Weiblich, jung, flexibelWeiblich, jung, flexibel: Von den wichtigen Momenten im Leben und wie man sie am besten verpasst von Felicitas Pommerening

Weiblich, jung, flexibel“ von Felicitas Pommerening, mit dem Untertitel „Von den wichtigen Momenten im Leben und wie man sie am besten verpasst“, erschien 2012 im Herder Verlag. Das Cover scheint zunächst auf eine begrenzte Zielgruppe hin zugeschnitten zu sein. Die Grafik von Saul Herrera von istockphoto.com zeigt eine junge Frau mit langen Wimpern und dunkel geschminktem Mund in einer widersprüchlichen Retro-Ästhetik. Sie trägt die Reizfarbe Pink gepaart mit einer dunklen, modernen Frisur. Ihr Blick ist eher frech, die Icons in ihrer Gedankenblase aber decken die Standardthemen von Computer bis Kinderwagen ab. Das Cover täuscht. Auf 163 Seiten plus 14 Seiten Nachwort entwickelt Pommerening Szenarien, die für ein weit breiteres Publikum lesenswert sind als es Titel und Aufmachung vermuten lassen. „Weiblich, jung, flexibel“ bietet nicht nur eine humorvolle, geschickt geschriebene Darstellung einer Lebensphase, sondern leistet darüberhinaus einen unprätentiösen und genau deswegen wichtigen Beitrag zu aktuellen Debatten.

In siebzehn Kapiteln erzählen zwei fiktive junge Frauen, Carlynn und Ellen, als Ich-Erzählerinnen von ihren Erfahrungen unmittelbar nach Abschluss eines geisteswissenschaftlichen Magisterstudiums. Es geht vor allem – aber nicht nur- um den Berufseinstieg und die damit verbundenen Weichenstellungen. Die abwechselnde Erzählstrukur erlaubt es Pommerening, nicht nur simultane Erfahrungen, sondern auch größere Zeitsprünge abzudecken, was für die Entwicklungsdynamik der Charaktere bedeutsam ist. „Weiblich, jung, flexibel“ postuliert nämlich nicht, sondern lebt von der Spannung des Hin- und Her: Konzepte werden revidiert, Wege angepasst.

Carlynn, zu Beginn des Buches vierundzwanzig, erleidet ihr erstes Vorstellungsgespräch bei einem Fernsehsender. Das Fazit der Ablehnung – zu brav – trifft ins Schwarze des bekannten, einigermaßen selbstgefälligen Vorwurfs seitens der sogenannten „68er“- Generation an die „unpolitische Jugend“. Mittlerweile gesetzt, aber wie ihr männlicher Interviewpartner unverändert stolz auf das Jahr USA mit der Harley, ist ihre Werteskala häufig so festgeeicht, dass auf Veränderungen nur reflexhaft reagiert wird.

In den Augen dieses Mannes habe ich ein Jahr rumhängen in Amerika nötig. Oder noch besser: Krach mit meinen Eltern. Gut wären auch einfach zwei sinnlose Ehrenjahre an der Uni gewesen. Eine komplette Note schlechter im Abschluss hätte ihm wahrscheinlich auch gefallen.

Pommerening geht nun aber nicht den einfachen Weg, die Erwartungen der älteren Generation um eines leichten Punktgewinns willen als stereotyp zu entlarven. Carlynn und ihr Freundeskreis hegen ausreichend Selbstzweifel an ihrem Werdegang, um sich dieser Kritik zu stellen. In Carlynns Fall bedeutet dies eine Reise nach Indien (!), genauer aber ein Aufenthalt bei einem Freund, der dort studiert. Sie nimmt den Initiationsritus als Messlatte, den der Mythosforscher Joseph Campbell in seinem vierbändigen Werk herausarbeitet, und will die vielleicht verpasste Konfrontation mit der „Unterwelt“ auf diese Weise nachholen.

Bezeichnenderweise reagieren ihre Freundinnen um einiges skeptischer auf das Vorhaben als ihre Eltern. Während ihrem Vater lediglich zu missfallen scheint, dass sie sich impfen lassen möchte (nicht nötig, hat er auch nie gemacht), gehen diese der Lebenslauf-Lücke ehrlicher auf den Grund. Was soll dieser Aufenthalt ohne zu arbeiten für die Jobsuche bringen?

Ich finde es nicht schlimm, zu schreiben, dass ich über zwei Monate durch Indien gereist bin. Das gibt mir doch ein interessantes Profil.
Aber du reist doch gar nicht“, unterbricht mich Bianca. „Du bleibst doch nur in Neu Delhi.

Dieser erfrischenden Ehrlichkeit verdankt das Buch nicht nur viele höchst unterhaltsame Stellen, sie funktioniert auch als Stilmittel. Immer wieder punkiert Pommerening damit etablierte Klischees und Posen. So berichtet eine deutlich selbstbewußtere Carlynn von einem späteren Vorstellungsgespräch:

Und ich erzähle zum Beispiel ungehindert, dass ich in meinem Auslandssemester rein gar nichts gelernt und mich vollkommen unwohl gefühlt habe.

Ellen stellt derweilen von Anfang an die Arbeitsplatzsuche infrage. Sie möchte außerberuflich mehr Zeit haben als sie es in ihrem Umfeld beobachtet und zielt daher auf eine Teilzeitstelle. Sie begründet das nicht rein hedonistisch, sondern wägt genau ab, wieviel Konsumverzicht sie dafür in Kauf nehmen möchte und würde. Sie befindet sich in einer bereits langjährigen Beziehung mit Matthias, einem angehenden Fotografen, und die beiden planen zusammenzuziehen. Bezeichnend für Pommerenings Darstellung sind weder der Mann noch die Freundin oder die Eltern das Problem. Matthias ist liebevoll und solidarisch, Carlynn eine richtig gute Freundin, kein Gegenpol. Es ist die Arbeitswelt selbst und darüberhinaus die Sinnfrage, mit der Ellens ursprüngliches Konzept kollidiert. In ihrem ersten und gleich erfolgreichen Vorstellungsgespräch bei einer Agentur läßt sie demgemäß ihr Anliegen gleich unter den Tisch fallen.

