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Für Buchtrinker und Seitenfresser mit dem Faible für Liebesgeschichten

17. Dezember 2007 | Von | Kategorie: Bücher, Dies und Das, Lesekreis

Die Kartause von Parma von Stendhal

StendhalStendhal, geboren am 23. Januar 1783 in Grenoble, gestorben am 23. März 1842 in Paris, hieß eigentlich Marie-Henri Beyle. Er war ein französischer Schriftsteller.
1827 publizierte Stendhal seinen ersten Roman, Armance, die zarte, um 1820 in Paris spielende Liebesgeschichte der armen jungen Adeligen Armance und des reicheren, aber offenbar impotenten Octave, der sich nach ihrer Heirat auf einem Schiff in Richtung Griechenland das Leben nimmt. Hiernach ließ Stendhal ein neues Reisebuch folgen (Promenades dans Rome, 1829) und versuchte sich, wie sein jüngerer Freund Prosper Mérimée und andere Autoren, in der neuen Mode-Gattung Novelle, mit Vanina Vanini (1829), Le Coffre et le revenant und Le Philtre (beide 1830). Im Oktober 29 hatte er, während einer Reise, in Marseille die Idee zu dem Roman, der sein Meisterwerk werden sollte: Le Rouge et le Noir, das er sofort begann.

Ende 1830, einige Monate nach der Juli-Revolution und durch sie eigentlich obsolet geworden, kam Le Rouge et Le Noir heraus. Es ist die tragische Geschichte des tüchtigen und ehrgeizigen jungen Kleinbürgers und Provinzlers Julien Sorel, der im (wie der Erzähler es sieht) von reaktionären Adeligen, intriganten Geistlichen und opportunistischen Bourgeois beherrschten Restaurationsregime trotz seiner Talente und Meriten und trotz beachtlicher Zwischenerfolge letztlich weder General (=rot) noch Bischof (=schwarz) zu werden schafft, sondern es nur zum Geliebten einer älteren und danach zum Verlobten einer jüngeren adeligen Frau bringt und schließlich einen heroisch akzeptierten Tod auf dem Schafott erleidet.

Die Kartause von ParmaIm November/Dezember 1838 diktierte er in nur 53 Tagen in Civitavecchia den Roman La Chartreuse de Parme, die spannende Geschichte des jungen lombardischen Adeligen Fabrice del Dongo, der dem Napoleon der Hundert Tage zu Hilfe zu eilen versucht und es nach diesem kapitalen Fehler im reaktionären Oberitalien der Restauration lediglich – und auch das nur dank der Intrigen seiner schönen und energischen jungen Tante – bis zum Bischof bringt und zugleich allerdings zum Geliebten seines Jugendschwarms, der schönen Generalstochter Clélia Conti. Der Roman wurde von Balzac begeistert in der Revue Parisienne besprochen (1840) und war der einzige Bucherfolg Stendhals zu seinen Lebzeiten.

“Wer Italien liebt, wer es studiert oder verstanden hat, wird die Kartause von Parma mit Genuss lesen.” Balzac

Der Roman über die zwei Dinge, die für Stendhal die wichtigsten seines Lebens waren: Italien und die Liebe. Fern seiner Wahlheimat, im Paris von 1839, schrieb er jenes Werk, das heute zu den größten der Weltliteratur zählt: die Geschichte des jungen Fabrizio del Dongo zwischen der herrischen Herzogin Sanseverina und der weltabgewandten Clelia Conti. Die Einzigartigkeit des leidenschaftlichen, spielerischen Stils ist immer bewundert worden und nun in einer Neuübersetzung von Elisabeth Edl im Hanser Verlag erschienen ist. Der reiche Anhang vermittelt dem Leser alle historischen, biographischen und literarischen Hintergründe dieses unvergleichlichen Romans.

