Facebook Seite Feed abonnieren

Der schönste erste Satz von Oscar Wilde

27. September 2007 | Von | Kategorie: Bücher, Der schönste erste Satz

Oscar WildeStarker Rosenduft durchströmte das Atelier, und als ein leichter Sommerwind die Bäume im Garten hin und her wiegte, kam durch die offene Tür der schwere Geruch des Flieders oder der feinere Duft des Rotdorns.

Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde

Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde
wurde am 16. Oktober 1854 in Dublin als zweites Kind des Arztes Sir William Wilde und Lady Francesca Wildes geboren. Seine Mutter schrieb als junge Frau unter dem Pseudonym Speranza antibritische Gedichte und führte später als stets unangepaßtes Mitglied der höheren Gesellschaft einen literarischen Salon. Nach Studien in Dublin und Oxford lebte er ab 1879 in London, wo er durch seine extravagante Lebensweise als Prototyp des Dandies bekannt wurde. Nach seinen ersten literarischen Erfolgen unternahm er Vortragsreisen in Amerika und England. 1895 wurde Oscar Wilde wegen eines homoerotischen Verhältnisses zu Lord Alfred Douglas nach einem spektakulären Prozeß zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, ein Schicksal, das ihn als Menschen brach. Am 30. November 1900 starb er in Paris, wo er die letzten Lebensjahre unter dem Pseudonym Sebastian Melmoth von Freunden unterstützt und dem Alkohol verfallen verbracht hatte.

Das Bildnis des Dorian GrayDas Bildnis des Dorian Gray

Für den Maler Basil Hallward verkörpert Dorian Gray die unvergleichliche Muse, die ihm als Künstler zu voller Blüte verhilft und ihm Genialität einflößt. Lord Henry erscheint dieser anmutige Jüngling wie ein hohles Gefäß von vollendeter Form, das darauf wartet, geöffnet und von Leben erfüllt zu werden. Basil betet Dorian als den Inbegriff von Aufrichtigkeit, Tugend und vollendeter Schönheit an. Für Lord Henry ist er hauptsächlich ein sehr interessantes Experiment. Von der Ausstrahlung seines jungen Freundes geblendet und ihm völlig ergeben, überschüttet Basil ihn mit einer Flut an Komplimenten. Scharfzüngig, mit herrlich extremen Aussagen und provozierenden Thesen, versetzt Lord Henry den noch schlummernden Geist Dorians mit seinen paradoxen Philosophien in Aufruhr. Basil, von Dorians scharlachroten Lippen, den goldenen Haarwellen und den weiten blauen Augen betört, versucht, seine einzigartige Schönheit in einem großen Kunstwerk zu verewigen. Lord Henry, von seiner Unwissenheit und Formbarkeit angetan, verhilft ihm mit messerscharfem Geist und hypnotischer Redegewandtheit zu einer zweifelhaften Bewußtheit.

Dorian Gray erschauert, als er sich auf dem fertiggestellten Gemälde erblickt, und in seinem Entzücken über sich selbst richtet er einen wahnwitzigen und folgenschweren Wunsch an das Universum: Möge er in Wirklichkeit immer so jung und schön bleiben wie auf diesem Porträt. Stattdessen solle das Bild für ihn altern. Sein Gebet wird auf mystische Weise erhört. Dorian, vergiftet durch den schlechten Einfluß von Lord Henry und eines Romans, den dieser ihm zu lesen gibt, gerät immer mehr zum Opfer seiner innersten Abgründe. Nach außen hin bleibt er makellos, doch sein Porträt, das er voller Furcht vor Entdeckung in einem verstaubten Zimmer auf dem Dachboden versteckt, offenbart ihm die Verfehlungen seiner Seele erbarmungslos und auf gräßlichste Weise.

Verschleiert, wie es zu Oscar Wildes Zeiten nur möglich war, schwingt das Thema der Homosexualität mit. Viel dreht sich um männliche Schönheit und Jugend, um die zweifelhafte Moral der Gesellschaft, um verborgene Sünden und geheimnisvolle Anziehungskräfte und um schwerwiegende Gefühle von Schuld.