Nur an einer Stelle werde ich ein bisschen nervös, als ich frage:
„Und das ist auf jeden Fall eine Vollzeitstelle?“
„Jaja“, nickt der Personaler und lächelt beruhigend, als ob ich genau das hören wollte.
„Haben Sie überhaupt Teilzeitstellen?“ Ich frage, als ob es mich ganz unabhängig von meiner Person interessiert. Als wäre ich vom statistischen Bundesamt.
„Der Personaler guckt verwirrt.
„Ja schon. Wir haben ein paar Mütter, die in Teilzeit hier sind. Und Sabine arbeitet nur vormittags…“ Mit einer Handbewegung Richtung Glaswand zeigt er mir, wer Sabine ist: die Empfangsdame. Ich lasse das Thema ruhen und versichere ihm, dass ich an der Vollzeitstelle interessiert bin.

Carlynn und Ellen stoßen im Verlauf des Buches in verschiedenen Anstellungen auf typische Rahmenbedingungen: schlecht bezahlte und befristete Verträge, Zeitdruck und massive Überstunden, männliche Machtrituale in Meetings und Kundengesprächen, Stress und Motivationsverfall. Nach einem Mitarbeitergespräch, das wiederum in einen befristeten Vertrag mündet, schlittert Ellen in eine ungeplante Diskussion mit ihrem Chef über den Wert von Teilzeitarbeit.

Ich will engagiert und interessiert sein. Und ich weiß, dass ich das in Teilzeit sein werde. Aber in Vollzeit ist es einfach zu viel. Ich habe keinen Ausgleich. Die Arbeit frisst alles auf. Irgendwann werde ich fünf Tage die Woche desinteressiert sein – statt drei Tage die Woche motiviert. Genau das möchte ich vermeiden.

Beiden Frauen ist bewußt, dass sie hinter Eigenständigkeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht zurück können und wollen. Als Matthias‘ Mutter Ellen – unaufdringlich und offen – anbietet, sie könne sich in Teilzeit in ihrem Blumenladen ausbilden lassen und, wenn gewünscht, später übernehmen, eröffnet Pommerening zwar – hinterlistig wie durch ein Schlüsselloch – den Blick auf ein kleines Paradies (Kinderbetreuung ist bereits mitbedacht), aber Ellen lehnt letztlich ab.

In meinem Kopf sehe ich Suffragetten, die kurz ihr Scheiben-Einwerfen unterbrechen und ihre Backsteine beiseitelegen, um zu applaudieren.

Dennoch verteidigt Pommerening in diesem Buch fast ketzerisch die Zeit und Energie, die Beziehungen – zu Liebespartnern, Kindern und Freunden – eben auch fordern. In dieser Ökonomie ist es daher nicht selbstverständlich, dass alle Beteiligten fraglos gleich viele Stunden mit ihrer Erwerbsarbeit verbringen. Damit bezieht sie Stellung in einer Debatte, in der seit einiger Zeit Prototypen – vor allem weibliche – gehyped werden, deren Karriereerfolg auf einem Arbeitseinsatz ohne Grenzen beruht. Katie Stanton, in einer Leitungsposition bei Twitter, ist so ein Leistungswunder, welches eine 70-Stunden-Woche mit Familie verbindet. Warum kann das nicht jede?

Widerstand dagegen ist in der gesellschaftlichen Debatte nicht auf Frauen beschränkt, Männer stellen ebenfalls die Frage, ob es oberstes Ziel sein kann, zwar flexibel, aber dafür rund um die Uhr zu arbeiten. Die Stundenanzahl verhält sich nicht proportional zur Qualität der Arbeit – wogegen im Buch überzeugend polemisiert wird – und wenn es immer weniger Arbeit gibt, warum sollte sie nicht allgemein verteilt werden. Dennoch richtet sich dieses Spotlight derzeit vor allem auf Frauen. Ines Kappert findet dazu folgendes Schlußwort in ihrem Beitrag zu Hanna Rosins „Das Ende der Männer. Und der Aufstieg der Frauen„:

Leistungsfetischismus als Lebenssinnersatz, das alles ist keine Frauenangelegenheit. Das ist der kollektive Wahnsinn der Mittelschichten, er hat nur ein weibliches Gesicht bekommen. Aber dafür haben wir uns doch nicht emanzipiert, oder? (taz vom 01.02.13; „Ich arbeite also bin ich“)

Carlynn macht in Indien vor allem die Erfahrung – die sie nach eigener Einschätzung genauso gut in Köln hätte machen können – dass sie mit ihrer „Normalität“ eigentlich kein Problem hat. Sie hat immer weniger Lust, sich dafür zu rechtfertigen, dass sie eine „gerade gewachsene Pflanze ist“, die ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hat und nicht gern auf Demos geht.

Die Frage, ob man aus Afghanistan jetzt raus soll oder nicht, ist doch auf keinen Fall so einfach und klar zu beantworten wie damals, als es um Vietnam ging. […] Wer kann schon sagen, was die beste Lösung ist, jetzt, wo wir schon einmarschiert sind. Vor allem kann man nicht wie damals einfach sagen: „Wir müssen da raus.“ Man kann höchstens sagen: „Dieses und jenes sollten wir dort nicht tun, aber dieses und jenes muss jetzt noch erledigt werden, bevor man das Land sich selbst überlässt.“ Das passt nicht so gut auf ein Demo-Banner, was?“

Als sie unter ihrer ausbeuterischen Trainee-Ausbildung fast panikartige Stress-Symptome ausbildet, kommt ihr Moment der konkreten politischen Einmischung. Er resultiert in einem neuerlichen Jobwechsel. Weiblich, jung, flexibel.

