-Laden auf der Orchard Road in Singapur spaziert bin und ein Regal voll mit meinen Romanen gefunden habe! Viele Jahre lang war der Borders in Londons Oxford Street Gastgeber für Pat Cadigans monatliche Science-Fiction-Abende, bei denen ansässige und angereiste Autoren aus ihren Werken lasen, über Science Fiction sprachen und ihre Fans trafen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin †“ und das passiert häufig †“ dann ist eigentlich immer ein Borders mit großartiger Auswahl in der Nähe.; aber ganz besonders schätze ich den Borders auf dem Union Square in San Francisco.

Borders weltweit:

http://www.bordersstores.com/locator/locator.jsp

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Ich war nicht der Einzige, der den Histogrammen zum Opfer fiel. Jede Menge Leute haben unnormale Bewegungs- und Nutzungsmuster. Unnormal ist so verbreitet, dass es praktisch schon wieder normal ist.

Das Xnet war voll von solchen Geschichten, ebenso die Zeitungen und die Fernsehnachrichten. Ehemänner wurden dabei erwischt, ihre Frauen zu betrügen; Ehefrauen wurden dabei erwischt, ihre Männer zu betrügen; und Kinder wurden mit heimlichen Freunden oder Freundinnen erwischt. Ein Junge, der seinen Eltern nichts von seiner AIDS-Erkrankung gesagt hatte, wurde dabei erwischt, in die Klinik zu fahren, wo er seine Medikamente bekam.

Das also waren die Leute, die was zu verbergen hatten †“ nicht schuldige Menschen, sondern Menschen mit Geheimnissen. Und noch viel mehr Leute hatten überhaupt nichts zu verbergen, sondern bloß was dagegen, abgegriffen und verhört zu werden. Stell dir einfach mal vor, du wirst auf dem Rücksitz eines Polizeiautos festgehalten und hast zu beweisen, dass du kein Terrorist bist.

Und es war nicht bloß der öffentliche Nahverkehr. Die meisten Autofahrer in der Bay Area haben einen FasTrak-Pass an der Sonnenblende hängen. Das ist so ne kleine Funk-†Brieftasche†, die deine Maut bezahlt, wenn du eine Brücke passierst, und dir so das lästige stundenlange Warten in der Schlange vor den Mauthäuschen erspart. Erst hatten sie die Gebühren fürs Barzahlen an den Brücken verdreifacht (was sie aber immer abstritten und behaupteten, FasTrak sei billiger, nicht etwa anonyme Barzahlung teurer). Und was dann noch an Barzahlern übrig blieb, verschwand, als sie die Barzahler-Spuren auf eine pro Brückenkopf eindampften, wodurch die Warteschlangen noch länger wurden.

Egal also, ob du hier wohnst oder bloß einen Mietwagen einer örtlichen Agentur fährst †“ du hast immer einen FasTrak. Aber wie sich rausstellte, sind Mauthäuschen nicht der einzige Ort, an dem dein FasTrak gelesen wird. Das DHS hatte FasTrak-Leser in der ganzen Stadt installiert †“ wenn du dran vorbeifuhrst, zeichneten sie die Zeit und deine ID-Nummer auf und trugen so ein immer perfekteres Bild dessen zusammen, wer wann wohin fuhr, das in einer Datenbank landete, die zusätzlich von Ampelblitzern und Tempoüberwachungsanlagen gespeist wurde und von all den anderen Nummernschild-Erkennungskameras, die hier wie Pilze aus dem Boden schossen.

Bisher hatte niemand groß darüber nachgedacht. Aber jetzt, da die Leute anfingen, darauf zu achten, bemerkten wir alle irgendwelche Kleinigkeiten, wie etwa den Umstand, dass der FasTrak keinen Ausschalter hat.

Wenn du also Auto fuhrst, konntest du jederzeit von einer SFPD-Kutsche rausgewunken werden, und die fragten dich dann, warum du in letzter Zeit so häufig bei Home Depot warst oder wozu dieser mitternächtliche Trip nach Sonoma letzte Woche gut war.

Die kleinen Wochenend-Demonstrationen überall in der Stadt wurden größer. Nach einer Woche dieser Überwachungsmaßnahmen marschierten fünfzigtausend Menschen über Market Street. Mir wars egal: Den Leuten, die meine Stadt eingenommen hatten, wars ja auch egal, was die Bürger wollten. Sie waren eine Besatzerarmee. Und sie wussten, wie wir darüber dachten.

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Eines Morgens kam ich grade rechtzeitig zum Frühstück runter, um zu hören, wie Dad Mom erzählte, dass die zwei größten Taxiunternehmen eine †œErmäßigung† für Leute einführten, die spezielle Karten zum Bezahlen der Fahrt verwendeten, angeblich im Sicherheitsinteresse der Fahrer, die dann nicht mehr so viel Bargeld bei sich hatten. Ich fragte mich, was wohl mit den Informationen passierte, wer mit welchem Taxi wohin fuhr.

Ich merkte, wie knapp es geworden war. Der neue indienet-Client war als automatisches Update verteilt worden, als die ganze Sache grade anfing, richtig übel zu werden, und Jolu erzählte, dass jetzt 80 Prozent des Datenverkehrs bei Pigspleen verschlüsselt war. Das Xnet dürfte im letzten Moment gerettet worden sein.

Aber Dad machte mich langsam wahnsinnig.

†œDu bist ja paranoid, Marcus†, sagte er einmal beim Frühstück, als ich ihm davon erzählte, wie ich am Tag zuvor gesehen hatte, wie Polizisten ein paar Leute aus der BART pflückten.

†œDad, das ist doch lächerlich. Die fangen überhaupt keine Terroristen, oder etwa doch? Das alles jagt den Leuten bloß Angst ein.†

†œVielleicht haben sie noch keine Terroristen geschnappt, aber sie kriegen auf jeden Fall eine Menge Gesindel von den Straßen. Denk mal an die Drogenhändler †“ angeblich haben sie Dutzende eingesperrt, seit das alles angefangen hat. Weißt du noch, wie diese Junkies dich ausgeraubt haben? Wenn wir ihre Dealer nicht schnappen, wird das immer noch schlimmer.†

Im Jahr zuvor war ich beraubt worden, allerdings noch ziemlich zivilisiert. Ein hagerer Typ mit strengem Geruch sagte mir, er habe eine Knarre, der andere verlangte meine Brieftasche. Sie ließen mir sogar meinen Ausweis, behielten allerdings meine Kreditkarte und den Fast Pass. Ich hatte trotzdem fürchterlich Angst gehabt und noch wochenlang paranoid über meine Schulter geguckt.

†œAber die meisten Leute, die sie festhalten, haben doch überhaupt nichts Falsches gemacht, Dad†, sagte ich. Das ging mir an die Nieren. Mein eigener Vater! †œDas ist doch verrückt. Auf jede schuldige Person, die sie schnappen, müssen sie Tausende Unschuldige bestrafen. Das ist einfach nicht in Ordnung.†

†œUnschuldig? Typen, die ihre Frau betrügen? Drogendealer? Die verteidigst du, aber was ist mit all den Leuten, die gestorben sind? Wenn du nichts zu verbergen hast…†

†œAlso dich würde es nicht stören, wenn sie dich anhalten?† Die Histogramme meines Vaters waren bislang deprimierend normal.

†œIch würde es als meine Pflicht betrachten†, sagte er. †œIch wäre stolz. Und ich würde mich sicherer fühlen.† Der hatte gut reden.

Vanessa mochte es nicht, wenn ich über diese Sachen sprach, aber sie war zu klug diesbezüglich, als dass ich das Thema lange vermeiden konnte. Wir trafen uns ständig, redeten übers Wetter, die Schule und so Zeug, und dann kam ich irgendwie auf dieses Thema zurück. Vanessa blieb dann cool †“ noch einmal rastete sie nicht mehr aus -, aber ich merkte, dass es sie aufregte.

Trotzdem.

†œUnd dann sagt mein Vater, ,ich würde es als meine Pflicht betrachten†™. Kannst du dir das vorstellen? Ich mein, hallo? Ich hab ihm in dem Moment fast davon erzählt, wie ich im Knast war und ob er meint, dass das auch unsere Pflicht†™ wäre.†

Wir saßen nach der Schule in Dolores Park im Gras und sahen den Hunden dabei zu, Frisbees zu fangen.

