Der Germanische Flügel von Jane White

Dr. Jane White lag in einer Hängematte am Strand und gönnte sich einen Cocktail. Entspannt ließ sie ihren Blick über die Privatinsel ihrer Geheimorganisation schweifen. Der Vibrationsalarm ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Es war eine SMS von Sweetlife, der Anführerin des Geheimbundes.
Hallo Doc. Komm bitte in mein Büro.
Schnell trank sie aus, schlüpfte in ihre Flip Flops und schlappte los. Sweetlifes Büro befand sich in einer der vielen kleinen Höhlen unter dem Felsen im Herzen der Insel. Kurz vor dem Eingang ertönte schon Sweetlifes rauchige Stimme durch die offen stehende Tür.
„Komm rein, Doc.“
Sie betrat das gemütliche Büro. Das Oberhaupt der Sixpack-Schwestern saß hinter ihrem monströsen Schreibtisch. Sie machte eine einladende Handbewegung, die Doc bedeutete, sich ihr gegenüber auf den Besuchersessel zu setzen. In dem Kamin prasselte ein gemütliches Feuer. Gedankenverloren starrte sie in die Flammen. „Na, Jane, schon wieder eingelebt zuhause?“
„Hm, ehrlich gesagt, vermisse ich die Schwestern und viel los ist hier ja gerade auch nicht“, antwortete Doc ein wenig gelangweilt. Warum wollte ihre Chefin sie hier sprechen? Zum Smalltalk hätten sie sich auch am Strand treffen können.
„Wunderbar, dann ich komme mal direkt zur Sache, denn ich muss in zwei Stunden zu einer wichtigen Konferenz nach München fliegen. Vorher wollte ich dich um etwas bitten. Es handelt sich um einen Spezialauftrag, und ich wäre wirklich froh, wenn du den für mich erledigen könntest.“ Das weckte Janes Aufmerksamkeit schlagartig.
„Schieß´ los, worum geht’ s?“
„Also gut. Obwohl du dir nach dem letzten schwierigen Einsatz eigentlich eine Erholung verdient hättest, möchte ich, dass du für mich nach Irland fliegst um etwas abzuholen – etwas sehr Wichtiges. Es erfordert absolute Diskretion.“ Verschwörerisch blickte die Chefin sie an.
„Es wäre auf jeden Fall hilfreich, wenn du mir sagen könntest, um was es sich handelt und wo genau ich es abholen soll?“, fragte Jane plötzlich hellwach.
„Gut, genauso habe ich mir deine Reaktion vorgestellt.“ Lächelnd schob Sweetlife Jane eine Akte über den Schreibtisch.
„Das Artefakt, um das es sich handelt, nennt sich „Germanischer Flügel“ und befindet sich in Newgrange, einer keltischen Grabstätte in der Nähe von Dublin. Alles, was du wissen musst und brauchst, findest du in der Akte. Du kannst den Learjet nehmen, denn ich werde mit meinem neuen Helikopter aufs Festland fliegen. Also, kann ich mich auf dich verlassen?“ Doc blätterte schon interessiert in der Mappe.
„Ja, klar natürlich.“
„Super, dann los! Ich will dich zwar nicht rausschmeißen, aber du solltest packen und dich direkt auf den Weg machen. Das kannst du dir auch im Flieger in Ruhe anschauen. Viel Glück.“
Doc klemmte sich die Akte unter den Arm und stand auf.
„Gute Reise in deinem neuen Heli, Sweetlife.“
„Danke, dir auch. Sei vorsichtig… und wir bleiben in Kontakt.“ Jane wollte gerade das Büro verlassen, als Sweetlife sie nochmal zu sich rief.
„Ach, warte… eines noch… der Dämon, also dieser sprechende Hamster, den du bei deinem letzten Einsatz gefunden hast, es wäre mir lieb, wenn du ihn für diese Mission woanders unterbringen könntest. Ich möchte nicht, dass er Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich hab da auch was Passendes gefunden und ihn dort schon angemeldet. Der Transport ist von einer vertrauenswürdigen Firma organisiert. Er wird dann in 15 Minuten abgeholt.“ Sie reichte Jane eine Broschüre und schob sie zur Tür raus, die hinter ihr mit einem laut vernehmlichen Klicken einrastete. Was sollte das denn jetzt? So schlimm war Ef-Ef doch auch nicht, aber gut, wenn er davon nichts wissen sollte, konnte sie ihn wohl schlecht mitnehmen.