In Carlynns Reflexionen thematisiert Pommerening eine weitere vieldebattierte Veränderung im Verhältnis der Generationen und in der etablierten Auffassung vom „richtigen“ Jung-Sein. Wie auch schon in Lara Fritzsches vergleichbarem Ansatz („Das Leben ist kein Ponyhof“, Kiepenheuer & Witsch, 2009) wehren sich junge Menschen zu Recht dagegen vor eine mythifizierte Folie gestellt und dann auf Abweichungen hin untersucht zu werden. Die „Generation So-und-so“ Schlagwörter sind ermüdend, wenn sie nur dazu dienen, auszudrücken, dass es eigentlich ganz anders gehört. Hier hinterfragt Pommerening vielleicht einen weiteren Mythos: hat es eigentlich wirklich jemals jemandem gut getan, sich in der „Unterwelt“ Schmerz und Schädigungen zuzufügen ? Wer weiß das schon.

Im Nachwort empfiehlt sie jedenfalls gleichmütig:

Und wenn man keinen Sinn darin sieht, sich gegen die eigenen Eltern aufzulehnen oder in irgendeiner anderen Weise zu rebellieren, dann kann man es getrost bleiben lassen.

Kurzbeschreibung
Erscheinungstermin: 12. Januar 2012 im Herder Verlag (180 Seiten)
Die beiden Freundinnen Carlynn und Ellen haben ihren Universitätsabschluss in der Tasche und stehen vor den großen Fragen: Was wollen wir eigentlich? Wie sieht die Zukunft aus? Traummann? Kinder? Job? Bei ihrer Suche nach Antworten stoßen sie auf die Schwierigkeiten, die viele haben: Beruflicher Druck steht gegen eigene Wünsche; persönlicher Ehrgeiz gegen die Einflüsse von Freunden und Familie. Und die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung muss immer wieder abgewogen werden gegen die Erwartungen der Gesellschaft. Felicitas Pommerening schreibt über eine Generation, die mehr Möglichkeiten hat als jede andere zuvor, und über die Schwierigkeiten, dabei das eigene Glück zu finden.

Über die Autorin
Felicitas Pommerening, geb. 1982, lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Mainz. Nach dem Studium hat sie jährlich den Job und den Wohnort gewechselt, bis sie keine Lust mehr hatte. 2011 hat sie ihre medienwissenschaftliche Doktorarbeit abgeschlossen. Weitere Informationen unter: www.felicitaspommerening.de

Im Sitzen läuft es sich besser davon von Alois Hotschnig

In sechs Erzählungen unterschiedlichster Länge entfaltet Alois Hotschnig eine Welt des Alterns zwischen Vernunft und Verfall. Der Titel des Bandes ist zugleich der letzte Satz der letzten Erzählung. So entsteht eine Klammer, die die Sammlung in einen diskreten Zusammenhang bindet.

Der erste Text mit der Überschrift „Karl“ beschreibt das symbiotische Zusammenleben eines älteren namenlosen Ehepaares mit ihrem Hund Karl. Die anfänglich noch realistisch wirkende Konzentration auf das Haustier schlägt zunehmend ins Absurde um, da Karl nicht nur „Mann“ und „Frau“, sondern allmählich den ganzen Ort mit Bissen traktiert und beherrscht. Obwohl bandagierte Bisswunden bald zum Erscheinungsbild der örtlichen Bevölkerung gehören, ergreift keiner naheliegende Maßnahmen; die Launen des Hundes werden als unabänderlich hingenommen. Als seine Bisse schließlich als heilbringend begehrt werden, nimmt die Erzählung märchenhafte Züge an. Zum Schluss verschwindet Karl unter ungeklärten Umständen.

Trotz dieses inhaltlichen Normbruchs präsentiert die Eingangserzählung sich jedoch als normale Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Die allwissende Erzählerstimme gestaltet einen zusammenhängenden Verlauf aus einer übergeordneten Perspektive. So wird eine Kontrollfähigkeit vermittelt, die den darauffolgenden Texten fehlt. Es ist als ob mit dem Verschwinden Karls auch der ordnende Zugriff abhanden gekommen. Von nun an wird in Dialogen, direkter und erlebter Rede erzählt, die Einheiten werden kleiner.

Das macht sie keineswegs sinnentleert. In „Die großen Mahlzeiten“ wird besprochen, in welchem Rhythmus die Medikamente zwischen den Mahlzeiten genommen werden sollen. Darüber herrscht keine Einigkeit, man diskutiert, beobachtet sich gegenseitig und der Kreis von Teilnehmern ist unscharf. Ich und Du, Vater und Mutter, aber auch Paul, Hans und Franz spielen eine Rolle. Hotschnig bedient sich dabei einer Sprache, die „dem Volk auf’s Maul schaut“. Die Versatzstücke klingen alltäglich und vernünftig, die Redewendungen sind konventionell. Erst die kleinen Verschiebungen machen stutzig:

„Wann du kommst, lässt sie fragen. Es ist sieben.
Die Pillen willst du nicht nehmen, sagst du? Warum denn nicht?
Weil ich hungrig bin. Weil mir nach Essen ist. Jetzt. Darauf freue ich mich schon den ganzen Tag. Satt zu sein, endlich einmal.
Aber gegessen habt ihr doch heute? Gefrühstückt. Es ist sieben Uhr abends jetzt, Vater.
Wäre denn jetzt nicht Zeit, dieses Zeug einzunehmen? Um sieben, um elf, um drei und um sieben, das sagst du doch immer. Oder ich frühstücke jetzt und nehme es um acht. Obwohl, wenn ich es um acht nehme, dürfte ich doch erst um neun wieder essen. Sie sagt, wenn ich es um sechs geschluckt hätte, könnte ich jetzt um sieben etwas haben.“

Mit der nächsten Erzählung, „Etwas verändert sich“, wird das Ensemble der Namen größer, Orte von Flattach bis Arles werden aufgezählt und die Dialoge schwanken in ihrem Realitätsbezug. Gleichzeitig nehmen inhaltlich Begriffe zu, die eine Art Heim, eine gemeinsame Unterbringung anzeigen. Dennoch bleiben die Dialoge konkret, sie zeugen von Vertrautheit und gemeinsamen Erinnerungen. Man spricht von Thea, Klaus und Kurt, den Freunden, und auch von Herrn Orter und Frau Harter. Wieder taucht ein Paul auf, kommt ein Hund vor, doch wer genau gerade spricht, bleibt unklar.

