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Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque

21. November 2007 | Von | Kategorie: Bücher, Der schönste erste Satz, Dies und Das, Lesekreis

Der erste Satz:
Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkamen.

“Man darf nicht den Kampf verschieben und sich die bürgerliche Person des Autors vornehmen, (dessen Haltung nach einem in der Geschichte des deutschen Buchhandels beispiellosen Erfolg mustergültig ist). Der Mann erzählt uns keine dicken Töne, er hält sich zurück; er spielt nicht den Ehrenvorsitzenden und nicht den Edelsten der Nation – er läßt sich nicht mehr photographieren, als nötig ist, und man könnte manchem engeren Berufsgenossen so viel Takt und Reserve wünschen, wie jener Erich Maria Remarque sie zeigt.”
Kurt Tucholsky

“Ein vollkommenes Kunstwerk und unzweifelhaft Wahrheit zu gleich”
Stefan Zweig

“Ein heißes Eisen in charmanter Hand”
Heinrich Böll

Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque

Im Westen nichts Neues Der Roman von Erich Maria Remarque erschien 1929. Das Buch gehört zu der Gruppe von Werken, in denen – rund zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – das Kriegserlebnis des Frontsoldaten geschildert und direkt oder indirekt Anklage erhoben wurde gegen den Krieg; es erschien im selben Jahre wie Ernest Hemingways “A Farewell to Arms” (“In einem anderen Land”), ein Jahr nach Ernst Glaesers (1902-1963) “Jahrgang 1902” und Ludwig Renns “Krieg”, drei Jahre nach Hemingways “The Sun Also Rises” (“Fiesta”). Bei Remarque fällt wie auch bei Hemingway das Wort von der “verlorenen Generation”, die nach dem Krieg nicht mehr in der bürgerlichen Gesellschaft Fuß fassen kann, weil sie im Alter von achtzehn bis zwanzig Jahren schon zu viel Grauen erlebt hat und dem Tod zu oft ins Auge sehen mußte, um vergessen zu können.

Ähnlich wie Renn schildert Remarque den Krieg aus der Perspektive des einfachen Soldaten, des gemeinsam mit seinen Klassenkameraden von der Schule direkt aufs Schlachtfeld geschickten Paul Bäumer. Die Begeisterung, die ihn wie seine Kameraden zu Anfang des Kriegs erfüllte, wird ihm schon durch die Schikanen bei der Ausbildung ausgetrieben, durch Kasernenhoftyrannen vom Schlage des als Typ sprichwörtlich gewordenen Unteroffiziers Himmelstoß, durch den unsinnigen Drill, der nicht einmal für das Überleben in wirklicher Gefahr nützt. “Auf eine sonderbare und schwermütige Weise verroht”, schlagen der Erzähler und seine Freunde sich dann durch das Leben als Frontsoldaten, das sich zwischen “Trommelfeuer, Verzweiflung und Mannschaftsbordells« abspielt und das sie zu – “:Menschentieren” – macht. Als das einzig Positive erscheint die an der Front entstehende Kameradschaft quer durch alle Dienstgrade. Die mörderischen Kämpfe, der Stellungskrieg, die Materialschlachten, die Gasangriffe, die nächtlichen Patrouillen durch zerschossene Wälder, das hundertfache Sterben ringsumher kehren mit fast stereotyper Gleichförmigkeit wieder und ähneln den vergleichbaren Schilderungen in vielen andern Kriegsbüchern: kaum reflektiert, in einer einfachen Report-Sprache, nur bisweilen von melancholischem Pathos gefärbt und ohne jeden Ton von Hoffnung. Der Roman ist durchaus unpolitisch; nur ein einziges Mal entspannt sich zwischen den Soldaten eine Diskussion über die Ursache von Kriegen, die aber völlig schematisch und abstrakt bleibt. Diese Fragen bleiben ungelöst für den Ich-Erzähler, der wie ein kurzer Schlußpassus mitteilt – als letzter der Gruppe von Schulkameraden im Oktober 1918 an einem Tag fällt, an dem “der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden”.

Obwohl der Autor in einem Vorspruch betont, das Buch solle “weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen über eine Generation zu berichte die vom Kriege zerstört wurde auch wenn sie seinen Granaten entkam”, wurde “Im Westen nichts Neues” doch nicht nur als Bericht, sondern als Anklage gegen den Krieg und vor allem auch gegen die Erwachsenen verstanden, gegen die Eltern und Lehrer, die diese “eiserne Jugend” mit chauvinistischen Reden in den Krieg trieben. Die Feindschaft der älteren Generation, die Remarque auf sich gezogen hatte, konnte von den Nationalsozialisten noch einmal politisch ausgemünzt werden: Joseph Goebbels organisierte 1930 Krawalle gegen die Verfilmung des Romans, und ab 1933 gehörte “Im Westen nichts Neues” während des NS-Regimes zur verbotenen und verbrannten Literatur in Deutschland. Der Roman hatte dennoch, wohl gerade wegen seines kargen, beschreibenden Tons und der darin spürbaren bitteren Resignation, außerordentlichen Erfolg und fand, in 32 Sprachen übersetzt, weltweite Verbreitung.

18 Kommentare
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  1. In solchen Momenten frage ich mich mit Herrn Wrobel , ob Mynona wirklich gelebt hat.