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Typisch Sweetlife, alles bis ins kleinste Detail durchorganisiert. Sie blickte auf die Broschüre in ihrer Hand:
Fetty-Dort-Klinik „Die Pension für das exzentrische Haustier“. Sie machen Urlaub und wir kümmern uns um ihren Liebling. Sportcamp, Diätklinik, Therapien aller Art.
Na, das klang ja wirklich nach dem perfekten Ort für einen übellaunigen, sprechenden Hamster. Sie holte Ef-Ef in der Hängematte ab und ging mit ihm die paar Schritte zu ihrer Hütte.
„Wieso gehön wir schon rein? Isch wollte noch die Sonnenuntergang sehön und dabei an mon Angel denken.“ Sie ignorierte ihn einfach, legte die Akte und den Flyer aufs Bett und setzte ihn obendrauf. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Bett hervor. Es war Herbst, also würde sie für Irland etwas Wärmeres einpacken müssen als für eine Kreuzfahrt. Sie zog die Schubladen ihrer Kommode auf und wühlte darin herum bis sie fündig wurde. Schnell steckte sie alles in die Tasche.
„Wieso packst du? Verreisen wir? Zu Angie?“ Hoffnungsvoll blickte Ef-Ef sie an.
„Hm, nein nicht so direkt. Also, wir verreisen beide, das ist richtig. Allerdings getrennt. Ich habe einen Auftrag von Sweetlife, über den ich dich nicht in Kenntnis setzen darf und du wirst gleich abgeholt und machst Ferien auf dem Bauernhof.“ Skeptisch kniff der Hamster die Augen zusammen.
„Bauernhof? Mon dieu, wieso nicht Schottland? Und wo und wie..“ Er brach ab, als draußen ein lautes Rumpeln ertönte. Kurz darauf klopfte es an der Türe. Jane öffnete und stand einem rotäugigen Dämon gegenüber. Seine Haut schimmerte blau und um seinen Kopf wanden sich zwei geschwungene Hörner. Er trug einen neongelben Overall. Ehrerbietend verbeugte er sich tief vor Doc.
„Guten Tag. Mein Name ist Fredex von Piff und Paff, wir sind ein Materialisierungs-Transportunternehmen. Ich habe den Auftrag, Monsieur Ford Fleur in die Fetty-Dort Klinik zu transportieren.“
„Merde! Das ist einfach unglaublisch. Das Allerletze!“, motzte es vom Bett. Doc holte Ef-Ef und gab ihm ein Küsschen auf die Nase.
„Sorry, Kleiner, schreib mir mal ne Karte und genieß deinen Aufenthalt dort.“ Sie überreichte ihn an Fredex. Bevor der kleine Dämon noch irgendwas sagen konnte, lösten sich die beiden Gestalten mit einem lauten Ploppen in eine Rauchwolke auf.
Sie schloss die Tür, packte ihre Tasche fertig und machte sich auf den Weg zur Rollbahn. Am Jet begrüßte sie ihren Piloten. Sein Name war Ikarus. Er war ein freundlicher junger Gestaltwandler mit blonden Haaren und Grübchen. Jane stieg ein, bewunderte einen kurzen Moment die luxuriöse Einrichtung bevor sie auf einem der gemütlichen großzügigen Ledersitzen Platz nahm.
Als die Maschine die vorgesehene Flughöhe erreicht hatte und das Anschnallzeichen erloschen war, meldete sich Ikarus über den Lautsprecher.
„Verehrte Passagierin, willkommen an Bord der Ikarus-Airline. Ich hoffe, Sie genießen Ihren Flug. Der Wetterdienst meldet keine besonderen Vorkommnisse, und wenn kein Schwarm Flugenten in die Triebwerke gerät, werden wir voraussichtlich in 4 Stunden in Dublin landen. Over.“
Ein humorvoller Pilot – wunderbar. Hoffentlich nahm er seinen Job ernster, denn Jane flog überhaupt nicht gern. Ein Absturz könnte selbst ihrem unsterblichen Leben zum Verhängnis werden. Sie stand auf und holte die geheimnisvolle Akte aus ihrer Tasche im Gepäckfach. Danach goss sie sich einen Tomatensaft aus der Minibar ein und machte es sich in ihrem Sitz bequem.
„So, dann wollen wir mal schauen, was die gute Sweetlife von mir will“, murmelte sie. Auf der ersten Seite der Akte klebte eine schwarze Kreditkarte von Euro-Express ohne Limit. Auf der nächsten Seite waren die Adressen von drei Hotels, die ihre Chefin ihr empfahl, aufgelistet. Ein Auto würde auch schon bereitstehen, den Schlüssel sollte sie an einem Schalter der Flughafenverwaltung abholen. Danach stieß sie endlich auf das, was sie am meisten interessierte – eine Skizze des „Germanischen Flügel“. Das Artefakt war Bestandteil einer Götterstatue von unermesslichem Wert. Es befand sich in einem kleinen Kästchen in der Größe von 10 x 15 cm. Auf der Zeichnung war nicht genau zu erkennen, aus welchem Material es bestand, aber es war reich verziert und mit Steinen, vermutlich Edelsteinen, besetzt. Ein kleines Vorhängeschloss war auf der Vorderseite zu sehen. Im Anschluss fand sie einen Bericht, den Sweetlife mit einigen persönlichen Anmerkungen versehen hatte. Dieses Kästchen darf unter keinen Umständen geöffnet werden! – war dreimal rot unterstrichen.

