Die Robert Bosch Stiftung hat die 31-jährige ukrainische Schriftstellerin Marjana Gaponenko mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis 2013 ausgezeichnet. Marjana Gaponenko, die seit 1996 in deutscher Sprache schreibt, erhält den mit 15.000 Euro dotierten Literaturpreis für ihren Roman „Wer ist Martha?„. Die Autorin zeichne „ein ungewöhnliches Panorama der mitteleuropäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts„, heißt es in der Begründung der Jury. Mit „Wer ist Martha?“ gelinge ihr „eine ebenso zärtliche wie komische Feier der Schönheit des menschlichen Lebens„.

Die diesjährigen Förderpreise in Höhe von jeweils 7.000 Euro gehen an den 33-jährigen deutsch-polnischen Schriftsteller Matthias Nawrat für seinen Roman „Wir zwei allein“ und an die 41-jährige deutsch-albanische Schriftstellerin Anila Wilms für ihr deutschsprachiges Debüt „Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens„. Mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ehrt die Robert Bosch Stiftung herausragende Beiträge zur deutschsprachigen Literatur von Autorinnen und Autoren, deren Werk von einem Sprach- oder Kulturwechsel geprägt ist.

Die Auszeichnungen werden am 28. Februar 2013 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen. Am 1. März 2013 lesen die Preisträger im Literaturhaus München aus ihren Werken.

Wer ist Martha? von Marjana Gaponenko

Kurzbeschreibung
Erscheinungstermin: 13. August 2012 im Suhrkamp Verlag
Wer Martha ist, wird hier nicht verraten, aber über Luka Lewadski kann Folgendes gesagt werden: Ornithologe aus der Ukraine und Verfasser der bahnbrechenden Studie »Über die Rechenschwäche der Rabenvögel«. Über seinen Forschungen ist er in die Jahre gekommen und 96 geworden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, sagt der Arzt. Und die will gut genutzt sein, sagt sich Lewadski. Also reist er nach Wien, steigt im noblen Hotel Imperial ab und lernt im Fahrstuhl einen Altersgenossen kennen, dem der Lebensfaden auch schon reichlich kurz geworden ist. Wie die beiden Alten aus der Muppet Show in ihrer Loge sitzen die zwei beim Früchte-Wodka in der Hotelbar, kommentieren die Frisuren der Damen, rekapitulieren das mörderische vergangene Jahrhundert und träumen von der Revolution. Und langsam wird Lewadski das Geld zum Sterben knapp. „Wer ist Martha?“ ist ein wunderbar kühner Roman und ganz großes Kino. Es geht um die Freude am Dasein, die Würde des Menschen, die Liebe zur Schöpfung. Marjana Gaponenko verhandelt diese und auch noch die letzten Dinge auf ihre eigene Art: „Wer ist Martha?“ ist ein Roman in Frack und Fummel, so phantastisch und originell, so lebendig und frech, dass sich selbst noch der Tod darüber kaputtlacht.

Über die Autorin
Marjana Gaponenko wurde 1981 in Odessa (Ukraine) geboren. Sie nahm privaten Sprachunterricht und schreibt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr auf Deutsch. Nach Aufenthalten in Krakau und Dublin lebt sie heute in Mainz. Ihr Romandebüt Annuschka Blume erschien 2010. Wer ist Martha? ist ihr erstes Buch im Suhrkamp Verlag.

Wir zwei allein von Matthias Nawrat

Kurzbeschreibung
Erscheinungstermin: 27. Februar 2012 im Verlag Nagel & Kimche
Seit dem Abbruch seines Studiums jobbt der Außenseiter Benz als Gemüsefahrer und ist damit zufrieden. Bis ihm Theres begegnet. Da schmiedet Benz plötzlich ausgefallene Pläne und unternimmt in Gedanken waghalsige Expeditionen, um ihre Liebe zu gewinnen. Schließlich gewährt sie ihm eine gemeinsame Nacht, aber danach ist sie plötzlich verschwunden. Nawrats Roman ist ein außergewöhnliches und starkes Debüt über eine Generation von Unentschlossenen, über die große Liebe und ihr manchmal atemberaubend hohes Risiko – eine vermeintlich alte Liebesgeschichte mit großer literarischer Finesse neu erzählt.

