Angie und Doc Jane sind bekennende Fans der Autorin J.R. Ward und der von ihr geschriebenen mittlerweile 18-teiligen Black Dagger-Serie.

Die beiden Ladies haben sich hier vor über zwei Jahren zufällig getroffen und halten seitdem einen regen Austausch über Gott und die Welt oder guten Cappuccino, lesenswerte Bücher, Schuhe, Friseurtermine, die Liebe und das Leben, Lust und Frust – und natürlich über Männer!

Logisch, dass die im wahren Leben schwer zu finden sind, dafür gibt eine nahezu perfekte Mannschaft hier auf Black Dagger-Island. 😉

Quelle Foto: Malediven-©KingKurt22, Wikipedia

Angie, Doc und Kerstin sind bekennende Fans der Autorin J.R. Ward und der von ihr geschriebenen mittlerweile 16-teiligen Black Dagger-Serie.

Die drei Ladies haben sich hier vor fast zwei Jahren zufällig getroffen und halten seitdem einen regen Austausch über die Liebe und das Leben, Lust und Frust – in erster Linie allerdings über Männer! Unermüdlich sind sie auf der Suche nach der Idealbesetzung der anziehenden Helden der Bruderschaft der Black Dagger. Logisch, dass die im wahren Leben schwer zu finden sind. 😉

Am 08. Februar 2011 ist der 16. Band der Black Dagger-Reihe erschienen. Die Black Dagger-Ladies warten schon jetzt auf den 17. Teil, der im Juni 2011 auf den Markt kommen soll.

Der Zuckerberg! 😉

Back Dagger Ladies Online

Showdown
Kapitel 17

Lilli, Lucy, Raphaello, Nando, Gavin, Doc und Bowen waren unweit von den anderen in einem parallelen Tunnel unterwegs. Die Luft war abgestanden und muffig. „Hier könnte man auch mal lüften, und diesör Schwefelduft – fast wie im Limbo…“ Doc zog Ef-Ef aus ihrer Jackentasche. „Hör zu, Kleiner, ich würde hier auch nicht einziehen wollen, trotzdem halt jetzt bitte die Klappe, sonst setze ich dich hier aus.“ Der Dämon schmollte mal wieder und wurde zurück in die Tasche gesteckt. Die Neonröhren an der Decke flackerten, es war so still, dass man es sogar hören konnte. Nach ungefähr 20 Metern machte der Tunnel eine scharfe Rechtskurve. In der Biegung befand sich eine Tür. Sie blieben dort stehen.
Lilli blickte auf ihr Golden Eye und teilte allen mit: „Hinter der Tür befindet sich eine Treppe, und die führt hoch in eines der südlichen Aristokratengebäude. Der Wärmebildmodus zeigt nur eine Person an. Keine magischen Schwingungen, es wird sich wohl um einen Menschen handeln.“ Lucy blickte auch auf ihr kleines Navi. „Wenn wir diesem Tunnel weiter folgen, müssten wir nach ca.100 Metern das Hauptlabor erreichen. Dort befinden sich auch die Klone. Am besten gehen Bowen und Doc da hoch, ihr erledigt den Einzelkämpfer und kommt dann wieder hier runter. Wir anderen gehen schon mal vor, es wird leichter sein im Labor alles zu vernichten, solange uns hier noch keiner bemerkt hat.“ Bowen nickte zustimmend. „Gute Idee, so machen wir das, wir kommen dann gleich nach. Lasst uns auch noch etwas übrig.“ Dann zog die Truppe Richtung Labor los. Bowen und Doc standen nun allein vor der Tür.
„Ich würde sagen, Ladies first“, flüsterte Doc ihm zu und hatte schon die Hand an der Klinke. Bowen hielt sie zurück und küsste sie noch einmal. „Okay, dann leg los, Süße. Und denk dran – immer schön draufhalten.“ „Alles klar, Clyde. Bonnie ist doch ein Profi.“ Dann klopfte sie nochmal auf ihre Jackentasche. „Und du bist schön still da drin, dann gibt’s nachher ein Snickers und ein Guiness für dich.“ Sie zwinkerte Bowen nochmal zu, dann öffnete sie mit gezogener Waffe im Anschlag die Tür. Beide stiegen leise die Treppe nach oben, bis sie vor einer weiteren Türe standen. Doc trat sie auf und richtete ihre SIG direkt auf den unscheinbaren Mann, der hinter dem einzelnen großen Schreibtisch saß. Sie waren in einem Büro gelandet. Hinter dem Mann am Schreibtisch befand sich eine weitere Tür, die wahrscheinlich auf den Hauptplatz nach draußen führte. Offensichtlich war der Mann, dem weißen Kittel nach zu urteilen, ein Labormitarbeiter. Er hatte kurzes dunkles Haar, asiatische Gesichtszüge und trug eine Brille. Er war gerade dabei etwas in die Tastatur an seinem Computer zu schreiben. „Keine Bewegung! Hände hoch und langsam aufstehen, Gesicht zur Wand!“ Er blickte auf und sah Doc böse an. Irgendwo hatte sie ihn schon einmal gesehen. Ihr blieb keine Zeit darüber nachzudenken. Er erhob sich langsam, machte aber nicht im Geringsten den Eindruck, als würde ihn die Waffe, die auf ihn gerichtet war, beeindrucken. Anstatt die Anweisung zu befolgen, ging er langsam auf sie zu. Doc zögerte nicht und feuerte ab. Einmal, zweimal, ein drittes Mal, die Kugeln prallten an dem Kerl einfach ab! Dann passierten mehrere Dinge auf einmal.
Der vermeintliche Labormitarbeiter war auf einmal von einer schwefeligen stinkenden Rauchwolke umgeben. Docs Augen brannten fürchterlich und sie bekam kaum Luft. Bowen stand plötzlich neben und nicht mehr hinter ihr. Da löste sich der Rauch auf, und Dungeon, das Oberhaupt der Red Dragon stand in seiner beeindruckenden Drachengestalt vor ihnen. Sein ganzer, jetzt 3 Meter großer Körper war von rot schimmernden Schuppen überzogen. Er hatte einen langen stachligen Schwanz, mit einer klingenförmigen Spitze, die extrem scharf aussah. Auf seinem Rücken wuchsen zwei blutrot glänzende Flügel. Rauch kam aus seinen Nasenlöchern, und seine Hände wurden zu großen Pranken mit je drei großen Krallen, ebenso seine Füße. Er sah irgendwie wunderschön und erschreckend tödlich zugleich aus. Er blickte sie aus glühend roten Reptilien-Augen an. Plötzlich fiel Doc wieder ein, woher sie ihn kannte.

Seite 206

„Verflucht! Jane, lauf zurück, und hol die anderen“, hörte sie Bowen schreien, doch sie konnte sich nicht rühren, Dungeon hielt sie mit seinem Blick gefesselt. „Bowen, ich, ich kann mich nicht bewegen, seine Augen und der Schwefel, den ich eingeatmet habe, haben mich gelähmt.“ „Ja, Vampir was macht ihr beiden jetzt, hm?“, fauchte Dungeon. „Gegen meine uralten Drachenkräfte kommt ihr nicht an, nicht einmal die schwarzen Druiden konnten mich besiegen. Ich habe sie zu meinen Marionetten gemacht. Wenn du deiner Liebsten noch etwas sagen möchtest, solltest du es jetzt tun, ich werde sie gleich grillen, und dann lasse ich sie mir schmecken. Danach schnappe ich mir den Rest von eurer Truppe.“ Bowen hatte nur einen einzigen Gedanken, er musste Jane aus der Schusslinie bringen. Neben der Tür, durch die sie gekommen waren, stand ein antiker Stuhl. Er schnappte ihn sich und ging damit auf Dungeon los. Das Möbelstück zerbarst, doch der Drache zuckte nicht mal mit der Wimper. Bowen ging auf ihn los und versuchte ihn irgendwie dazu zu bringen seinen Blick von Doc abzuwenden. Er zog sein Schwert und stach damit mehrfach auf seine Brust ein. Es waren enorme Kräfte notwendig diese stahlharten Schuppen zu durchbohren, doch in seiner Verzweiflung den Drachen von Doc abzulenken, gelang es ihm und brachte ihm die gewünschte Aufmerksamkeit. Dungeon schlug nach Bowen und wandte seinen Blick endlich ihm zu. Er fegte mit seinem Schwanz den Schreibtisch hinter sich an die Wand, der in kleine Stücke zerbröselte. Alleine konnten sie dieses Geschöpf niemals besiegen. Unablässig schlug Bo mit seinem Schwert auf den Gegner ein. Dieser versuchte ihn mit Prankenhieben abzuwehren. Bowen wich geschickt aus. Er drehte sich um und rief: „Jane, zurück in den Tunnel!“ Langsam bewegten sie rückwärts zu der Tür, durch die sie gekommen waren. In die unterirdischen Gänge würde er ihnen in dieser Gestalt niemals folgen können, er war einfach zu groß. Sie war schon an der Treppe, doch bevor Bowen die Tür erreichen konnte, erwischte Dungeon ihn und zog ihm die Pranke über den Rücken. Da er ihnen nicht folgen konnte, fauchte er noch wütend: „ Euch kriege ich noch… ALLE!“ Er wandte sich ab und stampfte wutschnaubend aus dem Gebäude heraus, riss dabei die Tür aus den Angeln und einen guten Teil der Mauer raus. Durch das klaffende Loch in der Wand konnte sie noch erkennen wie er sich in die Luft erhob. Bowen schloss die Tür hinter sich. Er stand auf dem obersten Treppenansatz und spürte plötzlich wie ihm das Blut den Rücken entlang floss. Erstaunt blickte er Doc an, seine Beine knickten ein und dann fiel er kopfüber die Treppe herunter. Unten angekommen, schlug er hart auf und blieb auf dem Bauch liegen. Sie eilte ihm hinterher und kniete sich neben ihn. Er zitterte, sein Gesicht war kreidebleich und Schaum bildete sich an seinem Mund. Ihr entfuhr aus tiefster Seele ein Schrei. Er war furchtbar verletzt. Seine Lederjacke war am Rücken zerrissen, das Hemd darunter auch. Von den Krallen zogen sich 3 tiefe, klaffende Wunden durch sein Fleisch bis auf die Wirbelsäule darunter. Sein Rücken war total zerfetzt. Man konnte auch noch andere Dinge erkennen, die nie das Tageslicht erblicken sollten. Es sah einfach grauenvoll aus. Bowen musste unvorstellbare Schmerzen haben. Sie beide hatten keine Sekunde an den Alarmknopf von Golden Eye gedacht, so sehr waren sie fixiert darauf einander zu retten. Zum Glück war Ef-Ef in der Jackentasche, in der sich das Gerät befand, und schickte ein Alarmsignal an die anderen. Bowens anfängliches Zittern ging inzwischen in ein krampfartiges Zucken über. Seine Augen wurden trüb und glasig. „Der Mistkerl hat mich erwischt“, keuchte er. Sie legte ihre Hände auf die Wunde und versuchte ihn mit ihrer Magie zu heilen. Doch ihre Zauberkräfte prallten immer wieder zurück. „Verdammt, was soll das?“ „Jane, er hat mich vergiftet. Ich kann mich nicht selbst heilen. Und mit Magie funktioniert es auch nicht.“ „Was soll das heißen? Du, du bist ein Vampir, du stirbst an so einer Verletzung nicht.“ Ihr Herz zog sich zusammen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein, schnell rief sie in Gedanken ihr ganzes Wissen über ihre Heilkünste ab. Ihr fiel nichts ein.
Da kamen Duncan, Angie und Cyrus auf sie zugelaufen. Gott sei Dank, jetzt war sie nicht mehr alleine, sie wussten bestimmt, was zu tun war. Kerstin und Drago kamen schließlich auch noch durch den Tunnel auf sie zugelaufe. Drago sah auf die Wunde und murmelte: „Man, den hat´s aber ordentlich erwischt.

Seite 207

Zum Glück hat er seinen Kopf nicht verloren. Das wird schon wieder.“ Doc nahm kaum etwas anderes als Bowen wahr. „Duncan, das war Dungeon, er war hier und jetzt ist er weg…, fortgeflogen… da…!“ Sie zeigte auf die Treppe. „Bowen heilt nicht und meine Kräfte versagen auch, was soll das? Bitte, mach, dass es ihm besser geht.“ Sie wurde immer nervöser. Duncan beugte sich zu Bowen runter, der mit schmerzverzerrte Stimme flüsterte: „Duncan,… ich bin nicht der den ihr kennt… ich…“ Bowen musste husten, seine Stimme wurde immer schwächer. Duncan beugte sich tiefer zu ihm runter und legte sein Ohr an Bowens Mund. „Ich bin kein Vampir!“, röchelte Bowen nunmehr. Zuerst dachte Duncan, dass er sich verhört hatte, doch langsam realisierte er, was das bedeutete und für fatale Folgen haben würde. „Kerstin, Drago und Cyrus ihr müsst dem Drachen hinterher, schnell schnappt ihn euch.“ Das, was jetzt passieren würde, sollte nicht vor aller Augen geschehen. Zögernd gingen die Drei die Treppe nach oben. Cyrus blickte noch einmal besorgt zurück, die Tür schlug hinter ihm zu und sie waren nur noch zu Viert.
„Jane…“, murmelte Bowen, der nun immer stärker von Krampfanfällen geschüttelt wurde, sein Gesicht war schmerzverzerrt. Doc versuchte weiter verzweifelt ihre Heilkräfte anzuwenden, doch sie versagten ihr den Dienst und ihre Hände wurden immer zittriger. Duncan, der jetzt neben ihr kniete, sprach sanft und beruhigend auf sie ein: „Jane, es hat keinen Sinn, eine Drachenvergiftung ist die tödlichste Verletzung, die es gibt. Wenn er keine vampirischen Heilkräfte hat, können wir nichts mehr für ihn tun.“ „Das stimmt nicht, das geht doch nicht, er ist ein Vampir, wir haben unser Blut getauscht! Er kann nicht sterben.“ „Bowen, das stimmt doch, oder? Sag ihnen, dass du nicht stirbst!“ Duncan nahm ihre Hände von den Wunden und hielt sie fest. „Glaub ihm, Jane, er ist kein Vampir. Der Heilungsprozess hätte sonst längst eingesetzt.“ Bowen atmete rasselnd und mit immer leiser werdender Stimme murmelte er: „Duncan, die Bruderschaft war.., war mein Leben.“ „Bowen, sag so etwas nicht, du schaffst das schon. Wir sind doch Gefährten. Ich liebe dich.“ Janes Tränen tropften auf seine Wange. „Egal, was du herausfindest, Jane, ich liebe dich, zweifle niemals daran.“ Dann bäumte er sich auf und nach einem letzten Krampf blieb er mit geschlossenen Augen reglos liegen. Sein wunderschönes Gesicht – eine reglose Maske. „Nein, nein, das ist ein Trick. Bowen…“ Doc rüttelte ihn und versuchte seinen Puls zu fühlen. „Nein!“ Tausend Gefühle durchfluteten sie, versetzen ihrem Herzen Stiche. Sie spürte am anderen Ende ihrer Blutsverbindung… sie spürte gar keine Blutsverbindung mehr. Als Bowen im Limbo war, empfand sie endlose Leere, Schwärze. Aber jetzt nicht mal das, sondern rein gar nichts. Es war so, als hätte es nie eine Verbindung gegeben. Es müsste sie eigentlich in Stücke zerreißen. Sie blickte auf Bowen, er lag dort, tot. Sie hatte ihren Gefährten verloren. Unwiderruflich und endgültig. Als sie ihn so ansah, nahm sie alles wie aus weiter Ferne wahr, spürte nur leicht das Kitzeln ihrer eigenen Tränen. Liebevoll strich sie ihm ein letztes Mal seine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, gab ihm einen letzten Kuss auf die Wange. „Ich werde dafür sorgen, dass der Drache draufgeht, das schwöre ich dir.“ Sie spürte eine unglaubliche Wut in sich aufsteigen. Dieser Drache! Einfach abzuhauen… Er hatte Bowen auf dem Gewissen. Sie atmete tief durch, entschlossen und verwundert über ihren plötzlich so klaren emotionalen Zustand. Er war kein Vampir, was war er dann? Sie befanden sich gerade in einem großen gefährlichen Einsatz und sie musste sich zusammenreißen. Zusammenbrechen konnte sie hinterher immer noch. Sie stand auf und sah zu Angie, die mit geröteten Augen in Duncans Jacke dastand. Sofort wurde ihr klar, dass noch viel mehr nicht stimmte. Sie schrieb es dem Schock zu, dass sie noch so klare Gedankengänge hatte, obwohl ihr gerade das Schlimmstmögliche widerfahren war. „Wieso hast du seine Jacke an? Warum bist du voller Blut? Was ist noch passiert?“ Angies Augen füllten sich wieder mit Tränen, und ihr Blick sagte mehr als 1000 Worte. Eine schreckliche Ahnung erfüllte sie. „Oh nein! Wer?“ „Norbert, er wurde auch getötet! Und jetzt Bowen, oh Doc, es tut mir so leid.“ Die beiden umarmten sich und es tat so gut, dass eine ihrer Schwestern bei ihr war. Duncan stand neben ihnen und legte die Arme um Angie und Doc.

Seite 208

Ein Stück vor ihnen verwirbelte sich die Luft. Zorro materialisierte sich. „Ef-Ef hat mich gerufen, ich soll über den Krieger wachen, während ihr den Kampf zu Ende führt.“ „Schafft du das?“, fragte Duncan Doc. Sie blickte Angie an. So vieles hatten sie schon zusammen durchgemacht. „Ich werde euch jetzt bestimmt nicht hängen lassen. Los beenden wir das hier!“ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, straffte die Schultern und sammelte sich. Da ging die Tür auf, und Kerstin stand oben an der Treppe.

Sie schrie etwas, was, war aber durch den Lärm, der hinter ihr herrschte, nicht zu verstehen. Sofort rannten Doc, Duncan und Angie zur Treppe. Als sie oben angekommen waren, sahen sie das Chaos. Überall auf dem Vorhof lagen tote Körper. Ob Mensch, oder Kreatur war nicht genau zu erkennen. Drago und Cyrus kämpften mit jeweils drei Wachen. Und die waren verdammt stark. Kerstin kam auf Duncan zugerannt und sagte atemlos: „Wir haben hier soweit alles unter Kontrolle. Aber wow, die sind gut. Ist genau das Richtige, um Frust abzulassen…“ Ein leichtes Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Angie schaute sich um und entdeckte in einem der Körper ein Schwert. Da sie ohne Waffen dastand, zog sie es, ohne zu zögern, aus der leblosen Hülle und nahm es an sich. Genau in diesem Moment wurden sie von einer Horde merkwürdig aussehender Gestalten angegriffen. Einige sahen aus wie Moorkobolde, andere wie mutierte Elfen – grünlich schimmernd mit einer Haut wie aus Stein. Angie ging sofort in Kampfstellung, und die anderen taten es ihr gleich. In ihrer Wut über Bowens Tod wurde Doc zu einer richtigen Kampfmaschine, die alles niederschlug, was sich ihr in den Weg stellte. Mit geschickten Drehungen wich sie aus und schlug gleichzeitig ihren Gegner ein Glied ab – oder den Kopf. Sie war überall mit Blut besudelt, aber das war wohl genau das, was sie immer mehr anspornte. Ohne weiter nachzudenken, kämpften auch die anderen bis kein Feind mehr vor ihnen stand. Leicht außer Atem kam Drago zu Kerstin. Diese war noch immer so in Rage über all das, was in den letzten Stunden passiert war, dass er aufpassen musste, nicht von ihr verletzt zu werden. Entschuldigend sah sie ihn an. „Wir haben keine Zeit hier rumzustehen. Wir müssen ins Labor. Ich will Zerstörung“, sagte sie und ging auch schon los. Die anderen schauten sich nur an und folgten ihr wortlos. Vorsichtig näherten sie sich dem Labor. Aus dem Inneren waren viele Stimmen zu hören. Eine war besonders laut – es war die von… Dungeon. Er war, nachdem er Bowen getötet hatte, durch einen Nebeneingang unbemerkt zurückgekommen. Er bedrohte Lilli und Lucy, die sich in eine Ecke des Labors zurückgezogen hatten. Von Raphaello, Fernando und Gavin war nichts zu sehen. Als Kerstin, Drago, Duncan, Angie und Doc durch die Tür kamen, sahen sie die Wut in den Augen des Drachen. Sofort hatten sie seine ganze Aufmerksamkeit. Er versuchte jeden einzelnen mit einem Feuerball zu treffen, aber es klappte nicht. Das machte ihn noch wütender und unberechenbarer. „Ich werde euch vernichten“, schrie er, „ihr zerstört meine Pläne nicht. Ihr nicht!“ Rauchschwaden stoben aus seiner dicken Nase. Kerstin begann zu lachen. „Weißt du eigentlich, dass du richtig niedlich aussiehst, wenn du so wütend bist?“, fragte sie ihn und sah ihm dabei tief in die Augen. Verwirrt starrte der Drache Kerstin an. Diesen Moment der Unachtsamkeit nutzten Lilli und Lucy, um sich aus der Ecke zu stehlen und zu den anderen zu gelangen. Mittlerweile waren auch Raphaello, Nando und Gavin zurück. Sie hatten im hinteren Teil des Labors die Klone zerstört. „Wir haben schlechte Nachrichten“, sagte Nando, „der größte Teil der Klone ist verschwunden.“ Dungeon warf den Kopf in den Nacken und prustete los. Es klang wie ein hysterisches, irres Lachen. Es ließ alle im Raum für einen kurzen Moment zusammenschrecken. Als erstes hatte Lilli sich wieder im Griff.

Seite 209

Sie stand breitbeinig neben Lucy und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. „Ja, ja, lach du nur. Komisch, dass wir nicht mit lachen. Aber es gibt ja das Sprichwort: Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“ Lucy stemmte jetzt auch trotzig die Hände in die Hüften. „Genau, du Stümper. Wir haben nämlich euren Rechner geknackt und haben alle Daten über die Klone kopiert. Es wird ein Leichtes sein, sie ausfindig zu machen. Wir wissen ja jetzt, wen ihr alles geklont habt. So ein Pech aber auch. Das tut mir jetzt richtig leid für dich.“ Lilli und Lucy standen breit grinsend und triumphierend da. Fernando und Duncan wechselten einen besorgten Blick und Gavin raunte den beiden zu: „Ich glaube, das war jetzt nicht sehr klug von euch beiden.“ Dungeon hörte sofort auf zu lachen, schaute Lilli und Lucy voller Hass an und schon brach die Hölle los. Mehrere Feuerbälle schossen auf die beiden zu. Doch bevor sie sich rühren konnten, hatte sich Gavin schon vor sie geworfen, um das Feuer abzufangen. Gavin konnte aufgrund seiner Herkunft die Feuerbälle kompensieren. Aber einer ging an ihm vorbei und traf Lucy genau auf den Bauch. Durch die Wucht wurde sie zurück an die Wand geschleudert. Lucy rutschte ohnmächtig an der Wand entlang herunter und blieb verwundet liegen. Alle schauten geschockt zu ihr. Gavin und Doc stürzten sofort los, um ihr zu helfen. Lilli drehte sich zu Dungeon um, zog eins ihrer Schwerter und stürzte sich auf ihn. „Du elender, dreckiger Wurm! Das hast du nicht umsonst gemacht!“ Mit all ihrem Zorn und Hass, ließ sie das Schwert auf Dungeon niedersausen und schlug ihm mit diesem einen Hieb eine seiner riesigen Klauen ab. Der laute Schmerzensschrei von Dungeon ließ allen das Blut in den Adern gefrieren, und niemand war in dem Moment fähig einzugreifen. Lilli wirbelte mit ihrem Schwert um den Drachen herum. „Na, du kleiner Wurm, kommt dir das Schwert irgendwie bekannt vor? Das ist Siegfrieds Schwert, auch als Drachentöter bekannt. Siegfried ist ein Landsmann von mir, und das Schwert ist schon seit einer Ewigkeit im Besitz unserer Familie. Es hat nur auf dich gewartet.“ Während sich Dungeon vor Schmerzen wand, hatte sich Lilli auf seinen Rücken geschwungen. Sie strahlte in einem gleißenden Grün und war so voller Wut, dass sie alles um sich herum gar nicht mehr wahrnahm. Auch nicht, dass Dungeon sich nicht mehr rührte und sie mit einem Auge lauernd beobachtete. Lilli erhob Siegfrieds Schwert und wollte gerade zum Todesstoß ausholen, als sie von Dungeons Schwanz getroffen wurde. Sie flog quer durch den Raum und landete mit dem Rücken an der gegenüberliegenden Wand. Dungeon hatte sie aber nicht mit voller Wucht getroffen, so behielt sie die Kontrolle über ihren Körper und landete nach dem harten Aufprall sicher auf ihren Füßen. Sie war neben Cyrus gelandet, der sie packte und zurück halten wollte. Aber Lilli war nicht mehr zu bändigen. Sie riss sich von ihm los und rannte mit einem fürchterlichen Schrei erneut auf Dungeon zu. Dieser drehte sich blitzschnell um und schlug mit seiner gesunden Klaue in ihre Richtung. Lilli wich diesem Hieb geschickt aus und sprang zur Seite. Doch dann verharrte sie mit einem Aufstöhnen in ihrer Bewegung. Sie blickte mit aufgerissenen Augen zu Fernando, dem der Atem stockte und alle Farbe aus dem Gesicht wich. Lilli war direkt in die klingenförmige Schwanzspitze von Dungeon gesprungen. Dungeon zog den Schwanz zurück, verwandelte sich blitzschnell in seine menschliche Gestalt und rannte lachend zum anderen Ende des Raumes. Noch bevor irgendjemand reagieren konnte, war er schon durch eine verborgene Tür aus dem Labor geschlüpft. Fernando und Kerstin stürzten zu Lilli, die mit einem gurgelnden Laut zu Boden gesunken war. Aus ihrer Brust floß das Blut in Strömen. Fernando zog sein Shirt aus, knüllte es zusammen und drückte es Kerstin in die Hand. „Preß das bitte ganz fest auf die Wunde.“ Er drehte sich um und schaute rüber zu der Stelle, wo Lucy lag. „Doc!“ „Bin schon unterwegs. Lucy ist stabil, Gavin und Raphaello bleiben bei ihr.“ Doc warf Fernando den Notfallkoffer zu und ließ sich auf der anderen Seite von Lilli auf die Knie fallen. „Oh verdammt, sie verliert zuviel Blut!“ Fernando blickte sie kurz an: „Ja, ich sehe es…..“
Alle anderen standen herum und wußten gar nicht was sie machen sollten. Sie kamen sich so nutzlos vor.

