Startschwierigkeiten und Erdbeeren

Der Privatjet stand glänzend in der heißen Sonne auf dem Rollfeld bereit und wartete nur noch auf Duncan und mich. Das Gepäck war schon an Bord, meine Schwestern verabschiedet, es konnte also losgehen… eigentlich.
„Der ist aber nicht besonders groß“, entfuhr es mir, als ich den kleinen Flieger misstrauisch aus noch sicherer Entfernung beäugte und blieb abrupt stehen. Ich kannte nur die großen Flugzeuge, und dieses hier sah aus, als wäre er noch viel zu klein und zu jung um mich sicher zu transportieren.
„Aber bequem und sicher, oh und schnell!“ meinte Duncan grinsend, nahm meine Hand und drückte sie aufmunternd.
„Nun komm, meine Süße, der Pilot wartet und Schottland auch.“ Als ich mich widerstrebend von ihm zu der Treppe, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit den Gangways der großen Flieger hatte, ziehen ließ, schoss mir spontan ein Spruch durch den Kopf.
„Wenn ich groß bin, werde ich ein Flugzeug“!
„Äh… wir könnten doch eigentlich mit dem Schiff… also, ich würde viel lieber… oder sollen wir nicht hier auf der Insel bleiben? In Schottland soll es doch um diese Zeit regnen.“ Ich sah in treuherzig an und trat schon einen Schritt zurück. Er beugte sich zu mir runter, küsste mich und meinte dann schmunzelnd:
„Wenn man dich so hört, könnte man auf die Idee kommen, du hättest Flugangst.“
„Iiich? Nein!“, log ich schamlos und erwiderte unschuldig seinen Blick. Ich hatte nur panische Angst vor dem Start und was dabei so alles passieren konnte. Und vor komischen Geräuschen im Flieger, während dieser versucht sein gewaltiges Gewicht in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit schubweise in Richtung Himmel zu befördern. Meinen lieben Schwestern, die mein kleines Problem kannten und sich regelmäßig lustig darüber machten, hatte ich zusätzlich zu verdanken, dass ich in Bezug auf das Fliegen hoffnungslos abergläubisch geworden war. Wer kannte sie nicht, die lieben aufmunternden Worte.
„Zieh bloß deine Turnschuhe an, du weißt doch, nach einem Absturz werden die Leichen immer in der Turnhalle aufgebahrt! Ohne Turnschuhe kein Einlass!“ Eine meinte es besonders gut, indem sie mir riet ja etwas Rotes anzuziehen, ein rotes Halstuch zum Beispiel. Warum? Ist doch ganz klar, erklärte sie mir, wenn du über dem Meer abstürzt, werden die als erstes gerettet, die gut sichtbar sind… und rot fällt halt sofort auf! Okay, die Geschichte, dass man am Gang sitzen sollte, weil bei einem Absturz der Getränkewagen nochmal vorbeikam, fand ich noch mit am dämlichsten. Ich saß IMMER am Gang, weil ich dann schneller die Maschine verlassen konnte, wenn es zum Crash kam. Wer dachte da noch an einen Drink?
Ich wusste, es war alles Humbug, aber trotzdem wäre ich nie mit Sandalen in ein Flugzeug gestiegen. Sicher nicht! Wenn ich nur an meinen Flug nach Australien dachte. Damals hatte ich noch, nachdem wir schon fast zwei Stunden unterwegs waren, ganz cool meine Schuhe abgestreift und es mir in meinem zurückgelehnten Sitz bequem gemacht. Fest in meine Decke gekuschelt, schlief ich friedlich wie so ziemlich alle Passagiere an Bord. Nach einiger Zeit ertönte plötzlich ein Alarm und eine mechanische Stimme rief in regelmäßigen Abständen:
„YOU NEED OXYGEN… YOU NEED OXYGEN! “Ich schreckte zusammen, blinzelte ins Halbdunkel und warte darauf, dass sich die Sauerstoffmasken aus der Verkleidung über mir lösten. Doch nichts geschah. Ich hörte auch keine gruseligen Geräusche, die auf einen eventuellen Absturz oder Sonstiges hinwiesen. Verstört sah ich mich nach meinen Mitreisenden um. Doch die blieben seltsam ruhig und desinteressiert. Meine Freundin neben mir wachte erst gar nicht auf! Selbst die Flugbegleiterinnen blieben gelassen. Ich hatte dann eine gefragt, was los war. Die freundliche Dame lächelte nur und meinte gelassen:
„….“
Aha, gut zu wissen! Ich hatte kein Wort verstanden! Sie sprach in so einem schnellen Englisch, dass bei mir nur eine Fehlfunktion von einem „was-auch-immer“ hängen blieb. Dann war der Spuk auch schon vorbei. Der Alarm verstummte und es herrschte wieder Ruhe. Mit meiner war es natürlich vorbei, und ich zog verschämt meine Schuhe wieder an…

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Nachdem ich noch so ungefähr eine halbe Stunde darauf gewartet hatte, ob die Sauerstoffmasken nicht doch noch von der Decke baumelten, oder die Stewardessen mit panischem Blick durch den Gang hasteten, traute ich mich endlich meinen Platz zu verlassen und die Toilette aufzusuchen. Zurück unter meiner Decke versank ich endlich in einen unruhigen Schlaf.