Über den Autor
Matthias Nawrat, geboren 1979 in Opole / Oppeln (Polen), zog 1989 mit seiner Familie nach Bamberg. In Heidelberg und Freiburg im Breisgau studierte er Biologie. Nach Stationen u.a. im schweizerischen Biel lebt er heute in Berlin. Matthias Nawrat wird für seinen ersten Roman „Wir zwei allein“ geehrt, der „auf sprachlich raffinierte Weise eine Geschichte von der Liebe und der Einsamkeit in unserer multioptionalen und deshalb oft überfordernden Epoche erzählt„, so die Jury. Sein in der Region um Freiburg angesiedelter Roman schildert „die Beziehung zwischen zwei zaghaft nach Orientierung suchenden Menschen. Romantische Vorstellungen von der Liebe wiegen die Akteure in trügerischen Idyllen, auf welche die Realität keine Rücksicht nimmt.

Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens von Anila Wilms

Kurzbeschreibung
Erscheinungstermin: 22. August 2012 im Transit Buchverlag
Zwei Amerikaner werden in den frühen zwanziger Jahren auf einer Brücke in den nördlichen, schwer zugänglichen ­albanischen Bergen ermordet. Drei Hirten beobachten die Tat, ein deutscher Ingenieur transportiert die Toten auf seinem Lastwagen nach Tirana. Dort bricht hektische Aktivität aus: In den Cafés diskutieren die Journalisten über das Motiv des Mords, der US-Botschafter vermutet einen Anschlag konkurrierender Geheimdienste aus England oder Italien auf amerikanische Öl-Interessen und ordert ein Kriegsschiff herbei, der Polizeichef lässt die angeblichen Täter erschießen und ihre Leichen auf dem Markt in Tirana ausstellen, und während des Trauer­gottesdienstes für die toten Amerikaner kommt es zum showdown zwischen dem albanischen Kriegsminister und dem Bischof. Am Ende klärt sich der Mord auf. Und das albanische Öl? Ein temperamentvoller, burlesker Roman aus einem uns weitgehend unbekannten Land voller eigenwilliger Figuren. Eine verrückte Geschichte, die tatsächlich passiert ist und weltpolitische Folgen hatte.

Über die Autorin
Anila Wilms, geboren 1971 in Tirana (Albanien), studierte dort Geschichte und Philologie. 1994 kam sie nach Berlin, wo sie seitdem lebt. Anila Wilms wird für ihren in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts spielenden Roman „Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens“ ausgezeichnet, der laut Jury „eine exotisch-burleske Episode aus der Geschichte des jungen albanischen Staates als Politkrimi“ erzählt. Ihr von einfachen Menschen aus dem Volk, gewieften Diplomaten und mehr als dubiosen Politikergestalten bevölkerter Text könne auch als „literarisch überzeugendes Gleichnis für den heutigen Zustand Albaniens“ gelten.

Die Juroren des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2013 sind: Gregor Dotzauer (Literaturkritiker), Zsuzsanna Gahse (Schriftstellerin, Chamisso-Preisträgerin 2006), Michael Krüger (Schriftsteller und Verleger), Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann (Präsident des Goethe-Instituts), Denis Scheck (Literaturkritiker), Dorothea Westphal (Literaturkritikerin) und Feridun Zaimoglu (Schriftsteller, Chamisso-Preisträger 2005). Medienpartner ist Deutschlandradio Kultur.

Quelle: Robert Bosch Stiftung

Der mit 15.000 Euro dotierte Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung geht in diesem Jahr an den österreichisch-tschechischen Schriftsteller und Übersetzer Michael Stavarič. Die mit 7.000 Euro dotierten Förderpreise erhalten der ungarische Autor Akos Doma und albanische Autor Ilir Ferra.

Michael Stavarič wird mit dem Chamisso-Preis für sein bisheriges Gesamtwerk, vor allem aber für seinen jüngsten Roman „Brenntage“ ausgezeichnet. Er habe die deutschsprachige Gegenwartsprosa auf sprachlich originelle Weise bereichert, teilte die Jury mit. Akos Doma erhält den Förderpreis für seinen Roman „Die allgemeine Tauglichkeit“ und Ilir Ferra für sein deutschsprachiges Debüt „Rauchschatten„.