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Okay, notiert, dachte Jane, nahm einen Schluck aus ihrem Glas und verzog das Gesicht als der Tomatensaft brennend ihre Kehle hinabrann. Typisch, sie hatte schon wieder vergessen, den Pfeffer zu verrühren. Um den Pfeffergeschmack aus ihrem Hals zu vertreiben, nahm sie einen winzigen Schluck Wodka, den sie ebenfalls in der gut bestückten Minibar unter ihrem Tisch fand. Dann vertiefte sie sich wieder in die Akte. Den Unterlagen entnahm sie, dass der Germanische Flügel Teil einer Statue, die ursprünglich in einem Kloster in der Burg Hukvaldy in Tschechien aufbewahrt wurde, war. Einer Legende nach hatte Hermes selbst sie dorthin gebracht. Nachfahren der Götter hatten als Mönche getarnt den Orden Passmaauf gegründet und das Artefakt jahrhundertelang bewacht. Bei einem Großbrand im Jahr 1651 waren alle Mitglieder des Ordens umgekommen. Die Ursache des Brandes wurde niemals geklärt. Danach sollte die Statue in Einzelteile zerlegt und auf alle Kontinente verteilt werden. Der Germanische Flügel erhielt seinen Namen, weil er ursprünglich in Dortmund unter der hölzernen Skulptur des Reinoldus aufbewahrt werden sollte. Doch dort kam er nie an. Fast 350 Jahre lang war er wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt gab es eine erste Spur in Irland. Weiter hinten war eine Luftaufnahme von einem grünen Hügel, der mit weißen Steinen umrandet war, eingefügt. Die Landschaft hatte sie schon beim Durchblättern im Büro wiedererkannt. Es war das legendäre Hügelgrab in Newgrange. Als Tochter eines Druiden mit keltischer Abstammung, hatte sie natürlich schon davon gehört. Sie war zwar noch nie dort gewesen, wusste aber, dass es mit seinen 70 Metern Durchmesser eines der größten bekannten Hügelgräber war. Wie üblich war es mit mehreren Gängen und Kammern versehen. Aber sie hatte schon die vage Vermutung, dass sich dieser kleine Schatz nicht in der Hauptkammer befinden würde, da Newgrange tagsüber Touristen für Besichtigungen offen stand. Das war genial – so konnte sie eine Tour buchen und sich den Ort ganz unverbindlich ansehen. Das war alles. Warum und wie dieses Artefakt in Irland gelandet war, und woher ihre Chefin das alles wusste, ging aus den Unterlagen nicht hervor. Das war auch wieder typisch Sweetlife, nur nicht zu viel preisgeben. Aber gut, sie vertraute ihr, und sie würde das Ding finden, nicht öffnen und schleunigst nach NSI befördern. Dann wäre immer noch genug Zeit zu erfahren, was genau es damit auf sich hatte. Sie klappte die Akte zu und tauschte sie gegen ihren Laptop aus. Sie rief die Internetseiten der vorgeschlagenen Hotels auf und reservierte sich eine Suite im Clontarf Castle. Es lag nah an der irischen See und von dort konnte sie die Stadt sowie auch Newgrange schnell mit dem Auto erreichen. Als auch das erledigt war, stellte sie den Sitz in die Schlafposition um ein Nickerchen zu machen. Schließlich döste sie ein und träumte wieder einmal von Bowen – bis sie jäh aus dem Schlaf gerissen wurde.
„Mayday, Mayday! Houston wir haben ein Problem. Dr. White bitte kommen Sie sofort ins Cockpit. Mayday! Mayday!“
Sie schreckte hoch, stieß dabei ihr Glas aus der Halterung in der Lehne und stürmte nach vorne ins Cockpit.
„Ikarus. Was ist los? Oh Gott, wir stürzen doch nicht ab, oder?“
Der Pilot schaute sie nur grinsend an.
„Nein, nein. Ich hab nur furchtbaren Durst und Hunger. Mir blieb quasi keine andere Wahl.
Würdest du mir die Stewardess machen und mir etwas zum Essen bringen?“
Unglaublich! Wütend starrte Doc den Piloten an.
„Also, wenn du nicht die wichtigste Person neben mir hier an Bord wärst, würde ich dir dafür glatt den Hals umdrehen. Hat das Ding keinen Autopiloten, der für dich kurz übernehmen kann?“
„Doch schon, aber normalerweise hat man auch einen Co-Piloten, ich kann das hier vorne“, und dabei tätschelte er liebevoll das Steuerrad, „unmöglich unbeaufsichtigt lassen. Jetzt komm schon… bitte bring mir etwas zu essen, und dann befördere ich dich von der Stewardess zur Co-Pilotin.“ Sie blickte in sein jungenhaftes Gesicht. Wäre der Kerl nicht noch grün hinter den Ohren, hätte sie sich das mit dem Hals nochmal glatt überlegt. Wortlos verschwand sie nach hinten und kehrte mit einem Müsliriegel und einer Flasche Saft ins Cockpit zurück.
„Hier. Bitte sehr. Hühnchen war aus.“ Sie reichte ihm die Sachen und setzte sich neben ihn in den Sessel. Zeit für eine klitzekleine Retourkutsche.
„Was sind das hier für komische Hebel?“ Sie schaute ihn mit einem naiven Klein-Mädchen-Blick an und tat so, als wollte sie daran ziehen. Da schlug Ikarus ihr plötzlich auf die Hand. Mit Panik in der Stimme kreischte er sie an.