Leseprobe

»Ich muß dich verlassen, Kleiner,« sagte die Marketenderin zu unserem Helden, »aber wahrhaftig, du tust mir leid. Ich bin dir gut. Sapperlot, du weißt weder gicks noch gacks! Du wirst dich erwischen lassen. Bei Gott, ja! Komm mit mir zum sechsten Leichten!«

»Ich weiß wohl, daß ich nichts weiß,« antwortete ihr Fabrizzio, »aber ich will kämpfen und bin entschlossen, zu den weißen Rauchwölkchen dort zu reiten.«

»Schau, wie dein Gaul die Ohren steift! Wenn du dahin reitest, brummt er dir, so faul er sonst ist, auf die Hand und geht durch, – weiß der Teufel, wohin. Glaube mir das! Wenn du in der Schützenlinie bist, suche dir ein Gewehr und eine Patronentasche, menge dich unter die andern und mach ihnen alles nach. Aber, mein Gott, ich wette, du kannst nicht mal eine Patrone abbeißen!«

Obgleich höchst verschnupft, gestand Fabrizzio seiner neuen Freundin dennoch ein, daß sie richtig vermutet hatte.

»Armer Kleiner, du wirst im Handumdrehen weggeputzt sein! Das ist bei Gott wahr! Auf jeden Fall«, setzte sie im Befehlston hinzu, »mußt du mit mir gehen!«

»Ich will aber ins Feuer!«

»Das sollst du auch! Komm! Das sechste Regiment ist nicht von Pappe! Und heute gibts für jedermann zu tun!«

»Werden wir denn bald bei Ihrem Regiment sein?«

»Spätestens in einer Viertelstunde.«

›Unter dem Schutze dieser braven Frau‹, sagte sich Fabrizzio, ›gerate ich bei meiner allseitigen Unwissenheit wenigstens nicht in den Verdacht, ein Spion zu sein, und komme ins Feuer.‹

In diesem Augenblick verdoppelte sich der Kanonendonner, Schuß folgte auf Schuß. »Wie die Perlen am Rosenkranz!« meinte Fabrizzio.

»Man hört schon das Schützenfeuer durch«, sagte die Marketenderin und versetzte ihrem Pferdchen einen Peitschenhieb; es war durch die Schießerei schon ganz aufgeregt.

Sie bog in einen Feldweg rechts ab, der durch die Wiesen führte. Der Schlamm war fußtief; beinahe blieb der Karren darin stecken. Fabrizzio griff in die Räder. Sein Gaul stürzte zweimal. Bald ward der Weg trockener, verlief aber in einen schmalen Wiesenpfad. Keine fünfhundert Schritte weiter blieb Fabrizzios Gaul urplötzlich stehen: ein Toter lag quer über dem Weg. Roß wie Reiter prallten zurück. Das von Natur sehr blasse Gesicht Fabrizzios färbte sich völlig grün. Die Marketenderin musterte den Toten und murmelte vor sich hin: »Der ist nicht von unserer Brigade.«

Dann fiel ihr Blick auf unseren Helden.

»Oje, mein Junge!« lachte sie auf. »Große Sache!«

Fabrizzio war starr wie Eis. Was ihn ganz besonders entsetzte, waren die schmutzigen Füße der Leiche, die man bereits der Stiefel beraubt hatte. Sie hatte nichts mehr an als eine schlechte, blutdurchtränkte Hose.

»Immer ran!« ermunterte ihn die Marketenderin. »Runter vom Gaul! An so was mußt du dich gewöhnen. Schau, er hat eins durch den Schädel gekriegt!«

Eine Gewehrkugel hatte den Gefallenen an der Nase getroffen und war auf der anderen Seite an der Schläfe wieder herausgegangen. Das Antlitz der Leiche war gräßlich entstellt; ein Auge stand offen.

»Sitz doch ab, Kleiner,« rief die Marketenderin, »und drück dem armen Kerl die Hand! Vielleicht drückt er sie dir auch!«

Ohne Zaudern, wenngleich halbtot vor Grauen, sprang Fabrizzio vom Pferde, ergriff die Hand des Toten und schüttelte sie herzhaft. Dann stand er wie geistesabwesend da; er fühlte, daß er nicht die Kraft hatte, wieder in den Sattel zu kommen. Was ihm vor allem Schauder einflößte, das war das eine offene Auge.

