Black Dagger for crazy Ladies: NS-Island

Angie, Doc, Kerstin, Lilli und Lucy  sind bekennende Fans der Autorin J.R. Ward und der von ihr geschriebenen, mittlerweile 14-teiligen, Black-Dagger-Serie.

Die fünf Ladies haben sich hier vor ca. einem Jahr zufällig getroffen und halten seitdem einen regen Austausch über die Liebe und das Leben, Lust und Frust – in erster Linie allerdings über Männer! Unermüdlich sind sie auf der Suche nach der Idealbesetzung der außergewöhnlichen Helden der Bruderschaft der Black Dagger. Logisch, dass die im wahren Leben schwer zu finden sind. 😉

Und so entwickelt sich das abwechslungsreiche, amüsante Leben auf NS-Island ständig weiter. Die „Schnittensammlung“ wächst stetig. Inzwischen wurden fast 500 in den illusteren Kreis aufgenommen. Einige besonders nette Exemplare haben es sogar in die Moderatoren-Crew des beliebten Radiosenders der Insel geschafft.

Um sich die Zeit zu vertreiben, schreiben die Ladies in ihrem Insel-Domizil an einem Online-Roman mit dem „Arbeits-Titel“ Black Dagger Ladies Online. Aktuell umfasst der Roman 14 Kapitel und 172 Seiten.  Abwechselnd schreibt jede einen Part, der dann entsprechend an den vorherigen angehängt wird – erstaunlicherweise funktioniert das. Gestartet sind die Fünf von dieser Insel aus auf einem Kreuzfahrtschiff. Ihre Reise führte sie über New Orleans und Havanna nach Peru. Unterwegs haben sie die erstaunlichsten Wesen getroffen und auch ihre außergewöhnlichen eigenen Fähigkeiten  entdeckt. Das Ergebnis ist lustig, schräg und ein wenig chaotisch – im Vordergrund steht der Spaß an der Sache! 😆


Und nachfolgend die Bücher, die die Black Dagger Ladies inspiriert:

Nachtjagd: Black Dagger 1

NachtjagdKurzbeschreibung

Das Leben der jungen Beth Randall verläuft eigentlich in ruhigen Bahnen – sie lebt in einem zu kleinen Apartment, geht selten aus und hat einen schlecht bezahlten Reporterjob bei einer kleinen Zeitung in Caldwell, New York. Ihr Job ist es auch, der sie an den Tatort eines ungewöhnlichen Mordes führt: Vor einem Club ist ein Mann bei der Explosion einer Autobombe gestorben, und die Polizei kann keinen Hinweis auf die wahre Identität des Toten finden. Dann trifft Beth auf den geheimnisvollen Wrath, der in Zusammenhang mit dem Mord zu stehen scheint. Der attraktive Fremde übt eine unheimliche Anziehung auf sie aus, der sie sich nicht entziehen kann. Während sie sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit Wrath einlässt, wächst in ihr der Verdacht, dass er der gesuchte Mörder ist. Und Wrath hat noch ein paar Überraschungen mehr für sie auf Lager, denn er behauptet, ein Vampir zu sein – und das Oberhaupt der Bruderschaft der BLACK DAGGER, die seit Jahrhunderten einen gnadenlosen Krieg um das Schicksal der Welt führen muss ….

Blutopfer: Black Dagger 2

BlutopferKurzbeschreibung

Seit Hunderten von Jahren tobt ein Krieg in den Städten, von dem die Sterblichen nur selten etwas bemerken: Wrath, König der Vampire, führt die Bruderschaft der BLACK DAGGER in einem gnadenlosen Kampf gegen die Gesellschaft der Lesser, seelenlose Untote, die geschworen haben, die Vampire zu vernichten. Mitten in diesem Krieg bittet Darius, ein alter Kampfgefährte, Wrath darum, sich um seine Tochter Beth zu kümmern, die nichts von ihrer vampirischen Herkunft weiß. Schon bald gerät die junge Frau zwischen die Fronten, und Wrath muss erkennen, dass sein Schicksal unauflöslich mit ihr verbunden ist – denn Beth ist seine Shellan, seine unsterbliche Liebe, für die sich jedes Opfer lohnt. Und er muss auch alles riskieren, um Beth zu retten…

Ewige Liebe: Black Dagger 3

Ewige LiebeKurzbeschreibung

Die Bruderschaft der BLACK DAGGER konnte eine Schlacht für sich entscheiden, doch der Krieg gegen die Gesellschaft der Lesser tobt mit unverminderter Härte weiter. Nun, da Wrath den ihm angestammten Königsthron bestiegen hat, lastet der Schutz der Vampire nur noch auf wenigen Schultern. Immer gnadenloser werden die Methoden der Untoten, und ausgerechnet in dieser gefährlichen Lage droht die Bruderschaft, ihren stärksten und verlässlichsten Kämpfer zu verlieren: Rhage, der Schöne, der Unbesiegbare hat sich unsterblich verliebt – in Mary, die nicht nur ein Mensch, sondern auch unheilbar krank ist. Kann Rhage die Liebe seines Lebens retten und gleichzeitig weiter der Bruderschaft dienen? Und wird die Jungfrau der Schrift diesen Bruch der Traditionen hinnehmen? Rhage hat keine Wahl, er muss alles auf eine Karte setzen …

Bruderkrieg. Black Dagger 04

BruderkriegKurzbeschreibung

Rhage, der schönste und tödlichste Krieger der BLACK DAGGER, hat, ohne es zu wollen, große Gefahr über die Bruderschaft gebracht: Die Gesellschaft der Lesser plant seine Vernichtung, und die Jungfrau der Schrift will seinen Verstoß gegen ihre Gebote bestraft sehen – denn Rhage hat sich in eine menschliche Frau verliebt, die todkranke Mary Luce. Obwohl Wrath, der König der Vampire, seinen Bruder beschützen will, muss er sich dem Willen der Jungfrau beugen. Um Mary zu retten, lässt sich Rhage auf ein gefährliches Spiel ein: Nur wenn es ihm gelingt, den entsetzlichen Fluch zu überwinden, der seit einem Jahrhundert auf ihm lastet, hat er eine Chance gegen die übermächtige Bedrohung. Und während er sich seinen Feinden entgegenstellt, muss Mary ihren ganz eigenen Kampf aufnehmen …

Mondspur. Black Dagger 05

MondspurKurzbeschreibung

Einst hat Phury seinen Zwillingsbruder Zsadist aus grausamer Gefangenschaft befreit. Doch obwohl seitdem mehr als ein Jahrhundert vergangen ist, heilen Zs Wunden nicht. Gezeichnet an Körper und Seele ist er wohl der düsterste und unheimlichste Krieger der Bruderschaft der BLACK DAGGER. Erst als er die schöne Aristokratin Bella trifft, die sich zu ihm hingezogen fühlt, erwacht in Zsadist plötzlich wieder ein Gefühl, das er längst für begraben hielt: Hoffnung. Doch auch sein Zwilling Phury, der in einem selbstauferlegten Zölibat lebt, zeigt Interesse an Bella. Als die junge Vampirin von der Gesellschaft der Lesser entführt wird, müssen die beiden Brüder ihre Schwierigkeiten überwinden und gemeinsam alles daransetzen, die Frau zu retten, die sie lieben … Mystery der neuen Generation – mit ihrer BLACK-DAGGER-Serie hat J. R.Ward auf Anhieb Kultstatus erlangt.

Dunkles Erwachen: Black Dagger 6

Dunkles ErwachenKurzbeschreibung

Dieses Buch ist eines der besten der Reihe. Als ich die ersten 2 gelesen und mir dann das dritte gekauft hatte, habe ich gemerkt, dass es nicht mehr hauptsächlich um Beth und Wrath ging. Ich war enttäuscht und wollte es nicht lesen, da Beth und Wrath meine Lieblingsfiguren waren. Dann habe ich es natürlich trotzdem gelesen und fand das 3. und 4. Buch, also die Story von Rhage und Mary noch besser als von Wrath und Beth. Doch das ist alles nichts im Vergleich zur Story von Zadist, Bella und auch von Phury, die in diesem Buch ihren Abschluss findet … Einfach nur genial … und ich muss wirklich sagen stellenweise war ich den Tränen nahe. ES ist einfach ein tolles Buch und ein MUSS für alle, die die vorherigen Bücher der Serie gelesen haben … Spannung bis zur letzten Seite … entscheidet sich Zadist endlich für Bella und für ein „normales“ Leben oder kehrt er in die Einsamkeit zurück?? Und was passiert mit Phury der eindeutig auch in Bella verliebt ist? Kann er sie seinem Bruder überlassen? (Amazon-Rezension)

Menschenkind: Black Dagger 7

MenschenkindKurzbeschreibung

In Menschenkind nun geht es um Butch O’Neal, einen ehemaligen Cop, der sich wegen seiner Liebe zu der schönen Marissa als menschliches Mitglied der vampirischen Kampfbruderschaft angeschlossen hat. Bisher war er eine eher blasse Figur geblieben, aber nun bekommt auch er einen ordentlichen Schuss Dramaturgie ab, denn die Liebe der beiden wird auf eine gefährliche Probe gestellt.

Die Mischung aus Erotik, Vampirhorror, Adelsschmonzette und Action liest sich sehr flüssig, weshalb die Serie eine treue Gefolgschaft gewonnen hat. „Ob nun für Geld oder nicht, das war eine Frau, die ausreichend zu schlucken bekam und das auch gut fand.“ Mit solchen Sätzen, die die Grenzen des guten Geschmacks vielleicht nicht gerade überschreiten, sie aber immerhin ziemlich strapazieren, schlägt Ward den Ton an, der den Roman bestimmt. Wer darin einstimmen mag, wird seine Freude haben. (Solveig Zweigle – Amazon)

Vampirherz: Black Dagger 8

VampirherzKurzbeschreibung

Um in den vollen Genuss der Welt von Black Dagger zu kommen, sollte man allerdings mit Nachtjagd, dem ersten Band der Reihe beginnen. Bei Vampirherz handelt es sich um die zweite Hälfte des amerikanischen Originalbandes, dessen erste Hälfte deutsch als Nummer sieben der Serie und unter dem Titel Menschenkind vor Kurzem erschienen ist. In Vampirherz also findet die Geschichte des Ex-Cops Butch O’Neal ihre Fortsetzung. Der ist das einzige menschliche Mitglied der Black Dagger Bruderschaft und hoffnungslos in die Vampiradelige Marissa verliebt. Diese Liebe wird zwar erwidert, aber dennoch stehen Welten zwischen den beiden unterschiedlichen Wesen. Verzweifelt versucht Butch, die Kluft zu überbrücken, doch dabei gerät er in höchste Gefahr, denn die Lesser haben wie immer auch noch ihre Finger mit im Spiel.

Nachdem in den ersten Bänden die rein vampirischen Figuren im Vordergrund standen, rückt nun das vertrackte Verhältnis zwischen Mensch und Nachtwesen ins Blickfeld, und J. R. Ward wäre nicht sie selbst, wenn das nicht mit viel Spannung und Leidenschaft geschehen würde. Klassische Liebesgeschichte mit Hindernissen, Action und düstere Romantik, was braucht man mehr nach einem drögen Arbeitstag. Und dann der Sex. Die en Detail geschilderte und durchaus nicht reibungslose Defloration einer dreihundertjährigen Jungfrau bekommt man nicht alle Tage vorgesetzt. Eindrucksvoll. (Simon Schiffmann – Amazon)

Seelenjäger: Black Dagger 9

SeelenjägerKurzbeschreibung

Als leidenschaftliche Leserin der Black-Dagger-Reihe dachte ich eigentlich immer, dass niemand so atemberaubend leidet wie Zadist. Aber ich habe mich getäuscht.

V nimmt einen mit in seine Gedanken und Gefühle. Wenn im Buch geschildert wird, wie seine Jugend war, da bleibt einem die Luft weg. Man versteht ihn und seine Beweggründe besser, erfährt viel über seine Gefühle zu Butch, die in den vorherigen Büchern schon zu erahnen waren. Auch seine sexuellen Vorlieben erscheinen plötzlich als logische Reaktion auf seine Vergangenheit.

Wenn er dann auf Jane trifft, sind die Dialoge zwischen den beiden einfach hochkarätig. Ich musste staunen und vor allem lachen, wie diese beiden hochintelligenten Figuren miteinander umgehen.

Todesfluch: Black Dagger 10

TodesfluchKurzbeschreibung

In diesem Teil spitzt sich die Geschichte um Vishous und Jane weiter zu, während Phury und John einen Großteil der Rahmenhandlung füllen. V hat weiterhin mit seinen Dämonen aus der Vergangenheit zu kämpfen, hinzu kommt der Druck für sein neues „Amt“ als Primal, doch trotz alledem nimmt Jane bei ihm eine Vorrangstellung ein. Sein Umfeld reagiert darauf besorgt und doch verständnisvoll. Besonders Butch sticht hier in der Rolle als Freund hervor. Und zu alledem lüftet Vishous Mutter noch ein kleines Geheimnis, dass hoffentlich in den kommenden Büchern vertieft wird.

J. R. Ward hat wieder einmal gezeigt, wie gut sie es versteht Emotionen und Gefühle in Worte zu fassen, Verbindungen zu knüpfen und Dinge anzureißen, die in den folgenden Bänden sicher noch eine große Bedeutung erlangen. Mit einer Prise Humor hat die Autorin Vishous aus einem bisher unbekannten Blickwinkel beschrieben und seinen Charakter noch tiefer gezeichnet. Die Rückblicke in seine Vergangenheit und das Zusammenspiel zwischen ihm und Jane zogen sich durch das ganze Buch und brachten genau das richtige Feeling für ihre Liebesgeschichte. Hier ist V nicht mehr der unnahbare gefühllose Einzelgänger. Besonders im Schlussteil wird das sehr deutlich.

Blutlinien: Black Dagger 11

BlutlinienKurzbeschreibung

Spannung, überraschende Wendungen, Herzschmerz, Action und viele neue Entwicklungen – das bietet der erste Teil von „Lover Enshrined“ (orig. Titel). Von Letzterem sogar so viel, dass ich mich echt frage, in welche zahlenmäßige Dimensionen die Fortsetzungen noch wachsen werden, denn die Autorin entwirft ja einen Kracher nach dem anderen. Irgendwann werden wahrscheinlich die ersten 40 Seiten nur noch das Glossar umfassen, um der Komplexität von J. R. Wards Welt noch Herr zu werden. Im Großen und Ganzen habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Abraten vom Lesen kann ich höchstens Neulingen, denn die werden trotz Erläuterungen am Anfang keinen Fuß mehr fassen können; lieber schön von Anfang an genießen. Für Fans der Serie natürlich ein absoluter Pflichtkauf und man darf auf den nächsten Band gespannt sein. Von mir gibt es (nur) 4 Sterne, weil ich finde, dass die Autorin nach Zsadists Geschichte nie wieder so in Höchstform war. „Vampirträume“ ist dieses Mal eindeutig vorbestellt, falls die Erscheinung (hoffentlich) mal wieder nach vorne verlegt wird! Bis dahin heißt es: Abwarten! (Amazon-Rezension)

Vampirträume: Black Dagger 12

VampirträumeKurzbeschreibung

In ihrem Schlafzimmer im Obergeschoss des Hauses der Bruderschaft setzte sich Cormia auf den Boden vor ein Architekturmodell, das sie am Abend zuvor begonnen hatte, eine Schachtel Zahnstocher in der Hand, eine Schüssel Erbsen neben sich. Doch sie baute nicht weiter. Wie lange sie schon einfach nur dasaß und den Deckel der Schachtel auf- und wieder zuklappte, mochte die gütige Jungfrau wissen. Auf, zu … auf, zu.
Ausgebremst und praktisch handlungsunfähig, spielte sie nun schon eine kleine Ewigkeit mit diesem Pappdeckel, ihr Daumennagel hatte die Klappe schon ganz dünn geschabt.
Wenn sie nun nicht länger die Erste Partnerin des Primals war, dann gab es keinen Grund mehr für sie, auf dieser Seite zu bleiben. Sie erfüllte keine offizielle Funktion, und nach allen gültigen Regeln sollte sie im Heiligtum wohnen und mit ihren Schwestern meditieren, beten und der Jungfrau der Schrift dienen.
Sie gehörte nicht in dieses Haus und nicht in diese Welt. Das hatte sie noch nie.

Die Bruderschaft der Black Dagger: Ein Führer durch die Welt von J.R. Ward’s BLACK DAGGER

Bruderschaft der Black Dagger

Kurzbeschreibung
Ein Muss für alle Black-Dagger-Fans
Von den Fans sehnsüchtig erwartet und von den Vampir-Liebhabern sofort verschlungen. „Ich fand den Führer herrlich amüsant und erfrischend, besonders den Chatroom und die persönlichen Interviews. Auch erfährt man, das nicht immer alles mit den anderen Romanen zu Ende geht und die Brüder weiter existieren und nichts als Unfug im Kopf haben. Einfach herrlich und entspannend“, schreibt eine Rezensentin über den Führer durch die Welt der Black Dagger auf Amazon .

Racheengel: Black Dagger 13

Kurzbeschreibung
Von den Fans sehnsüchtig erwartet und von Vampir-Liebhabern sofort verschlungen – J. R. Wards BLACK-DAGGER-Romane landen jedes Mal auf der Bestsellerliste! Mit ihren düster-erotischen Geschichten um den erbitterten Kampf und die dunklen Leidenschaften der letzten Vampire auf Erden hat J. R. Ward in der Mystery Maßstäbe gesetzt.

Blinder König: Black Dagger 14

Über die Autorin
J. R. Ward ist in den USA eine der erfolgreichsten Bestseller-Autorinnen für die Mischung aus Mystery und Romance. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften war sie zunächst im Gesundheitswesen tätig, wo sie unter anderem die Personalabteilung einer der renommiertesten Klinken des Landes leitete. Ihre „Black Dagger“-Romane haben in kürzester Zeit die internationalen Bestsellerlisten erobert. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Hund lebt J. R. Ward im Süden der USA.

Black Dagger Ladies Online

Lindsay
Kapitel 14

Ein wunderschönes Panorama! Diese Aussicht entschädigte uns für die ganze Aufregung der vergangenen Stunden. Es war mittlerweile Nachmittag. Doc und ich saßen einfach nur auf der Erde am Rand unseres Lagers, das wir in sicherer Entfernung von Cachora aufgebaut hatten und betrachteten die schneebedeckten Berggipfel in der Ferne. Die Luft war herrlich rein und klar, die Sonne wärmte uns, und sogar der Wind hatte eine Pause eingelegt. „Unsere Jungs haben es wirklich drauf. Das Basislager steht an einem so tollen Platz, und unser beider Schutzzauber wirkt. Aus der Luft ist das Lager nicht auszumachen. Selbst neugierige Touristen, die sich hier in die Nähe verirren könnten, werden nichts entdecken. Die Einheimischen meiden diese Gegend sowieso, da sie so weit abgelegen ist. Aber das Beste ist ja wohl der kleine Wasserfall hier in der Nähe, was will frau mehr“, sagte Doc und fuhr sich lächelnd mit allen zehn Fingern durch ihr noch feuchtes Haar. „Oh ja, diese Mini-Naturdusche ist der Hammer“, konnte ich ihr nur lächelnd beipflichten. Doch dann fiel mir wieder schlagartig diese komische Sache in Lima ein, als wir den Proviant besorgt hatten. Ich beschloss spontan Doc zu fragen, was sie davon hielt: „Doc, als wir in Lima waren und Gavin diese kleine Bäckerei mit dem Käsekuchen entdeckt hatte,… also, da hatte ich das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu werden. Vielleicht habe ich mich ja auch getäuscht, aber ich habe in dem Schaufenster ganz kurz ein Paar pechschwarze Augen gesehen. Der Blick war ziemlich stechend und so kalt, unheimlich eben. Als ich mich umgedreht hatte, habe ich aber niemanden gesehen. Nur diese Augen…, also, ich hatte da das Gefühl, als würde ich diese Augen kennen. Ach, ich weiß auch nicht, vielleicht spinne ich ja auch.“ „Keine Ahnung wer oder was das gewesen sein könnte, vielleicht einfach nur ein Passant, der auch gerne den letzten Kuchen …“ „Hallo, Ladies“, unterbrach Duncan uns in dem Moment und setzte sich an meine Seite. Er legte den Arm um mich und sagte: „Ich habe eben mit Eric gesprochen. Unser Schiff ist zwar ordentlich durchgeschüttelt worden, hat aber nur ein paar unbedeutende Kratzer abbekommen. Gott sei Dank ist Lima weitestgehend verschont geblieben. Es sind keine Opfer zu beklagen. Die volle Wucht des Tsunamis ist tatsächlich nur auf den unbewohnten schmalen Küstenstreifen geknallt, auf dem der Hangar stand. Er hat noch ein paar unbewohnte Hütten mitgerissen.“ „Das ist eine sehr gute Nachricht. So, ihr Zwei, dann werde ich euch mal alleine lassen und mich um Ef-Ef kümmern. Das kleine Nervmonster ist immer noch sauer auf mich“, sagte Doc lachend, stand auf und lief zu den anderen. Vergessen war die Sache in Lima, vielleicht war es ja auch nur eine Ausgeburt meiner Fantasie, obwohl ein leichtes Unbehagen blieb. „Ich habe den anderen schon gesagt, dass wir morgen in aller Frühe losgehen. Heute würden wir eh nicht mehr weit kommen. Gavin hat doch tatsächlich Zigarren mitgebracht, die wollen wir gleich mal probieren. Möchtest du auch?“ Er sah mich dabei breit grinsend an. Warte nur, mein Lieber! „ Nein, danke. Ich verzichte. Ich werde mich mal ein bisschen hier umschauen, keine Sorge, ich bleibe in der Nähe“, versprach ich und erhob mich langsam. Dann beugte ich mich runter zu ihm, küsste ihn auf seinen noch immer lächelnden Mund und flüsterte: „Sei froh, dass ich nicht nachtragend bin nach deiner „liebevollen Weckaktion“ heute Morgen, aber ich habe ein sehr gutes Gedächtnis.“ Total übertrieben schmachtend sah ich ihm in die Augen und hauchte: „Mein… Häschen!“ Blitzschnell zwickte ich ihn mit meinen Zähnen in die Nasenspitze, wich geschickt seinen nach mir greifenden Händen aus und rannte kichernd los. Nach ein paar Metern warf ich vorsichtig einen Blick über meine Schulter zurück. War er vielleicht sauer? Doch er saß immer noch verdutzt dort und rieb sich die Nase. Dann lachte er schallend und winkte mir kopfschüttelnd hinterher.
Ich ging einfach den Weg, der vom Lager wegführte, entlang. Nach einer Biegung sah ich es plötzlich! Neben dem Weg, zwischen einigen Büschen, schwebte ein kleines blaues Licht. Es war nicht sehr groß, nur ca. 10 cm, aber es leuchtete in so einem intensiven Blau, dass ich unwillkürlich näher ging, um es mir genauer anzusehen.

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Die Lichtkugel bewegte sich langsam in Richtung Dickicht. Magisch angezogen folgte ich dem Licht und  entfernte  mich so unbewusst immer weiter von unserem Lager. Der Weg wurde  holpriger und steiniger, aber das Licht zog mich in seinen Bann, bis sich die Büsche und Bäume teilten und mir den Blick auf eine kleine Lichtung freigaben. Da nahm ich plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Bevor ich reagieren konnte,  erhielt ich einen ziemlich derben Schlag auf den Kopf. Mir wurde schwarz vor Augen. Langsam sank ich zu Boden in eine tiefe Ohnmacht.
Als ich wieder zu mir gekommen war, konnte ich ein lautes Stöhnen nicht unterdrücken. Mein Kopf tat furchtbar weh, und ich fühlte die raue Rinde eines Baumes in meinem Rücken. Oh mein Gott! Ich saß auf der Erde, und meine Hände waren hinter dem Baumstamm gefesselt. Meine Beine waren an den Knöcheln zusammengebunden. Ich konnte mich kaum bewegen. Jemand zog an meinen Haaren und riss so meinen Kopf hoch. „Sie ist endlich wach. Das wurde aber auch Zeit. Ich habe keine Lust noch länger hier zu bleiben. Man, dass die so leicht in die Falle geht, hätte ich nicht gedacht.“ Ich blinzelte und sah in das Gesicht einer sehr schönen Frau mit eisblauen Augen und goldblonden glatten Haaren, die ihr fast bis auf die Schulter reichten. Ihre Haut war zart und durchscheinend. Sie musterte mich mit einem ziemlich kalten Blick. „Was willst du nochmal von ihr?“, fragte sie laut in Richtung einer zweiten Person, die langsam in mein Blickfeld trat. „Das wirst du noch früh genug erfahren, Lindsay! Und jetzt geh beiseite, damit ich unseren Gast begrüßen kann.“ Ein Mann! Die zweite Person war ein Mann, und ich erkannte die Stimme sofort wieder, die mich in meinen Alpträumen so lange verfolgt hatte! Er hob mit einem Finger mein Kinn an. Pechschwarze Augen sahen mich an. Höhnisch lächelnd sprach er mit liebenswürdiger Stimme: „Hallo Angie! Tja, so sieht man sich wieder.“ Oh nein! Das durfte einfach nicht wahr sein, nicht ER! „Zorro“, flüsterte ich entsetzt und zerrte an meinen Fesseln. Das Ergebnis war, dass sich der Nylonstrick schmerzhaft in meine Haut schnitt. „Warum? Was willst du… und wer ist diese Lindsay…? “, mir wurde eiskalt und übel. Wieder drohte ich das Bewusstsein zu verlieren, doch er schlug mir sofort mit der flachen Hand ins Gesicht, sodass mich der Schmerz wach hielt, und rief: „ Oh nein, hier geblieben! Lindsay? Komm her, und pass auf sie auf, ich werde mal nachsehen, ob ihr jemand gefolgt ist.“ „Ja, mein Schatz, du kannst dich auf mich verlassen.“ Mein Schatz? Wenn es die Lindsay war, von der ich schon so viel gehört hatte, warum war sie nicht in Havanna und mit diesem Malfoy zusammen? Ich musste wissen, was sie mit Zorro zu schaffen hatte und wie sie hierher kam. „Lindsay? Du bist DIE Lindsay? Aber ich dachte,… und wie hast du überhaupt den Klippensturz überlebt? Weißt du eigentlich, was du den Brüdern angetan hast?“ In ihren Augen sah ich eine merkwürdige tödliche Kälte. „Wie ich überlebt habe? Ha, ich bin ein Wasserwesen! Halb Mensch, halb Nixe, ach ja, und ein bisschen Nymphe steckt auch noch in mir. Aber der Orden wusste genauso wenig davon wie ich. Nur der Gründer vielleicht, aber der hat es ja nicht mal für nötig gehalten, mich über meine wahre Identität aufzuklären, geschweige denn, nach mir suchen zu lassen. Erst als ich im Wasser versank, merkte ich, dass ich unter Wasser atmen konnte. Und so bin ich immer weiter geschwommen, bis ich irgendwo an Land gekrochen bin. Da hat mich Zorro gefunden. Er war auch derjenige, der mich mit Lucius bekannt gemacht hat, um mich bei den Red Dragons einzuschleusen. Ach, Zorro ist ja so ein kluger Mann, findest du nicht? Und er gehört mir, nur mir ganz allein! Hast du verstanden?“ Da hatte sich einiges angestaut. Wie giftige Pfeile schossen die Worte aus ihrem Mund. Ihre Stimme klang immer boshafter: „Schade, dass Gavin nicht auf den Deal eingegangen ist. Man stelle sich vor, die gesamte Bruderschaft in den Händen der Dragons, und für Drago hatte ich mir schon etwas ganz Besonderes ausgedacht.“ „Lindsay, was du gegen die Brüder hast, verstehe ich wirklich nicht, werde ich auch nie, aber Zorro ist sehr gefährlich, er ist absolut tödlich und der grausamste Vampir den ich kenne.

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Er benutzt dich doch nur. Wenn er genug von dir hat, wird er dich auch töten. Glaub mir!“ „Warum sollte ich dir glauben? Du bist doch nur eifersüchtig! Er hat mir alles erzählt. Wie du ihn belogen und betrogen hast, damals, und ihn töten wolltest!“ Es hatte keinen Sinn, sie vom Gegenteil zu überzeugen, denn wie es aussah, war sie ihm hörig. Aber was hatte Zorro mit den Dragons zu schaffen? Das ergab doch irgendwie keinen Sinn! „Wir werden ja sehen. Da kommt er schon.“ Mit einem letzten triumphierenden Blick auf mich lief sie ihm entgegen und warf sich in seine Arme. „Liebling“, schnurrte sie und klammerte sich an ihn. Er sah sie gleichgültig an, tätschelte ihren Arm wie bei einem kleinen Kind und sagte: „Ja, schon gut. Es ist ihr niemand gefolgt. Nur, das Lager konnte ich nicht finden.“ Gott sei Dank! Nachdenklich sah er mich an: „Aber du wirst mir doch sicher sagen wie ich es finde, nicht wahr?“ „Du weißt, dass ich niemals, niemals jemanden verraten würde, eher sterbe ich!“, antwortete ich, sah ihn ruhig an und wartete ab. Und richtig – wütend holte er aus und schlug mir ins Gesicht. Ich schrie auf, als meine Lippe aufplatzte. Das Blut tropfte auf meine Bluse. „Ja, bring sie doch einfach um. Wir brauchen sie doch gar nicht mehr“, kreischte Lindsay und ihre Augen glänzten fiebrig. Gierig krallte sie ihre Nägel in seinen Arm, sie war komplett wahnsinnig! „Wer hier noch gebraucht wird, entscheide ich!“, zischte er und löste sich aus ihrer Umklammerung. „Nur, dich brauche ich eigentlich nicht mehr“, seine Stimme bekam einen Tonfall, der mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Was nun folgte, werde ich wohl nie im Leben vergessen können. Mit einem grausamen Lächeln nahm er ihr Gesicht in seine Hände küsste sie auf den Mund. Mit einem kräftigen Ruck drehte er ihr das Genick um! Das Knacken des Halswirbels dröhnte in meinen Ohren. Aber er war noch nicht fertig mit ihr! Er riss ihr mit einer einzigartig schnellen Bewegung den Kopf von den Schultern und warf diesen achtlos ins Gras. Ich starrte in ihre vor Entsetzten weit auf gerissenen toten Augen und fing an zu schreien. Aber keine gnädige Ohnmacht umfing mich, selbst dann nicht, als ihr blutender Torso auf meinen Füßen landete und Zorro auf mich zukam und seelenruhig sagte: „So, jetzt wieder zu dir. Schreien nützt dir gar nichts! Also, lass es!“ In Panik zerrte ich an den Fesseln und warf meinen Kopf hin und her. Doch es nützte nichts. Er umfasste mit einer Hand meinen Hals und drückte langsam zu. In Todesangst erstarrt, sah ich plötzlich eine Veränderung in seinen Augen. Sein Blick wurde flehentlich und seine Augenfarbe wechselte zu einem typischen vampirblau, seine Lippen formten stumm die Worte: „Hilf mir!“ Doch das dauerte nur wenige Sekunden. Schnell sah er wieder so aus wie vorher, nur sein Griff lockerte sich und er ließ seine Hand sinken. „Komisch, ich kann dich nicht töten“, flüsterte er verwundert. Da ertönte urplötzlich ein Rauschen und Brausen hinter uns. Die Luft verwirbelte sich zu einer gewaltigen Staubsäule. Zorro fuhr herum und erstarrte. Auch ich starrte das ungewöhnliche Gebilde fasziniert an. Dann kam die Säule zum Stillstand, fiel in sich zusammen, und zurück blieb eine riesige männliche Gestalt. Diese hatte die Arme vor ihrem nackten Oberkörper verschränkt und sah sehr imposant und mächtig aus. Die Haut war von einem satten Bronzeton und die schwarzen Haare fielen in langen Strähnen bis weit über seine Schultern. Er trug nur einen Lendenschurz. Am Faszinierendsten war sein Gesicht, besonders seine durchdringenden Augen, die das Szenario, dass sich ihm bot, streng musterten. Gebieterisch hob er eine Hand und rief mit donnernder Stimme: „Halt, genug, Vampir!“ Ein greller Blitz aus seinen Augen traf Zorro mitten vor die Brust und fällte ihn wie einen Baum. Oh mein Gott, war er tot? „Nein, kleine Hexe. Wir töten nur in den seltensten Fällen. Aber er ist von einem bösartigen Dämon besessen und hat genug Schaden angerichtet. Ich werde mich später um ihn kümmern. Zunächst zu dir, oder vielmehr zu euch. Ich kenne dich und deine Schwestern schon lange. Ich habe auch Kerstin den Schutzgeist geschickt, damit ihr gewarnt seid. Man nennt mich Moggovitor und ich werde euch, soweit es in meiner Macht steht, bei eurer Mission helfen, da ich bei Sweetlife in schwerer Schuld stehe. Aber auch mir sind Grenzen gesetzt. Soweit ich in Erfahrung gebracht habe, ist um die Anlage, zu der ihr unterwegs seid, ein weitläufiger magischer Schutzwall errichtet.