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„Fass´ den bloß nicht an. Das ist der Hebel für den Schleudersitz.“
Das wusste sie natürlich, denn im Ernstfall hätte sie den Jet auch fliegen können. Alle Schwestern hatten eine Grundeinweisung in ihrer Ausbildung erhalten. Sie grinste amüsiert.
„Wenn ich mich recht erinnere, ist der für den Sitz des Piloten, oder?“
„Okay, es tut mir leid, dass ich mir eben nicht selbst was geholt habe. Wir landen in zwei Stunden, schau dir doch solange einen Film an.“
Sie hatte sowieso nicht vorgehabt bei ihm vorne sitzen zu bleiben. Lachend klopfte sie ihm auf die Schulter und verließ wieder das Cockpit. Bis zur Landung schlief sie noch ein wenig in ihrem gemütlichen Sitz und der Flug verging ohne weitere Vorfälle. Als der Jet etwas holpernd aufsetzt hatte, verlor sie keine Zeit, tauschte mit Ikarus nur kurz die Handynummern aus und zog los. Er würde sich ständig in der Nähe des Flughafens aufhalten und sich bereit halten, damit sie jederzeit zurückfliegen konnte. Durch die Zeitverschiebung war es bei ihrer Landung immer noch Abend. Die Sonne ging gerade unter. Sie marschierte über das Rollfeld zur großen Flughafenhalle. Dann steuerte sie den Stand der Flughafenverwaltung an.

Unsere Kommentatorin Jane hat sich mit dieser Kurzgeschichte beim Germanwings Story Award und bei Readbox beteiligt. Wer für die Geschichte voten möchte, findet sie hier in der Readbox. 😉