Seite 211

Da stürzte Tiago durch die Tür und rief: „Leute, gute Nachrichten! Wir haben alle Feinde unschädlich gemacht……. Oh verdammt, was ist denn hier los?“ „Lucy und Lilli wurden von Dungeon sehr schwer verletzt. Lucy scheint es zu packen, aber bei Lilli sieht es ganz böse aus“, raunte Cyrus ihm zu. Tiago schaute etwas ratlos auf die Szene, die sich vor ihm abspielte. „Wieso sieht es bei Lilli ganz böse aus, sie ist doch unsterblich und der Kopf ist ja noch dran.“ Cyrus stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. „Mensch, du Blödian. Lilli ist eine Elfe und kein Vampir. Sie kann nicht an Altersschwäche sterben, aber an schweren Verwundungen schon.“ Tiago wich jetzt auch alle Farbe aus dem Gesicht und er blickte besorgt zu Fernando, Doc und Kerstin, die fieberhaft an Lilli arbeiteten. „Oh, verdammter Mist! Das habe ich nicht gewusst.“ Durch das Hereinstürzen von Tiago wurden alle anderen aus ihrem Schock und ihrer Starre gerissen. Duncan drehte sich um. „Drago und Tiago geht nach draußen und funkt die Seraphim an. Jean soll einen Hubschrauber schicken. Lilli und Lucy müssen sofort zurück an Bord auf die Krankenstation. Dort haben wir alles was wir brauchen, um sie zu retten. Er soll direkt auf dem Plateau landen. Cyrus, geh mit und sondiert dann anschließend noch einmal das Gelände, nicht dass uns noch irgendein Dragon durch die Lappen gegangen ist und Schwierigkeiten macht, wenn wir die beiden ausfliegen.“ Doc stand auf und ging zu Duncan und Angie. Angie nahm Doc in den Arm: „Jane, wie geht es dir?“ Doc schaute Angie dankend an: „Darüber kann ich mir im Moment keine Gedanken machen. Lucy hat Verbrennungen zweiten und dritten Grades, aber das haben wir gut im Griff und sie wird keine bleibenden Schäden davon tragen. Es hat viel schlimmer ausgesehen, als es ist. Bei Lilli ist es sehr kritisch. Wir konnten die Blutung zwar jetzt stoppen, aber sie hat sehr viel Blut verloren, ihr Leben hängt am seidenen Faden. Wir müssen sie so schnell wie möglich zum Schiff bringen, sie braucht dringend mehrere Blutkonserven.“ Angie schaute Doc etwas verständnislos an. „Wieso gibt Fernando Lilli nicht von seinem Blut? Dann würde es ihr doch sofort besser gehen?“, fragte sie. Duncan schaute traurig und mitfühlend zu Fernando, der verzweifelt neben Lilli kauerte und ihre Wange streichelte. „Das ist ja das Problem. Fernando hätte Lilli schon längst von sich trinken lassen, aber Lilli will es absolut nicht. Sie will erst bei ihrer Vereinigung von Fernandos Blut trinken. Sie will, dass es was ganz Besonderes ist und hat Fernando das Versprechen abgenommen, dass er ihr unter gar keinen Umständen vorher von seinem Blut geben darf.“ Angie schaute empört zu Lilli: „Das ist doch mal wieder typisch Elfen-Dickschädel. Ich schwöre euch, wenn sie wieder gesund ist, bekommt sie von mir mal anständig den Marsch geblasen. Was hat sie sich dabei nur gedacht? Ich könnte sie dafür schlagen. Der arme Fernando, er könnte ihr helfen und muss jetzt hilflos zusehen. Ich kann es nicht fassen.“
Cyrus kam zur Tür herein. „Wie sieht es aus, Leute? Draußen ist alles in Ordnung. Weit und breit keine Dragons mehr und der Hubschrauber ist gleich da. Können wir die Mädels nach draußen bringen?“ „Ja, los, lasst uns die Beiden aufs Schiff bringen. Es wird höchste Zeit“, sagte Fernando, nahm Lilli auf seine Arme und ging in Richtung Ausgang. Gavin hob Lucy hoch und trug sie ebenfalls nach draußen. Kerstin und Raphaello tippelten mit den Infusionsbeuteln hinterher, und auch Duncan, Angie und Doc machten sich auf den Weg. Hier war ihre Mission erfüllt. Sie hatten zwei schwere Verluste hinnehmen müssen und hofften, dass es nicht noch mehr wurden. Als sie auf das Plateau traten hörten sie schon das Geräusch, des herannahenden Hubschraubers. Drago und Tiago standen still am Rand des Plateaus. Sie hielten die verhüllten Körper von Bowen und Norbert in den Armen. Gemeinsam warteten sie nun still auf den Hubschrauber. Tränen liefen ihnen über die Gesichter. Aber jetzt war noch keine Zeit für Trauer. Eric landete mit dem Hubschrauber. Doc und Kerstin stiegen sofort ein und nahmen Lilli und Lucy in Empfang. Fernando, Raphaello und Gavin stiegen ebenfalls und sofort war Eric mit dem Heli wieder in der Luft. Auf dem Weg zur Seraphim kam Lucy langsam zu sich. Sie öffnete die Augen und schaute nach oben. Sie hatte leichte Schmerzen im Bauchbereich und einen fürchterlichen Brummschädel, außerdem ratterte es ununterbrochen. „Ah gut, wir sind im Hubschrauber und da sind Gavin und Raphaello“, dachte sie und drehte den Kopf auf die Seite, um zu sehen, wer noch alles bei ihr war. Da fiel ihr Blick auf Lillis leichenblasses Gesicht.

Seite 212

„Oh mein Gott! Was ist mit Lilli?“, fragte sie entsetzt und wollte sich aufsetzen. Gavin drückte sie behutsam, aber bestimmt zurück auf ihre Liege. „Ihr seid beide von Dungeon verletzt worden. Du hast eine größere Verbrennung im Bauchbereich, und Lilli wurde vom Drachenschwanz in die Brust getroffen. Sie hat sehr viel Blut verloren, aber wir sind jetzt gleich auf der Seraphim. Mach dir keine Sorgen, das packt sie schon, und dich kriegen wir auch wieder hin. Bleib jetzt aber bitte ganz ruhig liegen.“ Eric drehte sich zu ihnen um. „Fernando, Tim und Jean haben im OP alles vorbereitet und sie erwarten uns mit den Transportliegen schon auf dem Flugdeck. Ich fliege dann gleich wieder los und hole noch die anderen ab.“ Fernando nickte ihm zu und wandte sich dann zu Doc. „Jane, du kümmerst dich dann bitte um Lucy, und ich gehe mit Lilli gleich in den OP. Kerstin kann mir helfen.“ Lucy protestierte. „Nein, nein, Jane geht mit dir und Kerstin in den OP. Lilli braucht euch beide. Mir geht es soweit ganz gut, und Gavin kann ja bei mir bleiben.“ Fernando schaute zu Gavin. „Das ist in Ordnung, Fernando, inzwischen kenne ich mich ja mit Verbrennungen aus“, sagte dieser und lächelte Lucy ein wenig unsicher an. Nun setzte Eric den Hubschrauber ganz behutsam auf dem Landeplatz auf und schon waren blitzschnell alle wieder in Aktion. Lucy und Lilli wurden schnell auf die Krankenliegen gebettet und sofort zur Krankenstation gebracht. Doc gab Gavin unterwegs noch Anweisungen wie er Lucys Wunde versorgen sollte. Unterdessen ließ diese Lilli nicht aus den Augen und packte Fernando fest an der Hand. „Lass sie ja nicht sterben. Ihren Tod könnte ich nicht ertragen.“ Fernando beugte sich zu Lucy. „Ich auch nicht.“ Er küsste sie auf die Stirn und verschwand mit Lilli, Kerstin und Doc im Operationssaal.
Eine Stunde später ging die Tür zu Lucys Krankenzimmer auf. Doc kam mit einem zaghaften Grinsen auf dem Gesicht herein. Natürlich stand die versammelte Mannschaft im Raum und schaute gespannt zu Doc. „So, jetzt wollen wir mal sehen, ob Gavin auch alles richtig gemacht hat.“ Sie untersuchte Lucys Wunde und sah zufrieden, dass der Heilungungsprozess dank ihrer geheimen Mittelchen schon eingesetzt hatte. „Das sieht ja wunderbar aus. Gavin, Kompliment, das hätte ich nicht besser machen können.“ Lucy schaute sie ungeduldig an. „Ja, ja schon gut. Was ist mit Lilli?“ „Es ist noch etwas kritisch, aber ich bin mir sicher, dass sie es schafft. Gott sei Dank hatte sie keine weiteren inneren Verletzungen und vergiftet wurde sie durch den Stich auch nicht, aber der Blutverlust war schon enorm. Fernando und Kerstin bringen sie gerade nebenan ins Intensivzimmer. Wir müssen ihr noch weiterhin Blut zuführen und sie überwachen. Aber ich denke, morgen können wir sie hierher verlegen.“ Alle stießen erleichtert den Atem aus. „So, und jetzt alle raus hier. Lucy braucht auch noch Ruhe, und ihr habt sicher alle noch etwas zu tun“, sagte Doc lachend in die Runde. Gavin und Raphaello blieben bei Lucy am Bett sitzen, während alle anderen sich erleichtert auf den Weg machten. Als Doc schließlich auch das Zimmer verlassen hatte, wartete Angie schon auf sie. Sie nahm Doc in die Arme. „Na, mein Hase, möchtest du über die Ereignisse reden oder dich lieber ein bisschen ausruhen?“ Doc löste sich von Angie und schaute sie traurig an. „Ich lege mich jetzt gleich etwas hin. Aber vorher schaue ich noch bei Lilli und Fernando vorbei. Mach dir keine Sorgen um mich, ich möchte jetzt nur in Bowens und meinem Zimmer etwas alleine sein. Ich muss die letzten Stunden erst einmal in meinem Kopf sortieren.“ Angie lächelte sie verständnisvoll an. „Gut, du weißt ja, wo du mich finden kannst, wenn du mich brauchst.“ Angie drückte Doc noch einmal sanft an sich und machte sich dann auf den Weg zu Duncan. Doc ging zu Lilli und Fernando ins Zimmer. Kerstin war inzwischen auch schon gegangen. Fernando saß neben Lillis Bett, streichelte zärtlich über ihre Hand und hatte den Blick auf die Monitore gerichtet. „Na, wie sieht es aus?“, fragte Doc. Fernando drehte sich zu ihr um und bedachte sie mit einem wissenden Lächeln. „Ihr geht es soweit gut. Und dir?“ „Ich weiß nicht so recht, die letzten Stunden waren jetzt doch sehr viel für mich. Eigentlich wollte ich auf unser… ähm mein Zimmer gehen und etwas alleine sein. Aber ich glaube, ich würde jetzt doch lieber noch ein bisschen bei euch beiden bleiben. Natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht. Weißt du Fernando, irgendwie tut mir deine ruhige, besonnene Art richtig gut und etwas Ruhiges brauche ich jetzt.“

Seite 213

Fernando stand auf und ging zu Jane. Er strich ihr beruhigend und sanft über die Arme. „Natürlich kannst du hier bleiben, ist doch keine Frage.“ Er ging mit ihr zu den Ruhesesseln, die in der Ecke standen und drückte sie sanft in einen. Dann schob er ihr den anderen Sessel unter die Beine und deckte sie behutsam zu. „Bleib hier solange du willst und komm ein bisschen zur Ruhe. Das brauchst du jetzt. Ich bin für dich da, so wie du für mich und Lilli da warst.“ Doc merkte noch wie Fernando ihr sanft über die Wange strich und schlief erschöpft ein.

Seite 214

Tiago hatte wohl kurz nach unserer Rückkehr auf Duncans Geheiß meine ganzen Sachen in seine Kabine gebracht. Mir war es nur recht, denn ich wollte nicht mehr alleine sein, oder vielmehr ohne ihn sein. Duncan wollte sich mit einem Kuss vor seiner Kabine von mir verabschiedeten, weil er noch etwas Dringendes zu erledigen hat, doch dann sah er mich besorgt an: „Geht es dir auch gut? Du bist so blass. Ich muss nur schnell in den Funkraum, ich muss dringend mit Sweetlife reden, aber dann bin ich wieder bei dir. Oder soll ich lieber…?“ „Nein, es geht schon. Es war ein bisschen viel auf einmal. Ich werde mir erst mal eine schöne heiße Dusche gönnen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Und dann werde ich wahrscheinlich zusammenbrechen, dachte ich bei mir. Mir tat jeder einzelne Muskel weh, auch die, von deren Existenz ich bis jetzt keine Ahnung hatte und ich war immer noch mit Blut besudelt, mit dem unserer Feinde und mit dem von Norbert… Norbert! Irgendwie hatte ich die ganze Zeit über das komische Gefühl, dass an der Sache mit Norbert etwas nicht stimmte, nur was? Ich zermarterte mir schon seit unserer hastigen Rückkehr auf das Schiff den Kopf, aber ich kam einfach nicht drauf! Dann waren da auch noch der Tod von Bowen, Lucys Verletzung, und dann auch noch die schwere Verletzung von Lilli, Janes Trauer. Plötzlich und unerwartet geschah etwas mit mir. Ich fing am ganzen Körper an unkontrolliert zu zittern und mir wurde furchtbar kalt. Langsam gaben meine Knie nach und ich konnte Duncan nur noch hilflos ansehen. Ich hatte nicht mal mehr die Kraft mich an ihm festzuhalten. Er reagierte zum Glück schnell und hielt mich sofort fest. Auf seinen Armen trug er mich in die Kabine, und als er mich auf sein Bett legte, sagte dabei etwas ruppig: „Das reicht jetzt wohl! Du bist ja fix und fertig! Mein Gott, Angie, hier muss doch keiner den Helden spielen!“ Das war der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Ich konnte ihn nur noch sprachlos ansehen, dann öffneten sich bei mir die Schleusen und ich fing hemmungslos an zu schluchzen. Ich konnte mich einfach nicht dagegen wehren! Sofort drückte er mich an sich und sagte reuevoll: „Oh nein, mein Herz, tut mir leid, das wollte ich doch nicht.“ Es war ja auch nicht seine Schuld, aber es schlug alles einfach in diesem Moment über mir zusammen. Der Tod von Norbert und Bowen, die schweren Verletzungen von meinen Schwestern, der brutale und blutige Kampf, und dass der Mistkerl von Drache doch noch entkommen konnte. Duncan wiegte mich in seinen Armen und murmelte leise beruhigende Worte, während er mir immer wieder über meinen Kopf streichelte. Doch dieses Mal half es nicht sofort. Ich klammerte mich an ihn und konnte nicht aufhören zu weinen. Nach einiger Zeit wurde ich dann doch ruhiger und auch das Schluchzen ließ langsam nach. Duncan versuchte mir etwas Wasser einzuflößen, aber ich brachte nur ein paar Tropfen runter. Immer noch murmelte er beruhigend auf mich ein, doch dann sagte er sorgenvoll, als das Zittern nicht aufhören wollte: „Okay, ich bringe dich jetzt sofort zu Doc. Sie kann dir bestimmt…“ „Nein!“, flüsterte ich an seine Brust, „sie hat doch selber genug Sorgen. Mir geht es gleich besser. Halte mich einfach nur fest, bitte.“ „Gut, wenn du es so willst, aber du musst aus diesen Sachen raus. Moment, ich habe da eine Idee.“ Vorsichtig zog er mich aus und befreite sich auch von der blutigen und zerrissenen Kleidung, die er achtlos auf die Erde warf. Dann trug er mich ins Bad und stellte sich mit mir unter die warme Dusche. Seine starken Arme hielten mich sicher und fest, liebevoll und ganz sanft wusch er mir das Blut aus den Haaren und von meinem Körper und endlich hörte ich auch auf zu zittern. Ich war so erschöpft, das ich mich nicht mehr alleine auf den Beinen halten konnte. Dankbar klammerte ich mich an ihn und probierte ein zaghaftes Lächeln. „Danke, genau das was ich brauchte“, murmelte ich an seiner Brust, und als er mich in das angewärmte Badetuch hüllte und wieder auf das Bett legte, war ich schon fast vor Erschöpfung eingeschlafen.

Seite 215

Ich bekam nur noch am Rande mit, wie er ein Tuch um meine nassen Haare wickelte, und mich und sich mit einer Decke zudeckte, schon schlief ich an seine Seite gekuschelt ein.
Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Norbert, Duncan und Tiago liefen durch die Tunnel auf der Suche nach Dungeon. Sie liefen immer schneller und sahen in jeden Raum, doch der Drache blieb verschwunden. Dann öffnete Duncan die letzte Tür in dem langen Tunnel und sah dahinter einen riesigen Lavastrom träge vorbeiziehen. Die Hitze versengte sofort seine Augenbrauen und er drohte in den Strom zu stürzen. Tiago riss ihn jedoch zurück und verschloss hastig die Tür. Norbert sah Duncan nur entsetzt an und rief laut: „Oh mein Gott! Nein!“, drehte sich auf dem Absatz um und rannte in die entgegengesetzte Richtung. Schlagartig erwachte ich und setzte mich auf. Mein Herz klopfte wie wild. Das war es! Endlich wusste ich, was die ganze Zeit nicht stimmte. Ich drehte mich zu Duncan um und rüttelte ihn an der Schulter: „Duncan, wach auf, bitte.“ Er grummelte etwas Unverständliches, rieb sich verschlafen die Augen und murmelte: „Mist, ich wollte doch gar nicht…“. Doch plötzlich richtete er sich hastig auf und sah mich fragend an: „Angie? Was ist passiert? Geht’s dir gut?“ „Ja, mir geht es wieder einigermaßen. Aber kannst du dich erinnern, warum Norbert zu mir zurückgelaufen ist? Hat er irgendwas gesagt? Oder getan?“ „Mh, warum willst du das wissen?“, fragte er mich verwundert. „Weil irgendetwas nicht passte an der Geschichte. Und ich glaube, ich weiß jetzt auch endlich was.“ „Mh, lass mal überlegen“, dachte er laut nach. „Du bist zurück zum Depot. Tiago, Norbert und ich gingen weiter bis zum nächsten Tunnel und…mh.“ Plötzlich sah er mich erstaunt an: „Dann hat mich Norbert ernst angesehen, „oh nein!“ gerufen, mir strikt verboten ihm zu folgen, und nur was von „knapp“ und „geht schon mal weiter, ich komme nach…“ gemurmelt, sich umgedreht und ist wie der Blitz weg.“ „Zu mir!“ „Ja, genau…aber woher…?“ Aufgeregt unterbrach ich ihn: „Richtig! Woher hat Norbert gewusst, dass ich in Gefahr bin? Niemand wusste von dem Troll, hat ihn gesehen oder gehört. Norbert auch nicht. Keiner hatte ihn auf dem Golden Eye! Also? Woher wusste er es?“ „Keine Ahnung“, sagte er gedehnt und sah mich erstaunt an, „du hast Recht! Das ist wirklich merkwürdig! Leider weiß nur er warum, also werden wir das Rätsel wohl niemals lösen können. Aber eines weiß ich mit Sicherheit. Wenn er nicht rechtzeitig bei dir gewesen wäre, dann… Oh mein Gott!“ Er riss mich aufstöhnend in seine Arme und drückte mich fest an seinen nackten Körper. Gleichzeitig durchfuhr mich in dem Moment ein anderer erschreckender Gedanke. Was wäre gewesen, wenn nicht Norbert, sondern Duncan…? Oh nein! Nur nicht weiter darüber nachdenken! Es ist schon schlimm genug, das Norbert nicht mehr ist, aber den Verlust von Duncan hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt. Ich umschlang ihn mit meinen Armen und drückte mein Gesicht an seine Brust. Mmh, sein Duft war mal wieder berauschend.

Seite 216

Als ich wieder klar denken konnte, hauchte er sanfte Küsse über mein Gesicht. Eine Weile blieben wir so liegen, bis unser Atem und unser Herzschlag sich wieder beruhigt hatten. Träge strichen seine Finger über meinen Arm als er seufzte und bedauernd sagte: „Ich muss leider los. Sweetlife wartet auf meinen Rückruf. Dann muss ich noch ein Team losschicken, das das Lager auflöst und in Choqequerao alle Spuren beseitigt. Dann sind da noch die Briefe.“ „Briefe?“, fragte ich leise. Ach ja, der von Norbert! Er sprang auf und sagte: „Ja, wir treffen uns gleich alle im Konferenzraum, dann werde ich eine kurze Rede halten und dann … die Briefe verteilen, ich habe sie sicher in dem Tresor auf der Brücke eingeschlossen.“ Sprach`s und war im Bad verschwunden. Etwas verwundert sah ich ihm nach. Oh, es gab mehrere? Na, da bin ich aber mal gespannt. Schon stand er fertig angezogen vor mir, küsste mich flüchtig auf den Mund und sagte lächelnd: „Schade… wirklich mein Herz, aber ich muss los. Bis gleich“, er sah auf seine Uhr, „ich denke, mal so in einer halben Stunde im Konferenzraum?“ Ich nickte, und schon war er zur Tür raus. Okay, jetzt war ich aber neugierig geworden und lief ins Bad. Wow, erst jetzt konnte ich das riesige Bad so richtig bewundern. Hier herrschten die Farben Schwarz und Gold. Alleine die Wanne war ein wahres Prunkstück. Sie stand genau in der Mitte des Raumes und war teilweise in den Boden eingelassen. Schwarzer Marmor mit vergoldeten Armaturen, die in den Stein eingelassen waren und per Knopfdruck zum Vorschein kamen. Sprudeldüsen waren in den Boden und an den Seiten eingelassen. In ihr hatten bequem vier Personen so viel Platz, dass sie sich nicht berühren würden. Überall gab es indirekte Beleuchtung, die alles in ein warmes Licht tauchte. Die Badetücher neben der Wanne waren angewärmt, ebenso wie die Bademäntel. Auf einer Ablage neben der Wanne hatte Tiago mindestens 30 verschiedene Badezusätzte für mich hinterlassen. Eine Wand bestand nur aus einem riesigen Spiegel, vor dem allein drei Waschbecken angebracht waren. Die Toilette war in einem separaten Raum untergebracht. Oh ja, das wäre jetzt genau das richtige, ein schönes langes entspannendes Bad. Aber eine halbe Stunde ist schnell um. Einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die Wanne werfend sagte ich: „Diesmal nicht, meine Schöne, ich muss mit deinem kleinen Bruder, der Dusche, vorlieb nehmen.“
Mit mir erreichten gleichzeitig Kerstin, Drago und Raphaello die anderen, die schon in dem Raum auf uns warteten. Nur Lilli fehlte. Sie hatte zwar lautstark protestiert und geschimpft, dass sie keine Lust habe noch länger unnütz im Bett rumzuliegen, konnte aber von Nando letztendlich doch überzeugt werde, dass sie eben noch nicht hundertprozentig auf dem Posten war. Doc stand mit traurigem Blick neben Cyrus, der tröstend einen Arm um sie gelegt hatte. Fragend sah ich sie an, ergriff ihre ausgestreckte Hand, doch sie schüttelte nur leicht den Kopf und ihre Mundwinkel hoben sich etwas: „Es geht schon, danke Angie“, sagt sie leise.

Seite 217

Manchmal verstanden wir uns auch ohne Worte. Also stellte ich mich neben Duncan. Da stürzte Jean auf mich zu, den ich, seit wir das Schiff in Lima verlassen hatten, nicht mehr gesehen hatte. Mit einem vorsichtigen Blick auf Duncan umarmte er mich schnell, drückte mich kurz an sich und murmelte: „Schön, dass dir nichts passiert ist, euch allen. Willkommen zurück.“ „Danke, Jean, ich bin auch froh, wieder hier zu sein“, erwiderte ich lächelnd und küsste ihn leicht auf die Wange. Duncans Blick versteifte sich etwas und seine Miene verfinsterte sich unmerklich, aber ich sah ihn nur mit hochgezogenen Brauen provozierend an: „So begrüßt man sich halt unter Freunden!“ Verlegen lächelte mich Duncan an, legte einen Arm um mich, zog mich an sich und flüsterte in mein Ohr: „Ich weiß, mein Schatz, ich lerne noch.“ Als es sich alle in den Sesseln gemütlich gemacht hatten. und endlich Ruhe eingekehrt war, stand Duncan auf und sah uns der Reihe nach mit ernster Miene an. In einer Hand hielt er einige Briefe, die er auf den Tisch legte. Neugierig sahen die Mädels ihn an. Dann sprach er mit lauter Stimme: „Trotz unserer schmerzlichen Verluste von Norbert und Bowen, der Flucht von Dungeon und den Verletzungen von Lilli und Lucy, können wir doch einen gewissen Erfolg verbuchen. Die Klone und das Labor wurden vollständig vernichtet. Dank den Aufzeichnungen, die von uns sichergestellt wurden, kann unser Orden weltweit damit beginnen, die restlichen Klone für immer unschädlich zu machen. Ich habe mit unserem Hauptquartier in Schottland gesprochen und auch mit Eurer Chefin, die im Moment noch in München ist, aber uns alle auf NS-Island, eurem Hauptquartier, erwartet. Der Gründer und auch Sweetlife sind der Meinung, dass das Begräbnis unserer Brüder auf der Insel stattfinden soll. Von dort aus werden wir dann alle erst mal einen ausgiebigen Urlaub antreten. Den haben wir uns auch redlich verdient.“ Er machte eine kurze Pause und sah uns stolz an. „Ihr habt alle großartig gekämpft und euer Bestes gegeben, besonders aber ihr Mädels. Ich gebe zu, ich hatte zuerst meine Zweifel, aber ihr habt mich schnell eines Besseren belehrt. Ihr seid einfach nur der Hammer, ehrlich!“ Ohrenbetäubender Jubel setzte ein und ich sprang spontan auf, stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn glücklich vor der ganzen Mannschaft. Endlich war diese leidige Sache erledigt, das genügte mir als Entschuldigung von seiner Seite total. Sogar Doc Jane stimmte mit in den Jubel ein. Plötzlich sah er wieder sehr ernst aus. Langsam nahm er die Briefe von dem Tisch vor ihm, hielt sie in die Höhe und sprach weiter: „Vor diesem Einsatz haben einige von uns für euch Mädchen ein paar Zeilen hinterlassen. Keiner von uns wusste ja, ob er den Kampf überleben würde. Es war das erste Mal, weil wir noch nie in so einer Situation waren. Ich meine, dass wir mit unserer Partnerin, oder Gefährtin zusammen gekämpft haben… oder überhaupt eine Gefährtin hatten, ich meine alle. Also…äh, ja. Ich werde nun die Briefe wieder verteilen.“ Verlegen fuhr er sich durch sein Haar und lächelte leicht. Nur als er Doc den Brief von Bowen gab, sah er sehr ernst aus. Drago, Fernando und Gavin steckten ihre Briefe ein und Duncan gab mir einen Umschlag, auf dem mein Name stand. „Der ist von Norbert, für dich“, sagte er leise und behielt den letzten in der Hand. Ich konnte den Namen auf dem Umschlag lesen. Angie. Fragend sah ich ihn an und streckte meine Hand aus: „Ist der von dir?“ „Äh..ja, aber du brauchst ihn ja jetzt nicht mehr.“ „Darf ich ihn trotzdem lesen, bitte?“, ich lächelte ihn fragend an und wollte schon nach dem Umschlag greifen, doch mit einem lauten „Nein!“ zerriss er ihn und steckte die Schnipsel blitzschnell in seine Hosentasche. Vor seiner heftigen Reaktion auf meine harmlose Frage zurückzuckend, sah ich ihn misstrauisch an: „Warum durfte ich ihn den nicht lesen? Stand da was Schlimmes drin? Bist du vielleicht verheiratet und hast irgendwo fünf Kinder?“ „Natürlich nicht! Was denkst du denn von mir!“, erschrocken sah er mich an. Dann sah er meinen Gesichtsausdruck und strich mir über die Wange. „Oh, tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Nein, natürlich stand da nichts Schlimmes drin, auch nichts wirklich Wichtiges“, versuchte er mich zu beruhigen. Na gut, wenn er es so meint, dann muss ich es ihm wohl glauben.

