Rembrandt & Elsje: Der Maler und das Mädchen von Margriet de Moor

Der Maler und das Mädchen von Margriet der Moor

Elsje Christiaens war ein 18-jähriges Mädchen aus Jütland (Dänemark), das Anfang Mai 1664 in Amsterdam zum Tode verurteilt und öffentlich auf dem Dam-Platz vor dem Rathaus mit einem Strick erwürgt wurde. Zur Abschreckung wurde ihre Leiche an einen Galgen gehängt und auf die Halbinsel Volewijk, auf die andere Seite des IJ, gebracht, wo sie „van de Locht und ‚t Geflügel verzehrt“ wurde. Einige Tage zuvor hatte Elsje ihre Vermieterin, eine Schlaffrau, mit der Axt erschlagen.

Rembrandt ruderte noch an Elsjes Todestag nach Volewijk und fertigte zwei Skizzen von dem toten Mädchen am Galgen an. Bemerkenswert ist der unschuldige, kindliche Gesichtsausdruck.

[…]“Er und Elsje. Von oben, mit den Augen der Vögel betrachtet, die sie beide, während sie in der Luft kreisen, bereits eindeutig im Blick haben, wirken sie wahrscheinlich klein und eng mit einander verbunden. Aus großer Entfernung aufeinander zugereist. Und jetzt diese Szene. Die Begegnung eines sehr dummen Mädchens und eines Mannes, der absolut nicht weiß, wohin mit seinem Kummer, aber viel vom Malen versteht. Was sie verbindet, verdichtet sich in diesem Moment. Wie wenig es doch braucht, damit er fortdauert, nicht nur für kurze Zeit, sondern für immer.„[…]

Margriet de Moor hat diesen Roman dem Maler gewidmet. Elsje war die Wegweiserin zu ihm, Rembrandt, dessen Name nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Die Handlung ist im 17. Jahrhundert angesiedelt, dennoch ist es kein rein historischer Roman, da die Autorin aus der Sicht des 21. Jahrhundert erzählt.

Im Dezember 1663 verschwindet Elsjes Schwester Sarah-Dina wortlos aus dem gemeinsamen Elternhaus. Elsje weiß, dass sie sich auf den Weg in die verlockende Stadt Amsterdam gemacht hat, um ihrer großen Liebe zu folgen. Sie hinterlässt Elsje 5 Taler, ein kleines Vermögen, und die stumme Botschaft, die immer mehr zu einem Befehl wird : „Komm du auch!“ Am 06. März 1664, noch mitten im dänischen Winter, verlässt sie glücklich und unbesorgt ihren Heimatort, Ragnar, der in sie verliebt ist und ihren Stiefvater. „Wie sollte sie ahnen, dass sie in Wirklichkeit nicht auf dem Weg in eine Erzählung ist, sondern in eine Zeichnung, Tusche auf Papier?“ Bei Treibeis landet ihr Schiff auf einer kleinen Insel, mit dem Schlitten erreicht sie die nächste Küstenstadt, um dann wiederum mit einem Schiff, das 50 Rinder geladen hat, endlich Mitte April in Amsterdam anzukommen. Schon am Ende der Rampe wird sie von einer Frau angesprochen, die ihr einen Schlafplatz anbietet. Elsje besitzt noch 2 Taler und einige Stuiver. Die Schlaffrau verlangt pro Woche einen Taler. Elsje macht sich ohne Erfolg auf die Suche nach ihrer Schwester in der großen Stadt Amsterdam. Das Geld ist bald verbraucht, und sie kann die Miete nicht bezahlen.  Sie schuldet der Wirtin nach zwei Wochen einen Taler. Sich zu prostituieren lehnt sie ab, und nachdem die Wirtin mit einem Besen auf sie losgeht, nimmt Elsje die Axt, die zufällig in einem Handwerkskasten in greifbarer Nähe liegt, und schlägt zu. „Eine Sache, die nur die beiden Frauen etwas angeht.“

Am 03. Mai 1664, dem Tag der Hinrichtung, strömen die Menschen zum Dam, um das Spektakel zu sehen. Rembrandt ist auf dem Weg zur Apotheke, er braucht Farben für sein neues Gemälde „Die jüdische Braut„. Die Hinrichtung interessiert ihn nicht, er macht einen Bogen um das Rathaus, in dem er anderthalb Jahre zuvor gedemütigt wurde. Eine Kommission hatte ein in Auftrag gegebenes Gemälde von ihm abgelehnt. Rembrandts 22-jähriger Sohn Titus steht in der Menge und sieht wie sie „das Ding“ ruckweise Stufe um Stufe höher hieven. Titus nimmt Elsjes Ende wie einen Sargträger auf die Schulter.