Seit 1985 zeichnet die Robert Bosch Stiftung herausragende literarische Leistungen in deutscher Sprache, verfasst von Autoren, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist, Autorinnen und Autoren mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis aus. Dieser Preis ist der einzige seiner Art in Deutschland.

Die Auszeichnungen werden am 1. März 2012 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen.

Nachfolgend die ausgezeichneten Romane:

Brenntage von Michael Stavaric

Kurzbeschreibung
„Das Ausbleiben der Zukunft ist nichts für schwache Nerven.“ So viel steht für den namenlosen Ich-Erzähler fest, der nach dem Tod der Mutter bei seinem Onkel in einer von Bergen und Schluchten umgebenen Siedlung lebt. Und die Zukunft macht sich rar, denn wegen der Abgeschiedenheit der Siedlung kapseln sich deren Einwohner zusehends ab. So entsteht ein Mikrokosmos mit ganz eigenen Sitten und Gebräuchen, wie etwa den „Brenntagen“ bzw. diversen „Waldriten“.
Die Grenzen zwischen Surrealität und Realität verschwimmen – Menschen verschwinden, durch die Wälder ziehen Soldaten, Hunderudel und mitunter sogar Geister, die auf längst geführte Kriege verweisen, überall Echos, deren eigentlicher Sinn verborgen bleibt. Da ist es nur gut, dass es den Onkel gibt, eine schier unerschöpfliche Quelle eigensinniger und abgründiger Weisheit. Und als die Siedlung durch ein großes Feuer in Schutt und Asche gelegt wird, übernimmt dieser das Kommando und veranlasst einen Umzug der Bewohner in eine der nahe gelegenen Minen …
In schillernd-poetischer Sprache erzählt Michael Stavaric in seinem neuen Roman auf waghalsige und zugleich berührende Weise vom Erwachsenwerden in einer sich beständig wandelnden Gegenwart.

Über den Autor
Michael Stavaric wurde 1972 in Brno (CZ) geboren und lebt in Wien. 1979 Emigration nach Österreich. Studium der Bohemistik/Publizistik an der Universität Wien. Vormals lange Jahre Lehrbeauftragter an der Sportuniversität Wien. Freier Schriftsteller, Übersetzer und Ghost-Writer. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Michael Stavaric erhielt verschiedene Preise. 2008 wurde er mit dem „Adelbert-von-Chamisso-Preis, Förderpreis“ geehrt und 2009 mit dem „Literaturpreis Wartholz 2009“.

Die allgemeine Tauglichkeit von Akos Doma

Kurzbeschreibung
Ferdinand und seine drei Freunde, allesamt Lebenskünstler und Gestrandete, hausen in einer Bruchbude am Stadtrand und träumen vom »echten« Leben. Bis Albert, der charismatische Erfolgstyp auftaucht, wild entschlossen, aus den vier Taugenichtsen »ordentliche Leute« zu machen. Gemeinsam erleben sie einen chaotischen Trip durch einen rauschhaften Sommer, an dessen Ende sich unverhofft eine Tür in ein anderes Leben öffnet … Akos Doma ist ein hinreißender Roman gelungen: eine rabenschwarze Gaunerkomödie, die Geschichte einer wahren Freundschaft und eine hintersinnige Parabel auf die Zumutungen unserer Gesellschaft.

Über den Autor
Akos Doma wurde 1963 in Budapest geboren. Mit seinen Eltern emigrierte über Italien nach England, bevor er im Alter von 14 Jahren nach Amberg kam. Am Erasmus Gymnasium in Amberg absolvierte er 1984 das Abitur. Im Anschluss studierte Doma zwei Jahre in München Anglistik, Amerikanistik und Germanistik. 1986 wechselte er an die Universität Eichstätt. 1994 promovierte der Schriftsteller über „Die andere Moderne“. Sein Debütroman „Der Müßiggänger“ erschien 2001 im Rotbuch Verlag. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller übersetzt Akos Doma Werke von László F. Földényi, Péter Nádas oder Sándor Márai aus dem Ungarischen ins Deutsche. Doma lebt mit seiner Familie in Eichstätt.