Seite 218

„Okay, ich werde mir an Deck ein ruhiges Plätzchen suchen, und den Brief von Norbert lesen, bis gleich.“ Er drückte erleichtert meine Hand und wand sich zu Tim, der ihn dringend sprechen wollte.
Draußen setzte gerade die Abenddämmerung mit einem atemberaubenden Sonnenuntergang ein. Doch ich hatte diesmal kein Auge dafür. Ich setzte mich in einen der Liegestühle und öffnete neugierig den Umschlag. Oh mein Gott! Nicht nur der Briefbogen befand sich darin, sondern auch eine Spielkarte… der Herzbube. Oh Norbert… Eine Weile ließ ich die Karte durch meine Finger gleiten und dachte an jenen Abend zurück. Doch das war endgültig Vergangenheit! Dann fing ich an zu lesen…

Meine liebste Angie

Ich hatte so gehofft, dass du diese Zeilen nie lesen müsstest, aber das Schicksal lässt sich nicht betrügen, und die Zukunft auch leider nicht verändern. Alles ist vorherbestimmt, auch mein Ende. So hat sich dann wohl auch meine letzte Vision erfüllt, wie auch alle anderen zuvor. Ja, du hast richtig gelesen. Ich hatte Visionen. Manche ganz klar und manche nur Bruchstückhaft, andere wieder sehr nebulös und geheimnisvoll. Aber eines hatten sie alle gemeinsam, sie trafen alle ein. Nicht sofort, manche erst nach Jahren, aber dann mit tödlicher Sicherheit. Nur einer, der mir nahe stand, wusste von meiner Gabe. Jean, mein Bruder und bester Freund. Eine meiner schönsten Visionen warst du. Ich hatte dein Gesicht wenige Wochen, bevor ihr Schwestern zu uns an Bord gekommen seid, gesehen. Ich war sofort fasziniert von deinen Augen und von deinem Lächeln. Nur, wo und wann ich dich sehen würde, wusste ich nicht, auch deinen Namen nicht. Als wir dann die Order bekamen, euch von der Insel zu holen, und ich dich das erste Mal beim Kapitänsdinner sah, traute ich zuerst meinen Augen nicht. Aber du warst es wirklich, meine schönste Vision. Und du fühltest dich auch zu mir hingezogen, somit war ich der glücklichste Mann der Welt. Doch dann kam Duncan, mein Ordensbruder, an Bord. Noch war ich mir deiner sicher, aber dann bekam ich wieder eine Vision und zwar kurz vor New Orleans. Ich sah dich in Duncans Armen und du sahst so strahlend vor Glück aus, dass es mich fast zerriss. Da wusste ich, dass du nicht für mich bestimmt warst. Leider! Aber ich habe meine Liebe zu dir nie aufgegeben und meine Zeit, die mir noch mit dir blieb, voll ausgeschöpft. Und ich schäme mich nicht dafür! Doch dann plagte mich mein schlechtes Gewissen Duncan gegenüber, und ich wollte endlich reinen Tisch machen und dir von der Vision erzählen. Genau an dem Abend, als du mich so reizend mit deinem Mau- Mau Spiel überrascht hast. Doch was daraus wurde… es war jedenfalls die schönste Nacht meines langen Lebens, und ich bereue nichts. Dann hörte ich von Duncans Auftritt im Fitnessraum. Und da war mir endgültig klar, dass ich niemals eine Zukunft mit dir haben würde und endlich handeln musste. Ich sprach wirklich damals mit Jean, aber ganz anders, wie ich es dir erzählt hatte. Als ich dann in deiner Kabine in deine Augen sah, wusste ich sofort, du hast deinen Gefährten gefunden. Duncan! Er wusste auch, dass du die Einzige für ihn bist. Erinnerst du dich noch an den Morgen nach eurem Mädelsabend, als Duncan uns Brüder wegen Lindsay sprechen wollte? Da habe ich ihm alles erzählt, auch, dass ich dich immer lieben werde, und ihn töten würde, falls er dich nicht glücklich macht, oder dir irgendwelchen Schaden zufügt. Er hat mich nur stumm angesehen und dann gesagt: „Kann ich mich auch fest darauf verlassen, mein Bruder?“ Kurze Zeit später hatte ich meine letzte Vision. Ich sah meinen Tod. Nicht sinnlos, sondern wie ich dein Leben rettete. In einem Kampf. Nur wo und wann wusste ich nicht genau. Doch da du diesen Brief liest, habe ich es geschafft und du lebst. Meine Angie, ich wünsche dir alles Glück dieser Welt mit meinem Bruder Duncan und vielleicht denkst du ab und zu mal an mich.
Dein dich immer liebender Norbert Petersen.

Seite 219

Langsam ließ ich den Brief sinken und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, es war die von Duncan. „Jetzt kenne ich endlich die Lösung des Rätsels“, flüsterte ich und legte meine Wange auf seine Hand.

Langsam leerte sich der Konferenzraum. Doc stand wie angewurzelt an der Wand und starrte auf den Brief in ihren Händen, auf dem in geschwungener Handschrift ihr Name stand. Dann fiel ihr auf, dass sie doch nicht ganz alleine war. Cyrus stand immer noch neben ihr und blickte ebenfalls auf den Brief. „Ich kann das nicht!“ Langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, sie hatte nicht mehr geweint seit sie an Bord war, das würde sie vor dem Werwolf jetzt bestimmt nicht tun. Sie schluckte und drängte die Tränen zurück. Dann steckte sie den Brief in die Hosentasche und wandte sich ab um zu gehen. Cyrus hielt sie an der Schulter zurück. „Warte!“ Doc drehte sich um und sah ihn fragend an. „Jane, du musst den Brief lesen, ich weiß zwar nicht was drin steht, aber Bowen hätte ihn wohl kaum geschrieben, wenn er nicht gewollt hätte, dass du ihn liest.“ „Cyrus, ich weiß, Bo war dein Freund. Ich werde den Brief auch lesen, aber nicht jetzt, nicht hier.“ Dann wandte sie sich ab und verließ den Raum. Ziellos strich sie durch die langen Korridore der Seraphim. Ein seltsames Gefühl, wieder hier zu sein, alles fühlte sich so normal an. Das dürfte doch eigentlich gar nicht so sein. Sie bog um eine weitere Ecke, und auf einmal stand sie vor dem Kino des Schiffes. Sofort brandeten Erinnerungen in ihr auf, sie schüttelte den Kopf. Normalerweise müsste sie krank vor Kummer sein, denn bei einer Blutsverbindung überleben die zurückgebliebenen nicht. Und auf einmal verstand sie es: Er war kein Vampir, also hatten sie auch keine Verbindung wie üblich. Wer war er gewesen? Wieso hatte sie das nicht gemerkt? Und warum kam ihr alles so echt vor, wenn es das doch gar nicht gewesen war. Sie vermisste ihn, sie hatte ihn geliebt, aber diese Gefühle waren so weit weg. Bisher hatte sie keine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Sie stieß die Tür auf und ging ins Kino hinein. Das Licht war gedämpft und sie steuerte auf einen Sessel zu. Dann blieb sie dort sitzen und wartete. Das war doch albern, wenn etwas ihre Fragen klären konnte, dann dieser Brief. Entschlossen öffnete sie ihn und begann zu lesen:

Geliebte Jane
Schade, dass du diese Zeilen lesen musst, denn ich werde den Kampf wohl nicht überlebt haben. Aber du verdienst es, die Wahrheit zu erfahren. Die Wahrheit über mich, und meine Identität. Ich bin kein Vampir, bin es nie gewesen, und nicht einmal Duncan oder Cyrus, meine besten Freunde, wussten davon. Ich bin ein Dämon, ein Dämon der Täuschung. Wir können jede Identität annehmen, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Mein Leben war also eine einzige Lüge. Das einzig Wahre war meine Loyalität und Verbundenheit zu der Bruderschaft, der ich über 400 Jahre angehört habe, und meine tiefe Liebe zu dir. Du warst meine Gefährtin, mein Leben. Ich bin kein Mann der großen Worte, doch als du in mein Leben getreten bist, fühlte ich erst, dass mir etwas gefehlt hat. Das war einfach so magisch, ich konnte mich einfach nicht dagegen wehren. Aber da ich kein Vampir bin, dauert unsere Verbindung auch nicht über den Tod hinaus. Ich weiß, das muss ein Schock für dich sein. Bitte mach dir keine Vorwürfe, wenn du nicht so empfindest wie du es vielleicht erwartet hast. Geliebte Jane, lebe dein Leben, und finde deinen wahren und einzigen Gefährten, der für dich bestimmt ist. Ich war es leider nicht… für dich. Aber vergiss bitte niemals, ich habe dich geliebt, mehr als mein Leben. Bezweifle das niemals!
Dein Bowen.

Bowen hatte ein getrocknetes Gänseblümchen unter seinen Namen geklebt. Sie strich sanft darüber, langsam ließ sie die Hände in ihren Schoß sinken. Ein Dämon der Täuschung? Das erklärte Einiges. Auch wenn sie ja schon wusste, dass er kein Vampir war, das musste sie erst mal sacken lassen. Sie fühlte tief im Inneren, das es weitergehen musste, weitergehen würde. Dennoch, sein Verlust war schrecklich. Wenigstens wusste sie jetzt, dass die Zeit diese Wunde heilen würde. Allerdings war das im Moment eher ein schwacher Trost. Es war einfach zu verwirrend alles, gefühlsmäßig und gedanklich. Sie wollte einfach alles vergessen, wenigstens für ein paar Stunden.

Sie faltete den Brief wieder zusammen und machte sich auf den Weg zu ihrer Kabine. Dabei kam sie an Bowens Tür vorbei, sie schenkte ihr nur einen kurzen Blick und lief schleunigst zu ihrer eigenen Kabine weiter.

Seite 220

Endlich angekommen, knallte sie die Türe hinter sich zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. „Cherie, komm zu misch in die Bett, isch wusste, dass dieser Mistkerl dir irgendwann weh tun würde, aber du ast ja noch misch.“ Ef-Ef lag zusammengerollt mitten auf dem Kopfkissen. Tja, mit dem Alleine sein, war es wohl nichts. Wenn Ef-Ef wenigstens ein kleines bisschen Taktgefühl hätte. Sie schritt hinüber zur Minibar, die von Tim wieder aufgefüllt worden war, dann legte sie im Vorbeigehen den Brief auf den Couchtisch. Sie schnappte sich eine Flasche Wodka und sparte sich das Einschenken in ein Glas. Nach ein paar ordentlichen Schlucken, ließ sie sich aufs Bett sinken und sah Ef-Ef an. Dann schüttete sie etwas Wodka in die Verschlusskappe und stellte sie vorsichtig vor Ef-Ef aufs Kissen. „Ich denke, nachdem was alles so passiert ist, habe ich doch jedes Recht der Welt mich zu betrinken. Nicht wahr? Hilfst du mir dabei, mon ami?“ „Oui, oui, du bist meinö Herrin, isch würde dir niemals eine solche Bitte abschlagen.“ Er schlabberte in einem Affentempo den Wodka aus, dann grinste er und zeigte dabei stolz seine gelben Nagerzähne. Doc schenkte ihm nach und trank auch noch einen Schluck. „Er fehlt mir. Auch wenn er nicht ganz ehrlich gewesen ist, er fehlt mir Ef-Ef.“ „Ui, ich finde auch schade, dass er fort ist, isch habe misch gern geschtritten mit ihm. Wir gefallenen Dämonen mögen die der Täuschung eigentlich nicht, aber er war nicht so wie die anderen.“ „Du wusstest, wer er wirklich war? Wieso hast du mir nichts davon gesagt?“ Das war ja nicht zu fassen. Dieses Fellknäuel mal wieder, das erklärte, warum Bowen ihn nicht mochte. „Du ast misch nischt gefragt, ich soll doch auch immer still sein. Außerdem, er war so gut als Vampir, ich wollte ihm nicht die Show vermasseln. Isch dachtö, er würde es dir schon noch sagön.“ Sie schüttelte den Kopf. Das änderte jetzt sowieso alles nichts mehr. So saßen sie still auf dem Bett und tranken Doc versank völlig in Gedanken, sie hatte keine Ahnung wie lange sie mit Ef-Ef in trauter Zweisamkeit still vor sich hin trank, aber die gewünschte Bewusstlosigkeit ließ auf sich warten. Irgendwann klopfte es sachte an der Türe. „Soffen!“ Also, das mit dem Sprechen klappte schon mal nicht mehr so einwandfrei. Mühsam rappelte sie sich auf, als das Karussell endlich stillstand, öffnete sie die Türe, etwas zu schwungvoll. Sie taumelte nach vorne und wurde von zwei starken Händen an den Schultern gepackt. Leicht verschwommen sah sie auf eine muskulöse Brust, über der ein schwarzes Seidenhemd spannte. Dann legte sie den Kopf in den Nacken, um nach oben und in das Gesicht des Besitzers dieser Brust sehen. Es war Cyrus. „Ooh. Cyrus, hiiii.“ Sagte sie gedehnt. „Ssssüper! Der Barkeeper höchstpersönlisch. Doc, jetzt brauchen wir nicht mehr selbst einschenken, du hast die letzten Male sowieso danebön geschüttet.“ Zaghaft lächelte Cyrus. „Ich wollte mal nach dir sehen. Was ihr zwei hier so treibt, brauch ich ja gar nicht fragen. Mensch, Doc, du bist ja total betrunken.“

Okay! Die Erdanziehung spielte ihr vielleicht ein paar Streiche, aber so wild war das doch noch nicht. „Nich genug!“ Nach einem skeptischen Blick auf Jane, sah Cyrus zu Ef-Ef, der versuchte Salsa zu tanzen und dann vom Kissen kullerte. Sie torkelte zurück in den Raum und ließ sich auf dem Sofa nieder. „Mixt du uns jetzt was, oder wie? Dann kannst du uns gerne Gesellschaft leisten.“ Sie zog eine Augenbraue hoch und sah zu Ef-Ef, der zwinkerte ihr zu und gab einen grauenvollen Chanson zum Besten. Unglaublich, dass so ein kleines Wesen so viel Alkohol vertrug, naja, oder auch nicht. Scheinbar wollte auch Cyrus nicht alleine sein, und mit Sicherheit wollte er wissen, was Bo ihr geschrieben hatte. Er schloss die Tür. Auf dem Weg zur Minibar blieb er stehen und blickte auf den Tisch mit dem Brief. „Wenn du magst, lies ihn ruhig“, bot sie ihm an. „Wirklich?“ Sie nickte ihm zu. Er setzte sich und fing an zu lesen. Doc beobachtet ihn dabei, er hatte schöne schlanke Hände. Er hatte so etwas Wildes an sich, das mochte sie schon immer an ihm. Sein längeres Haar, hatte er mit einem Lederband zusammengebunden und das Hemd stand ihm unheimlich gut, er hatte sowas Verwegenes. Als er fertig war, schloss er für einen Moment seine schönen bernsteinfarbenen Augen. Danach legte er den Brief wieder auf den Tisch und ging schnurstracks zur Minibar. Doc konnte sehen wie er sich die Augen rieb. Für ihn musste das auch alles schwer sein, er kannte Bowen schon so lange. Er schüttete sich ein großes Glas mit Tequila voll und trank es in einem Zug, dann begann er Drinks zu mixen. Er kam zurück und drückte ihr einen Cocktail in die Hand. Ein kleines Schnapsgläschen stellte er vor Ef-Ef auf den Nachtisch und ging mit einem Glas für sich in der Hand zum Sessel und setzte sich. Er prostete den beiden zu und leerte seinen Drink in einem Zug.

Seite 221

Dann schenkte er nach. Ef-Ef, der die ganze Zeit gesungen hatte und ununterbrochen plapperte, rülpste auf einmal lautstark. „Merde! Doc, mir ist soo übel! Bitte, ich brauche einen Eimör.“ Doc verdrehte die Augen, diese kleine Diva! Sie nahm den Hamster vorsichtig auf die Hand. „Am besten, du übernachtest in der Badewanne, da kannst du dich austoben.“ Sie brachte ihn ins Bad und war echt stolz auf sich. Immerhin hatte sie den Kleinen nicht fallen gelassen. Als sie zurückkam stand Cyrus wieder an der Minibar und schenkte gerade einen Tequila ein. „So, wie wäre es noch mit einem letzten Absacker?“ „Klar, bin dabei.“ Vom Alkohol erhitzt, ging sie auf die Glastür zu, die auf den kleinen Balkon an ihrer Kabine führte. Draußen, an der frischen Luft, hielt sie sich an der Brüstung fest. Sicher ist sicher, und sie fühlte sich auf einmal sehr benebelt. Cyrus kam ihr nach und hielt ihr den Tequila hin. „Jane, vielleicht solltest du besser doch nichts mehr trinken.“ Unsicher blickte er sie an. „Blödsinn, mir geht es oll.“ Bevor er es sich anders überlegen konnte, schnappte sie sich eins der Gläschen. „Cheers!“, und weg war es. Sie schaute aufs Meer hinaus. Cyrus tat es ihr gleich. Er stand so dicht bei ihr, dass sie seine Wärme spüren konnte. Er war echt riesig. Sie bemerkte, dass er sie ebenfalls von der Seite musterte. Er räusperte sich. „Ich kann mir gut vorstellen, dass du vielleicht nicht darüber sprechen möchtest, aber ich muss wissen, wie du darüber denkst. Bist du nicht sauer auf Bowen? Ich bin so wütend. Auch wenn ich ihn verstehen kann… ich finde trotzdem, er hätte es mir sagen müssen, oder wenigstens Duncan. Wir hätten ihn doch nie so einer Gefahr ausgesetzt. Wir wussten doch, zu was die Drachen fähig sind. Hätten wir gewusst, dass er selbst nicht heilen kann, dann …“ Er brach ab. Doc sah zu im hoch. „Nein.“ Er drehte sich zu Doc um. Stand er eben auch schon so nah bei ihr? „Nein? Du fühlst dich nicht belogen und betrogen?“ Seine Züge spiegelten Unglauben wieder. Sie atmete tief ein und konzentrierte sich aufs Sprechen „Nein. Ja, ich weiß, das wäre das Naheliegendste. Nur so einfach ist das nicht. Natürlich, wir hätten anders gehandelt, wenn wir es gewusst hätten. Nur, Bowen hätte nicht der sein können, der er sein wollte. Ich glaube, er hat selbst vergessen, dass er kein richtiger Vampir gewesen ist. Bowen hatte dieses Leben nun schon so lange geführt, da erzählt man sowas nicht mal eben so.“ Cyrus dachte über Janes Worte nach. Sie hatte recht, aber er war noch zu verletzt, um das zuzugeben. Doc sah total abgekämpft aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sie wirkte so zerbrechlich. Eine kühle Brise kam auf. Sein Beschützerinstinkt machte sich breit. Er legte einen Arm um sie uns drückte sie an sich.Doc ließ ihn gewähren und schmiegte sich an seine Brust. Dann sah sie mit glänzenden Augen zu ihm auf. Er umfasste ihren Nacken. Vorsichtig näherte er sich ihr und küsste sie. Sie schreckte zurück als sein Mund ihren traf, doch er hielt ihren Kopf mit seinen Händen gefangen. Seine samtigen Lippen waren heiß und sanft. Sie legte den Kopf zurück, schlang die Arme um ihn und erwiderte seinen Kuss. Die Spannung zwischen ihnen heizte sich immer mehr auf. Cyrus roch betörend würzig und wild. Er fuhr ihr durchs Haar, hielt sie fest. Er fand sie vom ersten Tag an umwerfend, aber Bowen hatte sie zuerst für sich entdeckt. Die verbotenen Gefühle, die er in der Nacht damals, als er sie übers Deck gejagt hatte, verspürte, wallten sofort wieder in ihm auf. Seitdem hatte er versucht, ihr so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen und sie nie alleine zu treffen. Jetzt wusste er warum. Er wollte sie jagen, sie fangen ihr sein Zeichen aufdrücken… Jane riss sich von ihm los und keuchte auf. Sie holte zu einer Ohrfeige aus, doch er fing ihre Hand ab. Sie sah sexy aus, wenn sie aufgebracht war. Oh ja, das machte den Wolf in ihm an. Er packte sie und zog sie wieder an sich. Wütend funkelte sie ihn an. Das reizte ihn noch mehr. Der Alkohol ließ seine Hemmschwelle sinken, und er küsste sie ein weiteres Mal. Er ließ seine Hände über ihren Körper wandern. Als er eine Spur heißer Küsse zog, sah sie in die Kabine hinein und erblickte den Abschiedsbrief. Sie wandte sich ab. Drückte ihn von sich weg. „Hör auf! Denk doch an Bowen. Er ist noch nicht mal beerdigt und wir… Bitte! Lass mich los. Wir dürfen das nicht tun.“ Das wirkte sofort. Er ließ sie augenblicklich los und brachte etwas Abstand zwischen ihre Körper. Er wusste auch nicht, was in ihn gefahren war. Es war wirklich mehr als unpassend gewesen. „Vergib mir, Jane, es tut mir leid. Das war nicht geplant. Deine Nähe weckt einfach meine zweite Natur.“ „Cyrus, bitte geh einfach. Wir sind beide betrunken und einsam. Keine gute Kombi.“ Es war an der Zeit den Rückzug anzutreten, bevor er sich überhaupt nicht mehr im Griff hatte. „Du hast Recht. Gute Nacht.“ Dann verließ er hastig ihre Kabine. Wütend stapfte Jane in ihr Schlafzimmer und schmiss sich aufs Bett. Dieser unmögliche Werwolf. Warum regte er sie so auf? Es ist doch nichts weiter geschehen.

Copyright © BD Sisterhood

Fortsetzung: Black Dagger Ladies Online – Heimkehr [Kapitel 18]

Black Dagger Ladies Online

Choqequirao
Kapitel 16

Erst kurz vor dem Morgengrauen kehrte endgültig Ruhe im Lager ein. Da wir erst in der folgenden Nacht zuschlagen wollten, hatten wir alle noch genügend Zeit, um uns zu erholen, denn fast jeder hatte Blessuren davon getragen. Lucy und ihrem geheimnisvollen Bruder ging es dank Fernando und Lilli, die sich sofort um sie gekümmert hatten, wieder gut. Gavin wich dabei nicht von ihrer Seite. Drago und Bowen wurden von Kerstin und Doc wieder aufgepäppelt. Duncan gab mir die nötige Kraft, Stärke und Sicherheit, die ich im Moment dringend brauchte. Allein seine Nähe genügte schon, damit ich meine totale Erschöpfung und den leichten Schock, der sich nach dem Kampf gegen den schwarzen Druiden einstellte, ziemlich schnell überwunden hatte. Lilli schien auch wieder okay zu sein, obwohl ich sie besser kannte, denn irgendwas machte ihr noch zu schaffen. Doch nach dem opulenten Frühstück, das Tiago und Cyrus uns aufgetischt hatten, fühlten wir uns alle wesentlich wohler und die gute Stimmung kehrte so langsam wieder zurück. Als Duncan und ich vor unserem Zelt standen, musterte er mich besorgt und strich eine Strähne meines Haares vorsichtig hinter mein Ohr. „Geht es dir wirklich gut, Angie? Du bist immer noch ein bisschen blass um die Nase.“ „Doch doch, mir geht es wieder gut“, log ich und schmiegte mich an ihn. Ein Bild hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt, das ich noch nicht losgeworden war. Immer wieder sah ich den ausgestreckten knochigen Finger des Druiden vor mir, der auf Duncan zeigte. Nicht auszudenken, wenn ihm was passiert wäre! Schnell rieb ich meine Nase an seinem Hals und atmete seinen Duft ein. Aber es war ja nochmal gutgegangen, wenn auch praktisch in letzter Sekunde, und nur das zählte. Nur einem unserer Truppe ging es noch nicht gut. Ich sah Duncan in die Augen und strich langsam mit einem Finger über seine Wange, dann sagte ich leise: „Duncan, ich muss sehen wie es Norbert geht.“ Er versteifte sich etwas, und ein leises Knurren kam aus seiner Brust. Doch dann sah er mich ruhig an und fragte: „ Warum? Tiago kümmert sich doch um ihn.“ „ Ach ja? Duncan, was er jetzt braucht ist bestimmt nicht ein Freund, der ihm wohlwollend auf die Schulter klopft und lapidar sagt: „Ey, Alter, das wird schon wieder!“ Er musste schmunzeln. Dann seufzte er, strich über meinen Rücken, küsste mich auf den Kopf und sagte: „Du hast ja recht. Bowen hat Doc, und Drago Kerstin. Also sieh du nach ihm. Vielleicht hilft es ihm ja. Immerhin seid ihr gut befreundet. Du kannst ihn dann zu der Team- Besprechung mitbringen.“ Da ich genau wusste, was ihn dieses Eingeständnis gekostet hatte, griff ich in sein Haar, zog ihn an meinen Mund und murmelte an seinen Lippen: „Ich liebe dich, Duncan Thorpe.“ Schnell küsste ich ihn und machte mich dann auf den Weg zu Norbert. Unterwegs traf ich auf Tiago. Ich mochte ihn sehr, weil er zu allen freundlich war, immer lächelte und gut drauf war. Und er machte den besten Kaffee der Welt! Als ich ihm erzählte, wohin ich wollte, wurde er jedoch sehr ernst und sagte: „Gut, dass du nach ihm sehen willst, ich kann nicht zu ihm durchdringen. Angie, ich kenne ihn schon sehr lange, aber so habe ich ihn noch nie gesehen. Vielleicht hast du ja mehr Glück?“ Na toll, jetzt machte ich mir erst recht Sorgen um ihn. Schnell verabschiedete ich mich von Tiago und lief weiter.
Norbert saß vor seinem Zelt und stocherte gedankenverloren mit einem kleinen Stöckchen in der Erde herum. Er bemerkte mich erst, als ich direkt vor ihm stand und mich lautstark räusperte. Er sah auf. „Oh, Angie“, begrüßte er mich mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, und wollte schon aufspringen. „Nein, bleib sitzen. Ich wollte nur mal nach dir sehen und wissen wie es dir so geht “, sagte ich leichthin und setzte mich neben ihn auf den Boden. Ich zog meine Beine an und stützte mein Kinn auf meine Knie. Verstohlen musterte ich ihn von der Seite. Er sah irgendwie verändert aus, so ernst und bedrückt. „Mir geht es gut“, versicherte er mir knapp und starrte weiter gerade aus. Ich glaubte ihm kein Wort und sagte leise ohne ihn dabei anzusehen: „Tut es nicht. Es muss furchtbar gewesen sein im Limbo.