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Eure Magie wird euch da leider nichts nützen. So, nun steh auf, gehe wieder zu den anderen und erzähle ihnen von Lindsays Tod. Ich werde mich um ihren Leichnam kümmern.“ Ich konnte nur nicken, denn noch immer stand ich unter Schock und fror erbärmlich. Meine Fesseln lösten sich in Nichts auf. Sofort rieb ich meine schmerzenden Handgelenke und tastete über meine Lippe, die zum Glück aufgehört hatte zu bluten. Vorsichtig schob ich Lindsays kopflosen Leichnam von meinen, mit ihrem Blut überströmten, Beinen, ergriff Moggovitor dargebotene Hand und ließ mich von ihm hochziehen. Schwankend stand ich vor ihm. Er nickte mir zu und dann verschwand er einfach in einer erneuten Staubsäule – mit ihm Zorro und Lindsay. Unkontrolliert fing ich an zu zittern und lief, ohne einen Blick zurückzuwerfen, los. Nur weg hier, und zwar schnell! Mehrmals stolperte ich und kroch dann einfach auf allen Vieren weiter. Lautes Schluchzen schüttelte mich, und als ich endlich wieder auf dem Weg Richtung Lager war, sah ich in der Ferne Duncan, gefolgt von Doc, auf mich zu stürzen. Ich nahm meine letzten Kräfte zusammen, lief ihnen entgegen und warf mich einfach wimmernd in Duncans Arme. Es tat so gut ihn zu sehen, ihn einfach nur zu fühlen. Endlich war ich in Sicherheit. Er fing mich auf, und drückte mich an sich. Als meine Beine unter mir nachgaben, hob er mich auf seine Arme. „Gott sei Dank!“ Seine Stimme klang vor Erleichterung ganz rau. Ich klammerte mich an ihn und versuchte sofort zu erzählen was passiert war, aber ich konnte nur unzusammenhängendes Zeug stammeln. „Pst, ganz ruhig. Wir reden später im Lager in aller Ruhe, mein Herz“, beruhigend strich er immer wieder über meinen Kopf, während er mich zurück trug. Tatsächlich beruhigte mich seine Stimme und seine Nähe etwas. Ich hörte noch Doc flüstern: „Das kriege ich wieder hin, es sieht schlimmer aus als es ist.“ Da hatten wir schon das Lager erreicht und wurden sofort von allen umringt.

Geschockt starrten sie auf Angie, die schlaff und blutüberströmt in Duncans Armen lag. „Oh, mein Gott, was ist denn mit ihr passiert?“, fragte Lucy. „Das wissen wir noch nicht, jetzt macht alle mal Platz, damit Doc sich die Verletzungen ansehen kann. Erzählen kann sie uns später, was passiert ist.“ „Soll ich helfen?“, fragte Fernando und blickte besorgt auf Angie. „Nein, du fasst sie nicht an. Jane bekommt das schon hin.“ Blaffte er ihn im Vorbeigehen noch an und rempelte ihn sowie Norbert einfach mit seinen breiten Schulter beiseite. Fernando hob abwehrend die Hände und schüttelte lächelnd den Kopf. Jemand hatte ein Lagerfeuer entzündet. Kreisförmig darum waren acht Zelte angeordnet. Duncan ging wahllos in eines hinein und legte Angie auf den Schlafsack am Boden. Kurz darauf kam Jane mit ihrer Tasche hereingestürmt. „So, dann wollen wir mal sehen.“ Vorsichtig zog sie Angie die Bluse aus und untersuchte sie. Dann legte sie ihre Handfläche auf die stark angeschwollene Wange und ließ ihre Heil-Energie fließen. Anschließend nahm sie sich ihre aufgeplatzte Lippe vor. Den Kratzer auf der Stirn konnte sie nicht heilen, stirnrunzelnd desinfizierte sie die kleine Wunde und klebte ein Hello-Kitty Pflaster drauf. „Den Kratzer bekomme ich nicht weg, bist du irgendwie mit schwarzer Magie in Kontakt gekommen?“ Angie zuckte nur die Schultern. Duncan, der die ganze Zeit neben Angie gekauert und ihre Hand gehalten hatte, wurde immer unruhiger. „Jane, wie sieht’s aus?“ „Also, das ganze Blut stammt nicht von ihr, das meiste zumindest. Sie hatte eine leichte Gehirnerschütterung, aber die habe ich auch geheilt. Nur der Schock, der in ihren Knochen steckt – dagegen kann ich nichts tun. Angie, möchtest du ein Beruhigungsmittel?“ „Nein. Es geht schon.“ Angie setzte sich auf und sah sich um. Duncan nahm sie in seine Arme und hielt sie einfach nur fest. „Dann lasse ich euch mal alleine. Ich hoffe, wir bekommen nachher einen Exklusiv-Bericht, damit wir dem, der dir das angetan hat, den Hintern versohlen können.“ Doc verließ das Zelt und wurde direkt umzingelt. „Alles in Ordnung. Ihr geht es gut.“ Dann bildeten sich Grüppchen und es wurde heftig darüber spekuliert, was wohl passiert war. Am besten gefiel Doc die Variante von Tiago, der einen Außerirdischen hinter der Attacke vermutete.

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Schmunzelnd ging Doc zu einen Baumstumpf in der Nähe des Lagerfeuers zu, ließ ihre Tasche fallen und setzte sich. „Mon Dieu, ich habe keine Achterbahnfahrt gebucht.“ „Ups.“ Sie fischte Ef-Ef aus ihrer Tasche und musterte ihn prüfend. „Was zum Henker hast du denn in meiner Tasche verloren, du solltest doch bei Bowen bleiben.“ Efef schnaubte. „Ja klar, bei deinem supernetten Vampir, wenn du wüsstest wie gemein der zu mir gewesen ist, nur weil ich erzählt habe, dass du mich mit zum kleinen Wasserfall genommen hast und ich dir beim Duschen zugeguckt habe. Alors, ich bin dann in deine Tasche und wollte mich durch die Packung Vicodin nagen. Die Verpackung schmeckt ganz fürchterlich. Hab wohl versehentlich davon was verschluckt. Ich muss noch üben, ich war vorher noch nie ein Nagetier.“ „Kannst du deine Gestalt denn wechseln?“ „Mais oui, du hast auch keinen blassen Schimmer von Dämonen, oder? Das es dir gelungen ist mich zu rufen, c´est une miracle. Wobei, du hattest Glück, dass ich grad rausgeflogen war, sonst hättest du nur eine Verpuffung erzeugt.“ „Könntest du dich nicht in ein Pony oder so verwandeln?“ Ef-Ef blickte sie abschätzig an, hob eine Augenbraue und schüttelte das Köpfchen. „Schade, wir haben morgen nämlich einen ganz schönen Fußmarsch vor uns. Jedenfalls, wenn du dich wieder irgendwo rein schmuggelst, dann mach dich gefälligst bemerkbar.“ Bowen kam und Ef-Ef machte von Docs Bein einen Kopfsprung zurück in die Tasche. „Hey, Süße. Ich habe den Dämon aus den Augen verloren. Ich hätte ihm vielleicht nicht erzählen sollen, das Hamster in Peru eine Delikatesse sind und besonders gerne frittiert gegessen werden.“ Sie stand grinsend auf, nahm ihre Tasche und schüttelte sie heftig. Sofort ertönten die schönsten französischen Flüche. Sie ließ den Verschluss zuschnappen. „Lust auf einen kleinen Spaziergang bei Sonnenuntergang?“ Damit verließen die beiden ohne die Tasche das Lager. Bei ihrer Rückkehr saßen alle versammelt um das Feuer herum. „Hey, Doc! Ich war so frei und habe deine Tasche in dein Zelt gebracht. Das Geplapper war echt nicht auszuhalten. In zehn Minuten ist das Essen fertig, ich hoffe, ihr habt Hunger“, rief Tiago ihnen zu, der fleißig das Essen zubereitete. Sie gingen direkt zum Zelt und sofort wurde Doc klar, was Tiago gemeint hatte. „Zieh dich aus kleine Maus. Ma chérie, hihi. Je taime une baguette – hicks.“ In grauenvollstem Singsang ertönte Ef-Efs Stimme. Doc öffnete ihre Tasche “Heiliger Bimbam. Ef-Ef, ojemine, wie viele von den Tabletten hast du denn gegessen?” Der Dämon lag in der Tasche, umgeben von klein geschredderten Verpackungsschnippseln, und grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Isch kann auch nichts dafür, dass ich hier bei euch bin. Kann ich nicht bei meinem blonden Engel wohnen?“ Dann schlief er ein. „Magen auspumpen?“, schlug Bowen vor. „Nein, er ist ein Dämon und somit unsterblich. Der verträgt das schon. Und irgendwie hat er ja auch recht. Naja, jetzt haben wir erstmal etwas Ruhe vor ihm.“ Seufzend nahm sie den kleinen Hamster heraus und machte ihm ein kleines Bettchen aus einem Handtuch. „In komatösem Zustand finde ich ihn auch richtig niedlich.“
Beide verließen das Zelt und nahmen in der Runde um das Feuer Platz, zu denen sich inzwischen auch Angie und Duncan gesellt hatten. Alle hingen gebannt an Angies Lippen und hörten ihr ungläubig zu. Sie berichtete von ihrer ersten und letzten Begegnung mit Lindsay und dem unverhofften Wiedersehen mit Zorro. Lilli fing grün zu leuchten an, was sicherlich damit zu tun hatte, dass sie auch keine guten Erinnerungen an Zorro hatte. Die meisten Fragen warf allerdings die Gestalt von Moggovitor auf. Offensichtlich hatte noch niemand von ihm gehört. „Ich muss dringend mit Sweetlife sprechen.“ Duncan erhob sich, holte ein Satelitentelefon und ging etwas abseits, um ungestört zu telefonieren. „Weiß dein kleiner Dämon vielleicht etwas darüber? Ich meine, er kommt doch direkt aus der Hölle?“, fragte Kerstin. „Ja, wir sollten ihn unbedingt fragen. Ich befürchte nur, vor morgen wird der wohl nicht ansprechbar sein.“ Kerstin wollte noch etwas sagen, aber da kam Duncan schon zurück. „Also, Sweetlife kennt Moggovitor tatsächlich. Woher genau, wollte sie mir jetzt nicht sagen, das ist wohl eine längere Geschichte. Er ist ein sehr mächtiger Aztekengott.

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Wir können ihm aber auf jeden Fall vertrauen, dass hat sie deutlich beteuert. Mehr habe ich leider nicht erfahren. Wir müssen ihn aber finden, denn er hat Zorro in seiner Gewalt. Ich habe schon ein paar Ideen, was ich mit dem Mistkerl gerne spielen würde.“ Ein grausames Grinsen umspielte Duncans Mundwinkel. „Ich habe mit Zorro auch noch ein Hühnchen zu rupfen. Also, wie finden wir diesen Gott? Sollen wir die Gegend nach ihm absuchen?“ Lilli stand auf und blickte in die Runde. „Ich schätze, er wird sich schon mit uns in Verbindung setzen. Er hat mir gesagt, dass er uns helfen will, und dass die Stadt oben mit einem magischen Schutzwall versehen ist gegen den wir mit unserer Magie nichts ausrichten können. Vermutlich werden wir ihm also auf dem Weg dorthin wieder begegnen“, erklärte Angie. „Okay, dann sollten wir jetzt endlich mal was essen und uns früh schlafen legen, morgen haben wir eine harte Wanderung vor uns.“ Tiago verteilte schwarzgegrillte Würstchen an alle und der Reihe nach gaben sie Gruselgeschichte zum Besten. Bowen zauberte noch eine Tüte Marshmallows für Doc hervor. Und der Tag fand einen ruhigen, gemütlichen Abschluss. Nach und nach zogen sich alle in ihre Zelte zurück. Das Feuer glühte nur noch leicht. Bowen weckte Doc, die auf seinem Schoß eingeschlafen war. „Komm Süße, lass uns auch reingehen.“ Im Zelt angekommen, bemerkten die beiden, dass Ef-Ef nicht mehr dort war. „Hamster sind halt nachtaktiv, der kommt schon klar, sonst wäre er ja drinnen geblieben.“ „Und wir sind jetzt ungestört.“ Er grinste und sie war auf einmal wieder hellwach. Sie fühlte sofort, woran er dachte. Er schnappte sie sich und fing an, sie wild zu küssen. „Bo, denk dran, das ist ein Zelt. Nicht, dass man uns hört. Ich glaub, die anderen bemühen sich bestimmt auch leise zu sein.“ Sie kicherte, als er anfing ihren Bauch zu küssen. „Du verlangst sehr viel von mir. Außerdem sind wir verbunden, wir dürfen das.“ Sie gab sich seinen Liebkosungen hin und driftete ab. Das Hier und Jetzt war völlig nebensächlich. Mit ihm war alles so besonders… bis auf einmal das Zelt einstürzte. „Verflucht was soll das denn? Bleib du hier, ich sehe nach, was passiert ist.“ Er verließ, nur noch in Jeans bekleidet, das Zelt. Daneben saß Efef und grinste ihn höhnisch an. „Na, Vampir. Hab ich dir deinen Mitternachtssnack vermasselt?“ „Das glaub ich ja wohl nicht. Du kleines Miestvieh! Wenn ich dich erwische, wünscht du dir immer noch in der Unterwelt zu schmoren.“ „Du wolltest mich aufspießen und grillen!“ Bowen funkelte den Dämon wütend an und fischte einen Schuh aus dem Zelt. „Heiße Temperaturen dürften dir doch nichts ausmachen. Also gut, du hast es nicht anders gewollt.“ Ef-Ef quiekte und flitzte weg ums Zelt herum. Bowen sprang mit dem Schuh in der Hand hinter ihm her. Doc krabbelte aus dem Zelt und verfolgte das Schauspiel. „Was ist denn das für ein Lärm hier?“ Der Reißverschluss am Nebenzelt öffnete sich und eine ziemlich zerzauste Kerstin kam heraus, gefolgt von Drago. „Ich glaube, Ef-Ef hat die Leinen von unserem Zelt durch geknabbert und Bowen, tja, der ist vermutlich etwas sauer.“ „Wow. Immer was los hier.“ Drago verschwand im Dunkel und machte sich daran zu schaffen, die zerstörten Seile zu erneuern. Kerstin und Doc amüsierten sich prächtig, es fehlte nur noch das Popcorn. Es war auch einfach zu komisch wie Bowen fluchend hinter einem Hamster herlief. Ef-Ef war erstaunlich schnell und wendig. „Bo, komm, lass gut sein. Ef-Ef, ich befehle dir hierher zu kommen und zu schweigen!“ Er hatte keine andere Wahl und kam zu Doc geflitzt, die in hoch nahm. „Hier, Kerstin, bitte nimm du ihn mit zu dir. Sonst haut Bowen den wirklich noch platt.“ Drago hatte zwischenzeitlich neue Seile am Zelt angebracht. Kerstin war wieder total hingerissen von dem kleinen knopfäugigen Ungeheuer. Drago sah ihn böse an, verkniff sich aber eine Bemerkung. Sie verschwanden wieder in ihrem Zelt. „Na komm, mein Hamsterjäger, gehen wir schlafen.“ Endlich kehrte Ruhe ein.

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Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, schlief Kerstin sofort in Dragos Armen ein. Für Ef-Ef hatte sie aus einem T-Shirt ein Nest gebaut, in das er sich gekuschelt hatte und sofort selig eingeschlafen war. Mitten in der Nacht wurde Drago wach. Kerstin wälzte sich im Schlaf. Sie war heiß. Aber dieses Mal war sie nicht ganz so unruhig wie beim letzten Mal, und Drago wusste, dass sie wieder träumte. Er nahm sie in die Arme und wartete bis sie von alleine wach wurde. Auch Ef-Ef wurde durch Kerstins Unruhe und ihrem unverständlichen Gebrabbel geweckt. Er fluchte irgendwas von fehlendem Schönheitsschlaf. Drago deutete ihm sich ruhig zu verhalten. Ein leises Rascheln war vor dem Zelt zu hören und dann fragte Lilli leise, ob alles Okay sei. Drago flüsterte ihr zu, dass Kerstin wieder einen Albtraum hatte. Sofort schlüpfte Lilli ins Zelt. In dem Moment kam Kerstin mit einem Aufschrei zu sich. Schweißgebadet lag sie da und fing an zu zittern. Sie schaute Drago mit großen Augen an. Er sah sofort, dass es nicht ihre Augen waren, die ihn anstarrten. Mit einer fremden Stimme, und es war nicht die Stimme, die beim letzten Traum aus ihr gesprochen hatte, sagte Kerstin klar und deutlich:

„Zu gegebener Zeit werde ich zu euch stoßen. Sucht nicht nach mir. Seid vorsichtig in eurem Handeln und überlegt euch jeden Schritt.“

Danach sank Kerstin in sich zusammen und schlief sofort wieder ein. Lilli und Drago sahen sich fragend an. Was sollten sie jetzt tun? Lili befand, dass es schon genug Aufregung am Abend gegeben hatte. und dass es reichte, wenn die anderen am nächsten Morgen von dieser Nachricht erfahren würden. Drago war damit einverstanden. Nur Ef-Ef war total aufgedreht. Er plapperte die ganze Zeit vor sich hin. „..das gibt´s doch nicht… merde… mon Dieu… wenn isch den in die Pfoten kriege.“Lilli schaute ihn an und versuchte sich einen Reim darauf zu machen. „Was hast du da gerade gesagt?“ „Och nix, isch bin nur so verdammt sauer, weil misch diese Moggovitor geweckt hat.“ Lilli kniff die Augen fragend zusammen. „Du kennst ihn?“ „Ja siescher, jeder von unserer Art kennt ihn. Er ist ja ein netter Kerl, aber muss er immer zu den unmöglichsten Zeiten seine Warnungen aussprechen?“ Drago warf ihm einen bösen Blick zu und Ef-Ef grinste ihn an. Trotzdem waren er und Lilli beruhigt. Moggovitor hatte Angie gerettet, also war diese Nachricht auf jeden Fall positiv gemeint. Sie wussten nun definitiv, dass sie in einer Notlage auf seine Unterstützung hoffen konnten. Erleichtert ging Lilli wieder in ihr Zelt. Drago nahm Kerstin beschützend in seine Arme. Liebevoll drückte er sie an sich. Und Ef-Ef kuschelte sich wieder zufrieden in sein Nest. Am nächsten Morgen wurden alle mit einem atemberaubenden Sonnenaufgang geweckt.

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Als Lilli zurück in ihr Zelt kam, wartete Fernando schon auf sie. „Was war denn los?“, fragte er sie. Lilli schaute etwas nachdenklich. „Kerstin hatte wieder einen ihrer Träume und durch sie schickte Moggovitor eine Warnung an uns.“ „Eine Warnung? Was hat er denn gesagt?“ „Er hat gesagt, dass er zu uns kommen würde, wir sollen ihn nicht suchen, wir sollen vorsichtig sein und jeden weiteren Schritt gut überlegen.“ „Na, diese Warnung ist ja mal sehr präzise“, sagte Fernando schmunzelnd. Fernando merkte sofort, dass sie diese Warnung und Kerstins Traum noch weiter darüber beschäftigte. „Was macht dir denn wieder zu schaffen?“ Lilli schreckte aus ihren Gedanken. „Irgendwie war das seltsam. Ich hatte das Gefühl eine Stimme zu hören, die mich zu Kerstin schickte. Wollte Moggovitor, dass ich seine Warnung höre? Ach, ich weiß auch nicht. Irgendwie schwirrt mir im Moment so viel im Kopf herum.“ Fernando zog Lilli in seine Arme. Er strich ihr sanft mit der Hand über den Rücken und legte sein Kinn leicht auf ihr Strubbelhaar. „Was denn, zum Beispiel?“, fragte er sie leise. Lilli schmiegte sich an seine Brust und genoss sein zärtliches Streicheln: „Zum Beispiel, du!“ Fernando löste sich von ihr und schaute sie fragend an. Lilli schluckte hörbar und fing an etwas grünlich zu schimmern, was natürlich bedeutete, dass sie mit starken Gefühlen zu kämpfen hatte. „Ich möchte dir noch etwas Wichtiges sagen, bevor das Chaos über uns zusammenbricht. Nando, ich liebe dich. Du hast Gefühle in mir geweckt, die ich noch niemals vorher empfunden habe. Ich möchte dich immer bei mir haben und mein Leben mit dir teilen……. Wenn das alles hier vorbei ist und wieder friedlichere Zeiten herrschen, möchte ich mit dir den Bund eingehen, ich möchte deine Gefährtin werden.“ Fernando fasste bewegt nach Lillis Händen, und in seine Augen trat ein glückliches Glitzern. Schweigend schaute er sie an, und Lilli ließ ihm die Zeit, um diese Offenbarung zu begreifen. „Lilliana Ithilia, ich liebe dich.“ Er hatte bewusst ihren vollen Namen verwendet. Lilli schaute ihn erstaunt an. „Woher kennst du…, aber seine Lippen erstickten schon ihre Frage. Sein Kuss war so voller Liebe und Leidenschaft, dass alles andere um sie herum verschwand. Der Ort und die Zeit spielten keine Rolle mehr, nur das Jetzt war wichtig, und sie wollte es genießen, solange sie es noch konnte.
Glücklich lagen sie nebeneinander, die Finger einer Hand ineinander verschränkt. Sie schauten sich an, ihr Atem beruhigte sich und ihre erhitzten Körper kühlten ab. Lilli legte ihren Kopf auf Fernandos Brustkorb, der sich jetzt sanft hob und senkte. Fernando breitete seine Arme um ihren Körper und strich ihr zärtlich über den Arm. Sie genossen ihre Nähe, ihre wohlige Erschöpfung und die Ruhe der Nacht. Eine ganze Zeit lagen sie so da, bis Lilli plötzlich aufhorchte und sich von Fernando löste. „Was ist?“, fragte Fernando und setzte sich auf.

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„Eine Stimme ruft mich. Es ist Moggovitor“, antwortete Lilli und sprang in ihre Kleider. „Du willst doch jetzt wohl nicht alleine im Dunkeln da draußen herum spazieren“, sagte Fernando ungehalten. „Denk daran, was Angie passiert ist!“ Lilli drehte sich zu ihm um. „Mach dir keine Sorgen. Mir passiert nichts, ich weiß es genau. Vertraue mir einfach.“ Sie küsste ihn und schlüpfte aus dem Zelt hinaus in die Nacht. Sie lief aus dem Lager, blickte sich um und entdeckte dann eine Gruppe uralter Bäume. Sie wusste nicht warum, aber sie wusste, dass sie dort hin musste. An den Bäumen angekommen, setzte sie sich in deren Mitte und wartete. Sie musste nicht lange warten, ein leiser Lufthauch strich ihr über die Wange und da stand auch schon Moggovitor vor ihr. Beim Anblick seiner erhabenen Gestalt und seiner durchdringenden, wunderschönen Augen, blieb ihr kurz die Luft weg. „Moggovitor, du hast mich gerufen, was willst du von mir?“ Er blickte Lilli durchdringend an und setzte sich ihr gegenüber. „Zuerst möchte ich, dass du und die anderen Vito zu mir sagen. Moggovitor ist mir zu lang. Und dann, … es ist soweit, Lilliana Ithilia, du musst jetzt endlich dein Erbe antreten!“ Lilli machte ein etwas verärgertes Gesicht. „Was ist denn heute nur los, wieso weiß auf einmal jeder wie ich mit vollem Namen heiße? Und welches Erbe soll ich antreten?“ Moggovitor grinste etwas schelmisch. „Also ich kenne deinen vollen Namen, seit deine Eltern ihn dir gegeben haben. Und Fernando, also ich denke, dass du im Schlaf nicht nur Grimassen schneidest, sondern ab und zu auch noch ein wenig plauderst.“ Jetzt wurde sein Gesichtsausdruck wieder ernst. „Du bist die letzte Waldelfe deines Geschlechts, und somit die Erbin deiner Großmutter, die eine Hüterin und Königin des Waldes und der Erde war. Deine Mutter starb leider, bevor sie ihr Erbrecht antreten konnte. Somit bist du an der Reihe und es ist jetzt endlich an der Zeit, dass du deine in dir ruhende Kraft nicht länger verdrängst. Geh in dich, erforsche dein Unterbewusstsein, und du weißt wovon ich rede.“ Moggovitor fixierte Lilli mit seinem Blick, sie versank tief in seine Augen und war wie hypnotisiert. Da traf sie die Erkenntnis wie ein Donnerschlag, und sie musste schwer nach Luft schnappen. Durch ihren Kopf rasten alte Riten und Beschwörungsformeln, alles in der Sprache der Elfen, die sie schon seit Jahrhunderten nicht mehr gehört hatte. Sie spürte die unheimliche Kraft und Macht, die sie plötzlich durchströmte und ein grün glühender Blitz durchfuhr sie. Moggovitor schlug die Augen nieder und entließ Lilli somit aus ihrer mentalen Verbindung. „Ja, Lilliana, so ist es gut. Du hast dein Vermächtnis angenommen. Somit weißt du auch, was zu tun ist.“ Lilli schaute Moggovitor, oder besser Vito, erkennend an und lächelte. „Ja, ich weiß jetzt wieder alles. Du hast die Nebelschleier aus meinem Bewusstsein vertrieben. Ich danke dir!“ Beide erhoben sich und Moggovitor lächelte Lilli noch einmal an und verschwand nach einem kurzen Nicken wieder mit einem leichten Lufthauch, der Lilli über die Wange strich. Bis zum Sonnenaufgang war noch etwas Zeit. „Gut“, dachte Lilli, „da kann ich ja noch schnell einen Abstecher zum Wasserfall machen.“ Als sie dort ankam, stand Fernando schon unter dem sprudelnden Wasser. Bei diesem Anblick stockte ihr der Atem und sofort spürte sie wieder eine Hitze, die sich in ihrem Bauch zusammenballte. Sie rang gerade mit ihrer Fassung, als Fernando sie erblickte. Er kam sofort aus dem Wasser, schlang ein Handtuch um seine Hüften und eilte auf sie zu. „Gott sei Dank! Endlich bist du wieder da! Ich habe mir schon Sorgen gemacht und wollte mich jetzt auf die Suche nach dir machen.“ Er küsste sie, schlang seine Arme um ihre Hüften und drückte sie an sich. Sie lächelte ihn verschmitzt an: „Nando, das ist jetzt nicht sehr hilfreich. Die anderen werden bald aufwachen, ich möchte mich noch duschen und dann muss ich noch eine wichtige Mitteilung machen.“ Fernando ließ sie los und lächelte sie mit lüsternem Blick an. „Ich kann auch nichts dagegen machen, so reagiert mein Körper nun mal auf dich. Vielleicht wird es ja mit den Jahren besser“, sagte er neckend. „Das möchte ich doch nicht hoffen.“  Sie küsste ihn schnell und lief zum Wasserfall.

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Während die anderen aus ihren Zelten gekrochen kamen und den atemberaubenden Sonnenaufgang bewunderten, waren Lilli und Fernando schon damit beschäftigt das Frühstück vorzubereiten. Fernando kümmerte sich um eine riesige Pfanne Eier mit Speck, die über dem Lagerfeuer brutzelten. Lilli war dabei, Brotscheiben über dem Feuer zu toasten. „Oh, toll, das Frühstück ist schon fertig“, rief Kerstin begeistert. „Ja, schau mal da drüben habe ich einen großen Pott Kaffee gemacht“, antwortete Lilli. Plötzlich schoß etwas zwischen Kerstin und Drago hindurch in Richtung Lagerfeuer. Man hörte noch ein: „Lilli, Fernando, isch liebe eusch!“ Fernando machte eine kurze, blitzschnelle Handbewegung und schon zappelte Ef-Ef mit dem Schwanz zwischen seinen Fingern. „Immer mit der Ruhe, mein kleiner Freund. Es ist genug für alle da und wir essen alle gemeinsam. Kapiert?“ Ef-Ef machte ein beleidigtes Gesicht.“Oui, oui, schon gut, isch warte. Du kannst misch unter lassen.“ Als sich alle am Lagerfeuer versammelt hatten und das Frühstück genossen, räusperte sich Drago. „Also Leute, Kerstin hatte heute Nacht wieder Besuch. Doch diesmal sprach Moggovitor durch sie.“ Duncan ließ seine Gabel sinken und schaute zu Drago und Kerstin. „Interessant, lass hören.“ „Also, er sagte wörtlich:
Zu gegebener Zeit werde ich zu euch stoßen. Sucht nicht nach mir. Seid vorsichtig mit eurem Handeln und überlegt euch jeden Schritt.“
Duncan nickte. „Na, das mit dem Vorsichtig sein und  jeden Schritt zu überlegen, das brauchte er uns ja wohl nicht zu sagen, das wussten wir auch schon vorher. Zumal wir seit seiner Begegnung mit Angie wissen, dass Choquequirao mit einem sehr starken magischen Schutz umgeben ist. Das macht mir Kopfzerbrechen und ich habe auch noch keine Lösung, für dieses Problem.“ Lilli sah Fernando an, natürlich hatte sie ihm alles von ihrer Begegnung mit Moggovitor und ihrer vererbten Macht erzählt. Er drückte ihre Hand und lächelte sie aufmunternd an. Sie richtete sich auf: „Aber ich habe eine Lösung für dieses Problem“, sagte sie etwas zaghaft und schaute in die Runde. Alle, außer Ef-Ef, unterbrachen ihr Frühstück und schauten verwundert zu Lilli. „Also, Vito, so möchte er genannt werden, weil ihm Moggovitor zu lang ist. Also, Vito hat mich heute Nacht zu sich gerufen und mich sozusagen erleuchtet. Was ihr alle nicht wisst, und was ich bis zur heutigen Nacht erfolgreich verdrängt habe – ich bin eine Hüterin und Königin des Waldes und der Erde. Ich besitze nun die uralte Macht der Elfen, die Kräfte der Natur zu rufen und zu beherrschen. Meine Großmutter war eine Hüterin und da ich die letzte weibliche Elfe aus unserem Geschlecht bin, wurde mir diese Macht vererbt. Ich musste das nur erkennen und mein Erbe annehmen, und dass hat mir Vito ermöglicht. Dadurch habe ich jetzt die Kraft den magischen Schild um Choquequirao zu durchbrechen. Die dunkle Magie, die die Dragons anwenden, kann gegen die Kräfte der Natur nicht bestehen.“ Lilli setzte sich wieder zu Fernando und schaute etwas unsicher in die Gesichter der anderen. „Wow, eine Hüterin und Königin! Mensch Lilli, ich wusste ja schon immer, dass da noch was ganz Großes tief in dir drin steckt. Aber, das hätte ich jetzt nicht gedacht“, platzte Kerstin heraus. Lucy lächelte. „Ja, ja, unsere Lilli. Wie sagt man so schön: Stille Wasser sind tief.“
Duncan stand auf, er hatte einen sehr zufriedenen Gesichtsausdruck aufgesetzt. „Okay, dann lasst uns mal so langsam in die Gänge kommen. Wir packen alles zusammen und machen uns auf den Weg nach Choquequirao. Das erste Problem haben wir ja jetzt, dank Lilli und Vito, gelöst. Mit dieser tatkräftigen Unterstützung muss uns vor dem Kampf mit den Dragons nicht bange sein. Los Leute, auf geht’s.“ Sofort herrschte ein reges Treiben im Lager, jeder wusste, was er zu tun hatte, und alle brannten jetzt darauf, den Dragons das Handwerk zu legen.

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Dieser Platz war wirklich ideal für unsere Rast, die wir gegen Mittag eingelegt hatten – Wind geschützt und doch herrlich sonnig. Alle waren zufrieden und pappsatt. Tiago und Cyrus hatten auch wirklich was Tolles für alle gezaubert. Ich saß auf einem Felsbrocken und sah Kerstin auf mich zukommen. „Hallo Süße. Hier, Ef-Ef wollte unbedingt zu dir. Er ist aber auch ein niedliches Kerlchen“, sagte sie und setzte den Hamster auf meine ausgestreckte Hand. „Salut, mon petit doux escargot“, begrüßte mich Ef-Ef und zwinkerte mir mit seinen schwarzen Knopfaugen zu. Misstrauisch sah ich ihn an. „Und, was heißt das? Ich hatte leider nie Französisch.“ „Oh, die Aussischt `ier ist wirklisch `übsch“, sagte dieser kleine freche Bursche und starrte ungeniert in meinen Ausschnitt. „Hey, du bist ein Hamster!“, rief ich lachend. „Ja, schon, aber ein sehr männlischer!“ „Dann pass bloß auf, dass das auch so bleibt!“, drohte ihm Duncan mit seiner tiefen Stimme. Er kam lächelnd mit einem Apfel in der Hand auf uns zu und beugte sich zu mir herunter. „Hier, für meine geliebte Chaotin.“ Ich küsste ihn und lächelte ihn glücklich an, während er sich neben mich setzte. Als er ein Messer aus seiner Tasche zog, fing Ef-Ef laut an zu quieken. „`ilfe, `ilfe Kerstin. Bring misch weg, bevor der Riese Ernst macht.“ Kerstin nahm Ef-Ef wieder vorsichtig von meiner Hand und ging rüber zu Lilli, Lucy, Fernando und Gavin, die auch in der Sonne dösten. Drago war mit Norbert in eine lebhafte Diskussion vertieft. Nur Doc und Bowen waren nicht zu sehen. Duncan schnitt währenddessen von dem Apfel ein kleines Stück ab und schob es mir langsam in meinen geöffneten Mund. Wieder schnitt er ein Stück ab, doch ich hielt seine Hand fest, als er mich auch mit diesem Stück füttern wollte. „Danke, ich danke dir!“, flüsterte ich und küsste ihn. „Wofür? Für den Apfel?“, fragte er mich lächelnd. „Nein. Doch auch, aber hauptsächlich, weil du da warst für mich.“ Ich lehnte mich an ihn und dachte an die vergangene Nacht…
Ich saß in unserem Zelt auf meinem Schlafsack, als Duncan sich vor mich hinkniete, mein Kinn umfasste und mir ernst in die Augen sah. „Angie, bitte keine Alleingänge mehr!“, sagte er mit eindringlicher Stimme. „Das war verdammt knapp! Bitte versprich es mir, bitte. Ich hatte eine Scheiß Angst um dich, weil du so lange verschwunden warst. Cyrus konnte deine Spur erst nicht aufnehmen, aber zum Glück wusste ich noch die Richtung, in die du gegangen warst.“ Ich konnte nur nicken. Doch dann packte mich plötzlich das heulende Elend. Die Tränen schossen mir nur so aus den Augen, und ich klammerte mich fest an ihn. „Ach, ich weiß ja auch nicht, warum mir immer so etwas passiert. Duncan, wenn du ihren Blick gesehen hättest, es war so furchtbar.“ „Welchen Blick?“, fragte er. „Den von Lindsay, ihre toten Augen und den von Zorro und dann noch… Es ist alles meine Schuld, wie immer!“ „Okay, das reicht!“ Mit den Worten nahm er mich auf seine Arme und verließ mit mir zusammen das Zelt. „Wohin gehen wir?“ „Wir werden außerhalb des Lagers reden, ich kenne da eine Stelle in der Nähe des Wasserfalls“, sagte er entschlossen. „Aber warum?“ „ Zu viele Ohren!“ Draußen bemerkte ich, als wir an den anderen Zelten vorbeikamen, dass Bowen mit einem Schuh in seiner Hand laut schimpfend hinter etwas herlief. Wenn ich nicht so deprimiert gewesen wäre, hätte ich laut gelacht. Duncan hatte die Szene nicht mal mitbekommen und niemandem fiel auf, dass wir das Lager verließen. Plötzlich fing die kleine Wund auf meiner Stirn an zu stechen und ich strich mit einem Finger darüber, sie fühlte sich etwas heiß an, auch juckte sie ein wenig. Da hatte Duncan auch schon die Stelle, die er gemeint hatte, erreicht. Vorsichtig setzte er sich mit mir auf den Boden und strich mir beruhigend über meinen Rücken. „Angie, nichts davon ist deine Schuld!“ „ Ach ja? Duncan, dauernd gerate ich in irgendwelche Schwierigkeiten. Es grenzt ja schon an ein Wunder, dass keinem von euch oder meinen Schwestern was passiert ist. Meinst du etwa, eine von den anderen wäre so leicht in diese dämliche Falle geraten?“ Meine Wunde fing immer stärker an zu jucken und zu brennen. „Und dann die Sache in New Orleans, oder als ich mir das blaue Auge von Tim eingehandelt hatte. Oder… man, die Liste lässt sich doch beliebig fortsetzten.“ Ich merkte selber, dass ich mich jammervoll anhörte und drohte in Selbstmitleid zu ertrinken.