Rauchschatten von Ilir Ferra

Kurzbeschreibung
Der Mittagsschlaf ist nämlich wichtig. Für die Straßen ist er die Pause zwischen zwei Atemzügen. Die Blendung in dem Moment, in dem die Sonne angeschaut wird. Ein Versteck vor dringenden Entscheidungen. Die beste Möglichkeit, Zeit zu schinden. Ein Riss wie der Mund der Nacht mitten im grellen Gesicht des Tages. Ein Aussetzer, der, von außen betrachtet, die Stadt in eine verwüstete Landschaft verschwenderischen Lichts verwandelt.

Über den Autor
Ilir Ferra, geboren 1974 in Durrës/Albanien, lebt seit 1991 in Wien. Dort studierte er Übersetzungswissenschaften (Englisch und Italienisch). Heute arbeitet er als Autor, Übersetzer und Dolmetscher. 2008 erschien seine preisgekrönte Erzählung „Halber Atem“. Mit „Rauchschatten“ legte Ilir Ferra 2010 sein Romandebüt in deutscher Sprache vor. Der in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der albanischen Hafenstadt Durrës spielende Roman besteche vor allem durch seine eigenwillig bildreiche, sprachlich überzeugende Gestaltung sinnlicher Details, heißt es in der Begründung der Jury: „In sparsamer, oft fast lyrischer Diktion werden Erlebnisse, Geheimnisse, Sehnsüchte und Entdeckungen der Hauptfigur erzählt. Sie geben einen sensiblen Einblick in das Leben einer Familie, einer Stadt und eines ganzen Landes, das von allumfassender Unfreiheit geprägt ist. Ilir Ferra zeigt, wie die Schatten einer menschenverachtenden, paranoiden und omnipräsenten Diktatur tief in die Seelen der Menschen reichen und ihr Leben verdüstern.“

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Die Juroren des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2012 sind:

Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel), Zsuzsanna Gahse (Schriftstellerin und Chamisso-Preisträgerin 2006), Michael Krüger (Schriftsteller und Verleger), Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann (Goethe-Institut), und Dorothea Westphal (Deutschlandradio Kultur).

Medienpartner beim Adelbert-von-Chamisso-Preis 2012 ist Deutschlandradio Kultur.

Quelle: Robert Bosch Stiftung

Den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis 2011 der Robert Bosch Stiftung erhält der luxemburgische Dichter Jean Krier.

Mit dem Chamisso-Preis ehrt die Robert Bosch Stiftung seit 1985 herausragende literarische Leistungen in deutscher Sprache, verfasst von Autoren, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist. Damit ist dieser im literarischen Leben des deutschsprachigen Raums etablierte Preis der einzige seiner Art in Deutschland.

Jean Krier überzeugte mit seinem jüngsten Band „Herzens Lust Spiele„, mit dem er laut der Jury auf originelle und beeindruckende Weise die deutschsprachige Lyrik bereichert.

Kurzbeschreibung
Jean Kriers Gedichtband „Herzens Lust Spiele“ zeigt den Dichter als ernsthaften Sprachspieler und virtuosen Arrangeur: Er strebt die Fusion zweier Unendlichkeiten an – die Fusion von Sprache und Ozean. Seine Gedichte, so schrieb Michael Braun, wirken in ihrer rhythmischen Bewegung und ihrer vokabulären Textur ebenso fluid wie die Wellen des Meeres. „Jean Krier erfindet die Sprache der Lyrik neu – aus verbalem Strandgut, aus Worthülsen, Sprachmüll, aber auch aus klassischen Reminiszenzen, Anspielungen, Alltagspoesie. Seine streckenweise virtuos arrangierten Gedichte sind Sprachkritik und Fest der Sprache zugleich, lauschen dem, was dem sensiblen Ohr des Autors vorgesetzt und zugetragen wird, die poetischen Möglichkeiten ab.“ Frankfurter Rundschau

Jean Krier wurde 1949 in Luxemburg geboren, wo er heute lebt. Neben Beiträgen in Literaturzeitschriften wie „Akzente“ und „manuskripte“ veröffentlichte er mehrere weithin beachtete Gedichtbände. Jean Krier wird mit dem Chamisso-Preis 2011 für die freirhythmischen Elegien seines jüngsten Bandes „Herzens Lust Spiele“ (poetenladen 2010) geehrt. Seine deutschsprachigen Wortteppiche, die er subtil mit französischen Einsprengseln spickt, speisen sich aus Erfahrungsmomenten und Lektüreerlebnissen. Die scheinbar prosanahen Texte nehmen die europäische Tradition der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts auf und erweitern deren thematisches und sprachliches Spektrum. Mit seinem Gesamtwerk bereichere der Luxemburger Dichter die deutschsprachige Lyrik und leiste auf originelle Weise einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der ihn prägenden Kulturen, so die Jury des Chamisso-Preises.

