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1774 ein Skandal: Die Leiden des jungen Werther von Goethe

15. April 2008 | Von | Kategorie: Bücher, Buchskandale, Geschenktipp, Lesekreis

“Es schlägt zwölfe! So sei es denn! Lotte! Lotte, lebe wohl! Lebe wohl!” So lauteten Werthers letzte Worte, bevor er sich vor unerfüllter Liebe erschießt. Heute ist der Schluss von Goethes Die Leiden des jungen Werther eine der berühmtesten Selbstmord-Szenen der Literaturgeschichte. Damals aber glich sie einem Tabubruch! Denn der Suizid, noch dazu aus Liebe, widerlief nicht nur den herrschenden Sitten, sondern auch den Regeln des Christentums. Am Erfolg des Werthers änderte das nichts: Nahezu über Nacht machte der Werther den jungen Goethe berühmt. Das Buch löste eine Welle der Euphorie aus und einen Kult um die Hauptperson des Buches: Dem “Werther-Fieber” erlegen, begannen viele Leser sich zu kleiden wie Goethes Held, mit gelber Hose und blauem Rock. Auch den Selbstmord taten ihm einige nach, was den Schriftsteller besorgte: Im Vorwort der zweiten Auflage warnte er deshalb, man möge sein Werk zwar als Trost verstehen – nicht aber als Ansporn zum Suizid.

Inhalt
Die Handlung erstreckt sich im Zeitraum von Mai 1771 bis Dezember 1772.

Als junger Mann, noch ohne festen Lebensplan, entflieht Werther dem Stadtleben und siedelt sich in dem idyllischen Dorf „Wahlheim“ an. Er genießt es, in der Natur umherzustreifen, und verarbeitet seine Eindrücke hin und wieder durch Zeichnungen. Sein vages Lebensziel ist, einmal Künstler zu werden. Eines Tages lernt Werther den Amtmann kennen, der ihn einlädt, ihn doch einmal zu besuchen. Werther schiebt den Besuch auf und hat ihn bald vergessen. Auf der Fahrt zu einem Tanzvergnügen zusammen mit anderen jungen Leuten macht die Kutschgesellschaft beim Haus des Amtmanns halt, um dessen Tochter Lotte abzuholen. Werther sieht sie, umringt von acht jüngeren Geschwistern, denen sie ihr Abendbrot von einem Brotlaib Stück für Stück abschneidet. Der junge Werther ist tief beeindruckt von der Szene und ihrem Mittelpunkt, dem schönen Mädchen, welches eine Mutterrolle übernommen hat. Der Amtmann ist verwitwet. Während des Balls, dem Ziel des gemeinschaftlichen Ausfluges, schlägt Lotte „mit der liebenswürdigsten Freiheit von der Welt“ Werther vor, einen bestimmten Tanz, den „Deutschen“, mit ihr zu tanzen. „Es ist hier so Mode, fuhr sie fort, dass jedes Paar, das zusammengehört, beim Deutschen zusammenbleibt“. Als Lottes Freundinnen das glückliche Einverständnis, das Lotte und Werther beim Tanzen zeigen, bemerken, erinnern sie Lotte an „Albert“. Auf Werthers Frage erklärt ihm Lotte, indem sie ihm „die Hand zur Promenade bot“, Albert sei „ein braver Mensch, mit dem sie so gut wie verlobt“ sei. [1] Das Wetter stellte dann ein gewisses Problem dar, denn im Verlaufe des Abends entsteht ein Gewitter. Werther und Lotte betrachten danach vom Fenster aus die noch regenfeuchte, erfrischte Natur. Beiden kommt das gleiche Gedicht in den Sinn, eine Ode von Klopstock. Ergriffen wird ihnen ihre Seelenverwandtschaft bewusst. Von nun an sucht Werther die Nähe dieses außergewöhnlichen Mädchens, die ihm nicht verwehrt wird.

Als Albert, Lottes Verlobter, von einer geschäftlichen Reise zurückkehrt, „ändern“ sich Werthers Gefühle allmählich. Die Anwesenheit des Verlobten macht ihm die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst. Obwohl Albert ein sympathischer, gutmütiger Mensch ist, bleibt das Verhältnis zwischen ihm und Werther gespannt. Als Werther bemerkt, dass er seine starken Gefühle für Lotte aufgrund der problematischen Konstellation nicht ausleben kann, verlässt er das Dorf, um Abstand zu gewinnen. Werther arbeitet eine Zeit lang bei einem Gesandten, aber die Geschäftspedanterie und die Enge der Etikette lassen ihn erkennen, dass er sich mit der oberen Gesellschaftsschicht und dem Leben der Adligen nicht identifizieren kann. Enttäuscht kehrt er nach Wahlheim zurück.

Inzwischen sind Lotte und Albert verheiratet. Werther besucht Lotte dennoch immer wieder, bis es ihr schließlich zu viel wird und sie ihm (auch aufgrund von Alberts „Wünschen“) beteuert, ihn erst Weihnachten (vier Tage später) wiedersehen zu wollen. Als Werther vor Ablauf dieser Frist in Alberts Abwesenheit Lotte besucht und ihr aus Ossians Grabgesängen vorliest, wird Werther von seinen Gefühlen übermannt, umarmt sie und sie küssen sich. Lotte reißt sich dann aber los. Nach diesem Ereignis verzweifelt Werther endgültig. Er schreibt einen letzten Abschiedsbrief, den er bereits vor seinem letzten Treffen mit Lotte angefangen hat, leiht sich von Albert unter dem Vorwand einer Reise zwei Pistolen (gereinigt und wieder instandgesetzt von Lotte) und schießt sich um Mitternacht auf seinem Zimmer in den Kopf. Am nächsten Morgen wird er in seiner charakteristischen blau-gelben Kleidung schwer verwundet aufgefunden. Gotthold Ephraim Lessings „Emilia Galotti“ liegt aufgeschlagen auf seinem Pult. Gegen zwölf Uhr mittags erliegt er seiner Schussverletzung. Ein christliches Begräbnis bleibt dem Selbstmörder verwehrt.

Johann Wolfgang Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Jura in Leipzig und Straßburg, wo er auch promovierte, und übersiedelte 1775 nach Weimar. Goethe wurde 1782 durch Kaiser Joseph II. in den Adelsstand erhoben. 1786 bis 1788 und 1790 unternahm Goethe seine Italienreisen, die sein Werk und sein Verhältnis zur Kunst maßgeblich prägten. 1791 übernahm er die Leitung des Weimarer Hoftheaters und ab 1803 zusätzlich die Oberaufsicht über die naturwissenschaftlichen Institute der Universität Jena. 1815 wurde er zum Staatsminister ernannt. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Dass man die Literaturepoche um 1800 auch “Goethezeit” nannte, ist kein Zufall: Wie kein anderer Autor war Goethe von den frühen Sturm-und-Drang-Texten bis zum Spätwerk die prägende Gestalt seiner Zeit. Ob die bahnbrechende “Erlebnislyrik” mit ihrem neuen, individuellen Ton, ob die abgründige Klassizität des “Iphigenie”-Dramas oder des “Faust”, ob die immer gewagteren Erzählansätze in den “Wilhelm Meister”-Romanen – in allen Gattungen hat Goethe Maßstäbe gesetzt und thematische wie stilistische Impulse gegeben. Als “Die Leiden des jungen Werther” 1774 erschien, löste der Roman heftige Kontroversen aus: Es kam einerseits zu Verkaufsverboten, andererseits brach ein heftiges Werther-Fieber aus, das in seiner schlimmen Ausprägung eine Selbstmordwelle zur Folge hatte.

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