›Die Marketenderin wird mich für einen Feigling halten‹, sagte er sich mit Bitternis. Aber er vermochte kein Glied zu rühren; er wäre dabei umgefallen.Dieser Augenblick war abscheulich. Es fehlte nicht viel, so wäre ihm völlig übel geworden. Die Marketenderin merkte das, sprang flink von ihrem kleinen Wagen und bot ihm, ohne ein Wort zu sagen, ein Glas Branntwein an, das er auf einen Zug hinunterstürzte. Er konnte wieder auf seinen Klepper klettern und setzte schweigsam seinen Marsch fort. Die Marketenderin schielte ihn von Zeit zu Zeit von der Seite an.

»Du kannst morgen ins Gefecht gehen, mein Junge«, sagte sie nach einer Weile. »Heute bleibst du bei mir! Du siehst wohl ein, daß du das Soldatenhandwerk erst lernen mußt.«

»Im Gegenteil, ich will sofort ins Gefecht!« rief unser junger Held mit finsterer Miene, die die Marketenderin von guter Vorbedeutung dünkte.

Der Kanonendonner wurde noch stärker und schien näher zu kommen. Die Kanonade bildete jetzt gleichsam einen Generalbaß. Zwischen Schuß und Schuß gab es keine Pause mehr, und durch das unaufhörliche Brummen hindurch, das an das Tosen eines fernen Wasserfalls erinnerte, vernahm man deutlich das Knattern des kleinen Gewehrs.

In diesem Augenblick führte der Weg in ein Wäldchen. Die Marketenderin sah drei oder vier Soldaten in großen Sätzen auf sich zulaufen. Behend sprang sie vom Wagen und verbarg sich eiligst fünfzehn bis zwanzig Schritt seitwärts vom Weg in einer Grube, die vom Ausroden eines großen Baumes offen geblieben war. ›Jetzt‹, sagte sich Fabrizzio, ›werde ich sehen, ob ich ein Feigling bin!‹ Er hielt neben dem von der Marketenderin im Stich gelassenen Wagen und zog seinen Säbel. Die Soldaten bemerkten ihn gar nicht und liefen spornstreichs vorüber, längs des Gehölzes, links vom Wege.

»Das sind welche von uns!« sagte die Marketenderin beruhigt, indem sie außer Atem wieder zu ihrem Wägelchen zurückkam. »Wenn deine Kracke Galopp ginge, würde ich dir sagen: Reite vor an den Waldrand und sieh nach, was im freien Felde los ist.«

Fabrizzio ließ sich das nicht zweimal sagen. Er riß einen Pappelzweig herunter, streifte die Blätter ab und schlug aus Leibeskräften auf seinen Gaul los. Ein Stück Wegs galoppierte er; dann fiel er wieder in seinen gewohnten Zotteltrab. Die Marketenderin hatte ihr Pferdchen gleichfalls in Galopp gesetzt.

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14 Kommentare
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  1. Rot und Schwarz und tusch!
    Hallo dolcevita!
    Vielen Dank für Deine Beteiligung bei unserer Genussaktion beim medienshopblogger!
    Viele Menschen haben Dein Vanillekipferlrezept angesehen und vermutlich auch gebacken!!!!
    Daher hast Du in der Kategorie Backen gewonnen!!!
    Herzlichen Glückwunsch von mir und dem ganzen Team!
    Als Preis gibts ein super Kochbuch, was wir Dir postalisch zusenden werden (wenn Du uns die Postadresse verrätst;-})
    Der Kollege Klaus wird die Gewinner gleich noch im Blog würdigen, aber ich wollte doch gerne vorab ;-} gratulieren!
    Liebe Grüsse
    Gudrun

  2. Schöne Buch-Führung!

    Den Glückwünschen für dein Kipferl-Rezept schließe ich mich an, schließlich bin ich ja auch schon zu seligen ES-Zeiten in deren Genuss gekommen. Und brav geklickt habe ich natürlich auch… ;-)

  3. Hallo dolcevita,

    auch von mir einen Kipferl-Glückwunsch, ich habe ebenfalls geklickt und gebacken und verbrennen lassen (mach ich mit Kipferln immer).

    Und jetzt sitze ich auf meiner Spielwiese fest, weil ich nicht weiß, wie ich das, was ich dort hineinschreiben will, aus dem Eingabemodus in den “Lesekreis” bekomme. Ich benötige also dringend eine helping hand!