Die diesjährigen Förderpreise in Höhe von jeweils 7.000 Euro gehen an Olga Martynova und Nicol Ljubić.

Olga Martynova wurde 1962 bei Krasnojarsk in Sibirien geboren. Sie wuchs in Leningrad auf und zog 1991 mit ihrem Mann Oleg Jurjew nach Deutschland. Heute lebt Olga Martynova in Frankfurt am Main und schreibt Gedichte auf russisch, Essays und Prosa auf deutsch. Sie erhält den Chamisso-Förderpreis für ihren Roman „Sogar Papageien überleben uns“ (Literaturverlag Droschl 2010), der deutlich macht, dass die Gegenwart Europas in Wahrheit aus zahlreichen kleinen Vergangenheiten besteht. Die Jury sieht in Olga Martynovas Roman zauberhafte poetische Capriccios, die Erinnerungsaugenblicke festhalten und sich zu einer herben Komödie über die Zeit verbinden, in der die Grausamkeiten und Absurditäten der europäischen, insbesondere der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht verschwiegen werden. Über die Missverständnisse und Anziehungskräfte zwischen Russen und Deutschen lasse sich aus ihrem Text, der auch ein Liebesroman ist, vieles lernen, so die Jury.

Kurzbeschreibung
Ein verspielter und kluger Roman über eine russisch-deutsche Freundschaft mit ungewöhnlichen Ansichten des 20. Jahrhunderts in Russland.Marina stammt aus Petersburg und ist zu Besuch in Deutschland, wo sie bei einem Kongress über Daniil Charms und seinen Freundeskreis spricht. Außerdem ist da ein Mann, der in Leningrad Russisch studierte und mit dem sie damals, vor 20 Jahren, eine Liebesgeschichte lebte. Die Vergangenheit ist nicht vergangen und das gilt nicht nur für diese private Geschichte: »Ich habe Angst vor den Geheimnissen der Zeit.« Ein ganzes Jahrhundert (und manchmal auch mehr als das) passiert in den Assoziationen Marinas Revue, und nirgendwo sonst ist dieses letzte Jahrhundert vielfältiger, durch gewaltige Brüche im Sozialsystem fragmentierter gewesen als in Russland: vom Zarenreich über die Revolution, die Sowjetunion, die Weltkriege, die Belagerung Leningrads durch die Deutschen, die Perestrojka
Olga Martynova, Lyrikerin und Essayistin, fächert in ihrem ersten (und auf Deutsch geschriebenen) Roman mit bezaubernder Leichtigkeit das Schwierigste vor uns auf: die vielen Seiten der Vergangenheit, den „Grünspan der Zeit“, dieses Gleiten von Positionen und Ansichten, das nur die Literatur vermitteln kann. Wir lesen nicht nur von den literarischen Avantgardisten rund um Charms und Vvedenskij, von der Gegenwart des Jüdischen in vielen Bereichen der Alltagskultur, wir erfahren auch von Hippies und Landkommunen in Innerasien, von Autostopp-Reisen nach Sibirien und vom buddhistischen Kloster mit dem unverweslichen Lama. Martynovas genauer Blick fördert aber auch überraschende Beobachtungen an ihrer deutschen Umgebung zutage, an diesem an deutsch-russischen Kulturverbindungen interessierten Publikum.
Sogar Papageien überleben uns“ ist ein berührender und überraschender Roman, der auf paradoxe Art ignoriert, was seine Protagonistin einmal fordert, „dass man in den Büchern besser nicht von den komplizierten Sachen schreibt„. Und was wäre komplizierter als das Wandern in die Vergangenheit, als das assoziative Gewebe der Erinnerung, als die Arbeit der Dichter an unserem Gedächtnis?