Van war zu Hause reingesprungen und hatte sich umgezogen †“ sie trug jetzt ein altes T-Shirt einer ihrer brasilianischen Lieblings-Techno-Brega-Bands, Carioca Proibidão, †œder verbotene Typ aus Rio†.

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Das T-Shirt hatte sie bei einer Live-Show gekauft, wo wir alle vor zwei Jahren waren, ein heimlicher Ausflug zu einem großen Abenteuer im Cow Palace; und seither war sie ein, zwei Zoll gewachsen, deshalb saß es knapp überm Bauch und erlaubte Blicke auf ihren flachen kleinen Nabel.

Sie lag zurückgelehnt in der Sonne, die Augen hinter den Brillengläsern geschlossen, und wackelte in ihren Flip-Flops mit den Zehen. Ich kannte Van schon ewig, und wenn ich an sie dachte, sah ich gewöhnlich das kleine Mädchen mit Hunderten klirrender Armreifen aus aufgeschlitzten Limo-Dosen, das Klavier spielte und ums Verrecken nicht tanzen konnte. Als sie heute in Dolores Park saß, sah ich sie plötzlich so, wie sie war.

Sie war total h31ß †“ im Klartext: heiß. Es war so, wie wenn man diese Vase anguckt und plötzlich merkt, dass das ja auch zwei Gesichter sind. Ich sah zwar, dass Van ja eigentlich nur Van war, aber ich konnte jetzt auch sehen, dass sie ne echte Schönheit war, und das war mir bisher noch nie aufgefallen.

Okay, Darryl hatte das die ganze Zeit schon gewusst, und glaubt mal nicht, dass ich nicht enttäuscht war, das jetzt zu begreifen.

†œDeinem Dad kannst dus nicht erzählen, ist ja klar†, sagte sie. †œDu würdest uns alle in Gefahr bringen.† Ihre Augen waren geschlossen, und ihre Brust hob und senkte sich im Takt ihres Atems, was mich doch ziemlich aus dem Konzept brachte.

†œJa†, sagte ich düster, †œdas Problem ist bloß: Ich weiß, dass er totalen Blödsinn redet. Wenn du meinen Dad rauswinkst und von ihm Beweise verlangst, dass er kein kinderschändender, drogendealender Terrorist ist †“ der würde amoklaufen. Er hasst es schon, in der Warteschleife zu hängen, wenn er wegen seiner Kreditkartenabrechnung telefoniert. Sperr ihn eine Stunde auf einem Autorücksitz ein und verhör ihn, dann kriegt der nen Infarkt.†

†œDie kommen ja bloß damit durch, weil die Normalen sich für was Besseres halten als die Unnormalen. Wenn sie jeden rauswinken würden, das wär eine Katastrophe. Niemand würde mehr irgendwo hinkommen, alle würden bloß noch drauf warten, von den Bullen verhört zu werden. Der totale Stau.†

Wow.

†œVan, du bist echt genial†, sagte ich.

†œErzähl mir mehr davon†, antwortete sie. Sie lächelte abwesend und blickte mich durch halb geschlossene Augen an, dass es fast schon romantisch war.

†œEhrlich. Wir können das schaffen. Wir können die Profile ganz einfach durcheinanderbringen. Leute rauswinken zu lassen ist kein Problem.†

Sie setzte sich auf, wischte ihr Haar aus dem Gesicht und sah mich an. Ich spürte einen kleinen Hüpfer im Bauch, weil ich dachte, sie sei schwer beeindruckt von mir.

†œWir brauchen bloß RFID-Kloner†, sagte ich. †œUnd das ist total einfach. Wir müssen bloß die Firmware auf einen Zehn-Dollar-Leser von Radio Shack flashen. Dann laufen wir rum und vertauschen wahllos die Marker irgendwelcher Leute und überschreiben ihre Fast Passes und FasTraks mit den Codes von anderen Leuten. Dann sieht jeder plötzlich ziemlich merkwürdig aus, und ziemlich kriminell. Und schwupp: der totale Stau!†

Van verzog die Lippen und setzte die Sonnenbrille wieder auf; ich merkte, dass sie so wütend war, dass sie kein Wort rausbrachte.

†œMachs gut, Marcus†, sagte sie und stand auf. Ehe ich mich versah, ging sie davon †“ so schnell, dass sie fast rannte.

†œVan†, rief ich, sprang auf und stürzte hinter ihr her. †œVan! Warte doch!† Sie legte noch einen Zahn zu, und ich musste rennen, um ihr zu folgen.

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†œVan, was zum Teufel soll das?†, sagte ich und schnappte sie am Arm. Sie riss ihn so heftig weg, dass ich mir selbst ins Gesicht schlug.

†œDu bist völlig durchgeknallt, Marcus. Du bringst all deine kleinen Xnet-Kumpel in Lebensgefahr, und außerdem willst du die ganze Stadt in Terrorverdächtige verwandeln. Kannst du nicht aufhören, bevor du den Leuten wehtust?†

Ich machte den Mund ein paarmal auf und zu. †œVan, ich bin nicht das Problem, die sind es. Ich verhafte schließlich keine Leute, steck sie in den Knast und lass sie verschwinden. Die Heimatschutzbehörde, die tut das. Und ich kämpfe dagegen, um sie aufzuhalten.†

†œAber wie, wenn dus doch nur schlimmer machst?†

†œVielleicht muss es ja erst schlimmer werden, bevor es besser wird, Van. Wars nicht das, was du meintest? Wenn jetzt jeder rausgewunken würde …†

†œDas hab ich aber nicht gemeint. Ich hab nicht gemeint, dass du dafür sorgen sollst, dass sie jeden verhaften. Wenn du protestieren willst, dann geh doch zur Protestbewegung. Mach irgendwas Positives. Hast du denn überhaupt nichts von Darryl gelernt? Gar nichts?†

†œDu hast verdammt Recht†, sagte ich, schon halb aus der Fassung. †œIch hab gelernt, dass man denen nicht trauen kann. Dass jeder ihnen hilft, der sie nicht bekämft. Und dass sie das Land in einen Knast verwandeln, wenn wir sie nur lassen. Und was hast du gelernt, Van? Immer nur ängstlich zu sein, stillzusitzen und den Mund zu halten und zu hoffen, dass dich keiner bemerkt? Glaubst du, das wird noch mal besser? Wenn wir nichts unternehmen, dann ist das das Beste, was wir noch zu erwarten haben. Dann wirds in Zukunft immer nur noch schlimmer werden. Willst du Darryl helfen? Dann hilf mir, die zu stoppen!†

Da war er wieder, mein Schwur. Nicht Darryl zu befreien, sondern das gesamte DHS in die Knie zu zwingen. Dass das Wahnsinn war, wusste ich selbst nur zu gut. Aber es war genau das, was ich zu tun gedachte, da gabs gar kein Vertun.

Van schubste mich mit beiden Händen grob von sich. Sie hatte mächtig Kraft vom Schulsport †“ Fechten, Lacrosse, Hockey, all diese Mädchenschul-Sportarten -, und ich landete mit dem Hintern auf dem grässlichen San Franciscoer Bürgersteig. Sie verschwand, und ich folgte ihr nicht.

> Der entscheidende Aspekt bei Sicherheitssystemen ist nicht, wie sie arbeiten, sondern wie sie versagen.

Das war die erste Zeile meines ersten Blog-Eintrags auf Open Revolt, meiner Xnet-Site. Ich schrieb als M1k3y, und ich war bereit, in den Krieg zu ziehen.

> Mag ja sein, all diese automatische Durchleuchtung ist wirklich dafür gedacht, Terroristen zu fangen. Und es mag sogar sein, sie fangen damit früher oder später tatsächlich einen Terroristen. Das Problem ist bloß, es fängt uns alle auch, obwohl wir überhaupt nichts Falsches tun.

> Je mehr Leute sie damit fangen, desto fragwürdiger wird das System. Wenn es zu viele Leute fängt, dann ist das sein Tod.

> Ist die Sache klar?

Dann kopierte ich meine Anleitung zum Bau eines RFID-Kloners rein, dazu ein paar Tips, wie man nah genug an Leute rankommt, um ihre Marker zu lesen und überschreiben zu können. Meinen eigenen Kloner steckte ich in die Tasche meiner Original-Motocross-Jacke aus schwarzem Leder mit den verstärkten Taschen und ging dann zur Schule. Zwischen daheim und Chavez High schaffte ich es, sechs Marker zu klonen.

