Denn: „Wofür haben wir gekämpft? Eine Brille dürfen wir ja auch tragen“, so Oswalt Kolle in der Evangelischen Stadtakademie an der Herzog-Wilhelm-Straße in München bei seinem Vortrag „Gelebte Sexualität im Alter“ vor ein paar Dutzend reiferer Zuhörer.

Sexualität im Alter sei gut für Seele und Körper, sagt Kolle. Wer noch zwei Treppen hochsteigen könne, der sei auch noch fit für die körperliche Liebe. Und wie sieht es bei ihm selbst aus? „Meine Freundin und ich führen ein lebendiges Sexualleben, und da geht’s nicht um Kuschelsex. Wir haben wohl das Recht, die volle Runde zu drehen.“

Der heute 78-Jährige begnügt sich nicht mit altersmilden Plaudereien und poltert gegen den Jugendwahn in den Medien. „Die Kinder wollen nicht, dass Papa und Mama noch vögeln, sondern Kuschelsex mit ihrer Heizdecke haben“. Er fordert mehr Gelassenheit bei dem Thema, nicht jedem Menschen sei Sexualtität gleich wichtig.

Oswalt Kolle wurde 1928 als Sohn eines Psychiaters in Kiel geboren und lebt heute in Amsterdam. Seine schreibende Tätigkeit begann er als Volontär bei der Frankfurter Neuen Presse. 1951 wurde er Lokalchef der Frankfurter Nachtausgabe. Schließlich wurde er stellvertretender Chefredakteur der Sar Revue.

In den 60 er und 70er Jahren war Kolle maßgeblich an der sexuellen Aufklärung der Deutschen beteiligt. Er war Verfasser vieler Artikel, Bücher und sonstiger Publikationen über Sexualität. Dein Kind, das unbekannte Wesen, war Kolles erstes erfolgreiches Buch. Viele seiner Bücher wurden auch international erfolgreich, mit Übersetzungen in vielen Sprachen.

Zwischen 1968 und 1972 war er der Produzent verschiedener Aufklärungsfilme. Die Öffentlichkeit warf ihm zu dieser Zeit vor, gegen die gute Sitte und guten Anstand zu verstoßen. Trotz der öffentlichen Kritik sorgte er mit seinen Kinofilmen für gefüllte Kinosäle. Weltweit sahen 140 Millionen Zuschauer die Filme. Mit seiner Liebesschule schuf er sogar eine Fernsehserie zur sexuellen Aufklärung.

Von der „guten alten Zeit“, nach der sich manche zurücksehnen, kann Oswalt Kolle ein Lied singen – er war immerhin einer der ersten, der das Schweigen über das Tabuthema Sexualität gebrochen hat. „Noch in den 50er Jahren war das Thema unaussprechbar“, so Oswalt Kolle. „Als damals die Kinsey-Reporte über das Sexualverhalten amerikanischer Bürger in deutscher Sprache erschienen, galt schon die Veröffentlichung einzelner Statistiken daraus als jugendgefährdend.“ Bis zum Ende der 60er Jahre war in Westdeutschland die Werbung für empfängnisverhütende Mittel verboten, Kondome durften nur an Ehepaare verkauft werden. Und als die Pille 1962 auf den Markt kam, erschienen unzählige Warnungen in der Presse, in denen die Furcht vor Nebenwirkungen geschürt wurde. Noch zwei Jahre später forderten führende deutsche Gynäkologen in der so genannten Ulmer Denkschrift, dass die Pille entweder verboten oder nur noch unter strikten Regeln verschrieben werden solle. Zitat: „Eine wahllose Ausgabe solcher Tabletten würde bei vielen Mädchen und Frauen in und außerhalb der Ehe die letzten Bremsen beseitigen.“ Die Kehrseite waren zwei bis drei Millionen illegale Abtreibungen pro Jahr, mit Stricknadeln auf dem Küchentisch ausgeführt oder von Ärzten, die sich horrend dafür bezahlen ließen. Im Hintergrund stand ein ideologischer Kampf der Kirchen in Westdeutschland. In der DDR hingegen wurde die so genannte „Wunschkindpille“ von den Behörden begrüßt und gefördert.