Startschwierigkeiten und Erdbeeren

Der Privatjet stand glänzend in der heißen Sonne auf dem Rollfeld bereit und wartete nur noch auf Duncan und mich. Das Gepäck war schon an Bord, meine Schwestern verabschiedet, es konnte also losgehen… eigentlich.
„Der ist aber nicht besonders groß“, entfuhr es mir, als ich den kleinen Flieger misstrauisch aus noch sicherer Entfernung beäugte und blieb abrupt stehen. Ich kannte nur die großen Flugzeuge, und dieses hier sah aus, als wäre er noch viel zu klein und zu jung um mich sicher zu transportieren.
„Aber bequem und sicher, oh und schnell!“ meinte Duncan grinsend, nahm meine Hand und drückte sie aufmunternd.
„Nun komm, meine Süße, der Pilot wartet und Schottland auch.“ Als ich mich widerstrebend von ihm zu der Treppe, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit den Gangways der großen Flieger hatte, ziehen ließ, schoss mir spontan ein Spruch durch den Kopf.
„Wenn ich groß bin, werde ich ein Flugzeug“!
„Äh… wir könnten doch eigentlich mit dem Schiff… also, ich würde viel lieber… oder sollen wir nicht hier auf der Insel bleiben? In Schottland soll es doch um diese Zeit regnen.“ Ich sah in treuherzig an und trat schon einen Schritt zurück. Er beugte sich zu mir runter, küsste mich und meinte dann schmunzelnd:
„Wenn man dich so hört, könnte man auf die Idee kommen, du hättest Flugangst.“
„Iiich? Nein!“, log ich schamlos und erwiderte unschuldig seinen Blick. Ich hatte nur panische Angst vor dem Start und was dabei so alles passieren konnte. Und vor komischen Geräuschen im Flieger, während dieser versucht sein gewaltiges Gewicht in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit schubweise in Richtung Himmel zu befördern. Meinen lieben Schwestern, die mein kleines Problem kannten und sich regelmäßig lustig darüber machten, hatte ich zusätzlich zu verdanken, dass ich in Bezug auf das Fliegen hoffnungslos abergläubisch geworden war. Wer kannte sie nicht, die lieben aufmunternden Worte.
„Zieh bloß deine Turnschuhe an, du weißt doch, nach einem Absturz werden die Leichen immer in der Turnhalle aufgebahrt! Ohne Turnschuhe kein Einlass!“ Eine meinte es besonders gut, indem sie mir riet ja etwas Rotes anzuziehen, ein rotes Halstuch zum Beispiel. Warum? Ist doch ganz klar, erklärte sie mir, wenn du über dem Meer abstürzt, werden die als erstes gerettet, die gut sichtbar sind… und rot fällt halt sofort auf! Okay, die Geschichte, dass man am Gang sitzen sollte, weil bei einem Absturz der Getränkewagen nochmal vorbeikam, fand ich noch mit am dämlichsten. Ich saß IMMER am Gang, weil ich dann schneller die Maschine verlassen konnte, wenn es zum Crash kam. Wer dachte da noch an einen Drink?
Ich wusste, es war alles Humbug, aber trotzdem wäre ich nie mit Sandalen in ein Flugzeug gestiegen. Sicher nicht! Wenn ich nur an meinen Flug nach Australien dachte. Damals hatte ich noch, nachdem wir schon fast zwei Stunden unterwegs waren, ganz cool meine Schuhe abgestreift und es mir in meinem zurückgelehnten Sitz bequem gemacht. Fest in meine Decke gekuschelt, schlief ich friedlich wie so ziemlich alle Passagiere an Bord. Nach einiger Zeit ertönte plötzlich ein Alarm und eine mechanische Stimme rief in regelmäßigen Abständen:
„YOU NEED OXYGEN… YOU NEED OXYGEN! “Ich schreckte zusammen, blinzelte ins Halbdunkel und warte darauf, dass sich die Sauerstoffmasken aus der Verkleidung über mir lösten. Doch nichts geschah. Ich hörte auch keine gruseligen Geräusche, die auf einen eventuellen Absturz oder Sonstiges hinwiesen. Verstört sah ich mich nach meinen Mitreisenden um. Doch die blieben seltsam ruhig und desinteressiert. Meine Freundin neben mir wachte erst gar nicht auf! Selbst die Flugbegleiterinnen blieben gelassen. Ich hatte dann eine gefragt, was los war. Die freundliche Dame lächelte nur und meinte gelassen:
„….“
Aha, gut zu wissen! Ich hatte kein Wort verstanden! Sie sprach in so einem schnellen Englisch, dass bei mir nur eine Fehlfunktion von einem „was-auch-immer“ hängen blieb. Dann war der Spuk auch schon vorbei. Der Alarm verstummte und es herrschte wieder Ruhe. Mit meiner war es natürlich vorbei, und ich zog verschämt meine Schuhe wieder an…