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Ich konnte aber nichts dagegen tun! Prüfend sah Duncan mich an und flüsterte dann: „So kenn ich dich gar nicht. Außerdem wäre jeder diesem magischen Licht gefolgt.“ „Nein, nicht jeder. Es hat sich ja auch keiner so weit von dem Lager entfernt. So dämlich konnte nur ich sein!“ Mit einer schnellen Handbewegung riss ich mir das Pflaster von der Stirn und kratzt über die Wunde. Doch es brachte keine Erleichterung, im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, als ob die Wunde nur noch stärker brannte und auch größer geworden war. Plötzlich stürzte alles Negative, dass ich in meinem Leben je erfahren musste, auf mich ein und drohte mich zu ersticken. Was geschieht hier mit mir? Das war doch nicht normal! Ängstlich sah ich Duncan an. „Hier stimmt was nicht! Duncan, ich habe Angst, dass ich verrückt werde!“ Die Wunde machte mich wahnsinnig, ich hätte mir die Haut von der Stirn reißen können. Doch plötzlich hielt Duncan meine Hände fest und rief erschrocken aus: „ Nicht! Oh mein Gott! Deine Stirn! Sie blutet ja. Und das Blut ist schwarz!“ Entsetzt sah ich ihn an und strich mit einem Finger prüfend darüber. Tatsächlich, das Blut, das daran klebte, war pechschwarz! Voller Panik sah ich ihn an. „Duncan, was ist das? Was hat das zu bedeuten? Bitte tu doch was!“ „Moment mal, Doc hat doch was von schwarzer Magie gesagt. Das ist wahrscheinlich ein Souvenir von Zorro, diesem Mistkerl! Wenn ich den in die Finger kriege!“ Sein mörderischer Gesichtsausdruck hätte mir eigentlich noch zusätzlich Angst einjagen müssen, aber in diesem Moment tat meine Stirn so weh, dass ich laut aufschrie. Beruhigend, mit leiser Stimme, sprach Duncan zu mir: „ Angie, das kriege ich wieder hin, nur… du weißt, dass ich dir nie wissentlich weh tun würde, aber das, was ich jetzt tue, kann verdammt schmerzhaft werden. Ich muss das verseuchte Blut aus dir raus kriegen. Vertraust du mir?“ Er nahm mein Gesicht in seine Hände und sah mich fragend an. Ich nickte und flüsterte: „Ich halte schon was aus. Nur mach bitte, dass es auf hört, bitte!“ „Okay, ganz ruhig. Gleich ist es vorbei.“ Er behielt meinen Kopf zwischen seinen Händen, küsste mich schnell auf den Mund, und dann sah ich seine Fänge aufblitzen. Langsam beugte er sich über meine Stirn und ritzte mit einem Zahn die Wunde etwas an. Dann umschloss er mit seinen Lippen die Wunde und fing an zu saugen. Es tat höllisch weh und ich konnte ein Wimmern nicht unterdrücken. Er spuckte das schwarze Zeug aus und machte weiter. Ungefähr sieben Mal musste er den Vorgang wiederholen, bevor das Blut wieder normal aussah. Dann hörte er endlich auf. In meinem Kopf war ein Vakuum und ich sah sein Gesicht nur noch undeutlich. Mir wurde eiskalt und ich fing an zu zittern. „Gleich, bitte halt durch, du hast viel Blut verloren. Warte, ich…“ Er leckte über die nun saubere Wunde, dann biss er sich ins Handgelenk und drückte ein paar Tropfen seines Blutes auf meine Stirn und verrieb sie. Augenblicklich hörte der Schmerz auf und ich merkte, wie sich die Wunde schloss. Gott sei Dank! Aber mir war noch immer sehr schwindelig und ich fühlte mich ungewöhnlich schlapp. Da biss er erneut in sein Handgelenk und drückte es an meine Lippen. „Du musst das trinken, bitte. Mein Blut heilt dich von innen und gibt dir Kraft, bitte!“, sagte er eindringlich. Die ersten Tropfen waren noch sehr ungewöhnlich, aber dann… dieser Geschmack! So etwas Köstliches hatte ich noch nie probiert. Es schmeckte wie der köstlichste Wein, das schmackhafteste Essen, nach Sinnlichkeit, Leben, Liebe und nach Leidenschaft. Und nach dem Duft von Maiglöckchen, meinen Lieblingsblumen. Erstaunt sah ich in seine Augen und er fing an zu lächeln: „Ich weiß, das ist bei Gefährten so. Der Geschmack ist mit nichts zu vergleichen.“ Ich saugte und schluckte mit geschlossenen Augen weiter, ich konnte gar nicht genug davon bekommen, bis Duncan sein Handgelenk zurück riss und sagte: „Wow, du bist ja unersättlich. Aber die Dosis müsste eigentlich genügen. Wie fühlst du dich?“ Ich strahlte ihn an. „Wunderbar! Einfach großartig! Sind wir jetzt miteinander verbunden?“, fragte ich ihn skeptisch. Duncan sah mich liebevoll an. „Nein, noch nicht. Dazu müssten wir gleichzeitig voneinander trinken und … “ Dann fingen seine Augen an zu glitzern und er flüsterte mir etwas ins Ohr. „Oh…“, ich wurde mal wieder rot, „aber ich möchte das in einer anderen Umgebung tun, nicht hier auf dem Boden, in der Wildnis. Es sollte doch in einem schöneren Rahmen geschehen.“ Er sah mich zärtlich an und küsste mich leicht auf den Mund.

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Unwillkürlich musste ich Lachen. „Duncan Thorpe, du bist ja ein Romantiker!“ Seine Augen funkelten wieder und er murmelte an meinem Hals: „Ein bisschen Zeit haben wir ja noch. Im Lager sind mir immer noch zu viele Ohren!“ Und die Zeit haben wir dann auch genutzt. Viel später schlichen wir wieder unbemerkt in unser Zelt zurück und schliefen engumschlungen ein. Das was sonst noch alles in der Nacht passiert war, haben wir erst morgens von den anderen erfahren.
Etwas kitzelte mich an der Nase und ich wachte auf. Duncan sah mich schmunzelnd an und fragte leise: „Mittagsschlaf beendet? Gut, dann können wir ja weiter.“

Während die anderen sich noch an dem Rastplatz ausruhten, an dem alle zu Mittag gegessen hatten, waren Doc und Bowen etwas abseits allein in einem Waldstück. Er ging hinter ihr und hielt ihre Augen mit seinen Händen zu. „So, noch ein Schritt und dann bitte auf jeden Fall stehen bleiben. Vorsicht Stufe!“ Unsicher stolperte Doc vorwärts. Der Untergrund im Wald war weich, doch nun stand sie auf etwas Festem. Allmählich war sie mit ihrer Geduld am Ende. Sie blieb einfach stehen „Bowen, was soll das? Wir haben nur noch etwa eine Stunde Pause, und ich würde mich wirklich gerne ausruhen. Diese Serpentinen-Trampelpfade rauben mir den letzten Nerv. Erst das Geplapper von Ef-Ef, und nun die feuchte Regenwaldhitze. Irgendwie macht das alles keinen Spaß.“
Erst jetzt bemerkte Doc, dass die anderen weit entfernt waren und auch ihre Stimmen nur noch ein vages Gemurmel waren. Bowen nahm die Hände von ihren Augen und raunte ihr ins Ohr: „Wir sind da!“ Ihr Blick fiel auf einen kleinen wunderschönen Wasserfall, der in einem Becken mündete und so aussah, als sei er dafür geschaffen, darin zu baden. Sie standen direkt auf einem Felsen davor. „Wow! Diese ganzen kleinen Wasserfälle hier in der Gegend sind wirklich wunderschön. Trotzdem Bowen, lass uns lieber zurück gehen. Wir sollen doch alle zusammen bleiben. Und woher wusstest du, dass hier in der Nähe wieder ein Wasserfall ist?“ „Ich habe ihn gehört. Und wegen der anderen mach dir mal keine Sorgen. Erstens glaube ich nicht, dass uns tagsüber hier etwas passiert, zweitens habe ich Cyrus gesagt, in welche Richtung wir gehen und drittens werde ich uns schon beschützen. Wir sind höchstens 100 Meter von den anderen entfernt. Ich habe deine Anspannung gemerkt, da dachte ich, etwas Abstand von der Gruppe könnte dir gefallen. Dieses ständige Zusammensein mit so vielen Leuten macht dir zu schaffen, oder?“ Damit traf er ins Schwarze, ihm selbst ging es da auch nicht anders, sie waren beide eher Einzelgänger und ergänzten sich somit perfekt. Er blieb stehen, zog Doc an sich heran und küsste sie. Sie schob ihn ein Stück von sich weg. „Ja, da hast du Recht. Mit dir ist das aber anders, und du scheinst immer zu wissen, was mir gut tut.“ Da war es wieder, dieses fantastische Lächeln und das Grübchen in ihrer rechten Wange, das er so anbetete. Innerhalb von 2 Sekunden streifte sie ihre Schuhe, die Hose und das Top vom Körper und machte einen Sprung in das Wasserbecken. Bowen tat es ihr gleich. Sie plantschten ein wenig herum und dabei stieg ihre Laune enorm. Es war unheimlich erfrischend und so idyllisch. Ein paar Sonnenstrahlen blitzten durch die Baumkronen auf die Wasseroberfläche, und Doc bedauerte, dass sie die Zeit nicht anhalten konnte. Bowen, dessen blasse Haut im Wasser noch heller schimmerte, schwamm auf sie zu, schnappte sie sich und zog sie auf einen Felsvorsprung an den Rand des Sees. Hier hatte die Sonne die Steine ein wenig angewärmt. Schweigend lagen sie nebeneinander und genossen die Sonne auf der Haut, die nun angenehm wärmte und nicht mehr so unerbittlich peinigte.

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Den Kopf auf die Hände gestützt, beobachtete Bo wie sie mit geschlossenen Augen in der Sonne lag. Ihr Haar glänzte Perlmuttfarben, für ihn war sie wirklich einzigartig und er wollte noch so Vieles von ihr Wissen, alles. Dennoch, die Zeit war knapp und der nasse BH lenkte seine Aufmerksamkeit auf ganz andere Aspekte ihrer Beziehung. Sein Blick wanderte über ihren verführerischen Körper bis zu ihrem Hals, wo er auf ihrer pochenden Schlagader hängen blieb. Er beugte sich über sie. Aus seinem nassen Haar lösten sich Wasserperlen und tropften auf sie herab. „Wieso hast du die Unterwäsche eigentlich angelassen?“ Es war eindeutig, woran er schon wieder dachte. „Hey! Bowen du bist unmöglich, wir müssen doch gleich zurück“ Sie vergötterte ihn, aber das musste sie ihm ja nicht ständig zu verstehen geben.
Schweren Herzens setzte sie sich auf. Ein letztes Mal ließ sie den Blick schweifen, da sah sie etwas im Wasser funkeln. War sie noch immer benebelt oder war dort wirklich etwas? Sie kniff die Augen zusammen und schaute genau hin. Nein, dort war ganz sicher etwas, dass ihnen vorher nicht aufgefallen war. „Bowen, sieh mal dort im Wasser!“ Sie zeigte mit dem Finger darauf, und beinahe synchron sprangen sie beide wieder hinein. Er tauchte ab und kurz darauf kam er wieder an die Oberfläche. In der rechten Hand hielt er einen 20 cm großen sehr antik wirkenden goldenen Schlüssel. Mit dem Schlüssel verließen beide das kühle Nass, kehrten zurück auf ihren Felsvorsprung und zogen sich an. Doc nahm den Schlüssel prüfend in die Hand und betrachtete ihn eingehend. „Komisch.“ „Was denn?“ „Siehst du hier am Griff diese Schrift? Der Schlüssel kann unmöglich von den Inkas stammen. Sie hatten keine Schrift, nur ein paar Zeichen für Zahlen, aber das hier… irgendwo habe ich es schon einmal gesehen. Und dieser Stein hier in der Mitte, ich glaube, das ist ein Saphir. Er muss sehr alt sein. Ich frage mich, was das für ein Schlüssel ist und wieso er hier im Wasser gelegen hat.“ Bowen nahm ihr den Schlüssel aus der Hand und sah sich eingehend die eingravierten Schriftzeichen an. „Wie ein Schlüssel von einem Schließfach oder einer normalen Tür sieht er jedenfalls nicht aus.“ Er drehte und wendete den Fund und konzentrierte sich auf die Inschrift. „Jane das ist arabisch.“ „Arabisch? Hier in Peru? Was bedeutet es denn?“ „Also, grob übersetzt glaub ich, es bedeutet in etwa so viel wie: Das Portal Nehregeb – Gib acht, denn der Wunsch in deinem Herzen ist das Ziel – “ „Ein Portal? Oh man, dieser Zauberkram ist mir wirklich nicht geheuer – vor allem nach meinem Beschwörungsunfall mit dem Dämon. Wir sollten den Schlüssel Duncan bringen, er soll entscheiden, was wir damit machen.“ „Ja, so machen wir das. Vielleicht weiß Ef-Ef ja auch etwas darüber. Komm lass uns gehen.“
Innerhalb von 3 Minuten waren sie zurück bei den anderen, die schon alles für den Aufbruch vorbereitet hatten. Doc ging direkt auf Angie und Duncan zu.

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Sie zeigten Duncan den Schlüssel und berichtete ihm von der Bedeutung der Inschrift. „Ich bin mir nicht sicher, was es genau mit einem Portal auf sich hat, das müsste ich recherchieren. „Interessant. Ich schätze, solange wir damit nichts anstellen, ist es einfach nur ein Schlüssel. Am besten, ihr behaltet ihn, und wenn wir zurück auf der Seraphim sind, checkt ihr was das für ein Teil ist. Wir haben ja jede Menge alte Fachbücher in der Bibliothek. Und mit Bowen, dem alten Sprachgenie, findet ihr hoffentlich etwas darüber.“ Damit packte Duncan seinen Rucksack und wandte sich mit Angie zum Gehen, denn sie hatten noch eine ganz schöne Strecke zu bewältigen.

Auch die anderen setzten sich so langsam in Bewegung. Drago und Kerstin überzeugten sich davon, dass sie keine Spuren hinterlassen hatten und folgten dann nach. Unterwegs gab es wilde Spekulationen darüber, was es mit dem seltsamen Schlüssel auf sich hatte, aber so wirklich wusste es niemand. Der Aufstieg war in den ersten zwei Stunden ganz einfach, doch je höher die Truppe kam, umso unebener wurde der Untergrund. Die schattenspendenen Bäume wurden immer seltener und die Luft immer dünner. Nach 5 Stunden einigte man sich darauf, das Nachtlager aufzubauen. Die Jungs übernahmen die Zelte und die Mädels machten Feuer. Zu zweit gingen sie los, um trockenes Holz zu sammeln. Lilli und Doc hörten plötzlich neben sich im Gebüsch ein Rascheln, sie schauten sich an, doch da war es wieder still. Die Arme voll, beladen mit trockenem Holz, traten die beiden den Rückzug an. Da war es wieder. Es knackte im Unterholz, und das Geräusch wurde lauter. Jetzt wurde den Beiden doch etwas mulmig zumute. Wieder schauten sie sich an, und in diesem Moment schoss ein Tier auf sie zu. Es hatte die Größe von einem Bären oder riesigen Hund. Doc ließ vor Schreck das Holz fallen und schrie auf. Lilli stand wie angewurzelt da, unfähig sich zu bewegen. Das Tier starrte sie an. Geifer lief aus seinem Maul. Tausend Sachen schossen Lilli durch den Kopf. Verhaltensregeln. Benimmregeln? Lilli musste über ihre eigenen Gedanken den Kopf schütteln. Durch den Aufschrei von Doc alarmiert, kamen die anderen angerannt. Das Tier drehte seinen Kopf, beäugte misstrauisch die Neuankömmlinge. Ein bedrohliches Fauchen und Knurren kam aus seiner Kehle. Doch dann richtete sich sein Blick auf Lilli, die anfing zu leuchten. Nur ganz schwach, ganz so, als wolle sie das Tier nicht erschrecken. Mit fast geschlossenen Lippen, die Augen auf das unheimliche Wesen gerichtet, wies sie die anderen an, sich ruhig zu verhalten. Das Tier beobachtete Lilli, deren Leuchten immer intensiver wurde. Das schien die Neugierde der unbekannten Kreatur, deren Gattung niemand bestimmen konnte, zu wecken. Fernando stockte der Atem. Duncan hielt ihn am Arm und Drago stellte sich ganz unauffällig ein Stück vor ihn. Ihm schossen kleine Rauchwolken aus der Nase. Kerstin stellte sich neben Drago und berührte seinen Arm. In Gedanken versuchte sie ihn zu beruhigen. Lilli guckte dem Wesen genau in die Augen, was dieses mit einem Knurren honorierte. „Okay“, dachte Lilli, „jetzt hab ich dich.“ Sie konzentrierte sich auf ihre Kräfte und begann in einer seltsamen Sprache zu reden.

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Fortsetzung: Black Dagger Ladies Online – Cuba Libre [Kapitel 15]

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Peru Kapitel 13

Nachdenklich schaltete ich mein Handy aus und lehnte mich zurück an das Kopfteil meines riesigen Bettes, auf dem bequem vier Personen Platz gehabt hätten. Ich habe mit Gwen gesprochen, nach Wochen endlich mal wieder. Nachdem was Lilli uns da aufgetischt hatte, wollte ich unbedingt mit ihr reden. Jetzt haben wir fast zwei Stunden miteinander gesprochen und inzwischen war es schon ziemlich spät. Von meiner Rettung durch Drago hatte sie schon von Sweetlife erfahren, nur wusste sie nicht, dass er mich mit seinem Blut wahrscheinlich vor Schlimmerem bewahrt hatte. Als ich ihr davon erzählte, geriet sie regelrecht aus dem Häuschen und hat mir eine neue Fähigkeit aufgezeigt, an die ich selbst nicht gedacht hatte. Ich musste grinsen. „Genau das werde ich auch gleich ausprobieren“, dachte ich in dem Moment, doch als ich ihr die ganze Geschichte von Duncan und mir erzählte, war es sekundenlang still am anderen Ende der Leitung geworden, sodass ich schon dachte, wir wären unterbrochen worden. „Gwen? Bist du noch da?“, fragte ich beunruhigt in die ungewöhnliche Stille hinein. „Wie heißt er, hast du gesagt?“ Ihre Stimme war kaum zu verstehen, da sie plötzlich sehr leise sprach. „Na, Duncan Thorpe, und er ist ein Vampir. Warum, stimmt etwas nicht?“. Meine Unruhe nahm zu. Plötzlich lachte sie erleichtert auf und rief laut. „Ja! Ich wusste es doch! Hah, dem Schicksal kann man nicht entgehen. So, so, der Duncan und du. Dann frag ihn doch mal nach dem „grünen Herz“, wenn ihr euch das nächste Mal seht.“ „Was hat es denn damit auf sich?“ Jetzt war ich aber doch sehr neugierig geworden. „Das, mein Schatz, soll er dir schon selber erzählen!“ Wieder lachte sie und dann redeten wir nur noch über Belangloses, sie wollte mir partout nicht sagen, was es mit diesem „grünen Herz“ auf sich hatte. Nur, dass Duncan mir erzählt hatte, dass Lindsay plötzlich unter so mysteriösen Umständen wieder aufgetaucht ist, verschwieg ich ihr. Bisher wusste nur die Bruderschaft und wir Schwestern davon, und so sollte es auch vorerst bleiben. Abschließend wünschte sie uns allen viel Erfolg und schärfte mir nochmal ein, auf mich aufzupassen. Okay, diese Mission wird unsere ganze Kraft und unser Können erfordern, aber ich war sehr zuversichtlich, zumindest versuchte ich mir das immer wieder, wenn auch mit mäßigem Erfolg, einzureden. Es wurde langsam Zeit, dass wir in Lima einliefen und die Dinge in Gang kamen, sonst rosteten wir noch alle ein! Aber jetzt hatte ich genug gegrübelt! Ich nahm mir vor, Duncan bei unserem nächsten Treffen nach diesem merkwürdigen Herz zu fragen. Er hatte mir gesagt, dass er noch die letzten Vorkehrungen treffen und alles nochmal kontrollieren wollte. Für unsere Tour in den Anden musste einfach alles perfekt sein, denn dort waren wir völlig auf uns gestellt. Doch jetzt fiel mir ein, dass ich noch etwas ausprobieren musste, sprang aus dem Bett und lief ins Bad. Vorsichtshalber drehte ich gleich den Wasserhahn auf und ließ das Wasser einfach laufen. Unwillkürlich musste ich kichern. Wenn Gwen mich jetzt so hätte sehen können, wäre sie sehr zufrieden mit mir gewesen, denn so vorsichtig war ich leider nicht immer. Nun wollte ich es doch mal probieren. Also los. Ich legte die Fingerspitzen meiner rechten Hand so zusammen, dass sie wie ein geschlossener Blütenkelch aussahen. Dann konzentrierte ich mich auf die Spitze und sprach die uralte Formel, die nur wir Hexen kannten. Nun sprach ich zum ersten Mal die Worte, die Gwen mir in unserem Gespräch zugeflüstert hatte: „Feuer und Flamme, Hitze und Glut, zeig mir die Kraft, die in dir ruht.“ Diese Worte wiederholte ich genau drei Mal. Und dann spürte ich ein leichtes Kribbeln in meinen Fingern. Da! Aus meinen Fingerspitzen wuchs eine kleine, gelbe Flamme, die ungefähr 5 cm groß wurde, und die sich überhaupt nicht heiß anfühlte, sondern angenehm warm war, und… sie verbrannte mich nicht! Vorsichtig setzte ich sie auf die Marmorplatte neben dem Waschbecken ab und beobachtete wie sie darauf hin und her tanzte. Nach wenigen Sekunden jedoch war der Spuk vorbei, und die Flamme erlosch. Ich strich mit dem Zeigefinger über eine winzige Rußspur und zeichnete den Weg nach, den die Flamme genommen hatte. Die Stelle war warm! Also war es echtes Feuer und kein magisches! „Ja!“, rief ich aus, klatschte in die Hände und lachte laut auf. „Das muss ich meinen Schwestern erzählen, oder besser noch, Duncan! Mensch, das war doch mal was!“ Das Wasser ausstellen, die Tür aufreißen und raus stürmen, war eins! Ich flitzte durch den Gang und bremste erst vor seiner Kabine. Anklopfen? Ach was, in meiner Begeisterung riss ich die Tür auf und legte gleich los: „Duncan! Ich muss dir unbedingt etwas zeigen! Ich habe doch eben mit meiner Gwen… Duncan?“ Erst jetzt bemerkte ich, dass er hinter seinem Schreibtisch stehen blieb und mich mit einem ernsten Gesichtsausdruck betrachtete. Seite 148 „Stimmt etwas nicht?“, fragte ich ihn leise. Als er meinem Blick auswich, überkam mich ein mulmiges Gefühl. „Was ist passiert? Ist was mit Lucy und Gavin? Sag doch!“ „Nein, mit den Beiden ist alles in Ordnung, aber… Angie, setzt dich bitte… ich muss mit dir reden.“ Irgendetwas stimmte hier nicht! Ganz und gar nicht! Ich setzte mich in den Stuhl vor seinen Schreibtisch und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, doch er sah mich einfach nicht an! „Okay, aber etwas hast du… “ „Ja, ich habe nachgedacht“, unterbrach er mich und sah mir endlich in die Augen. Das machte mich aber nur noch nervöser, da ich seinen Blick nicht deuten konnte. „Angie,… es fällt mir bestimmt nicht leicht, aber es ist wohl zum jetzigen Zeitpunkt besser, wenn wir… unsere Beziehung auf Eis legen. Ich meine natürlich nur, bis die Sache in Peru vorbei ist.“ Ungläubig sah ich ihn an, und mein Magen verwandelte sich schlagartig in einen schmerzenden Klumpen. Die Luft wurde mir plötzlich knapp. Ich räusperte mich und fragte ihn: „Aber, warum? Ich verstehe dich nicht, habe ich…?“ Er unterbrach mich wieder und sprach schnell weiter: „Nein, du hast nichts getan, aber diese Mission ist einfach zu wichtig! Mir hat meine dämliche Aktion heute Morgen die Augen geöffnet. Ich trage hier eine große Verantwortung, und kann mir einfach im Moment keine Ablenkung leisten, verstehst du das? Was, wenn ich mich zu sehr ablenken lasse und dadurch eine Fehlentscheidung treffe? Wenn jemand zu Schaden käme, das könnte ich mir das nicht verzeihen. Es fällt mir bestimmt nicht leicht aber… nein, es muss sein. Wir können ja nach dem Einsatz in Peru…“ „Ach, du meinst da weitermachen, wo wir aufgehört haben?“ Ich war bei seinen letzten Worten aufgestanden und klammerte mich an der Lehne fest, sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Nein, mein Lieber, so läuft das nicht! Ich lasse mich von dir nicht in eine Schublade stecken, und dann bei Bedarf wieder raus holen. Und ich dachte, wir beide… gehören zusammen, gerade jetzt! Aber… Nun, du musst für dich entscheiden, was du willst. Mich bekommst du ganz, oder gar nicht.“ Mit den letzten Worten drehte ich mich um und verließ seine Kabine. Mechanisch machte ich mich bettfertig und zog ein leichtes Shirt an, genauso mechanisch packte ich meine letzten Sachen in den Rucksack, legte den Waffengürtel mit den kleinen Wurfmessern, den ich mir morgen umlegen wollte, sorgfältig über den Stuhl, ging zum x-ten Mal ins Bad, um nochmal die Sachen auf der Ablage gerade zu rücken und… blieb endlich mitten im Raum stehen. Wem machte ich hier eigentlich was vor? Mit einem resignierten Blick auf die Tür dachte ich nur: „Er hat sich entschieden, gegen mich und er wird nicht kommen.“ Da sah ich die Wasserflasche, packte sie und warf sie mit aller Kraft, die mir meine Verzweiflung in diesem Moment verliehen hatte, an die Wand und schrie: „Du verdammter Mistkerl!“. Mit einem lauten Knall zerplatzte sie, und das Wasser spritzte nach allen Seiten, die Scherben aber leider auch. Blind vor Tränen fiel ich auf die Knie und endlich konnte ich weinen. Nach einiger Zeit zwang ich mich aufzustehen und versuchte vorsichtig die Scherben einzusammeln. Natürlich musste ich in die letzte rein treten und ein scharfer Schmerz durchfuhr meinen Fuß. „Au!“, schrie ich auf und ließ mich auf mein Bett fallen. Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen und Duncan stürzte auf mich zu: „Was ist passiert? Oh mein Gott, du blutest ja! Zeig mal her.“ Er setzte sich einfach zu mir aufs Bett und untersuchte vorsichtig meinen Fuß. „Da haben wir ja den Übeltäter!“, sagte er leise und zog die Scherbe blitzschnell aus der Fußsohle. Schnell leckte er über die Wunde und versiegelte sie so. Er war hier bei mir! Ich beobachtete ihn wie er genießerisch meinen ganzen Fuß von dem Blut mit seiner Zunge befreite. Ich musste mir auf die Zunge beißen um nicht laut los zu lachen, es kitzelte so furchtbar. Aber so leicht würde ich ihn nicht davonkommen lassen. Doch dann ließ er meinen Fuß los und legte ihn behutsam aufs Bett. Er sah mich zerknirscht und reumütig an und sagte leise: „Ich wäre ja schon viel früher gekommen, aber Drago wollte mich noch unbedingt wegen Lindsay sprechen.“ Er zog mich in seine Arme, vergrub sein Gesicht in meinem Haar und sagte leise: „Sag, dass ich ein riesiger Blödmann bin!“ „Riesiger Blödmann“, murmelte ich und schniefte laut. Er nahm mein Gesicht in seine Hände, lächelte mich schief an und dann küsste er mir sanft die letzten Tränen weg. Er sah mir tief in die Augen und sagte sehr ernst: „Angie, weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe? Ich könnte nicht mal nur für kurze Zeit von dir getrennt sein, ohne dass ich mich so sehr nach dir sehne, dass es regelrecht weh tut. Ich weiß ja auch nicht, was mich da eben geritten hat. Manchmal mach ich mir einfach zu viele Gedanken. Seite 149 Vergiss es bitte ganz schnell wieder, ja? Bitte! Ich brauche dich so sehr, du bist für mich die Luft zum Atmen, jeder Schlag meines Herzens… meine Seele. Meine Gefährtin. Bitte sag, dass du mir verzeihst. Bitte!“ Flehentlich sah er mich an und flüsterte noch einmal leise: „Bitte!“ Er liebt mich! Das war das einzige, was für mich in diesem Moment zählte. Eigentlich wollte ich ihn ja noch ein bisschen schmoren lassen, aber wenn er diesen Blick drauf hatte… „Duncan, tu das nie wieder!“ „Versprochen!“ Ich zog mit einem Finger die Konturen seine Lippen nach und murmelte: „Ich liebe dich doch auch, du riesiger, wunderbarer, lieber Blödm…“ Weiter kam ich nicht, denn er verschloss mir die Lippen mit so einem intensiven Kuss, dass mir die Luft weg blieb. Eine Weile lagen wir engumschlungen auf dem Bett und genossen einfach nur die Nähe des anderen, bis mir das Gespräch mit Gwen wieder einfiel. „Sag mal, was hat es eigentlich mit dem grünen Herz auf sich? Gwen meinte, ich soll dich danach fragen.“ „Grünes Herz? Mh… keine Ahnung, was sie damit meint“, überlegte er laut. Doch plötzlich schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, lachte laut und rief: „ Oh! Jetzt weiß ich, was sie meint! Das gibt es doch nicht! Moment mal! Ich bin sofort wieder da!“ Er sprang auf und schoss so schnell zur Tür raus, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Verwundert starrte ich auf die Tür, doch da war er schon wieder zurück und setzte sich mir gegenüber aufs Bett. In der Hand hielt er eine schlichte Goldkette, an der ein kleines Herz hing. Dieses Herz bestand aus einem wunderschönen grünen Smaragd. Er lächelte mich an und mit funkelnden Augen fing er an zu erzählen. „Vor vielen Jahren traf ich in den Staaten auf eine merkwürdige Frau. Sie war sehr nett und hatte mir bei einer schwierigen Aufgabe geholfen. Als ich ihr danken wollte, winkte sie nur ab und sah mir in die Augen. Dann nahm sie meine Hand und sagte sie zu mir: „Sie werden eine junge Frau treffen, und Sie werden in ihr Ihre Gefährtin erkennen. Sie wird die gleiche Augenfarbe haben, wie das Herz ihrer Mutter. Das ist Ihr Schicksal. Oder so ähnlich. Tja, und diese Kette mit dem Anhänger hat einmal meiner Mutter gehört und ich habe sie immer bei mir. Wie konnte ich das nur vergessen?! Und nun soll sie dir gehören.“ „Dann war diese Frau meine Gwen?“ Ich sah ihn mit großen Augen verwundert an. „Ja, das muss sie wohl gewesen sein.“ Er legte mir die Kette um, küsste mich und flüsterte mir dann ins Ohr: „Ich liebe dich, mein Schicksal.“ Glücklich schmiegte ich mich in seine Arme und nach einer Weile schliefen wir eng aneinander gekuschelt ein. Gerade als die Sonne aufging, wurde ich wach und hörte ihn neben mir telefonieren. Er hatte einen Arm um mich gelegt und sprach mit Gavin: „Okay, mein Lieber. Dann lassen wir das Ganze. Ist mir auch recht so. Wenn Lindsay mit uns Kontakt aufnehmen will, wird sie schon einen Weg finden. So, wir treffen euch dann im Hangar 51. Und vergiss die Zigarren nicht. Hahaha. Was? … wie höre ich mich an? … ja, stimmt! … das bin ich auch. Also seid vorsichtig! Bis heute Nachmittag dann, und grüß Lucy von uns.“ Er legte auf, drehte sich zu mir um und küsste mich auf die Nasenspitze. „Frühstück, Mylady?“ „Mh, ja?“, flüsterte ich und knabberte an seinem Ohrläppchen. Sofort tippte er die Nummer von Tiago ein. „Tiago… ja, auch guten… Oh!“ Ich hatte mich über ihn gebeugt. „… wo war ich? Ach ja, äh… Frühstück.“  „Äh… Tiago okay… du…“ Ich legte meinen unschuldigsten Blick auf und sah in seine dunklen Augen, dann sagte ich etwas lauter: „Guten Morgen Tiago, bitte das Frühstück erst in einer Stunde, ja? Und stell es doch bitte vor meine Tür. Danke!“ Keine Ahnung, ob er sein Handy ausgestellt hatte, es landete jedenfalls sehr schnell auf dem Boden.