Abgelenkt durch meine Gedanken, hatte Duncan es tatsächlich geschafft mich in das Innere der kleinen Maschine zu bugsieren. Ich fand mich plötzlich auf einem bequemen Sitz wieder – mit einem feixenden Duncan neben mir.
„Keine Flugangst, so so…“ Ich schnallte mich hastig an, überprüfte mit hochrotem Kopf den Sitz meiner Turnschuhe und die des leuchtend roten Halstuchs, das ich mir noch schnell zu Hause umgebunden hatte, weil es so gut zu meiner weißen Bluse passte.
„Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass wir fliegen können, hätte er uns Flügel wachsen lassen!“, murmelte ich und dann gestand ich ihm kleinlaut meine Flugangst.
„Ach, ich weiß, ich benehme mich albern, aber es ist komischerweise nur der Start, der mich regelmäßig aus der Fassung bringt. Sobald der Flieger seine Flughöhe erreicht hat, geht es mir wieder super. Keine Ahnung warum das so ist. Vielleicht war ich in einem früheren Leben ein Albatros? Die haben doch auch immer Schwierigkeiten beim Start.“ Duncan lachte nur kopfschüttelnd und nahm meine Hand.
„Die haben auch ihre Probleme mit der Landung. Es wird schon alles gut gehen, meine Liebe. Atme ein paar Mal tief durch und dann ganz normal weiter. Glaub mir, das hilft. Vertrau mir einfach.“
„Es ist noch keine Maschine oben geblieben, ich weiß!“, konnte ich mir dann doch nicht verkneifen. Trotzdem umklammerte ich seine Hand fester, als die Maschine zu ihrer Startposition rollte. Als sie dann beschleunigte, kniff ich meine Augen fest zusammen und versuchte so zu atmen wie er es mir geraten hatte. Beinahe hätte ich mich bei dem Versuch auch noch verschluckt. Beim Abheben hatte ich schon fast seine Hand zerquetscht, obwohl er mir beruhigend mit seinem Daumen über meinen Handrücken strich, während ich immer tiefer in den Sitz gedrückt wurde. Der Pilot teilte uns nach wenigen Minuten über die Bordsprechanlage mit, dass wir gleich unsere endgültige Flughöhe erreicht und wir das ideale Flugwetter erwischt hatten.
„Du kannst die Augen wieder aufmachen, Darling. Wir sind oben.“ Vorsichtig öffnete ich meine Augen und sah in sein schmerzhaft verzogenes Gesicht.
„Oh, tut mir leid!“, flüsterte ich und gab seine Hand frei. Ich lächelte ihn reumütig an, als er seine Hand ausschüttelte, um den Blutkreislauf wieder anzuregen.
„Schon gut. Ich werde es überleben. Warum versuchst du nicht ein bisschen zu schlafen, der Flug ist noch lang genug.“ Ich nickte und kuschelte mich an seine Schulter. Und tatsächlich döste ich nach der ganzen Aufregung innerhalb kürzester Zeit ein.