Die kleineren Reisen“ vermischen nun ganz gezielt die „großen Mahlzeiten“ der Gegenwart mit den Reisezielen der Vergangenheit. Refrainartig werden Menüs zitiert – „Kürbiscremesuppe, Saftfleisch mit Knödel und Blaukraut, Kompott“ – ohne dass mit Sicherheit gesagt werden kann, ob das sprechende Paar vom ‚Essen auf Rädern‘ versorgt wird oder bereits in einem Altersheim isst. Ihr Interesse gilt aber vor allem dem Festhalten der Urlaubsorte und -erlebnisse aus vergangenen Tagen. Der erinnerte Figurenkreis expandiert gewaltig, gut dreißig Freunde und Bekannte werden namentlich erwähnt und mit Speisen und Orten verknüpft. Auch Karl ist wieder da, allerdings als Mensch, der mit „Gerda“ um das Vorrecht des genaueren Erinnerungsvermögens ringt. Hotschnigs Wiedergabe ist dabei durchaus komisch:

Und in Cattolica Hans-Peters erste Lasagne. Er war zum ersten Mal mit dabei, und es war seine erste Lasagne.
Die beinahe seine letzte Lasagne gewesen wäre. Weil er doch am Tag darauf eine Kolik gehabt hat. Wegen der Muscheln.
Wegen der Muscheln war das? Hans-Peter isst keine Muscheln, das stimmt.
Hans-Peter isst überhaupt nicht mehr, Gerda. Zwanzig Jahre ist das jetzt her. Danach hat er sich nur noch von Lasagne ernährt.

In der vorletzten, sehr kurzen, Erzählung wird nun deutlich ein Umzug vorbereitet. Es scheinen drei Generationen involviert (Grossvater, Sohn und Enkel), aber es bleibt unentscheidbar, ob die Abreise in Richtung Familienanschluss oder eher sogar ins Irrenhaus geht. „Besorgungen für den Tag“ unterscheidet sich nämlich dahingehend von den übrigen Texten als hier über größere Strecken nun wirklich Non-Sense-Reime aneinandergereiht werden. Gerda ist auch wieder da und der Hund Klabund und eine deutliche Anspielung auf einen anderen Wahnsinn: Brandstiftung. So wie „Die kleineren Reisen“ auch „Die großen Mahlzeiten“ hätten heißen können, würde für diese Erzählung „Etwas verändert sich“ passen. Die „Besorgungen für den Tag“ wiederum überschreiben genauso gut die Einkaufsbemühungen aus „Die kleineren Reisen“. Hotschnig spielt mit diesen Momenten des Wiedererkennens, so dass nicht nur die Grenzen innerhalb der einzelnen Erzählungen, sondern auch die zwischen ihnen verschwimmen.

Der Ort der letzten Erzählung, „Ausziehen ja, anziehen auch“, ist eine Arztpraxis. Vom eigenen Haus mit Hund über eine Gemeinschaftsunterkunft verengt sich nun der Raum auf ein Wartezimmer. Die Wörterliste stammt diesmal aus dem Bereich der Medikamente, das Personal aus der Gegenwart und dem erinnerten Café Central. Wieder sind die Dialoge meist voll sinnvoller, gegenseitiger Anteilnahme und lassen sich gut verfolgen, nur das Kreisen um das Immergleiche weist auf einen Verfallsprozess hin.

Sehen Sie?
Sehen Sie, sehen Sie, Sagen Sie mir, was ich sehen soll, vielleicht sehen wir es dann gemeinsam.
Frau Miller. Frau Miller war die Nächste, meine ich. Oder nicht?
Frau Miller war die Nächste, ja. Frau Miller ist immer die Nächste. Seit ich bei der Frau Doktor bin, ist Frau Miller die Nächste oder eine der Nächsten, in jedem Fall aber ist sie vor mir. Und das oft mehrmals am Tag.
Und jetzt?
Was und jetzt, Sie können einen aber auch ganz schön beschäftigen, wissen Sie.
Der Nächste, wer der Nächste ist, jetzt, nach der Frau Miller. Sie? Oder ich? Nach Frau Miller wird ja nicht wieder Frau Miller die Nächste sein. Oder doch?

Zu diesem Zeitpunkt hat man auch als Lesender bereits aufgegeben, die Texte unterscheiden zu wollen, es gibt immer einen davor und einen nächsten. Hotschnig spinnt ein Gewebe, welches einem immer bekannter vorkommt und doch könnte man es nicht nacherzählen. Jede einzelne Äußerung klingt vernünftig, das Ganze aber lässt sich nicht platzieren. Dieses „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ ist keine neue Technik und muss es auch nicht sein; die Frage stellt sich aber, warum Hotschnig sie anwendet. Ist der Erzählantrieb denn wirklich widersprüchlich? Das Bewusstsein der Figuren mag sicherlich ausfransen und die Lebensschau nicht immer chronologisch sein. Der Tonfall aber ist stets gutmütig; man ist willig zu verstehen, zu trösten und aufeinander einzugehen. Insofern verdeutlicht die Absurdität vielleicht lediglich das Asynchrone eines alternden Gehirns. Man wird Zeuge mannigfaltiger Listen von Details – Namen, Begriffe und Orte – , die nicht mehr gebraucht werden und Redewendungen, die nichts mehr bewirken. So bleibt vielleicht nur der sture Witz übrig, mit dem Frau Hatzer sich im allerletzten Abschnitt widersetzt:

„Frau Hatzer, wollen Sie sich nicht setzen, wo wir endlich einen Platz für Sie gefunden haben, dort wäre noch ein Platz für Sie, sehen Sie?
Das macht nichts. Ich kann auch stehen. Ich versäume nichts, wenn ich stehe und ich versäume nichts, wenn ich sitze. Aber solange ich noch stehen kann, sitze ich doch lieber, wissen Sie. Im Sitzen läuft es sich besser davon.