    Könntest Du oder Don F. oder wer auch immer sie mir reichen???

  4. Oh, vielen herzlichen Dank, liebe Gudrun, das ist ja eine nette Überraschung!!! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nix gewonnen, deshalb ist die Freude um so größer ;-)
    Natürlich schicke ich euch gleich meine Adresse per Mail.
    Liebe Grüße an dich und dein Team.

    @Liebster Don, ja, dir danke ich natürlich auch fürs Klicken und für alles andere auch…

  5. oh Anjelka, ich reiche dir alles, sofort!
    Vielen Dank für den Kipferl-Glückwunsch :-)

  6. und siehe…

  7. :) Schön, daß Du so schnell da bist – könntest auch zum Malteser-Hilfsdienst mit dieser Geschwindigkeit. Wie machen wir es denn jetzt? Kannst Du mir schreiben, wohin ich klicken muß, um einen geschriebenen Text in den Lesekreis zu plazieren?

  8. :-) Oh! Gut – vielen Dank!

  9. Stimmt, so manches Mal kommt es mir vor als wäre ich beim Malteser-Hilfsdienst :-)

  10. Wieso? Gibts in Deinem Umfeld noch mehr so Blog-Deppen wie mich?

    Ich hoffe, wir können diese Kartausen verschandelnde Konversation auch wieder löschen, hm?

  11. nein, als Blog-Deppin würde ich eigentlich nur mich bezeichnen, du hast alles richtig gemacht, mehr Rechte hast du im Moment nicht. D.h. du kannst deine Beiträge nicht freischalten. Falls du das möchtest, muss dolce das einrichten. Ist sicherlich kein großer Aufwand.

    Ach ja, die Kartause! Kennst du das Buch? Der Beitrag hat mich ganz schön viel Zeit gekostet. Ich war ja auf der Suche nach einer prägnanten Stelle und musste feststellen, dass es so etwas scheinbar in dem Buch nicht gibt. Es fließt sozusagen unentwegt dahin und erinnert mich stark, wenn auch nicht in der Form, so doch im Inhalt an Voltaires Candide.

  12. Ja, dolcevita, ich hab mich bei Deiner Frage nach der markanten Stelle auch wohlweislich zurückgehalten, weil mir keine Stelle als so einzigartig markant erinnerlich war. Wir haben das Buch mal vor Jahren als Vorleselektüre genommen. Wie kommst Du denn auf den Vergleich mit Candide? Wegen der dort ebenfalls im Übermaß stattfindenden Ereignisse? Sonst drängt sich mir zwischen den beiden Büchern wenigstens so recht keine Ähnlichkeit auf.

    Was meine Schreibberechtigung angeht, so dachte ich, daß ich sie bereits hätte – weil eine Login-Möglichkeit ohne Schreibrecht schließlich keinen rechten Sinn hat. Andererseits hab ich bisher ja nicht so unüberschaubare Mengen an “Content” auf der Spielwiese hinterlassen, daß ich nicht weiterhin ohne Berechtigung auskäme. Ich schicke Dir also künftig einfach zu, was ich eventuell dort hineinstellen möchte. So oft wird das erfahrungsgemäß eh nicht der Fall sein. Falls es mal mehr wird, können wir immer noch über eine Änderung nachdenken.

  13. nein, nicht nur wegen der Ereignisse, ich finde die Figuren Fabrizio und Candide ähnlich unbekümmert, naiv und scheinbar stolpern beide ahnungslos von einer Katastrophe in die nächste. Beide Romane sind äußerst schelmenhaft und komödiantisch ;-)

    Ja klar hast du die Schreibberechtigung, hat ja auch gut geklappt, vielen Dank übrigens für deinen Beitrag!

  14. @ dolcevita

    Ich glaube, mittlerweile verstehe ich, was Schreibberechtigung heißt: Ich kann schreiben und was ich geschrieben habe, bleibt dann dort liegen, bis Du es freischaltest?

    Ich hatte nämlich gedacht, wenn ich es nicht sofort einstelle, dann ist es weg, sobald ich die Seite verlasse.

    Ok, dann werde ich jetzt die Weihnachtsgeschichte zur Freischaltung hineinstellen.

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