Der 57-jährige deutsche Schriftsteller, Regisseur und Übersetzer Eugen Ruge wird für seinen Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buchpreis 2011 ausgezeichnet.

Eugen Ruge spiegelt ostdeutsche Geschichte in einem Familienroman. Es gelingt ihm, die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen. Sein Buch erzählt von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt, und ihrem allmählichen Verlöschen. Zugleich zeichnet sich sein Roman durch große Unterhaltsamkeit und einen starken Sinn für Komik aus„, lautet die Begründung der Jury.

Kurzbeschreibung

Von den fünfziger Jahren über das Wendejahr 89 bis zum Beginn des neuen Jahrtausends reicht dieser Roman einer Familie. Im Mittelpunkt drei Generationen: Die Großeltern, noch überzeugte Kommunisten, kehren aus dem mexikanischen Exil in die junge DDR heim, um dort ihren Anteil am Aufbau der neuen Republik zu leisten. Ihr Sohn, als junger Mann nach Moskau emigriert und später in ein sibirisches Lager verschleppt, tritt die Reise vom anderen Ende der Welt, dem Ural, an. Er kehrt mit seiner russischen Frau zurück in eine Kleinbürgerrepublik, an deren Veränderbarkeit er weiterhin glauben will. Dem Enkel wird die Wahlheimat von Eltern und Großeltern indes zusehends zu eng – bis er, ausgerechnet am neunzigsten Geburtstag des Patriarchen, in den Westen geht. Die Strahlkraft der politischen Utopie scheint sich von Generation zu Generation zu verdunkeln: Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts.
Ein halbes Jahrhundert gelebter Geschichte, ein Deutschlandroman voll überraschender Wendungen und Details: groß durch seine menschliche Reife, seine Genauigkeit, seinen Humor.

Eugen Ruge setzte sich mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ gegen Jan Brandt mit seinem bizarren Heimatroman „Gegen die Welt„, Michael Buselmeier mit Erinnerungen an „Wunsiedel„, Angelika Klüssendorf mit der Erzählung „Das Mädchen“ sowie Sibylle Lewitscharoff mit ihrem romantischen Philosophenroman „Blumenberg“ durch. (sh. Shortlist)

Für das Prosamanuskript „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wurde Eugen Ruge bereits im Jahr 2009 mit dem Alfred-Döblin-Preis sowie Ende September 2011 mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet.

Mit dem mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Die Preisverleihung fand heute, am 10.10.2011, im Frankfurter Römer vor 400 Gästen statt.

Leseprobe „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ – © Rowohlt Verlag