Geweckt wurde ich durch Duncan, der mich sanft von seiner Schulter löste und auf meinen Sitz zurück schob. Der Pilot hatte ihn ins Cockpit gerufen. Mit einer Entschuldigung auf den Lippen verschwand er hinter der Tür zum Cockpit. Schlagartig wurde ich wieder nervös, doch diesmal hatte es nichts mit dem Flug zu tun, sondern mit dem Anlass der Reise. Immerhin war ich das erste Mal ohne meine Schwestern unterwegs – alleine mit Duncan nach Schottland. Duncan… Es war schon merkwürdig, da kannte man jemanden erst einige Wochen, wusste genau, dass man in ihm den richtigen Partner oder Gefährten gefunden hatte und schon krempelte man sein ganzes Leben um. Natürlich war ich neugierig auf sein Zuhause, ich wusste bloß nicht genau, wo das war. Er hatte mir gesagt, dass es in der Nähe von Fort Williams lag, wo immer das auch sein mochte. Schließlich war ich noch nie in Schottland gewesen. Er hatte mir eigentlich auch nicht viel über seine Familie erzählt. Nur, dass seine Eltern nicht mehr lebten, mehr nicht. In dem Punkt war er ziemlich verschwiegen. Nach den Aufregungen in den letzten Wochen, hofften wir, jetzt endlich Zeit füreinander zu finden. Deutlich entspannter als noch vor einer Stunde, sah ich neugierig aus dem kleinen Fenster zu meiner Linken. Unter uns lag eine dünne Wolkenschicht. Durch ein paar Lücken zeigte sich ab und zu das Meer, das tief unter uns lag. Es war wirklich ein angenehm ruhiger Flug, also konnte ich meinen Blick entspannt durch das Innere der Kabine schweifen lassen. Hier war es ganz anders, als man es von den Charterflügen gewohnt war. Die Kabine war geräumig und komfortabel. Die wenigen Sitze gemütlich wie Sessel und mit den engen Sitzen in der Touristenklasse nicht vergleichbar. Dann entdeckte ich direkt neben meiner breiten Armlehne eine Konsole mit verschiedenfarbigen Knöpfen. Neugierig drückte ich den ersten Knopf und wartete gespannt darauf, was passierte.

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Oh, das Licht wurde gedimmt. Na ja, das war jetzt nicht so spektakulär wie erhofft, also probierte ich gleich den nächsten aus. Daraufhin erklang leise Musik. Mutig tastete ich mich weiter vor.
„Huch!“, entfuhr es mir unwillkürlich als sich plötzlich die Rückenlehne nach hinten neigte, der Sitz sich in eine bequeme Liegefläche verwandelte, und ich flach auf dem Rücken lag. Neben mir öffnete sich eine Klappe, hinter der sich ein Kissen, eine Decke und eine seidenweiche Augenbinde verborgen hatten. Decke und Kissen nahm ich an mich, und bevor sich die Klappe langsam schließen konnte, warf ich noch schnell die Augenbinde wieder zurück! So ein Ding sah nur gruselig aus. Nun waren noch zwei Knöpfe übrig. Also probierte ich den vorletzten und konnte zusehen wie ein kleiner Monitor langsam von der Decke herabschwebte, sich etwas nach vorne neigte und auf halber Höhe stehen blieb. Gleichzeitig öffnete sich eine weitere Klappe neben mir und gab einen Blue-Ray Player mit einer großen Auswahl an Discs frei.
„Wow! Also hier konnte man es aber aushalten!“
Blieb nur noch der letzte Knopf. Tja, und der öffnete eine gut sortierte kleine Bar mit allerhand Leckereien, die ich erst mal ausgiebig begutachtete. Neben den kleinen Fläschchen mit hochprozentigen Spirituosen sah ich Dosen mit Coke und Bier, kleine Tetrapacks mit Orangen- und Apfelsaft, Trauben- und Kirschsaft. Oha, auch eine eisgekühlte Flasche Champagner und eine kleine Schale mit frischen saftig roten Erdbeeren konnte ich entdeckten! Die Knabbereien wie Nüsse und Chips, Brezeln in handlichen Tütchen, verschiedene Schokoriegel und Weingummi in allen Farben ließen mir noch zusätzlich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Als Duncan endlich wieder die Kabine betrat, war ich gerade dabei es mir gemütlich zu machen. Er blieb kurz vor meinem Platz stehen und musterte mich grinsend. Oh, ich musste wohl ein Bild für die Götter abgegeben haben, denn in einer Hand hielt ich noch die Decke, das Kissen lag schon unter meinem Kopf. In der anderen Hand befanden sich mindestens fünf Discs mit den neuesten Blockbustern und eine Minitüte mit Chips hatte ich zwischen meine Finger geklemmt. Ein halb aufgegessener Schokoriegel steckte zwischen meinen Zähnen. Mit angezogenen Knien, zwischen denen ich eine Dose Coke eingeklemmt hatte, lag ich auf dem Rücken. Die Fernbedienung hatte ich auf meinem Bauch positioniert.