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Nachdem ich noch so ungefähr eine halbe Stunde darauf gewartet hatte, ob die Sauerstoffmasken nicht doch noch von der Decke baumelten, oder die Stewardessen mit panischem Blick durch den Gang hasteten, traute ich mich endlich meinen Platz zu verlassen und die Toilette aufzusuchen. Zurück unter meiner Decke versank ich endlich in einen unruhigen Schlaf.
Abgelenkt durch meine Gedanken, hatte Duncan es tatsächlich geschafft mich in das Innere der kleinen Maschine zu bugsieren. Ich fand mich plötzlich auf einem bequemen Sitz wieder – mit einem feixenden Duncan neben mir.
„Keine Flugangst, so so…“ Ich schnallte mich hastig an, überprüfte mit hochrotem Kopf den Sitz meiner Turnschuhe und die des leuchtend roten Halstuchs, das ich mir noch schnell zu Hause umgebunden hatte, weil es so gut zu meiner weißen Bluse passte.
„Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass wir fliegen können, hätte er uns Flügel wachsen lassen!“, murmelte ich und dann gestand ich ihm kleinlaut meine Flugangst.
„Ach, ich weiß, ich benehme mich albern, aber es ist komischerweise nur der Start, der mich regelmäßig aus der Fassung bringt. Sobald der Flieger seine Flughöhe erreicht hat, geht es mir wieder super. Keine Ahnung warum das so ist. Vielleicht war ich in einem früheren Leben ein Albatros? Die haben doch auch immer Schwierigkeiten beim Start.“ Duncan lachte nur kopfschüttelnd und nahm meine Hand.
„Die haben auch ihre Probleme mit der Landung. Es wird schon alles gut gehen, meine Liebe. Atme ein paar Mal tief durch und dann ganz normal weiter. Glaub mir, das hilft. Vertrau mir einfach.“
„Es ist noch keine Maschine oben geblieben, ich weiß!“, konnte ich mir dann doch nicht verkneifen. Trotzdem umklammerte ich seine Hand fester, als die Maschine zu ihrer Startposition rollte. Als sie dann beschleunigte, kniff ich meine Augen fest zusammen und versuchte so zu atmen wie er es mir geraten hatte. Beinahe hätte ich mich bei dem Versuch auch noch verschluckt. Beim Abheben hatte ich schon fast seine Hand zerquetscht, obwohl er mir beruhigend mit seinem Daumen über meinen Handrücken strich, während ich immer tiefer in den Sitz gedrückt wurde. Der Pilot teilte uns nach wenigen Minuten über die Bordsprechanlage mit, dass wir gleich unsere endgültige Flughöhe erreicht und wir das ideale Flugwetter erwischt hatten.
„Du kannst die Augen wieder aufmachen, Darling. Wir sind oben.“ Vorsichtig öffnete ich meine Augen und sah in sein schmerzhaft verzogenes Gesicht.
„Oh, tut mir leid!“, flüsterte ich und gab seine Hand frei. Ich lächelte ihn reumütig an, als er seine Hand ausschüttelte, um den Blutkreislauf wieder anzuregen.
„Schon gut. Ich werde es überleben. Warum versuchst du nicht ein bisschen zu schlafen, der Flug ist noch lang genug.“ Ich nickte und kuschelte mich an seine Schulter. Und tatsächlich döste ich nach der ganzen Aufregung innerhalb kürzester Zeit ein.
Geweckt wurde ich durch Duncan, der mich sanft von seiner Schulter löste und auf meinen Sitz zurück schob. Der Pilot hatte ihn ins Cockpit gerufen. Mit einer Entschuldigung auf den Lippen verschwand er hinter der Tür zum Cockpit. Schlagartig wurde ich wieder nervös, doch diesmal hatte es nichts mit dem Flug zu tun, sondern mit dem Anlass der Reise. Immerhin war ich das erste Mal ohne meine Schwestern unterwegs – alleine mit Duncan nach Schottland. Duncan… Es war schon merkwürdig, da kannte man jemanden erst einige Wochen, wusste genau, dass man in ihm den richtigen Partner oder Gefährten gefunden hatte und schon krempelte man sein ganzes Leben um. Natürlich war ich neugierig auf sein Zuhause, ich wusste bloß nicht genau, wo das war. Er hatte mir gesagt, dass es in der Nähe von Fort Williams lag, wo immer das auch sein mochte. Schließlich war ich noch nie in Schottland gewesen. Er hatte mir eigentlich auch nicht viel über seine Familie erzählt. Nur, dass seine Eltern nicht mehr lebten, mehr nicht. In dem Punkt war er ziemlich verschwiegen. Nach den Aufregungen in den letzten Wochen, hofften wir, jetzt endlich Zeit füreinander zu finden. Deutlich entspannter als noch vor einer Stunde, sah ich neugierig aus dem kleinen Fenster zu meiner Linken. Unter uns lag eine dünne Wolkenschicht. Durch ein paar Lücken zeigte sich ab und zu das Meer, das tief unter uns lag. Es war wirklich ein angenehm ruhiger Flug, also konnte ich meinen Blick entspannt durch das Innere der Kabine schweifen lassen. Hier war es ganz anders, als man es von den Charterflügen gewohnt war. Die Kabine war geräumig und komfortabel. Die wenigen Sitze gemütlich wie Sessel und mit den engen Sitzen in der Touristenklasse nicht vergleichbar. Dann entdeckte ich direkt neben meiner breiten Armlehne eine Konsole mit verschiedenfarbigen Knöpfen. Neugierig drückte ich den ersten Knopf und wartete gespannt darauf, was passierte.