Seite 190

Ef-Ef hat mir ein bisschen davon erzählt, was Drago und Bowen gesehen haben.“ Schweigen. Ohne aufzusehen, ohne ein Wort zu sagen, zog er mit dem Stöckchen weiter verbissen tiefe Furchen in die Erde. Ich wartete ab. Dann sah er mich ernst an. „Angie, viel wichtiger ist es doch, wie es dir geht. Tiago hat mir erzählt wie ihr beiden, Doc und du, den Druiden vernichtet habt. Ich meine, wenn man plötzlich Kräfte in sich entdeckt, die ziemlich gewaltig sind, dann muss das doch ganz schön erschreckend sein. Und dann auch noch die Sache mit Lucys Bruder. Gut, dass er auf unserer Seite ist und mit uns kämpfen will.“ „ Ja, das mit dem Druiden war wirklich abgefahren. Auch Zorro, der plötzlich aufgetaucht war und Doc und mir geholfen hat, war ziemlich verwirrend. Ich weiß auch nicht, war alles ein bisschen viel auf einmal.“ Mein Mund wurde trocken. Ich schluckte hart, als ich an die vergangene Nacht dachte. Dann sah ich ihn an und sprach leise weiter: „Norbert, schlimm aber war für mich mit ansehen zu müssen wie er euch angegriffen hat, wie Lilli auf dem Boden lag und Lucy… Ich musste untätig zusehen. Und als er dann auch noch auf Duncan losgehen wollte, da ist etwas in meinem Innern geschehen, dass mir eigentlich eine heidenangst hätte einjagen müssen, hat es aber nicht. Keine Ahnung, warum nicht. Aber jetzt geht es mir eigentlich wieder ganz gut.“ Ich lächelte ihn vorsichtig an. „Stell dir vor, Lucys Bruder RAPHAELLO hat genau 400 Tage unter dem Bann von diesem Mistkerl gestanden und konnte sich in der ganzen Zeit nicht in einen Menschen zurückverwandeln. Das muss ganz schön hart für ihn gewesen sein, zumal er so lange schon nach seiner verschollenen Schwester gesucht hatte. Wie und wann er diesem Bael in die Hände gefallen ist, weiß keiner so genau. Aber er ist sehr nett, und seine Geschichte wird er uns schon irgendwann erzählen. Lucy ist jedenfalls sehr glücklich, dass er sie doch noch gefunden hat.“ Wieder Schweigen, und wieder starrte er nur vor sich hin. Irgendwie musste ich diese Mauer durchbrechen, die er um sich gebaut hatte. Ich versuchte es auf die direkte Art und fragte ihn, ohne ihn anzusehen: „Norbert, was hast du gesehen?“ Er schüttelte seinen Kopf und sagte leise: „Das willst du nicht wissen.“ Ich nahm seine Hand und drückte sie leicht. „Doch. Erzähl es mir. Norbert, wofür hat man denn Freunde, und wir sind doch befreundet, oder? Also, rede mit mir. Drago hat es doch auch ge…“ „Angie!“, unterbrach er mich aufgebracht und riss seine Hand zurück. Dann sah er mich mit so einem wilden Blick an, dass ich unwillkürlich zurückzuckte. „Du willst unbedingt wissen, was ich gesehen habe? Dich habe ich gesehen!“ Er rammte das Stöckchen mit aller Kraft in den Boden, sodass es mit einem lauten Knacks zerbrach. Dann sprang er auf und drehte mir, seine Hände zu Fäusten geballt, den Rücken zu. Verwirrt betrachtete ich ihn. Das konnte doch nicht sein, und ehe ich ihn weiter fragen konnte, sprach er gepresst weiter: „Dich… zerfetzt unter den Krallen dieser Bestie, tot! Das war das Schlimmste und Grausamste, was ich je gesehen habe.“ Immer noch verwirrt schüttelte ich den Kopf und sprach laut meine Gedanken aus. „Das kann aber nicht sein! Lilli hat mir erzählt, dass der Druide nur eine Halluzination für die Gefährten… “ Jetzt dämmerte es mir langsam. „ Oh nein!“, rief ich erschrocken. Das ist jetzt nicht wahr! Plötzlich sah er mich kurz über die Schulter mit einem so verzweifelten Blick an, dass mir ganz elend wurde. Dann blickte er schnell wieder geradeaus. „Lass es gut sein, Angie.“ „Aber du hast doch auf dem Schiff gesagt…“ Er drehte sich zu mir um und sah mir fest in die Augen. „Nein, lass es gut sein. So wie es ist, ist es richtig. Duncan und du, ihr beide seid wie füreinander geschaffen! Alles andere ist allein meine Sache. Also bitte Angie, lass es gut sein!“, wiederholte er ernst. „Okay, … wenn du es so willst“, versprach ich es ihm zögernd und sah ihn prüfend an. Er sah mir fest in die Augen und nickte. „Ja, ich will es so!“ Dann streckte er mir seine Hand entgegen, um mir aufzuhelfen. „Und nun komm, wir gehen zu den anderen. Nicht, dass Duncan noch eine Suchmannschaft nach dir losschickt. Du hast aber auch ein seltenes Talent, dich in Schwierigkeiten zu bringen.“ Bei seinem letzten Satz verdrehte ich die Augen, und als ich neben ihm stand, sagte ich kleinlaut: „Oh man, ich kann ja nicht mal für kleine Hexen, ohne dass was passiert“. Und da war es wieder, wenn auch etwas wackelig. Sein spitzbübisches Lächeln, das ich so gern mochte.

Seite 191

Endlich! Er hielt meine Hand etwas länger als nötig, strich mit seinem Daumen über meinen Handrücken, küsste mich auf die Wange und sagte leise: „Danke, Angie. Und nun los, die anderen warten bestimmt schon.“
Und richtig, fast alle waren schon an der Stelle versammelt, wo das Lagerfeuer noch im Morgengrauen gebrannt hatte. Sie hatten es sich auf der Erde gemütlich gemacht. Tiago musste wohl schon alle Spuren des Feuers beseitigt haben, denn der Platz sah so aus, wie wir ihn bei unserem Eintreffen vorgefunden hatten. Duncan ging gerade in die Mitte und ich lief schnell zu ihm, umarmte ihn und flüsterte in sein Ohr: „Es geht wieder. Er ist zwar noch nicht der Alte, aber auf dem besten Wege.“ Die ganze Wahrheit werde ich ihm nie erzählen, und sollte er mich doch irgendwann mal fragen, werde ich ihn anlügen müssen. Er lächelte erleichtert und küsste mich schnell. Als ich zu meinen Schwestern wollte, hielt er einfach meine Hand fest und schüttelte leicht mit dem Kopf.
Duncan pfiff einmal kurz, und schon waren alle ruhig. Erwartungsvoll richteten sich alle Augen auf ihn, und er legte mit seiner tiefen Stimme los. „Dank Raphaello, haben wir nun einen dritten Gestaltenwandler unter uns.“ Auffordernd sah er ihn an. Raphaello stand geschmeidig wie der Puma, der er noch vor Stunden war, auf und lächelte freundlich in die Runde. Mit einem leicht italienischen Akzent in seiner melodischen Stimme stellte er sich vor. „Mein Name ist Raphaello, ich bin der ältere Bruder von Lucy. Zuerst möchte ich mich bei Fernando bedanken, der mich und meine Schwester so schnell geheilt hat. Dann bei Angie und Doc, die den Fiesling zur Strecke gebracht haben. Und natürlich bei euch allen, dass ihr mich so schnell in eurer Mitte aufgenommen habt und ich mit euch kämpfen darf, obwohl wir uns erst ein paar Stunden kennen.“ Fast jedes seiner Worte untermalte er mit seinen Händen. Dann setzte er noch mit einem scharfen Ton laut hinzu: „Ich habe nämlich mit den Dragons auch noch eine Rechnung zu begleichen.“ Er nickte noch einmal freundlich in die Runde und setzte sich dann wieder neben Lucy. Gavin klopfte ihm auf die Schulter. „Willkommen, Schwager. Gemeinsam treten wir den Dragons in den A… äh, wo die Sonne nicht hin scheint, oder?“ Auffordernd sah er uns an und sofort klatschten alle Beifall und hießen den Neuen willkommen. Duncan nickte und nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, fuhr er fort. „Jeder von uns brennt darauf endlich zuzuschlagen und die Red Dagons und ihre unselige Brut zu vernichten. Sie wissen wahrscheinlich, dass wir in der Nähe sind, aber nicht wo. Und sie wissen auch nicht, wann wir angreifen. Das ist unser großer Vorteil. Jeder von uns weiß, was er zu tun hat, das brauche ich keinem zu sagen, aber es gibt noch ein paar Kleinigkeiten zu klären. Tiago und Cyrus gehen, sobald es dunkel ist, zuerst los. Sie werden nach eventuellen Spuren von unseren Feinden suchen. Kerstin, du wirst mit ihnen gehen. Du kannst dann Drago über euren Gedankenaustausch Bericht erstatten. Solltet ihr auf irgendwelche Wächter treffen, die bestimmt in der Gegend herumstreunen, sofort vernichten, bevor sie Alarm schlagen können. Drago, es ist am besten, wenn du zwischen uns allen pendelst. Lilli, Lucy, Fernando und Gavin werden euch, mit etwas Abstand, folgen. Lilli, du als Elfenkönigin musst versuchen die Erdgeister, die dir auch unterstehen, zu mobilisieren, falls der Wall noch besteht. Wir wissen ja nicht mit Sicherheit, ob er mit der Vernichtung von Bael zerstört worden ist. Der Druide wird noch Helfer haben, die die Anlage bewachen. Jane, Angie, Bowen, Norbert, Raphaello und ich werden immer in eurer Nähe sein. Wir bilden die Nachhut, bis wir alle wieder in unmittelbarer Nähe des Eingangs zusammentreffen. Ach, Drago, wenn du einen von den Wächtern oder sonst wen von denen erledigt hast, könntest du doch die Gestalt von demjenigen annehmen, oder?“ Duncan sah ihn fragend an. Drago nickte mit einem grimmigen Lächeln. „Aber immer gerne doch!“ „Super, dann brauchen wir dringend ein Codewort, damit kein Unglück geschieht. Vorschläge?“ Sofort riefen alle durcheinander. „Bacardi!“, „Seraphim“, „Puschel“ – der Vorschlag kam mit einem breiten Grinsen von Kerstin und wurde gleich mit einem liebevollen Knuff von Drago beantwortet. Von Raphaello kam „Grappa!“

Seite 192

Doc, Lilli und ich riefen gleichzeitig: „67!“. Lucys „43!“ ging im allgemeinen Gelächter unter. Misstrauisch betrachtete mich Duncan. Schnell biss ich mir in die Wange, um nicht laut los zu lachen und sah ihn unschuldig mit hochgezogenen Brauen an. „Was ist? Nicht gut? Doch!“ „Okay, … dann eben 67“, sagte er gedehnt und sah mich immer noch skeptisch an. Dabei grinste er mit einem Funkeln in den Augen und flüsterte in mein Ohr: „Warte nur, kleine Hexe. Ich finde schon raus, was diese Zahl zu bedeuten hat, und dann…“, spielerisch biss er mir ins Ohrläppchen, drehte sich wieder zu den anderen und verkündete laut: „Also lautet das Codewort 67. Habt ihr noch Fragen? Nein? Okay… oh, was willst du denn, Ef-Ef?“ Der kleine Bursche zupfte an seinem Hosenbein und starrte ihn mit erhobenen Pfötchen an. Als Duncan sich bückte, um ihn hochzunehmen, zuckte der jedoch zurück und rief entsetzt: „Oh nein, nischt du, du zerquetscht misch sonst aus Verse`ön, Großer. Angie?“ Ich nahm den Kleinen vorsichtig in die Hand und fragte ihn: „Was gibt es denn?“ Empört sah er mich an: „Wolltet ihr die kleine süße Dämon vielleischt in die Lagör muttörselönd alleine zurück lassön, mh?“ „Och, wenn’s nach mir ginge….“, brummte Duncan leise und handelte sich einen strafenden Blick von allen Mädels inklusive mir ein. Doch dann sagte er laut: „Doc, nimm du ihn mit. Ich hoffe, er kann sich auch weiterhin nützlich machen. So, wir treffen uns zu Beginn der Dämmerung wieder genau hier. Das Lager bleibt unbewacht. Der Schutzzauber hat bisher gehalten, er wird es auch weiterhin tun. Ihr wisst, wir haben nur diese eine Nacht, also….“ Plötzlich ging ein Ruck durch ihn. Er richtete sich zu voller Größe auf, straffte seine Schultern, und mit leicht gespreizten Beinen betrachtete uns alle mit einem solch motivierenden, mitreißenden Blick, dass ein jeder wie elektrisiert aufsprang. Duncan lächelte diabolisch und rief laut: „Wir werden auch nicht länger brauchen. DENN WIR SIND DIE BESTEN!“ Bei diesen Worten stieß er seine Faust nach vorne, unsere folgten sofort und trafen in der Mitte aufeinander. Dann stießen wir alle gleichzeitig einen gewaltigen Kampfschrei aus, der jedem Unbeteiligten eine mordsmäßige Gänsehaut beschert hätte, und reckten unsere Fäuste gemeinsam gen Himmel.
Als die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Horizont verschwunden waren und die Abenddämmerung, wie in diesen Breitengraden üblich, sehr schnell in die Dunkelheit wechselte, zogen wir los. Wir trugen unsere Kampfmontur und waren bis an die Zähne schwer bewaffnet – und immer noch hochmotiviert und zu Allem entschlossen.

Lautlos gingen alle Mitglieder der Bruderschaft und die Sixpack-Schwestern durch die Dunkelheit. Bislang waren sie nur tagsüber gewandert, jetzt gingen sie im Dunklen unter sternenklarem Himmel. Die Sicht war gut, und da alle auch hervorragend im Dunkeln sehen konnten, gab es keinerlei Probleme bei der Orientierung, dennoch war es ungewohnt, und man konnte die Anspannung nahezu in der Luft fühlen. Leise und aufmerksam schlichen sie durch den Wald.
Nachdem sie etwa eine Stunde unterwegs waren, entdeckte Kerstin zwei schemenhafte Schatten in ca. 100 Meter Entfernung. Sie gab Drago gedanklich die Anweisung die anderen zu informieren zurückzubleiben. Langsam und lautlos pirschte sie sich immer näher an die beiden Gestalten heran. Tiago und Cyrus waren ihr dicht auf den Fersen. Einige Meter entfernt blieben sie hinter einem großen Baum stehen und lauschten. Die beiden Wesen, die unglaublich hässlich aussahen, waren in einen Streit vertieft. „Kerstin, das sind Kobolde. Keine besondere Gefahr, aber sie sind bewaffnet.
Komm die beiden holen wir uns“, flüsterte Cyrus ihr ins Ohr. Die beiden Kobolde diskutierten hitzig in einer unbekannten Sprache. Umso besser, so achteten sie überhaupt nicht auf ihre Umgebung. Kerstin schlich sich von hinten an die Beiden heran und tippte ihnen auf die Schulter. Als sie sich verdutzt umsahen, lächelte sie freundlich. „Wisst ihr zufällig wo hier die nächste Tankstelle ist?“

Seite 193

Während die zwei Kobolde immer noch nicht kapiert hatten, was vor sich ging, hatten sie schon beide einen Dolch im Herzen – einer kam von Kerstin, der andere hinterrücks von Cyrus. Sie drehten die Waffen mit einem Ruck um, und ihre Opfer schlugen mit einem dumpfen Laut auf dem Boden auf. Das ganze ging so schnell, dass sie noch nicht einmal Zeit hatten zu schreien. Tiago kam ihnen zu Hilfe und gemeinsam zogen sie Leichen in den Wald, sodass sie nicht entdeckt werden konnten. Gedanklich forderte Kerstin Drago auf, die anderen über den Vorfall zu unterrichten, und sie zu warnen, dass sie von nun an beim Vorrücken überall mit Wachen rechnen mussten.
Duncan, der mit dem Rest der Truppe noch etwas zurückgeblieben war, gab den Befehl, dass sie nun kreisförmig auf die Stadt zu gehen sollten. Doc und Bowen positionierten sich auf der südlichen Seite des Waldes vor der Anden-Stadt. Man konnte schon die terrassenartigen Gärten erahnen, die zu der Mauer hoch führten. Am Waldrand entdeckten sie zwei weitere Wachen. Als Jane sich auf den Weg machen wollte sie auszuschalten, hielt Bowen sie zurück. „Wir sollten auf Drago warten“, flüsterte er ihr leise ins Ohr, „er soll doch die Gestalt von einem ihrer Leute annehmen.“ Sie nickte ihm zu. Ein paar Minuten später streifte Drago in der Gestalt des grünen Drachen ihren Weg. Bowen machte ein Zeichen in seine Richtung. Er und Drago gingen mit gezogenem Schwert auf die beiden Wachen zu. Bowen köpfte den rechten der beiden Wachen mit einer einzigen fließenden Bewegung. Der andere wurde von Drago in den Schwitzkasten genommen. Als dieser ohnmächtig am Boden lag, prägte Drago sich sein Gesicht ein, riss ihm ein paar Haare aus, steckte sie in seine Hosentasche und zog ihm das Messer durch die Kehle. Nur ein leises Gluckern war zu vernehmen. „Danke, dass du mir den Hübscheren übrig gelassen hast“, sagte er an Bowen gewandt. Die Luft um Drago flimmerte und plötzlich stand vor Bowen die Gestalt der getöteten Wache. Ein ca. 1,46 Meter großer Halbkobold mit feuerroten, gelockten Haaren, die ungepflegt und wild in alle Richtungen standen. Sein Blick wirkte leicht verrückt, da er unglaublich schielte. Eine riesige, klobige Nase beherrschte fast die gesamte Fläche von seinem Gesicht. Die kleinen, fauligen Zahnstummelchen und die Sommersprossen, die den ganzen Kopf bedeckten, taten ihr Übriges. Bowen musste sich ein Grinsen verkneifen, als er zu zurück zu Jane ging. Sie zogen die beiden Leichen unter einen Busch. „Komm Baby“, sagte Bowen zu Jane, „wir gehen zurück zu den anderen, hier gibt es nichts mehr zu tun.“ „Warte, wir haben seinen Kopf vergessen.“ Angewidert blickte sie auf den Kopflosen. „Mist, immer ist irgendwas“, stöhnte er und holte den Rest der Leiche. Danach zogen sie sich wieder zurück in das Dunkel des Waldes und stießen auf Tiago, der auf dem Boden an einen Baum gelehnt saß. Er sah etwas blass um die Nase aus, oder lag es nur am Mondlicht? „Seniore, warum bist du nicht bei Cyrus und Kerstin?“ „Ach, ich habe gesagt, ich komme nach, mir war auf einmal so heiß und ein wenig schwindelig.“ Er stand auf, holte tief Luft und drehte sich um. „Tiago, warte, bleib bitte stehen.“ Doc war hinter ihm und schnippte eine zerquetschte Riesentarantel von seinem Hintern. Sie zeigte auf das haarige Ungetüm.
„Die Prinzessin auf der Erbse bist du ja nicht gerade, wenn du das beim Hinsetzen nicht gemerkt hast. Bo, sag den anderen Bescheid, dass hier an den Felsen und unter den Steinen diese giftigen Viecher hocken könnten.“ Bowen machte sich auf den Weg zu Duncan. Doc drehte sich zu Tiago und sagte mit einem Augenzwinkern: „Na, dann lass mal die Hosen runter. Das Gift muss raus.“ Da kam der alte Sunnyboy wieder zum Vorschein. „Wenn du mir das Gift jetzt raus saugst, hat sich der Biss doch wirklich gelohnt.“ „An deiner Stelle würde ich mich etwas zurückhalten, ich werde nämlich jetzt einen kleinen Schnitt an deinem Allerwertesten machen und das Blut abfließen lassen. Tarantelgift im Mund ist auch nicht so wirklich gesund.“ Doc zog einen scharfen Dolch aus ihrem Brusthalfter und machte einen 5 mm langen Schnitt. Langsam quoll das Blut hervor. Bowen, der sich ziemlich beeilt hatte, trat zwischen zwei Bäumen hervor, und Tiago konnte sich nicht verkneifen ihn aufzuziehen.

Seite 194

„Hey, Bowen, deine Frau saugt mir Spinnengift aus der Kiste! Und wow, .. ich sag nur … autsch.“ Doc hielt ein Feuerzeug an die Wunde. „Desinfektion, Tiago, Desinfektion.“ „Sieht mir eher nach einer Enthaarung aus, Amigo“, brummte Bo, der sich an den Baum gelehnt hatte und Tiago kritisch beäugte. Doc legte ihre Hand auf die Wunde und ließ ihre Heilenergie fließen. „So, das hätten wir, die Hitzewellen und der Schwindel müssten gleich weg sein. Kann nur sein, dass eine 5 cm große Narbe bleibt und die Zahnabdrücke von der Tarantel natürlich.“ Sie zwinkerte Bowen zu. „Na, komm Dornröschen, wir begleiten dich zu deinem Trupp.“
Auf dem Weg zu Kerstin und Cyrus kamen sie an Lilli und Nando vorbei, die mit Lucy, Gavin und ihrem Bruder gerade 4 weitere Leichen der Wachen im Gebüsch verschwinden ließen. Sie drehten jetzt ihre Runde gegen den Uhrzeigersinn, sodass sie einmal die Umgebung abgecheckt hatten, die um die geheimnisvolle Inkastadt lag.
Von weitem konnte Jane sehen wie sich von hinten ein kleiner rothaariger Kobold an Kerstin heranschlich. Sie wollte sie gerade warnen, aber Bowen hielt ihr eine Hand vor den Mund. „Das ist der Drache, schätze, er will sie mit seiner Typveränderung überraschen.“ Und genauso war es auch. Drago stellte sich hinter Kerstin auf einen Stein und meldete sich bei ihr gedanklich an. Dann berührte er sie liebevoll von hinten. Kerstin schmiegte sich an ihn und Drago fing an ihren Hals mit küssen zu bedecken. Sie drehte sich zu ihm um und wollte seine Küsse erwidern, da verzog sie dermaßen angewidert ihr Gesicht, das Doc aufpassen musste nicht laut loszukichern. Kerstin stieß Drago von sich weg und wischte sich die Hände ab. Sie sah aus, als hätte sie die Berty Botts Bohnen mit Ohrenschmalzgeschmack erwischt. Drago hob abwehrend die Hände und lachte mit seinem fiesen neuen Gesicht, er klang wie eine Comicfigur. „67! Süße, bitte nicht schlagen, haha… 67!“ „Was ich da gefühlt hab, war wohl eher eine 6,7. Gut, dass mir innere Werte auch wichtig sind“ Sie lächelte ihn an. Dann verstreuten sich alle wieder in die Dunkelheit, um erneut die Lage zu erkunden. Doc stand gerade unter einem Baum, als plötzlich etwas neben ihr ins Gebüsch klatschte. Sie zuckte zusammen und nahm ihre Kampfstellung ein. Doch am Boden war nur eine weitere Kobold-Leiche zu sehen. Sie blickte hoch in den Baum und sah Angie dort oben auf einem Ast sitzen. Mit ein paar Blättern wischte sie ihren Dolch ab. Die beiden lächelten sich an. „Alles Gute kommt von oben.“ Geschmeidig kletterte sie vom Baum herunter und stellte sich zu Doc und Bowen. Da tauchte auch schon Duncan auf. „So, ich habe auch noch 2 erledigt. Ich denke, hier im Wald haben wir alles durchkämmt. Jetzt rücken wir weiter auf die Stadt vor. Wo steckt Kerstin?“

Drago schaute sich um, zuckte mit den Schultern und bemerkte: „Lilli ist auch nicht da. Ich habe auch keine mentale Verbindung mit Kerstin. Sie hat mich praktisch abgeschaltet.“
„Versuche es bitte weiter. Lilli und Kerstin sind sicher zusammen unterwegs“, sagte Fernando. Alle schauten ein wenig besorgt zu Drago und warteten gespannt, ob Kerstin sich melden würde.

Lilli und Kerstin schlichen inzwischen leise durch das Gebüsch und verfolgten einen Schatten, der an ihnen vorbei gehuscht war und sich in Richtung Choqequirao bewegte. „Keeeeerstin!“ Dragos Rufe in Kerstins Kopf wurden immer lauter und drängender. „Ja, ist ja schon gut!“, fauchte Kerstin. Lilli blieb stehen und drehte sich zu Kerstin um. „Schscht! Kerstin, leise sonst hört uns der Wächter noch.“

Seite 195

„Entschuldige, ist mir so raus gerutscht. Aber Drago nervt.“ „Gib ihm doch einfach Bescheid, wo wir sind, dann gibt er schon Ruhe.“

Drago drehte sich zufrieden lächelnd zu den anderen. „Kerstin und Lilli verfolgen einen Wächter, der sich an uns vorbei geschlichen hat und machen ihn unschädlich, dann kommen sie zurück.“ Duncans Miene verfinsterte sich. „Diese Weiber! So langsam gehen sie mir mit ihren Alleingängen ganz schön auf die Nerven!“, schnaubte er wütend. Angie bekam einen hochroten Kopf. „Und du mir schon lange! Mit deinen saublöden Machosprüchen!“ Sie schaute Duncan wütend an. „Sie haben sich ja nicht ohne Grund von uns getrennt.“ „Ihr habt immer irgendwelche Gründe. Ihr begebt euch blindlings in Gefahr, und wir können Euch dann wieder mal den Arsch retten“, erwiderte er mit zornbebender Stimme. Er und Angie standen sich wie zwei Kampfhähne gegenüber, bereit aufeinander loszugehen. Angie holte gerade Luft, um etwas zu erwidern, da stellte sich Fernando zwischen die beiden. „Jetzt mal ganz langsam ihr zwei. Duncan lass die Kirche im Dorf. Ganz hilflos sind die beiden ja wohl nicht. Sie sind gut bewaffnet, haben mächtige Kräfte und wissen sie auch einzusetzen. Also hört auf zu streiten, und laßt uns auf sie warten, sie werden diesen Wächter ja gleich erledigt haben.“ Angie nickte Fernando zu, blickte Duncan wütend an und ging zu Doc und Lucy. „Gut, dann warten wir. Aber das letzte Wort dazu ist noch nicht gesprochen“, sagte Duncan, drehte sich um und stapfte wütend davon.

Der Schatten, den Lilli und Kerstin verfolgten, blieb stehen, duckte sich und schaute sich um. Lilli gab Kerstin ein Zeichen und die beiden umkreisten ihn, der Zeitpunkt ihn anzugreifen und unschädlich zu machen war gekommen. Gleichzeitig verließen sie ihre Deckung und stürmten auf den Wächter zu. Dieser schnellte hoch, drehte sich blitzschnell zu Lilli um und schleuderte ihr einen Art Energieblitz entgegen. Lilli wich diesem Blitz geschickt aus, wurde aber von der Erkenntnis hart getroffen. „So ein Mist, das ist ein schwarzer Druide“, rief sie Kerstin zu. „Mach, dass du wegkommst und hol die anderen. Ich werde Angie und Doc brauchen, um ihn zu vernichten. Beeil dich, ich halte ihn so lange in Schach!“ Kerstin sprang sofort zwischen die Büsche in Deckung und rief in Gedanken schon nach Drago. Von ihrem Versteck aus konnte sie gut erkennen wie Lilli und der Druide sich gegenüber standen. „Was haben wir denn da?“, sagte der Druide mit eiskalter, fast tonloser Stimme. „Eine kleine dreckige Waldelfe. Ich dachte, wir hätten euch alle vernichtet.“ „Wie du sehen kannst, habt ihr das nicht. Und dann haben wir euch besiegt und nicht umgekehrt“, erwiderte Lilli und fing an grün zu leuchten.