Sie wollten Krieg. Sie würden Krieg bekommen.

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Wenn du jemals auf die Schnapsidee kommen solltest, einen automatischen Terrordetektor zu bauen, dann solltest du erst mal eine bestimmte Mathematik-Lektion lernen. Sie heißt †œParadoxon vom Falsch-Positiven†, und sie ist ein Prachtstück.

Nimm an, es gibt diese neue Krankheit, sagen wir, Super-AIDS. Nur einer von einer Million Menschen bekommt Super-AIDS. Du entwickelst einen Test, der eine Genauigkeit von 99 Prozent hat. Damit meine ich, er liefert in 99 Prozent der Fälle das korrekte Ergebnis: †œja†, wenn der Proband infiziert ist, und †œnein†, wenn er gesund ist. Dann testest du damit eine Million Leute.

Einer von einer Million Leuten hat Super-AIDS. Und einer von hundert Leuten, die du testest, wird ein †œfalsch-positives† Ergebnis generieren †“ der Test wird ergeben, dass der Proband Super-AIDS hat, obwohl er es in Wahrheit nicht hat. Das nämlich bedeutet †œ99 Prozent genau†: ein Prozent falsch.

Was ist ein Prozent von einer Million?

1.000.000/100 = 10.000

Einer von einer Million Menschen hat Super-AIDS. Wenn du wahllos eine Million Leute testest, wirst du wahrscheinlich einen echten Fall von Super-AIDS ausfindig machen. Aber dein Test wird nicht genau eine Person als Träger von Super-AIDS identifizieren. Sondern zehntausend Leute.

Dein zu 99 Prozent genauer Test arbeitet also mit einer Ungenauigkeit von 99,99 Prozent.

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven. Wenn du etwas wirklich Seltenes finden willst, dann muss die Genauigkeit deines Tests zu der Seltenheit dessen passen, was du suchst. Wenn du auf einen einzelnen Pixel auf deinem Bildschirm zeigen willst, dann ist ein spitzer Bleistift ein guter Zeiger: Die Spitze ist viel kleiner (viel genauer) als die Pixel. Aber die Bleistiftspitze taugt nichts, wenn du auf ein einzelnes Atom in deinem Bildschirm zeigen willst.

Dafür brauchst du einen Zeiger †“ einen Test -, der an der Spitze nur ein Atom groß oder kleiner ist.

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven, und mit Terrorismus hängt es wie folgt zusammen: Terroristen sind wirklich selten. In einer 20-Millionen-Stadt wie New York gibt es vielleicht einen oder zwei Terroristen. Vielleicht zehn, allerhöchstens. 10/20.000.000 = 0.00005 Prozent. Ein zwanzigtausendstel Prozent.

Das ist wirklich verdammt selten. Und jetzt denk dir eine Software, die alle Bankdaten, Mautdaten, Nahverkehrs-Daten oder Telefondaten der Stadt durchgrasen kann und mit 99-prozentiger Genauigkeit Terroristen erwischt.

In einer Masse von 20 Millionen Leuten wird ein 99 Prozent genauer Test zweihunderttausend Menschen als Terroristen identifizieren. Aber nur zehn davon sind wirklich Terroristen. Um zehn Schurken zu schnappen, muss man also zweihunderttausend Unschuldige rauspicken und unter die Lupe nehmen.

Jetzt kommts: Terrorismus-Tests sind nicht mal annähernd 99 Prozent genau. Eher so was wie 60 Prozent. Manchmal sogar nur 40 Prozent genau.

Und all das bedeutete, dass die Heimatschutzbehörde zum Scheitern verdammt war. Sie versuchte, unglaublich seltene Ereignisse †“ eine Person ist ein Terrorist †“ mit unpräzisen Systemen zu erkennen.

Kein Wunder, dass wir es schafften, so ein Chaos zu verbreiten.

Eines Dienstagmorgens, eine Woche nach Beginn der Operation Falsch-Positiv, kam ich pfeifend aus der Haustür. Ich hörte neue Musik, die ich in der Nacht zuvor aus dem Xnet geladen hatte †“ eine Menge Leute schickten M1k3y kleine digitale Geschenke, um sich dafür zu bedanken, dass er ihnen wieder Hoffnung gab.

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Ich bog auf die 23. Straße ein und nahm vorsichtig die paar schmalen Steinstufen in der Flanke des Hügels. Auf dem Weg runter kam ich an Herrn Dackel vorbei. Herrn Dackels richtigen Namen kenne ich nicht, aber ich sehe ihn fast täglich, wenn er seine drei schnaufenden Dackel die Treppe hoch zu dem kleinen Park führt. Es ist praktisch unmöglich, sich auf der Treppe an dieser Meute vorbeizuquetschen, und so verheddere ich mich regelmäßig in einer Leine, werde in einen Vorgarten abgedrängt oder bleibe an der Stoßstange eines der am Straßenrand parkenden Autos hängen.

Herr Dackel ist offensichtlich sehr wichtig, denn er hat eine schicke Uhr und trägt immer einen eleganten Anzug. Ich ging davon aus, dass er im Finanzdistrikt arbeitete.

Als ich heute an ihm entlangschubberte, löste ich meinen RFID-Kloner aus, der in der Tasche meiner Lederjacke bereit lag. Der Kloner saugte sich die Nummern seiner Kreditkarten, der Autoschlüssel, seines Passes und die der Hundert-Dollar-Noten in seiner Brieftasche.

Während das noch geschah, flashte ich ein paar davon mit neuen Nummern, die ich im Gedränge von anderen Leuten gesaugt hatte. Das war so, wie ein paar Nummernschilder auszutauschen, aber unsichtbar und in Echtzeit. Ich lächelte Herrn Dackel entschuldigend an und ging weiter die Treppe runter. Neben drei Autos blieb ich lange genug stehen, um ihre FasTrak-Nummern gegen die Nummern von Wagen zu tauschen, an denen ich am Tag zuvor vorbeigekommen war.

Man mag das für ziemlich rüpelig halten, aber im Vergleich mit vielen Xnettern war ich noch zurückhaltend und konservativ. Ein paar Mädels im Verfahrenstechnik-Programm an der UC Berkeley hatten ausgetüftelt, wie man aus Küchenartikeln eine harmlose Substanz erzeugt, die Sprengstoff-Sensoren anschlagen ließ. Sie hatten ihren Spaß dabei, das Zeug auf die Aktentaschen und Jacken ihrer Profs zu streuen, um sich dann zu verstecken und zu beobachten, wie diese Profs versuchten, Auditorien und Bibliotheken auf dem Campus zu betreten, nur um von den mittlerweile allgegenwärtigen Sicherheitsdiensten in die Mangel genommen zu werden.

Andere wollten ausprobieren, wie man Umschläge so mit Substanzen pudern könnte, dass sie positiv auf Anthrax getestet würden, aber alle anderen hielten das für bescheuert. Zum Glück hatten sies wohl auch nicht hingekriegt.

Ich kam am San Francisco General Hospital vorbei und nickte zufrieden, als ich die langen Schlangen am Haupteingang sah. Natürlich hatten sie dort auch einen Polizeiposten, und es arbeiteten da genügend Xnetter als Praktikanten, in der Caféteria und sonstwo, dass sie mittlerweile die Marken von allen Mitarbeitern wild durchgemischt hatten. Ich hatte gelesen, dass die Sicherheits-Checks für jeden die Arbeitszeit um eine Stunde pro Tag verlängerten, und die Gewerkschaften drohten mit Streik für den Fall, dass das Hospital nichts dagegen unternahm.

Ein paar Blöcke weiter sah ich eine noch längere Schlange am Zugang zur BART. Polizisten stapften die Schlange entlang und pickten Leute raus, um sie zu befragen, die Taschen zu durchsuchen und sie komplett zu filzen. Sie wurden zwar immer öfter deswegen verklagt, aber das schien sie nicht zu bremsen.

Ich war ein bisschen zu früh an der Schule und beschloss, noch mal zur 22. Straße zu gehen, um einen Kaffee zu trinken, und da kam ich an einem Polizeiposten vorbei, an dem sie Autos anhielten und penibel durchsuchten.