„Der Maler und das Mädchen“ ist in 29 Kapitel gegliedert, die Handlung spielt letztendlich an diesem einen Tag im Mai 1664, den Tag der Hinrichtung. Dennoch steht die Geschichte um Elsje nicht im Vordergrund. In erster Linie geht es um Rembrandt. Der Erzähler greift in nicht chronologischen Rückblenden das Leben des Malers auf und schweift von Zeit zu Zeit in die Gegenwart ab.  Es geht um Rembrandts Gemälde „Die jüdische Braut„, um seine Insolvenz im Jahr 1656 und den dadurch bedingten Verlust seines Hauses in der Breestraat, seiner kostbaren Besitztümer und Gemälde und um den Tod seiner Kinder und seiner beiden Frauen. Seine zweite Frau Ricky (Hendrickje Stoffels) starb 1663 an der Beulenpest. Der Krankheitsverlauf wird bis zum schrecklichen Ende genau beschrieben. Überhaupt räumt Margriet de Moor Rembrandt und seine Zeit mit Ricky viel Platz in dem Roman ein.

Nicht Schuld und Sühne ist das große Thema in diesem Roman, sondern Leben und Tod oder Licht und Schatten, ein Stilmittel, das Rembrandt immer wieder zur Betonung von Personen und Handlungen einsetze. Auch Margriet de Moor beleuchtet ihre Figuren und Kulissen in dem für sie typischen sachlichen Schreibstil immer wieder von zwei Seiten: Rembrandt als begabter Schüler und erfolgreicher Maler zum Ende hin sprachlos und vom Kummer gezeichnet. Die lebensbejahende Ricky, die nach sechs Tagen der Pest zum Opfer fällt. Elsje, die hoffnungsvoll aufbricht und unvermittelt am Galgen endet. Die Wirtin, die in ihrer neuen Mieterin eine zusätzliche Einnahmequelle sieht und jäh erschlagen im Keller liegt. Und nicht zuletzt die Stadt Amsterdam – ein lebendiger Ort mit prachtvollen Bauten einerseits und andererseits  ein Ort voll modrigem Gestank. Die Stadt weckt Hoffnungen und zugleich geht sie gnadenlos mit den Menschen um, foltert sie oder vollstreckt Todesurteile.

Die Autorin urteilt nicht und wirkt nie moralisierend. Das Ergebnis ist ein faszinierender, spannender Roman mit vielen historischen Details in einer wunderbar funkelnden Sprache – ein Meisterwerk.

Kurzbeschreibung
Warum erschlug die achtzehnjährige Elsje, gerade erst nach Amsterdam gekommen, ihr Zimmermädchen mit einem Beil? Und was veranlasste den Maler Rembrandt, dessen Name nicht genannt wird, sich zu dem Leichnam zu begeben und ihn mit wenigen Strichen für immer festzuhalten? Margriet de Moor schreibt einen großen Roman über die Malerei, die Liebe und den Tod im Amsterdam des 17. Jahrhunderts. Wie eine Malerin wechselt sie in diesem Krimi zwischen Hell und Dunkel und verschränkt die gegensätzlichen Geschichten zu einer spannenden, ergreifenden Erzählung.

Die gebundene Ausgabe „Der Maler und das Mädchen“ umfasst 299 Seiten und ist im Februar 2011 im Hanser Verlag erschienen.

Über die Autorin
Margriet de Moor, geb. 1941, studierte in Den Haag Gesang und Klavier. Nach einer Karriere als Sängerin, vor allem mit Liedern des 20. Jahrhunderts, studierte sie in Amsterdam Kunstgeschichte und Architektur.

E-Book-Piraterie in Deutschland nimmt dramatische Ausmaße an

Eine Studie zur „E-Book-Piraterie in Deutschland„, die der „Welt am Sonntag“ vorliegt, ergab, dass das Raubkopieren in Deutschland dramatische Ausmaße angenommen hat. Illegale E-Bookseiten, auf denen sich Interessierte gratis an Hunderttausenden raubkopierten Büchern bedienen können, breiten sich rasend schnell aus. In unzähligen Piratenforen erfreuen sich vor allem teure wissenschaftliche Literatur und Belletristikbestseller großer Nachfrage, aber auch Hörbücher und in bester Qualität eingescannte Zeitschriften und Zeitungen finden zunehmend ihre Fans.