2001

Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf.
Er fuhr die A 115, wie immer. Schaute hinaus in die Welt. Prüfte, ob sie sich verändert hatte. Und – hatte sie?
Die Autos kamen ihm sauberer vor. Sauberer? Irgendwie bunter. Idiotischer. Der Himmel war blau, was sonst. Der Herbst hatte sich eingeschlichen, hinterrücks. Tupfte kleine gelbe Markierungen in die Bäume. Es war inzwischen September geworden. Und wenn er am Samstag entlassen worden war, musste heut Dienstag sein. Das Datum hatte er während der letzten Tage verloren.
Neuendorf besaß neuerdings eine eigene Autobahnabfahrt – «neuerdings» hieß für Alexander immer noch: nach der Wende. Man kam direkt auf die Thälmannstraße (hieß immer noch so). Die Straße war glatt asphaltiert, rote Fahrradstreifen zu beiden Seiten. Frisch renovierte Häuser, wärmegedämmt nach irgendeiner EU-Norm. Neubauten, die aussahen wie Schwimmhallen: Stadtvillen nannte man das.
Aber man brauchte nur einmal links abzubiegen und ein paar hundert Meter dem krummen Steinweg zu folgen, dann noch einmal links – hier schien die Zeit stillzustehen: eine schmale Straße mit Linden. Kopfsteingepflasterte Bürgersteige,
von Wurzeln verbeult. Morsche Zäune und Feuerwanzen. Tief in den Gärten, hinter hohem Gras, die toten Fenster von Villen, über deren Rückübertragung in fernen Anwaltskanzleien gestritten wurde.
Eins der wenigen Häuser hier, die noch bewohnt waren: Am Fuchsbau sieben. Moos auf dem Dach. Risse in der Fassade. Die Holunderbüsche berührten schon die Veranda. Und der Apfelbaum, den Kurt immer eigenhändig beschnitten hatte, wuchs kreuz und quer in den Himmel, ein einziges Gewirr.
Das «Essen auf Rädern» stand schon in der ISO-Verpackung auf dem Zaunpfeiler. Dienstag, fand er auf der Packung bestätigt. Alexander nahm die Packung und ging hinein.
Obwohl er einen Schlüssel hatte, klingelte er. Testen, ob Kurt aufmachte – sinnlos. Ohnehin wusste er, dass Kurt nicht aufmachen würde. Aber dann hörte er das vertraute Quietschen der Flurtür, und als er durch das Fensterchen
schaute, erschien Kurt – wie ein Geist – im Halbdunkel des Vorraums.
– Mach auf, rief Alexander.
Kurt kam näher, glotzte.
– Mach auf!
Aber Kurt rührte sich nicht.
Alexander schloss auf, umarmte seinen Vater, obwohl ihm die Umarmung seit langem unangenehm war. Kurt roch. Es war der Geruch des Alters. Er saß tief in den Zellen. Kurt roch auch gewaschen und zähnegeputzt.
– Erkennst du mich, fragte Alexander.
– Ja, sagte Kurt.
Sein Mund war mit Pflaumenmus verschmiert, der Morgendienst hatte es wieder mal eilig gehabt. Seine Strickjacke war schief geknöpft, er trug nur einen Hausschuh. Alexander machte Kurts Essen warm. Mikrowelle, Sicherung einschalten. Kurt stand interessiert daneben.
– Hast du Hunger, fragte Alexander.
– Ja, sagte Kurt.
– Du hast immer Hunger.
– Ja, sagte Kurt.
Es gab Gulasch mit Rotkohl (seit Kurt sich an einem Stück Rindfleisch einmal fast tödlich verschluckt hatte, wurde nur
noch Kleinteiliges bestellt). Alexander brühte sich einen Kaffee. Dann nahm er Kurts Gulasch aus der Mikrowelle, stellte es auf die Igelit-Decke.
– Guten Appetit, sagte er.
– Ja, sagte Kurt.
Begann zu essen. Eine Weile war nur Kurts konzentriertes Schniefen zu hören. Alexander nippte an seinem noch viel
zu heißen Kaffee. Sah zu, wie Kurt aß.
– Du hast die Gabel falsch herum, sagte er nach einer Weile.
Kurt hielt einen Augenblick inne, schien nachzudenken. Aß dann aber weiter: Versuchte, das Stück Gulasch mit dem
Gabelstiel auf die Messerspitze zu schieben.
– Du hast die Gabel falsch herum, wiederholte Alexander.
Er sprach ohne Betonung, ohne mahnenden Unterton, um die Wirkung der reinen Begriffe auf Kurt zu testen. Keine Wirkung. Null. Was ging in diesem Kopf vor? In diesem immer noch durch einen Schädel von der Welt abgegrenzten
Raum, der immer noch irgendeine Art Ich enthielt. -> Fortsetzung der Leseprobe beim Rowohlt Verlag

Eugen Ruge auf Lesereise:

18.10.2011 – Schleswig-Holstein-Haus, Schwerin
20.10.2011 – Göttinger Literaturherbst, Göttingen
31.10.2011 – Literaturhaus Frankfurt, Frankfurt
01.11.2011 – Buchhandlung Hugendubel, Erfurt
02.11.2011 – Buchhaus Loschwitz, Dresden
07.11.2011 – Berliner Ensemble, Probebühne, Berlin
08.11.2011 – Koeppenhaus, Literaturzentrum Vorpommern, Greifswald
10.11.2011 – Villa Quandt, Potsdam
11.11.2011 – Thalia Buchhandlung, Rostock
15.11.2011 – Buchhandlung zur Heide, Osnabrück
16.11.2011 – Literaturhandlung im Heine Haus „Müller & Böhm“, Düsseldorf
17.11.2011 – Buchhandlung Mechthild Kaiser, Köln
18.11.2011 – Mediothek Krefeld
21.11.2011 – Literaturhaus Stuttgart + SWR, Stuttgart
22.11.2011 – RavensBuch, Ravensburg
23.11.2011 – Literaturhaus München, München
24.11.2011 – Literaturhaus Nürnberg, Nürnberg
30.11.2011 – Kulturbühne Buchbox, Berlin
01.12.2011 – Buchhandlung Gloess, Oldenburg
02.12.2011 – Kulturzentrum Marstall, Ahrensburg
05.12.2011 – Buchhandlung Osiander, Heilbronn
06.12.2011 – Buchhandlung Osiander, Reutlingen
07.12.2011 – Buchhandlung Osiander, Memmingen
08.12.2011 – Buchhändlerkeller, Berlin

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Quellen: Deutscher Buchpreis, Rowohlt Verlag