In der Schule wars nicht weniger bizarr †“ die Sicherheitsleute an den Metalldetektoren prüften auch unsere Schulausweise und griffen sich Schüler mit ungewöhnlichen Bewegungsprofilen zur Befragung raus. Natürlich hatten wir alle ungewöhnliche Bewegungsprofile. Und natürlich fing der Unterricht mindestens eine Stunde später an.

Und im Unterricht wars völlig verrückt. Ich glaub nicht, dass sich überhaupt jemand konzentrieren konnte. Ich hörte, wie zwei Lehrer drüber sprachen, wie lange sie am Tag zuvor für den Heimweg gebraucht hatten und dass sie heute heimlich früher loskommen wollten.

Ich konnte mich nur mit Mühe beherrschen, um nicht loszuplatzen. Das Paradoxon vom Falsch-Positiven hatte wieder zugeschlagen!

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Klar, dass sie uns früh aus dem Unterricht entließen; ich nahm den langen Weg nach Hause und stromerte durch Mission, um das Chaos zu begutachten. Endlose Autoschlangen. Anstehen vor BART-Stationen bis einmal um den Block rum. Leute, die Geldautomaten beschimpften, die kein Geld rausrückten, weil ihre Konten wegen ungewöhnlicher Aktivitäten eingefroren waren (das kommt dabei raus, wenn man sein Konto unmittelbar mit seinem FasTrak und FastPass koppelt!).

Ich kam heim, machte mir ein Sandwich und loggte mich ins Xnet ein. Es war ein guter Tag gewesen. Leute aus allen Ecken der Stadt bejubelten ihre Erfolge. Wir hatten die Stadt San Francisco zum Stillstand gebracht. Die Nachrichten bestätigten das †“ dort hieß es, das DHS sei übergeschnappt, und man machte die Pseudo-Sicherheitsmaßnahmen, die uns angeblich vor Terrorismus schützen sollten, für alles verantwortlich.

Der Wirtschaftsteil des San
Francisco Chronicle widmete die komplette Aufmacherseite einer Schätzung der volkswirtschaftlichen Kosten der DHS-Maßnahmen durch ausgefallene Arbeitsstunden, Besprechungen und so weiter. Laut dem Wirtschaftsexperten des Chronicle würde eine Woche dieses Blödsinns die Stadt mehr kosten als die Folgen der Sprengung der Bay Bridge.

Hahahahaha.

Und das Beste: Dad kam an diesem Abend später. Viel später. Drei Stunden später. Warum? Weil er rausgewunken, durchsucht und befragt worden war. Dann passierte das wieder. Zwei Mal.

Zwei Mal! – Fortsetzung Kapitel 9

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother von Cory Doctorow: Kapitel 7

Little Brother

Kapitel 7

Dieses Kapitel ist Books of Wonder in New York City gewidmet, der ältesten und größten Kinderbuchhandlung in Manhattan. Sie liegt nur ein paar Blöcke entfernt vom Büro von Tor Books im Flatiron Building, und jedes Mal, wenn ich dort bin, um mich mit den Leuten von Tor zu treffen, nehme ich mir die Zeit, bei Books of Wonder durch die neuen, gebrauchten und die seltenen Kinderbücher zu stöbern.

Ich bin leidenschaftlicher Sammler von Alice-im-Wunderland-Raritäten, und bei Books of Wonder finde ich garantiert immer eine aufregende, wunderschöne limitierte Alice-Ausgabe. Es gibt dort massig Veranstaltungen für Kinder, und die Atmosphäre ist so einladend, wie man sie selbst in einer Buchhandlung selten findet.

Books of Wonder:

http://www.booksofwonder.com/

18 West 18th St, New York, NY 1001 1 USA +1 212 989 3270

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Sie brachten mich raus und um die nächste Ecke zu einem ungekennzeichneten Polizeiwagen, der dort wartete.

Nicht dass irgendjemand in dieser Gegend Schwierigkeiten gehabt hätte, den Wagen als Bullenschleuder zu identifizieren. Nur die Polizei fährt heute noch riesige Crown Victorias, seit der Sprit bei sieben Dollar die Gallone liegt. Und außerdem konnten nur Bullen mitten auf Van Ness Street in der zweiten Reihe parken, ohne den Horden lauernder Abschleppunternehmen zum Opfer zu fallen, die hier ununterbrochen rumfuhren, allzeit bereit, San Franciscos unverständliche Parkregelungen umzusetzen und fürs Kidnappen deines Autos Lösegeld zu fordern.

Popel schneuzte. Ich saß auf der Rückbank, er auch. Sein Partner saß vorn und tippte mit einem Finger auf einem antiken, stoßfest ausgestatteten Laptop, der aussah, als ob er mal Fred Feuerstein gehört hatte.

Popel sah sich meinen Ausweis noch mal genau an. †œWir möchten dir lediglich ein paar Routinefragen stellen.†

†œKann ich mal Ihre Marken sehen?†, fragte ich. Die Typen waren eindeutig Bullen, aber es konnte nichts schaden, ihnen zu zeigen, dass ich meine Rechte kannte.

Popel hielt mir seine Marke so kurz hin, dass ich sie nicht genau sehen konnte, aber Pickel auf dem Fahrersitz ließ mich länger auf seine schauen. Ich las die Nummer ihrer Abteilung und merkte mir seine vierstellige Markennummer. Das war leicht: 1337 ist, wie Hacker †œleet†, also †œElite†, schreiben.

Sie waren beide sehr höflich, und keiner von ihnen versuchte mich so einzuschüchtern, wie das DHS es getan hatte, als ich in deren †œObhut† war.

†œBin ich verhaftet?†

†œDu wirst vorübergehend festgehalten, damit wir deine Sicherheit und die allgemeine öffentliche Sicherheit gewährleisten können†, sagte Popel.

Er reichte meinen Führerschein an Pickel weiter, der ihn langsam in den Computer tippte. Ich sah ihn einen Tippfehler machen und hätte ihn fast korrigiert, aber ich dachte mir, es sei vielleicht klüger, einfach den Mund zu halten.

†œGibt es irgendwas, das du mir erzählen möchtest, Marcus? Nennen sie dich Marc?†

†œMarcus ist schon recht†, sagte ich. Popel sah aus, als könne er ein netter Kerl sein. Mal abgesehen davon, dass er mich in seinen Wagen verschleppt hatte, natürlich.

†œMarcus. Irgendwas, das du mir erzählen möchtest?†

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†œWas denn? Bin ich verhaftet?†

†œIm Moment bist du nicht verhaftet†, sagte Popel. †œWärst du gern?†

†œNö†, sagte ich.

†œGut. Wir haben dich beobachtet, seit du aus der BART kommst. Dein Fast Pass sagt, dass zu zu den merkwürdigsten Zeiten zu den merkwürdigsten Orten gefahren bist.†

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es ging also gar nicht ums Xnet, nicht wirklich. Die hatten bloß meine U-Bahn-Nutzung überprüft und wollten nun wissen, warum sie in letzter Zeit so merkwürdig war. Völlig bescheuert.

†œAlso folgen Sie jedem, der mit einem merkwürdigen Nutzungsprofil aus der BART kommt? Na, da haben Sie gut zutun.†

†œNicht jedem, Marcus. Wir erhalten eine Warnung, wenn jemand mit einem ungewöhnlichen Fahrprofil rauskommt, und das hilft uns einzuschätzen, ob wir eine Ermittlung starten sollten. In deinem Fall kamen wir, weil wir wissen wollten, wie jemand wie du, der einen so vernünftigen Eindruck macht, zu so einem merkwürdigen Fahrprofil kommt.†

Da ich jetzt wusste, dass ich nicht in den Knast kam, wurde ich langsam sauer. Was hatten diese Typen hinter mir herzuschnüffeln? Und was hatte die BART ihnen dabei zu helfen? Warum zum Teufel musste meine U-Bahn-Fahrkarte mich wegen eines †œungewöhnlichen Fahrmusters† anpissen?

†œIch glaube, ich möchte jetzt verhaftet werden†, sagte ich.

Popel lehnte sich zurück und hob eine Augenbraue.

†œSoso? Unter welchem Verdacht?†

†œAch, ungewöhnliches U-Bahn-Fahren ist gar kein Verbrechen?†

Pickel schloss die Augen und rieb sie mit seinen Daumen.