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Oh, das Licht wurde gedimmt. Na ja, das war jetzt nicht so spektakulär wie erhofft, also probierte ich gleich den nächsten aus. Daraufhin erklang leise Musik. Mutig tastete ich mich weiter vor.
„Huch!“, entfuhr es mir unwillkürlich als sich plötzlich die Rückenlehne nach hinten neigte, der Sitz sich in eine bequeme Liegefläche verwandelte, und ich flach auf dem Rücken lag. Neben mir öffnete sich eine Klappe, hinter der sich ein Kissen, eine Decke und eine seidenweiche Augenbinde verborgen hatten. Decke und Kissen nahm ich an mich, und bevor sich die Klappe langsam schließen konnte, warf ich noch schnell die Augenbinde wieder zurück! So ein Ding sah nur gruselig aus. Nun waren noch zwei Knöpfe übrig. Also probierte ich den vorletzten und konnte zusehen wie ein kleiner Monitor langsam von der Decke herabschwebte, sich etwas nach vorne neigte und auf halber Höhe stehen blieb. Gleichzeitig öffnete sich eine weitere Klappe neben mir und gab einen Blue-Ray Player mit einer großen Auswahl an Discs frei.
„Wow! Also hier konnte man es aber aushalten!“
Blieb nur noch der letzte Knopf. Tja, und der öffnete eine gut sortierte kleine Bar mit allerhand Leckereien, die ich erst mal ausgiebig begutachtete. Neben den kleinen Fläschchen mit hochprozentigen Spirituosen sah ich Dosen mit Coke und Bier, kleine Tetrapacks mit Orangen- und Apfelsaft, Trauben- und Kirschsaft. Oha, auch eine eisgekühlte Flasche Champagner und eine kleine Schale mit frischen saftig roten Erdbeeren konnte ich entdeckten! Die Knabbereien wie Nüsse und Chips, Brezeln in handlichen Tütchen, verschiedene Schokoriegel und Weingummi in allen Farben ließen mir noch zusätzlich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Als Duncan endlich wieder die Kabine betrat, war ich gerade dabei es mir gemütlich zu machen. Er blieb kurz vor meinem Platz stehen und musterte mich grinsend. Oh, ich musste wohl ein Bild für die Götter abgegeben haben, denn in einer Hand hielt ich noch die Decke, das Kissen lag schon unter meinem Kopf. In der anderen Hand befanden sich mindestens fünf Discs mit den neuesten Blockbustern und eine Minitüte mit Chips hatte ich zwischen meine Finger geklemmt. Ein halb aufgegessener Schokoriegel steckte zwischen meinen Zähnen. Mit angezogenen Knien, zwischen denen ich eine Dose Coke eingeklemmt hatte, lag ich auf dem Rücken. Die Fernbedienung hatte ich auf meinem Bauch positioniert.
„Warte, meine Süße, ich helfe dir.“ Duncan beugte sich langsam über mich und… biss in den Schokoriegel.
„Lecker, süß und cremig. Oh, da ist ja noch mehr“, murmelte er und küsste mich wieder. Als sein Kuss intensiver wurde, ließ ich die Sachen einfach fallen und umarmte ihn.
„Duncan? Was ist mit dem Piloten?“, fragte ich leise und knabberte an seinem Ohrläppchen.
„Ach, der ist für die nächsten Stunden beschäftigt“, murmelte er und griff über mich in die Schale mit den Erdbeeren. Oh…
Später, viel später, nachdem wir etwas geschlafen und ein wenig genascht hatten, schenkte er mir einen Kaffee ein und setzte sich mir gegenüber. Er sah mich ernst an, räusperte sich und fuhr sich mit einer Hand durch seine Haare. Er wirkte seltsam angespannt und nervös.
„Duncan, was ist denn?“ Er atmete hörbar aus und nahm meine Hand.
„Tut mir leid, es gibt eine Planänderung.“ Ich sah ihn neugierig an.
„Was?“
„Ja, wir werden nicht nach Glasgow fliegen sondern nach Inverness. Ich habe vorhin die Order… also, als der Pilot mich gerufen hatte, da war Mythos am Funk. Wir müssen zuerst auf das Anwesen. Nur für ein paar Tage, höchstens zwei Wochen.“
Er sah aus dem Fenster und biss die Zähne zusammen.
„Na, so schlimm ist das doch nicht“, dachte ich nur verwundert.
„Und wo ist das Anwesen? Ist es weit weg von Fort Williams?“, fragte ich ihn. Er sah mich immer noch nicht an.
„Das Anwesen liegt in der Nähe von Loch Ness.“ Oha, jetzt musste ich doch kichern, hielt mir aber schnell die Hand vor den Mund. Endlich sah er mich wieder an. Gott sei Dank war er nicht mehr so ernst. Und als er meinen amüsierten Gesichtsausdruck sah, musste er sogar schmunzeln.
„Ja, ich weiß, was du denkst. Aber so nahe ist Loch Ness auch wieder nicht. Es tut mir leid, Angie, aber es ist wichtig.“