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Ein köstlicher Duft stieg in Doc´s Nase. Sie atmete nochmal tief ein, blinzelte und öffnete dann ein Auge. Bowen kniete vorm Bett mit einer Riesentasse Kaffee und wedelte ihr den Dampf zu. „Guten Morgen, Jane.“ Sie setzte sich auf nahm ihm die Tasse aus der Hand, nippte daran und schloss die Augen. „Hm einfach köstlich.“ Durch die ihre tiefe zu Bowen Verbindung spürte sie, ohne ihn zu sehen, dass er ungewöhnlich angespannt war. Nach einem weiteren Schluck, blickte sie ihm in die Augen. „Bowen, ich merke, dass du etwas auf dem Herzen hast. Was ist es?“ Er räusperte sich. Dann nahm er seinen Becher vom Nachttisch und prostete ihr zu. Es dauerte eine ganze Weile bis er sprach: „Genau genommen gehen mir tausend Sachen durch den Kopf. Schätze jetzt kann ich meine Gefühle wohl nicht mehr vor dir verheimlichen, was? Ich mache mir Sorgen um dich und natürlich auch um die anderen. Ich sollte wohl erwähnen, dass ich vor jedem Einsatz ein ungutes Gefühl habe, sobald wir uns in Bewegung gesetzt haben, verschwindet es aber bestimmt wieder. Nur dieses Abwarten, sowas kann ich einfach überhaupt nicht gut.“ Sie lächelte ihn an, und er fühlte was sie fühlte und er war so stolz, dass sie jetzt seine Gefährtin war. Sie hüllte ihn in absolute Liebe, es war einfach vollkommen. Die Anspannung begann nachzulassen. Er nahm ihre freie Hand in seine. „Dann wollte ich dir sagen, dass egal, was in Peru passieren wird, sobald wir beide wieder zurück sind, und ich bin mir sicher, dass wir das unbeschadet überstehen, möchte ich unsere Verbindung etwas offizieller feiern. Wie, können wir uns ja noch überlegen. Ich finde du hast etwas Besonderes verdient.“ Er küsste sie und fühlte bei ihr leichtes Unbehagen. „Keine Sorge, wenn du nicht möchtest, machen wir keine Riesensache daraus, aber ich denke, deine Schwestern finden auch, dass es ein Grund zum Feiern ist. Leider hatten wir ja gestern noch eine Besprechung, ansonsten hätte ich dir so gerne noch ein paar Tricks gezeigt.“ Jane stellte ihre Tasse ab und rutschte auf seinen Schoss. „Ja, du hast Recht, die waren ja ganz schön aus dem Häuschen, als ich es ihnen erzählt habe. Jetzt werde ich schnell duschen und dann müssen wir auch los.“ Er nuschelte etwas in ihren Nacken, was ganz nach „sieht ganz so aus“ klang. „Jane, als du gestern Abend solange in deiner Kabine warst, um zu packen, also ich glaub, ich konnte spüren, dass du dich über etwas aufgeregt hast. Willst du mir verraten, was es war?“ Doc zuckte leicht zusammen. „Oh Bo, ich glaube, das hast du falsch interpretiert, ich habe etwas nicht gefunden, das hat mich geärgert.“ „Noch etwas. Soll Tiago, während wir weg sind, wieder deine Sache rüberholen?“ Sie nickte und lächelte ihn an. Sie wollte nirgendwo lieber sein, als an seiner Seite. Punkt 11 Uhr standen alle Sixpack-Schwestern und die Brüder der Schwarzen Orchidee an der Planke, um von Bord zu gehen. Eric kam an Bord und gesellte sich zu Jean, Tim und Tiago. Duncan sprach noch kurz mit ihnen, dann marschierte er los, und alle anderen folgten ihm. Bowen legte den Arm um Doc und wollte hinter den anderen das Schiff verlassen. Plötzlich ließ sie ihre Tasche fallen „Oh Mist, ich habe etwas vergessen, ich bin in fünf Minuten wieder da.“ Sie flitzte davon und er blickte ihr nach. „Na ja, Frauen, die können ja eine ganze Menge wichtiger Dinge vergessen, wobei es eigentlich nicht zu ihr passte“, überlegte er der bei sich. Die Tasche mit der medizinischen Ausrüstung trug er, und ihre persönlichen Dinge hatte sie am Vorabend gepackt und sehr lange dafür gebraucht. Sie war zwar auf liebenswerte Weise etwas chaotisch, aber wenn es drauf ankam, ganz und gar nicht. Da kam sie auch schon wieder angehechtet. Allerdings ohne etwas geholt zu haben. Er hob eine Augenbraue „Ach, falscher Alarm, ich hatte doch nichts vergessen. Los komm, die anderen warten schon am Pier.“ Atemlos blieb sie neben ihm stehen und hob ihre kleine Reisetasche mit den privaten Dingen auf. An Land angekommen, ernteten die beiden einen strengen Blick von Duncan, den Bo ganz charmant mit einem Achselzucken entgegnete. „Also gut, da wir nun endlich vollzählig sind, folgt mir bitte ohne weitere Verzögerung zu unserem Reisebus.“ Noch trugen alle zivile Kleidung, um den Eindruck einer Reisegruppe abzugeben. Duncan drehte sich um, mit Angie an seiner Seite ging er auf einen leicht ramponiert wirkenden Reisebus zu.

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Er nickte dem Fahrer, der offensichtlich auch ein Mitglied des Ordens war, zu. Zischend öffneten sich die Türen, und alle stiegen ein. Bo zog Doc direkt auf die hinterste Bank und überließ ihr einen Fensterplatz. In der Reihe vor ihnen saßen Kerstin und Drago. Sie klopfte Kerstin auf die Schulter, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Da ertönte plötzlich eine unbekannte Stimme mit starkem französischem Akzent: „Merde! Willst du mich hier zu Tode quetschen? Du hast wohl noch nie was von PETA gehört, oder was? Außerdem ist hier ein geschmolzenes Schokotoffee in deiner Hosentasche. Sind Merküren immer solche Ferkel?“ Schlagartig wurde es sehr still im Bus. Die Türen hatten sich wieder geschlossen und der Bus fuhr los. Alle drehten sich um und blickten verwirrt umher. Welchem blinden Passagier gehörte diese Stimme? Leider hatten alle so ein gutes Gehör, dass ihre Blicke auf Doc hängenblieben. Sie versuchte sich so klein wie möglich auf ihrem Sitz zu machen. Dass Bowen sie ebenfalls fragend musterte, machte die Situation auch nicht besser. „Was war das? Doc, das kam doch von dir. Du bist doch nicht unter die Bauchredner gegangen. Also, was war das?“ Kerstin sah sie an und auch Drago hatte sich umgedreht. „Öhm, also ich weiß nicht, habt ihr den Fußgänger nicht gesehen, der gerade hier am Bus vorbeigegangen ist. Ich schätze, Franzosen machen hier auch schon mal Urlaub.“ „Jane, die Fenster sind geschlossen und hier ist keiner vorbeigegangen. Das kam von dir!“ Und schon ertönte wieder dieses dumpfe Stimmchen: „Könnte jemand dieser Tierquälerin sagen, dass es nicht die feine Art ist, jemanden in die Hosentasche einer viel zu engen Hose zu stopfen und sich dann auch noch hinzusetzen. Sacrebleu, oder sie soll abspecken.“ Inzwischen hatten alle ihre Plätze verlassen und sich zu Doc und Bowen in den hinteren Teil des Busses begeben. Fragend schauten sie Doc an. Es war nicht einfach für sie aus der Nummer wieder rauszukommen. Also entschied sie sich für die Wahrheit, stellte sich hin und griff in die Hosentasche ihrer Hotpants. Zum Vorschein kam ein kleiner, silberfarbener Goldhamster mit einer winzigen Redsox Baseball-Cap auf dem Kopf. Der Hamster grinste triumphierend in die Runde und sagte: „Bonjour, Mesdames et Messieurs! Mein Name ist Ford Fleur, aber bitte nennt mich Ef-Ef das klingt irgendwie cooler. Alors, diese Tierquälerin Doc ist meine Herrin, aber die kennt ihr ja wahrscheinlich.“ „Halt doch einfach mal die Klappe.“ Doc funkelte das kleine Nagetier wütend an. Sekundenlang war es totenstill in dem Bus, fassungslos starrten alle abwechselnd zu Doc und das kleine, sprechende Wesen mit dem französischen Akzent. Dann redeten plötzlich alle auf einmal auf Doc ein. „Wie süß! Wo hast du denn her?“ Igitt, ich mag keine Ratten!“ „Jane, ich denke, du bist uns eine Erklärung für diesen Zirkus schuldig“, beendete Duncan mit seiner donnernden Stimme das Durcheinander. Er hatte Recht, schuldbewusst senkte Doc die Augen, aber der Blick, den er Doc schenkte, machten sie nur noch nervöser. Von einem Fuß auf den anderen tretend blickte sie noch einmal alle an und legte dann los: „Also gut. Gestern, nach der zweiten Besprechung, hatte Kerstin mir eine Art Rezept gegeben. Sie hatte es in der Bibliothek gefunden. Jedenfalls war es die Anleitung zur Beschwörung eines Geistes. Ich dachte, ich könnte so herausfinden, was es mit der Voraussagung von Kerstins Traum auf sich hat und eventuell sogar diesen speziellen Schutzgeist rufen, um genauere Erklärungen zu bekommen. Laut Anleitung sollte man den Geist auch wieder zurückschicken können. Die Schrift war sehr alt, keltisch, und nicht einwandfrei leserlich, ich habe also in manchen Dingen improvisiert, und ich hätte niemals für möglich gehalten, dass es funktioniert. Ich dachte auch nicht, dass die Farbe der Kerzen so einen Unterschied macht. Da ich nur schwarze Kerzen auftreiben konnte, habe ich also keinen Geist, sondern einen Dämon gerufen. Unglücklicherweise einen, der gerade von seinem Unterweltfürsten seiner Mächte beraubt worden war und sozusagen rausgeworfen wurde. Das heißt, ich konnte ihn nicht mit der Spruchformel zurückschicken. Und glaubt mir, ich habe es wirklich versucht. Ich hoffe, wenn wir zurück sind, dass ich in der Bibliothek etwas finde, um dieses kleine Fellknäuel loszuwerden.

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Bis dahin sieht es wohl so aus, als ob ich seine neue Herrin bin. Er kann uns nichts Böses tun. Leider hat es den Anschein, als hätte er auch keine guten Eigenschaften an sich. Trotzdem konnte ich ihn nicht einfach an Bord zurücklassen. Es tut mir leid, dass ich euch nicht sofort davon in Kenntnis gesetzt hab.“ Stille. Keiner sagte etwas und alle blickten den kleinen Hamster in Docs Hand an, der sie ebenfalls mit seinen Knopfaugen musterte. Hatte er tatsächlich gerade Angie zugezwinkert? „Hey Doc, wer ist die hübsche Puppe da vorne? Die mit den blond gelockten Haaren.“ Sie verdrehte die Augen. „Halt doch bitte einfach nur deine Klappe. Oder verrate mir, was ich tun muss, um dich zum Schweigen zu bringen. Mir fällt nur die Alternative ein dich aus dem Fenster zu werfen.“ „Mon dieu, so grausam könntest du sein? Also gut, mit Bitten kommst du bei mir nicht weit, aber deinen Befehlen muss ich Folge leisten.“ „Okay, also Ford Fleur ich befehle dir zu schweigen.“ Der Dämon presste seine Lippen aufeinander und guckte Doc beleidigt an. „Och wie niedlich, der schmollt ja. Ich wusste gar nicht das Hamster das können. Gib mal her.“ Kerstin schien richtig angetan von dem kleinen Biest zu sein. Doc reichte ihn ihr und ließ sich zurück auf ihren Sitz fallen. „Bowen, es tut mir leid, darüber habe ich mich gestern so geärgert. Das war auch der Grund, warum ich solange gebraucht habe, um meine Klamotten zu packen. Mir war das nur so peinlich, ich hatte gehofft, ihn wieder loszuwerden, bevor irgendwer etwas davon mitbekommt.“ „Ach Süße, mach dir mal keinen Kopf. Was soll so ein kleiner machtloser Dämon schon tun, und wenn wir zurück sind, helfe ich dir bei den Nachforschungen. Wer weiß, vielleicht ist er nützlicher als es bisher den Eindruck erweckt.“ Duncan scheuchte alle wieder auf ihre Plätze zurück. Er konnte ganz schön furchteinflößend wirken, wenn er wollte. Doch dann lächelte er. „Erstmal möchte ich euch noch zu eurer Verbindung gratulieren. Du wurdest ja gestern so von deinen Schwestern in Beschlag genommen, dass ich gar nicht dazu gekommen bin.“ Er umarmte Doc und ihr fiel ein riesiger Stein vom Herzen, sie hatte ja eher mit einer Standpauke gerechnet. „Jane, dieser Ef-Ef fällt in deinen Zuständigkeitsbereich, achte darauf, dass er keinen Mist baut, du bist für ihn verantwortlich. Das nächste Mal ziehe bitte jemanden zu Rate, wenn du so was Bescheuertes ausprobierst. Wir haben jetzt jedoch Wichtigeres vor uns, als uns damit aufzuhalten.“ Damit beließ er es dabei und ging wieder nach vorne. Kerstin gab Ef-Ef wieder an Doc zurück, die ihn neben sich auf den Sitz setzte „Hier. Also ich finde den ganz knuffig. Und danke, ich weiß, dass du das nur meinetwegen ausprobiert hast.“ Sie lächelte Doc aufmunternd zu und vertiefte sich dann in ein Gespräch mit Drago. Ruckelnd fuhr der Bus über eine Landstraße. Trotz des angenehmen Klimas, war sie jetzt schon ganz durchgeschwitzt. Die anderen plapperten munter durcheinander, man hätte wirklich denken können, es handelte sich um ganz normale Touristen. Da bogen sie ein weiteres Mal ab und fuhren auf den Hangar zu. Aus dem Fenster konnte sie den Airwolf sehen, neben dem zwei bekannte Gesichter standen: Lucy und Gavin. Endlich waren sie wieder alle vollzählig. Das Abenteuer konnte beginnen.

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Während Doc und Bowen sich unterhielten, rutschte Ef-Ef unbemerkt von seinem Sitz, krabbelte zu Kerstin rüber und machte durch leichtes Kratzen an ihrem Bein auf sich aufmerksam. Vorsichtig hob Kerstin ihn hoch. Sie war von Ef-Ef total hingerissen und kuschelte und unterhielt sich mit ihm, während Drago die beiden misstrauisch beobachtete. Ihm gefiel das ganz und gar nicht, dass Kerstin so vernarrt in diesen Hamster war. Drachen waren schon seit je her nicht gut auf Dämonen zu sprechen, und obwohl er persönlich keine schlechten Erfahrungen gemacht hatte, wusste er das aus alten Überlieferungen. „Was haben wir jetzt vor?“, fragte Ef-Ef und schlug seine Augen so hinreißend auf, dass Kerstin vor Begeisterung fast quietschte. „Wir machen einen Ausflug“, mischte Drago sich barsch in ihre Unterhaltung ein. Ef-Ef zog eine Schnute und antwortete schnippisch: „Oha, da hat aber jemand schlechte Laune. Bist du eifersüchtig?“ Drago schaute ihn böse an. „Auf was denn? Etwa auf Katzenspielzeug? Mal schauen wie Lucy dich findet. Kann mir vorstellen, dass sie dich für einen besonderen Leckerbissen hält.“ Kerstin knuffte Drago leicht in die Seite. Ef-Ef lächelte zufrieden und kuschelte sich in Kerstins Hände. Dann war es Zeit zum Aussteigen. Ef-Ef wurde wieder von Doc in Empfang genommen, die noch gar nicht bemerkt hatte, dass ihr neuer, kleiner Freund sich selbstständig gemacht hatte. Drago legte seinen Arm um Kerstins Taille und schob sie in Richtung Ausgang. Draußen wartete schon der Hubschrauber. Lucy und Gavin standen schon da und lächelten erfreut, als die Brüder und Schwestern auf sie zu kamen. Mit einem großen Geschrei und Geplapper fielen sich alle in die Arme. Es tat so gut sich wieder zu sehn. Es gab so viel zu erzählen und da alle durcheinander sprachen, brauchte Duncan drei Anläufe, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen. „So, Kinder, jetzt beruhigen wir uns mal wieder. Ich rede jetzt mit dem Piloten und ihr Jungs holt bitte schon mal das Gepäck. In einer viertel Stunde treffen wir uns am Heli. Wenn die Damen nochmal wohin müssen?“ Mit dieser Andeutung drehte Duncan sich grinsend um, gab Angie einen zärtlichen Kuss und ging zum Heli. Die Jungs marschierten zurück zum Bus und die Schwestern machten sich auf den in den Hanger, um sich frisch zu machen. Dabei plapperten und kicherten sie die ganze Zeit. Daran hatte sich auch nichts geändert, nachdem sie wieder zurück waren. Die Jungs, die vor dem Hanger warteten, verdrehten die Augen, als die Mädels ranrückten. „Warum gehen Frauen eigentlich immer im Rudel auf die Toilette?“, fragte Bowen. Er erhielt aber keine Antwort, sondern nur ein Schulterzucken der anderen. „Hey, was ist los? Was zieht ihr denn für Gesichter?“, fragte Lilli in die Runde.“Tja, wegen einer Schlechtwetterfront können wir nicht starten, und so wie es aussieht, müssen wir diese Nacht wohl hier verbringen“, sagte Duncan. „Na toll, und dafür haben wir uns so beeilt“, murmelte Doc. „Ach echt?“, neckte Bowen sie und sie streckte ihm dafür die Zunge raus. „Wir bauen uns jetzt hier ein provisorisches Lager auf. Lucy, Gavin, Angie und ich versuchen etwas zum Essen zu organisieren. Dann können uns die zwei auch schon mal über alles Wichtige informieren. Und wir fallen in einer kleineren Gruppe nicht so auf. Ihr anderen macht bitte die Lager fertig.“ Mit dem Jeep aus dem Hanger fuhren die vier los. Lilli, Doc und Kerstin sahen sich die nähere Umgebung an und machten sich auf die Suche nach Dingen, die ihnen die Situation so angenehm wie möglich machen könnten. Sie fanden alte Öllampen, Kisten, die sie als Sitzgelegenheit umfunktionierten. Drago, Bowen und Fernando bewiesen ihr Geschick darin das Lager so aufzubauen, dass jedes Paar seine eigene bescheidene Privatsphäre hatte. Nach gut zwei Stunden waren wieder alle beisammen. Duncan, Angie, Lucy und Gavin brachten, zur Überraschung der anderen, etwas zum Grillen mit. Zusätzlich noch Besteck, Geschirr, Wein und Kerzen. Es gab landestypisches Brot, Rippchen, Steak und Garnelen. Und für die Schleckermäulchen hatten sie doch tatsächlich einen Käsekuchen aufgetrieben. In einer Ecke im Hanger hatte Gavin einen Rost gefunden, der sich zu einem Grill umfunktionieren ließ. Lilli und Fernando hatten über die Kisten ein paar Decken gelegt und die Kerzen verteilt. So schafften sie eine wirklich gemütliche Atmosphäre. Und während das Essen auf den Grill brutzelte, berichteten Lucy und Gavin nochmal allen, was sie auf Kuba erlebt und herausgefunden hatten. Seite 154 Eigentlich waren sich Gavin und Duncan ja einig, den anderen gegenüber Lindsay nicht weiter zu erwähnen. Sie sprachen während ihres Einkaufs noch einmal darüber. Aber Lucy und Angie legten Widerspruch ein. „Also, ich bin der Meinung, dass ihr den anderen nichts verschweigen dürft“, sagte Angie zu den beiden. „Ihr wisst nicht welche Rolle Lindsay in der ganzen Sache spielt und ihr wisst auch nicht wie sie zu den Dragons gekommen ist und warum. Dieses kleine Miststück hat euch jahrelang glauben lassen, dass sie tot ist und dass Drago für das alles verantwortlich ist. Dadurch hat sie sich bei mir komplett disqualifiziert und sie ist in keinster Weise vertrauenswürdig. Was ist, wenn wir im Kampf auf sie treffen? Was ist, wenn sie plötzlich in Choqequirao auftaucht und die anderen sind nicht darauf vorbereitet? Das würde in einer Katastrophe enden! Schließlich wissen ja noch nicht alle, dass sie nicht nur lebt, sondern scheinbar auch zur Führungstruppe der Dragons gehört.“ Angie schaute die beiden durchdringend an. Lucy stellte sich demonstrativ neben sie und sagte mit fester Stimme: „Ich bin der selben Meinung wie Angie! Ihr müsst es allen sagen!“ Gavin schaute Duncan an. „Sie haben Recht, Duncan. Wir müssen es allen sagen. Vor allem Drago muss es erfahren.“ Duncan nickte kurz. „ Mir war sowieso die ganze Zeit nicht wohl bei dem Gedanken, es zu verschweigen.“ Jetzt war es also an der Zeit es zur Sprache zu bringen. Es tat Duncan zwar leid, diese schöne Lagerfeuer-Atmosphäre zu zerstören, aber es musste sein. Duncan erhob sich und sagte in die Runde: „Gavin und Lucy haben noch etwas in Bezug auf Lindsay in Erfahrung gebracht, dass ihr alle wissen solltet.  Oder besser gesagt, sie sind über etwas Unfassbares gestolpert, das uns alle zutiefst erschüttern wird. Duncan machte eine kurze Pause und schaute sie mit sehr ernstem Gesicht der Reihe nach an.  Angie ergriff Dragos Hand und drückte sie fest, als Duncan die Bombe platzen ließ. „Dass Lindsay lebt, wisst ihr ja bereits, es hat sich aber herausgestellt, dass sie zu den Führungsmitgliedern der Dragons gehört und mit einem ihrer Anführer zusammenlebt!“ Fernando und Bowen schauten geschockt und mit weit aufgerissenen Augen Duncan an. „Wie kann das nur sein?“, stammelte Fernando. Drago riss sich von Angie los, sprang auf und brüllte ein verzweifeltes, zorniges „Nein!“ in die Nacht hinaus. Duncan und Fernando waren sofort bei ihm und fingen in auf, als er mit schmerzverzerrtem Gesicht in sich zusammensackte. Drago schaute die beiden an: „Warum hat sie uns das angetan? Sie war doch wie unsere Schwester. Wir haben ihr bedingungslos vertraut. Sie hat gesagt, dass sie mich liebt. Warum hat sie uns so bestraft?“ Duncan setzte sich Drago gegenüber: „Ich weiß es nicht, Drago. Ich kann es mir auch nicht erklären. Sie wollte sich mit mir treffen, aber Gavin und ich fanden es besser, damit bis nach unserem Einsatz zu warten. Wir können ihr nicht mehr vertrauen, und wenn ich mit ihr gesprochen hätte, hätte sie gewusst, dass wir alle hier sind. Wir dürfen unsere Mission aber nicht gefährden. Es steht zu viel auf dem Spiel.“ Drago zitterte zwar noch am ganzen Körper, aber er hatte sich wieder etwas gefangen. Kerstin bewegte sich vorsichtig auf ihn zu und legte ihm zärtlich ihre Hand auf die Schulter. „Es tut mir so leid“, sagte sie mitfühlend zu ihm und strich ihm sanft mit der anderen Hand über den Arm. Drago sah ihr dankbar in die Augen und nahm sie dann zärtlich in die Arme. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und drückte sie noch fester an sich. Er hörte auf zu zittern, löste sich aus der Umarmung und ein Ruck ging durch seinen Körper. Er drehte sich um und blickte entschlossen in die versammelte Runde, die ihn alle abwartend ansahen. „Ich weiß nicht, ob ihr mich jetzt verstehen könnt, aber ich bin mir gerade über etwas klar geworden. Auch wenn Lindsay nicht tot ist, für mich ist sie mit dem jetzigen Zeitpunkt gestorben! Sie hat uns jahrelang in dem Glauben gelassen, dass sie tot ist. Sie hat uns bewusst entzweit und in tiefe Trauer versinken lassen. All meine Gefühle ihr gegenüber, egal welcher Art, sind verschwunden und ich empfinde nur noch eine Leere. Sicher müssen wir uns in naher Zukunft mit ihr und ihrem Handeln auseinandersetzen, aber mich berührt es nicht mehr und es ist mir egal, was mit ihr passiert. Diese Jahre der Trauer, der Einsamkeit und der Schuldgefühle, kann und will ich ihr nicht verzeihen. Ich bin fertig mit ihr!“ Drago setzte sich ganz ruhig wieder auf seinen Platz, zog Kerstin in seine Arme und flüsterte: „Ich habe endlich mein Glück gefunden.“ Irgendwie waren alle erleichtert über die Reaktion von Drago. Duncan schaute in die Runde und atmete tief durch. „Dann lassen wir das Thema Lindsay wohl am besten ruhen, bis wir gefahrlos mit ihr sprechen können. 

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Wenn sie dann immer noch Interesse daran hat, mit mir in Verbindung zu treten. Ich wollte nur, dass ihr auf ein eventuelles Zusammentreffen mit ihr vorbereitet seid. Wir wissen ja nicht, welche Rolle sie in der Organisation der Dragons spielt und welche Absichten sie hat. Falls sie allerdings in Choqequirao bei den Dragons auftaucht, müssen wir sie als unseren Feind ansehen und entsprechend handeln. Das muss uns allen klar sein!“ Fernando, Bowen, Gavin und Drago nickten zustimmend und machten einen sehr entschlossenen Eindruck. Bevor alle in tiefe Grübelei versinken konnten, ertönte Lillis Ruf. „Essen ist fertig!“ Alle schauten sich erschrocken an, an das Essen hatte keiner mehr gedacht. Sie sprangen auf und versammelten sich mit ihrem Geschirr um den provisorischen Grill. Lilli lächelte vergnügt in die Runde. „Kann es sein, dass hier einige ganz schönen Hunger haben?“ Es gab wirklich nicht viel, was Lilli die Laune verhageln konnte und ihre unbeschwerte Art, die sie gerade an den Tag legte, tat allen gut und ging auf sie über. Der Bann war gebrochen, alle machten sich über das gute Essen her und die Stimmung wurde wieder etwas fröhlicher. Nach dem Essen plapperten wieder alle wild durcheinander und die eine oder andere Lagerfeuer-Geschichte wurde zum Besten gegeben. Plötzlich stand Duncan mit einem breiten Grinsen und einer Gitarre in der Mitte. „Die habe ich im hinteren Eck der Baracke gefunden und ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich noch etwas preisgebe“, sagte er und blickte dabei auf Fernando. „Duncan, muss das sein?“, fragte dieser und schaute etwas verlegen. „Ja, das muss sein!“ Duncan ging auf Fernando zu und drückte ihm die Gitarre in die Hand. „Ihr müsst nämlich wissen, dass unser Fernando ein kleines Geheimnis hat.“ Alle schauten neugierig auf Duncan und Fernando. „Er ist einer der besten Gitarristen, die ich je gehört habe. Ich hatte das Vergnügen, als ich bei ihm zu Hause auf der Rinderfarm war und wir jeden Abend an einem gemütlichen Lagerfeuer saßen. Keiner spielt argentinischen Tango so gut auf der Gitarre, wie unser Nando.“ Fernando machte immer noch einen verlegenen Eindruck und Lilli hätte schwören können, dass er kurz rot angelaufen war. „Duncan, du übertreibst mal wieder maßlos, und ich habe schon seit Jahren nicht mehr gespielt.“ „Nein ich übertreibe überhaupt nicht, und dass ist doch wie beim Fahrrad fahren, man verlernt es nie. Los zier dich nicht so und spiel uns was vor!“ Alle redeten jetzt durcheinander auf Fernando ein. „Ja, ja schon gut. Ich spiele ja“, sagte er lachend und fing an die Gitarre zu stimmen. „Das kostet dich aber was!“, sagte er grinsend zu Duncan und dann ließ die Gitarre erklingen. Alle waren mucksmäuschenstill, und sofort waren sie von den wunderschönen Klängen eines Tangos gefangen. Eine ruhige, entspannte Stimmung legte sich über die Runde, jeder der Jungs hatte seine Lady in den Armen und sie lauschten gemeinsam Fernando und seiner Gitarre. Lilli hatte sich zu Fernandos Füßen gesetzt, ihren Kopf auf sein Bein gelegt und schaute ihn voller Bewunderung und Liebe an. Er schaute ihr tief in die Augen, vergaß alles um sie herum und spielte und sang nur noch für sie. Alle hatten den Eindruck, als säßen sie friedlich mitten in der argentinischen Pampa, und für eine kurze Zeit dachten sie nicht an die Gefahr und den Kampf, der vor ihnen lag. So nach und nach zogen sich die Pärchen zurück, und bei den Klängen von Fernandos Gitarre schliefen sie auch bald ein. Auch Lilli konnte ihre Augen nicht mehr offen halten, und Fernando hörte auf zu spielen und trug sie zu ihrem Schlafplatz. „Warum hast du mir nie erzählt, dass du so wundervoll Gitarre spielen und singen kannst?“ „Das wollte ich mir für einen besonderen Moment aufheben. Duncan dachte wohl, dass dieser besondere Moment heute Abend war“, antwortete Fernando und lächelte verschmitzt. Lilli kuschelte sich in seine Arme. „Ja, das war wirklich ein ganz besonderer Moment dir zuzuhören. Es war wunderschön.“ „Das freut mich, dass es dir gefallen hat und jetzt schlaf, meine Schöne.“ Fernando zog Lilli fest in seine Arme und küsste sie zärtlich. „Es wird wohl die letzte ruhige Nacht sein, für die nächsten Tage. Ab morgen stehen wir wieder im Kampf.“ Alle waren in einen ruhigen, erholsamen Schlaf verfallen, außer Fernando und Duncan. Die beiden waren glücklich die Frauen ihres Lebens, die sie so lange gesucht hatten, im Arm zu halten. Aber sie dachten sorgenvoll an eine andere Frau, die ihnen auch einmal sehr viel bedeutet hatte, und von der sie nicht wußten, was sie im Schilde führte.