Popel seufzte einen aufgesetzten Seufzer. †œHör mal, Marcus, wir sind auf deiner Seite. Wir verwenden dieses System, um die Bösen zu fangen. Terroristen und Drogenhändler. Vielleicht bist du ja ein Drogenhändler. Ziemlich gute Art und Weise, sich durch die Stadt zu bewegen, so ein Fast Pass. Anonym.†

†œWas ist denn so falsch an anonym? Für Thomas Jefferson wars gut genug. Bin ich jetzt übrigens verhaftet?†

†œBringen wir ihn heim†, sagte Pickel. †œWir können mit seinen Eltern sprechen.†

†œNa, das ist doch mal ne dufte Idee†, sagte ich. †œIch bin sicher, meine Eltern findens interessant zu erfahren, wo ihre Steuerdollars bleiben …†

Ich hatte mein Blatt überreizt. Popel hatte schon die Hand am Türgriff gehabt, aber jetzt stürzte er sich auf mich wie ein Berserker. †œWarum hältst du nicht einfach die Schnauze, solange du noch darfst? Nach allem, was in den letzten zwei Wochen passiert ist, würde es dir nicht schaden, mit uns zu kooperieren. Weißt du was, vielleicht sollten wir dich wirklich verhaften. Dann kannst du einen Tag oder zwei im Knast sitzen, während dein Anwalt nach dir sucht. Und in der Zeit kann eine Menge passieren. Eine Menge. Wie wäre das?†

Ich sagte gar nichts. Ich war albern und wütend gewesen. Jetzt hatte ich nur noch Schiss.

†œTut mir Leid†, sagte ich dann und hasste mich gleich wieder dafür.

Popel setzte sich nach vorn und Pickel setzte den Wagen in Gang. Wir fuhren die 24. Straße rauf und über Potrero Hill. Sie kannten meine Adresse von meinem Ausweis.

Mom kam an die Tür, als sie klingelten, und ließ die Kette noch eingehängt. Sie schaute durch den Spalt, sah mich und fragte: †œMarcus? Wer sind diese Leute?†

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†œPolizei†, sagte Popel. Er zeigte ihr seine Marke und gewährte ihr einen ausgiebigen Blick †“ nicht bloß so husch-husch, wie ers mit mir gemacht hatte. †œKönnen wir reinkommen?†

Mom schloss die Tür, um die Kette zu entriegeln, und ließ sie dann rein. Sie brachten mich in die Wohnung, und Mom betrachtete uns alle mit einem ihrer typischen Blicke.

†œWas hat das zu bedeuten?†

Popel zeigte auf mich. †œWir wollten ihrem Sohn ein paar Routinefragen über sein Bewegungsverhalten stellen, aber er hat sich geweigert, sie zu beantworten. Deshalb dachten wir, es sei am besten, ihn hierher zu bringen.†

†œIst er verhaftet?† Moms Akzent schlug heftig durch. Gute alte Mom.

†œSind Sie eine Bürgerin der Vereinigten Staaten?†, fragte Pickel.

Sie würdigte ihn eines Blicks, der Lack zum Abplatzen gebracht hätte. †œNa klar, und wie†, sagte sie dann in breitestem Südstaaten-Akzent. †œBin ich verhaftet?†

Die beiden Bullen tauschten Blicke.

Pickel ging in die Offensive. †œDas scheint ein bisschen unglücklich gelaufen zu sein. Ihr Sohn ist uns aufgefallen als jemand mit einem ungewöhnlichen Bewegungsprofil in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist Teil eines neuen proaktiven Strafverfolgungsprogramms. Wenn wir Leute finden, die ungewöhnliche Fahrtmuster zeigen oder die auf ein verdächtiges Profil passen, dann ermitteln wir weiter.†

†œMoment†, sagte Mom. †œWoher wissen Sie denn, wie mein Sohn die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt?†

†œDurch den Fast Pass†, sagte er. †œDer zeichnet die Fahrten auf.†

†œAch so†, sagte Mom und verschränkte die Arme. Das war ein ganz schlechtes Zeichen. Schlimm genug, dass sie ihnen keine Tasse Tee angeboten hatte †“ in Mom-Land war das ungefähr dasselbe, als hätte sie sich mit ihnen durch den Briefkastenschlitz unterhalten -, aber sobald sie die Arme verschränkte, war klar, dass die beiden nicht ungeschoren hier rauskommen würden. In diesem Moment hätte ich losgehen mögen, um ihr einen riesigen Blumenstrauß zu kaufen.

†œMarcus hier hat es abgelehnt, uns zu erklären, wie sein Fahrtenprofil zustande gekommen ist.†

†œSie sagen also, sie halten meinen Sohn wegen seiner Art, Bus zu fahren, für einen Terroristen?†

†œTerroristen sind nicht die einzigen Verbrecher, die wir auf diese Weise fangen†, sagte Pickel. †œDrogenhändler. Gang-Kids. Oder auch Ladendiebe, die clever genug sind, sich für jeden Beutezug ein anderes Revier zu suchen.†

†œSie denken also, mein Sohn sei ein Drogenhändler?†

†œWir sagen nicht, dass -†, fing Pickel an.

Mit einem Händeklatschen brachte Mom ihn zum Schweigen.

†œMarcus, gib mir bitte mal deinen Rucksack.†

Das tat ich.

Mom zippte ihn auf und schaute ihn durch, zunächst mit dem Rücken zu uns.

†œMeine Herren, ich kann Ihnen nun versichern, dass sich in der Tasche meines Sohnes weder Drogen noch Sprengstoffe oder gestohlene Waren befinden. Ich denke, damit wäre das erledigt. Bevor Sie gehen, darf ich noch um Ihre Personalnummern bitten.†

Popel lachte höhnisch. †œGute Frau, die ACLU hat gerade Klagen gegen dreihundert Polizisten der Stadt laufen; da werden Sie sich hinten anstellen müssen.†

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Mom machte mir einen Tee und schimpfte dann mit mir, weil ich schon gegessen hatte, obwohl ich wusste, dass sie Falafel gemacht hatte. Dad kam heim, während wir noch am Tisch saßen, und Mom und ich erzählten ihm abwechselnd die Geschichte. Er schüttelte den Kopf.

†œLillian, die haben doch nur ihren Job gemacht.† Er trug immer noch den blauen Blazer und die Khakis, die er an den Tagen trug, an denen er als Berater im Silicon Valley war. †œDie Welt ist nicht mehr dieselbe wie noch vor einer Woche.†

†œMom setzte ihren Teebecher ab. †œDrew, werd nicht albern. Dein Sohn ist kein Terrorist. Seine Fahrten im Nahverkehr können kein Grund für polizeiliche Ermittlungen sein.†

Dad zog seinen Blazer aus. †œIn meinem Job machen wir das ständig. So kann man Computer dazu einsetzen, alle Arten von Fehlern und Unregelmäßigkeiten zu entdecken. Du sagst dem Computer, er soll ein Profil eines durchschnittlichen Datenbankeintrags erstellen und dann rausfinden, welche Einträge in der Datenbank am stärksten vom Durchschnitt abweichen. Das gehört zur Bayesschen Statistik, und das gibt†™s schon seit Jahrhunderten. Ohne so was hätten wir keine Spamfilter -†

†œSoll das heißen, die Polizei sollte genauso schlecht arbeiten wie mein Spamfilter?†, fragte ich.

Dad wurde nie wütend, wenn ich mit ihm diskutierte, aber ich konnte sehen, dass er heute sehr kurz davor war. Trotzdem konnte ichs mir nicht verkneifen. Mein Vater stellte sich auf die Seite der Polizei!

†œIch sage nur, es ist völlig vernünftig, dass die Polizei ihre Untersuchungen damit anfängt, Daten durchzugrasen, und erst dann mit der Lauferei anfängt, wenn sie Abnormalitäten haben, um herauszufinden, wo die herkommen. Ich denke nicht, dass ein Computer der Polizei vorgeben sollte, wen sie verhaften soll, aber er kann ihnen dabei helfen, den Heuhaufen nach der Nadel zu durchflöhen.†

†œAber indem sie all diese Daten aus dem Verkehrssystem abgreifen, erzeugen sie doch überhaupt erst den Heuhaufen†, sagte ich. †œDas ist ein monströser Datenberg, und es ist aus Polizeisicht fast nichts drin, was eine Untersuchung lohnt. Das ist die totale Verschwendung.†

†œIch versteh ja, dass du das System nicht magst, weil es dir Unbequemlichkeiten verursacht hat, Marcus. Aber du zuallererst solltest den Ernst der Lage begreifen. Und es ist dir doch nichts passiert, oder doch? Sie haben dich doch sogar nach Hause gefahren.†

Sie haben gedroht, mich in den Knast zu stecken, dachte ich, aber mir war klar, dass es keinen Zweck hatte, das auszusprechen.