So soll ein fleißiger Internetfreak namens „2nicegirls“ bereits 1440 Buchtitel  von bis zu 30 Euro teuren Medizinfachbüchern von unterschiedlichsten Verlagen eingescannt und kostenlos zum Download ins Netz gestellt.

Guido F. Herrmann, Verlagsleiter bei dem Wissenschaftsverlag Thieme Chemistry ist alarmiert. „Nachdem Internetpiraterie bislang vor allem die Musik- und Filmindustrie gebeutelt hat, kommt das Problem jetzt bei den Fachverlagen an“, berichtet er. Schon heute seien die wirtschaftlichen Schäden für Thieme zwar schwer zu beziffern, aber auf alle Fälle „sehr gravierend„.

Der Studie zufolge soll z.B. die E-Paper-Version des Nachrichtenmagazins „Spiegel„, die zahlende Kunden Samstagabends ab 22 Uhr im Internet abrufen können, bereits eine halbe Stunde später bei etlichen illegalen Portalen im Internet zu finden sein.  Mehrere Hunderttausende holen sie sich dann kostenlos.

„Viele Verlage ahnen gar nicht, was da schlagartig auf sie zukommt, denn schon heute sind Millionen von Deutschen auf diesen Seiten unterwegs†œ, sagt Manuel Bonik, einer von zwei Autoren der Studie.

Laut einer Kalkulation, die der Münchner Hörbuchverlag angestellt hat, wurden innerhalb eines Jahres mehr als 165.000 illegale Downloads einer Harry Potter-CD verzeichnet. „Hätten nur ein Prozent der mutmaßlichen Downloader die CD rechtmäßig erworben, hätte der Handel mindestens 750.000 Euro mehr Umsatz gemacht†œ, rechnet Stephanie Häger aus der Lizenzabteilung des Hörverlags vor. (Wie Frau Häger allerdings auf diese Summe kommt, ist nicht nachvollziehbar! Anm. d. Red.)

Doch was treibt die Raubkopierer? Finanziell lohnt sich der Aufwand nicht, da die meisten illegalen Downloads gratis sind. „Ehre und Anerkennung in der digitalen Welt„, meint Internetspürhund Schaale, der vermutet, dass gelangweilte Bibliothekare in Uni-Bibliotheken und webaffine Yougster zu den Verlagsfeinden gehören. Auch wenn die Übeltäter theoretisch über die IP-Adressen ausfindig gemacht werden können, sind wahre Internetkenner perfekt getarnt oder agieren von entlegenen Erdteilen aus.

Das Unrechtsbewusstsein der Nutznießer ist gering. „Von meinem Einkommen kann ich mir keine Bücher mehr leisten. Das war früher anders. Also wenn ich welche brauchen würde, ziehe ich die mir runter„, lautet der erste Kommentar von einem gewissen „Freiherr“ zu dem Artikel „Download-Piraten entern nun die Buchverlage“ vom 12.03.2011 auf Welt Online.
Bei der Umfrage zu dem Thema „Hand aufs Herz: Haben Sie sich schon mal illegal Musik besorgt?“ haben 30 Prozent „klar, regelmäßig“ angegeben und 33 Prozent „nein, niemals. Das ist verboten„.

Quelle: Welt Online

Bücher in Bewegung: Iris Hanika erhält den Preis der LiteraTour Nord 2011

Die 49-jährige deutsche Autorin Iris Hanika erhält den mit 15.000 Euro dotierten Preis der LiteraTour Nord.

Die Jury würdigt mit dieser Entscheidung Hanikas bisheriges Werk, vor allem ihren 2010 erschienenen Roman „Das Eigentliche„, teilte die VHG-Stiftung als Veranstalter in Hannover mit.

In dem Roman beleuchtet Iris Hanika das Leben nach Auschwitz. Die Jury lobte den Roman als ein Sozio-Psychogramm der bundesdeutschen Gegenwart.

Iris Hanika wurde 1962 in Würzburg geboren und lebt in Berlin. Sie arbeitete zunächst als Journalistin. 2008 erschien ihr erster Roman „Treffen sich zwei„, mit dem sie in die Vorauswahl für den Deutschen Buchpreis kam.