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Die Nacht verlief trotz der aufziehenden Schlechtwetterfront ruhig und ohne Zwischenfälle. Für einen Moment dachte Lucy, sie hätte ein leichtes Beben gespürt, schlummerte dann aber wieder schnurrend an der Seite von Gavin ein. Erst in den frühen Morgenstunden, die Sonne war noch nicht aufgegangen, wurde Duncan von seinem Handy geweckt. Auf seinem Display erschien Bones Nummer. Seit Bones und Kate das Schiff verlassen und auf einem U-Boot angeheuert hatten, hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt. Nachdenklich, die Stirn in Falten, nahm er das Gespräch entgegen. „Thorpe“, bellte er ins Telefon. Angie schlug mit geschlossenen Augen mit dem Kissen nach ihm und murmelte etwas, das nach „verzieh dich“ klang. Erst jetzt wurde er sich bewusst, dass alle noch schliefen. „Einen Moment Bones, ich geh nach draußen“, flüsterte er und wand sich geschmeidig wie eine Raubkatze aus seinem Schlafsack hervor. „Was gibt’s? Geht es euch gut? – Ja, ich hör ja zu. Hm, welche Warnung? – Auch das noch. Okay, bist du dir sicher? -Wann? – bleibt nicht mehr viel Zeit. Danke, dass du angerufen hast. Ging die Meldung schon raus? Ah, verstehe, uns zuerst. Woher weißt du überhaupt, wo wir – Sweetlife, klar. Gut, wir machen uns sofort auf den Weg. Danke.“ Duncan schloss die Augen, atmete tief ein und ließ die Nachricht erst einmal sacken. Die ersten Sonnenstrahlen kamen hinter dem Hangar hervor und wärmten sein Gesicht. Es war zwar noch sehr windig, doch zumindest fiel im Moment kein Regen mehr. Die Frage war, ob sie es wagen konnten mit dem Heli zu fliegen, oder ob der Wind nicht doch zu stark war. Die Brüder waren alle erfahrene Piloten und deshalb beschloss er, das Risiko einzugehen. Ihnen lief die Zeit davon. Mit energischem Schritt ging er zurück und rüttelte Norbert bis er die Augen aufschlug. Ihm übertrug er die undankbare Aufgabe, den Rest der Mannschaft zu wecken. „Ich will, dass alle in 10 Minuten im Hubschrauber sitzen“, schnauzte er ihn an. „Dir auch einen guten Morgen“, erwiderte Norbert bissig, war aber bereits dabei seine Sachen anzuziehen. „Was ist denn überhaupt los?“, wollte er wissen. „Erdbeben, Tsunami, Bones, nicht viel Zeit“ war alles, was er verstand, denn Duncan hatte ihm schon den Rücken zugedreht und war in Richtung Angie unterwegs. „Liebes, du musst aufstehen“, sanft schüttelte er sie. „Geh weg, es ist ja noch nicht mal hell“, grummelte sie in das Kissen. „Ich will noch schlafen!. Duncan, der es immer noch nicht gewohnt war, dass ihm jemand widersprach, lächelte hinterhältig. „Sag nicht, ich hätte es nicht auf die sanfte Tour versucht“, und zog ihren Schlafsack mit einem Ruck in die Höhe. Angie, ihrer warmen, kuschligen Höhle beraubt, schoss hoch und versuchte im gleichen Moment einen Boxhieb bei Duncan zu landen. Der hatte aber mit einem solchen Manöver gerechnet und entkam ihrem Schlag mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung. Immer noch grinsend hob er entschuldigend die Hände, um sie ein wenig zu besänftigen. „Es tut mir leid, aber wir müssen ganz schnell aufbrechen. Bones hat mich informiert, es gibt für die Küste hier eine Tsunami-Warnung. Ich erklär euch alles später. Nun sieh zu, dass du und deine Schwestern in 10 Minuten angeschnallt an Bord sitzt.“ Angie riss die Augen auf. 10 Minuten? Du spinnst wohl, wie sollen wir das denn schaffen, ich hab noch nicht mal eine Tasse Kaffee getrunken, ohne die geht gleich gar nichts“, meckerte sie los. Noch während sie vor sich hin schimpfte, sickerte allmählich der erste Teil der Nachricht zu ihr durch. Duncan beobachtete ihr Minenspiel und wartete einfach ab, bis diese Gewitterfront abzog. Duncan riss sie in dem Moment an sich und nuschelte noch „später“ in ihr Haar und eilte davon. Angie blickte sich um, alle waren schon in Bewegung. Die Nachricht hatte sich schon also herumgesprochen. Die ganze Meute rannte im Hangar hin und her, man hätte fast meinen können, wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen. Doch das geschulte Auge von Angie erkannte, dass keine Bewegung zufällig war, kein Weg unnötig, alle hoch konzentriert und effizient bis in die Haarspitzen. Sie waren sich ihrer Situation und der Gefahr bewusst. In Windeseile schlüpfte sie in ihre Kleider, rollte ihren Schlafsack auf und sammelte ihre restlichen Sachen ein. Innerhalb weniger Minuten war sie fertig und trat mit ihrem Gepäck aus dem Hangar. Dort traf sie auf ihre Schwestern und stellte sich zu ihnen. Die Brüder waren alle damit beschäftigt, die Helikopter startklar zu machen und das Gepäck und ihre Ausrüstung zu verstauen. Einen Großteil hatten sie zu ihrem Glück schon gestern verstaut. Ihre sorgenvollen Blicke gingen in Richtung Meer, das sie von ihrem Standpunkt aus nicht sehen, sondern nur erahnen konnten. Angie schaute von einer Schwester zur anderen und musste unweigerlich lächeln. So wie sie aussahen, würde sie kein Gegner ernst nehmen. Die Haare zerzaust und ungekämmt, das Gesicht ungeschminkt, unter den Augen die dickem schwarze Balken aus verlaufener Mascara. Doch Angie spürte die Anspannung, es brodelte unter der Oberfläche. Lilli schien total abwesend. Den Blick leer, lauschte in die Ferne, als ob sie die aufkommende Sturmflut hören konnte. Lucy wurde immer unruhiger, trat von einem Fuß auf den anderen. „Ich kann es spüren, sie kommt, wir müssen sofort hier weg“, sagte sie und griff nach ihrem Rucksack. Angie, Kerstin, Lilli und Jane folgten ihrem Beispiel und wuchteten ihre Gepäckstücke auf den Rücken. So schnell sie konnten, rannten sie zu den Hubschraubern.

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Gestikulierend und rufend versuchten sie den Brüdern klar zu machen, dass sie sofort in die Luft mussten. Behände kletterten sie an Bord, verstauten ihre Rucksäcke unter den Sitzen und schnallten sich an. Norbert verteilte kleine handliche Headsets, damit sie sich trotz des Lärms verständigen konnten. „Ef-Ef, ich habe Ef-Ef vergessen“, rief Jane aus. Und blitzartig sprang sie aus dem sich schon in der Luft befindenden Hubschrauber und rannte Richtung Hangar. „Jane, lass ihn, komm zurück, wir haben keine Zeit mehr“, rief Angie ihr nach. Aber vergebens, Jane konnte sie nicht hören. Bowen sprintete ihr hinterher und versuchte sie einzuholen, doch Jane war schon im Hangar verschwunden. Duncan befahl Norbert mit dem anderen Hubschrauber schon zu starten. Er wollte auf Doc und Bowen warten. Über den Lärm der Hubschrauber hörten sie plötzlich ein Rauschen und Dröhnen aus der Ferne. Der Tsunami kam. Von ihrem Standpunkt aus konnten sie das Meer nicht sehen, aber sie konnten es hören. Eine riesige Wand aus Wasser baute sich vor ihnen auf und drohte jeden Moment die Küste zu erreichen. Und Jane und Bowen waren immer noch nicht zurück. Doch da, in diesem Augenblick tauchten sie wieder auf. Jane hielt einen kleinen Beutel in der Hand, der sich nach genauerem Hinsehen als eine Socke herausstellte. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, wer würde zuerst den Hubschrauber erreichen. Die riesige Welle oder Jane und Bowen. Lucy war schon blau im Gesicht, denn sie hielt vor Anspannung den Atem an. Lilli legte ihr beruhigend eine Hand aufs Bein. „Sie schaffen das, glaube mir.“ „Wir müssen hoch“, brüllte Duncan Gavin zu. „Du kannst sie nicht hierlassen“, schrie Angie ihn an. „Sie schaffen das, warte!“ Aber zu spät, der Heli erhob sich in die Luft. „Gavin, halt ihn in 20 Meter Höhe, und ihr, werft endlich das Seil raus, oder muss ich alles alleine machen?“, schimpfte er wütend vor sich hin. Jane und Bowen rannten um ihr Leben, es waren nur noch wenige Meter bis zum Hubschrauber. Hinter ihnen verschluckte die Welle gerade den Hangar, das Gebäude wurde fortgespült, als wenn es aus Pappe wäre. Das Wasser schoss hinter ihnen her, kein Hindernis konnte auf seinem Weg Stand halten. Jane und Bowen hatten es fast geschafft, sie wollten gerade nach dem Seil greifen, als die Welle sie erreichte und einfach umwarf. Die Schwestern schrien auf, doch in der nächsten Sekunde waren Jane und Bowen von den Wassermassen verschluckt. Fassungslos starrten sie nach unten auf das immer noch wütende Wasser, keine Spur von Jane und Bowen. „Zieh hoch“, bellte Duncan Fernando zu. Langsam erhob sich der Hubschrauber weiter in die Luft, das Seil immer noch hinter sich her ziehend. Mit einem Auflachen deutete Kerstin ihnen nach unten zu schauen. Am Ende des Seils hingen triefend nass Jane und Fernando. Keiner wusste im Nachhinein, wer die Seilwinde angestellt hatte, um die Beiden nach oben an Bord zu holen, war ja auch egal. Hauptsache die zwei, oder besser die drei, Ef-Ef eingeschlossen, waren wohl auf. Ef-Ef, der wohl eine tief verwurzelte Abneigung gegen Wasser zu haben schien, schimpfte wie ein kleiner Rohrspatz. Allmählich entspannte sich die Gruppe wieder. Die Schwestern plapperten wieder wild durcheinander und kramten gleichzeitig in ihren Rucksäcken. Haarbürsten, Cremes, Mascara und Lippenstifte kamen zum Vorschein, auch ein kleiner Spiegel kam zum Einsatz. Die Brüder lächelten entspannt beim Anblick ihrer Gefährtinnen und dem Bild, das sie abgaben. Gab es überhaupt etwas, das die Schwestern aus der Bahn werfen konnte?

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Fortsetzung: Black Dagger Ladies Online – Lindsay [Kapitel 14]

Black Dagger Ladies Online

Letzte Vorbereitungen
Kapitel 12

Eine Weile sagte er nichts mehr, sondern hörte nur zu, was sein Gesprächspartner zu berichten hatte. Seine Miene verfinsterte sich dabei zusehends. „ Mit mir?“, rief er ungläubig, „okay, triff dich mit ihr und nimm Lucy mit, aber sie soll nur als Katze auftreten, das ist sicherer für euch beide. Ach ja, und dein Handy natürlich, damit ich mit dem sauberen Früchtchen… ja, genau! Aber erst muss ich noch… Ja, mach ich… also bis dann.“ Er warf das ausgeschaltete Handy ungehalten auf den Schreibtisch und fluchte laut: „Kreuzdonnerwetter noch mal! Muss das jetzt sein? Das Timing ist sowas von daneben man, sowas können wir jetzt absolut nicht gebrauchen!“ Er fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar und schüttelte den Kopf. Ich setzte mich im Bett auf und verstand überhaupt nichts mehr: „Duncan, was ist denn? Was ist passiert? Stimmt etwas nicht mit Lucy und Gavin?“ Er starrte nachdenklich aus dem Fenster, nahm dann das Handy wieder in die Hand, tippte eine Nummer ein und sagte mit leiser Stimme zu mir gewandt: „ Nein, nein, es ist alles in Ordnung mit ihnen. Ich muss nur eben noch… Ja, Tiago, ich bin`s. Trommel die anderen vom Orden zusammen, wir treffen uns in 15 Minuten im Konferenzraum. Ja… nein, das erklär ich dann, danke… ja, bis gleich.“ Wieder warf er das Handy weg, stürmte mit einem unterdrückten Fluch ins Bad und kurz darauf hörte ich die Dusche rauschen. Ich blieb ganz ruhig sitzen, zog meine Knie an, stützte mein Kinn auf und wartete einfach ab, was noch so passierte. Hm, ich verstand die ganze Aufregung einfach nicht, was mochte nur vorgefallen sein? In Rekordzeit war er im Bad fertig und kam, nur mit einem Handtuch um die Hüften, wieder zurück, um schnell in seine Sachen zu schlüpfen. Immer noch vor sich hin brummelnd schnappte er sich sein Handy, band seine Armbanduhr um und stürmte zur Tür raus. Oh oh. Mit hochgezogenen Brauen blickte ich wartend zur Tür. Drei… zwei… eins… Da flog sie wieder auf und er stand mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck im Rahmen: „Tut mir leid, tut mir leid! Ich bringe dich in deine Kabine, mein Herz. Gleich treffe ich mich mit den Jungs. Es ist etwas Unvorhergesehenes passiert, aber sobald ich etwas Genaues weiß, gebe ich dir Bescheid, versprochen.“ Er nahm mich mit samt der Decke in seine Arme, küsste mich auf die Stirn und wollte so mit mir auf den Gang. „Ähm, Duncan? Ich glaube Bambi möchte auch gerne mit“, sagte ich zu ihm und zeigte mit einem Lächeln auf mein Shirt, das immer noch auf der Erde lag. „Oh, natürlich, so kannst du nicht…“ „Jetzt mal ganz ruhig“, unterbrach ich ihn und legte einen Finger auf seine Lippen. „Ich finde den Weg schon in meine Kabine, geh du mal zu deinen Jungs. Es wird für mich sowieso höchste Zeit für eine Dusche und einen Kaffee mit meinen Schwestern.“ Er stellte mich vorsichtig hin, nahm mein Gesicht in beide Hände und sah mich plötzlich so ernst an, dass ich es ein bisschen mit der Angst bekam. „Angie, bitte sei mit deinen Schwestern in genau zwei Stunden im kleinen Konferenzraum, ja? Dann weiß ich mehr und… mach dir keine Sorgen.“ Mit einem liebevollen Lächeln drückte er mir einen Kuss auf die Lippen, und schon war er durch die Tür verschwunden. Kopfschüttelnd sah ich ihm nach, zog mein Shirt an und machte mich auf den Weg in meine Kabine.
Nach der Dusche stand ich grübelnd vor dem Schrank. Dieser merkwürdige Anruf von Gavin ging mir nicht mehr aus dem Sinn. „Man, und draußen war es so schön“, dachte ich, „die Sonne und die Wärme luden zum Sonnenbaden ein, oder zum Schwimmen, und es wehte kaum Wind. Ob ich mir wohl etwas Zeit stehlen konnte, um mit den Schwestern am Pool ein bisschen abzuhängen? Wer wusste schon, wann wir das wieder konnten.“ Das ungute Gefühl, das mich auf einmal beschlich, verdrängte ich aber ganz schnell wieder. Also zog ich mir meinen Bikini schon mal vorsichtshalber an und ein schlichtes weißes Strandkleidchen mit Spagettiträgern darüber. Gerade als ich mir meine Haare zu einem lockeren Knoten in meinem Nacken zusammen gebunden hatte, erschienen auch schon Doc mit Lilli, gefolgt von einer leicht außer Atem wirkenden Kerstin. Als ich meine Schwestern so vor mir stehen sah, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen: „Wow, ihr drei leuchtet ja geradezu, haha, Lilli… deine Ohren sind ja dunkelgrün, zu mindestens die Spitzen.“ Und mit einem Zwinkern fügte ich noch hinzu: „ Na? Alle eine schöne Nacht gehabt, stimmt`s?“ Doch sie sahen mich

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nur mit hochgezogen Brauen an, zeigten stumm auf mich und fingen an zu kichern. „Was denn? Wächst mir da was Merkwürdiges aus der Stirn?“, fragte ich misstrauisch in die Runde und fuhr prüfend mit dem Zeigefinger über die besagte Stelle. „Nein, nein“, sagte Doc beruhigend, „aber deine Augen! So wie jetzt haben sie noch nie geleuchtet, und sie waren noch nie so grün wie jetzt… Hehe, und strahlen tust du auch.“ Das war das Stichwort, und sofort erzählten und lachten wir, wie immer, alle durcheinander. Nur Kerstin wurde immer ruhiger, je aufgekratzter wir wurden. „Seid doch mal eben ruhig bitte, ich muss euch eine merkwürdige Geschichte erzählen“, rief sie laut und klatschte in die Hände, um sich Gehör zu verschaffen. Nachdem endlich alle mit Kaffee versorgt waren, legte sie los und erzählte uns von ihrem beunruhigenden Traum. Als sie fertig war, sahen wir sie besorgt an und Lilli fragte sie: „Und, wie geht es dir jetzt? Konnte Drago dich beruhigen? Man, dann müssen wir aber doppelt aufpassen!“ „ Ja, das kannst du aber laut sagen. Drago war sehr lieb, jetzt geht’s mir ja auch wieder gut, Gott sei Dank, aber ich kann euch sagen, das war schon eine merkwürdige Erfahrung“, sagte sie und konnte schon wieder lachen.
Plötzlich klopfte es an der Tür. „ Mädels? Seid ihr angezogen? Kann ich reinkommen?“ Es war die Stimme von Tiago. „Nein, sind wir nicht!“, rief Doc sofort lauthals, „aber du kannst trotzdem reinkommen!“ Sie wollte sich ausschütten vor Lachen und wir anderen auch. Draußen war es totenstill und nach einer Weile hörten wir ihn mit zögerlicher Stimme fragen: „Das war jetzt ein Witz, oder?“ Da ich neben der Tür stand, erlöste ich ihn, indem ich die Tür öffnete und ihm lachend antwortete: „Na klar! Komm rein, wir beißen nicht. Was gibt es denn?“ Kopfschüttelnd sah er uns der Reihe nach an und musste dann doch grinsen: „Man, ihr seid ja drauf. Aber Spaß bei Seite, ich soll euch von Duncan ausrichten, das die Teambesprechung jetzt stattfindet.“ „ Okay, dann kommen wir am besten gleich mit“, sagte Lilli, und wir machten uns sofort auf den Weg.
Im Konferenzraum waren schon alle Brüder des Ordens versammelt und diskutierten lautstark miteinander. Als wir eintraten, verstummten sie schlagartig und sahen uns stumm und ein bisschen unsicher an. Komisch… doch dann sprachen alle wieder gleichzeitig, und wir Mädels suchte uns einen Platz bei unseren Partnern. Da Duncan vorne an einem Pult stand, setze ich mich in die Nähe. Als er mit der flachen Hand auf den Tisch schlug, trat augenblicklich Ruhe ein und alle sahen ihn erwartungsvoll an. Nachdem er mich kurz angelächelt hatte, blickte er wieder ernst nach vorne und legte mit seiner tiefen klaren Stimme los: „Ich werde euch nun den Ablauf für morgen bekanntgeben. Da der Hafen in Pisco sich als zu klein für unser Schiff erwiesen hat, werden wir also schon morgen um ca. 10 Uhr in Lima einlaufen und mit der Seraphim zwischen den anderen Kreuzfahrtschiffen vor Anker gehen. Das ist für uns die beste Tarnung, denn wir wissen nicht, inwieweit die Dragons von unserer Ankunft informiert sind. Unsere Verbindungsleute in Peru haben alles Weitere für uns organisiert. Am Pier steht ein landesüblicher Touristenbus bereit, der uns zum Hangar 51 bringen wird, wo die gesamte Ausrüstung schon fertig gepackt auf uns im NH 90 wartet. Und mit gesamter Ausrüstung meine ich natürlich inklusiv der dementsprechenden Kleidung, besonders für unsere Ladies, die wir für die Kletterpartie brauchen. Bones hat damals noch den Heli mit ein paar Extras ausgestattet. Unser Airwolf wird uns mit samt der Ausrüstung bis zum Basislager etwas außerhalb von Cachora bringen, wo Eric schon einen guten Landeplatz ausfindig gemacht hat. Von da ab geht’s dann zu Fuß weiter. Und in etwa 2 Tagen treffen wir dann in Choqequirao ein. Ich werde mich in dem Hangar in Lima wahrscheinlich noch mit jemandem treffen, der vielleicht wichtig für uns sein könnte. Gavin und Lucy werden dort wieder zu uns stoßen, und diese… ähm, Person mitbringen. Alle stehen bitte mit ihrem persönlichen Gepäck gehen 11 Uhr bereit, um von Bord zu gehen. Lilli wird euch nun an Hand der ausgewerteten Satellitenbilder erklären, was uns in Choqequirao erwartet. Noch Fragen?“, sagte er und sah uns prüfend an. „Okay, dann ist ja soweit alles klar, ach noch eines… an Bord bleiben Jean, Tim, und Eric. Eric hält wie immer ständig Verbindung zwischen uns und Sweetlife

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und… Angie bleibt auf ausdrücklichen Wunsch von Sweetlife auch an Bord.“ Ungläubig starrte ich ihn an, hatte ich mich gerade verhört? Was sollte das denn?! Empörte Stimmen wurden laut, doch er hob nur eine Hand und machte zu Lilli eine einladende Handbewegung, damit sie fortfahren konnte. Als er sich neben mich setzte, ergriff er meine Hand, drückte sie fest… zu fest und raunte mir ins Ohr: „ Nicht jetzt, lass uns später darüber reden.“ „ Oh nein, mein Lieber, jetzt, sofort und draußen!“, zischte ich ihm wütend an. Ich sprang auf und versuchte ihn mit mir zu ziehen, aber er bewegte sich keinen Millimeter. Wütend funkelte ich ihn an. Seufzend gab er nach und folgte mir widerstandslos nach draußen. Auf Deck suchte ich eine ruhige Stelle im Schatten bei den Sonnenliegen, weit weg von den anderen und baute mich empört mit etwas Abstand vor ihm auf. „So! Und jetzt erklär mir mal bitte was das gerade sollte. Und komm mir nicht damit, dass es Sweetlife war, die mich hier an Bord lassen will, das glaube ich dir nämlich nicht, so etwas würde sie niemals tun. Also? Warum willst du mich nicht dabeihaben? Du weiß genau, dass ich eine gute Kämpferin bin und mit meinen Waffen auch umgehen kann. Das habe ich dir ja wohl in New Orleans bewiesen, oder etwa nicht? Und über genügend magisches Potential verfüge ich auch, ich dachte, wir wären mittlerweile ein Team? Oder täusche ich mich da? Was ist, warum siehst du mich so komisch an?“ „Weiß du eigentlich, dass du wunderschön aussiehst, wenn du wütend bist“, sagte er leise und seine Augen begannen wieder zu funkeln. „Duncan! Das ist jetzt nicht das Thema!“, rief ich empört und plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck in tieftraurig. „Was…? Oh nein“, flüsterte ich und sah ihn ungläubig an und meine Wut löste sich mit einem Schlag in Rauch auf. Endlich dämmerte es mir, warum er mich hier lassen wollte. Kopfschüttelnd stellte ich mich vor ihn hin, sah ihm in die Augen und legte eine Hand auf seine Wange: „Oh mein Gott,… du hast Angst um mich. Aber warum? Ich bin doch ein Profi und keine blutige Anfängerin mehr! Na gut, du darfst um mich besorgt sein, von mir aus, aber niemals Angst um mich haben, denn Angst ist ein sehr schlechter Begleiter, gerade jetzt auf dieser Mission. Was glaubst du denn, wie ich mich hier ohne euch, ohne dich, fühlen würde? Nicht zu wissen, wenn etwas passieren sollte, ob ich nicht hätte helfen oder eingreifen können. Willst du mir das wirklich antun?“ Da nahm er meine Hand von seiner Wange, küsste die Innenfläche und legte sie sich an seine Brust, dann umarmte er mich fest und sagte leise: „Natürlich nicht. Du hast ja recht, aber ich habe dich doch gerade erst gefunden, und wenn ich dich jetzt wieder verlieren sollte…“ „Das wirst du nicht, das verspreche ich dir! Und ein bisschen vertrauen kannst du mir ruhig.“ Mit einem Lächeln setzte ich noch hinzu: „So schnell wirst du mich nicht wieder los.“ Und da war es wieder, das Funkeln in seinen Augen, und als seine Hände langsam meinen Knoten in meinem Nacken lösten und er meine Haare durch seine Finger gleiten ließ, konnte ich das tiefe Knurren in seine Brust hören. Er zog meinen Kopf nach hinten und fuhr mit seiner Zungenspitze über meine Kehle, hauchte einen Kuss auf mein Kinn, und streifte mit seinen Lippen über meine.  Deine Haut und dein Duft machen mich verrückt!“ Er rieb seine Nase zwischen meinem Ohr und meiner Schulter hin und her und atmete immer wieder tief ein.

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Als ich langsam wieder auftauchte und die Augen öffnete, sah ich sein schönes Gesicht über meinem schweben. Er lächelte mich glücklich an, dann küsste er mich sanft auf die Wange und flüsterte heiser: „Du hast mich gebissen! Das war sehr… mmh, sehr erotisch.“ „Oh“, sagte ich leise, noch ziemlich außer Atem und sah den schon verblassenden Abdruck meiner Zähne auf seiner Schulter. Ich wurde prompt wieder rot und schnell strich ich mit meinen Lippen über die Stelle. Plötzlich hörte ich eine laute Stimme rufen: „Tapp, tapp, tapp… ich bin`s, und ich sehe euch nicht.“  „ Ich verschwinde auch sofort wieder, konnte ja nicht ahnen, dass hier… also, soll ich euch ein paar Eiswürfel bringen? Okay, dann nicht!“, rief er, als Duncan ihm mit der Faust drohte und laut brüllte: „Verschwinde endlich, dämlicher Drache!“ „Haha, bevor hier noch Sachen durch die Luft fliegen… ich bin dann mal weg.“

Nachdem Angie und Duncan die Besprechung so fluchtartig verlassen hatten und nicht wiederkamen, löste sich das Zusammentreffen immer weiter auf. Bowen musste noch etwas erledigen und Doc wollte sich umziehen, um noch etwas im Fitnessraum zu trainieren. Die medizinische Ausrüstung war zusammengestellt und sie konnte nichts weiter tun, als die Zeit totzuschlagen. Was Kerstins Traum anging, ging ihr dieser nicht mehr aus dem Kopf. Auf dem Weg zu ihrer Kabine war sie tief in ihre Grübeleien versunken und versuchte eine Erklärung dafür zu finden. Als sie sich gerade in Höhe von Bowens Tür befand, ging diese plötzlich auf und zwei starke Arme zogen sie in seine Kabine. Von innen drückte Bowen sie gegen die Türe und fing an sie stürmisch zu küssen. Doc schnappte nach Luft. „Hey, ich dachte du bist in der Waffenkammer, wichtige Dinge erledigen und wir sehen uns erst später?“, fragte sie ihn atemlos. Er zog eine Spur heißer Küsse von ihrer Schläfe abwärts bis zu der empfindlichen Stelle hinter ihrem Ohr. Ein wohliges Kribbeln breitete sich in ihr aus. „Ich habe schon längst alles für die Tour vorbereitet, und mit wichtigen Dingen, meinte ich was anderes“, hauchte er in ihr Ohr. Er trat zur Seite und gab den Blick auf seine Kabine frei. Die Fensterfront war komplett verdunkelt und der Raum wurde nur von Kerzen, die auf dem Boden um das Bett herum angeordnet waren, erhellt. „Ähm, also eigentlich wollte ich gerade meine Sportsachen holen und dann trainieren.“ Er überging Docs Einwurf einfach und zog sie mit sich.

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„Bowen?“ Ganz nah legte er sich neben sie. Den Ton kannte er bei Frauen. „Ja?“ Doc lächelte. „Ich würde gerne etwas wissen.“ Sie hatte ihn die ganze Zeit schon fragen wollen. Meistens jedoch machte ihr Verstand in seiner Gegenwart ein Nickerchen, während ihr Herz und ihr Körper Bowen zujubelten. „Okay, frag, du kannst mich immer alles fragen, und ich werde dir antworten.“ Er blickte sie ernst an und brachte ein klein wenig mehr Abstand zwischen ihre Körper. Das erleichterte ihr ein wenig das Denken. „Wenn du mich nicht als Gefährtin erkannt hättest, also hättest du, hätten wir auch so, ach du weißt schon.“ Seufzend stieß er die Luft aus und drehte sich auf den Rücken, einen Arm fest um Docs Taille. „Das ist schwer zu beantworten. Ich weiß nur mit absoluter Gewissheit, dass ich dich liebe. Als ich dich zum ersten Mal gesehen hatte, war ich bereits absolut angezogen von dir, mir war allerdings die Tragweite noch nicht bewusst. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich mich trotzdem für dich interessiert hätte, selbst wenn uns das Schicksal nicht füreinander bestimmt hätte. Ich glaube, es ist ein Fehler, wenn man dem Gefühl nachgibt, man hätte keine Kontrolle mehr über sein Leben. Vielmehr ist es ein seltenes Geschenk, das Beste, was das Leben einem zu bieten hat. Das Schicksal hat doch in allem seine Finger im Spiel. Du bist witzig, intelligent und du kannst mit Waffen umgehen, wie könnte ich dir nicht verfallen?“ Doc kniff ihn in die Schulter. „Ach so, und ich dachte schon, ich wirke unwiderstehlich auf dich und mein Sex-Appeal treibt dich in den Wahnsinn.“ Er blickte sie ernst an. „Jane, was denkst du denn, was mich so dermaßen um den Verstand gebracht hat, dass ich mich habe hinreißen lassen von dir zu trinken, ohne dir vorher zu erklären, welche Folgen das in unserem speziellen Fall hat. Übrigens könnte ich die gleiche Frage stellen, hättest du dich auch so auf mich eingelassen?“ „Ich? Auf einen athletisch gebauten Kriegervampir? Mit dem besten Hintern auf der ganzen Südhalbkugel? Niemals!“ Sie kicherte und schlang die Arme um seinen Hals. „Du hast Recht, das ist wirklich schwer zu beantworten, und es ist auch egal. Du hast Glück gehabt, ich habe mich ja wieder eingekriegt, außerdem bist du ebenso mein Gefährte, es war also nur eine Frage der Zeit.“  „Du raubst mir den Verstand, ich werde niemals genug von dir bekommen. Du bist Mein. Die zwei Tage, die du mich hast zappeln lassen, waren die schlimmsten in meinem Leben.“ Einen kurzen Moment blitzte ihr schlechtes Gewissen auf, dann spürte sie ein Gefühl der Gewissheit, und etwas klopfte an ihre Gedanken, dass sie nicht in Worte fassen konnte. Er rollte sich plötzlich von ihr runter, und sah sie prüfend an. „Was hast du?“ Er strich mit dem Zeigefinger langsame Kreise auf ihren Bauch. „Jane, ich will nicht, dass dir was passiert in Peru, versprichst du mir, das du nichts Unüberlegtes tust und immer an meiner Seite bleibst?“  „Ich verspreche es. Außerdem muss ich bei dir bleiben, damit ich auch auf dich aufpassen kann. Bo ich hab alles andere als hellsichtige Fähigkeiten, aber ich habe ein ungutes Gefühl wegen Peru. Vor allem nachdem, was mit Kerstin passiert ist.“ Sie erzählte ihm in knappen Worten, was sie am morgen von Kerstin erfahren hatte. „Wow. Das klingt ja nicht wirklich positiv. Das wird eine große Nummer, trotzdem, um mich musst du dir wirklich keine Sorgen machen, so schnell lasse ich mich nicht enthaupten. Für alles andere, kenne ich eine bezaubernde Heilerin.“ Nach einem tiefen Blick in seine saphirblauen Augen, merkte sie es wieder. Dieses Gefühl. Ein Erkennen. Wie konnte sie nur daran zweifeln, nicht für immer mit ihm zusammen zu sein? Wovor hatte sie nur solche Angst gehabt. Rückblickend, erschien ihr alles so idiotisch. Sie hatte immer gespürt, dass Etwas auf sie wartete. Jetzt wurde ihr schlagartig klar, dass sie Beziehungen nicht aus Bindungsangst aus dem Weg gegangen war, sondern weil ihr Weg sie zu Bowen führen sollte.

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Sie wollte ihn nie wieder loslassen. „Bowen, können wir heute einfach den restlichen Tag im Bett bleiben? Ich brauche deine Nähe.“  „Natürlich, alles was du willst. Außerdem war das auch genau mein Plan.“ „Bekommst du keinen Ärger, musst du nicht irgendwelche superwichtigen Waffenmeisterjobs erledigen?“ Sie schnüffelte an seinem Hals, sie war jetzt schon süchtig nach seinem Geruch. Bowen griff zu seinem Handy und erklärte Duncan, dass er und Doc bis auf Weiteres einer dringenden Angelegenheit nachgehen würden.

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Aus Rücksicht auf Tim blieb Drago ein wenig auf Abstand, immer dann, wenn sie sich begegneten. Dennoch warf Tim ihnen Blicke zu, die sie augenblicklich in Asche hätte verwandeln können. Cyrus kam zu Drago und fragte ihn, ob er mit in die Waffenkammer käme. Das ganze Equipment sollte nochmals überprüft werden. Drago sagte zu, obwohl er sich beim Blick auf Kerstin nicht ganz sicher war, ob er sie alleine lassen konnte. Kerstin machte sich unterdessen auf den Weg in Richtung Bibliothek. Doch plötzlich stand Tim direkt vor ihr. Ob er auf sie gewartet hatte, wusste sie nicht, aber sie glaubte auch nicht an einen Zufall. „Entschuldigung, ich hab nicht aufgepasst“, sagte Tim und war im Begriff weiterzugehen. „Hey, Tim, bitte, wollen wir uns jetzt jedes Mal aus dem Weg gehen, wenn wir uns zufällig treffen? Das ist ein wenig schwer auf einem Schiff. Können wir nicht einmal in Ruhe miteinander reden?“ Tim lachte hart auf. „Was willst du eigentlich? Ich dachte, du bist glücklich mit deinem Drachen? Wieso quatschst du mich dann noch an. Außerdem seid ihr bald verschwunden. Und wer weiß, was danach noch geschieht.“
Das saß, und Kerstin wich ein Stück vor ihm zurück. Tränen schossen in ihre Augen, aber sie versuchte sie zu unterdrücken. Was natürlich nicht klappte. Sie drehte sich um und wollte gehen, als Tim sie fest am Arm hielt. Als sie in seine Augen schaute, sah sie eine Mischung aus Trauer und Wut. „Es, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anblaffen. Es tut mir nur weh, wenn ich euch zwei sehe, und mir dann wieder bewusst wird, was ich verloren habe.“ Kerstin musste schlucken. Ohne ein weiteres Wort nahm Tim sie in die Arme. Und sie ließ ihn machen ohne die Umarmung zu erwidern. Als Tim sie wieder losgelassen hatte, schaute er sie durchdringend an. „Ich werde euch keine Schwierigkeiten machen. Ich weiß, wann ich mich zurückziehen muss.“ Er gab ihr einen letzten Kuss auf den Mund und ging. Kerstin wurde schwindelig, und sie musste sich an der Wand abstützen. Sie versuchte tief durchzuatmen, aber ihr ganzer Brustkorb war wie zugeschnürt. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Was war hier gerade passiert“, fragte sie sich. Nachdem sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte, ging sie in Richtung Bibliothek. Auf dem Weg dahin musste sie wieder an die Stimme und die Warnung denken. Sie musste einfach irgendetwas über diese Art von Träumen herausfinden. Wo konnte man das besser als in einer Bibliothek. Sie hatte es auch im Internet versucht, war dort aber nicht fündig geworden. Auf einem Wegweiser hatte sie gelesen, dass sich eine Bibliothek auf dem zweiten Deck befand. Also wollte sie dort ihr Glück versuchen. Es dauerte nicht lange, und sie hatte sie gefunden. Sie öffnete die imposante Holztür, die sich mit einem leisen Knarren öffnete. Wow, was für ein Anblick. Sie sah Regale, die bis zur Decke reichten, in langen Gängen gefüllt mit den verschiedensten Büchern, alle säuberlich geordnet nach Größen und allen erdenklichen Kategorien. Es gab Fachbücher über Medizin, Bücher über Städte, Länder, Kontinente mit den dazu gehörigen Karten.