„Hey, Leute, wir müssen sofort los! Lilli und Kerstin brauchen uns! Der Wächter, den sie verfolgt haben, hat sich als schwarzer Druide entpuppt, und Lilli kämpft jetzt alleine gegen ihn“, rief Drago und rannte los. Sofort folgten ihm die anderen. Duncan schob sich neben Angie. “Und? Hatte ich nicht wieder einmal recht?“ Angie blickte ihn wutschnaubend an. „Halt einfach deine Machoklappe, und lass mich in Ruhe!“
Kerstin hielt sich weiterhin versteckt und schaute gespannt auf das Geschehen vor ihr. Sie wusste durch Drago, dass die Anderen unterwegs waren, um ihnen zu helfen. Sie brannte darauf in den Kampf vor ihr einzugreifen, konnte gegen die Duriden aber nichts ausrichten. Also beobachtete sie weiter gespannt die Entwicklung und blieb mental mit Drago in Verbindung.

Seite 196

Lilli und der Druide standen sich auf einer kleinen Lichtung gegenüber. Lilli war inzwischen ganz von einer grünen Aura umgeben, und der Druide feuerte immer weiter Energieblitze auf sie ab, aber er konnte den Schutz von Lilli damit nicht durchbrechen. Lilli hatte ihre Augen geschlossen und murmelte Beschwörungsformeln vor sich hin. Der Druide feuerte immer stärkere Blitze auf sie ab. Langsam wurde er immer wilder und wütender. Plötzlich bewegte sich die Erde rund um den Druiden und er kam kurz aus dem Gleichgewicht. Bevor er sich wieder fangen konnte, schossen unzählige Wurzeln aus dem Boden und wickelten sich um seine Knöchel, seine Handgelenke und seinen Körper. Nun war der Druide bewegungsunfähig. Er stieß einen fürchterlichen Wutschrei aus. In diesem Moment erreichten die Anderen den Schauplatz. Bevor sie sich auf die Lichtung und den Druiden stürzen konnten, stellte sich Kerstin ihnen in den Weg. „Halt! Alle ganz ruhig stehen bleiben! Ich glaube, Lilli schafft das alleine! Wenn wir da jetzt dazwischen gehen, könnte der Schuss nach hinten los gehen. Sie sieht uns nicht, sie ist komplett auf ihre Kräfte und den Druiden konzentriert. Wir müssen hierbleiben, uns ruhig verhalten und zum Eingreifen bereit sein, falls was schief gehen sollte.“ Alle standen am Rande der Lichtung und schauten gebannt auf Lilli und den Druiden. Nun murmelte auch der Druide Beschwörungsformeln in einer fremden Sprache. Sein hasserfüllter Blick war starr auf Lilli gerichtet, die immer noch ihre Augen geschlossen hatte. Rund um den Druiden bildete sich ein dichter, schwarzer Nebel, der sich auf Lilli zubewegte. Als Drago das sah, gefror ihm das Blut in den Adern. Diesen Nebel hatte er schon einmal in der Zwischenwelt gesehen. Er wollte zu Lilli eilen und in den Kampf eingreifen, aber Kerstins Hand hielt ihn zurück. „Nein, bleib hier. Warte ab“, flüsterte sie ihm zu. In ihrer Stimme lag so eine große Zuversicht, als ob sie wusste, was jetzt gleich passieren würde. Kurz bevor der Nebel Lilli erreichte, fing der Druide grausam zu kichern an. Sein Gesicht nahm einen triumphierenden Ausdruck an. Da öffnete Lilli ihre Augen und alle hielten den Atem an, ihre Pupillen hatten sich in ein pulsierendes, dunkles Grün verwandelt. Sie richtete ihren Blick auf den Druiden und bohrte ihn geradezu in seine Augen. Sein Kichern erstarb, und sein Gesichtsausdruck wechselte von Triumph in pure Angst. Da schoss aus Lillis Augen ein grüner Energiestrahl direkt in die Augen des Druiden. „Das ist doch nicht möglich“, schrie er noch, und im nächsten Moment explodierte er in einer gleißenden Lichtkugel. Lillis Körper bäumte sich auf, ihre Augenlider flatterten, und mit einem lauten Stöhnen fiel sie in sich zusammen. Blitzschnell war Fernando bei ihr, fing ihren erschlafften Körper auf und ließ sich sanft mit ihr auf den Boden gleiten. Sie lag vollkommen bleich und schlaff in seinen Armen. Fernando strich ihr besorgt über das Haar. Auch Doc kniete schon neben Lilli auf dem Boden und tätschelte wie verrückt ihre Wangen. „Lilli, Lilli, komm zu dir! Du darfst nicht sterben! Lilli! Lilli!“ Ihr Tätscheln wurde immer heftiger. „Lilli, Lilli….“ „Hör sofort auf, mich zu schlagen, du Wahnsinnige“, sagte Lilli plötzliche und öffnete die Augen. Sie drehte ihren Kopf zu Doc und fing an zu lachen. „Du willst wohl da weitermachen, wo der Druide aufgehört hat.“ Nun lachten alle erleichtert auf und Fernando half Lilli behutsam auf die Beine. „Mensch, war das eine geile Show“, sagte Kerstin und klopfte Lilli anerkennend auf die Schulter. Fernando schaute Lilli tief in die Augen, strich ihr sanft über den Arm und zog sich galant zurück. Jetzt umringten Angie, Doc, Kerstin und Lucy mit vor Stolz geschwellter Brust ihre Lilli. Angie konnte es sich nicht verkneifen einen triumphierenden Blick in Richtung Duncan zu werfen. Lilli schaute Doc und Angie an. „Was ist mit dem Druiden? Konntet ihr ihn fertig machen?“ „Das war nach deiner Spezialbehandlung gar nicht mehr nötig“, antwortete Angie grinsend. „Wie Spezialbehandlung? Was ist denn passiert? Ich kann mich an gar nichts erinnern, nur dass um mich herum alles schwarz war. Aber dann sah ich ein grünes Leuchten, das immer mehr anschwoll und das Schwarze verdrängte. Plötzlich explodierte alles vor meinen Augen – und dann hat Doch mich geschlagen.“ Doc schaute etwas verlegen. „Ich bin halt ein bisschen in Panik geraten.“ Kerstin lachte.

Seite 197

„Ja, Lilli, das war schon krass, was du da gemacht hast. Dir ist ein grüner Energieblitz aus den Augen geschossen, direkt in die Augen des Druiden und der ist dann einfach mit einer grünen Explosion verdampft. Kein Krümelchen ist von dem übrig geblieben.“ Lilli schaute die Mädels verblüfft an. „Oh, wow, so was Cooles kann ich machen? Das habe ich ja gar nicht gewusst.“ „Jetzt weißt du es ja“, blaffte Duncan während er auf die Mädels zuging. „Können wir uns jetzt wieder auf den Weg machen, oder wollt ihr noch weiter euer Damenkränzchen abhalten?“ „Ups, welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen“, fragte Lilli flüsternd. „Wir“, sagte Angie kurz angebunden, drehte sich um und ging zurück zum Weg, der nach Choquequirao führte. Schweigend folgten die anderen Angie. Fernando schaute Duncan wütend an. Duncan senkte verlegen den Kopf. Er wusste genau, dass er wieder einmal über das Ziel hinaus geschossen war und zusehen musste, wie er das wieder gerade biegen konnte. Fernando nahm Lilli zärtlich in die Arme. „Wie fühlst du dich?“ Lilli schmiegte ihr Gesicht an seine Brust. „Ich bin ein bisschen verwirrt, aber ansonsten fühle ich mich sehr gut.“ Sie löste sich von ihm und ergriff seine Hand. „Komm, wir müssen zu den anderen. Jetzt zerbrösel ich noch den Schutzwall, wenn er noch da ist, und dann machen wir die Dragons und ihre Klone fertig.“ Fernando musste lachen. „Du bist ja eine richtige Terror-Elfe. Ich bekomme es ja mit der Angst zu tun.“
Ohne auf weitere Wächter zu treffen erreichten sie nun endlich die Außenmauern von Choquequirao. Duncan drehte sich zu Lilli und Angie, die in ein Gespräch über die schwarzen Druiden vertieft waren. „Angie, Lilli, wie sieht es aus? Könnt ihr etwas erkennen oder spüren? Ist der Schutzzauber noch aktiv?“ „Also, ich spüre ein leichtes Vibrieren“, sagte Doc. Angie nickte. „Ja, ich auch. Lilli, was ist mit dir, kannst du es auch spüren?“ Lilli kniete auf der Erde, sie hatte die Hände auf den Boden gelegt und die Augen geschlossen. Sie wurde wieder von einem leichten grünen Schimmern umgeben. „Ja, der Schutzzauber ist noch da. Ich kann ihn spüren und sehen. Moment, das haben wir gleich.“ Lilli runzelte die Stirn, doch dann erschien ein Lächeln auf ihren Lippen. „Ich muss den Schutzzauber gar nicht zerstören, ich kann uns eine Öffnung schaffen. Dann merken die Dragons vielleicht gar nicht, dass wir rein gekommen sind.“ Duncans Gesichtszüge erhellten sich auch etwas: „Das wäre ja mal nicht schlecht. Da hätten wir den Überraschungseffekt auf unserer Seite.“ Lilli murmelte erneut eine Beschwörungsformel und sofort spürten alle ein leichtes Vibrieren im Boden. Jetzt erschienen wieder Wurzeln, die sich schnell nach oben rankten und einen Torbogen bildeten. „Doc, du musst durch das Tor gehen und auf der anderen Seite das selbe machen wie ich. Knie dich hin, lege deine Hände auf den Boden und versuche den Wurzelzauber zu spüren. Du als Shamanin müsstest ihn fühlen und beherrschen können. Gemeinsam können wir ihn besser aufrecht erhalten bis alle durch sind. Dann musst du ihn kurz alleine halten, sonst kann ich nicht mit rüber kommen.“ „Alles klar. Das ist doch eine meiner leichtesten Übungen“, sagte Doc und war schon durch das Tor geflitzt. Kaum hatte sie sich hingekniet und ihre Hände auf den Boden gelegt, konnte sie den Zauber schon fühlen. „Oh, das ist aber ein sehr angenehmes Kribbeln in den Händen. Alles klar, Leute, ihr könnt jetzt rüber kommen.“ Einer nach dem anderen durchschritten sie etwas ehrfürchtig den Torbogen. „Lilli, jetzt kannst du rüber kommen. Ich habe den Zauber fest im Griff“, rief Doc, als alle auf der anderen Seite angekommen waren. Lilli erhob sich und lief schnell ebenfalls durch den Torbogen. Doc nahm ihre Hände vom Boden und sofort schnellten die Wurzeln lautlos zurück in den Boden. Doc und Lilli lächelten sich erleichtert an und klatschten sich ab. Sogar Duncan hatte mal wieder ein Lächeln auf dem Gesicht. „So, das hätten wir geschafft.“ Er drehte sich um und lief auf ein Gebäude zu, das ganz in ihrer Nähe stand. „Kommt, hier drin können wir unser weiteres Vorgehen besprechen.“

Seite 198

Dank Lilli hatten sie eine ziemlich genaue Vorstellung von der gesamten Anlage, die in der für die Inka typischen Terrassen-Bauweise angelegt worden war. Im Zentrum befand sich ein großer Platz, um den Tempel und ehemalige Regierungsgebäude, sowie die Wohnhäuser der Aristokraten angeordnet waren. Dort vermuteten sie die Zentrale der Dragons, das eigentliche Ziel ihrer Operation. In den Außenbezirken befanden sich die Wohnhäuser der übrigen Bevölkerung zu kleinen Dörfern gruppiert. In so einen Bezirk waren sie vorgedrungen. Die Stadt war durchzogen von zahlreichen Kanälen und unterirdischen Gängen, in denen die meiste Gefahr lauerte. Erstaunlich, wie gut die Gebäude erhalten waren. Es war unmöglich sich alle Details der Anlage genau einzuprägen. Außerdem wussten sie nicht, inwieweit die Anlage verändert und den Erfordernissen der Dragons angepasst worden war. Aber trotzdem teilten Lilli und Lucy an alle ein kleines, goldenes Navigationsgerät aus, das gleichzeitig auch über einen Thermo-Scan verfügte. Es war nur ein kleiner Schutz vor unliebsamen Überraschungen. Als sie die Geräte austeilten, musterte Duncan das Gerät mit einem verächtlichen Blick. „Was soll das denn? Meint ihr nicht, Gold ist hier ein bisschen zu … übertrieben?“ Angie warf ihm einen wütenden Blick zu, aber bevor sie etwas erwidern konnte, plapperte Lucy in der für sie typischen fröhlichen Art los. „Gold ist hier goldrichtig. Wir dachten, das ist ein gutes Omen, denn schließlich befinden wir uns doch in der ‚Wiege des Goldes‘, das bedeutet nämlich der Name Choquequirao. Hättest halt den Geschichtsunterricht nicht immer schwänzen sollen“, flötete sie und strich ihm dabei über die Wange. Dem hatte er nichts entgegen zu setzen. Lucy zwinkerte Angie zu und stellte sich neben Lilli, die sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Schweigend ließ Duncan die kurze Einführung über das Handling des Gerätes „Golden Eye“ über sich ergehen, das sich allmählich als kleines Tausendsasa herausstellte. Navigation, Thermoscan, Ortung jedes einzelnen in der Gruppe und unterirdischer Kommunikator waren nur einige der Funktionen, die in dem Ei-großen Gerät untergebracht waren. Außerdem zeigte es auch die kleinsten Spuren von Magie an und enthielt den von Lilli entwickelten Chip zur Vernichtung der Klone. Raphaello blickte ungläubig von seinem Golden Eye hoch und meinte zu Lucy: „Habt ihr mal daran gedacht, das in Serie zu geben? Ihr könntet ‚ne Menge Kohle damit machen. Denk mal d’rüber nach, wenn das alles hier vorbei ist.“ Voller Stolz stieß er Fernando mit dem Ellbogen in die Seite und murmelte „meine kleine Schwester“.
„Nun gut“, ergriff wieder Duncan das Wort, „wir werden uns aufteilen, so haben wir größere Chancen, falls wir in einen Hinterhalt laufen oder entdeckt werden. Dank Lillis und Lucys Wunderding können wir in Kontakt bleiben. Wir vermuten ihre Zentrale hier…“, und zeigte dabei auf einen Plan von Choquequirao. „Dort konnten wir die meisten Aktivitäten scannen. Hier und hier sind wohl die Unterkünfte ihrer Soldaten. Ein Team versucht diese auf einen Schlag zu vernichten. Gavin, ich denke da an ein schönes Feuer in der Nacht. Aber brennt bitte nicht alles nieder, wir wollen diese heilige Stätte ja nicht zerstören. Spätestens dann werden wir nicht mehr unbemerkt sein. Aber, unser Vorteil, sie wissen nicht, wie viele wir sind – und“, fügte er mit einem diabolischen Grinsen in Richtung Angie hinzu, „sie wissen nicht wie gut wir sind.“ Aus Angies Blick las er Zustimmung, aber auch Widerwille. Er war noch lange nicht von der Angel, aber die fällige Aussprache musste warten. „Wir gehen in 3er bzw. 4er Teams los. Wichtig ist, dass wir alle zur gleichen Zeit losschlagen. Dank dieses … äh … kleinen Wunderdings, haben wir ja jetzt eine Möglichkeit in Kontakt zu bleiben. Wir bleiben noch bis zum Einbruch der Dunkelheit hier. Also dann, ruht euch noch ein bisschen aus, wir werden alle Kraft brauchen heute Nacht.
Lucy stand an einem der Fenster und blickte hinaus in die Abenddämmerung. Raphaello kam mit den geschmeidigen Bewegungen einer Raubkatze auf sie zu. Sein dunkles, schulterlanges Haar glänzte tief schwarz.

Seite 199

Auch in seiner menschlichen Gestalt strahlte er eine pulsierende Kraft aus, die sie fast das Leben gekostet hatte. Lucy war froh, dass Raphaello sie gefunden hatte und auf ihrer Seite gegen die Dragons kämpfen wollte.
Sie hatte so viele Fragen an ihn, so viele Dinge zu besprechen. Aber das musste warten. „Es ist wunderschön hier“, sprach sie ihn an. „Schau mal, die untergehende Sonne taucht alles in ein goldenes Licht. Eine Schande, solch einen Ort zu entweihen.“ „Amata sorella, geliebte Schwester, ich möchte dich nicht drängen, aber was wirst du tun, wenn das alles hier vorbei ist? Wirst du mit mir kommen? Als du entführt wurdest…“ Lucy riss entsetzt die Augen auf. „Ich wurde entführt? Aber wer … wie… warum?“ „Ja, eine böse Hexe riss dich, als du noch ein Baby warst, aus unserer Mitte. Bei dem Versuch, dich zurückzuholen, starb die Hexe. Aber dich haben wir nicht gefunden. Du bliebst verschwunden. Sie nahm all ihre bösen Geheimnisse mit ins Grab. Unser Vater wurde bei dem Kampf so schwer verletzt, dass er an den Folgen seiner Verletzung starb. Wir konnten ihn nicht heilen. Kurz darauf starb auch Mutter an gebrochenem Herzen. Sie hat den Tod von Vater nicht verkraftet.“ Raphaello benötigte eine kleine Pause, um die aufwallende Trauer zu unterdrücken. Er blinzelte die Tränen weg und erzählte weiter. „Wir mussten Mutter auf dem Sterbebett versprechen, niemals aufzugeben, an dich zu glauben und dich zu suchen. Lass dir Zeit mit deiner Antwort, aber ich möchte dir deine Familie vorstellen. Deine Brüder und Schwestern brennen darauf dich endlich wieder im Kreis der Familie willkommen zu heißen.“ „Ich hab noch Geschwister? Eine Familie, ein Zuhause? Ich muss da nicht lange überlegen, klar komme ich mit. Mein Leben lang hab ich mich als Streunerin gefühlt, heimatlos und allein. Wenn ich Lilli nicht getroffen hätte, wer weiß, was dann aus mir geworden wäre.“ Lucy strahlte ihn an, überwältigt von ihren neuen Gefühlen.
Gavin beobachte die Szene aus der Entfernung. Er freute sich für Lucy, Raphaello schien ihr gut zu tun. Trotzdem betrachtete er die Entwicklung kritisch, denn in einer Familie gab es auch immer Konflikte und Probleme, das hatte er am eigenen Leib schon erfahren. Lucy würde Zeit brauchen, alles zu verarbeiten und er würde ihr nicht mit seiner Liebe im Weg stehen. Er beschloss, sie freizugeben, sie ziehen zu lassen. Ihre Wege würden sich endgültig hier in Choquequirao trennen. Sein Entschluss schmerzte ihn, aber er war unumstößlich, es musste sein. Auch er musste ein paar Dinge klären. Zu lange schon hatte er sich vor seiner Verantwortung gedrückt. Zeit sich seiner Familie zu stellen und sein Erbe anzunehmen.

Ein Leben für ein Leben
Die Teams waren eingeteilt. Bevor ich mit meiner Gruppe in die unterirdischen Gänge und Tunnel vorrücken würde, wollte ich die knappe halbe Stunde, die uns noch blieb, sinnvoll nutzen. Ich sah mich suchend in dem kleinen Gebäude nach ihm um, und da stand er. Mit Norbert und Tiago lachte Duncan verhalten über irgendeinen Witz, den Drago erzählt hatte. Ich ging zu ihnen rüber, sah ihn nur stumm an und zog ihn an seinem Arm aus der Reichweite der Jungs.

Seite 200

An meinem Blick musste er erkannt haben, dass ich immer noch sauer auf ihn war. Natürlich war jetzt keine Zeit, um die ganze Angelegenheit zu klären, aber so wollte ich auch nicht in den Kampf gehen. Doch bevor ich etwas sagen konnte, legte er schon los: „Ich weiß, ich weiß, es tut mir ja auch leid. Ehrlich! Ihr seid wirklich großartig, du und deine Mädels.“ Hätte er jetzt wieder Weiber gesagt, hätte ich ihn gekniffen! Aber er sah mich nur mit so einem reuevollen Blick an, dass sich meine Wut und mein Ärger mit einem Schlag in Luft auflösten. „Besonders du. Ich kann nicht kämpfen, während du wütend auf mich bist“, flüsterte er, trat dicht an mich heran und fuhr zärtlich mit seinem Daumen über meine Lippen. Plötzlich jedoch umfasste er mit festem Griff meine Schultern und sah mich eindringlich an: „Angie, egal was noch passiert, heute oder in der Zukunft, vergiss bitte nie, niemals, dass ich dich liebe, ja? Versprich es mir!“ Nachdenklich sah ich ihn an. Er klang so ernst, direkt unheimlich. Eigentlich sollte mich das beunruhigen, aber dann nickte ich nur und sagte leise: „Okay, aber trotzdem müssen wir nach dem allen hier, dringend einiges klären…,“ weiter kam ich nicht, denn schon hatte er mich umarmt und küsste mich so intensiv, dass ich alles um mich herum vergaß und nur Dragos provozierendes Pfeifen holte uns in die Realität zurück. Alle sahen uns lachend an. Duncan und ich grinsten verlegen zurück, dann räusperte er sich und sagte mit tiefer Stimme: „Die Vorstellung ist zu Ende Leute. Also, auf geht`s! Die Teams trennen sich erst an der Tunnelgabelung, bis dahin bleiben wir zusammen.“ Ich flüsterte noch schnell in sein Ohr: „Ich hätte gerne später noch eine Zugabe, ja?“ Dann ging es endlich los!
Ohne Zwischenfälle erreichte ich mit meinem Team die erste Tür. Ich blickte auf den Scanner und flüsterte: „Insgesamt 12 Personen, acht an dem großen Tisch in der Mitte, zwei liegen auf den Betten die rechts an der Wand stehen und zwei stehen mit dem Rücken direkt vor der Tür. Also, auf drei…“ Duncan nickte mir zu. Bei Drei trat er mit einem kräftigen Tritt die Tür aus den Angeln, die sofort flach auf den Boden knallte und die Zwei, die davor standen, unter sich begrub. Ich rief laut: „Pizzaservice!“, und wir vier – Duncan, Norbert Tiago und ich stürzten uns gleichzeitig mit erhoben Schwertern auf die Männer. Die Überraschung stand ihnen noch ins Gesicht geschrieben, als sie schon tot auf dem Boden lagen. Die Zwei in den Betten wollten noch aufspringen, aber meine Messer die ich ihnen genau zwischen die Augen geschleudert hatte, hinderten sie daran. Sie fielen mit gespaltenem Schädel tot zurück auf ihre Betten. Auch die Zwei unter der Tür hatten keine Chance, Tiago schnitt ihnen mit einer schnellen Bewegung die Kehle durch. „Schnell raus hier und zu den nächsten Räumen, noch hat uns keiner bemerkt und Alarm geschlagen“, sagte Duncan, als er die Tür schnell so hinstellte, dass keiner in den Raum sehen und so die Leichen zu früh entdecken konnte. Die ganze Aktion hatte nur wenige Sekunden gedauert. Dann drehte er sich mit einem Grinsen zu mir um und fragte mit hochgezogenen Brauen: „Pizzaservice?“ „Ja, das wollte ich schon immer mal sagen“, kicherte ich und schon wandten wir uns der nächsten Tür zu.
Als wir in diesem langen Tunnel. und in zwei weiteren, alle erledigt hatten, gingen mir die Wurfmesser aus. Da alles sehr schnell gehen musste, hatte ich keine Zeit gehabt meine Messer aus den Opfern zu ziehen und mitzunehmen. Jetzt hatte ich nur noch einen Wurfstern. „Mist! Ich laufe nochmal schnell zurück und hole mir Nachschub. Gut, dass Bowen ein kleines Depot für uns an der Tunnelgabelung angelegt hat. Geht ihr ruhig weiter, ich werde euch dank unserem Golden Eye schon wieder finden, okay?“ Duncan sah mich nur besorgt an, doch dann seufzte er tief, küsste mich schnell und flüsterte: „Ich sag ja nichts, aber beeil dich bitte, ja? … bis gleich.“ Ich nickte kurz und lief los. Ohne Probleme erreichte ich die Gabelung. Doch kurz vor dem Depot stieg mir aus einem der unbewohnten und eigentlich leeren Gänge ein merkwürdiger Geruch in die Nase. „Komisch“, dachte ich misstrauisch und blieb stehen, „das war doch eben noch nicht da?“ Lautlos und vorsichtig, mit meinem Schwert in der Hand, schlich ich an der Wand entlang zu dem Tunnel, der parallel zu dem Gang verlief, aus dem ich gerade gekommen war.

Seite 201

Ich hielt das Eye, das ein wenig an den Tricorder aus Star-Trek erinnerte, in die Richtung, wo der Geruch am stärksten war und las dann das Display ab. „Ach du meine Güte!“, entfuhr mir laut. „Trolle!“ Zum Glück war es nur einer, aber der konnte schon reichen, um einem das Überleben schwer zu machen. Für einen Rückzug war es zu spät, denn da stand er auch schon wenige Meter vor mir und sah mich teuflisch grinsend an. Dieser gehörte mit Sicherheit zu der widerlichsten Kreatur seiner Gattung. Riesig, hässlich, massig – alleine sein Gestank nach verrottendem Aas und faulen Eiern konnte einen schon umhauen. Das musste wohl eine seiner stärksten Waffen sein, denn sein Aroma legte sich wie eine eklige klebrige Masse auf meine Wahrnehmungen und verlangsamte meine Reaktionen um Bruchteile von Sekunden. Eigentlich war der Zeitverlust verschwindend gering, aber doch sehr entscheidend für die folgende Aktion. Denn gerade als ich mit meiner linken Hand nach meinem letzten Wurfstern greifen wollte, erhielt ich einen unerwartet kräftigen Schlag auf meine Schwerthand, den ich nicht kommen sah. Der Schmerz war mörderisch. Ohne dass ich es wollte, rutschte mir das Schwert durch die Finger und landete mit einem Klirren auf dem Beton. Reflexartig umklammerte ich mit der anderen Hand mein Handgelenk und ließ so auch noch das Eye fallen. Der Kerl lachte teuflisch auf und kam langsam näher. In seinen Augen glitzerte die Mordlust. Mir blieb nichts anderes übrig, als langsam zurückzuweichen. Mist, ich konnte mein Schwert nicht erreichen, und auch mein letzter Wurfstern war nicht greifbar. Wenn ich auch nur eine falsche Bewegung machte, würde sich dieser Mistkerl ohne mit der Wimper zu zucken auf mich stürzen. Fieberhaft überlegte ich nach einem Ausweg und sah mich schnell nach einer Fluchtmöglichkeit oder geeigneten Waffe um. Plötzlich stieß ich unerwartet mit dem Rücken an die Tunnelwand. Verflucht! Jetzt saß ich in der Falle. Keiner vom Team war in der Nähe. Der Mistkerl lachte immer noch und rief dann höhnisch: „Ja, das war`s dann wohl für dich. Sag tschüss Welt!“ Er stieß einen irren Schrei aus, fasste seinen Dolch mit der langen Klinge mit beiden Händen und stürzte sich mir entgegen. In dem Moment sah ich von der Seite einen Schatten herbeieilen. Ich konnte nicht erkennen, wer da mit einer immensen Geschwindigkeit angerast kam, da die Konturen sich verwischten, aber als derjenige ein lautes: „ Nein!“ brüllte, erkannte ich ihn an der Stimme. Es war Norbert! Was dann passierte, werde ich nie in meinem Leben vergessen können. Das ganze Geschehen brannte sich in mein Gedächtnis wie eine Filmszene in Zeitlupe. Der Troll hatte mich fast erreicht und stieß seinen Dolch nach mir. In der gleichen Sekunde warf sich Norbert dazwischen und schubste mich aus der Gefahrenzone. Der Dolch traf mich nicht – sondern… Norbert. Ich landete rückwärts auf dem Boden und musste mit ansehen wie der Dolch tief in die Brust von Norbert getrieben wurde. Er gab einen erstickten, gurgelnden Laut von sich und sank langsam auf die Knie. Eine Schrecksekunde lang sah ich ihn entsetzt an. Oh mein Gott! Bei meinem Sturz war ich hart auf die Schneide meines Schwertes gefallen, reflexartig griff ich danach, sprang auf und stürzte mich auf den Troll. Der zog gerade den Dolch aus Norberts Brust und sah ihn verwundert an. So achtete er nicht auf mich. Mit einem Schrei, der meine ganze Wut beinhaltete, schlug ich dieser Missgeburt mit unmenschlicher Kraft, die mein Körper in diesem Moment freigesetzt hatte, den Kopf von den Schultern. Der Schlag war so mächtig, dass die Klinge nicht nur glatt durch seinen Körper ging, sondern auch an der Wand hinter ihm eine tiefe Kerbe hinterließ und dann mit einem metallischen Klirren zerbrach. Mit einem kräftigen Tritt beförderte ich den Rumpf der Kreatur aus dem Weg und kickte den Kopf in die andere Richtung. Mein zerstörtes Schwert warf ich hinterher. Norbert! Ich wirbelte zu ihm herum. Er verharrte noch immer auf seinen Knien, sein Körper wankte leicht. Ich stürzte zu ihm hin und hielt ihn fest, damit er nicht vornüber auf den Boden schlug. Er hielt seine Hände auf die Brust gedrückt und stöhnte leise. Dann sah er mich prüfend an: „Angie? Bist du verletzt?“ „Ich? Nein. Aber du! Warte, ich helfe dir. Moment, nicht bewegen.“ Ich stützte ihn mit meinem Körper, zog meine Jacke aus und knuddelte sie zusammen.