Die seit 1992 bestehende Veranstaltungsreihe „LiteraTour Nord“ ist eine Lese-Tour durch die Städte Oldenburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Lüneburg und Hannover, bei der jeweils sechs deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus ihren neuen Büchern lesen. Veranstaltet werden die Lesungen von den dortigen Universitäten, Literaturhäusern und Buchhandlungen.

Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger:  Bernd Eilert, W.G. Sebald, Wilhelm Genazino, Anne Duden, Robert Gernhardt, Christoph Hein, Emine Sevgi Özdamar, Dirk von Petersdorff, Josef Haslinger, Bodo Kirchhoff, Liane Dirks, Hartmut Lange, Terézia Mora, Karl-Heinz Ott, Thomas Hürlimann, Katja Lange-Müller, Jenny Erpenbeck und Matthias Politycki (2010).

Quelle: Radio Bremen

grauenhaft und real: Tiger, Tiger von Margaux Fragoso

Am 07.03.2011 erschien Margaux Fragosos autobiografischer Roman „Tiger, Tiger“ zeitgleich in 22 Ländern. Schon im Vorfeld wurde heftig darüber diskutiert, denn die Meinungen über das Buch gehen weit auseinander. Laut Spiegel Online ist es ein „grauenhaftes Buch, aber auf keinen Fall ein schlechtes.“

Grauenhaft ist die Geschichte, die Fragoso erzählt – weil es ihre eigene ist. Die Autorin ist heute Anfang 30, Mutter einer Tochter, und „Tiger, Tiger“ ist die Geschichte ihrer gestohlenen Kindheit. Es geht um Missbrauch und nicht um Tiger. Im Alter von 7 Jahren lernt Margaux Fragoso den 51-jährigen Pädophilen Peter Curran kennen. 15 Jahre später bringt er sich um, davor war er Freund, Ersatzvater und Geliebter von Margaux. Viele haben das gewusst, doch niemand hat eingegriffen.

„Tiger, Tiger“ ist kein Buch, das man gern liest. Man hat Fragoso schon die naive Erzählhaltung vorgeworfen, denn abgesehen von Vor- und Nachwort bewertet sie die Erlebnisse nicht, sondern beschreibt sie wie eine große Rebellions- und Liebesgeschichte. Diese Distanzlosigkeit ist eine Stärke des Buches: Die Autorin schlüpft zurück in die Perspektive des kleinen Mädchens. Für Fragoso mag das ein therapeutischer Akt gewesen sein, für den Leser ist es kaum auszuhalten.“

Kurzbeschreibung
An einem Sommertag in einem öffentlichen Freibad trifft Margaux Fragoso auf Peter Curran, der mit seinen Stiefsöhnen dort ist, und fragt, ob er mit ihr spielen will. Sie ist sieben, er 51. Als sie einige Zeit später mit ihrer Mutter in sein ungewöhnliches Haus eingeladen wird, findet das Mädchen dort ein zauberhaftes Kinderparadies vor, voller seltsamer Haustiere, Bücher, Musik und magischer Spielzeuge. Margaux Mutter ist liebevoll, aber vom Alltag überfordert und psychisch krank. Immer mehr überlässt sie Peter in fataler Verkennung dessen, was vor ihren Augen geschieht, ihre Tochter. Bald will Margaux ihre gesamte Zeit bei Peter verbringen, der eine ganze Welt für sie erschafft – ganz so wie Lewis Carroll es für Alice getan hat.
Ihre Beziehung entwickelt sich schnell vom Unschuldigen zum Illegalen. Mit der Zeit erschleicht sich Peter die Rolle von Margaux Spielkameraden, wird zu ihrem Vater, dann zum Liebhaber und Eroberer. Charmant und abstoßend, warmherzig und gewalttätig, liebevoll und manipulativ dringt Peter in jeden Bereich von Margaux Leben ein und verwandelt sie von einem vor Phantasie und Gefühl sprühenden Mädchen in eine jung-alte Frau am Rande des Suizids. Die Umwelt wird auf das ungleiche Paar aufmerksam, doch alle Erkundungen von außerhalb verlaufen im Sand. Als sie 22 ist, ist es Peter, der sich, gequält von der Angst, sie zu verlieren, mit 66 Jahren das Leben nimmt.