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Über Architektur, Sprachen, Maschinenbau, Autos und sogar Krimis. Und es gab ein riesiges Regal voll mit Büchern über alles Mystische. Dieses Regal war aufgeteilt in Bereiche über Dämonen, Hexen, Zauberer, Schamanen, Elfen und andere Fabelwesen. Es gab Bücher mit alten Überlieferungen von Zaubersprüchen und Beschwörungsformeln. „Ich frage mich, woher die Bruderschaft diese einzigartige Sammlung hat und wer mag unter ihnen der Sammler sein? Das muss ich unbedingt Doc erzählen“, dachte Kerstin. Der riesige Raum war abgedunkelt, indirektes Licht schimmerte durch getöntes Glas, um die wertvollen alten Bücher vor schädlichem UV-Licht zu schützen. In der Luft lag der typische, leicht staubige, trockene Geruch nach Büchern. „Na klasse, wo fange ich nun an mit Suche“, überlegte Kerstin und zog ein mystisches Buch nach dem anderen aus dem Regal. Sie brauchte Informationen über Traumdeutung, Stimmen oder unerklärlichen Warnungen. Aber alles was sie fand, half ihr nicht wirklich weiter. Der größte Teil der Bücher war sogar in lateinischer Sprache verfasst. Resigniert ließ Kerstin sich in einen Sessel fallen. Sie rieb sich die Augen, ließ ihren Blick über die Bücher schweifen und blieb an einem alten, sehr dicken Buch hängen. Sie stand auf und zog es aus dem Regal. Fast hätte sie es fallen gelassen, weil es so schwer war – und kalt. Kerstin runzelte die Stirn. Ihre Neugierde war geweckt, vorsichtig legte sie das Buch auf den alten Eichentisch und rückte die kleine Lampe zurecht. Schon der Einband war faszinierend. Er war aus altem, dickem Leder. Auf dem Buchdeckel war ein Baum mit weitverzweigten Ästen eingestanzt. In goldenen Lettern stand „Stammbaum der 1000 Fragen“ darüber. Völlig in seinen Bann gezogen, öffnete Kerstin die erste Seite des Buches. Dort fand sie eine Anleitung für die Handhabung und eine Erklärung über die Bedeutungen der Zeichen und Runen. Ohne groß zu Überlegen vertiefte Kerstin sich in dieses Buch. Sie bemerkte nicht einmal, dass die Tür zu der Bibliothek sich geöffnet hatte. Es war Drago, der seit mehr als drei Stunden nach ihr gesucht hatte. Leise schloss er die Tür und blieb stehen. Mehrmals rief er ihren Namen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Kerstin seine Stimme wahr genommen hatte. Erschrocken fuhr sie herum und ging sofort in Kampfposition. Drago hob seine Hände um ihr zu zeigen, dass er nichts Böses im Schilde führte. Als sie ihn erkannt hatte, entspannte sie sich und lächelte ihn entschuldigend an. Langsam kam er auf sie zu und nahm sie dann erleichtert in seine Arme. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sie in Ordnung war, wurde er wütend. „Sag mal, bist du noch ganz dicht? Ich suche dich seit Stunden und habe schon befürchtet, dass Tim dich über die Reling geworfen hat.“
Verdutzt sah Kerstin Drago an. Er tippte sich an die Stirn. „Schon vergessen? Ich kann hören, was du denkst. Besonders, wenn du aufgeregt bist. Und ich habe Bruchstücke deiner Unterhaltung mit Tim gehört. Leider konnte ich seine Gedanken nicht hören. Es tut mir Leid, dass es so gelaufen ist.“ Kerstin senkte ihren Kopf, diese Erinnerung tat weh. Drago legte seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie ihn anzusehen. „Hey, es wird alles wieder gut.“ Mit einem schiefen Lächeln erwiderte sie seine Worte. Drago blickte sich um. „Wow, ich wusste gar nicht, dass wir so etwas“, er machte eine ausladende Handbewegung durch den Raum, „hier an Bord haben. Das ist ja richtig eindrucksvoll.“ „Ja, das stimmt“, sagte Kerstin. So etwas Tolles habe ich auch noch nicht gesehen. Aber das Schlimmste für mich ist daran, dass die Bücher, die mir hätten helfen können, auf Latein sind. Also bin ich jetzt fast genauso schlau wie vorher.“ Drago grinste sie an. Da war es wieder, dieses selbstgefällige Lächeln. Kerstin runzelte die Stirn.“Na ja, vielleicht sind meine Sprachkenntnisse etwas eingerostet, aber Latein ist eine unserer Grundsprachen. Ich könnte also versuchen dir zu helfen, wenn du es möchtest.“ Überglücklich schmiegte Kerstin sich in Dragos Arme und drückte ihm zum Dank einen dicken Kuss auf die Wange. „Ich werte das mal als ein JA. Okay, dann lass uns mal gucken, ob wir etwas herausfinden.“Aufgeregt zeigte sie ihm das alte Buch mit dem Ledereinband, das Kerstin so fasziniert hatte.

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Sie hatte das Kapitel mit den Traumdeutungen schon entdeckt, konnte die Erklärungen aufgrund der lateinischen Sprache aber nicht restlos entschlüsseln. Für Drago war das kein Problem und so gewannen sie relativ schnell Aufschluss darüber, was in jener Nacht passiert war. Vor vielen Jahrhunderten gab es ein Wesen, einen Schutzgeist, dessen Name zwar nicht überliefert ist, das den Göttern aber einen wichtigen Dienst erwies. Es bildete ein Schild und warnte sie rechtzeitig vor Leid und Gefahr oder vor unangenehmen Zeitgenossen. Dieser Schutzgeist bewahrte die Götter aber auch vor eigener Überheblichkeit und Machtmissbrauch. Er half ihnen dabei gerecht und gütig zu sein und weise Entscheidungen zu treffen. Eines Tages wehrte sich der Gott Kronos gegen die Beeinflussung, denn er wollte alleine unbegrenzt herrschen und seinen ungezügelten Leidenschaften frönen. Kronos spann Intrigen gegen dieses Wesen und hatte schließlich erreicht, dass man dem Wesen nicht mehr glaubte und es aus dem Reich verbannte. Seine weitere Tätigkeit zum Schutz der Götter wurde ihm auf immer verwehrt. Bevor es aber in seine Verbannung ging, legte es einen letzten Schutzschild über Hades und Poseidon, um sie gegen die bösen Machenschaften des Kronos immun zu machen. Letztendlich half der Schutzschild Kronos stürzen und ihn zu vernichten. Hades und Poseidon zerstückelten ihn und brachten ihn auf eine einsame Insel. Danach wollten die Götter natürlich, dass das Wesen zu ihnen zurückkehrte, aber es verweigerte seinen Dienst. Von da an lebte es sehr zurückgezogen in den Weiten des Olymps und sprach nur noch in ganz seltenen Fällen eine Warnung aus. Kerstin, die dem Geschlecht der Götter abstammte, hatte also scheinbar eine ernstzunehmende Warnung von dem Schutzgeist erhalten. Einerseits war sie sehr erleichtert, es zeigte zumindest, dass sie nicht verrückt geworden war. Andererseits tat ihr das Wesen unheimlich Leid und sie fragte sich, wo es jetzt lebte und wie sie ihm danken konnte. Aber diese Fragen würden wohl auf immer unbeantwortet bleiben. Genauso unbeantwortet blieben auch die Fragen nach den Auswirkungen ihres Traumes. Was würde in Peru passieren und vor wem oder was wurde sie gewarnt? Kerstin rieb sich den schmerzenden Nacken. Die vielen Stunden über den Büchern zeigten ihre Wirkung. Drago stellte sich hinter sie und fing ganz vorsichtig an ihren Nacken zu massieren. Kerstin ließ den Kopf nach vorne fallen und genoss die Berührung. Dann fing er an sie zu küssen. Erst am Haaransatz, dann den Hals entlang hinunter zu ihren Schultern. Kerstin bekam eine Gänsehaut. Gerade als seine Hände auf Wanderschaft gehen wollten, bremste sie ihn. „Sei mir nicht böse, aber ich bin jetzt zu aufgedreht. Und wenn wir beide uns vergnügen, dann möchte ich dir all meine Aufmerksamkeit schenken. Aber ich muss über das, was wir herausgefunden haben, nachdenken und auch mit Doc darüber reden. Sie hat als Schamanin vielleicht die meiste Erfahrung.“ Etwas enttäuscht zog Drago sich von ihr zurück, nahm sie aber sofort wieder in seine Arme und küsste sie so leidenschaftlich, dass ihr schwindelig wurde. Als sie seinen Kuss erwiderte und sich an ihn drückte, schob er sie sanft von sich weg. Mit einem Lächeln sagte er: „So, den Rest gibt es dann später.“ Okay, das war dann wohl die Retourkutsche und sie hatte sie verdient. Beide lachten auf und gingen zusammen aus der Bibliothek. Drago ging zurück zu den Jungs und Kerstin machte sich auf die Suche nach Doc. Sie wollte ihr die Buchseite zeigen, die aus einem der Bücher über Beschwörungsformeln gefallen war. Es sah aus wie ein Rezept, aber Kerstin konnte damit überhaupt nichts anfangen. Sie hatte die Seite schnell aufgehoben und eingesteckt ohne das Drago es bemerkt hatte.

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Die Besprechung war dank Duncan und Angie geplatzt. Lilli räumte etwas ratlos ihre Unterlagen zusammen, alle waren verschwunden. Das ging so nicht! Duncan musste eine neue Zusammenkunft anordnen. Alle mussten doch über die Gefahren, die da auf sie zukamen, informiert werden. Während Lilli darüber nachgrübelte, was sie jetzt als nächstes tun sollte, hörte sie ein gefährliches Knurren und sah auf. Am Tisch stand Fernando, die Hände zu Fäusten geballt, bebend vor Zorn. Das war nicht mehr der freundliche, liebevolle Mann, den sie kannte und liebte. Da stand ein wütender, gefährlicher Vampir kurz vor der Explosion. Lilli war entsetzt: „Nando?“, rief sie vorsichtig. Er schoss herum und fixierte sie. Schlagartig veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Oh, Lilli. Ich habe dich erschreckt. Das wollte ich nicht, aber dieses Verhalten kann ich Duncan nicht durchgehen lassen. Den muss ich mir jetzt mal gehörig zur Brust nehmen.“ Fernando drehte sich um und wollte gerade zur Tür raus, als Lilli ihn aufhielt. „Nando, warte! Wir müssen alle zusammenrufen. Da kommt ein riesiges Ding auf uns zu und keiner weiß es. Ich gehe in den Computerraum und checke alles noch einmal.“ Lilli schaute ihn eindringlich an. „Ich kümmere mich darum. Bis später“, sagte Fernando kurz angebunden und war verschwunden.

Angie und Duncan standen noch bei den Sonnenliegen, als Fernando auf sie zukam. „Oh, oh“, dachte Angie und da erschütterte sie auch schon Fernandos donnernde Stimme. „Duncan! Sofort!“ Duncan schaute Angie zerknirscht an. „Sorry, Liebling“, sagte er zu ihr, „das habe ich jetzt wohl verdient.“ Angie lächelte ihn aufmunternd an und küsste ihn. „Ja, hast du und glaub ja nicht, dass ich Mitleid mit dir habe.“ Duncan folgte Fernando umgehend in den leeren Besprechungsraum. Duncan war noch nicht richtig durch die Tür, da legte Fernando schon los. „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen! Was bildest du dir denn eigentlich ein! Die Nummer mit Sweetlife haben dir vielleicht die anderen abgekauft, aber ich nicht und Angie offensichtlich auch nicht. Nicht genug, dass du über Angies Kopf hinweg entscheidest, du erlaubst dir auch noch sie hier an Bord zu lassen und alle anderen willst du in den Kampf schicken. Bist du noch zu retten? Du bist unser Anführer, willst du so deine Macht missbrauchen?“ Fernando zitterte am ganzen Körper und seine Augen waren kohlrabenschwarz. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre Duncan an die Kehle gesprungen. Duncan hob beschwichtigend die Hände. „Fernando, du hast ja recht. Angie hat mir auch schon den Kopf zurecht gerückt. Ich habe mich da zu etwas hinreißen lassen, ohne nachzudenken. Ich entschuldige mich.“ Fernando hatte sich jetzt wieder etwas beruhigt. „Dann kannst du dich ja gleich bei allen zusammen entschuldigen. Du musst so schnell wie möglich noch einmal alle zusammenrufen. Lilli hat sehr beunruhigende Sachen entdeckt. Und, Duncan, sieh zu, dass du deine Gefühle ganz schnell in den Griff bekommst. Wir haben alle Angst unsere Liebe zu verlieren, aber das darf nicht unser Denken und Handeln beherrschen.“ „Ich weiß, wir müssen einen kühlen Kopf bewahren. besonders jetzt. Gut, dass ich dich habe, alter Freund.“ „Immer wieder gerne.“ Sie grinsten breit und klatschten sich ab. „Neuer Besprechungstermin in zwei Stunden?“, fragte Fernando. „Ja geht klar. Oh, Bowen wird das wohl nicht passen. Er hat sich und Jane für den Rest des Tages abgemeldet.“ „So, so, hat er. Das tut mir jetzt aber leid. Na er hat ja noch zwei Stunden.“ Fernando und Duncan grinsten um die Wette, in Gedanken bei Bowen und Doc. „So, ich muss noch zu Lilli. Die habe ich etwas erschreckt, und du gehst besser zu Angie, damit sie sieht, dass ich dir nicht den Kopf abgerissen habe.“ „Ja, Alter. Du hast ganz schön den Vampir raushängen lassen“, lachte Duncan. „Das war auch bitter nötig!“ „Schon gut…“, gab Duncan kleinlaut zurück und machte sich auf die Suche nach Angie. Fernando eilte zum Computerraum. Lilli war vollkommen in ihre Auswertungen vertieft. Sie machte ein sorgenvolles Gesicht und bemerkte Fernando gar nicht. Er näherte sich vorsichtig: „Lilli?“ Sie zuckte furchtbar zusammen. „Wieso bist du denn so nervös? Habe ich dich vorhin so erschreckt?“, fragte Fernando besorgt. „Nein, nein. Ich fand dich eigentlich sehr imponierend und unheimlich sexy. So ein wilder Vampir hat schon was“, sagte Lilli lächelnd. Sie schmiegte sich an seine Brust und schaute ihn mit leuchtenden Augen an.

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„Den könntest du mal wieder hervorholen, wenn wir alleine sind.“ Er beugte sich zu ihr runter und strich ihr sanft mit seinen Fängen über den Hals. „Du stehst also auf böse Jungs?“ Lilli erschauerte. „Ab und zu.“ Fernando küsste ihre Nasenspitze. „Das wäre also geklärt. So und jetzt raus mit der Sprache, warum bist du denn dann so nervös?“ Sofort war ihr Lächeln verschwunden und eine dicke Sorgenfalte erschien auf ihrer Stirn. „Wir sind da auf was ganz Großes gestoßen. Mit so etwas hätte ich nie gerechnet. Ruft Duncan alle zusammen?“ „Ja er informiert alle, dass wir uns in zwei Stunden noch einmal treffen.“ „Gut. Dann stelle ich noch alles zusammen.“ Lilli lief hektisch zu ihrem Laptop und tippte mit fahrigen Händen über die Tastatur. Fernando setzte sich in einen der bequemen Bürosessel und beobachtete sie nachdenklich. Nach einer Weile stand er auf, ging zu ihr und klappte den Laptop zu. Er nahm sie auf die Arme, setzte sich in ihren Sessel und platzierte sie auf seinem Schoß. Lilli schaute in verwundert an, was hatte das jetzt zu bedeuten? „Was macht dir solche Angst?“, fragte Fernando sie mit leiser Stimme. Lilli schaute ihm direkt in die Augen. „Das was vor uns liegt und der Gedanke, dass ich dich oder eine meiner Freundinnen verlieren könnte. Und diese Angst kannst du mir nicht nehmen. Wir bewegen uns in einem gefährlichen Business. Ich muss einfach lernen damit umzugehen. Aber im Moment fällt mir das sehr schwer. Halt mich einfach nur fest, dann geht es mir wieder besser.“ Fernando schlang seine starken Arme um sie und legte sein Kinn auf ihr Strubbelhaar. „Ich verstehe dich. Mir geht es genauso.“ Ohne ein weiteres Wort saßen die beiden engumschlungen im Computerraum, vergaßen kurz die Welt um sich herum und genossen die Nähe des anderen, die Ruhe vor dem Sturm. Doch dann klingelte Fernandos Handy und holte sie in die Wirklichkeit zurück. „Ja, Duncan, alles klar, wir sind schon unterwegs. Ja, du kannst ruhig schon anfangen, wir sind gleich bei euch.“ Lilli schaute ihn an. „Ups, sind wir zu spät?“ „Nicht wirklich. Duncan will sich erst noch bei allen für seinen Auftritt vorhin entschuldigen. Aber komm, wir müssen uns beeilen, schließlich bist du ja jetzt die Hauptperson.“ Lilli schnappte sich ihr Laptop und schon eilten sie zur Besprechung. Als die beiden eintrafen, war Duncan gerade mit seiner Entschuldigung fertig. „Genau aufs Stichwort! Lilli, leg los, was erwartet uns in Choqequirao?“ Alle waren gespannt endlich zu erfahren, was jetzt auf sie zukam, und Lillis Gesicht sprach Bände. Sie machte sich kurz an ihrem Laptop zu schaffen und schon erschien auf dem großen Bildschirm im Besprechungsraum eine Aufnahme von Choqequirao. Im Hintergrund sah man oberhalb der Stadt die Berge. Das Bild war mit roten Punkten versehen, durch Quadrate geteilt und von Linien durchzogen. Lilli sah jeden Einzelnen an, bevor sie anfing zu sprechen. „Leute…, wir haben da etwas ganz Großes aufgespürt. Die roten Punkte auf der Aufnahme markieren Hohlräume in Bergen. Ich habe mehrere kleine und sechs große Kammern ausgemacht, die alle über größere Gänge miteinander verbunden sind.“ Es erschienen Großaufnahmen dieser Kammern auf dem Bildschirm. Die Kammern hatten eine rosane Farbe und in der Mitte wurden dunkelrote Rechtecke sichtbar. Lilli holte tief Luft. „So, wie es aussieht haben wir eine Zuchtstation für die Klone entdeckt. Ich habe die Rechtecke vermessen und sie haben genau die Maße wie die Klonbehälter, die wir hier an Bord haben. Ich habe in jeder Kammer zehn Stück gezählt. Die dunkelrote Farbe lässt darauf schließen, dass sie alle in Betrieb sind. Ich habe noch ein spezielles Programm mitlaufen lassen, das Bewegungen aufzeichnet und analysiert. Das Ergebnis ist, dass sich im Moment ca. 100 Personen in dem Berg aufhalten. Wie viele davon Kämpfer sind und wie viele Wissenschaftler, kann ich natürlich jetzt nicht sagen. Außerdem befinden sich 60 aktive Klone in dem Areal.“
Alle waren geschockt. Mit solchen Ausmaßen hatte keiner von ihnen gerechnet. Sogar Drago, der ja bei den Dragons heimlich spioniert hatte, war vollkommen überrascht. Kerstin, der Sonnenschein der Truppe, war die erste, die das bedrückende Schweigen brach. „Wow, das wird aber mal ein geiler Kampf!“ Drago musste unweigerlich grinsen. „Na, da hat ja wenigstens eine von uns Spaß.“ Lilli machte sich wieder an ihrem Laptop zu schaffen, und neue Bilder erschienen. „Ich weiß jetzt nicht, ob es eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, aber ich habe bis jetzt nur einen Zugang zu dem unterirdischen Labyrinth ausmachen können.

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Er liegt an der Zeremonienplattform oberhalb von Choqequirao. Das ist einleuchtet, da man die Plattform prima als Hubschrauber Landeplatz nutzen kann. Wir müssen uns also nicht aufteilen, um mehrere Zugänge abzudecken, allerdings ist nur ein Zugang auch wesentlich leichter zu verteidigen.“
Lilli klappte ihren Laptop zu: „So, dass war es von mir.“ Duncan erhob sich und stellte sich neben sie. „Danke, Lilli. Das war wirklich sehr aufschlussreich. Ich würde sagen, dass wir diese unerfreulichen Neuigkeiten erst einmal sacken lassen. Wir machen mit unseren Vorbereitungen weiter wie gehabt. An unserer Route nach Choqequirao ändert sich deswegen vorerst nichts. Jeder sollte sich Gedanken darüber machen, wie wir gegen dieses Bollwerk vorgehen. Für mich steht allerdings fest, dass wir diese Klone um jeden Preis vernichten müssen. Nicht auszudenken, welche Macht die Dragons erlangen, wenn sie diese Klone zum Einsatz bringen.“ Duncan machte eine kurze Pause und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. „Dann ist die Besprechung hiermit beendet. Jeder weiß was er zu tun hat.“ Alle nickten Duncan schweigend zu und verließen mit nachdenklichen Gesichtern den Raum.

Gavin starrte noch einige Sekunden auf sein Handy, nachdem Duncan das Gespräch so barsch beendet hatte. Zwar hatte er klare Anweisungen erhalten, aber er machte sich Sorgen über die nicht ausgesprochenen Dinge. So aufgebracht und gereizt hatte er seinen Anführer noch nie erlebt. Die ganze Situation ließ alle an die Grenzen ihrer nervlichen Belastbarkeit gehen. Die Idee, Lindsay nach Peru zu bringen, um sich dort mit Duncan zu treffen, gefiel Gavin überhaupt nicht. Das Risiko, das sie damit eingingen, erschien ihm zu groß. Sie würden dadurch womöglich Lindsays derzeitigen Standort verraten und unter Umständen ihre eigene Deckung verlieren. So lange sie nicht mit Sicherheit wussten, ob Lindsay vertrauenswürdig war, sollte er sich auf ein Treffen mit ihr nicht einlassen. Jahrelang hatte Lindsay sie in dem Glauben gelassen, dass sie tot sei. Sie hatte nichts, nichts gegen den Schmerz und die Trauer, die die Bruderschaft über den Verlust empfunden hatte, unternommen. Er mochte sich gar nicht ausmalen, wie es um Dragos Gefühlswelt zur Zeit bestellt war. Allerdings musste er sich zugestehen, dass er neugierig auf Lindsays Geschichte war. Was hatte sie dazu getrieben, was waren ihre Beweggründe dafür einfach so zu verschwinden? Warum hatte sie Drago derart verletzt? Hatte sie ihm nur etwas vorgespielt und ihre wahren Gefühle vor ihnen verborgen? Drago hatte nicht nur seine Partnerin verloren, durch den erlittenen Verlust kam es zu Spannungen, und er hatte sich von der Bruderschaft abgewandt. Und letztendlich blieb die Frage, wer ihr geholfen hatte. Es musste einen Mitwisser in der Bruderschaft geben, denn wie hätte sie es bewerkstelligen können, ihren Selbstmord derartig überzeugend zu inszenieren. Je länger er darüber nachdachte, umso mehr kam er zu der Erkenntnis, dass es ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für ein Treffen war. Gavin beschloss, das Treffen hinauszuzögern, bis ihre Mission in Peru abgeschlossen war. Sie hatten so lange nichts von Lindsays Existenz gewusst, da kam es auf etwas mehr Zeit auch nicht. Er hatte seine Entscheidung getroffen, sie würden noch heute in Richtung Peru aufbrechen. Den Auftrag nicht zu gefährden, war wichtiger und schließlich wollte er Lucy der Gefahr eines Treffens nicht aussetzten, auch als Katze war sie nicht unverwundbar.
Sie sollten sich noch ein paar Stunden Ruhe gönnen und versuchen nach dem anstrengenden Tag und der langen Nacht noch ein wenig Schlaf zu finden. Lucy hatte sich in einem Sessel zusammengerollt und war vor Erschöpfung eingenickt. Sanft schob er seine Arme unter ihren Körper, hob sie hoch und trug sie zum Bett. Sie murmelte verschlafen etwas, das wie „ich komm ja gleich“ klang und öffnete dabei die Augen. Er legte sich neben sie und zog sie ein seine Arme. „Mo cridhe, mi gradhaich a thu, schlaf weiter, wir haben noch Zeit“, raunte er ihr ins Ohr. „Was es auch bedeutet, es klingt wunderschön. Was hast du zu mir gesagt?“ „Das ist Gälisch und bedeutet, mein Herz, all meine Liebe für dich“, erklärte er ihr. „Aber jetzt lass uns noch ein wenig schlafen.“
Anfangs lag Lucy in vollkommener Erschöpfung starr auf dem Grund eines dunklen Sees. Langsam tauchte sie an die Oberfläche und vernahm gedämpfte Geräusche und sah undeutliche Gestalten in einem Krankenzimmer. In einem Bett lag ein bleiches, kleines Mädchen. Maria. Eine der verschwommenen Gestalten stellte sich an die Seite des Bettes. Sie gehörte zu der Gruppe der grausamen Mädchen, die Maria misshandelt und geschlagen hatte. Die Gestalt streckte einen Arm aus und legte eine Hand auf den Mund des Mädchens. Die Kleine riss vor Schmerz und Furcht die Augen auf. Unfähig sich zu rühren, Maria zu schützen oder zu verteidigen, musste Lucy das in ihrer Starre mit ansehen. Sie starrte in Marias Augen, die glasig wurden, als sie starb.
Mit einem erstickten Keuchen fuhr sie aus dem Schlaf. Gavin hielt sie bereits in seinen Armen und wiegte sie tröstend hin und her. „Pst. Du hast geträumt.“ Er küsste sie zärtlich auf die Schläfe. „Ich bin bei dir. Halt dich an mir fest. Es war nur ein Traum.“ „Ich bin schon wieder okay.“ Dennoch vergrub sie ihr Gesicht an seiner Schulter und atmete tief ein. Gavin selbst fühlte sich schrecklich hilflos, wenn sie so einen Alptraum durchlitt. Er konnte spüren wie ihr Pulsschlag sich beruhigte und der hässliche Fleck verblasste, den das erlebte Grauen in ihren Gedanken hinterlassen hatte. Sie konnte ihn riechen – er duftete nach Aftershave und sich selbst – und spürte, dass sein seidig weiches Haar sanft über ihre Wange strich.

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Ihre Welt geriet wieder ins Gleichgewicht. „Möchtest du, dass ich es dir erzähle?“ „Nur, wenn du es willst. Ich möchte dich nicht noch einmal so gequält sehen.“
„Oh“, erwiderte Lucy, „wo fange ich an? Das ist wahrlich keine schöne Geschichte, aber ich möchte sie dir erzählen. Ich bin ein Findelkind, man hat mich vor der Tür eines Waisenhauses abgelegt. Ich weiß nicht, wo ich herkomme, noch wer meine Eltern sind. Es gab mal eine Zeit, da wollte ich unbedingt meine Eltern ausfindig machen, aber das, was ich über sie herausgefunden habe, hat mir nicht gefallen. Also hab ich aufgehört zu suchen. Ich bin in einem Waisenhaus in Rom aufgewachsen. Das waren harte Zeiten, niemand hat mir etwas geschenkt. Als Kind war ich relativ klein und von zarter Statur, also Freiwild für die Stärkeren im Heim. Die machten sich einen Spaß daraus mich zu quälen, mir mein Essen zu stehlen oder meine Kleider zu zerreißen. Das zog dann immer Ärger mit den Nonnen nach sich, die mich noch zusätzlich bestraften. Aber, das machte mir alles nichts aus, denn ich kannte es ja nicht anders. Es gab viele Kinder, die noch nicht mal ein Dach über dem Kopf hatten und auf der Straße leben mussten.“ Lucy machte eine Pause, atmete ein paar Mal tief ein und erzählte dann weiter:
„Eines Tages kam ein kleines, verstörtes Mädchen zu uns. Ich war inzwischen 15 und schloss sie sofort in mein Herz; meine süße Maria. Sie war so klein und unschuldig. Ich versuchte sie so gut es ging vor den anderen Mädchen zu schützen. Es war an einem Sommertag, die Luft war heiß und drückend. Ich war mal wieder zur Strafarbeit verdonnert worden und musste bei sengender Sonne den Hof kehren. Nach getaner Arbeit lief ich in Richtung Waschraum, um mir den Staub abzuwaschen und meiner trockenen Kehle ein paar Schluck Wasser zu gönnen. Man konnte sie schon auf dem Gang hören. Wie eine aufgehetzte Meute Hunde, blutrünstig und grausam. Maria lag zusammengekauert auf den Fliesen vor den Duschen und wimmerte leise. Sie haben sie geschlagen und getreten, und auch nicht aufgehört, als sie schon am Boden lag. Da ist es zum ersten Mal passiert. Ich habe mich verwandelt. Ich habe um sie gekämpft wie eine Löwin um ihr Junges und ein ganz schön blutiges Chaos in den Duschräumen angerichtet. Trotzdem konnte ich sie nicht retten. Sie starb im Krankenhaus an ihren Verletzungen. Das war es dann für mich. Danach bin ich von dort abgehauen und nie wieder zurückgekehrt. Es dauerte eine ganze Zeit, bis ich gelernt hatte meine Verwandlungen zu kontrollieren. Deshalb konnte ich nie lange an einem Ort bleiben. So habe ich fast ganz Europa kennengelernt. Na ja, und eines Tage traf ich Lilli. Den Rest kennst du ja.“ Mit von Tränen erstickter Stimme schluchzte sie: „Ich konnte sie nicht retten, ich konnte sie nicht retten.“
Gavin konnte Lucys stummes Flehen hören und begann sie zu streicheln. Zärtlich, sanft, tröstlich. Was auch immer er dabei flüsterte, beruhigte ihre aufgewühlte Seele, bis sie sich entspannte und ihm die Führung überließ. Seine Lippen waren warm und weich, als er sie innig und zugleich vorsichtig küsste. Ganz langsam, Stück für Stück, ergab sie sich, und Gavin erlebte wie seine starke, tapfere Soldatin unter seinen Händen weich wie Wachs wurde. Abermals umfing ein Nebel ihr Gehirn. Doch dieses Mal waren in dem Nebel keine Alpträume verborgen, lauerten keine düsteren Gestalten in irgendwelchen Ecken. Es gab nur noch sie und Gavin und die beinahe lässigen Liebkosungen, die sanften, träumerischen Küsse, mit denen er sie langsam, aber sicher in einem Meer der Ruhe und des Friedens untergehen ließ. Herrliche Gefühle überdeckten die Erschöpfung und Verzweiflung, die sich ihrer bemächtigt hatte.
Er hoffte, dass sie jetzt vielleicht noch etwas schlafen konnten – friedlicher und ruhiger als zuvor -, doch der Morgen dämmerte bereits herauf. Sie hob eine Hand und vergrub die Finger in seinem dichten Haar. „Du weißt, du bist nicht Schuld an ihrem Tod. Du konntest nicht mehr tun.“ „Ja, ich weiß, aber es quält mich trotzdem. Wir sollten etwas essen und währenddessen kannst du mir erzählen, was wir heute noch wegen Lindsay unternehmen. Aber erst will ich duschen. Ich brauche noch ein bisschen Zeit für mich.“ „Also gut“, gestand er ihr zu, „während du unter der Dusche stehst, organisiere ich uns ein Frühstück.“ „Aber vorher muss ich noch mal mit Duncan reden“, fügte er in Gedanken an, „und das Treffen mit Lindsay verschieben.“

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Fortsetzung: Black Dagger Ladies Online – Peru [Kapitel 13]

Black Dagger Ladies Online

Beunruhigende Träume
Kapitel 11

Kerstin und Drago verabschiedeten sich auch. Zusammen schlenderten sie den Gang entlang, da begegnete ihnen Tim. Seim Gesicht sprach Bände, als er die beiden ansah. Alle drei blieben stehen. Kerstin schaute kurz zu Drago, woraufhin dieser kurz nickte und weiterging. „Oh, wie rücksichtsvoll von ihm“, stichelte Tim. „Jetzt, wo er hat was er wollte, kann er ja den Großzügigen raushängen lassen.“ „Ach, Tim, das stimmt nicht und du weißt es auch. Dazu gehören immer Zwei. Es sollte mit uns beiden einfach nicht klappen.“ Tim verdrehte verächtlich die Augen. „So, und du meinst, damit ist es getan? Tschö und das war es? Du machst es dir verdammt einfach“. Man sah ihm den verletzten Stolz an. Kerstin wollte sich umdrehen und gehen, jedes weitere Wort hätte nichts gebracht. Aber Tim stoppte sie. Er versperrte ihr den Weg. Kerstin sah ihm erschrocken in die Augen. „So, und nun? Bist du jetzt mit dem Drachen zusammen? Ist er so gut wie man immer hört?“ Kerstin schaute nach unten und versuchte sich nicht reizen zu lassen. „Tim, es hat keinen Sinn. Wenn du so gereizt bist, kann und will ich nicht mit dir reden. Lass uns morgen in Ruhe darüber sprechen, aber nicht jetzt.“ Da Tim nicht die Anstalten machte ihr den Weg freizugeben, versuchte Kerstin den Arm von Tim zur Seite schieben. Er schnaubte verächtlich, und packte sie grob an den Schultern. Jetzt wurde Kerstin sauer. Sie schrie ihn an: „Verdammt noch mal Tim, lass mich los und versuch das nie wieder. Ich werde jetzt gehen, und du wirst mich gehen lassen. Solltest du noch einmal so etwas versuchen, wird es dir leid und weh tun. Verstanden?“ Mit zusammengekniffenen Augen sah Tim sie an. Er versuchte irgendwas in ihren Augen zu lesen, aber alles was er sah war Kälte. In diesem Moment verstand er, dass er gerade seine letzte Chance verspielt hatte. Mit einem kurzem Nicken und einer genuschelten Entschuldigung verschwand er. Kerstin zitterten die Knie. „Na klasse, wird das jetzt zu einer neuen Angewohnheit“, dachte Kerstin und ging schleunigst zu Dragos Kabine. Drago wartete in der offenen Tür und nahm Kerstin ohne ein Wort zu sagen in die Arme. Kerstin war so müde und erschöpft, dass sie einfach nur noch ins Bett wollte. Sie wollte noch nicht einmal mehr duschen. Halb ausgezogen legte sie sich aufs Bett und fiel auch sofort in einen tiefen Schlaf.
Kerstin wachte mitten in der Nacht auf. Sie lag in Dragos Armen. Es fühlte sich gut an, aber ihr war so furchtbar heiß. Sie versuchte sich vorsichtig aus der Decke zu schälen, was Drago nicht entging. „Hey, meine Süße. Was ist los?“, flüsterte er. Im gleichen Moment bemerkte auch er, dass Kerstin sich zu warm anfühlte. „Was ist los? Du glühst ja. Du hast Fieber.“ Kerstin richtete sich auf. „Blödsinn, vielleicht war die Decke nur zu viel. Oder deine, nicht gerade geringe, Körperwärme war zu viel. Lass mir ein paar Minuten Zeit, bevor du in Panik ausbrichst, okay?“, sagte Kerstin mit einem Lächeln. Drago stand auf, um ein Glas Wasser zu holen. Als er zurück kam, war Kerstin schon wieder eingeschlafen. Vorsichtig legte auch er sich wieder ins Bett, um festzustellen, dass sich Kerstins Körpertemperatur wieder normalisiert hatte. Er vermied es, sich an sie zu kuscheln, was ihm äußerst schwer fiel. Aber er wollte ihr den Schlaf nicht rauben, wer wusste schon, was in Peru noch alles auf sie zu kam.
Kurz vor Sonnenaufgang wurde Drago von einem Tritt ans Bein geweckt. Kerstin träumte und schlug dabei um sich. Sie war schon wieder Schweiß gebadet, was Drago aber auf ihren Traum zurückführte. Sie nuschelte irgendetwas vor sich hin. Tim konnte zwar nicht verstehen, was sie sagte, er nahm aber eine Besorgnis in ihrer Stimme wahr. Da er nicht wusste, ob er sie wecken sollte, stand er auf und beobachtete wie Kerstin sich im Schlaf hin und her warf. Es musste ein furchtbarer Traum sein, denn ihr liefen Tränen über die Wangen.
Mit einem Schrei wachte Kerstin auf und versuchte sich zu orientieren. Als sie Hände an ihrem Körper spürte, schlug sie um sich. „Hey, hey, es ist alles okay. Du hattest einen bösen Traum“, sagte Drago. Doch im ersten Moment erkannte sie ihn gar nicht. Es dauerte einen kurzen Augenblick bis sie wieder wusste wo sie war.
Sie ließ sich in seine Arme sinken und fing an zu weinen. Drago hielt sie einfach nur fest und streichelte ihr über die Haare oder den Rücken.
Es dauerte eine ganze Weile bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte.