Seite 202

Dann fasste ich ihn schnell bei den Schultern und sagte eindringlich: „Norbert, du musst dich hinlegen, alleine schaff ich das nicht, also hilf mir dabei.“ Er nickte. Dann ließ er sich mit meiner Unterstützung sehr langsam und vorsichtig mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Rücken gleiten. Meine Jacke lag unter seinem Kopf. Er stöhnte laut: „Mist, der Kerl hat mich erwischt.“ Ich kniete mich neben ihn und sagte leise: „Lass mich mal sehen.“ Wieder nickte er und ließ seine Hände seitlich auf den Boden fallen. Oh nein, alles war voller Blut! Ich riss sein Hemd, das an der Einstichstelle eh schon in Fetzen hing, einfach auf. Dann sah ich die schreckliche Wunde. Wo normalerweise seine schwarze Orchidee zu sehen war, klaffte nun ein tiefes Loch. Das Tattoo war einfach weg! Das Blut strömte ungehindert aus seiner Brust. Jetzt bloß keine Panik! Ich presste sofort meine Hände fest auf die Wunde und schrie ihn an: „Norbert! Los! Heile dich endlich, nun mach schon!“ Er stöhnte laut auf. Dann sah er mich traurig an und sagte mit leiser Stimme: „Verdammt, Angie, der Dolch war aus Silber… Wenn der Mistkerl zweimal ins Herz gestochen hätte und nicht nur einmal, wäre ich schon tot…, aber jetzt werde ich langsam verbluten. Das kann niemand heilen!“ „ Oh nein, du wirst nicht sterben! Nicht, wenn ich es verhindern kann… wage es ja nicht, sonst rede ich nie wieder ein Wort mit dir!“ Ich sah ihn ernst an, er aber lächelte nur. Dann stöhnte er wieder schmerzvoll auf und verzog sein Gesicht. Ich spürte, wie mit dem Blut das Leben aus seiner Brust quoll und musste sofort handeln. Ich beugte ich mich über ihn, strich vorsichtig seine Haare aus dem Gesicht sagte leise: „Norbert, ich muss Hilfe holen. Vielleicht weiß Doc doch was…?“ Plötzlich umklammerte er mit erstaunlicher Kraft meine Hand und schüttelte heftig den Kopf: „Nein! Nicht weggehen, bitte Angie. Lass mich nicht, alleine.“ Ich nickte und versicherte ihm schnell: „Natürlich bleibe ich hier, wenn du das willst.“ Da fiel mir zum Glück das Eye wieder ein! Meines hätte ich suchen müssen, also nahm ich seins aus seiner Hosentasche und setzte eilig einen Notruf an Duncan ab. Sein Blut floss immer noch ohne Unterlass zwischen meinen Finger hervor. „Irgendwie muss diese Blutung doch zu stoppen sein, verdammt noch mal!“, fluchte ich laut. Fieberhaft sah ich mich nach etwas um, das ich auf die Wunde pressen konnte. Doch da war nichts. Also zog ich kurzentschlossen meine Bluse aus, knüllte sie zusammen und presste sie mit einer Hand auf die Wunde. Verzweifelt sah ich den Gang entlang. Immer noch keine Spur von den Anderen. Da spürte ich plötzlich Norberts Hand an meiner Wange. Er sah mich liebevoll an, dann flüsterte er: „ Angie… bitte… küss mich noch einmal, ja? … ein letztes Mal!“ Er streichelte weiter mein Gesicht und strich über meine Haare. Ich versuchte sein Lächeln zu erwidern, er wollte mir aber nicht gelingen. Bloß nicht weinen, bloß nicht weinen jetzt, betete ich mir vor, und biss mir auf die Lippe. Lieber Gott, nicht jetzt! Dann beugte ich mich vorsichtig über ihn und küsste ihn. Seine Lippen waren so kalt. Er stöhnte und schnell richtete ich mich wieder auf. Er schloss seine Augen und murmelte leise: „Danke.“ Schnell fühlte ich seinen Puls. Sein Herz schlug noch, wenn auch sehr langsam. Zu langsam! Und endlich sah ich Duncan durch den Tunnel auf uns zukommen! Er eilte sofort an meine Seite und sah mich entsetzt an: „Mein Gott, du bist ja voller Blut!“, blitzschnell legte er mir seine Jacke um die Schultern, atmete tief durch die Nase ein und kniete sich neben mich. Seine Augen ruhten nun mit einem qualvollen Blick auf seinem Freund. „Aber es ist nicht dein Blut! Oh nein… Norbert! Was ist passiert?“ Immer noch drückte ich, meine mittlerweile von Norberts Blut tiefrote Bluse, auf die Wunde. Ich klammerte mich verzweifelt mit meiner freien Hand an Duncans Arm und versuchte ihm zu erzählen, was passiert war: „Duncan…Norbert stirbt! Und nur meinetwegen… ich habe versucht die Blutung zu stoppen, aber der Dolch war aus Silber… und der Troll… Norbert hat sich vor mich gestellt… und dann…Duncan, kannst du nichts tun?“ Duncan schüttelte traurig den Kopf und fluchte kaum hörbar. „Er weiß, dass ich sterbe… Angie, bitte… nicht weinen“, sagte Norbert leise zu mir. Ich hatte noch nicht mal bemerkt, dass mir die Tränen jetzt doch über das Gesicht liefen. Mit letzter Kraft wandte er sich zu Duncan und tastete nach seiner Hand: „Schwöre mir, dass du immer auf sie aufpassen wirst, Bruder. Bei deinem Leben.“ Ohne zu zögern versicherte er ihm ernst: „Ich schwöre es… bei meinem Leben, Bruder… und ich danke dir…den Brief werde ich ihr später geben.“

Seite 203

Was? Ich blickte Duncan fragend an, doch er flüsterte nur: „Später.“ Norbert lächelte zufrieden, drückte auch meine Hand, atmete erleichtert aus, und dann… wurde sein Blick leer und sein Herz hörte endgültig auf zu schlagen. Er war unwiderruflich tot. Nach einer Weile schloss Duncan sanft, mit Tränen in den Augen, Norberts Lider und sah stumm auf. Erst jetzt bemerkte ich Kerstin, Drago, Raphaello, Tiago, und Cyrus, die mittlerweile eingetroffen waren. Sie blieben fassungslos mit etwas Abstand stehen und sahen mit betroffen Gesichtern zu uns herüber. Auch sie waren vom Kampf gezeichnet und blutverschmiert. Kerstin schlug entsetzt ihre Hand vor den Mund und flüsterte: „Oh nein!“ Duncan kniete sich schnell neben mich und löste vorsichtig meine Hand von der Bluse, die ich immer noch umklammert hielt und auf die Wunde presste, aus der längst kein Blut mehr floss. Er nahm mich wortlos in seine Arme, drückte mich fest an sich und vergrub sein Gesicht in meinem Haar. Wie immer tröstete mich seine Nähe, doch auch er brauchte mich in diesem Moment sehr. Er hatte einen Bruder und Freund verloren. Auch die anderen knieten sich neben Norbert nieder und senkten respektvoll die Köpfe. Uns blieb nicht viel Zeit zum Trauern, denn da durchschnitt plötzlich ein gellender, fast unmenschlich klingender Schrei die Stille. Wir sprangen erschrocken auf. Unsere Golden Eyes schlugen gleichzeitig Alarm. Cyrus wurde blass und schrie: „Das war Jane!“ „Los, wir müssen zu ihr“, rief Kerstin, während sie schon in die Richtung aus der der Schrei kam lief. Oh nein, wann endete dieser Alptraum! Ich sah Duncan bittend an: „Wir können ihn hier doch nicht so alleine liegen lassen.“ Da verwirbelte sich auf einmal die Luft hinter Norberts Kopf zu einer Staubsäule, und Moggovitor materialisierte sich vor unseren Augen. Er sah uns düster an und sagte mit seiner Grabesstimme: „Geht,… es ist etwas passiert…. Ich werde ihn bewachen. Beeilt euch. Schnell!“ Ohne zu zögern rannten wir sofort hinter Kerstin und Cyrus her.

Copyright © BD Sisterhood

Fortsetzung: Black Dagger Ladies Online – Showdown [Kapitel 17]

Black Dagger Ladies Online

Cuba Libre
Kapitel 15

Gavin erkannte die Sprache sofort, es war die Elfensprache. Zwar sprach Lilli mit einem Dialekt, der bei den Waldelfen gesprochen wurde, aber er konnte sie trotzdem verstehen. Langsam bewegte er sich ein paar Schritte nach vorne. Lucy schaute ihn an und formte mit den Lippen ein lautloses „Was?“. Gavin schaute wie gebannt auf Lilli. „Sie will mit dem Vieh verhandeln“, flüsterte er. Die Bestie sah furchterregend aus, wie ein mutierter Wolfshund. Sie hatte die Größe eines Bären, die riesigen Fangzähne waren entblößt und Speichel lief an ihnen herunter. An den Pranken konnte man messerscharfe Krallen sehen. Lilli redete weiter ruhig und konzentriert auf das Untier ein. Doch nun schlich die Bestie ein, zwei Schritte auf Lilli zu, duckte sich und fing an gefährlich zu knurren. Sie machte sich anscheinend zum Angriff bereit. Fernando stieß ebenfalls ein tiefes, lautes Knurren aus, seine Fänge blitzten auf und er wollte sich dem festen Griff von Duncan entreißen. Lilli ließ das Tier nicht aus den Augen, machte aber eine beruhigende Handbewegung hinter ihrem Rücken und zischte leise: „Kerstin, Angie, geht bitte langsam im Bogen um uns herum und verstellt dem Tier den Fluchtweg. Lucy, du musst mir unbedingt meine Schwerter holen. Schnell! Die anderen bleiben bitte unbedingt wo sie sind, egal was jetzt gleich passiert! Haltet euch raus! Besonders du, Fernando! Ich weiß ganz genau was ich tue, also bleibt unbedingt weg!“ Jetzt redete Lilli wieder mit der Bestie, ihre Stimme wurde immer lauter und fordernder. Angie und Kerstin setzten sich vorsichtig in Bewegung und umrundeten die beiden Kontrahenten. Lucy rannte wie der Teufel zum Lager und schnappte sich Lillis Schwerter. Doc zupfte Gavin am Ärmel. „Sie fordert ihn zum Kampf heraus! Oh, Mist, jetzt greift er an!“, rief Gavin und schon nahmen die Dinge ihren Lauf. Die Bestie rannte auf Lilli zu und setzte zum Sprung an. Fernando riß sich von Duncan los und wollte zu Lilli rennen. Aber Bowen packte ihn von hinten, Drago drehte sich blitzschnell um und fing ihn ab. Fernando schrie gepeinigt auf und musste im Klammergriff der beiden hilflos zusehen, was weiter passierte. Lilli rannte der Bestie entgegen. Bevor diese zum Sprung ansetzte, sprang Lilli mit einem perfekten Salto über sie hinweg. Noch ehe sie wieder den Boden berührte, fing sie ihre Schwerter, die Lucy ihr zielsicher zugeworfen hatte, auf. Die Bestie drehte sich sofort nach Lillis Landung wieder um und stürzte sich ihr erneut entgegen. Die anderen schien sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Lilli drehte sich leicht um die eigene Achse und stellte sich in den Rücken des heranstürmenden Tieres. Jetzt war sie genau in der Position, die sie angestrebt hatte. Die Bestie warf den Kopf herum, um erneut auf Lilli loszugehen, doch plötzlich verharrte sie in ihrer Bewegung. Ihr Kopf befand sich genau zwischen den scharfen, gekreuzten Klingen von Lilli. Jetzt reichte eine kurze, kleine Bewegung aus dem Handgelenk und die Bestie hätte auf der Stelle ihren Kopf verloren. Auge in Auge standen sie sich gegenüber. Lilli sprach erneut in der Elfensprache auf das Tier ein. Nach einer kurzen Zeit schloss das Tier seine blutroten Augen und neigte den Kopf. Lilli ließ ihre Schwerter sinken. Sie stieß sie links und rechts neben sich in den Boden. Die Bestie senkte die Vorderbeine, neigte den gewaltigen Kopf vor ihr, bis die Stirn den Sand berührte. Doc flüsterte ganz aufgeregt: „Schaut nur, die Bestie gibt auf und erkennt Lilli als ihre Meisterin an. Oder verstehe ich da jetzt was falsch?“ Gavin drehte sich um. „Nein Doc, das siehst du ganz richtig. Lilli hat der Bestie die Wahl gelassen, für ihren Herrn zu sterben oder Lilli als neue Herrin anzuerkennen.“ Lilli beugte sich nun hinab zu dem Ungetüm und strich ihm mit der Hand sanft über Kopf und Rücken. Dabei murmelte sie immer wieder die gleichen Wörter. Alle schauten gebannt auf die Szene. Doc zupfte Gavin wieder am Ärmel: „Und, was macht die Lilli jetzt?“ „Sie führt ein Befreiungsritual der Elfen durch. So etwas habe ich noch nie gesehen, nur davon gehört. Aber es sind eindeutig die Worte für Befreiung, die sie immer wiederholt.“ In dem Moment leuchtete Lilli hell auf, die Konturen der Bestie fingen an zu flimmern und das Tier schrumpfte. Dann lag ein ganz normaler schwarzer Hund vor Lilli auf dem Boden. Sie ließ ihre Hand sinken und öffnete die Augen. Der Hund stellte sich vor sie, fing an mit dem Schwanz zu wedeln und leckte ihre Hand. „Schon gut, Kleiner. Geh nach Hause zu deinem Herrchen, er vermisst dich bestimmt“, sagte Lilli freundlich zu ihm und tätschelte seinen Kopf.

Seite 174

Der Hund drehte sich um, dann trottete er vergnügt zwischen den Bäumen davon. Lilli stand auf und drehte sich erschöpft lächelnd um. Jetzt gab es kein Halten mehr. Alle stürzten jubelnd auf sie zu, Fernando natürlich vorneweg. Er riss sie von den Füßen und hielt sie fest an seine Brust gedrückt. Duncan und Bowen wußten ganz genau, was jetzt in ihm vorging. „So Leute, kommt, wir kümmern uns um unser Lager und lassen die beiden mal Luft holen. Lilli wird uns nachher erzählen, was hier genau passiert ist. Dürfte eine gute Geschichte fürs Lagerfeuer werden“, sagte Duncan und zog Angie mit sich zurück zum Rastplatz. Die anderen folgten ihnen und ließen Lilli und Fernando allein. Lilli fing an zu zappeln und nuschelte an Fernandos Brust: „Nando lass mich bitte runter. Ich bekomme keine Luft mehr und du erdrückst mich gleich.“ Fernando stellte Lilli wieder auf ihre Füße und nahm jetzt liebevoll ihr Gesicht in seine Hände. „Ich dachte, dass ich dich verlieren würde!“ Noch bevor Lilli antworten konnte, küsste er sie ungestüm und verzweifelt. All seine Ängste und sein Glück sie unbeschadet zurückbekommen zu haben, lagen in diesem Kuss und Lilli erwiderte ihn. Ebenfalls glücklich darüber, heil aus dieser Sache heraus gekommen zu sein. Fernando beendete den Kuss und zog sie, diesmal behutsam und zärtlich, wieder hoch an seine Brust. Lilli genoß dieses Gefühl von Geborgenheit und Schutz und schmiegte ihr Gesicht an seines. Stundenlang hätten sie so verweilen können, doch da rief schon Doc nach ihnen. „Lilli, Nando, Essen fassen!“ Beide lachten gelöst auf und Fernando ließ Lilli wieder auf den Boden sinken. „Es geht doch nichts über geregelte Mahlzeiten“, sagte Lilli, nahm Fernando an der Hand und eilte mit ihm zurück ins Lager. Kaum waren sie mit dem Essen fertig, platzte es aus Doc heraus. „Los, erzähl! Ich halte es nicht mehr aus! Was für ein Tier war das jetzt und was ist da jetzt genau passiert? Was hast du mit der Bestie gemacht?“ Lilli lachte. „Ja, ja, immer der Reihe nach. Ich erzähl ja schon. Aber ich muss ein wenig ausholen.“ Alle suchten sich einen Platz und schauten gebannt auf Lilli. „Also, das war ein „Schwarzer Höllenhund“ und ich kenne ihn aus den Erzählungen meiner Vorfahren. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einem begegne. Es handelt sich dabei um ganz normale Hunde, die durch schwarze Magie in Bestien verwandelt werden. Ich habe ihn mit einem alten Elfen-Ritual von der Magie befreit, jetzt ist er wieder ganz der Alte. Und ich weiß jetzt auch, woher die schwarze Magie kommt, mit der die Dragons arbeiten.“ Doc war ganz zappelig. „Weiter, weiter“, sagte sie aufgeregt. Lilli lächelte Doc an und erzählte weiter. „Die Dragons müssen einen schwarzen Druiden in ihren Reihen haben. Das ist ein uralter Feind von uns Waldelfen. Vor einigen Jahrhunderten wandten sich einige Druiden von der guten Seite ab und verfielen der schwarzen Macht. Sie beherrschten damals den Teutoburger Wald. Sie waren gierig, machthungrig und blutrünstig. Sie unterdrückten die Menschen auf brutalste Art und Weise, und wer aufbegehrte, wurde vernichtet. Die Horden von „Schwarzen Höllenhunden“, die die Druiden geschaffen hatten, waren bekannt und sehr gefürchtet. Wenn sie in ein Dorf einfielen, blieb niemand am Leben, es waren schreckliche Gemetzel. Ein paar mutige Menschen machten sich dann irgendwann auf die Suche nach dem „Ewiggrünen Waldreich“, in dem wir Waldelfen lebten. Damals standen die Menschen den mystischen Wesen ja etwas aufgeschlossener gegenüber als heute. Sie hofften, dass die Elfen ihnen gegen die Druiden helfen konnten. Meine Vorfahren entschieden sich dann, mit den Menschen zu gehen und mit ihnen gegen die Druiden zu kämpfen. Die Kämpfe dauerten Jahrzehnte, es war ein regelrechter Krieg und er forderte auf beiden Seiten viele Opfer. Schließlich errangen wir Elfen und die Menschen den Sieg, aber ein paar schwarze Druiden konnten fliehen und treiben nun weiterhin ihr Unwesen. Einige Waldelfen blieben allerdings im Teutoburger Wald, um die Menschen, mit denen sie friedlich zusammenlebten, weiter zu beschützen. Meine Familie war eine davon. Mein Bruder und ich sind die letzten Überlebenden. Jetzt ist mir auch klar, warum Vito so darauf drängte, dass ich mein Erbe antrete. Er weiß, dass die Dragons einen Schwarzen Druiden haben, und dass ich ihn mit dem uralten Wissen meiner Sippe besiegen kann. So das war’s! Zufrieden?“
Doc sprang auf. „Voll und ganz! Das ist ja mal wieder eine geile Geschichte und eine tolle Vorstellung! So langsam komme ich mir vor wie Alice im Wunderland.

Seite 176

Jeden Tag ist Action und laufend entdecken wir neue Fähigkeiten an uns. Das ist doch echt krass!“ Sie war ganz aufgekratzt und hatte vor Aufregung ganz rote Wangen. Duncan lachte. „Ja, das muss man schon sagen, ihr Mädels seid eine echte Wundertüte, immer wieder voller Überraschungen.“ Lucy stand auf und grinste. „Da will ich doch auch mal was Überraschendes dazu beitragen.“ Sie machte sich an einem Rucksack zu schaffen und packte doch tatsächlich alle Zutaten für einen „Cuba Libre“ aus. Gavin half ihr beim Mixen und Austeilen der Drinks. „Ja, das ist wohl jetzt der richtige Zeitpunkt, um mal zünftig anzustoßen, obwohl leider die Eiswürfel fehlen“, sagte er und lächelte in die Runde. Alle saßen da und schauten abwechselnd zu Lucy, Gavin und den Cuba Libre in ihrer Hand. Sie waren kurz sprachlos. „Ich habe es ja gesagt, Wundertüte! Na dann, Prost!“, rief Duncan und erhob sein Glas. Alle prosteten sich zu und genossen den unerwarteten Drink. Die Stimmung war wieder gelöst und heiter und sie saßen bis tief in die Nacht plaudernd um das Lagerfeuer herum.

Im Lager war Ruhe eingekehrt. Endlich. Die Nacht war kühl und feucht. Aber das machte Lucy nichts aus. Sie genoss die Stille und die Einsamkeit. Sie hatte mit ihren Schwestern und den Brüdern einen ausgelassenen Abend, am Lagerfeuer sitzend und Cuba Libre schlürfend, verbracht. Irgendwann beendete Duncan die kleine Feier. „Er schickt uns in die Zelte wie kleine Kinder auf einem Zeltausflug – pfhh…“, dachte sie, hielt sich aber zurück den Gedanken laut auszusprechen. Gavin zog sie hoch und führte sie, den Arm beschützend um sie gelegt, zu ihrem Zelt. Ihm waren ihre Stimmungsschwankungen den ganzen Abend nicht verborgen geblieben, er hielt es aber für Nervosität. Er kannte das. Vor jedem großen Kampf ergriffen ihn und seine Brüder eine innere Unruhe, die sie manchmal aufzufressen drohte. Jeder hatte eine andere Art, damit umzugehen. Duncan zum Beispiel wurde noch mürrischer als sonst, während Bowen eher herum alberte und blödelte. Drago verdrosch so ziemlich alles, was sich nicht bewegte und wegrennen konnte. Bei ihm selbst stieg die Körpertemperatur an, sein Feuer war entfacht und nur mit Mühe konnte er es als zurückhalten. Sie schlüpften in ihre Schlafsäcke und kuschelten sich aneinander. Lucy lag mit dem Rücken zu Gavin, der sie dicht an sich zog.  Seine Arme hatte er um sie geschlungen und ein Bein besitzergreifend über sie gelegt. „Was soll das? Ich bekomme ja keine Luft mehr“, fauchte sie ihn an. Aber Gavin war schon eingeschlafen und konnte sie nicht mehr hören. „Na toll, ich komme mir vor wie auf dem heißen Stein.“ Lucy zwang sich zur Ruhe. Sie versuchte mentale Entspannungsspielchen, doch selbst Mäuse zählen half nichts. Der Schlaf, der dringend benötigte Schlaf, wollte sich nicht einstellen. Ganz langsam nahm sie Gavins Arm und platzierte ihn neben seinen Kopf, schob sein Bein von ihr runter und rückte allmählich von ihm ab. Dann stand sie auf und ging nach draußen. Niemand schien etwas bemerkt zu haben, und nun saß sie allein am Feuer. Sie stocherte mit einem Stock in der Glut und hing ihren trüben Gedanken nach. Was war eigentlich los mit ihr? Es lief doch alles Bestens. Sie hatte einen wundervollen Partner gefunden, der sie liebte und den sie liebte. Ja, okay, er hatte ein paar Probleme, aber niemand reist wirklich ohne Gepäck. Die Gemeinschaft mit ihren Schwestern war so fest, wie schon lange nicht mehr. Die Tage auf See hatten sie noch enger zusammengeschweißt.

Seite 177

Und bei den Brüdern gab es auch keine Reibereien mehr. Also, warum nur war sie so aufgewühlt? Und warum nur ging ihr alles und jeder auf die Nerven?