In den 50er Jahren war die geltende Sexualnorm noch Gesetz: Ehebruch war strafbar und Eltern, die ihre heranwachsenden Kinder mit deren Partner in ihrer Wohnung übernachten ließen, drohte bis zu sechs Jahre Zuchthaus. Noch Anfang der sechziger Jahre wurde ein Hannoveraner Frauenarzt verurteilt, der kinderreiche Bäuerinnen sterilisiert und damit der „hemmungslosen Genusssucht Vorschub geleistet hatte“, so der Urteilstenor. Zu den allgemein verbreiteten Gewissheiten gehörte, dass eine Frau, die vergewaltigt wurde, sich das selbst oder ihrem aufreizenden Äußeren zuzuschreiben hatte und Inzest ein Phantasieprodukt überhitzter Frauen war, allenfalls in der Unterschicht angesiedelt. „Wenn überhaupt aufgeklärt wurde, dann als Warnung“, so Oswalt Kolle auf dem Europäischen Kongress über Sexual- und Impotenzforschung (ESSIR) in Hamburg. „Sexualität war eine ansteckende Krankheit, die bis zur Ehe zu vermeiden war.“ Das dunkelste Kapitel betrifft die Homosexuellen: Die Mehrheit der Bevölkerung hielt homosexuelle Männer für Verbrecher, eine Minderheit für krank. Von 1949 bis 1969 gab es rund 70.000 Verfahren gegen schwule Männer, und bis 1974 war Homosexualität strafbar. Wie tief die Vorurteile sitzen, zeigte sich 1999 in einer Sendung des ZDF-Frauenmagazins „Mona Lisa“: Darin fragte die Moderatorin eine Expertin, was die Krankheit Transsexualität von den Krankheiten Homosexualität und Schizophrenie unterscheide.

So war die Zeit ab 1967 der Aufbruch in eine neue sexuelle Freiheit. Zum ersten Mal konnten Paare offen miteinander über ihre Probleme reden. „Doch das war keine Spur von Revolution“, so Oswalt Kolle. „Eher ein mühsamer, schmerzhafter Prozess, der auf beiden Seiten auch seine Opfer gefordert hat.“ Zum ersten Mal brachen mehr Frauen als Männer aus der Ehe aus, rund 70 Prozent beantragten die Scheidung. Oswalt Kolle erhielt Morddrohungen, radikale Feministinnen gingen so weit, schon Verführung als Vergewaltigung zu bezeichnen. „Der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen“, resümiert Kolle. „Was allerdings Männer und Frauen dabei nicht brauchen können, sind Kriegshetzer im Geschlechterkrieg, weder weibliche noch männliche. Je besser wir die Unterschiede zwischen Männern und Frauen begreifen, desto eher werden wir alle akzeptieren können, dass es nicht nur eine Sexualität gibt, sondern viele.“

1996 Teilnahme am 4. Internationalen bisexuellen Symposium (IBIS) in Berlin mit dem Motto „The many faces of bisexuality – Vielfalt bisexueller Beziehungen“ mit u.a. Dr. Fritz Klein und Dr. Erwin J. Haeberle. Im Jahr 2000 wurde er von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) mit der Magnus-Hirschfeld-Medaille für Sexualreform geehrt.

Kolle ist seit dem Jahre 2000 verwitwet und hat 3 Kinder. Er ist auch weiterhin als Publizist tätig. Themen, die er heute behandelt, sind unter anderem aktuelle politische Ereignisse und die Sexualität im Alter.

Oswalt Kolle war in den 60er und 70er Jahren auch bei der damaligen Jugend Gesprächsthema. Wie sehr, belegt eine Anekdote aus meiner Schulzeit. Vor ungefähr 35 Jahren passierte einer Mitschülerin ein Fauxpas. Befragt nach dem damaligen Ministerpräsidenten von Hessen, kam wie aus der Pistole geschossen: „Kolle“, und die gesamte Klasse brach in schallendes Gelächter aus, denn Albert „Osswald“ regierte das Land Hessen von 1969 bis 1976. 🙂

Quellen: www.sueddeutsche.de / www.wikipedia.de

3 Gedanken zu „Der Autor, Journalist und Sexpapst Oswalt Kolle plädiert für Viagra im Alter

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