Wildes einziger Roman ist ein Werk von großer Eigenart, geschrieben in der für Wilde typischen blumigen und äußerst kunstvollen Sprache, voller gewagter und tiefgründiger Spekulationen um die Doppelnatur der menschlichen Seele und um das mysteriöse Wechselspiel zwischen Kunst und Leben. In ihm spielt das Reale mit dem Irrealen. Es beschreibt die Tragödie um den Identitätsverlust einer dekadenten Seele. -

Tweet about this on TwitterShare on Google+Share on Facebook

13 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. @mamalinde, nein, das geht natürlich nicht – habe es richtig gestellt :-)
    @dolce, so ein schönes Buch hast du da ausgesucht!

  2. Hhm… wie romantisch… fehlt nur noch mein Lieblingspflänzchen Goldregen! Bei solcher Duftüberflutung würde sogar ich mal ne Zeitlang nicht rauchen… ;-)

  3. tja lieber Don, dann wirst du wohl weiter rauchen müssen, es sei denn, die Düfte von Orangen, Lebkuchen, Zimt, Vanille, können dich ebenfalls animieren es zu lassen :-) LG

  4. Also als Literatur-Noob gebe ich mal einen Hinweis. Ich weiss zwar nicht ob es Weltliteratur ist aber bekannt ist es auf alle Fälle! Und nix furchtbar Neues nicht ;-)

  5. @Dolcevita: Mit meinem Kommentar wollte ich denjenigen, die es wissen, versteckt zu verstehen geben, dass ich es auch schon weiß!

    Gelle, Dolce? 2. Abs.?

  6. er weiß, dass er nichts weiß, wie all die anderen auch nichts wissen, nur weiß er, was die anderen und auch er, noch lernen müssen… :-)

  7. Ich wollte denjenigen, die es wissen, zeigen, dass ich es auch weiß, und denjenigen, die es nicht wissen, den Weg zum Wissen nicht allzu deutlich aufzeigen…

  8. :lol: du weißt ne ganze Menge..
    Ich habe den Satz gelesen und wusste sofort, dass ich ihn kenne, bin aber gar nicht auf die Idee gekommen den zweiten Satz zu lesen: Von dem Perserdiwan, auf dem er lag und nach seiner Gewohnheit unzählige Zigaretten rauchte, konnte Lord Henry Wotton gerade die süßduftenden Blüten eines honigfarbenen Goldregenstrauchs gewahren, dessen zitternde Zweige die Last einer so flammenden Schönheit kaum tragen zu können schienen ; ..
    fast noch schöner als der erste, werde lernen deine Worte besser zu beachten *g

  9. Ich habe es sofort gewusst, schon, als Dolce den “verfälschten” Vorschlag gemacht hat. Gerade der Anfang dieses Buches hat sich bei mir unauslöschlich eingeprägt – Natur pur, Tabakqualm, London…

    Ich habe mir übrigens mal wieder “A Tale of Two Cities” zum baldigen Lesen bereit gelegt, in einer frühen Ausgabe von Chapman & Hall mit den wunderschönen Illustrationen von Phiz!

  10. Wie passt das denn zusammen, Natur, Tabak und London? Muss ja eine interessante Geschichte sein :-)
    Von Dickens kenne ich eigentlich nur Oliver Twist und natürlich einige Verfilmungen, hört sich ja so an, als würdest du mir “A Tale of Two Cities” als nächstes empfehlen.
    Wenn du magst, kannst du einen Neuvorschlag machen – nehme mal an du hast gewonnen *g

  11. Wie das zusammenpasst, darfst du doch nicht mich fragen! Das Setup dieser interessanten Geschichte stammt schließlich von Oscar höchstpersönlich…

    Dickens’ “A Tale of Two Cities” ist zwar empfehlenswert, aber im Original doch etwas mühselig zu lesen. Also weniger was für zwischendurch, sondern eher ein Bonbon für den anglophoben Buchtrinker und Seitenfresser…

    Den Siegerkeks nehme ich gerne an, aber die Neuvorschlags-Option reiche ich weiter. Sonst besteht nämlich möglicherweise die Gefahr, dass diese schöne Rubrik auf längere Zeit blockiert ist… ;-)

  12. Na gut, überredet, diesen Vorschlag mache ich doch noch:

    Es kam so: Padre Quijote hatte bei seiner Haushälterin das Mittagessen bestellt, das er immer allein einnahm, und machte sich nun auf, in einem Konsumladen, der acht Kilometer von Toboso entfernt an der Hauptstraße nach Valencia lag, Wein einzukaufen.

    Einen Tipp gebe ich mit: Der Autor entging mehrere Male nur knapp dem Literatur-Nobelpreis!

Schreibe einen Kommentar