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Der 140 Seiten umfassende Erzählband „Im Sitzen läuft es sich besser davon“ von Alois Hotschnig erschien bei Kiepenheuer & Witsch im September 2009.

Der Lesekreis bedankt sich Gabi für die ausführliche Rezension und beim Verlag Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Überlassung eines Rezensionsexemplares.

Lesenswert! Das Leben ist kein Ponyhof von Lara Fritzsche [Rezension]

Das Leben ist kein Ponyhof von Lara Fritzsche, mit dem Untertitel „Die unbekannte Welt der Abiturienten“, erschien 2009 bei Kiepenheuer & Witsch. In einer geglückten Mischung aus Fiktion und Sachbuch wird hier die Alltagswelt einer Kölner Abiturklasse beschrieben, die Fritzsche ein Jahr lang begleitet hat. Der zeitliche Bogen reicht vom Winter vor dem Abitur bis zum Winter nach dem Abitur, umspannt also die Zeit des Lernens, der Prüfungen, Abi-Ball und -Fahrt und schließlich die verschiedenen Aufbrüche danach. Ausdrücklich möchte die Autorin den medial vermittelten Extrembeispielen – zwischen Komasaufen und Preisverleihungen – entgegenwirken, indem sie die alltägliche Normalität in den Fokus rückt. Die Bandbreite der Themen ist wirklich umfassend: Schule, Internet, Bildungsghetto Gymnasium, Party und Alkohol, Sex und Freundschaften, Prüfungen und Bewerbungsgespräche, Essproblematiken, Ablösung von den Eltern, Zukunftssorgen und Ideologien, schließlich auch die ersten Zerfallserscheinungen im Freundeskreis – es fehlt eigentlich kein Aspekt.

Lara Fritzsche hat ihr gesammeltes Material nach eigenen Aussagen in ihrem Figurenkreis verdichtet. Ebenso erfolgreich bündelt sie die Themen in achtzehn aussagekräftige Kapitel, die je nach Interessenschwerpunkt immer wieder aufgeschlagen werden können. Dabei kommen aber nicht nur „Alexa“, „Sophia“, „Tim“ und „Jan“ zu Wort, sondern ebenso Umfrageergebnisse, Statistiken und soziologische Studien. So bietet jeder Themenkomplex eine recht zuverlässige Datenbasis in einer anschaulichen Kombination. Naturgemäß erscheint einem dabei nicht alles neu – das ist nicht Fritzsches Versagen, sondern liegt darin begründet, dass bestimmte entwicklungspsychologische Konstanten nun mal nicht in jeder Generation neu erfunden werden.

Umso interessanter wird es dort, wo die beschriebene Generation deutlich definierten Veränderungen gegenübersteht: den Kommunikationsmöglichkeiten im Internet, dem Verhältnis zu den Eltern und damit zur „Rebellion“, dem „reformierten“ Universitätsbetrieb, dem scheinbaren Post-Feminismus. Dies sind einige der augenfälligsten Prägestöcke dieser „Generation Casting“, wie Fritzsche sie bezeichnet – und sie prägen im Übrigen nicht nur die Altersklasse der Abiturienten. Fritzsche ist dabei ein Glücksfall für das Projekt: sie ist selbst nur fünf Jahre älter als ihre knapp volljährigen Kontakte und kann deren Sprache ohne Peinlichkeit protokollieren. Anbiederung findet nicht statt. Zugleich ist sie aber eben doch entscheidende fünf Jahre älter und wo die Abiturienten noch sehr mit sich selbst beschäftigt sind, verlängert Fritzsche deren Material in den gesellschaftlichen Kontext hinein.

Im Kapitel über das ‚Leben im Internet‘ zu Anfang des Buches wird detailliert dargestellt, wie selbstverständlich die Inszenierung im Netz für die „Digital Natives“ ist. Hier geht es noch viel um Spaß und um das Gestalten eines möglichst interessanten Profils; außerdem zeigt Fritzsche nachvollziehbar, wieviel echte Kommunikation und gegenseitige Zuwendung über virtuelle Kanäle stattfindet – soziale Netzwerke eben. Die meisten sind sich über die Bedingungen, unter denen das funktioniert, im Klaren und akzeptieren trocken, wenn Daten und Bilder ohne ihre Kontrolle weiterwandern. Im späteren Teil des Buches verbindet Fritzsche diesen Darstellungsdrang und -zwang aber auch mit den Gesetzmäßigkeiten außerhalb des Internets.

„Für sich werben, sich anpreisen, sich verkaufen – das kennen sie alle. Sie gehören zur Generation Casting – müssen immer und überall bereit sein, sich ordentlich zu präsentieren. Isabell musste erst unbezahlt Probe arbeiten im Club, bis sie als Kellnerin engagiert wurde. Sogar Tobi und Dennis mussten für ihre Zivijobs über ihre Stärken und Schwächen Auskunft geben und das, obwohl sie voraussichtlich Flure kehren und Mahlzeiten umherkutschieren werden. Selbst für einen Babysitterjob musste Dani einmal einen Lebenslauf einreichen, sich dem Fragenkatalog der Eltern stellen und danach unter Aufsicht eine unbezahlte Probestunde mit dem kleinen Mädchen verbringen. Nicht ungewöhnlich. Kein Nebenjob ohne Probearbeitstag, kein WG-Zimmer ohne Bewerbungsgespräch, keine Beziehung, ohne nicht vorher einem umfassenden Bildungscheck unterzogen zu werden. Überall wird man geprüft, befragt, durchleuchtet und gebeten, „mal kurz seinen Werdegang zu umreißen.“

Gleichzeitig werden die Abiturienten mit Erwartungshaltungen seitens bereits etablierter gesellschaftlicher Instanzen – zum Beispiel in den Medien oder von der Elterngeneration – konfrontiert, die an ihrer Situation vorbeizuzielen scheinen.