„Warte, meine Süße, ich helfe dir.“ Duncan beugte sich langsam über mich und… biss in den Schokoriegel.
„Lecker, süß und cremig. Oh, da ist ja noch mehr“, murmelte er und küsste mich wieder. Als sein Kuss intensiver wurde, ließ ich die Sachen einfach fallen und umarmte ihn.
„Duncan? Was ist mit dem Piloten?“, fragte ich leise und knabberte an seinem Ohrläppchen.
„Ach, der ist für die nächsten Stunden beschäftigt“, murmelte er und griff über mich in die Schale mit den Erdbeeren. Oh…
Später, viel später, nachdem wir etwas geschlafen und ein wenig genascht hatten, schenkte er mir einen Kaffee ein und setzte sich mir gegenüber. Er sah mich ernst an, räusperte sich und fuhr sich mit einer Hand durch seine Haare. Er wirkte seltsam angespannt und nervös.
„Duncan, was ist denn?“ Er atmete hörbar aus und nahm meine Hand.
„Tut mir leid, es gibt eine Planänderung.“ Ich sah ihn neugierig an.
„Was?“
„Ja, wir werden nicht nach Glasgow fliegen sondern nach Inverness. Ich habe vorhin die Order… also, als der Pilot mich gerufen hatte, da war Mythos am Funk. Wir müssen zuerst auf das Anwesen. Nur für ein paar Tage, höchstens zwei Wochen.“
Er sah aus dem Fenster und biss die Zähne zusammen.
„Na, so schlimm ist das doch nicht“, dachte ich nur verwundert.
„Und wo ist das Anwesen? Ist es weit weg von Fort Williams?“, fragte ich ihn. Er sah mich immer noch nicht an.
„Das Anwesen liegt in der Nähe von Loch Ness.“ Oha, jetzt musste ich doch kichern, hielt mir aber schnell die Hand vor den Mund. Endlich sah er mich wieder an. Gott sei Dank war er nicht mehr so ernst. Und als er meinen amüsierten Gesichtsausdruck sah, musste er sogar schmunzeln.
„Ja, ich weiß, was du denkst. Aber so nahe ist Loch Ness auch wieder nicht. Es tut mir leid, Angie, aber es ist wichtig.“

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„Ach, und wenn schon, mir ist es egal. Dann fahren wir eben erst zum Anwesen. Solange wir nur zusammen sind. Duncan, du machst dir wie immer zu viele Gedanken.“ Die Stimme des Piloten unterbrach uns.
„Bitte schnallt euch an, wir landen in wenigen Minuten in Inverness.“ Ich strahlte Duncan an, küsste ihn schnell, dann zog ich den Gurt fest, schnappte mir seine Hand und sagte feierlich:
„Schottland, ich freue mich auf dich!“
Minuten später setzte die Maschine sanft auf schottischem Boden auf. Nachdem wir alle Formalitäten erledigt hatten und durch den Zoll waren, verschwand unser Gepäck auf geheimnisvolle Weise. Ich sah ihn nur fragend an.
„Oh, das hat alles seine Richtigkeit.“ Er nahm meine Hand und zog mich hinter sich her.
„Komm mein Herz, ich möchte dir etwas zeigen!“ Er hatte es plötzlich furchtbar eilig und war kaum zu bremsen.
„Hey, langsam! Ich hab nun mal nicht so lange Beine!“, maulte ich und stolperte hinter ihm her.
„Oh, tut mir leid.“ Da hob er mich einfach hoch, trug mich die letzten Meter zu einem kleinen Gebäude.
„Aber deine sind hübscher!“, flüsterte er in mein Ohr.
In dem Gebäude blieb er abrupt stehen und zeigte mir, was ihn so in Aufregung versetzt hatte.
„Das Angie, ist mein Baby!“
Unglaublich! Das Ding war eindeutig nicht aus Fleisch und Blut.

Unsere Kommentatorin Angie hat sich mit dieser Kurzgeschichte beim Germanwings Story Award und bei Readbox beteiligt. Wer für die Geschichte voten möchte, findet sie hier in der Readbox. 😉

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