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„Ach, und wenn schon, mir ist es egal. Dann fahren wir eben erst zum Anwesen. Solange wir nur zusammen sind. Duncan, du machst dir wie immer zu viele Gedanken.“ Die Stimme des Piloten unterbrach uns.
„Bitte schnallt euch an, wir landen in wenigen Minuten in Inverness.“ Ich strahlte Duncan an, küsste ihn schnell, dann zog ich den Gurt fest, schnappte mir seine Hand und sagte feierlich:
„Schottland, ich freue mich auf dich!“
Minuten später setzte die Maschine sanft auf schottischem Boden auf. Nachdem wir alle Formalitäten erledigt hatten und durch den Zoll waren, verschwand unser Gepäck auf geheimnisvolle Weise. Ich sah ihn nur fragend an.
„Oh, das hat alles seine Richtigkeit.“ Er nahm meine Hand und zog mich hinter sich her.
„Komm mein Herz, ich möchte dir etwas zeigen!“ Er hatte es plötzlich furchtbar eilig und war kaum zu bremsen.
„Hey, langsam! Ich hab nun mal nicht so lange Beine!“, maulte ich und stolperte hinter ihm her.
„Oh, tut mir leid.“ Da hob er mich einfach hoch, trug mich die letzten Meter zu einem kleinen Gebäude.
„Aber deine sind hübscher!“, flüsterte er in mein Ohr.
In dem Gebäude blieb er abrupt stehen und zeigte mir, was ihn so in Aufregung versetzt hatte.
„Das Angie, ist mein Baby!“
Unglaublich! Das Ding war eindeutig nicht aus Fleisch und Blut.

Unsere Kommentatorin Angie hat sich mit dieser Kurzgeschichte beim Germanwings Story Award und bei Readbox beteiligt. Wer für die Geschichte voten möchte, findet sie hier in der Readbox. 😉

Buchveröffentlichung und/oder tolle Kurzreisen winken den Gewinnern beim 4. „Germanwings Story Award

Germanwings und das Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat veranstalten nach den Erfolgen der vergangenen drei Jahre nun zum vierten Mal den Kurzgeschichten-Wettbewerb rund um das Thema Fliegen.

Auf Flugreisen kann man die außergewöhnlichsten, witzigsten und spannendsten Geschichten erleben – und das ist in jedem Fall eine Geschichte wert. Alle, die Spaß am Schreiben haben, können bis zum 20. März 2011 mitmachen – der Fanatasie sind keine Grenzen gesetzt.

Teilnehmen können Kurzgeschichten zum Thema „Fliegen„, die als Textdatei (Word, RTF) oder PDF eingereicht werden. Die Geschichte sollte maximal 25.000 Zeichen inkl. Leerzeichen aufweisen.

Als Hauptpreis winken die Veröffentlichung in der kommenden Anthologie „Geschichten vom Fliegen IV“ und Kurzreisen sowie viele Sonderpreise.

Die Siegergeschichten werden von einer prominenten Fachjury, unter anderem von Bestsellerautorin Nele Neuhaus, ermittelt und auf der feierlichen Gala in Köln prämiert.

Die Geschichten können per Mail an service@mv-verlag.de geschickt werden.

Mehr Informationen gibt es auf www.germanwings-story-award.de. Die Erfolgsgeschichten der letzten Jahre sind nachzulesen in den „Geschichten vom Fliegen I-III„.