„Die Vorwürfe an ihre Generation kennen sie nur allzu gut. Hier ein Leitartikel, dort ein Dossier. Gerade ist wieder in einer überregionalen Zeitung ein Essay über die Jugend ohne Ideale erschienen. Auch in diesem Text kommen sie nicht so gut weg. „Wie sind denn die ganzen Journalisten zu ihren Jobs bei FAZ und Co. gekommen? Haben die ihre Chefs alle beim Kiffen kennengelernt oder was?“ polemisiert [Jana]. Die Freunde lachen, sie haben den Artikel auch gelesen und sich schon darauf gefreut, wie Jana sich darüber aufregen würde. „Nein, Quatsch, ich weiß es“, fährt sie fort, „wahrscheinlich kennen die sich von einer Demo, und weil der Autor so engagiert gegen den Vietnamkrieg angebrüllt hat, bekam er gleich ein eigenes Büro und `ne junge Sekretärin, die Revoluzzer spielt, wenn er Bock drauf hat. […] Jana spricht ihr aus der Seele. Sie kennt diese Forderungen nach Auflehnung und Rebellion nur zu gut. Ihrem Vater fällt es schwer, die passive Reaktion der Tochter auf die veränderten Bedingungen zu verstehen, wo sie doch sonst so schlau und aufgeweckt ist. Dieses Übermaß an Pragmatismus ist ihm fremd. Er will nicht glauben, dass seine alte Allzweckwaffe, das Demonstrieren, nichts mehr bringt. Aber die Welt, wie sie heute ist, verändert nicht mehr der Kanzler, sondern der Markt. Und der lässt sich nicht umstimmen – der reagiert bloß verstimmt.“

Spätestens bei dem Kapitel über die Bedingungen eines Bachelor-Studienganges mit dem bezeichnenden Titel Punkt für Punkt / Uni für Anfänger, wird aber klar, wie ernst die veränderten Rahmenbedingungen genommen werden müssen. Das Studium ist jedenfalls auch kein Ponyhof.

Ein anderes verstaubt wirkendes Politikum hat sich eine gewisse Aktualität bewahrt, wie Fritzsche treffsicher herausarbeitet. Vor dem Abitur gilt feministisches Gedankengut zwar als überholt und auch der „Neue Feminismus“ mit seinen ‚Alphamädchen‘ als unnötig:

Benachteiligung im Beruf, ungleiche Rollenverteilung im Privatleben und Bevormundung durch die Politik? Das gibt’s doch alles längst nicht mehr, denken Rike, Alexa und Sophia. Ihre Mütter dürften ja auch alles: arbeiten gehen, Geld ausgeben und Entscheidungen treffen. Wieso also auflehnen? Mit den Errungenschaften der Elterngeneration im Rücken scheinen diese Probleme hinfällig geworden zu sein. „Wieso? Wir sind doch längst gleichberechtigt“, sagen die heute Dreizehn- bis Zwanzigjährigen. Eine gute Ausgangsposition, um sich selbst als ‚bitch‘ zu bezeichnen. Oder wahlweise wieder ein bisschen mit seiner Mädchenhaftigkeit zu kokettieren. Ein weiterer Trend, der längst sein Maskottchen gefunden hat – eine kleine japanische Katze: Hello Kitty.“

Doch schon in bestimmten Aspekten von Sexualität wie Pornographie oder Doppelmoral deuten sich Zwiespältigkeiten an, die die Mädchen aber noch offensiv für sich lösbar halten. Im Leben nach dem Schulabschluss treffen sie nun auf uneingestandene Benachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts mit denen sie niemals gerechnet hätten. Sie gingen fest davon aus, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen immer – so wie auf dem Gymnasium – angemessen honoriert würden. Auch manche ihrer privaten Strategien – ob im Club oder im Zusammenleben – stellen sich als Knieschüsse heraus. Und so endet das Kapitel mit der Erkenntnis: „Und ob sie den Feminismus als Bewegung noch brauchen, das beantworten sie auch nicht einstimmig. Aber dass sie an dem Thema als Frauen nicht vorbeikommen, das ist jetzt klar.“

Die Einbettung in größere gesellschaftliche Zusammenhänge macht „Das Leben ist kein Ponyhof“ lesenswert für alle Altersklassen. Lara Fritzsches Gestaltung besticht dabei durch eine besonders angenehme Motivation: echtes Interesse an ‚der unbekannten Welt der Abiturienten‘.

Kurzbeschreibung
Generation ICH.
Nie zuvor ist mehr von Abiturienten erwartet worden: Sie sollen zügig und fleißig studieren, zugleich ihre Träume verwirklichen, fürs Alter vorsorgen und dabei bloß keine Spießer werden. Viele Kinder sollen sie auch noch bekommen – aber was wollen sie selbst? Abiturfeier in einem Kölner Gymnasium. Der Moment, auf den alle so lange gewartet haben, ist endlich da. Stolz und Euphorie liegen auf den Gesichtern von Alexa, Tim und Rike – und ein Hauch Wehmut. Denn jetzt gilt es! Zu keiner Zeit hatten Deutschlands Abiturienten so viele Optionen wie heute: In Australien einen Bachelor machen? In London ein Praktikum? Einen deutsch-französischen Doppelstudiengang? Alles ist möglich, nur Scheitern nicht erlaubt. Ein Jahr lang hat die 25-jährige Journalistin Lara Fritzsche eine Abschlussklasse begleitet. Die Zeit reicht von Silvester, als alle miteinander noch einmal unbeschwert feiern wollen, über die Prüfungen, Abschlussfeiern, Bewerbungen, Auslandsreisen bis zum Umzug und Studienbeginn. Weihnachten treffen sie sich wieder und ziehen Bilanz. Ein Jahr der großen Entscheidungen. Und keine darf vermasselt werden, denn der Druck ist riesig. Lara Fritzsche schildert anschaulich, was heute im Abitur verlangt wird und wie sich Abiturienten darauf vorbereiten. Und warum ein ordentlicher Vollrausch dabei manchmal durchaus zuträglich ist. Was den 18-/19-Jährigen Familie und Freundschaft, Liebe und Sex bedeuten – und was das Internet damit zu tun hat, dass sie reifer und zynischer sind, als es Abiturienten noch vor zehn Jahren waren. Feinfühlig und äußerst unterhaltsam zeichnet sie das Bild einer Generation, die keine Illusionen mehr hat und trotzdem das Gute will, für die Welt und für sich selbst.