†œUnd übrigens hast du uns immer noch nicht erklärt, wo zum Teufel du eigentlich warst, um ein so ungewöhnliches Bewegungsmuster zu erzeugen.†

Das hatte mir grade noch gefehlt.

†œIch dachte, ihr hättet Vertrauen in mich und wolltet mir nicht hinterherschnüffeln.† Das hatte er oft genug gesagt.

†œWillst du wirklich, dass ich dir für jede einzelne Bahnfahrt meines Lebens Rechenschaft ablege?†

Sobald ich in mein Zimmer kam, stöpselte ich die Xbox ein. Ich hatte den Projektor an der Decke befestigt, um das Bild an die Wand über meinem Bett werfen zu können (dafür hatte ich meinen prächtigen Wandschmuck aus Punkrock-Handzetteln abnehmen müssen, die ich von Telefonmasten abgepult und auf große Blätter weißen Papiers geklebt hatte).

Ich schaltete die Xbox ein und sah ihr beim Hochfahren zu. Zuerst wollte ich Van und Jolu anmailen, um ihnen von meinem Ärger mit den Bullen zu berichten, aber als ich die Finger schon auf der Tastatur hatte, hielt ich inne.

Da war plötzlich so ein merkwürdiges Gefühl, ganz ähnlich wie das, als ich merkte, dass sie meinen guten alten Salmagundi in einen Verräter verwandelt hatten.

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Diesmal war es das Gefühl, dass mein geliebtes Xnet die Koordinaten jedes einzelnen seiner Nutzer ans DHS übertragen könnte.

Was hatte mein Vater gleich gesagt? †œDu sagst dem Computer, er soll ein Profil eines durchschnittlichen Datenbankeintrags erstellen und dann rausfinden, welche Einträge in der Datenbank am stärksten vom Durchschnitt abweichen.†

Das Xnet war sicher, weil seine Benutzer nicht direkt mit dem Internet verbunden waren. Sie hüpften von Xbox zu Xbox, bis sie eine fanden, die mit dem Internet verbunden war, und dann speisten sie ihr Material als unentzifferbare, verschlüsselte Daten ein. Niemand konnte unterscheiden, welche Internet-Datenpakete zum Xnet gehörten und welche ganz normale Bank-, Shopping- oder andere verschlüsselte Kommunikation war. Es war niemandem möglich, herauszufinden, wer das Xnet geknüpft hatte, geschweige denn, wer es benutzte.

Aber was war mit Dads †œBayesscher Statistik†? Mit Bayesscher Mathematik hatte ich schon mal rumgespielt. Darryl und ich hatten mal versucht, unseren eigenen, besseren Spamfilter zu schreiben, und wenn man Spam filtern will, braucht man Bayessche Mathe. Thomas Bayes war ein britischer Mathematiker des 18. Jahrhunderts, an den nach seinem Tod erst mal niemand mehr dachte, bis Computerwissenschaftler hundert Jahre später entdeckten, dass seine Methode, große Datenmengen statistisch zu analysieren, für die Informations-Gebirge der modernen Welt unglaublich nützlich sein könnten.

Ganz kurz was darüber, wie Bayessche Statistik funktioniert. Mal angenommen, du hast hier einen Haufen Spam. Dann nimmst du jedes Wort in jeder Mail und zählst, wie oft es vorkommt. Das nennt man ein †œWortfrequenz-Histogramm†, und es verrät dir die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine beliebige Ansammlung von Wörtern Spam ist. Dann nimmst du eine Tonne Mails, die kein Spam sind (Experten nennen das †œHam†), und machst mit denen das gleiche.

Jetzt wartest du auf eine neue E-Mail und zählst die Wörter, die darin vorkommen. Dann benutzt du das Wortfrequenz-Histogramm in der fraglichen Nachricht, um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass sie auf den †œSpam†- oder auf den †œHam†-Stapel gehört. Wenn sich herausstellt, dass sie tatsächlich Spam ist, passt du das †œSpam†-Histogramm entsprechend an. Es gibt massenhaft Möglichkeiten, diese Technik noch zu verfeinern †“ Worte paarweise betrachten, alte Daten wieder löschen -, aber im Prinzip funktionierts so. Es ist eine von diesen einfachen, großartigen Ideen, die völlig offensichtlich zu sein scheinen, sobald man das erste Mal davon hört.

Es gibt dafür ne Menge Anwendungen †“ man kann einen Computer anweisen, die Linien in einem Foto zu zählen und herauszufinden, ob es eher ein †œHunde†-Linienfrequenz-Histogramm ergibt oder eher ein †œKatzen†œ-Histogramm. Man kann damit Pornografie, Bankbetrügereien oder Flamewars erkennen. Gute Sache.

Zugleich wars eine schlechte Nachricht für das Xnet. Mal angenommen, du hast das gesamte Internet angezapft †“ und das DHS hat das natürlich. Dann kannst du zwar, Krypto sei Dank, nicht durch bloßes Anschauen von Daten rausfinden, wer Xnet-Daten versendet.

Aber was du rausfinden kannst, ist, wer viel, viel mehr verschlüsselten Datenverkehr erzeugt als alle anderen. Bei einem normalen Internet-Benutzer kommen in einer Online-Session vielleicht 95 Prozent Klartext und 5 Prozent Chiffretext zusammen. Wenn nun jemand zu 95 Prozent Chiffretext versendet, dann könnte man ja computererfahrene Kollegen von Popel und Pickel hinschicken, um nachzufragen, ob er vielleicht ein terroristischer drogendealender Xnet-Benutzer ist.

In China passiert genau das permanent. Irgendein cleverer Dissident kommt auf die Idee, die Große Chinesische Firewall, die die gesamte Internetanbindung des Landes zensiert, zu umgehen, indem er eine verschlüsselte Verbindung zu einem Computer in einem anderen Land herstellt.

Dann kann die Partei zwar nicht herausfinden, was er überträgt †“ vielleicht Pornos, vielleicht Bombenbauanleitungen, schmutzige Briefe von seiner Freundin auf den Philippinen, politische Materialien oder gute Nachrichten über Scientology. Aber was es ist, müssen sie auch nicht wissen.

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Es genügt, wenn sie wissen, dass dieser Typ viel mehr verschlüsselten Datenverkehr hat als seine Nachbarn. Und dann schicken sie ihn in ein Zwangsarbeitslager, bloß um ein Exempel zu statuieren, damit jeder sehen kann, was mit Klugscheißern passiert.

Für den Moment hätte ich wetten mögen, dass das DHS das Xnet noch nicht auf dem Radar hatte, aber das würde nicht ewig so bleiben. Und nach diesem Abend war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich noch besser dran war als ein chinesischer Dissident. Ich setzte alle Leute, die sich am Xnet anmeldeten, enormen Risiken aus. Vor dem Gesetz war es gleichgültig, ob du tatsächlich irgendwas Schlimmes tatest; sie würden dich schon unters Mikroskop legen, bloß weil du statistisch gesehen unnormal warst. Und ich konnte das Ganze nicht mal mehr stoppen †“ jetzt lief das Xnet, und es hatte ein Eigenleben entwickelt.

Ich musste die Sache irgendwie anders gradebiegen.

Wenn ich nur mit Jolu drüber reden könnte. Er arbeitete bei einem Internetanbieter namens Pigspleen Net, seit er zwölf Jahre alt war, und er wusste viel mehr übers Internet als ich. Wenn irgendjemand eine Ahnung hatte, wie wir unsern Hintern aus dem Knast draußenhalten konnten, dann er.