Über die Autorin
Margaux Fragoso hat unerschrocken ihre eigene Geschichte aufgeschrieben: Lolitas Geschichte, erzählt aus der Perspektive des Mädchens. In poetischer Sprache und mit bestrickender Klarheit hat Margaux Fragoso die dunkelsten Phasen ihres eigenen Lebens niedergeschrieben, und hilft uns damit zu verstehen, wie Pädophile vorgehen, ganz öffentlich und doch geheim, um Kindern ihre Kindheit zu stehlen. Entstanden ist ein außergewöhnlicher autobiographischer Roman, der einen nie da gewesenen Einblick in ein unbegreifliches Geschehen gibt, und mehr als nur das: ein Roman, der die heilende Kraft beschwört, die das Erinnern und das Aussprechen der Wahrheit haben kann. Margaux Fragoso hat kürzlich ihren PhD in English und Creative Writing an der Binghamton University abgeschlossen, wo sie gemeinsam mit dem Romanautor John Vernon studiert hat. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten und Gedichte in amerikanischen Literaturmagazinen, darunter The Literary Review, Barrow Street, Pennsylvania English, Margie, Other Voices und Paddlefish. „Tiger, Tiger“ ist ihre erste Buchveröffentlichung. Margaux Fragoso †“ heute selbst Mutter †“ will mit ihrem autobiographischen Roman Eltern und Kinder für das Thema Pädophilie sensibilisieren. Sie versteht ihren Text als Beitrag, um zu verhindern, dass noch mehr Kinder in den Bann eines Menschen wie Peter geraten und dass sich das, was sie selbst über den Zeitraum von 15 Jahren durchlebt hat, wiederholt.

PROLOG

Ich begann, dieses Buch im Sommer nach dem Tod von Peter Curran zu schreiben, den ich mit sieben Jahren kennenlernte und mit dem ich fünfzehn Jahre eine Beziehung hatte, bis er im Alter von sechsundsechzig Selbstmord beging.

In der Hoffnung, dem, was geschehen ist, einen Sinn zu geben, habe ich die Geschichte meines Lebens aufgezeichnet. Selbst wenn ich nicht an ihr arbeitete, wenn sie nur in einem Fach meines Wandschranks lag, überfiel mich täglich um Punkt zwei Uhr nachmittags die Verzweiflung und erinnerte mich an das Geschehene, denn das war die Zeit, wenn Peter mich zu unserer täglichen Spazierfahrt abholte. Dieselbe Verzweiflung quält mich noch heute um fünf Uhr nachmittags, dann, wenn ich ihm immer, den Kopf an seiner Brust, etwas vorlas. Um sieben Uhr abends, wenn er mich in den Arm nahm, und schließlich um neun Uhr, wenn wir zu unserer abendlichen Rundfahrt aufbrachen: zuerst auf dem Boulevard East in Weehawken, dann zur River Road und anschließend hinunter zum Imbiss Royal Cliffs, wo ich einen Becher Kaffee mit viel Sahne und exakt sieben Stück Zucker und einen Brotpudding mit Rosinen und Schlagsahne kaufte oder, wenn Peter etwas anderes wollte, einen Reisauflauf. Wenn ich wieder im Wagen war (dem Granada, dem Cimarron, dem Escort oder dem schwarzen Mazda), wendete er, und wir fuhren über die River Road und den Boulevard East zurück, vorbei an den teuren Häusern im viktorianischen oder neogotischen Stil, blickten über den Hudson River hinüber zu den Lichtern der Wolkenkratzer, die wie tausend Spiegel funkelten, und manchmal hielten wir an und beobachteten ein Gewitter.

In einem seiner Abschiedsbriefe schlug Peter mir vor, ich solle meine Erinnerungen an unser gemeinsames Leben niederschreiben – eine völlig abwegige Idee. Denn unser Leben, unsere gemeinsame Welt hatten ja nur durch Heimlichkeiten bestehen können; hätte man uns unsere Lügen und unsere Geheimsprache, unsere Blicke, Symbole und Verstecke genommen, hätte man uns alles genommen. Und wäre mir das im Alter von zwanzig oder fünfzehn oder zwölf passiert, ich hätte mich vielleicht umgebracht, und niemand mehr hätte von dieser kleinen Insel erfahren können, die aus Lügen und geheimer Sprache, aus versteckten Blicken, Symbolen und Lieblingsorten bestand. Wenn man all diese Geheimnisse zusammen nahm, hätte man den Universalschlüssel gehabt, doch fragen Sie einen Schlosser, ob es den Universalschlüssel gibt, der jedes Schloss der Welt öffnen kann, er wird es verneinen. Allerdings ist es durchaus möglich, einen Schlüssel herzustellen, der in einem bestimmten Gebäude sämtliche Türen öffnet. Die Schlösser sind dann so konstruiert, dass der sogenannte Generalschlüssel in alle passt; einen Schlüssel für jedes schon existierende Schloss zu entwerfen ist hingegen nicht möglich. Peter wusste das, weil er einmal einen Generalschlüssel für ein Krankenhaus angefertigt hatte; er hatte sich das selbst beigebracht, hatte erst abends das Handwerk in Bibliotheken studiert und dann, nachdem er sich in eine Anstellung geblufft hatte, entsprechende Erfahrungen in der Praxis gesammelt.