Gavin schlug die Augen auf und wusste sofort, hier stimmte etwas nicht. Der Schlafsack neben ihm war leer, keine Spur von Lucy. Er zog rasch seine Jeans über und trat, noch bevor er den ersten Knopf schließen konnte, aus dem Zelt. Gavin musste nicht lange suchen. Er fand Lucy vor sich hin murmelnd am Feuer. Sie wirkte so niedergeschlagen, so deprimiert. Also doch nicht Nervosität, da war noch etwas anderes. Ohne ein Wort setzte er sich ihr gegenüber. Lucy sah zu ihm auf und murrte: „Oh, ich habe dich geweckt. Tut mir leid, das wollte ich nicht.“ Gavin zog eine Augenbraue hoch und betrachtete sie eingehend. „Das klang aber eher nach – mir doch egal, verschwinde wieder – und nicht nach einer Entschuldigung. „Was ist los, Lucy?“ „Alles ist gut. Wirklich. Alles ist gut!“ Und dabei dachte sie wirklich „lass mich allein“. „Lucy, rede mit mir. Dich bedrückt doch etwas. Das sieht man dir an.“ „Na toll, jetzt denkt jeder hier, die Lucy hat einen an der Klatsche. Prima“, rief sie verärgert. Am meisten ärgerte sie aber, dass sie ihre Gefühle und Stimmung nicht nach außen verbergen konnte. Was sollte sie Gavin nur sagen, sie hatte doch selbst keine Erklärung. „Bitte, rede mit mir. Glaub mir, das hilft. Das hast du mir beigebracht. Du warst da, als ich nicht mehr weiter wusste, du hast mir den Weg gezeigt. Und jetzt möchte ich dir helfen.“ „Ja, aber wobei denn? Es ist doch alles Bestens. Angies Zauberkräfte werden immer stärker, Kerstin entdeckt Fähigkeiten von denen sie nichts wusste, Doc kann nahezu alles heilen und Lilli ist eine Königin.“ Den letzten Satz schrie sie heraus. „Lilli ist deine beste Freundin. Freust du dich denn nicht für sie?“ „Klar freue ich mich für sie. Ich wusste ja schon immer, das sie was Besonderes ist. Ich wusste das, tief in mir drin. Aber, …“ „Was aber, was ist Lucy? Was noch?“ „Ach, ich versteh nicht, was sie mit einer Streunerin wie mir will. Ich versteh euch alle nicht. Was wollt ihr von mir?“ Lucy konnte sich nicht mehr zurückhalten, alle Dämme waren gebrochen. Ihre Tränen brannten heiß auf ihren Wangen. Gavin schaute sie mit Unverständnis an, wagte es aber nicht, sie jetzt zu unterbrechen. Es war gut, dass sie sich endlich Luft machte. „Gavin, ich bin euch hier doch nur im Weg. Ich kann euch doch hier gar nicht helfen. Ich bin nur ein kleines Schmusekätzchen, kann doch gar nichts Besonderes“, schluchzte sie. Das war es also, dachte Gavin. Sie hatte Zweifel. Nicht an ihren Schwestern, sondern sie zweifelte an sich und ihren Fähigkeiten. „Lucy, das siehst du falsch. Du bist hier niemanden im Weg. Du bist genau so ein Teil dieses Teams, wie Lilli, Angie oder Duncan“, versuchte er sie aufzumuntern. „Wen willst du eigentlich hier verarschen, Gavin? Wie kann ich euch denn schon großartig helfen? Ich kann doch nichts. Ich weiß ja nicht mal, wo ich herkomme. Was kann ein Schmusekätzchen schon ausrichten gegen Dämonen, dunkle Magie oder sonst was? Soll ich sie zu Tode schlecken, sag mir, was?“ Mit den letzten Worten sprang sie auf. Gavin wollte sie in den Arm nehmen, sie trösten und die Selbstzweifel vertreiben. Doch Lucy ließ es nicht zu. „Bleib von mir weg. Bleib weg!“, schrie sie ihn an und lief dann davon. Der Zorn und die Entschlossenheit in ihrem Blick ließen ihn innehalten. So aufgewühlt wie sie war, kam er jetzt eh nicht zu ihr durch. Also ließ er sie gehen. Lucys Gefühlausbruch war im Lager natürlich nicht unbemerkt geblieben. Mit sorgenvollem Blick trat Lilli zu Gavin. „Was ist eigentlich los, Gavin? Ich habe leider nur Bruchstücke mitbekommen, ich war – äh – ein bisschen abgelenkt.“ „Die Kurzfassung? Sie fühlt sich nicht als gleichwertiges Mitglied dieser Gruppe. Sie denkt, sie sei schwach und unfähig zu helfen.“ „Oh je, so etwas habe ich mir schon gedacht. Ich geh ihr nach und ich rede mit ihr“, sagte Lilli bestimmt. „Ich suche sie und bringe sie zurück. Verlass dich auf mich.“ Mit den Worten verließ auch Lilli das Lager und folgte Lucy in die Dunkelheit. Es dauerte nicht lange, und da hörte Lilli sie schluchzen. Um sie nicht zu erschrecken, rief Lilli ein paar Mal nach ihr. Lucy saß zusammengekauert an einen Stein gelehnt, die Hände um die Knie geschlungen, den Kopf zwischen den Knien.

Seite 178

Lilli nahm sie in die Arme, wiegte sie nur hin und her, ohne ein Wort zu sagen. Allmählich beruhigte Lucy sich wieder und die Tränen versiegten. „Ich bin die schlechteste Freundin, die man haben kann“, brachte sie schniefend hervor. „Pssscht, bist du nicht, und das weißt du auch“, entgegnete Lilli. „Doch, ich bin schlecht, ich bin total neidisch auf dich. Nicht, dass ich mich nicht für dich freue, oh doch, ja, total sogar, aber es frisst mich von innen auf. Ihr seid alle so toll, und ich kann nichts. Ich bleibe hier im Lager, ich gehe nicht weiter mit, ich bin euch keine Hilfe – Ende der Diskussion“, sagte sie entschlossen. Lilli, die sie ohne Unterbrechung ausreden ließ, fing an grün zu leuchten, nur ganz leicht, anfangs kaum wahrnehmbar. „Freundin, ich werde dir jetzt nicht aufzählen, was du alles schon für mich oder die Schwestern oder Gavin getan hast. Nein, das mache ich nicht. Das weißt du alles. Du hast ne totale Mattscheibe, wenn ich dich daran erinnern muss. Jede von uns ist einzigartig, jede hat ganz besondere Fähigkeiten, auch Du, meine Liebe. Du gehörst genauso zum Team wie alle anderen auch. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass du je im Weg gewesen wärst“, schimpfte sie drauflos. „Meine Güte, du führst dich auf wie ein pubertierender Teenager. Auf jetzt, zurück ins Lager, hier ist es zu gefährlich“, sagte Lilli und reichte Lucy ihre Hand. Widerstandlos ließ sich Lucy auf die Füße ziehen. Die Standpauke hatte gesessen und das schlechte Gewissen machte sich breit. Lilli, immer noch wütend, stapfte voran in Richtung Lager zurück, ließ Lucy aber nicht aus den Augen. Ein folgenschwerer Fehler, denn Lilli stolperte über eine herausstehende Wurzel, fiel der Länge nach hin und schlug mit dem Kopf auf einen Stein. Lucys Reaktionszeit reichte nicht, um den Sturz abzufangen. Lilli lag auf dem Bauch und rührte sich nicht. An ihrer Schläfe klaffte eine stark blutende Wunde. Lucy drehte sie vorsichtig auf die Seite, hielt aber mitten in der Bewegung inne, schloss die Augen und atmete tief ein. Dieser Geruch kam ihr vertraut vor. Gefährlich, aber vertraut. Was war das nur? Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. Offensichtlich angelockt von dem Blut, stand ein riesiger Berglöwe hinter ihr und fauchte sie wild an. Noch wartete er ab, aber es war nur noch eine Frage von Sekunden, dann würde er zum Sprung ansetzen. Lilli war immer noch ohne Bewusstsein und somit vollkommen hilflos. Lucy handelte instinktiv. Sie drückte auf ihrem Handy am Gürtel auf die Notruftaste, eine kleine technische Raffinesse, die sie auch bei allen anderen Handys installiert hatte. Das Handy setzte nicht nur den Hilferuf ab, sondern sendete auch ein Signal mit der genauen Position. „Halte durch Lilli, Hilfe ist unterwegs“, rief sie ihrer bewegungslosen Freundin zu. Der Berglöwe fauchte und brüllte, er musste unglaublichen Hunger haben oder krank sein. Er machte sich zum Angriff bereit. „Na, dann komm doch, Freundchen“, brüllte sie zurück und rannte auf die wilde Großkatze zu. Der Puma duckte sich, trippelte mit den Hinterbeinen in typischer Katzenmanier und sprang. „Du kriegst sie nicht“, schrie Lucy und hechtete nach dem Puma, um ihn von Lilli abzulenken. Sie stießen in der Luft zusammen und stürzen gemeinsam zu Boden. Kerstin und Gavin waren zuerst da, dicht gefolgt von Jane und Duncan. Jane und Kerstin kümmerten sich sofort um die verletzte Lilli. Duncan und Gavin sollten reichen, ihnen den Rücken freizuhalten. Ungläubig beobachteten sie den Kampf und konnten kaum glauben, was sie da sahen. War das wirklich Lucy, die da gegen einen Puma kämpfte? Gavin hatte Lucy bislang nur als kleines Kätzchen gesehen und niemals gedacht, dass sie sich in einen mächtigen Puma verwandeln konnte. Die Kämpfenden wirbelten so viel Staub auf, dass kaum etwas zu erkennen war. Sie wollten eingreifen, aber sie wussten nicht, wer von den beiden Lucy war. Hier kratzten und bissen zwei riesige, wütende Berglöwen miteinander. Lilli, inzwischen aus ihrer Ohnmacht erwacht, Kerstin, Jane, Duncan und Gavin mussten tatenlos zusehen. Sie konnten nicht riskieren, aus Versehen den falschen Puma zu erlegen. Das Risiko, Lucy zu verletzen, war zu groß. Einer der Pumas musste gerade einen schweren Hieb einstecken, eine tiefe Risswunde zog sich quer über seine Flanke. War das schon die Entscheidung zu Gunsten des anderen Pumas? Der verletze Puma blickte nur kurz zu Lilli und sprang erneut auf die Pfoten.

Seite 179

Dieser kurze Blick reichte Lilli zur Gewissheit. Der verletzte Puma war Lucy. Auch Kerstin hatte dies bemerkt, griff unauffällig zu ihrer Waffe und entsicherte sie. Sie zielte, bereit einen sicheren tödlichen Schuss abzugeben. Gavin legte eine Hand auf die Waffe und drückte sie nach unten. „Lass sie, sie schafft das schon.“ Die Pumas hatten sich erneut ineinander verkeilt, kämpften verbissen um Leben oder Tod. Lucy mobilisierte ihre letzten Kraftreserven und drosch auf den feindlichen Puma ein. Mit ihrer riesigen Pranke schlug in so schneller Abfolge zu, dass es mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen war. Der Puma taumelte benommen, die Chance, den Kampf endgültig zu beenden. Sie packte den Puma mit ihren Fängen im Genick und schleuderte ihn gegen eine Felswand. Schwer keuchend sackte sie in sich zusammen und verwandelte sich wieder zurück in ihre menschliche Gestalt. „Sieh doch nur“, rief Kerstin und deutete in Richtung des besiegten Pumas – aber da lag kein Puma mehr! Unterhalb des Felsens lag ein junger Mann. Sein völlig nackter Körper war zerschunden und zerkratzt. Blut sickerte aus mehreren Wunden. Lucy schleppte sich auf ihn zu und drehte ihn auf den Rücken, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Er schlug die Augen auf, sein Blick war klar und fest auf Lucy gerichtet. „Schwester, endlich habe ich dich gefunden!“, waren seine letzten Worte, bevor er in die Dunkelheit sank.

Gerade als ich dem Ruf der Natur gefolgt war und wieder zurück ins Zelt wollte, sah ich, wie Lilli das Lager verließ. Komisch. Wohin will sie nur so ganz alleine? Nach den Ereignissen der vergangenen Tage beschloss ich, ihr lieber zu folgen. Ich hatte noch Duncans Worte im Ohr: „Keine Alleingänge“! Na ja, ich bin ja nicht allein, beruhigte ich ihn in Gedanken und ging leise weiter. Da hörte ich sie nach Lucy rufen. Oh, Lucy war auch unterwegs? Aber da hatte ich die beiden schon entdeckt. Beruhigt drehte ich mich um, um schnell wieder ins Lager zu kommen, bevor Duncan mein Fehlen bemerkte. Doch meine Rückkehr wurde plötzlich unterbrochen. Wie aus dem Nichts stand eine große Gestalt vor mir und versperrte mir den Weg. Sie war in einen dunklen Umhang gehüllt, der bis auf den Boden reichte, und dort, wo normalerweise das Gesicht war, konnte ich nur unnatürliche Schwärze erkennen. Eine riesige Kapuze, die tief über den Kopf gezogen war, vervollständigte diese Schreckensgestalt. Nur die Augen! Rot glühende Augen leuchteten in der Dunkelheit und starrten mich finster an. Ich stand wie erstarrt und spürte sofort das absolut Böse, das diese Person umgab. Bevor ich auch nur einen Laut von mir geben, oder irgendwie reagieren konnte, hatte mich die Gestalt gepackt, wirbelte mich herum, drückte mich mit meinem Rücken an seinen Körper und hielt mich mit einem eisernen Griff umklammert. Seine klauenartigen Finger pressten sich auf meinen Mund. Ein stichartiger Schmerz in meinem Kopf signalisierte mir sofort… er versuchte in meinen Kopf einzudringen und meine Gedanken zu lesen. Gott sei Dank war ich in der Lage solche Angriffe sofort abzublocken! Da murmelte er einige unverständliche Worte, und ich konnte plötzlich keinen Muskel in meinem Körper mehr bewegen. „ Keinen Laut, sonst stirbst du gleich hier! Hast du verstanden?“, zischte er mit einer hohl klingenden, unheimlichen Stimme in mein Ohr. „Ob du verstanden hast, hab ich gefragt, Hexe?“ Er schüttelte mich und lachte höhnisch, als ich mit dem Kopf nickte. „ Sehr schön!“ Wer war das bloß? So jemanden hatte ich noch nie gesehen! Seine bösartige schwarze Aura prickelte auf meiner Haut, sodass ich mich unwillkürlich kratzen wollte, aber ich konnte nicht mal den kleinen Finger heben. „Ich weiß, warum ihr hier seid. Ich kenne euch! Ich bin der erste und mächtigste Wächter der Dragons. Mehr brauchst du nicht über mich zu wissen.

Seite 180

Aber ich will wissen, wo euer Lager ist, und wer meinen Lieblings-Höllenhund Cerberus vernichtet hat. Ich werde jetzt meine Hand von deinem Mund nehmen. Wehe du gibst einen Laut von dir, dann breche ich dir sofort das Genick, verstanden?“ Sein eisiger Atem streifte meine Wange, und ein kalter Schauer rann mir den Rücken herunter. Wieder nickte ich. Jetzt konnte ich mir denken, wer er war. Das musste der schwarze Druide sein, von dem Lilli erzählt hatte. Oh mein Gott, er darf das Lager niemals finden! Hoffentlich halten Docs und meine Schutzzauber auch gegen seine schwarzen Kräfte. Wenn Doc doch nur hier wäre. Sie wüsste bestimmt, wie man den Kerl besiegen kann. Langsam wanderte seine Hand zu meiner Kehle, und er zischte wieder in mein Ohr. „Wir werden jetzt deine kleinen Freundinnen dort besuchen und vielleicht plaudern sie ja ein paar Geheimnisse aus. Hehe, keine Angst, Hexe, sie werden uns nicht sehen und hören, dafür werde ich schon sorgen.“ Wieder murmelte er einige merkwürdige Worte und schon schob er mich vor sich her. Da sah ich auch schon Lucy auf einem Stein sitzen. Lilli sprach auf sie ein. „Siehst du, Hexe, sie bemerken uns nicht. Also, ich will wissen wo euer Lager ist, sonst…“ Seine Klaue drückte etwas fester zu, und seine Stimme klang sehr bedrohlich. Doch ich brachte keinen Ton raus. „Ach, du willst nicht? Okay, ein Leben gegen ein Leben! Sieh genau hin!“ Wie von Geisterhand schoss eine Wurzel aus dem Boden und Lilli, die hinter Lucy ging, stolperte und schlug mit dem Kopf auf einem Stein auf und blieb bewegungslos liegen, bevor ich auch nur eine Warnung ausrufen konnte. „ Was soll das? Lass sie in Ruhe!“ Vor lauter Anstrengung mich zu befreien, traten mir Schweißperlen auf die Stirn, aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. „Oh nein, das war erst der Anfang. Wollen doch mal sehen, wie dir das schmeckt.“ In der Dunkelheit schlich ein ausgewachsener Puma mit geschmeidigen Bewegungen an uns vorbei, drehte seinen Kopf zu uns, sah kurz zu dem Druiden und schlich dann , den Kopf gesenkt, mit zuckender Schwanzspitze, die gefährliche Eckzähne gebleckt, weiter. Seine Augen fixierten die am Boden liegende Lilli. Ein lautes Grollen erfüllte die Luft. Er war bereit zum Sprung. Ich konnte nur ein entsetztes „ Nein!“ flüstern und hielt die Luft an. Doch Lucy sprang ihm entgegen. Sie verwandelte sich noch im Sprung in einen riesigen Puma und griff ihn sofort an. Da hörte ich die Anderen herbeieilen, direkt neben mir liefen sie zu dem Kampfschauplatz ohne uns zu bemerken oder zu sehen. Der Druide zog mich mit aus dem Weg und raunte in mein Ohr: „ Wir zwei sind zwar unsichtbar, aber immer noch da!“ Verzweifelt rief ich: „ Aufpassen! Er ist hier!“ Doch keiner von ihnen reagierte, sie konnten uns wirklich nicht hören! Doc lief sofort zu Lilli, beugte sich über sie und behandelte ihre tiefe Wunde. Duncan lief so dicht neben mir her, dass ich ihn mit ausgestreckten Fingern hätte berühren können, aber ich war noch immer bewegungsunfähig. Das machte mich halb wahnsinnig. „Oh, da haben wir ja schon ein paar von denen, sie sind schnell, aber es wird ihnen nichts nützen!“, kicherte der Druide hämisch. Als Norbert so ziemlich als letzter eintraf, zeigte er nur mit dem Finger auf ihn. Norbert stürzte, wie von einer unsichtbaren Faust getroffen, zu Boden und blieb regungslos liegen. Drago, der ein Stückchen neben ihm lief, erging es nicht viel besser. „Sind sie tot?“, flüsterte ich entsetzt. „Wer weiß?“, flüsterte der Mistkerl hinter mir. „Vielleicht ja, vielleicht nein. Oh, dann wollen wir doch mal sehen, was deine kleine Freundin so macht.“ Wieder kicherte er und hob einen Finger. Auf Lucys Flanke zeigte sich plötzlich ein tiefer Riss. Das Blut, das sofort zu strömen begann, machte ihren Gegner nur wilder. Beide schenkten sich nichts, es war ein Kampf auf Leben und Tod. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich musste etwas tun, irgendetwas! Schnell blickte ich zu Doc, die noch immer bei Lilli stand. Lilli war wieder bei Bewusstsein, aber noch schwankte sie leicht und klammerte sich an Docs Arm. Beide verfolgten den Kampf. Da nahm Fernando Lilli in seine Arme und Doc sprach leise mit Kerstin, die sich zu ihnen gesellt hatte. Ich konzentrierte mich voll auf Doc und hielt meinen Blick fest auf ihren Kopf gerichtet. Eindringlich sprach ich in Gedanken zu ihr: „Doc! Jane! Kannst du mich hören? Bitte!“ „ Angie!“ Ich zuckte zusammen. Woher kam plötzlich diese Stimme in meinem Kopf?

Seite 181

Es war jedenfalls nicht die von Doc! „Angie, lass dir nichts anmerken! Dieser Druide ist sehr gefährlich. Noch spielt er nur mit euch, aber er kann euch alle blitzschnell mit einem Fingerschnippsen töten. Also, bleib ganz ruhig. Doc kann dich nicht hören, noch nicht. Aber ich kann zu ihr durchdringen und werde euch helfen, so gut ich kann.“ Oh nein! Diese Stimme! Wie abgefahren ist das denn jetzt? Meine Augen suchten die Lichtung ab und blieben an dem kleinen Felsen hängen, auf dem vorhin noch Lucy gesessen hatte. Da stand er…Zorro! Ungläubig starrte ich ihn an. Er sah mich eindringlich an und hielt einen Finger an seinen Mund. „Die anderen können mich nicht sehen, auch der Druide nicht. Nur du.“ „ Aber warum? Ich verstehe überhaupt nichts mehr! Wieso kann nur ich dich sehen? Was willst du hier? Zum finalen Schlag ausholen, oder was?“, schrie ich ihn in Gedanken wütend an. „Nein, natürlich nicht! Ich wurde von Vito geschickt, er war es, der mich von diesem Dämon, der mich über Jahrzehnte in seiner Gewalt hatte, befreit hat. Warum nur du mich sehen kannst? Weil du vor Kurzem mit schwarzer Magie in Berührung gekommen bist, darum hat der Druide auch dich ausgesucht!“ „Ich traue dir nicht einen Meter weit.“ „Du musst aber! Bitte! Ich weiß ja, wie schwer das für dich ist, nach allem, was ich euch angetan habe, besonders dir. Aber es ist überlebenswichtig für euch alle! Bitte!“ Mein Verstand sagte nein, doch mein Gefühl sagte etwas anderes. Misstrauisch sah ich in seine Augen. Dieser Blick von ihm, so total anders, ungewohnt, irgendwie… aufrichtig. Tief atmete ich ein. „Also gut.“ Erleichtert schloss er die Augen und sprach dann leise weiter, seine Stimme klang immer noch sehr eindringlich. „Okay, hör genau zu. Docs Kräfte allein reichen leider nicht aus, um diesen Bastard zu vernichten. Aber ihr beide zusammen könnt es schaffen. Doc muss sich an seinen Namen erinnern! Unbedingt! Nur sie weiß ihn. Sie ist ihm vor vielen Jahren schon einmal begegnet. In ihr schlummern Kräfte, von denen sie noch nichts weiß, und in dir auch. Ich werde mich jetzt gedanklich mit ihr verbinden und ihr alles erklären. Ach ja, und nur du wirst sie gleich noch sehen können. Dann muss ich verschwinden, weil ich sonst sichtbar werde.“ „Halt, nicht so schnell! Wer sagt mir, dass du die Wahrheit sagst? Was ist mit Norbert und Drago? Sind sie tot?“ Alleine der Gedanke trieb mir die Tränen in die Augen. „Das kann dir niemand sagen. Aber bitte glaube mir, nur dieses eine Mal! Und nein, sie sind nicht tot, noch nicht, er hat sie in eine Zwischenwelt geschickt, in der sie aber nicht lange überleben können. Angie, ich… ich… es tut mir alles so unendlich leid. Ich bin gleich verschwunden, aber ich will, dass du das weißt. Ich erwarte auch nicht, dass du mir verzeihst, wirklich nicht. Ich wünsche euch von ganzem Herzen viel Erfolg. Du brauchst mir nicht zu antworten, ich verstehe schon. Ich werde jetzt mit Doc reden, und dann bin ich weg.“ Er sah mich noch einmal traurig an und wand sich dann zu Doc. Schnell sah ich zu ihr und im gleichen Moment erstarrte sie, hielt aber ihren Blick auf den Boden gesengt. Unmerklich nickte sie und flüsterte dann Kerstin, die direkt neben ihr stand, etwas zu. Langsam schob sich Doc hinter sie und schlenderte wie zufällig in Richtung Felsen, wo noch vor Sekunden Zorro gestanden hatte, von dem nichts mehr zu sehen war. Kerstin sah einen Moment erstaunt auf die Stelle, wo Doc noch vor einer Minute gestanden hatte, ließ sich aber weiter nichts anmerken. Ich fühlte noch immer die eisige Hand an meiner Kehle und konnte mich immer noch nicht bewegen. Dieser gedankliche Austausch mit Zorro hatte nur wenige Sekunden gedauert. Die grausame Stimme des Druiden drang wieder an mein Ohr. „Willst du mal was Lustiges sehen?“, kicherte er und zeigte nur mit dem Finger in die Richtung der Pumas. Erleichterung durchfuhr mich, er hatte von Zorro nichts mitbekommen. Doch da hörte ich ein lautes Krachen. Entsetzt sah ich, wie einer der Pumas an einen entfernten Felsen geschleudert wurde. Gott sei Dank war es nicht Lucy! Denn was sich da am Fuß des Felsen in einen Menschen verwandelte, war definitiv keine Frau! „So war das aber nicht vorgesehen!“, zischte der Druide wütend hinter mir und schob mich zu dem am Boden liegenden, wow, in jeder Hinsicht gut gebautem Mann. Immer noch bemerkte uns niemand. Fernando lief zu dem Verletzten, der mittlerweile in eine tiefe Ohnmacht gesunken war und rief laut nach Doc.

Seite 182

Doch die stand noch bewegungslos am Felsen und plötzlich sprach sie mit mir: „ Keine Angst! Wir schaffen das schon! Zorro hat mir alles erzählt, und… ich glaube ihm!“ Wie immer klang ihre Stimme beruhigend und zuversichtlich. „Ich habe Kerstin ein bisschen eingeweiht. Nur von dir konnte ich ihr nichts erzählen, dazu fehlte einfach die Zeit. Zu zweit schaffen wir das!“ „ Okay“, signalisierte ich ihr stumm. Alle sahen sich suchend nach Doc um. „Angie? Wo ist Angie?“, brüllte Duncan plötzlich und sah sich hektisch um. Die anderen blickten sich erschrocken an. Sie hatten wohl jetzt erst bemerkt, dass ich überhaupt nicht dabei war. Bowen wurde gerade von Kerstin flüsternd über Docs geplantes Verschwinden informiert, als auch sie sich suchend umblickte und zu Duncan rief: „Ich dachte, sie ist bei dir.“ „ Nein!“, antwortete er verzweifelt. „Oh nein!“ Er raufte sich die Haare und suchte die ganze Umgebung nach mir ab, und ich musste tatenlos zusehen! „ Oh, der Arme. Sucht er seine Gespielin? Er wird sie aber nicht finden! Hahaha!“, lachte das Monster hinter meinem Rücken. „So, ich will noch ein bisschen spielen. Du auch? Bestimmt, das wird lustig. Pass auf!“ Sein Finger zeigte auf… Bowen. Wie vom Blitz getroffen viel dieser in Sekundenschnelle in sich zusammen und landete hart auf dem Boden. „Er ist nicht tot, Doc. Glaub mir. Das gleiche hat er mit Norbert und Drago gemacht“, rief ich schnell in Gedanken, als ich hörte, wie Doc entsetzt aufschrie, und zu ihm wollte. Nur mit äußerster Willenskraft blieb sie stehen wo sie war, und ich konnte sehen, wie sie die Zähne zusammen biss. Plötzlich hörte ich Duncan rufen: „Schnell! Gavin und Fernando zu mir! Ich habe Norbert und Drago gefunden!“ „Ach ja? Dann willst du wohl auch bei deinen Freunden sein Thorpe?“, säuselte der Druide und ich schrie auf: „Nein! Rühr ihn nicht an! Sonst…“ „Was sonst? Du bist nicht in der Position um mir zu drohen!“
„ Oh doch!“ Und dann überschlugen sich die Ereignisse.

Der Druide zeigte mit seinem ausgestreckten Zeigefinger auf Duncan, im selben Moment schleuderte Doc einen ihrer Energiebälle auf den Feind. Und traf! Der Druide verkrampfte sich und löste so unfreiwillig den Griff um Angies Hals. Er krümmte sich zusammen, und kleine lilafarbene Blitze zuckten über seinen Körper.
„Angie, schnell komm rüber zu mir! Er erholt sich umgehend wieder“, rief sie und fixierte mit ruhigem Blick den Druiden. Schnell lief Angie zu Doc rüber, erleichtert nahmen sie sich kurz in den Arm. „Geht´s dir gut?“ „Ja“, hauchte Angie und sah sich schnell um. „Angie, du musst dich darauf konzentrieren gedanklich mit mir zu sprechen, er hört dich sonst.
Duncan kniete mittlerweile neben Norbert und Drago, er inspizierte genauestens die Umgebung, nichts war zu sehen. Was hatte sie niedergestreckt? Kerstin stand neben ihm und sah extrem besorgt aus. Gavin tupfte vorsichtig das Blut von Lucys Wunden und Fernando kümmerte sich gemeinsam mit Lilli um Bowen und den Bruder von Lucy. Keiner von ihnen ahnte auch nur, in welcher Gefahr sich Angie und nun auch Doc befanden.
Langsam erhob sich der Druide wieder und blickte hasserfüllt hinüber zu dem Felsen vor dem Angie nun neben Doc stand. „Du!!!“ Er zeigte auf Angie. „Wer ist hier noch?“ Doc konnte er immer noch nicht sehen. In seinen rot lodernden Augen blitzte der blanke Hass auf. Er war das grausamste Wesen, das die beiden je zu Gesicht bekommen hatten. Doc versah ihn mit noch einem Energieball, um etwas Zeit zu schinden.
„Doc, wie werden wir diesen Skelletor los?“ „Zorro hat mir gesagt, dass durch das Vampirblut, was wir getrunken haben, unsere magischen Fähigkeiten enorm gewachsen sind.