    Es gibt eben halt im Westen nichts Neues… 😉

  2. Ich bin übrigens absolut der Meinung von Stefan Zweig (hier in einem längeren Zitat):

    “Jeder Deutsche sollte dieses beispiellos wahrhafte und unbarmherzig aufrüttelnde Buch lesen, um zu wissen, was die vergangene Generation im Krieg gelitten hat. Es überwältigt, ohne zu überreden, es erschüttert, ohne zu übertreiben, vollkommenes Kunstwerk und unzweifelhafte Wahrheit zugleich”.

  3. Stimmt, dem ist nichts hinzuzufügen!
    LG

  4. Tucholski hatte übrigens eine sehr ambivalente Haltung gegenüber Remarque… kuckstu mal hier (Kaspar Hauser in “Die Weltbühne” vom 11.06.1929)!

  5. -ky natürlich!

  6. Ich steck schon wieder mit einem Bein im Spamfilter, aber das macht nichts, denn da hatte ich mich schon zur Nacht verabschiedet.

    Sag mal, Don F., ist Deine letzte Anmermerkung jetzt sehr versteckte Ironie, oder ist Dir der satirische Charakter des von Dir verlinkten Artikels wirklich entgangen?

  7. Merkwürdig, oben rechts stehe ich ja!

  8. Ach, ich Dummbeutel, das andere hatte ich ja in die andere Abteilung geschrieben. Daß Du Dich also nicht auf die Suche im Spamfilter machst, dolcevita.

  9. ok, habe dich gerade hier entdeckt und war noch gar nicht im Spamfilter, und du hast dich schon wieder verabschiedet? Schade, hatte gerade noch so einen netten neuen Roman für euch, meine liebe Anjelka 🙂 gehts dir gut? LG

  10. 🙂 Hallole, dolcevita!

    Doch mir gehts gut. Dir hoffentlich auch? Schwimmst Du gar nicht mehr?

    Wo ist ein netter Roman?

    (Du weißt aber schon, daß der Stapel ungelesener Bücher, die ich noch lesen sollte, mich demnächst unter sich begräbt, ja?)

  11. Doch, doch, wir schwimmen immer donnerstags, na ja, fast immer 😉 und danke, mir geht es ausgezeichnet.
    Die neue Rätselaufgabe habe ich gerade reingestellt und du kennst das Buch wahrscheinlich eh, also keine Bange wegen deines Stapels.
    Denke unser Don wird Fußball anschauen, deshalb ist es so ruhig. Aber sage mir doch bitte, was das zu bedeuten hat. Diese Kritik aus der “Weltbühne” von Kaspar Hauser von 1929 über Remarque ist echt, oder wie ist das zu verstehen?

  12. Tschuldigung, mußte Telefonieren.

    Doch, der Remarque-Artikel ist echt, also echt von Tucholsky / Kaspar Hauser. Aber er ist selbstverständlich nicht als Kritik an Remarque zu verstehen, sondern ist eine Satire auf die Kritiker Remarques wie auf die Vertreter der vaterländischen Dolchstoßlegenden-Fraktion in der Weimarer Republik überhaupt. Also die, die Tucholsky kritisierte, wo immer er auf sie traf.

    Ich muß sagen, ich finde diese Sache ein klein wenig grob geschnitzt, das gilt aber ganz allgemein für das, was in “Deutschland, Deutschland” veröffentlicht wurde. Immerhin, die, die es treffen sollte, waren ja auch meist recht grobe Klötze.

  13. Ich habe tatsächlich Fussball gekuckt und habe mir im Internet angesehen, warum England nicht zur EM 2008 fährt…

    @ Anjelka: Natürlich ist mir die Hausersche Ironie nicht entgangen, ich hab es leider taktisch versäumt, hinter meine letzte Bemerkung ein 😉 zu setzen…

    Der Textlog-Link ist übrigens super, er sei jedem Tucholsky-Liebhaber warm ans Herz gelegt! Und jedem, der das Grobgestrickte nicht so mag, natürlich auch. Wo wären wir schließlich ohne den Norwegerpullover?

    So, und jetzt muss ich noch ne Runde arbeiten.

    Ciao, Mädels, und bis morgen!

  14. Danke für die Infos. Ich finde nix darüber, dass Kaspar Hauser Tucholskys Pseudonym war?! Um das Blatt nicht allzu „Tucholsky-lastig“ erscheinen zu lassen, legte er sich bereits 1913 drei Pseudonyme zu, die er bis zum Ende seines publizistischen Wirkens beibehielt: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Peter Panter.
    Stimmt, könnte auch aus der heutigen Zeit stammen, der Text, also grob, aber auch sehr eindringlich 🙂

  15. Jaja, Don F., die Fährnisse der schriftlichen Kommunikationen fallen mir in unserem Zusammenspiel immer wieder auf … *seufz* (dafür gibt’s keinen Smiley, wie?)

    Leider fährt ja auch Schottland nicht zur WM, dafür aber Italien – was ein Elend.

  16. dolcevita, der heißt aber doch auch KaspAr Hauser. Der Kaschbar – ist das nicht auch ein guter alter bayerischer Name?

  17. Tucholsky hat übrigens auch ein Buch mit dem Titel “Mit 5 PS” veröffentlicht – d. h., ich bin mir jetzt nicht restlos sicher, ob das vielleicht erst eine Nachkriegs-Idee des Rowohlt-Verlags war? Aber wie auch immer: die 5 PS standen für die 5 Pseudonyme, unter denen er schrieb, also die von Dir genannten, den KH, und seinen eigenen echten Namen hat er auch noch großzügig in die Pseudonyme vereinnamt, obwohl er unter ihm wohl nur ein,zwei Sachen veröffentlicht hat.

    Und jetzt geh ich aber wirklich wirklich.

  18. 😆 jo

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