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Sie schaute ihn mit schmerzverzehrtem Gesicht an und atmete einmal tief ein. Dann fing sie wieder an zu weinen. Drago wurde immer unsicherer, plötzlich sah sie wieder zu ihm auf, aber ihr Gesicht hatte sich irgendwie verändert. Ihre Augen, ihre Augen hatten die Farbe gewechselt. Sie waren jetzt blau. Es war ein merkwürdiges Blau. Sie starrte ihn unentwegt an. Plötzlich begann sie zu sprechen, aber es war nicht ihre Stimme.
„Ihr müsst in Peru besondere Vorsicht walten lassen. Ihr müsst genau abwägen, wem ihr vertraut. Ein vertrauter Mensch kann plötzlich zu eurem Feind werden.“ Dann wurde Kerstin ohnmächtig. „Okay, das war´s“, dachte Drago, „jetzt brauche ich dringend Hilfe.“ Panisch überlegte er, an wen sich wenden konnte. Doc war die Schamanin unter den Schwestern und Angie ihre beste Freundin. Während er in seine Jeans stieg, ließ er Kerstin nicht aus den Augen und in diesem Moment kam sie wieder zu sich. Sie schaute sich etwas verstört um. „Was, was ist passiert? Warum ist mein Top so nass?“ Drago zog sie sanft in seine Arme und gab ihr einen leichten Kuss aufs Haar. „Du hattest einen Albtraum und hast dabei um dich geschlagen.“ „Oh, das tut mir leid. Hab ich dich verletzt?“ fragte Kerstin etwas zerknirscht. Drago lächelte. „Nein, nur etwas unsanft geweckt. Kannst du dich denn nicht mehr erinnern? Du warst doch zwischenzeitlich wach. Kerstin runzelte die Stirn. „Nein, nein ich kann mich an gar nichts mehr erinnern. Ich fühle mich nur total erledigt. Hab ich noch was getan, außer um mich zu schlagen?“ Drago sah sie an. „Hm, ja, um ehrlich zu sein, du hast geweint und dann bist du kurz wach geworden und hast mit mir geredet.“ Kerstin war verblüfft. „Ich habe was? Was hab ich denn gesagt?“ „Nun ja, du hast mich gewarnt, dass wir in Peru sehr vorsichtig sein müssen und dass wir niemandem vertrauen dürfen. Aber das ist noch nicht alles“ .Kerstin war jetzt total verwirrt. „Was? Was hab ich noch getan?“ Drago musste sich räuspern. „Tja, ähm, du hast nicht mit deiner Stimme gesprochen, und deine Augen waren plötzlich blau. Und nachdem du mich gewarnt hattest, wurdest du ohnmächtig“. Kerstin sprang aus dem Bett und lief unruhig durch das Zimmer. „Das kann doch nicht wahr sein“, dachte sie laut, „das gibt es doch nicht. Was ist zum Teufel mit mir los? Erst verliebe ich mich in einen Drachen, obwohl ich doch eigentlich schon in jemand anderen verliebt war. Und jetzt fang ich an zu spinnen?“ In ihrer Stimme schwang etwas Hysterie. Drago trat zu ihr und stellte sich ihr in den Weg. „Hey, wir wissen nicht was es war. Und bevor wir irgendwelche Spekulationen anstellen, sollten wir vielleicht erst mal mit Angie oder deiner Mutter reden. Vielleicht gibt es dafür eine ganz normale Erklärung.“ Kerstin sah ihn ungläubig an. „Normal? Das nennst du normal? Ich dreh gleich durch.“ Drago nahm sie in seine Arme und sie schmiegte sich an ihn. „Weißt du was ich an dieser ganzen merkwürdigen Sache am besten finde?“, fragte er sie. „Nein“, antwortete Kerstin. „Das du gesagt hast, dass du mich liebst“, sagte Drago lächelnd. Jetzt musste auch Kerstin ein wenig schmunzeln.
Aber sie war so erschöpft, dass ihr sogar davon schwindelig wurde. Drago führte sie zum Bett und deckte sie sorgfältig zu. Fragend sah Kerstin Drago an, „Was ist los? Kommst du nicht ins Bett?“ Drago schaute sie nachdenklich an und sagte: „Nein, jetzt noch nicht. Ich möchte ein wenig nachdenken und geh nach oben an Deck .Aber mach dir keine Sorgen. Ich bin nicht lange weg.“ Kerstin stiegen Tränen in die Augen, da sie aber nicht wollte, dass er das sah, legte sie sich rasch hin und schloss die Augen. Drago gab ihr einen Kuss auf die Schläfe und ging zur Tür. Als er sie gerade schließen wollte, hörte er ein leises Schluchzen. Er zögerte einen winzigen Moment, ging dann aber doch nach oben. So weh es ihm auch tat Kerstin alleine zu lassen, er brauchte jetzt einfach ein wenig Zeit für sich.

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Während Doc, Kerstin und ich, uns in der Waffenkammer aufhielten, saß Lilli im Computerzentrum, besser gesagt sie lag dort. Sie hatte ihre Stuhllehne ganz nach hinten gestellt, die Füße lagen auf dem riesigen Glastisch, die Hände ruhten auf ihrem Bauch und umklammerten einen Kaffeebecher. Nachdem Lucy und Gavin nach Havanna aufgebrochen waren, hatte Lilli sich auf die Arbeit gestürzt. Sie hatte sich in ihren Lieblingssatelliten gehackt und ihn auf Choqequirao in Peru ausgerichtet. Die Bilder und Informationen, die schon eingetroffen waren, hatte sie gesichtet und sortiert. Sie hatte noch zusätzlich Aufnahmen einer Wärmebildkamera angefordert. Während sie auf diese Bilder wartete, hatte sie es sich gemütlich gemacht und war eingeschlafen. Sie wurde auch nicht wach, als Fernando hereinkam und fragend ihren Namen rief. Er musste sich anstrengen, nicht laut loszulachen. Sie gab mal wieder ein sehr damenhaftes Bild ab. Er schlich schmunzelnd zu ihr, nahm den halbvollen Becher aus ihren Händen und küsste ihr zärtlich auf Augen, Nase und Mund. „Mmhh. Nicht aufhören oder träume ich noch?“ „Hast du denn von mir geträumt?“ Lilli öffnete die Augen und Fernando schaute sie lächelnd an. „Ja, habe ich.“ „War es ein schöner Traum?“ „Wunderschön. Aber mehr verrate ich nicht. Oder hast du mich wieder beobachtet?“ „Nein. Ich bin leider erst jetzt gekommen.“ Fernando beugte sich wieder zu Lilli und küsste sie auf eine Art und Weise, die ihr die Sinne schwinden ließen. „Willst du es mir wirklich nicht verraten“, säuselte er an ihren Lippen. Lilli lachte und schob ihn von sich weg. „Nein, will ich nicht. Außerdem muss ich jetzt wieder was arbeiten. Duncan kommt sicher auch gleich vorbei. Er wollte sich anschauen, was ich schon für Infos habe.“ Fernando ließ sich auf Lillis Stuhl fallen. „Schade. Da kann man wohl nichts machen.“ Da kam auch schon Duncan durch die Tür. „Hallo ihr Beiden. Fernando, du hältst Lilli ja nicht von der Arbeit ab, oder?“ Fernando schaute mit einer Unschuldsmiene zu Duncan. „Ich doch nicht.“ Lilli ließ ihre Finger schon über einen der Touchscreens fliegen, und auf dem großen Bildschirm erschienen die Bilder von Choqequirao. Duncan zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Fernando. „Dann leg mal los. Ich bin gespannt.“
„Also, Choqequirao liegt in den Anden auf 3000 m Höhe und erstreckt sich über 2000 Hektar. Bisher sind aber nur 30 Prozent davon freigelegt worden. Wie andere Inka-Städte auch, ist Choqequirao in die Oberstadt „Hanan“ und die Unterstadt „Urin“ aufgeteilt. Die Oberstadt besteht aus Tempeln, Lagerhäusern und Terrassen, die um einen freien Platz angeordnet sind. In der Unterstadt wohnte die Elite in großzügigen Gebäuden, die sich auch um einen großen Platz gruppieren. In der Unterstadt befinden sich ein Tempel und zwei Hallen für Feste und rituelle Tänze.“ Lilli schob den Mauszeiger kreuz und quer über die Satellitenbilder und fuhr mit ihren Erklärungen fort. „Hier oberhalb der Unterstadt befindet sich eine abgeflachte Kuppe. Das war wahrscheinlich eine Zeremonieplattform, auf der die Opfer dargebracht wurden. Was aber besonders interessant ist, sind diese riesigen Terrassen, die mit Mosaiken eingefaßt sind. Hauptsächlich sind Lamas dargestellt, die waren den Inkas heilig. Oberhalb dieser Terrassen führen Treppen zu den Gipfeln „Sorani“ und „Quitay.“ „Sehr gut recherchiert, Lilli“, sagte Duncan anerkennend. „Konntest du irgendetwas entdecken, dass auf die Dragons hinweisen könnte?“ „In Choqequirao selbst nicht. Damit habe ich auch nicht gerechnet, da sind oft Touristen und Archäologen unterwegs. Da kann man nicht verdeckt operieren. Aber ich habe Wärmebilder machen lassen, die sind gerade eingetroffen. Warte, ich lade sie hoch.“ Die Bilder erschienen, und alle drei hielten den Atem an. Oberhalb der Lama-Terrassen wurde ein Labyrinth von Gängen und Kammern, die weit in den Berg hineinragten, sichtbar. Duncan fand als erster wieder seine Sprache: „Donnerwetter, was haben wir denn da aufgestöbert? Das sieht nach einer Menge Arbeit aus. Lilli, kannst du uns noch genauere Aufnahmen beschaffen? Wir müssen unbedingt wissen, mit was wir es da genau zu tun haben.“ „Ja, kein Problem! Jetzt weiß ich ja, nach was wir suchen müssen. Oh mein Gott, das sieht absolut beängstigend aus, mit so vielen Objekten habe ich jetzt nicht gerechnet.“ Duncan schaute Lilli selbstsicher an: „Das ist nichts, mit dem wir nicht fertig werden könnten. Mach dir mal keine Sorgen, das kriegen wir gemeinsam schon auf die Reihe.

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Bis wann hast du die genauen Analysen?“ „Also bei diesem Umfang und den hochauflösenden Bildern, die wir benötigen, dürften die Rechner schon die halbe Nacht brauchen. Dann muss ja auch alles noch sortiert und analysiert werden. Bis morgen Früh, werde ich schon brauchen, um alles zusammen zu haben.“ „Gut Lilli, dann morgen früh 8 Uhr. Ist das machbar?“ Lilli nickte Duncan zu: „Ja, 8 Uhr ist gebongt!“
Da ging die Tür auf, und Kerstin stürmte herein. „Ups! Ich hoffe, ich störe nicht. Lilli, ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass wir Mädels uns heute Abend um 19 Uhr bei Angie treffen. Kannst du kommen oder musst du arbeiten?“ Lilli strahlte über das ganze Gesicht. „Oh, super, da freue ich mich tierisch drauf! Ich muss nur noch ein paar Eingaben machen, und dann laufen die Rechner von alleine. Bis 19 Uhr schaffe ich das locker.“ „Toll! Ich freue mich, dass du auch kommen kannst. Bis später. Tschüss Jungs“, und schon war Kerstin wieder zur Tür draußen. Duncan stieß Fernando in die Rippen: „Komm, wir machen uns auch vom Acker, damit Lilli in Ruhe arbeiten kann. Wir wollten doch sowieso noch ein Gespräch unter vier Augen führen.“ Fernando lächelte Duncan verschmitzt an: „Ja klar, habe ich nicht vergessen.“ Er ging zu Lilli und küsste sie sanft auf die Stirn. „Viel Spaß mit deinen Mädels. Sehen wir uns später noch?“ Lilli fuhr mit dem Zeigefinger über seine Lippen und küsste ihn dann. „Wenn du möchtest. Nach dem Mädelsabend, wirst du mich hier wieder finden. Aber du musst mir dann einen großen, starken Kaffee mitbringen. Den werde ich sicher gebrauchen können.“ „Ich denke, das lässt sich einrichten.“ Fernando gab ihr noch einen Kuss und ging dann mit Duncan zur Tür. „Tschüss Lilli und viel Spaß mit deinen Mädels. Aber nicht die Arbeit vergessen!“, sagte Duncan noch, aber Lilli hatte sich schon wieder über ihre Tastatur hergemacht und war voll darauf konzentriert.

Fernado und Duncan machten es sich mit einem guten alten Scotch in Duncans Kabine gemütlich. Fernando lächelte Duncan an: „ So, mein Alter, hast du es jetzt endlich kapiert, dass du dich gegen das Gefährtinnending nicht wehren kannst?“ Duncan lächelte ebenfalls: „Ja, ich habe es wohl endlich eingesehen. Aber es war ja auch nicht einfach. Schließlich hatte sich Norbert Angie angelacht und einem Bruder reinfunken, das kommt für mich nicht in Frage. Das weißt du ja. Keiner kennt mich so gut wie du, alter Freund.“ „Da hast du wohl recht. Spätestens nach deinem Auftritt im Fitnessraum wusste ich, in welchem Konflikt du steckst. Und was hat sich jetzt geändert?“ Duncan schaute Fernando mit leuchtenden Augen an. „Angie ist zu mir gekommen, hat mit mir geredet und alles gerade gerückt. Sie und Norbert haben sich getrennt. Sie haben erkannt, dass sie sich nicht wirklich lieben.“ „Du bist jetzt aber nicht wie Bowen mit der Tür ins Haus gefallen, oder?“ „Nein Fernando. Ich habe zwar schon mal etwas durchblicken lassen, aber ich habe ihr noch nicht alles erzählt. Ich möchte es eigentlich so ruhig angehen wie du. Ich möchte, dass sich Angie wohl und sicher bei mir fühlt, bevor ich ihr alles offenbare. Aber es ist nicht so einfach, sich im Zaum zu halten. Wie kannst du nur so entspannt und gelassen mit diesen überwältigenden Gefühlen umgehen?“ Fernando betrachtete die dunkelbraune Flüssigkeit in seinem Glas und ließ sich mit seiner Antwort etwas Zeit. „Das war nicht von Anfang an so. Zuerst haben mich diese Gefühle auch total umgehauen, und ich habe mich geradezu auf Lilli gestürzt. Aber sie hat mich abgewiesen, für sie war alles nur rein körperlich. Sie hatte die Trauer um ihren toten Geliebten noch nicht überwunden und sich einen dicken Schutzpanzer zugelegt. Ich musste mich zwangsläufig zurückziehen und mit kleinen Schritten wieder auf sie zugehen. Ich habe ihr gesagt wie sehr ich sie liebe, und dass ich warte, bis sie sich mit ihren Gefühlen ganz sicher ist. Ich habe mich ganz in ihre Hände begeben, und damit ist der Druck von mir abgefallen. Ich habe zwar noch Zweifel, ob sie sich wirklich für mich entscheidet, aber ich genieße jeden Augenblick mit ihr und jede Zärtlichkeit, die sie mir schenkt. Es ist wunderschön, sich nur zu streicheln, zu küssen und einfach nur beieinander zu liegen. Es ist ein behagliches Gefühl, es ist, als ob ich endlich in einem sicheren Hafen angekommen bin.

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Gestern habe ich ihr in etwa erklärt, was die Gefährtin für uns bedeutet und wie die Verbindung endgültig wird. Jetzt lasse ich ihr die Zeit darüber nachzudenken, und wenn sie soweit ist, sprechen wir darüber.“ Fernando lächelte, in den Gedanken war er bei Lilli. Duncan nickte zustimmend. „Danke, mein Freund. Jetzt kann ich auch etwas gelassener an die Sache herangehen. Ich denke, dass du den richtigen Weg gefunden hast, und dass ich diesen Weg auch einschlagen werde.“ Sie tranken mit Genuß ihren Scotch und verfielen in ein kurzes Schweigen. Fernando hatte ja noch was auf dem Herzen – nämlich Drago. „Hör mal, Duncan, ich wollte noch über etwas anderes mit dir reden. Es geht um Drago. Ich habe mich mit ihm ausgesprochen. Er hatte gar keine Ahnung, dass wir über den Grund seines Verschwindens nicht informiert wurden, und er ist auch nicht Schuld an Lindsays Tod. Ich für meinen Teil habe ihm verziehen und für mich gehört er auch wieder zur Bruderschaft. Wir hätten ihm helfen und zu ihm stehen müssen.“ Fernando schaute erwartungsvoll zu Duncan. „Ich hatte noch nicht die Gelegenheit mit ihm über alles zu sprechen, aber du weißt, dass ich deinem Urteil hundertprozentig vertraue. Wenn du sagst, dass Drago wieder zu uns gehören soll, dann ist er auch für mich wieder ein Bruder. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass mir der Drache ganz schön gefehlt hat.“ Fernando lächelte erleichtert: „Es wird Drago sehr freuen, dass zu hören.“
Es klopfte. „Hey, Duncan. Bist du da?“, rief Bowen aufgeregt vor der Tür. Duncan schaute verwundert zu Fernando, zuckte mit den Schultern und öffnete die Tür. „Was hast du denn auf dem Herzen?“ „Oh Fernando, du bist ja auch da! Das passt ja perfekt. Hört mal, die Ladies machen einen Frauenabend …“ „Das wissen wir schon, und?“, sagte Duncan ungeduldig. „Die haben gerade Pizza bei mir bestellt. Ich dachte mir, dass ihr mir dabei helfen könntet, und dann stürmen wir die Party. Was meint ihr?“ Fernando und Duncan schauten sich lachend an. „Da sind wir doch dabei!“ „Geht ihr mal schon vor, ich hole noch Drago dazu“, sagte Fernando und war schon verschwunden. Auf dem Weg zur Kombüse schaute Bowen Duncan fragend an. „Drago? Habe ich da was nicht mitbekommen?“ „Ja hast du. Fernando hat mit ihm gesprochen und wir haben ihm Unrecht getan. Ich denke, dass er beim Pizzabacken mit uns darüber spricht.“ Die Beiden waren gerade damit fertig die Zutaten bereitzulegen, als Fernando und Drago in die Kombüse kamen. Drago lächelte etwas unsicher in die Runde. „Hallo Drago, na, dann schieß mal los“, sagte Duncan, während er den Pizzateig bearbeitete. Drago erzählte Duncan und Bowen das, was er auch schon Fernando erzählt hatte. Er betonte nochmals, wie leid ihm die ganze Geschichte tat, und dass er alles ungeschehen machen würde, wenn er es nur könnte. Er stand vor ihnen mit hängenden Schultern und seinem Gesicht konnte man die Qualen, die er durchlitten hatte, ansehen. Duncan ging auf ihn zu und legte im die Hände auf die Schultern. „Fernando hat vollkommen recht, wir haben dir großes Unrecht angetan. Dich wieder in unsere Bruderschaft aufzunehmen, ist das mindeste was wir tun können.“ Dann riss er Drago in seine Arme. „Mensch, Drache, wie habe ich dich vermisst!“ Alle vier lachten erleichtert auf und freuten sich darüber, dass sie jetzt wieder komplett waren. „Du hast jetzt nur noch ein Problem zu bewältigen“, sagte Duncan nachdenklich. Drago nickte: „Ja ich weiß, die Sache mit Kerstin und Tim. Es wird nicht einfach werden, mit Tim ins Reine zu kommen.“ „So, jetzt haben wir genug gequatscht, jetzt werden die Ladies aufgemischt! Die Pizzen sind fertig!“, rief Bowen und holte schon die erste aus dem Ofen. Blitzschnell hatten die vier alles verpackt und machten sich mit einem breiten Grinsen auf den Lippen auf zu meiner Kabine. Diese Überraschung sollte ihnen gelingen.

Hattori und Lucy hatten es sich in den weichen Ledersesseln gemütlich gemacht, während Gavin das Boot steuerte. Sie flogen mit riesiger Geschwindigkeit über die Wellen. Gischt spritzte ihnen in die Gesichter, die der Fahrtwind aber sofort wieder trocknete. Eine Unterhaltung ließ das Dröhnen des Motors nicht zu. Aber dem Blick von Hattori nach zu urteilen, war ihm an einer Unterhaltung auch nicht gelegen.

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Er schien gar nicht anwesend zu sein, hing seinen trüben Gedanken nach. Lucy ergriff spontan seine Hand, nur um ihm das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Hattori hob den Kopf und schaute ihr direkt in die Augen. Sie hatten nie einen engen Kontakt miteinander, doch Lucy wusste, wie sehr er ihren Schwestern am Herzen lag. Er lächelte ihr zu, zog aber seine Hand zurück.
Die Fahrt dauerte nicht lange, sie erreichten den Hafen von Havanna noch in den frühen Mittagsstunden. Die Sonne brannte heiß und mörderisch vom Himmel, so dass sie schon nach kurzer Zeit mit einem leichten Schweißfilm überzogen waren. Gavin machte das Boot an dem angemieteten Liegeplatz fest, während Hattori und Lucy ihr Gepäck an Land brachten. Sie ließ ihren Blick über den Hafen schweifen und musste feststellen, dass sie noch nie so viele Luxus-Yachten auf einem Fleck gesehen hatte. „Hier hat sich wohl die Creme de la Creme versammelt“, murmelte sie vor sich hin. Gavin, der sich inzwischen zu ihnen gesellt, hatte schlang von hinten seine Arme um Lucy und flüsterte ihr ins Ohr: „Die können dir alle nicht das Wasser reichen.“ Als nächstes mussten sie dafür sorgen, dass Hattori nicht seinen Flug in die Schweiz verpasste. Sie winkten ein Taxi herbei, sprachen mit Hattori noch ein paar aufmunternde Worte und weg war er.
Seit ihrer Ankunft, bis zum Zeitpunkt als Hattori mit dem Taxi wegfuhr, waren nur ein paar Minuten vergangen.
„Komm, Lucy, ich zeig dir unser Hotel. Dort können wir uns ein wenig frisch machen. Wir sind übrigens Lord und Lady of Kerry, ein frisch verheiratetes Ehepaar, dem Peerage of Ireland angehörend.“ „Ja, die Rolle der Frischverliebten auf Hochzeitsreise könnte uns liegen“, fügte Lucy schmunzelnd hinzu. „Präge dir deinen Namen ein, du heißt Catherine, kurz Cat. Das passt wenigstens zu dir. Duncan hat sich wohl einen kleinen Scherz mit mir erlaubt – darf ich mich vorstellen, Lord Conchobhar of Kerry. Zu Ihren Diensten, Eurer Gnaden.“ Gavin machte dabei eine tiefe Verbeugung vor Lucy. Glucksend brachte sie hervor: „Conchobhar, wie zum Teufel ist er darauf gekommen?“ Er fiel in Lucys Lachen ein und antwortete: „Conchobhar oder kurz Conor bedeutet in Irland Hunde- und Wolfsliebhaber.“ Arm in Arm schlenderten sie kichernd zu ihrem Hotel.
Statt wie gewohnt in Bluse und Lederhosen, war ihr langer schlanker Körper in ein weich schimmerndes, eisblaues, im Rücken geradezu dramatisch tief ausgeschnittenes Abendkleid gehüllt. Kleine Diamanten glitzerten an ihrem Hals. Ihr rotbraunes Haar hatte sie zu einer üppigen Lockenmähne frisiert, die nur von zwei winzigen Diamanthaarspangen im Zaum gehalten wurde. Ein riesiger Brillant sprühte regelrecht Funken. Die Diamanten hatte sie von Gavin bekommen, eine kleine Leihgabe, die ihren Auftritt als irisches Adelspaar glaubwürdiger machen sollte. Den Brillant hatte er eigens für sie gemacht.
Nach ihren Einkäufen am Nachmittag hatten sie noch ein paar Minuten Zeit, einen Strandspaziergang zu machen. Hinter einer hohen Düne, die sie vor neugierigen Blicken abschirmte, kniete Gavin sich hin, nahm eine Hand voll Sand und begann diesen in seinen Händen zusammenzudrücken. Seine Hände verschwanden im Rauch, doch begannen sie kurz darauf zu glühen. Gavin drückte und presste, rieb seine Hände kreisend gegeneinander. Schweißperlen rannen von seiner Stirn. Lucy konnte nur fasziniert dem Schauspiel zusehen. Nach ein paar Minuten war es soweit, er hielt seiner Cat den großen Brillanten unter die Nase, den sie jetzt stolz an ihrem Finger trug. „Gut, dass ich das nicht früher wusste, sonst könntest du mir niedere Beweggründe vorwerfen, ich würde dich nur wegen dieser funkelnden Steinchen lieben“, plapperte sie los. Er beendete ihren nachmittäglichen Redefluss mit einem innigen, tiefen Kuss, der ihr schon wieder Pudding in den Knien bescherte.
Gavin sah in seinem schwarzen Anzug einfach umwerfend aus, geheimnisvoll und ein klein wenig gefährlich. Mit seinem hoch gewachsenen, straffen, muskulösen Körper bot er in dem eleganten Anzug einen Anblick, der nicht nur ihr, sondern ebenfalls einer Großzahl der weiblichen Gäste regelrecht den Atem nahm.

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Das Bankett fand im Gouverneurspalast statt und wurde anlässlich des 16. Geburtstags der Tochter des Gouverneurs von Havanna gegeben. Die Straße vor dem Palast war mit Holzplatten ausgelegt, damit die Gouverneure nicht vom lauten Rattern der Kutschen gestört wurden, so erzählte es ihr Gavin, nein, Conchobhar. Es wurde Zeit, dass sie sich an den Namen gewöhnte. Um Einlass zu dem prachtvollen Gebäude zu bekommen, mussten sie sich einer strengen Sicherheitskontrolle unterziehen. Lucy mochte sich nicht vorstellen, welche Anstrengungen und Organisation es Sweetlife gekostet hatte, sie hier auf die Gästeliste zu bekommen. Gelassen ließen sie das Prozedere über sich ergehen, denn die Waffen, die sie bei sich trugen, konnte niemand entdecken. Sie kamen durch das große Tor in den Innenhof, der ganz mit Kerzen beleuchtet war. Für einen kurzen Moment vergaß Lucy, dass dies hier ein Arbeitseinsatz war und ließ sich von der romantischen Stimmung wegtragen. Gavin bemerkte ihren seligen Gesichtsausdruck, zog sie ein wenig fester an sich und flüsterte ihr einen kleinen Weckruf ins Ohr: „Oh, wie peinlich, sehr professionell von dir, Lucy“, schollt sie sich selbst. Mit einem bezaubernden Lächeln an Gavin gerichtet. „Aber mein Liebster, das gehört doch zur Rolle, nicht war Conchobhar?“ „Argh, Duncan kann was erleben, wenn wir zurück sind. Der Name wird mich in meinen Träumen verfolgen.“ „Du kannst ihn ja danach verbrennen“, erwiderte Lucy, konnte aber ein Grinsen nicht unterdrücken. Auch Gavin musste jetzt lachen und immer noch lachend betraten sie den Ballsaal.
Sie sahen sich in dem eleganten Saal um und ließen einen ersten Blick über die Gäste wandern. Überall standen riesige Eisskulpturen, die im Scheinwerferlicht wie Kristalle funkelten. Schwarz befrackte Kellner schoben sich mit Tabletts voller Getränke durch die Menge. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm. Lucy bemerkte in den kunstvoll vergipsten Decken eingelassene Überwachungskameras, die einen vollständigen Überblick über den gesamten Saal boten. Scanner sollten unauffällig prüfen, ob ein Gast irgendwelche Waffen trug, die er unbemerkt in den Saal geschmuggelt haben konnte.
Sie konnten nur kurz einen Blick auf die Gästeliste werfen, aber der genügte ihnen auch. Der Großteil der Gäste waren Gouverneure, Botschafter, Großindustrielle und Banker und jede Menge Adel. Der ganze Saal roch nach Geld und Macht und Habgier. Gar nicht die Gäste, die man auf einer Geburtstagsparty eines Teenagers erwarten würde. Lucy empfand ein wenig Mitleid mit dem Mädchen, das herausgeputzt wie ein Pfau, neben ihren Eltern stand und einige der Gäste begrüßte.
„Also, was machen wir hier jetzt?“, wollte Gavin wissen. „Nur beobachten, nur beobachten. Duncan zieht mir buchstäblich das Fell über die Ohren, wenn wir hier auffliegen. Ich geh mir mal die Nase pudern, die Gespräche in den Toiletten sind immer sehr aufschlussreich. Du kannst uns ja mal etwas zu trinken holen, wir wollen doch nicht durch Abstinenz auffallen“, fügte sie lachend an und bahnte sich ihren Weg. Das stille Örtchen für Damen war gar nicht still. Schon bevor Lucy den Raum betrat, hörte sie ein Gackern, Lachen und Geschnatter, das die Frauen von Stand überhaupt nicht damenhaft wirken ließ. Sie erwischte einen freien Platz am Spiegel, lächelte der Dame neben ihr zu und begann ihre Schminkutensilien aus dem winzigen eisblauen Abendtäschen zu pellen. Aus den Augenwinkeln bemerkte Lucy, wie sie von ihrer Nachbarin einer kompletten Musterung unterzogen wurde, deren Blick nun auf ihrem Ring hängen blieb. „Okay, lass uns spielen“, dachte Lucy bei sich. Mit dem unschuldigsten Blick, den man sich nur vorstellen kann, drehte sich Lucy zu ihr und zeigte ihr den Ring voller Stolz. „Ist er nicht hinreißend? Genauso hinreißend wie der Mann, der ihn mir schenkte“, trällerte sie los. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie beide mir gehören.“ Nun lächelte auch die Frau „Darf ich?“, und nahm ihre Hand in die ihre, um den Brillanten genauer zu begutachten. „Wirklich außergewöhnlich, und ich muss es ja wissen, ich bin schließlich die Frau einen Juweliers. Darf ich mich vorstellen, Audrey Tiffany.“ 😎 Lucy zog eine Augenbraue hoch. „Ah, aus Ihrer Reaktion sehe ich, Sie haben von uns gehört. Einer meiner Vorfahren war Charles Lewis Tiffany, unser Geschäft ist immer noch in Familienbesitz.“ „Ja, welches Mädchen hat noch nicht von Tiffany gehört und geträumt.