Stellen Sie sich ein ungefähr siebenjähriges Mädchen vor, das die roten Kugeln aus dem Kaugummiautomaten mag, aber die blauen und grünen nicht anrührt, ein Kind, dessen Turnschuhe keine Schnürsenkel, sondern Klettverschlüsse haben, ein Kind, dessen Beine sich um das metallene Pferdchen im Einkaufszentrum Pathmark klammern, nachdem ein Vierteldollar eingeworfen wurde. Ein Mädchen, das Angst hat vor den Jokern im Kartenspiel und deshalb verlangt, dass sie vor dem Spielen herausgenommen werden, das seinen Vater fürchtet und keine Puzzles mag (zu langweilig!), ein Kind, das Hunde, Kaninchen, Leguane und Wassereis liebt, das gerne hinten auf dem Motorrad mitfährt, denn welches siebenjährige Kind darf das schon? Ein Mädchen, das nie nach Hause gehen will, weil Peters Haus wie ein Zoo ist, und vor allem, weil es lustig ist bei Peter, weil Peter genauso ist wie sie, nur größer, und Dinge kann, die sie nicht beherrscht.

Vielleicht war ihm bekannt, dass sich die Zellen des menschlichen Körpers alle sieben Jahre erneuern und in jedem Zyklus aus den bisherigen Atomen einen neuen Menschen hervorbringen. Man könnte sagen, dass dieser Mann, also Peter, im Verlauf der nächsten sieben Jahre die sprießenden Zellen dieses Kindes neu programmierte. Aufmerksam prägte er sich ein, wie man dem Mädchen Freude bereiten konnte, folgte der deutlichen Spur seiner stillen Wünsche: Vanilleeis mit Orangenüberzug, wie ein Junge ohne Oberteil herumlaufen, sich von einer niedlichen rosa Hundezunge durchs Gesicht lecken lassen und einem Kaninchen zusehen, das frisches Grün mümmelt. Später lernte Peter gewissenhaft die Texte von Madonna auswendig und wusste die Titel von zwanzig Nirvana-Liedern.

Fortsetzung der Leseprobe bei der Frankfurter Verlags-Anstalt.

Geschichten vom Fliegen: Germanwings vergibt Story Award

Buchveröffentlichung und/oder tolle Kurzreisen winken den Gewinnern beim 4. „Germanwings Story Award“

Germanwings und das Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat veranstalten nach den Erfolgen der vergangenen drei Jahre nun zum vierten Mal den Kurzgeschichten-Wettbewerb rund um das Thema Fliegen.

Auf Flugreisen kann man die außergewöhnlichsten, witzigsten und spannendsten Geschichten erleben †“ und das ist in jedem Fall eine Geschichte wert. Alle, die Spaß am Schreiben haben, können bis zum 20. März 2011 mitmachen †“ der Fanatasie sind keine Grenzen gesetzt.

Teilnehmen können Kurzgeschichten zum Thema „Fliegen„, die als Textdatei (Word, RTF) oder PDF eingereicht werden. Die Geschichte sollte maximal 25.000 Zeichen inkl. Leerzeichen aufweisen.

Als Hauptpreis winken die Veröffentlichung in der kommenden Anthologie „Geschichten vom Fliegen IV“ und Kurzreisen sowie viele Sonderpreise.

Die Siegergeschichten werden von einer prominenten Fachjury, unter anderem von Bestsellerautorin Nele Neuhaus, ermittelt und auf der feierlichen Gala in Köln prämiert.

Die Geschichten können per Mail an service@mv-verlag.de geschickt werden.

Mehr Informationen gibt es auf www.germanwings-story-award.de. Die Erfolgsgeschichten der letzten Jahre sind nachzulesen in den „Geschichten vom Fliegen I-III„.