Seite 183

Wir müssen ihn gemeinsam mit einem Spruch belegen. Er ist irgendwie auch ein Dämon. Früher hieß er Godfrey und gehörte zu den Guten. Mittlerweile ist er mehr und mehr von den dunklen Mächten besessen. Ich kenne auch seinen dämonischen Namen, damit können wir ihn bezwingen. Ihn zu wissen, verleiht uns die nötige Macht dazu . Wenn wir den Zauber aktivieren, werden wir auch wieder sichtbar und sind wieder bei den anderen. Er kann dich nicht länger unerkannt hier festhalten. Du bist eine geborene Hexe Angie, du hast mächtige Kräfte. Durch Moggovitors Zauber bin ich unsichtbar, aber nicht für dich, nur der Druide kann mich deshalb nicht sehen. Also los.“
„Okay. Und wie genau funktioniert das?“ Jane flüsterte ihr die Worte zu. Dann erklärte sie schnell weiter. „Wir sprechen den Zauber zusammen. Danach musst du in dich gehen und dich auf dein magisches Licht konzentrieren. Es ist in dir und du kannst es freisetzen, so ähnlich funktioniert das auch mit meiner Energie. Denk einfach daran, was er mit Duncan machen wollte. Vertrau mir, und glaub an dich. Du schaffst das!“ Während dieser hastigen Unterhaltung, war nur ein kurzer Moment verstrichen.
Der Druide hatte sich mittlerweile wieder gefangen und schwebte langsam zu den beiden herüber. Jane streckte beide Arme von sich, die Handflächen zeigten gen Himmel. Ein helles Licht fiel auf sie nieder. Nein, Doc leuchtete, sie erstrahlte von innen heraus. Ein bisschen sah sie aus wie ein Engel, aber das würde Angie ihr lieber nicht erzählen, denn wenn Jane eines nicht war, dann das. Für solche Gedanken war jetzt ohnehin keine Zeit. Sie erhob ebenfalls die Arme und dann begannen beide leise die Formel aufzusagen, dreimal hintereinander, anfangs nur ein leises Murmeln, und dann mit immer kräftigerer Stimme.
„Bael Mordoch, wir entbinden dich der Macht deines Herren Astaroth.“ Die Luft um sie herum vibrierte immer stärker vor magischer Kraft.
„Du Hexe! Woher kennst du meinen Namen? “, fluchte er.
„Angie, jetzt!“ Sie straffte ihren Körper, atmete tief ein und die Luft um sie herum begann zu knistern.
Mittlerweile konnten die anderen sie wieder sehen, verwirrt starrten sie die beiden an und dann auf die schwarze Gestalt, die sich ihnen immer noch näherte.
„Bleibt alle wo ihr seid“, rief Doc ihnen zu. Bael blickte sie an, ein bösartiges Grinsen umspielte seinen halbverwesten Mund. „Ach, der kleine Bastard vom Merlin. Du auch hier? Ich dachte, du würdest auch in Avalon feststecken so wie alle anderen. Na, wie gefällt dir, dass ich den Zugang zerstört habe? Ob dein Vater noch sauer ist, dass ich deine Mutter direkt nach der Geburt tödlich verflucht habe?“ Stinksauer feuerte Doc noch einen Energieball auf Bael ab. der daraufhin zuckend in die Knie ging. Dabei fing er an unglaublich verrückt zu lachen. „Du kannst mich nicht zerstören mit so ein bisschen mickriger, weißer Druidenmagie, ich bin so viel älter und mächtiger als du!“

„Nein, da hast du Recht, aber wir haben noch was viel Besseres.“ Das war das Stichwort. Angie streckte ihre Arme nach vorne. Ihre Handflächen deuteten in Richtung des Schwarzmagiers. Sie war konzentriert, wütend und wunderschön zugleich. Jane, die ihr folgte, hatte das Gefühl, die Luft um sie herum würde ihr die Haare versengen. Sie nahm den Geruch von uralter magischer Macht wahr. In Angie sammelte sich eine unbekannte Kraft tief in ihrem Innersten. Auch sie leuchtete nun von innen heraus. Eine starke Energiewelle brodelte in ihr wie ein Vulkan und verlangte nach einem Ventil. Da entlud sich eine große Welle nach außen. Mit einem lauten Knall schoss ein greller Blitz aus ihren Händen hervor und traf den Druiden.
Er fing fürchterlich zu schreien an, es war ein grauenvoller Laut, als ob mehrere Wesen gleichzeitig schrien. Allen stellten sich die Nackenhaare auf. Jane, die auch immer noch leuchtete, feuerte unablässig ihre Energiebälle auf den Druiden ab. Der Himmel zog sich zusammen, es fing an zu regnen und ein Donner grollte in weiter Ferne.

Seite 184

Er hallte in den Bergen wieder und schuf eine gruselige Atmosphäre. Als Angie ein weiteres Mal ihre Kraft auf Bael losließ, bebte der Boden leicht. Hinter ihnen schlug ein Blitz in den Felsen, der laut krachend entzwei brach. Die Schreie des Druiden waren bei dem Lärm des Gewitters nicht mehr zu hören. Ein letztes Mal noch ließ Angie mit einem Kampfschrei einen Blitz auf den Druiden ab. Dann blieb er reglos am Boden liegen. Keuchend sank sie auf die Knie. Doc ging auf den am Boden liegenden Bael zu, beugte sich hinunter, und fühlte seinen Puls. „Er lebt noch!“ Dann zog sie einen Dolch aus dem Halfter an ihrem Bein und stieß ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, in sein schwarzes Herz.
Mit einem lauten Zischen begann dieser sich aufzulösen und sickerte in die Erde. Nichts blieb übrig von ihm. „Jetzt nicht mehr!“, sagte sie mehr zu sich selbst und erhob sich langsam. Sie schwankte in Richtung Angie und sank neben ihr auf die Knie. Die beiden wirkten so erschöpft, als hätten sie seit Wochen nicht geschlafen. „Angie, du bist einfach unglaublich.“ Mit letzter Kraft lächelte sie sie an. „Du aber auch. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“, entgegnete Angie. Danach sanken ohnmächtig in sich zusammen.

„Angie, wach auf!“ Duncan, der das ganze Geschehen entfernt beobachten musste, war zu ihr geeilt. Er zog sie vorsichtig auf seinen Schoß. Zärtlich strich er ihr über das Gesicht und bedeckte sie mit Küssen. Er flüsterte leise Dinge in ihr Ohr, um sie zu wecken. Doc bekam eine nicht ganz so liebevolle Behandlung von Kerstin, die ihr ganz leicht ein paar Ohrfeigen verpasste. „Doc, komm endlich zu dir!“ Janes Augenlider flackerten und dann öffnete sie sie ganz vorsichtig. „Durst.“ Kerstin hielt ihr die Feldflasche an den Mund, Doc trank und setzte sich dann auf.
„Man, das war ja was.“ Dann blickte sie neben sich und beobachtete Duncan und Angie, die sich langsam in seinen Armen zu regen begann, mit halb geschlossenen Augen, murmelte sie leise „Duncan, du kratzt, bitte rasier dich doch endlich mal.“ Duncan lächelte sie liebevoll an und presste sie an sich. Die Erleichterung war in sein Gesicht geschrieben.
„Als du plötzlich wie vom Erdboden verschluckt warst, das war ja abgefahren. Und ich soll so tun, als ob ich nichts gesehen hätte.“ Kerstin blickte sie neugierig an. „Tut mir leid, ich hatte nicht genug Zeit für genaue Erklärungen. Ich musste noch kurz mit Ef-Ef sprechen. Der war ja in meiner Hosentasche. Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn einfach auf den Boden gesetzt. Ach, egal. Jedenfalls diese ekelhafte Kreatur, das war ein schwarzer Druide. Er hatte Angie in seiner Gewalt und einen Tarnzauber angewandt. Moggovitor hat Zorro als Boten geschickt, und die meiste Kommunikation lief telepathisch ab. Er gab mir den Tipp Ef-Ef zu fragen, wie man die schwarze Magie brechen kann, und das ich mich an den Namen erinnern müsste. Der Hamster konnte mir tatsächlich sagen, was zu tun war. Und dann war ich auch schon unsichtbar. Das ging alles so schnell. Was ist mit Bowen passiert? Wie geht’s ihm?“ Kerstin legte besorgt die Stirn in Falten. „Er ist bewusstlos, ebenso wie Norbert und Drago. Ich habe den Hamster zum Lager geschickt, er soll Cyrus und Tiago holen. Wir müssen sie zurücktragen. Fernando sagt, sie haben keine erkennbaren Verletzungen, sie liegen in einer Art Koma.“ „Deshalb kann ich ihn nicht spüren. Oh Gott, Kerstin, sie sind immer noch im Limbo gefangen. Bael, der Druide hat sie in eine Dämonenzwischenwelt geschickt. Sie sind schon zu lange dort, deshalb sind sie nicht erwacht, als er gestorben ist. Wir werden sie verlieren.“ Panisch sah Doc Kerstin an. „Es muss doch irgendeinen Weg geben sie zurückzuholen!“ In Kerstin machte sich auch Panik breit. Und der stetige gedankliche Austausch, den sie sonst immer mit Drago hatte, war auch unterbrochen. Sie hörte ihn einfach nicht mehr. Da kamen Tiago und Cyrus. Cyrus trug Ef-Ef auf der Hand. Kerstin sprang auf und ging zu den beiden. Doc mobilisierte ihre Kräfte und wankte hinter ihr her. Bei den Vieren angekommen, nahm sie Ef-Ef entgegen. „Alors, von wegen isch bin ein nützlöses Vieh. Ne c´est pas? Den habt ihr ja ganz schön in die Mangel genommen. Aber isch mocht ihn sowieso nischt, er hat sich beim Dämonenfürsten immer fürschterlisch eingeschleimt.“ „Ef-Ef, hör zu! Drago, Bowen und Norbert sind nicht bei Bewusstsein.

Seite 185

Bael hat ihren Geist vom Körper getrennt und in den Limbo geschickt. Wie können wir sie da herausholen?“ „Ah Ah, im Limbo ist es aber nischt sehr schön!“ „Du warst schon mal dort? Also kannst du dorthin und sie zurückschicken?“ „Isch könnte, wenn isch wollte…“ „Ford Fleur, ich befehle dir sofort in den Limbo zu gehen, und Bowen, Drago und Norbert zurückzuschicken.“ Der Dämon zog einen Flunsch und verpuffte in einer Rauchwolke. Kerstin und Doc sahen sich fragend an. Die Zeit verstrich.
Gavin trug Lucy ins Lager und Cyrus und Tiago schnappten sich ihren Bruder. „Verflucht, wieso dauert das so lange?“ „Da! Drago, er hat sich bewegt.“ Kerstin stürzte hinüber zu ihm. Langsam schlug Drago die Augen auf und versuchte sich aufzusetzen. Da begann auch Norbert sich zu regen, um den sich Lilli kümmerte. Doc ging zu Bowen hinüber, der flach auf dem Rücken lag. Er regte sich immer noch nicht. „Verdammt, Ef-Ef mach schon. Bitte!“ In stillem Gebet, an wen auch immer, blickte sie an den Himmel. Das Gewitter hatte nicht aufgehört, und es regnete immer stärker, aber sie spürte es kaum. Sie war geschwächt, und die Sorge um ihren Gefährten ließ sie fast wahnsinnig werden. Sie legte sich neben ihn. Mit dem Ohr auf seiner Brust, konzentrierte sie sich auf seinen schwachen gleichmäßigen Herzschlag. Sie hatte keine Ahnung wie lange sie schon so dort lag. Es war ein schreckliches Gefühl. Am anderen Ende ihrer Verbindung zu Bowen, war eine große Leere. Es schüttete mittlerweile wie aus Kübeln, und sie waren völlig durchnässt. Da berührte etwas ihre Hand.
Es war Angie. „Jane, komm…, wir tragen Bowen zum Lager. Du holst dir noch eine Lungenentzündung hier im Regen.“ Träge stand sie auf und Duncan hob Bowen auf und trug ihn zum Lager. Angie hakte sich bei ihr ein, und still folgten sie ihnen. Im Lager hing ein bedrückendes Schweigen in der Luft. Angie legte Doc ein Handtuch um die Schultern und nahm sie in den Arm. „Ich, ich muss doch zu ihm!“ Schon war Jane im Zelt verschwunden. Sie setzte sich neben Bo und strich ihm eine nasse Strähne aus dem Gesicht. Dann begann sie ganz langsam ihn abzutrocknen. Plötzlich raschelte es im Zelt. Ef-Ef tauchte mit etwas Rauch auf. Er grinste breit. „Isch wusste, ich bin schneller als dieser Schuhschläger.“ Da flackerten Bowens Lider und er öffnete die Augen. Er sah sie an, griff nach ihr und zog sie an sich. „Jane, ich habe mir solche Sorgen gemacht. Du warst auf einmal weg. Ich konnte nur fühlen, dass mit dir etwas nicht stimmt. Und dann war ich, keine Ahnung, in der Hölle? Alles in Ordnung mit dir?“ Das war zu viel für sie, er wäre fast für immer verdammt gewesen, und seine erste Sorge galt ihr. Docs Augen füllten sich mit Tränen. Schluchzend lag sie in seinen Armen. „Oh Bowen, ich dachte, wir schaffen es nicht dich zurückzuholen.“ Beruhigend strich er über ihren Rücken „Schscht…, ich hab doch gesagt mir passiert so schnell nichts.“ Er küsste ihre Tränen weg und dann mussten sie dringend aus diesen nassen Klamotten heraus, fand er. Ef-Ef zog sich ausnahmsweise einmal taktvoll zurück und berichtete den anderen, dass nun alle unversehrt zurück waren.

„Isch findö, das war doch mal eine gelungene Aktion. Isch wusste nicht, dass so viel Geheimnisvolles in unseren Mädschen steckt“, sagte Ef-Ef mit einem Grinsen im Gesicht, als hätte er eine große Kornplantage entdeckt. Aber er hatte recht. Angie war noch ganz mitgenommen von den Geschehnissen und auch alle anderen saß der Schreck in den Gliedern. Nur Ef-Ef versuchte etwas Positives aus der ganzen Geschichte zu ziehen. “ Hm, wenn isch es mir rescht überlegö – isch könnt jetzt ein ganzes Schwein auf Toast vertragen. Und da ihr allö nicht so ausseht, als wenn ihr festö Nahrung bei euch behalten könntet, übernehme isch das mal.“

Seite 186

Sprach´s und schon war er verschwunden. Kerstin konnte sich ein Grinsen über Ef-Efs Benehmen nicht verkneifen. Als sie zu Drago sah, verging ihr aber dieses Grinsen. Er sah aus, als hätte er alles Schlimme dieser Welt gesehen. Er starrte vor sich hin und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf. Um die anderen nicht zu erschrecken, versuchte sie mit Drago mittels Gedanken zu kommunizieren. Aber sie brauchte mindestens drei Anläufe, bevor Drago reagierte. Er sah sie an, und sein gequälter Blick verschlug ihr dem Atem. „Drago, was ist in dieser Zwischenwelt geschehen?“ Aber Drago schaute an ihr vorbei, fast so, als wenn er sie gar nicht gehört hätte. Kerstin wurde unruhig. „Was war hier los?“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie versuchte noch einmal ihn zu fragen, aber wieder reagierte er nicht. Als sie ihn am Arm berührte, zuckte er zusammen und sah sie mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen an. Kerstin wusste nicht was sie machen sollte. Als er erneut auf ihre Gedanken nicht einging, stand sie auf. „Ich geh mal gucken was Ef-Ef so treibt“, sagte sie und ging zur anderen Seite des Lagers in Richtung Versorgungszelt. Von außen hörte man ein genüssliches Schmatzen. Ef-Ef saß auf dem Boden und hatte sich viele Leckereien organisiert. Er biss gerade in ein Stück Käsekuchen, als er sich bei Kerstins traurigem Anblick fast verschluckte. „Oh, was is dir denn über die Läber geüpft? Du siehst aber gar nischt gut aus.“ Kerstin erzählte ihm von Drago und auch Ef-Ef wurde etwas nachdenklich. „Hm, isch weiß aus eigener Erfahrung, dass man das, was man in der Zeischenwelt gesehen hat, nie wieder vergisst. Aber isch kann deinen Drachön nischt elfen. Das kannst nur du,Cherie. Red´ solangö auf ihn ein, bis er redet. Redön hilft beim Vergessen.“ Dann machte er sich über das nächste Stück Kuchen her. Dankbar für den Ratschlag, machte sich Kerstin sofort wieder auf den Weg zu Drago. Der saß noch immer auf der gleichen Stelle und starrte is Leere. „Okay, Ef-Ef hat gesagt, ich muss auf ihn einreden. Nichts leichter als das“, dachte Kerstin und versuchte es erst gar nicht nur mit ihren Gedanken, sondern sprach leise zu ihm. „Drago? Drago, wenn du mich verstehen oder wenigstens hören kannst, dann drück jetzt bitte meine Hand.“ Doch nicht geschah. Kerstin versuchte es weiter. „Drago, bitte, hörst du mich?“ Wieder nichts. „Also gut“, dachte sie sich, „er will es auf die harte Tour, das kann er haben.“ „So mein Schnukkiputzi, wenn wir das hier überstanden haben, müssen wir uns gut überlegen was wir danach machen. Wollen wir zusammen ziehen? Wenn ja, gibt es hier sofort ein paar Regeln. Keine Bartstoppeln im Waschbecken. Die Zahnpastatube wird zu gemacht. Der Klodeckel bleibt unten. Ach ja, und den Müll trägst du runter.“ Während sie so auf Drago einredete, kam Lilli zur Feuerstelle. Ohne ein Wort zu sagen, setzte sie sich zu den beiden und lächelte Kerstin an. „Fernado schläft, und ich bin noch viel zu aufgedreht. Ist bei euch alles in Ordnung?“, fragte sie mit einem besorgten Blick Richtung Drago. Kerstin seufzte und erzählte Lilli alles. Diese schüttelte den Kopf. „Na gut, wenn Ef-Ef gesagt hat du sollst auf ihn einreden, bitte, lass dich von mir nicht abhalten.“ Kerstin atmete tief durch und begann wieder leise auf Drago einzureden. „Weißt du was, mein Puschel, ich möchte ein Häuschen auf dem Land. Mit mindestens 8 Zimmern, einer Kochinsel, einem riesigen Wohnzimmer mit Blick auf Wiesen und Felder und einem Teich. Oh, und ich sehe auch schon das Baumhaus, welches du für unsere Kinder gebaut hast. Hm, wie viele Kinder möchtest du? Also ich möchte vier.“ Kaum hatte Kerstin das gesagt, wurde Dragos Blick ganz klar. Er schaute ihr in die Augen. „Sag mal, hast du sie noch alle? Mit was für bescheuerten Namen sprichst du mich hier an“, schnauzte Drago sie an, und kleine Rauchwolken stoben aus seinen Nasenlöchern. „Und was soll das Gefasel von Kindern und Baumhäusern. Hast du irgendwas geraucht?“ Kerstin fiel ihm vor Freude um den Hals, so dass sie beide nach hinten fielen. Voller Überschwank küsste Kerstin Drago. Er bekam kaum noch Luft. In Gedanken schrie er ihr zu, dass er gleich ersticken würde, wenn sie jetzt nicht aufhöre. Das war das Schönste, was sie seit langem gehört hatte. Als sich beide etwas beruhigt hatten, bemerkten sie, dass Lilli noch immer am Feuer saß. Etwas verlegen setzten beide sich wieder hin.

Seite 187

„So, könnte mir bitte jemand erklären, was hier los ist?“, fragte Drago die beiden. Kerstin war schlagartig wieder ernst. Sie erzählte ihm, was vorgefallen war: von seiner geistigen Abwesenheit, Ef-Efs Ratschlag und ihrem Plan ihn „wach zu reden“. Drago schaute sie erstaunt an. Lilli räusperte sich, blickte von Drago zu Kerstin und wieder zurück. Schließlich stellte sie die Frage, die ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge lag. „Drago, was habt ihr drei in der Zwischenwelt gesehen?

Drago schaute abwechselnd Kerstin und Lilli an. „Ihr werdet nicht locker lassen, bis ich es euch erzähle. Stimmt’s?“ Kerstin schaute ihn etwas besorgt an und nickte nur mit dem Kopf. Lilli grinste und ließ nur ein trockenes „Jap“ verlauten. Drago grinste zurück. „Vielleicht geht es mir ja besser, wenn ich es euch erzählt habe.“ Schlagartig wurde sein Gesicht wieder ernst und sein Blick wanderte zum Feuer. Er starrte in die Flammen, als wolle er sie hypnotisieren und fing dann an zu erzählen. „Erst wusste ich überhaupt nicht, was los war. Ich stand in einer vollkommen leeren Welt. Nichts war zu sehen, keine Berge, keine Wiese, kein Wald, einfach gar nichts. Dann sah ich, dass Norbert und Bowen neben mir standen. Außer dem Kopf konnten wir nichts bewegen, und wir konnten auch nicht sprechen. Überall waberte ein zäher, schwarzer Nebel. Plötzlich fing die Luft an zu flimmern, der Nebel wurde fester und ein Bild erschien vor uns. Nein, nicht ein Bild. Es war eigentlich eher ein Film, und die Szenen, die ich zu sehen bekam, trieben mir Angst und Entsetzen in die Glieder. Vor uns erschien der „Red Dragon“ und zwar in seiner Drachengestalt. Ihr Beide und Lucy habt gegen ihn gekämpft. Jane und Angie lagen unter seinen Hinterbeinen. Sie waren tot, ihre Körper zerschmettert und blutüberströmt. Obwohl ich sehen konnte, dass ihr ihm schwer zugesetzt und mit euren Schwertern mehrmals seine Schuppen durchstoßen habt, konntet ihr einfach nicht sein Herz erreichen. Lucy versuchte mit ihren Krallen seine Augen zu erreichen. Plötzlich ließ er seinen Schwanz durch die Luft peitschen, traf damit Lucy und enthauptete sie. Ihr beide wart darüber so entsetzt, dass ihr für einen kurzen Moment eure Schwerter sinken gelassen und zu Lucys geschundenem Körper herüber geblickt habt. Den Moment nutzte der Drache aus und schlug blitzschnell nach dir, Lilli, und schlitzte dir mit seinen scharfen Krallen die Brust und den Bauch auf. Dann packte er mit seinen widerlichen Klauen dich, Kerstin, blickte mich mit seinen blutroten Augen an und riß dir, mit einem triumphierenden Gebrüll die Kehle heraus. Als ihr alle tot und blutüberströmt am Boden lagt, fing er an zu lachen. Da erschien eine Gestalt in einem schwarzen Umhang. Unter der Kapuze konnte ich nur zwei leuchtend rote Augen erkennen. Auch die Gestalt lachte höhnisch und mit einer eiskalten Grabesstimme sagte sie: „So wie es euren dreckigen, kleinen Liebchen ergangen ist, wird es auch euch ergehen. Ihr könnt unsere Macht niemals besiegen!“ Beide verschwanden und verwandelten sich in schwarzen Nebel, der durch etwas Kleines aufgewirbelt wurde. Da sah ich dann Ef-Ef auf mich zukommen. Ich war noch niemals so froh diesen kleinen Quälgeist zu sehen wie in diesem Moment. Er berührte mich und murmelte irgendeine Beschwörung, und schon war ich wieder unversehrt bei euch. Aber diese Bilder kann ich einfach nicht aus meinem Kopf verbannen, auch wenn sie nur ein Traum oder eine Halluzination waren. Es war so schrecklich, euch sterben zu sehen und nicht eingreifen zu können. Es war so furchtbar, hilflos mit ansehen zu müssen, wie einem das Liebste genommen wurde.“ Drago hob seinen Blick vom Feuer, schaute Kerstin lange in die Augen und Tränen liefen ihm über die Wangen. Kerstin ging sofort zu ihm und nahm ihn in die Arme. „Ich bin doch hier bei dir. Uns wird nichts passieren.“

Seite 188

Drago vergrub sein Gesicht in Kerstins Haaren und flüsterte mit zitternder Stimme: „Ich hoffe es, aber glauben kann ich es noch nicht.“ Lilli sah die beiden mit einem liebevollen Lächeln an. „Drago, genau das hat der Schwarze Druide mit seiner Inszenierung erreichen wollen. Er wollte, dass ihr den Glauben an uns und euch verliert. Hat ihm aber leider nichts gebracht. Genau die beiden, die er von dem Drachen zuerst töten ließ, nämlich Angie und Doc, haben ihn vernichtet. So ein Pech aber auch.“ Lilli grinste breit über das ganze Gesicht, und wie immer war ihr Grinsen ansteckend. Auch Dragos Mundwinkel verzogen sich zu einem ganz kleinen Lächeln. „Ja, Lilli, du hast wahrscheinlich Recht. Ich muss zusehen, dass ich das aus meinem Kopf verbanne und es unter bösen Träumen, die nicht wichtig sind, ablege.“ „Das schaffst du schon, Drago, ich bin mir sicher, dass dir Kerstin gerne dabei hilft den Kopf frei zu bekommen. Nicht wahr?“, sagte Lilli und zwinkerte Kerstin zu. „So, ich werde mal nachsehen, ob mein Nando noch träumt und mich auch noch ein wenig aufs Ohr legen. Schließlich haben wir in ein paar Stunden einen Kampf vor uns. Wenigstens sind wir jetzt die Sorgen mit dem Schutzwall um Choquequirao los.“ Kerstin schaute verdutzt Lilli an: „Wieso denn das?“ „Na, dadurch, dass der Druide vernichtet ist und keine Magie mehr anwenden kann, ist der Schutz zusammengebrochen. Wenn wir Glück haben, wissen das die Dragons noch nicht, und wir können sie überraschen.“ „Ja klar, daran hatte ich ja noch gar nicht gedacht“, sagte Kerstin und auch auf ihrem Gesicht erschien endlich wieder ein Lächeln. Lilli stand auf und machte sich auf den Weg zu ihrem Zelt. „Gute Nacht, ihr zwei Turteltäubchen. Macht nicht mehr so lange. Morgen müssen wir topfit sein.“ „Dir auch eine gute Nacht“, sagten Kerstin und Drago, während sie auch auf ihr Zelt zusteuerten.
In ihrem Zelt angekommen, kuschelte sich Lilli zu Fernando in den Schlafsack. „Hallo meine Schöne, wo warst du denn“, fragte er schlaftrunken. „Ich habe noch kurz mit Drago und Kerstin am Feuer gesessen. Ich war noch zu aufgekratzt, um schlafen zu können.“ „Mmh“, murmelte Fernando an ihrem Ohr und legte seine Arme zärtlich um Lilli. Sie genoss seine Wärme und die Geborgenheit, die sie bei ihm spürte, aber schlafen konnte sie nicht. Die Vision von Drago hatte ihr doch mehr zugesetzt, als sie zugeben wollte. Der Tod des Druiden beruhigte sie nicht wirklich. Sicher, er war vernichtet worden, aber der Rote Drachen lebte noch.

Copyright © BD Sisterhood

Fortsetzung: Black Dagger Ladies Online – Choqequirao [Kapitel 16]