Nadine GordimerEs ist trotz strahlender Sonne kühl, und der südafrikanische Winter lässt den Wind das Haus Nadine Gordimers umschleichen. Der Gärtner öffnet das Tor, um den verspielten Hund, einen Weimaraner namens Tilla (in Anlehnung an Tilla Durieux) zu bändigen, das genaue Gegenteil eines Wachhundes. Ein altes Haus, gebaut 1910 von einem Angestellten der Goldminen, die Johannesburg um die Jahrhundertwende zu einer afrikanischen Boomtown sondergleichen machten. Der Garten ist wild, üppig, exotisch, und schon hört man das Rufen des Hadeda-Vogels, das jeden Afrikareisenden ins Mark trifft, weil es so spöttisch klingt. Im Zimmer überall Kunst, ein Ernst Barlach auf dem Fenstersims, Kunst, die Gordimers 2001 verstorbener Mann Reinhard Cassirer sammelte. Ein halbes Jahrhundert lebte das Ehepaar hier zusammen.
Die Schritte auf der Treppe lassen ein Kind vermuten. Aber es ist Nadine Gordimer, die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 1991, der „Geigerzähler der Apartheid“, wie ein Rezensent schrieb oder ein anderer jüngst „Frau Grass in Afrika“. Sie trägt eine Lederjacke, die Augen klar. Eine Erscheinung. Im November wird sie 83. „Nadinchen“, sagte die aus London stammende Mutter früher zu ihr. Trauer und Einsamkeit liegen über dem Haus.
Natürlich kann man mit ihr über die Apartheid reden, die ihr Leben und ihre künstlerische Arbeit durchdrang und deren Ende sie als enormes Glück empfand. Man kann sie nach ihrer Mitgliedschaft im ANC fragen, nach ihrem Verhältnis zum Kapitalismus, dem Traum vom Wohlfahrtsstaat, den man jetzt in Südafrika träumt, nachdem Kommunismus und Sozialismus glücklicherweise 1994 keine Option mehr waren für die neuen Machthaber – denkt man an all die fatalen Experimente und Kriege in Afrika. Sie antwortet routiniert, erinnert sich an den ersten freien Urnengang in einer Kirche in der Nachbarschaft („ein sakraler, ein unvergesslicher Akt für uns alle“). Die Verfassung? Ein Traum. Die Wahrheitskommission, revolutionär. Der veränderte Alltag, die ersten sich küssenden gemischten Paare in den Parks („ich hielt den Atem an, weil ich dachte, gleich komme die Polizei. Lassen wir sie’s versuchen, sollen sie sich mischen“), die Elektrizität in den Townships, der Lichtschalter, all die „kleinen Dinge, die das Leben erleichtern“. Freiheit, sagt sie, sei die Grundvoraussetzung für alles andere. „Was will man nach all der langen Zeit, und es gab ja auch Rassismus und Kolonialismus vor der Apartheid, erwarten?“
Ende der achtziger Jahre war sie in ihren Romanen äußerst pessimistisch, befürchtete Krieg und Chaos, dachte an Revolution. Heute spricht sie, die für ihre spröde, distanzierte Sachlichkeit bekannt ist, geradezu liebevoll über ihre Heimat. „Schauen Sie auf den Rest des Kontinents, dass ein solcher Befreiungsschlag wie hier unblutig vonstatten gehen konnte, grenzt an ein Wunder.“ Natürlich sei die Gesellschaft unfertig, am meisten aber fehle ihr die gemeinsame Sprache. Zwölf Sprachen gibt es im Land, sie sind auf dem Verfassungshügel am Gericht oberhalb Johannesburgs in Stein gemeißelt. „Zwölf Jahre nach der Demokratie“, „twelve years after democracy“, sagen viele in Südafrika und meinen die zwölf Jahre, die vergingen seit diesen ersten demokratischen Wahlen. Darin klingt immer noch Verwunderung mit, aber auch Befremden. Denn: Was wird? Das Land ist anders. Weil es nicht nur schwarze Afrikaner gibt. „Das ist nicht Afrika“, meinte einmal ein Entwicklungshelfer verächtlich. Nur weil die Infrastruktur wie in keinem anderen afrikanischen Land funktioniert? Weil es selbst den Schwarzen so gut geht, dass, vom Rest der Welt nicht wahrgenommen, der nur auf die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer starrt, zehntausende illegale Afrikaner gen Südafrika drängen und dort nach einem besseren Leben suchen? Gordimer ist Afrikanerin. Wie J. M. Coetzee, wie Andre Brink, wie Antje Kroog, Kinder von Einwanderern. Gordimers Eltern kamen aus Litauen und England. Weiße Südafrikaner sind Skeptiker oder Melancholiker. Ist sie Moralistin? Da verzieht sie das Gesicht. „Nein, realistische Optimistin.“ Was immer das heißen mag.
Apartheid war social engineering – künstlerisch musste sie, um sich dagegen aufzulehnen, Dekonstruktivistin sein, musste das, was der Rassismus separierte, zusammenfügen, zulassen. Und das, was er zur Norm erklärte hinterfragen. Auch die Bürgerlichkeit, die Liberalität. Es gab kein richtiges Leben im falschen. Normalität war so per se abnorm. Aber heute? Was soll sie anderes tun als schreiben, fragt sie und schenkt mir eines ihrer raren Lächeln. „Das kann ich nun wirklich.“ Sie fängt zudem an, die Unterlagen ihres Mannes „Reini“, des Kunsthändlers aus der großen Cassirer-Dynastie, zu sichten, „der nur in der Gegenwart lebte und zu mir kam, als er schon fast ein Leben hinter sich hatte“. In einem der Zimmer fand sie die Aufzeichnungen der Schwiegermutter Charlotte, die ihrem Sohn nach Südafrika gefolgt war. Gordimer hat sie zu einem Büchlein binden lassen, das nur der eigenen Familie, der Tochter Oriane in Italien, den beiden erwachsenen Enkeltöchtern und dem Sohn Hugo in New York, zugänglich ist. Sie hütet Familie wie einen Diamanten. Ihr war großes Glück beschieden.
Quelle: www.welt.de

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