Über die Autorin
Lara Fritzsche, geboren 1984, absolvierte nach dem Abitur ein Volontariat beim Kölner Stadt-Anzeiger und arbeitete anschließend dort als Redakteurin im Ressort Bildung. Seither studiert sie Germanistik und Psychologie in Bonn und schreibt als freie Journalistin.

Die 215 Seiten umfassende gebundene Ausgabe von „Das Leben ist kein Ponyhof“ ist am 24.09.2009 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und für 17.95 Euro im Buchhandel erhältlich.

Der Lesekreis bedankt sich ganz herzlich bei Gabi für diese schöne aussagekräftige Rezension und beim Verlag Kiepenheuer & Witsch für die Überlassung des Rezensionsexemplares.

Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels von Stefan Moster

„Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels„, der Debütroman von Stefan Moster, ist im August 2009 im mare Verlag erschienen. Mit seiner ersten belletristischen Veröffentlichung gelingen Moster mehrere wunderbare Synthesen. Der Roman spielt im geschlossenen Biotop einer Kreuzfahrtgesellschaft und versucht dennoch nicht – und dafür ist man dem Autor dankbar – ein Laborversuch zur Darstellung von „Gesellschaft an sich“ zu sein. Er spannt einen weiten, höchst kenntnisreichen Bogen über so unterschiedliche Themen wie DDR-Lebensläufe, moderne Luxusreisen oder ‚Das wohltemperierte Klavier‘ ohne schulmeisterlich zu erscheinen. Er spinnt ein Beziehungsgeflecht auf dem Schiff, welches trotz magischer Begegnungen und Zufälle niemals märchenhaft oder gar kitschig wirkt.

Das Zentrum dieses Geflechts bilden eine Mutter, Ende 40, und ihr 20-jähriger Sohn. In Form von zwei abwechselnden Erzählerstimmen, kapitelweise überschrieben mit Almut und Sebastian, wird der Schiffsalltag und seine breite Palette an Personen entwickelt. Almut ist Bordpsychologin (im Schiffsprospekt direkt „neben dem Pfarrer“ positioniert) und Sebastian arbeitet als Barpianist. Moster nutzt die Berufe seiner Hauptfiguren, um den feinnervig beobachtenden Blick zu motivieren. Almut empfängt regelmäßig nicht nur ratsuchende Passagiere, sondern auch den ehemaligen Stasi-Führungsoffizier Gaus (jetzt Personalmanager des Kreuzschiffes) mit dem sie eine zwiespältige Nähe und Vergangenheit verbindet. Sebastian, als Angestellter zweiter Klasse, erhält Einsicht in die unteren Decks, wo das vielfältige Personal untergebracht ist. Dabei wissen die beiden, die vor Monaten im Streit auseinandergegangen sind, nicht, dass sie den gleichen Arbeitgeber haben. Nur als Lesender verfolgt man gespannt ihre sich kreuzenden Wege bis hin zur Begegnung.

Mosters Schreibstil ist geprägt von der Liebe zu genauer Beobachtung und genauer Formulierung. So erkennt man als Lesender – oft geradezu amüsiert – viele spezifische Details wieder, von denen man nicht einmal gewusst hätte, dass man sie kennt. So etwa, wenn beschrieben wird, wie unangenehm die Unterarme auf den erhöhten Tischrändern aufliegen, die das Wegrutschen des Geschirrs bei Seegang verhindern. Almuts Blick – geschärft durch berufliche Erfahrung, aber dennoch höchst subjektiv – entlarvt nicht ohne eine gewisse Boshaftigkeit das Gebaren der Mitreisenden und selbst das ihrer „Patienten“. Als Bordpsychologin muss sie etwa beim Empfang der, fast ausschließlich deutschen, Touristen mit im Spalier der Angestellten stehen und konstatiert trocken:

[…]Die meisten tragen tatsächlich eine Art Stolz zur Schau. Sie sehen aus, als inspizierten sie ihr Eigentum, wenn sie sich zum ersten Mal im Foyer umblicken. Und wenn sie die Augen nach oben richten und registrieren, daß erst nach sechs Stockwerken eine Decke kommt, und auch dies nur in Form einer leicht gewölbten Glaskuppel, die den Blick freigibt auf den Himmel über dem Meer, dann nicken sie entweder anerkennend, oder sie heischen Lob von ihren Ehefrauen für das gewaltige Ambiente. […]
Ich weiß mittlerweile, wie es nach der adelnden Aufzugsreise in mancher Kabine weitergeht. Dann will der frisch zum Meister seines Lebens gekürte Herr von seiner Frau ein Zeichen der Anerkennung und schlägt Gunstbeweise rustikal-erotischer Natur vor. Weigert sich die Gattin, kann es passieren, dass der Mann ein paar Tage später an die Tür des Musikzimmers klopft und sagt, er müsse mal mit mir reden. Willigt sie ein, steigt wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau sich bei mir meldet, etwa per Anfrage über die Rezeption, im verschlossenen Umschlag, selbstverständlich.[…]

Almuts Beratungszimmer ist gleichzeitig das Musikzimmer, in welchem ein Blüthner-Flügel den Mittelpunkt für ihre Begegnungen mit Gaus darstellt. Eine überraschend intensive und faktenreiche Auseinandersetzung über Klaviermusik (hauptsächlich Bach und Schubert) bildet die Sprache für diese Beziehung, die Züge einer Hassliebe hat. Es ist eine ungewöhnliche Qualität dieses Romans, dass Gaus und Almut sich unerhört nahekommen in ihrem Verständnis über das Spielen, Moster dies aber nicht in einer Liebesbegegnung auflöst. Im Gegenteil, die Verletzungen des außermusikalischen Lebens – Gaus war maßgeblich an der Erstellung von Almuts „Akte“ beteiligt – sind und bleiben so real, dass das titelgebende Motiv auch in dieser Beziehung einen Wendepunkt bedeutet. Almut spielt nicht mit Gaus zusammen.