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Mein Name ist Lu- äh – Catherine, Lady of Kerry. Wir sind hier in den Flitterwochen, mein Mann und ich“, fügte sie träumerisch hinzu. „Oh, wie schön, dann darf ich noch gratulieren? Möchten sie und Ihr Mann sich nicht zu uns an den Tisch setzen? Dann können Sie mir noch mehr erzählen. Es wäre schön, ein wenig frisches Blut am Tisch zu haben“, schlug sie ihr zwinkernd vor. „Das ist reizend von Ihnen, gerne kommen wir an Ihren Tisch.“ Lucy wurde allmählich etwas mutiger und fragte mit unschuldiger Miene: „Wie sieht heute eigentlich das Programm aus? Ich dachte, das hier ist eine Geburtstagsparty und alles wirkt so – wie soll ich sagen, ohne jemanden kränken zu wollen – so steif?“ „Ja, nicht wahr? Aber ich fürchte, liebe Catherine, so darf ich Sie doch nennen? Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Nach dem Essen ziehen sich die Herren zu einer guten Zigarre zurück, wir sind ja schließlich auf Kuba, und die Damen dürfen den Klängen des Kammerorchesters lauschen.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Audrey und verließ die Toilette, gefolgt von einer sichtlich zufriedenen Lucy.
Gavin zu finden, war nicht schwer. Sie musste nur dem kichernden Mädchen folgen, das ihn so schwärmerisch beschrieb. Er lehnte lässig an einer der riesigen Säulen des Saales und plauderte mit ein paar für ihn eindeutig zu jungen Damen. Als er Lucy auf sich zu kommen sah, beendete er das Gespräch charmant und ging ihr entgegen. Lucy sah die schmachtenden Mädchen, und auch ihre sehnsüchtigen Blicke entgingen ihr nicht. „Wie gut, dass ich nicht eifersüchtig bin“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Bist du nicht? Dann mache ich etwas falsch“, sagte er und versuchte enttäuscht auszusehen. „Und? Konntest du den Hühnern irgendwelche Neuigkeiten von Belang entlocken?“ Gavin musste schmunzeln. „Ah, so ein bisschen Eifersucht steht dir doch gut. Nein, leider. Ich bin froh, dass du mich von ihnen befreit hast. Ich dachte, Rauch kommt schon aus meinen Ohren.“ „Aber ich hab Neuigkeiten. Deinem Brillanten haben wir es zu verdanken, dass wir am Tisch von Audrey Tiffany und ihrem Mann sitzen. Schau dort drüben, die Dame, die uns so aufgeregt winkt. Komm, lächeln und winken, lächeln und winken.“ Ganz galant bot Gavin Lucy seinen Arm und so schritten sie zu ihrem Tisch.
Das Dinner verlief ohne besondere Vorkommnisse, belangloses Geplauder, Tratsch und Klatsch über anwesende und nicht anwesende Prominenz. Nach dem Essen zogen die Herren sich wie angekündigt in die riesige Bibliothek zurück. Lucy war etwas niedergeschlagen, weil sie bisher nicht viel in Erfahrung gebracht hatten, aber der Abend war ja noch nicht zu Ende.
Gavin schloss sich den Herren an, um dort sein Glück zu versuchen. Eigentlich rauchte er ja nicht, aber so eine gute Havanna ließ er sich dann doch nicht entgehen. Die Gespräche drehten sich um Aktienkurse, Börsenberichte und diverse andere Geschäfte, mit denen sich Geld verdienen ließ.
Ein Herr allerdings, der sich ihm als Muhammed bin Raschin al Daktoum, Botschafter des Emirates Dubai, vorstellte, wollte wissen, ob er auch zu der in der Nacht angesetzten Geschäftsbesprechung gehen würde. „Natürlich, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, zu welchem Zweck dieses Treffen vereinbart wurde?“, erwiderte Gavin. „Na, Geld. Nicht mehr, nicht weniger, die wollen unser Geld. Sie sollten auch zahlen für den Schutz, den sie uns anbieten“, flüsterte er ihm geheimnisvoll zu. Und auf einmal verstand Gavin.
Währenddessen quälte Lucy sich durch das Kammerkonzert. Sie konnte keine Gespräche mehr führen und musste zur Untätigkeit verdammt den Klängen des Orchesters lauschen. Das einzig Gute daran war, dass sie sich nicht an diesem sinnlosen Geplänkel von Unterhaltung beteiligen musste. Na ja, wenigstens konnte sie Duncan ein paar Namen bringen.
Nach dem Konzert erwartete sie schon Gavin mit einem Glas Champagner in der Hand. Ihm war anzusehen, dass er Neuigkeiten hatte. „Du siehst aus, als ob du gleich platzen würdest. Na, was hast du herausgefunden?“ Er zog sie etwas beiseite, legte seinen Arm um sie und hauchte ihr nur ein Wort ins Ohr: „Schutzgelder!“ Lucy musste nicht nachfragen, das Puzzelteilchen fiel direkt an seinen Platz. Das klang logisch, wenn man wusste, was die Dragons vorhatten.

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Entweder du zahlst, oder du spürst die bald grenzenlose Macht der Dragons. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, in solch einer Welt zu leben. Erfreut, nicht mit leeren Händen zu ihren Schwestern und den Brüdern zurückzukommen, schlang sie ihre Arme um Gavin und küsste ihn zärtlich.
Auf einmal zuckte Gavin vor Schreck zusammen und sein Körper versteifte sich. Lucy bemerkte sofort, dass etwas passiert sein musste. Sein Blick richtete sich starr vor Entsetzen auf die Treppe an der gegenüberliegenden Seite des Saales. Eine Frau wurde von Lucius Malfoy, ihnen wohl bekannt als die rechte Hand von Dragon, die Treppe herunter geführt. Eine Frau, so schön und feengleich, wie sie es nur selten gesehen hatte. Mit erschreckend kalter Stimme entfuhr es Gavin: „Lindsay!“.
Lucy hätte vielleicht gesagt, dass die Glut seines Zorns mit Händen greifbar war, ehe sie sich ins Gegenteil verkehrte und den gesamten Saal mit Eiseskälte zu erfüllen schien.
„Wir müssen hier weg. Sofort.“ War alles, was er sagte bevor er sie in Richtung Ausgang zog.

Als die anderen gegangen waren, stand er mit dem Rücken zur Tür und musterte mich von oben bis unten mit einem amüsierten Blick. Plötzlich wurde ich mir meines riesigen ausgewaschenen Sleep-Shirts mit dem Bambi Aufdruck bewusst. Auch musste ich an das weiße Zeugs von Doc auf meinem Gesicht denken, und dass er mich damit gesehen hatte. Prompt lief ich rot an, und schnell verschränkte ich meine Arme über der Brust und drehte mich in Richtung Bett. „Öhm, ich glaube, ich sollte mal langsam anfangen und ein bisschen aufräumen, hier sieht es ja aus wie nach der Schlacht im Teutoburger Wald, und ich möchte endlich ins Bett“, sagte ich mit verunsicherter Stimme und kaum ausgesprochen, dachte ich: „Geht’s noch? Das hört sich ja an wie eine Einladung!“ „Ich könnte mir auch schnell noch ein Mauseloch suchen, in das ich verschwinden kann, bevor das hier noch peinlicher wird“, murmelte ich leise und schloss meine Augen. Da spürte ich, wie er seine Arme von hinten um mich schlang und mich sanft an sich drückte. „Nicht doch, das muss dir nicht peinlich sein, meine kleine Hexe“, sagte er leise und küsste mich auf den Kopf. Vampire und ihr verdammtes Supergehör! „Selten habe ich mich so amüsiert wie heute, es hat mir wirklich unheimlich viel Spaß hier mit euch gemacht.“ Ich legte meine Hände auf seine Arme und lehnte meinen Kopf an seine Brust. „Ich hab dich auch noch nie so lachen gehört, so unbeschwert und so losgelöst, solange ich dich kenne“, erwiderte ich und betrachtete das Chaos, das wir alle hier angerichtet hatten. Mein Bett war unter leeren Pizzakartons begraben und fast leere Chips-Tüten lagen überall verstreut auf dem Boden. Die Möbel waren an die Wände gerückt, auf den Kissen klebte das restliche Popcorn neben dem übriggebliebenen Gummizeug, und leere und halbvolle Flaschen nebst Gläsern standen und lagen überall herum. Plötzlich verlor ich den Boden unter den Füssen und fand mich sicher in seinen Armen wieder. Er hatte mich so schnell hochgehoben, dass mir ein bisschen schwindelig wurde. Vampire und ihre verdammte Schnelligkeit! „Oh.“ Brachte ich nur hervor und verschränkte meine Finger in seinem Nacken. So konnte ich sein Gesicht in aller Ruhe betrachten. Seine Augenfarbe hatte zu einem Mitternachtsblau gewechselt und seine vollen und sinnlichen Lippen steiften über mein Gesicht. „Mmh, da war noch etwas Schokolade… Also hier, in diesem Durcheinander, kannst du nicht bleiben, außerdem liegen hier überall Scherben rum und ich weiß mittlerweile, dass du gerne barfuß läufst. Ich werde Tiago bitten, dass er deine Kabine wieder auf Vordermann bringt. Solange nehme ich dich mit zu mir, aber natürlich nur, wenn du das auch wirklich möchtest, ja?“ „ Du kannst Fragen stellen“, flüsterte ich und rieb meine Nase an seinem Hals. Sein Duft war einfach nur berauschend. Das war ihm wohl Antwort genug, denn er trug mich in null Komma nichts in seine Kabine.

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Dort angekommen, stellte er mich sanft ab, ging zu seinem Schreibtisch und holte sein Handy hervor. Ich beobachtete ihn während er mit Tiago sprach. Sein Blick strich mit einer solch unglaublichen Zärtlichkeit über meinen gesamten Körper, sodass mir die Knie weich wurden. Als er das Gespräch beendet hatte, warf er das Handy auf den Schreibtisch, nahm mich wieder in seine Arme und küsste mich sanft. „Wir wollten es doch langsam angehen“, flüsterte er heiser und knabberte an meinem Ohrläppchen. „Ja, das wollten wir“, erwiderte ich leise und knöpfte dabei sein Hemd auf, um an seine Haut zu gelangen. Endlich!

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Nach einer Weile kamen wir langsam wieder zu Atem. Während er zärtlich mit seinen Fingern über meine Arme und meinen Rücken strich, drückte er seine Lippen in mein Haar und raunte: „Mein Herz, das war einfach wunderbar… und ich bin froh, dass wir nicht gewartet haben, aber du solltest dich jetzt ausruhen und ein bisschen schlafen.“ „Mh-mmh“, murmelte ich, und als er uns mit seiner Decke zudeckte, kuschelte ich mich in seine Arme. Meine letzten Gedanken waren: „Mein Vampir und seine wunderbar liebevolle Art…“
Als ich am nächsten Morgen aufgewacht war, lag er nicht mehr neben mir, sondern stand nackt mit dem Rücken zu mir an seinem Schreibtisch. Mit dem Handy in der Hand redete er mit gedämpfter Stimme auf jemanden ein. Ich hatte noch nicht mal gehört, dass es geklingelt hatte. Doch plötzlich drehte er sich zu mir um und sah mich entsetzt an: „Was sagst du da, Gavin? Wen hast du gesehen?“

Nachdem Drago gegangen war, fiel Kerstin in einen tiefen traumlosen Schlaf. Sie wusste nicht wie lange sie geschlafen hatte, aber es ging ihr nach dem Aufwachen besser. Drago war noch nicht wieder zurück und sie überlegte, was der Auslöser für sein Verhalten gewesen sein konnte. War es die Tatsache, dass irgendein Wesen durch sie zu ihm gesprochen hatte? Oder lag es daran, dass sie ihm ihre Liebe gestanden hat? Kerstin wusste ja um die Gefühle, die Drago für Lindsay empfunden hatte. Vielleicht war er einfach noch nicht so weit und wollte es nicht zugeben, um sie nicht zu verletzten? Tja, das war jedenfalls nicht der richtige Weg gewesen. Kerstin versuchte sich zusammen zu reißen, um nicht wieder zu weinen. Sie beschloss erst mal heiß zu duschen, das half ihr eigentlich immer. Als sie unter den heißen Wasserstrahl stieg, und nach seinem Duschgel griff, es öffnete und ihr der intensive Duft in die Nase stieg, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei und sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie bemerkte nicht einmal, dass Drago in der Zwischenzeit wieder in seine Kabine zurückgekehrt war. Er hörte durch die nur angelehnte Tür ihr Schluchzen, und er hörte auch ihre Gedanken. „Was habe ich nur gesagt, dass ihn so verschreckt hat? Oder war es doch noch wegen Lindsay?“, grübelte sie und stellte das Wasser ab. Das versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. Er hatte sich eigentlich nur Sorgen gemacht wegen dem, was vorher passiert war. Das mit Lindsay lag doch so lange hinter ihm. Er konnte nicht ändern was damals passiert war, und seine Gefühle waren auch nie so intensiv für Lindsay gewesen, wie Kerstin jetzt annahm. Es wurde dringend Zeit für ein offenes Gespräch. In Gedanken sagte er zu ihr: „Ich bin wieder da. Darf ich zu dir rein kommen?“ Augenblicklich verstummte Kerstin. Es entstand ein langes Schweigen bevor sie laut antwortete: „Ja, es ist ja schließlich dein Bad.“ Als Drago ins Badezimmer trat, stand Kerstin noch immer unter der ausgestellten Dusche. Und er sah, dass sie fror. Sofort nahm er das große Badetuch, wickelte sie liebevoll darin ein und rubbelte sie sanft trocken. Als er sie in die Arme nahm, zitterte sie. Zusammen gingen sie in das andere Zimmer. „Es ist vielleicht besser, wenn du dir erst mal etwas anziehst. Du bist etwas ausgekühlt. Und dann möchte ich mit dir reden. Soll ich solange vor die Tür gehen?“ „Sei nicht albern, als wenn du mich noch nie nackt gesehen hättest“, sagte Kerstin leicht gereizt. Drago musste über diese Antwort schmunzeln. Während Kerstin ihre Sachen zusammen suchte, stand er vor dem riesigen Fenster und tat so, als wenn er hinaus schauen würde.

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In Wirklichkeit beobachtete er aber das Geschehen im Zimmer, ihren biegsamen wunderschönen Körper, wie sie mit den ihr eigenen geschmeidigen Bewegungen sich langsam anzog. Ihr Gesicht, ihre Beine, ihre Brüste, und er musste daran denken, wie sie sich anfühlte, wie sie schmeckte… Woraufhin er einen Schuh an den Kopf bekam mit der Bemerkung: „Da habe ich jetzt gerade überhaupt keine Lust drauf!“ Etwas zerknirscht drehte Drago sich um. „Okay, du wolltest mit mir reden“, versuchte Kerstin so gleichgültig wie möglich zu sagen. Was aber nicht klappte, da sie ein deutliches Zittern in ihrer Stimme hatte. Drago deutete auf die kleine Sitzecke und beide nahmen Platz. Er musste sich räuspern und blickte ihr fest in ihre Augen: „Okay, reden wir nicht lange um den heißen Brei herum. Ich habe gehört, was du unter der Dusche gedacht hast, und ich kann dir dazu nur sagen, dass du nichts falsch gemacht hast. Es hat auch nichts mit meinen früheren Gefühlen für Lindsay zu tun. Ja, ich habe sie damals geliebt, aber nicht so sehr, wie ich dich jetzt liebe. Es war nie so intensiv wie es bei uns beiden ist, glaubst du mir das?“ Kerstin schaute ihm die ganze Zeit in die Augen und legte dann den Kopf leicht schief. „Ja, ich denke, ich glaube dir. Es hätte ja eh keinen Sinn mir was Falsches zu erzählen, oder?“, sagte sie mit einem leichten Lächeln. Drago sprang auf und ließ sich vor ihr auf die Knie fallen. Der erste Gedanke, der Kerstin in diesem Moment durch den Kopf schoss: „Oh, nein, bitte nicht!“ Drago fing laut an zu lachen: „Hey, meinst du wirklich, ich wollte dir jetzt einen Antrag machen?“ Kerstin wurde rot. „ Nee mein Schatz, ich wollte dich nur vor Erleichterung küssen.“ Und in Gedanken fügte er noch hinzu: „Und vielleicht machen wir da weiter, wo wir vorhin aufgehört haben?“ Sie stand auf und knuffte ihn liebevoll in die Seite: „Später mein Schatz. Jetzt muss ich erst mal ein paar Nachforschungen über Peru anstellen und ein wenig trainieren. Auch möchte ich mich mit meinen Schwestern treffen und reden.“ Drago versuchte es mit seinem Drachenblick, aber Kerstin ließ sich nicht erweichen und ging Richtung Tür. Völlig verwirrt stand Drago noch an der gleichen Stelle.  Kerstin drehte sich zu ihm um und sagte mit einem Kichern: „Das, mein Schatz, war für dein Spannen vorhin. Und jetzt hast du ja was, worauf du dich nachher freuen kannst.“ Und schon war sie schnell durch die Tür verschwunden, bevor Drago sie erreichen konnte. Das einzige, was er noch hören konnte, war ihr schelmisches Lachen im Flur.

Nach unserem Pärchenabend, der ja eigentlich als Mädelsabend geplant war, machte sich Lilli gleich auf den Weg zu ihren Computern. Fernando begleitete sie. Sie gingen schweigend nebeneinander her. Fernando spürte, dass irgendetwas Lilli bedrückte. Er überlegte, sie darauf anzusprechen, entschloss sich dann aber zu warten, bis sie mit der Sprache herausrückte. Im Computerraum angekommen, überprüfte Lilli die Bildschirme und schaute kurz über die Daten, die schon eingetroffen waren. „Gut, alles läuft so wie ich mir das vorstelle. In zwei bis drei Stunden habe ich alles zusammen.“ Sie drehte sich zu Fernando um. „Genügend Zeit für ein wichtiges Gespräch.“ Bevor er reagieren konnte, hatte Lilli seine Hand genommen und zog ihn hinter sich her. „Ich würde sagen, wir gehen in meine Kabine. Das ist näher.“ Fernando war so verblüfft und auch etwas verunsichert, dass er Lilli ohne weiteres folgte. In Ihrer Kabine, drehte sie sich zu ihm um und schaute ihm fest in die Augen. Sie drückte seine Hand so fest zusammen, dass es ihm Schmerzen bereitete. Sie kämpfte sichtlich mit sich und den Worten, die sie sagen wollte. „Fernando……Ich bin noch nie mit so einem Mann wie dir zusammen gewesen. Ich bin es nicht gewohnt, mich auf einen Mann zu verlassen. Immer war ich der stärkere Part, ich hatte immer die Kontrolle. Und jetzt……. alles was ich wusste und konnte, alles was mir half zu leben, zu überleben, verlässt mich, wenn ich bei dir bin. Durch meine Liebe zu dir verliere ich die Kontrolle über mich, ich falle ins Bodenlose.“ Lilli schluckte schwer, aber sie musste es aussprechen. „Ich habe angst!“
Fernando befreite seine Hand und streichelte zärtlich ihre Wange, dann nahm er sie in seine Arme. „Du musst keine Angst haben, ich fange dich auf“, sagte er liebevoll an ihrem Ohr. „Ich werde immer bei dir sein, dich lieben, halten und beschützen. Das schwöre ich dir, bei allem was mir heilig ist.“ Er strich mit seinen Lippen über ihre Wange und küsste sie sanft. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie sehr sie sich nach diesen Armen, nach diesen Lippen, nach diesem Mann gesehnt hatte. Noch vor kurzem kannte sie ihn gar nicht, dieser Mann war ein Fremder für sie. Doch nun spürte sie, dass sie immer auf der Suche nach im gewesen war. Nun hatte sie ihn gefunden. Sie ließ sich fallen und küsste ihn voller Hingabe. Bei ihm fühlte sie sich endlich geborgen, geliebt und sicher. Ihr beider Kuss wurde leidenschaftlicher, er trug sie auf seinen Armen zu der großen Liege an der Fensterfront. Er ließ sie auf die Liege gleiten und schaute sie glücklich lächelnd an. „Jetzt bin ich mir sicher, dass du mich liebst.“ „Wieso?“, hauchte Lilli. „Du leuchtest, aber in einem ganz besonderen, dunklen Grün.“ „Ich habe es dir ja gesagt, totaler Kontrollverlust“, flüsterte Lilli. Sie zog Fernando zu sich.

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Fernando beugte sich zu Lilli und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

Gavin zog Lucy ohne ein weiteres Wort zu sagen aus dem Saal. Inzwischen war die Nacht sternenklar hereingebrochen. Die Luft war angenehm kühl und roch nach Salz und Meer.
Er knurrte sie nur kurz an „nicht hier, nicht jetzt“ und eilte ziellos durch die Straßen. Er stand immer noch unter Schock und konnte die Tragweite der Ereignisse noch nicht fassen. Erst als sie am Hafen angekommen waren, verlangsamte er seine Schritte, ließ sich erschöpft auf einer Bank nieder, den Kopf in seinen wunderschönen Händen vergraben. Lucy, die immer noch nicht genau wusste, was soeben passiert war, kniete sich vor ihn hin, zog seinen Kopf zu sich und küsste ihn voller Zärtlichkeit und Mitgefühl. Ihre Stirn an die seine gelehnt flehte sie ihn an: „Bitte rede mit mir, Gavin. Was war da drinnen eben los?“ Gavin, immer noch starr vor Entsetzen, sah ihr lang in die Augen, bevor er ihr antwortete.
„Ich habe jemanden gesehen, der eigentlich tot sein müsste. Du hast doch von Lindsay gehört. Sie tauchte in letzter Zeit häufiger in meinen Träumen auf. Ich bin immer davon ausgegangen, dass mein Unterbewusstsein so versucht die Trauer und den Verlust zu verarbeiten. Aber Lindsay lebt und ich habe sie in meinen Visionen gesehen, weil sie lebt. Eigentlich müsste mir das Herz vor Freude zerspringen, aber ich kann es irgendwie noch nicht glauben. Was macht sie da? Es kann doch nicht sein, dass sie jetzt zu den Dragons gehört? Sie würde uns niemals so verraten.“ Natürlich hatte Lucy die Geschichte von Lindsay gehört und Anteil an dem großen Verlust der Brüder genommen. „Wir gehen ins Hotel zurück, dort reden wir weiter. Vielleicht finden wir ja etwas heraus, jetzt wo wir wissen, wonach wir suchen müssen.“ Schweigend gingen sie zurück zum Hotel. Lucy spürte die Anspannung, unter der er stand. Er wollte dieses Rätsel lösen. Nicht nur für die Brüder, sondern vor allen für sich selbst. Zu lange litt er schon unter den Träumen.

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Bei jedem Brand, den er ungewollt entfachte, war es für ihn schwieriger eine Erklärung oder Entschuldigung hervorzubringen. Er wollte nicht, dass sich seine Ordensbrüder oder jetzt die Vash-Schwestern, insbesondere Lucy, Sorgen um ihn machten. Er fühlte sich so schwach und verletzlich. Sein Leben glitt ihm allmählich aus den Händen. Lucy hatte einen guten Instinkt, wenn es darum ging Stimmungen und Gefühle einzuschätzen. Deshalb ließ sie ihn in Ruhe, zumindest fürs Erste.
Gavin ging in ihrer Suite direkt zu seinem Laptop und schaltete ihn ein. „Fahr meinen bitte auch hoch. Ich spring nur schnell unter die Dusche und zieh mir etwas Bequemeres an. Die Schuhe sind echt die Hölle, wer so etwas erfunden hat, muss irgendwie krank gewesen sein“, scherzte Lucy. Sie versuchte sein Schweigen mit Belanglosigkeiten zu durchdringen, allerdings ohne Erfolg.
Sie zog sich in Windeseile sich und schlüpfte in die riesige verglaste Dusche. Das Wasser kam eiskalt aus dem Duschkopf und im ersten Moment, als sie der kalte Wasserstrahl Lucy traf, rutschte ihr ein kleiner Schreckensschrei über die Lippen. Sie stellte die Temperatur etwas höher, nicht zu kalt, nicht zu heiß. Das Wasser spülte die Hitze und ihre Sorgen ab, ihre Gedanken wurden wieder klar und gaben ihr neue Energie. Gavin, der nebenan am Computer saß und ihren Aufschrei gehört hatte, stand lässig an den Türrahmen gelehnt und beobachte das Duschszenario. „Was für eine Frau“, dachte er. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, so dass sie ihn nicht bemerkt hatte. Ihr schlanker Körper war über und über mit duftendem Schaum bedeckt, der wie kleine Wolken auf ihrer Haut tanzte. Ihr Haar, das ihr fast bis zu den Hüften reichte, schlang sie zu einem dicken Zopf, den sie mit Conditioner einrieb. Ihre Hände kneteten und massierten den dicken Strang, damit sich die Lotion gleichmäßig verteilte und in ihr Haar einzog. Etwas Erotischeres hatte Gavin noch nie gesehen. Obwohl er am liebsten zu ihr in die Kabine geschlüpft wäre, blieb er dort im Türrahmen stehen. Um nichts in der Welt, wollte er diesen Moment zerstören. Er schaute zu und genoss ihren Anblick. Leise schlich er an seinen Computer zurück, konnte aber ein Grinsen nicht länger unterdrücken und begann mit seinen Nachforschungen. Lucy hatte sich inzwischen abgetrocknet und kam mit einem weißen und flauschigen Ungetüm von Bademantel bekleidet aus dem Bad. Sie trat hinter ihn, schlang ihre Arme um ihn und küsste ihn auf den Scheitel. „Warum hast du die Vorstellung so früh verlassen?“, fragte sie ihn neckend. „Du hast mich bemerkt? Ich wollte nicht…, äh, ich konnte nicht…, ach, vergiss es!“, stammelte er. „Natürlich hab ich dich bemerkt, im ersten Moment schon. Weißt du, ich spüre deine Nähe, so wie eine elektrische Schwingung, die mal schwächer, mal stärker ist. Schade, ich wollte noch den Seifentrick anwenden, dem hättest du nicht widerstehen können“, sagte sie und zwinkerte ihm zu. „Was ist der Seifentrick?“, wollte er wissen. „Den kennst du noch nicht, he? Na, ungeschickt wie ich nun mal bin, wäre mir die Seife heruntergefallen. Und ich hätte mich ganz langsam nach ihr gebückt, um sie wieder aufzuheben. Aber dieses glitschige Ding kann man ja nicht beim ersten Mal greifen. So ein Pech aber auch, aber ich bin mir sicher, sie fällt für dich noch einmal und wir …“ Mit einem Ruck zog er sie auf sich und küsste sie heiß und fordernd. „Still, du kleines Plappermaul. Du brauchst doch keine Tricks bei mir. Ich will dich, ich wollte dich schon immer, und ich werde dich immer wollen. Ohne Tricks. Liebe mit dir ist wie ein Hurrikan, ich möchte mich voll auf dich konzentrieren. Und das kann ich zur Zeit nicht. Und du verdienst nichts anderes, ich möchte keine halben Sachen machen, auch nicht im Bett, verstehst du das? Aber du musst mir noch ein wenig Zeit geben. Ich muss das hier auf die Reihe kriegen, das ist wichtig für mich, ok?“ „Ja, Gavin, ist doch in Ordnung, ich werde dir helfen.“ Mit einem Nicken besiegelte er ihr Abkommen. Sie wirkte ein wenig geknickt darüber, dass sie ihn nicht verführen konnte, aber innerlich jubilierte sie. Sie hatte ihn genau da, wo sie ihn haben wollte. Ihr war schon lange klar, dass sie ihr persönliches Glück erst richtig genießen konnten, wenn er diese Sache mit Lindsay und seinen Träumen geklärt hatte. Und dass sie ihm dabei helfen durfte, was er bisher immer abgelehnt hatte. „Na dann mal los. Was haben wir bis jetzt?“ Sie waren ein Team und ergänzten sich. Ihre Nachforschungen gingen zurück bis zu dem Tag, an dem Lindsay sich von der Klippe gestürzt hatte. Gavin konnte immer noch nicht fassen, dass sie das überlebt hatte. Es gab Augenzeugen, die Lindsay sahen, wie sie sprang. Auch wenn ihr Leichnam nie gefunden wurde, hatten sie nie an ihrem Tod gezweifelt. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er seine Träume falsch gedeutet hatte. Wenn er doch nur auf seine Mutter gehört hätte, wenn er von ihr gelernt hätte, und wenn er sich mit seinen Fähigkeiten des Sehens beschäftigt hätte, ja sie angenommen hätte. Tja, alle „Wenns“ nützten ihm jetzt nichts. Sobald dieser Alptraum vorüber wäre, würde er sich helfen lassen. Vielleicht wussten ja die Schwestern einen Rat oder konnten ihm einen guten Lehrmeister oder Lehrmeisterin empfehlen. Ja, das würde er tun. Sie arbeiten konzentriert, effektiv und durchaus erfolgreich. Sie suchten in Zeitungsausschnitten und durchforsteten fast jede Datenbank nach Lindsay. Für sie war es eine Kleinigkeit sich die Informationen zu beschaffen. Wenn man wusste, wonach man suchte, war der Rest nicht mehr schwer. Und so fanden sie relativ schnell heraus, dass sie sich jetzt Lin Sayer nannte. In einem Artikel der New York Times über die Eröffnungsfeier des neuen Wolkenkratzers in Dubai entdeckten sie Lindsay auf einem Pressefoto. Sie stand direkt neben dem Anführer der Dragons und lächelte vorteilhaft in die Kamera. Die Schlagzeile lautete: Glanzvolle Eröffnungsfeier von Burj Tower in Dubai. Ihr Name stand unter dem Foto. „Nicht sehr einfallsreich“, dachte Lucy bei sich, „wenn ich nicht gefunden werden möchte, würde ich mich doch komplett anders nennen. Und ich würde auch mein Äußeres verändern.“ Sie wurden nicht schlau daraus.

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Gavin hatte ihr erzählt, sie hätte sich kaum verändert. Sie sah ein bisschen älter, reifer, weiblicher aus als die Lindsay, die er noch gekannt hatte. Aber sie sei sie selbst geblieben. Fieberhaft durchsuchten sie fast die ganze Nacht das Internet nach weiteren Informationen. Wie war Lindsay nur an die Dragons geraten? Scheinbar hatte die Verbrecherorganisation auch ihre Finger bei diesem höchsten Wolkenkratzer der Welt im Spiel. Nachdem sie völlig erschöpft waren, zog Gavin Lucy von ihrem Stuhl und trug sie aufs Bett. Sobald sie die Matratze berührt hatte, schlief sie auch schon. Gavin strampelte sich noch die Schuhe von den Füßen und legte sich mit allen Kleidern neben sie. Auch bei ihm dauerte es nicht lange, und er fiel in einen traumlosen Schlaf. Mitten in der Nacht wurde Lucy von einem Geräusch geweckt und schreckte hoch. Sie wusste nicht wie lange sie geschlafen hatte, aber da war es wieder, ein leises Klopfen an ihrer Tür. „Gavin“, flüsterte sie, „da ist jemand an der Tür.“ Gavin war sofort hellwach. Wer würde sie zu dieser Zeit in ihren Alibi-Flitterwochen stören? Er ging an die Tür, zog den Riegel zurück und öffnete sie nur einen Spalt. „Was willst du hier, Lindsay?“, hörte Lucy ihn knurren. „Gavin, lass mich rein. Ich darf hier nicht gesehen werden, aber ich muss dringend mit dir reden. Bitte!“, flehte sie ihn an. Er trat einen Schritt zurück, sodass Lindsay an ihm vorbei ins Zimmer schlüpfen konnte. Sie ließ ihren Blick schweifen, als würde sie nach etwas suchen. Doch das Zimmer war leer, nur eine kleine Katze lag zusammengerollt auf dem Bett. „Was willst du hier?“ „Oh, ich dachte, ich könnte mit dir und dieser Frau, die dich heute Abend begleitet hat, reden. Ist sie nicht hier?“ wunderte sich Lindsay. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst und abgesehen davon geht dich meine Leben nichts mehr an. Ich muss schon sagen, du hast ganz schön Mut hier aufzutauchen.“ Gavin ging zum Bett, setzte sich darauf und nahm die Katze in den Arm. „Die ist aber süß“, sagte sie und streckte ihre Hand aus, um die Katze zu streicheln. Ein wildes Fauchen ließ sie innehalten. „Sie mag nicht jeden, und Fremde schon gar nicht“, erklärte ihr Gavin, konnte aber ein Grinsen nicht unterdrücken. „Tja, also nun, es ist schön, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen“, plapperte Lindsay los. „Es ist viel passiert seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben. Vielleicht sollte ich ein paar Dinge erklären.“ „Ja, das solltest du. Aber nicht hier und jetzt. Wenn du reden willst, dann mit Duncan. Ich kann ein Treffen arrangieren.“ Auf einmal ließ Lindsay ihre Fassade fallen und das harmlos und naiv wirkende Frauchen wurde ganz geschäftsmäßig. „Okay, aber ich darf nicht gesehen werden. Das würde meinen Tod bedeuten. Und euren auch.“ „Darüber mach dir mal keine Sorgen, ich werde Duncan sofort informieren. Wie kann ich dich erreichen?“ Sie zog eine kleine Karte aus ihrer Tasche. „Das hier ist eine Bar. Dahinter ist ein kleiner Laden mit Werkstatt, in dem Zigarren gerollt werden. Gib dich als Käufer aus und frag nach Lin Sayer.“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging. Als die Tür ins Schloss gefallen war, sprang Lucy von Gavins Schoß und verwandelte sich vor seinen Augen zurück in ihre menschliche Gestalt.
Lächelnd zog sie ihren Bademantel wieder an und reichte Gavin sein Handy. „Du musst telefonieren, Schatz“. Er glaubte, sie noch schnurren zu hören, als er das Telefon nahm.

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Fortsetzung: Black Dagger Ladies Online – Letzte Vorbereitungen [Kapitel 12]