Zum Glück waren Van, Jolu und ich für den folgenden Abend nach der Schule zum Kaffee in unserem Lieblingsplatz in der Mission verabredet. Offiziell wars unser wöchentliches Harajuku-Fun-Madness-Teamtreffen, aber seit das Spiel abgebrochen und Darryl verschwunden war, wars hauptsächlich wöchentliches gemeinsames Flennen, ergänzt um rund ein halbes Dutzend Telefonate und Textnachrichten im Stil von †œBist du okay? Ist das wirklich passiert?† Es würde gut tun, mal über was anderes sprechen zu können.

†œDu spinnst ja komplett†, sagte Vanessa. †œBist du jetzt endgültig total übergeschnappt?† Sie war in ihrer Mädchenschul-Uniform gekommen, weil sie auf dem langen Weg nach Hause, ganz bis runter zur San Mateo Bridge und wieder rauf in die Stadt, mit dem Zubringerbus, den die Schule betrieb, im Verkehr steckengeblieben war. Sie hasste es, in der Öffentlichkeit in ihrer Schuluniform gesehen zu werden, weil die total Sailor Moon war: ein Faltenrock, Tunika und Kniestrümpfe. Sie war schon schlecht gelaunt, seit sie ins Café gekommen war, das voll war mit älteren, cooleren, zotteligen Emo-Kunststudenten, die in ihre Lattes grinsten, als sie zur Tür reinkam.

†œWas denkst denn du, was ich machen sollte, Van?†, fragte ich. Ich fing selbst langsam an, ärgerlich zu werden. In der Schule wars unerträglich, seit das Spiel nicht mehr lief und seit Darryl nicht mehr da war. Den ganzen Tag lang hatte ich mich im Unterricht damit getröstet, dass ich mein Team sehen würde oder besser gesagt das, was davon übrig war. Und jetzt hatten wir uns in der Wolle.

†œIch will, dass du aufhörst, solche Risiken einzugehen, M1k3y.† Meine Nackenhaare stellten sich auf. Okay, wir verwendeten bei Team-Treffen immer unsere Team-Nicks, aber jetzt, da mein Nick auch mit meinem Xnet-Profil zusammenhing, machte es mir Angst, ihn laut in der Öffentlichkeit zu hören.

†œSag den Namen nicht noch mal in der Öffentlichkeit†, platzte ich heraus.

Van schüttelte den Kopf. †œGenau das ist es, worüber ich rede. Du könntest dich im Knast wiederfinden, Marcus, und nicht bloß du. Eine Menge Leute. Nach dem, was mit Darryl passiert ist…†

†œIch tu das doch für Darryl!† Ein paar Kunststudenten drehten sich nach uns um, und ich dämpfte die Stimme wieder. †œIch mach das, weil die Alternative wäre, sie mit all dem ungeschoren davonkommen zu lassen.†

†œUnd du glaubst, du kannst sie aufhalten? Du bist wirklich übergeschnappt. Die sind die Regierung.†

†œAber es ist immer noch unser Land†, entgegnete ich. †œUnd wir haben immer noch das Recht, das zu tun.†

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Van sah aus, als würde sie gleich losheulen. Sie atmete ein paar Mal tief durch und stand dann auf. †œIch kann das nicht, sorry. Ich kann dir nicht dabei zuschauen. Das ist ja wie ein Autounfall in Zeitlupe. Du bist auf dem besten Weg, dich zugrunde zu richten, und ich liebe dich viel zu sehr, als dass ich dir dabei zuschauen könnte.†

Sie neigte sich runter, umarmte mich heftig und gab mir einen harten Kuss auf die Wange, der noch meinen Mundwinkel erwischte. †œPass auf dich auf, Marcus†, sagte sie. Mein Mund brannte dort, wo sie ihre Lippen draufgepresst hatte. Für Jolu hatte sie dieselbe Behandlung parat, allerdings glatt auf die Wange. Dann ging sie.

Als sie weg war, starrten Jolu und ich einander an.

Ich verbarg mein Gesicht in den Händen. †œVerdammt†, sagte ich schließlich.

Jolu klopfte mir auf den Rücken und bestellte dann einen neuen Latte für mich. †œWird schon wieder†, sagte er.

†œIch hätte gedacht, dass Van es versteht; gerade sie.† Die Hälfte von Vans Familie lebte in Nordkorea. Ihre Eltern hatten nie vergessen, dass all diese Verwandten unter der Herrschaft eines wahnsinnigen Diktators lebten und keine Chance hatten, nach Amerika zu entkommen, wie es ihnen selbst, Vans Eltern, gelungen war.

Jolu zuckte die Achseln. †œVielleicht ist sie ja deshalb so ausgerastet. Weil sie genau weiß, wie gefährlich das werden kann.†

Ich wusste, was er meinte. Zwei von Vans Onkeln waren ins Gefängnis gebracht worden und nie wieder aufgetaucht.

†œJa†, sagte ich.

†œUnd wieso warst du letzte Nacht nicht im Xnet?† Ich war dankbar für die Ablenkung. So erklärte ich ihm alles, das Bayes-Zeug und meine Angst, wir könnten das Xnet nicht mehr weiter nutzen wie bisher, ohne erwischt zu werden. Er hörte aufmerksam zu.

†œIch versteh, was du meinst. Das Problem ist, dass jemand, der zu viel Krypto in seinen Internet-Verbindungen hat, als ungewöhnlich auffällt. Aber wenn du nicht verschlüsselst, dann machst dus den bösen Jungs leichter, dich abzuhören.†

†œGenau†, sagte ich. †œIch versuch schon den ganzen Tag, mir da was auszudenken. Vielleicht könnten wir die Verbindungen abbremsen, über mehr Benutzerkonten verteilen …†

†œKlappt nicht†, sagte er. †œUm sie langsam genug zu machen, dass sie im Hintergrundrauschen verschwinden, müsstest du das Netzwerk de facto dicht machen, und das wollen wir ja nicht.†

†œDu hast Recht†, sagte ich. †œAber was können wir sonst machen?†

†œWie wäre es, wenn wir die Definition von ,normal†™ ändern?†

Und genau deshalb war Jolu schon mit zwölf bei Pigspleen angestellt worden. Gib ihm ein Problem mit zwei schlechten Lösungen, und er denkt sich eine komplett neue dritte Lösung aus, die damit anfängt, dass er alle Grundannahmen übern Haufen wirft.

Ich nickte begeistert. †œNa los, sag schon.†

†œWenn jetzt der durchschnittliche Internetnutzer in San Francisco an einem durchschnittlichen Tag im Internet eine Menge mehr Krypto anhäuft? Wenn wir die Verteilung so hinbiegen können, dass Klartext und Chiffretext bei etwa fifty-fifty liegen, dann sehen die Leute, die das Xnet versorgen, plötzlich wieder normal aus.†

†œAber wie kriegen wir das hin? Den Leuten ist ihre Privatsphäre doch viel zu egal, als dass sie plötzlich mit verschlüsselten Links surfen. Die begreifen doch nicht, warum es nicht egal ist, wenn jemand mitlesen kann, was sie so alles googeln.†

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†œSchon, aber Webseiten sind nur kleine Datenpakete. Wenn wir die Leute jetzt dazu bringen, jeden Tag routinemäßig ein paar riesige verschlüsselte Files runterzuladen, dann würde das genauso viel Chiffretext erzeugen wie Tausende von Webseiten.†

†œDu redest übers indienet†, sagte ich.

†œVolltreffer†, sagte er.

Das indienet †“ komplett kleingeschrieben †“ war es, was Pigspleen Net zu einem der erfolgreichsten unabhängigen Provider der Welt gemacht hatte. Damals, als die großen Label angefangen hatten, ihre Fans fürs Herunterladen ihrer Musik zu verklagen, waren etliche der unabhängigen Label und ihre Künstler entgeistert. Wie kann man denn bitte Geld verdienen, indem man seine Kunden verklagt?

Pigspleens Gründerin hatte die Antwort. Sie machte Verträge mit allen Acts, die mit ihren Fans arbeiten wollten, statt sie zu bekämpfen. Du gibst Pigspleen eine Lizenz, deine Musik unter deren Kunden zu verbreiten, und bekommst dafür einen Anteil an den Abogebühren, der sich danach richtet, wie populär deine Musik ist. Für einen Indie-Künstler ist nicht Raubkopieren das Problem, sondern Unbekanntheit: Niemand interessiert sich auch nur genug für deine Musik, um sie zu klauen.