Sebastians Stimme ergänzt und kontrastiert die seiner Mutter. Er ist bereits im Deutschland der Nach-Wende-Zeit eingeschult worden und erinnert sich an seine Kindheit vor allem in privaten Aspekten: alleinerziehende Mutter, wenig Geld, stark musikalisch geprägte Zweisamkeit. Sein Blick auf die Schiffsgesellschaft ist deutlich zwanzigjährig; er verliebt sich, er ist unsicher und er ist zum ersten Mal allein unterwegs. Sein Talent als Pianist beschreibt Moster aber mit ebenso eindringlicher Nachvollziehbarkeit wie das andersgeartete von Almut und Gaus.

[…]In mir kochte tatsächlich so etwas wie Eifersucht hoch, obwohl die Frau mehr als doppelt so alt war wie ich. Sie hätte meine Mutter sein können. Trotzdem machte es mich ganz nervös, Tintins Hand so auf ihrer Hüfte liegen zu sehen, dass die Spitze des Mittelfingers fast die Stelle erreichte, wo die Pofalte ansetzt.
Prompt rutschten mir ein paar Akkorde ab, und Tintin warf mir einen warnenden Blick zu. Ich bat um Entschuldigung, indem ich mit allen Fingern ziemlich laut eine primitive Kadenz in die Tasten stanzte, die Harmonien anschließend auf die simple Art zerlegte und in der gleichen Reihenfolge wiederholte, sodass es wie ein Intro wirkte. Tintin verstand sofort. Ich konnte es nicht genau erkennen, aber ich wette, er zwinkerte mir kurz zu, dann führte er die Frau zu der kleinen Tanzfläche , die seit Längerem wieder leer war, so wie meistens. Sie wird normalerweise nur ab und zu von Paaren, die sich gerade erst gefunden haben, für Anschmiegemaßnahmen genutzt. Genau das hatte Tintin jetzt im Sinn, und darum rollte ich ihm und seiner Beute wie ein gehorsamer Depp quasi den roten Teppich aus und spielte „Wonderful World“.[…]

Die abwechselnden Kapitel von Mutter und Sohn, in denen sowohl die Schiffsgegenwart mit ihren mannigfaltigen Begegnungen als auch die gemeinsame Vergangenheit erzählt werden, sind durch ein zartes Netz von Berührungspunkten verbunden: hier ein Buchtitel, dort ein gleichlautender Gedanke oder die Erinnerung an ein Wort. Manchmal treffen sie auch auf die gleichen Personen. Eine alte Frau, die eben noch mit Almut Kaffee getrunken hat, sagt zu Sebastian: Sie haben Ähnlichkeit mit jemandem. Diese Anklänge und Kreuzungen sind dabei so dezent und geschickt gestreut, dass sie weder zu bedeutungsschwanger noch sinnlos wirken – es entsteht einfach ein aufregendes Echo. Wie Almut Gaus gegenüber von Bachs Fugen sagt: zwei Stimmen laufen unabhängig voneinander parallel.

So vergehen auf 448 Seiten 157 Tage Schiffsreise ohne Längen. Der Reichtum an präzise formulierten Details ist ein Genuss – ob man nun thematisch an Klaviermusik oder dem Ablöseprozess erwachsener Kinder interessiert ist oder ob man sich über sorgfältige Sprachwahl freuen kann.

Kurzbeschreibung
Sie sind vor Monaten im Streit auseinandergegangen; nun ahnen sie nicht, dass sie sich auf demselben Kreuzfahrtschiff befinden: Almut, Ende vierzig, als Bordpsychologin, und ihr Sohn Sebastian, Anfang zwanzig, als Barpianist.
Während sich Sebastian in eine Kollegin aus der Crew verliebt und in das Schicksal von vier blinden Passagieren verstrickt wird, bekommt Almut Einblicke in die Ehe-Abgründe der Mitreisenden und muss sich ihrer Vergangenheit stellen, die plötzlich allgegenwärtig ist: in Gestalt von Bernd Gaus, dem Personalmanager des Luxusliners, der sich täglich zur Musikstunde am Flügel in Almuts Beratungszimmer einfindet…

Über den Autor
Stefan Moster, geboren 1964 in Mainz, lebt als Autor, Übersetzer, Lektor und Herausgeber mit seiner Familie in Espoo, Finnland. Er unterrichtete an den Universitäten München und Helsinki; 1997 erhielt er das Münchner Literaturstipendium für Übersetzung, 2001 den Staatlichen finnischen Übersetzerpreis. Unter anderem übertrug er Werke von Hannu Raittila, Ilkka Remes, Kari Hotakainen, Markku Ropponen, Petri Tamminen und Daniel Katz ins Deutsche. Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels ist Stefan Mosters erster Roman.

Weitere Pressestimmen sowie eine Leseprobe zu Stefan Mosters „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ finden sich hinter den Links.

Stefan Moster geht auf Lesereise und stellt sein Romandebüt am

19.04., um 20 Uhr, im Literaturhaus Rostock, Ernst-Barlach-Str. 5,
21.04., um 20 Uhr, im Literaturhaus München, Salvatorplatz 1,
23.04., um 19.30 Uhr, in der Stadtbücherei Uelzen, An der St. Marien-Kirche 1, vor.

Quelle Cover und Autorenfoto: mare Verlag