Es funktionierte. Hunderte unabhängiger Künstler und Plattenfirmen unterzeichneten bei Pigspleen, und je mehr Musik es gab, desto mehr Fans wechselten zu Pigspleen als Internet-Anbieter und desto mehr Geld gab es für die Künstler. Binnen eines Jahres hatte der Provider hunderttausend neue Kunden, und inzwischen hatte er eine Million †“ mehr als die Hälfte aller Breitband-Anschlüsse in der Stadt.

†œIch hab schon seit Monaten auf dem Zettel, den indienet-Code zu überarbeiten†, sagte Jolu. †œDie ursprünglichen Programme waren schnell zusammengekloppt, und mit nem bisschen Arbeit könnten sie viel effizienter gemacht werden. Aber ich hatte noch keine Zeit dafür. Einer der Punkte ganz oben auf der Liste ist, die Verbindungen zu verschlüsseln, weil Trudy das gern so möchte.†

Trudy Doo war die Gründerin von Pigspleen. Außerdem war sie eine alte Punk-Legende in San Francisco, Frontfrau der anarcho-feministischen Band Speedwhores, und Privatsphäre war ihre fixe Idee. Ich glaubte sofort, dass sie schon aus Prinzip ihren Musik-Dienst verschlüsselt haben wollte.

†œWird das schwer? Ich mein, wie lange dauert das?†

†œNa ja, massenweise Krypto-Code gibt†™s schon online für lau†, sagte Jolu. Jetzt tat er wieder das, was er immer tat, wenn er an einem kniffligen Programmierproblem kaute: Er bekam diesen abwesenden Blick, trommelte mit den Händen auf dem Tisch und ließ den Kaffee überschwappen. Mir war nach Lachen zumute †“ und wenn alles um ihn rum den Bach runterginge, Jolu würde diesen Code schreiben.

†œKann ich helfen?†

Er schaute mich an. †œWas, glaubst du nicht, dass ichs allein hinkriege?†

†œWas?†

†œNa ja, du hast das ganze Xnet-Ding allein aufgezogen, ohne mir auch bloß was zu erzählen; ohne mit mir drüber zu reden. Und dann dachte ich so, wahrscheinlich brauchst du bei so was meine Hilfe gar nicht.†

Jetzt hatte er mich kalt erwischt. †œWas?†, wiederholte ich. Jolu sah mittlerweile richtig aufgebracht aus. Es war klar, dass das schon eine ganze Weile an ihm genagt hatte. †œJolu …†

Er sah mich wieder an, und jetzt merkte ich, dass er richtig sauer war. Wie hatte ich das übersehen können? Oh Gott, manchmal war ich echt so ein Idiot.

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†œWeißt du, Kumpel, es ist keine große Sache …† †“ womit er eindeutig meinte, dass es eine verdammt große Sache war †“ †œich meine, du hast mich nicht mal gefragt. Hey, ich hasse das DHS. Darryl war auch mein Freund. Ich hätte dir wirklich dabei helfen können.†

Ich wollte den Kopf zwischen den Knien vergraben. †œHey, Jolu, das war echt bescheuert von mir. Ich hab das halt so um zwei Uhr morgens gemacht. Ich war irgendwie rasend, als das passierte. Ich …† Ich konnte es nicht erklären. Er hatte Recht, und das war das Problem. Okay, es war nachts um zwei Uhr gewesen, aber ich hätte ihm am nächsten oder übernächsten Tag davon erzählen können. Aber ich hatte es nicht getan, weil ich wusste, was er sagen würde †“ dass es ein hässlicher Hack war und dass ich das besser durchdenken sollte.

Jolu wusste immer, wie man meine Zwei-Uhr-Nachts-Ideen in sauberen Code umsetzen konnte, aber das, womit er dann rumkam, war immer ein bisschen anders als das, was ich mir ursprünglich ausgedacht hatte. Dieses Projekt hatte ich für mich allein haben wollen. Ich war voll in meiner Rolle als M1k3y aufgegangen.

†œTut mir Leid†, sagte ich schließlich. †œTut mir wirklich, wirklich Leid. Du hast völlig Recht. Ich bin irgendwie durchgedreht und hab dummes Zeug gemacht. Aber ich brauche wirklich deine Hilfe †“ ohne dich kriege ich das nicht hin.†

†œMeinst du das ernst?†

†œUnd wie†, sagte ich. †œMann, du bist der beste Programmierer, den ich kenne. Du bist ein verdammtes Genie, Jolu. Es wäre echt eine Ehre, wenn du mir dabei helfen würdest.†

Er trommelte weiter mit seinen Fingern. †œEs ist bloß … du weißt schon. Du bist der Teamchef. Van ist die Clevere. Darryl war … er war dein Stellvertreter, der Typ, der alles organisiert hat und ein Auge auf die Details hatte. Der Programmierer, das war mein Job. Und es war so, als hättest du gesagt, dass du mich nicht brauchst.†

†œOh Mann, ich bin son Idiot. Jolu, du bist der Beste für den Job, den ich kenne. Ich bin echt, echt, …†

†œLass gut sein, ja? Stopp. Ich glaub dir ja. Wir sind doch alle grade ziemlich neben der Spur. Also: Klar kannst du helfen. Wahrscheinlich können wir dich sogar bezahlen †“ ich hab ein kleines Budget für freie Programmierer.†

†œEcht jetzt?† Fürs Programmieren hatte mich noch nie jemand bezahlt.

†œLogisch. Wahrscheinlich bist du gut genug, um das Geld wert zu sein.† Er grinste und boxte mich in die Schulter. Jolu ist eigentlich meistens total entspannt, und eben deshalb hatte er mich grade so aus der Bahn geworfen.

Ich zahlte die Kaffees, und wir gingen. Dann rief ich meine Eltern an, um ihnen zu berichten, was ich vorhatte. Jolus Mom bestand drauf, uns Sandwiches zu machen. Wir schlossen uns mit seinem Computer und dem Code fürs indienet in seinem Zimmer ein, und dann begann eine der großen Marathon-Programmiersitzungen der Weltgeschichte. Nachdem Jolus Familie um halb zwölf ins Bett gegangen war, entführten wir die Kaffeemaschine in sein Zimmer, um unser Koffeinlevel auf konstant hohem Niveau zu halten.

Wenn du noch nie einen Computer programmiert hast, solltest du es mal tun. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt. Wenn du einen Computer programmierst, tut er exakt das, was du von ihm verlangst. Es ist, als ob man eine Maschine gestaltet †“ irgendeine Maschine: ein Auto, ein Absperrventil, eine Gasdruckfeder für eine Tür -, indem man Mathematik und Anweisungen verwendet. Es ist Ehrfurcht gebietend im Wortsinn: Es kann dich mit Ehrfurcht erfüllen.

Ein Computer ist die komplizierteste Maschine, die du je benutzen wirst. Er besteht aus Milliarden winzigwinzig kleiner Transistoren, die so eingestellt werden können, dass sie jedes Programm ablaufen lassen, das du dir vorstellen kannst. Aber wenn du an der Tastatur sitzt und eine Zeile Code schreibst, dann tun diese Transistoren genau das, was du ihnen sagst.

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Die meisten von uns werden niemals ein Auto bauen. Die allerwenigsten von uns werden ein Fluggerät entwickeln, ein Gebäude gestalten, eine Stadt am Reißbrett entwerfen.

Das sind schon ziemlich komplizierte Maschinen, und sie sind für Leute wie dich und mich weit außerhalb unserer Reichweite. Aber ein Computer ist vielleicht noch zehn Mal komplizierter, und doch tanzt er zu jeder Melodie, die du ihm vorspielst. Einfaches Programmieren kannst du an einem Nachmittag lernen. Fang mit einer Sprache wie Python an, die extra dafür geschrieben wurde, Programmieranfängern dabei zu helfen, dass die Maschine nach ihrer Pfeife tanzt.

Und wenn du bloß einen Tag lang, nur einen Nachmittag lang programmierst: einmal zumindest musst du es tun. Computer können dich kontrollieren, oder sie können dir deine Arbeit erleichtern †“ wenn du deine Maschinen unter deiner Kontrolle haben willst, musst du lernen, Code zu schreiben.

In dieser Nacht schrieben wir ne Menge Code. – Fortsetzung Kapitel 8

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.