Nicol Ljubić wurde 1971 in Zagreb geboren und ist in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland aufgewachsen. Heute lebt er in Berlin, arbeitet als Autor und Journalist. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Den Chamisso-Förderpreis erhält Nicol Ljubić für seinen Roman „Meeresstille“ (Hoffmann und Campe), dessen souveräne Komposition aus Realitätspartikeln und fiktionalen Passagen die Schuldfrage des Balkankrieges der 1990er Jahre explizit offen lässt. Die Liebe zur serbischen Studentin Ana, deren Vater eines grausamen Kriegsverbrechens angeklagt ist, führt Robert, einen Berliner Doktoranden der Geschichte, zu den Wurzeln seiner eigenen, aus Kroatien stammenden Familie. Die Jury sieht im Roman in ergreifender Weise die fundamentale Frage verhandelt, ob nach dem Krieg mit seinen grausamen Verbrechen und den zurückbleibenden Traumata wechselseitiges Vertrauen möglich ist oder ob das Geschehene jeglicher Liebe dauerhaft im Wege steht.

Kurzbeschreibung
Morgens, wenn er aufwachte, lag er jedes Mal mit dem Kopf auf ihrem Kissen. Kann die Liebe zweier junger Menschen eine Brücke bauen über Schuld und Trauma nach dem Balkankrieg?
Robert liebt Ana, und Ana liebt Robert. Doch etwas gerät zwischen sie, worüber Ana nicht sprechen kann. Etwas ist vorgefallen, damals, im Jugoslawienkrieg, als sie noch ein Mädchen war. Eine ungeklärte Schuld ihres Vaters, die sie, weit weg von ihrer Heimat, bis nach Berlin verfolgt. Der serbische Kriegsverbrecher Zlatko Simi? steht in Den Haag vor Gericht. Im Zuschauerraum sitzt Robert und versucht, sich ein Bild von dem Mann zu machen, über den Ana so liebevoll erzählt hat. Wie konnte dieser Mann schuldig werden an einem teuflischen Verbrechen, bei dem 42 Menschen qualvoll verbrannten, ausgerechnet er, der Professor für Anglistik war und ein hochgebildeter und angesehener Shakespeare-Liebhaber? In Deutschland geboren, hat sich Robert für seine kroatische Abstammung nie interessiert, bis er eines Tages Ana begegnet, einer serbischen Studentin. Die Liebe zu ihr führt ihn in die Vergangenheit seiner Familie und die eines ganzen Volkes.

Die Juroren des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2011 sind: Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel), Zsuzsanna Gahse (Autorin und Chamisso-Preisträgerin 2006), Clemens-Peter Haase (Goethe-Institut), Ina Hartwig (Literaturkritikerin) und Dorothea Westphal (Deutschlandradio Kultur).

Die Preise werden am 16. März 2011 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen.

Quelle: Robert Bosch Stiftung

Terézia Mora erhält den mit 15 000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis 2010 der Robert-Bosch-Stiftung.

Mit dem Preis ehrt die Robert-Bosch-Stiftung sei 1985 herausragende literarische Leistungen in deutscher Sprache, verfasst von Autoren, deren Muttersprache nicht die deutsche ist.

Terézia Mora wurde 1971 im ungarischen Sopron geboren und lebt seit 1990 als Autorin und Übersetzerin in Berlin.

Nach der politischen Wende in Ungarn ging Terézia Mora 1990 zum Studium der Hungarologie und Theaterwissenschaft an die Humboldt-Universität nach Berlin. An der Deutschen Film- und Fernsehakademie wurde sie zur Drehbuchautorin ausgebildet.

Seit 1998 ist sie freie Autorin. Ihre Werke schreibt sie in deutscher Sprache. Sie erhielt 1997 den Würth-Literaturpreis für ihr Drehbuch Die Wege des Wassers in Erzincan sowie den Open-Mike-Literaturpreis der Berliner LiteraturWERKstatt für die Erzählung Durst. Für die Erzählung Der Fall Ophelia, enthalten in ihrem ersten Erzählband Seltsame Materie, erhielt sie 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2000 wurde ihr der Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis zugesprochen, 2001 wurde Mora Inselschreiber auf Sylt. Für ihre Übersetzung von Péter Esterházys Harmonia Caelestis wurde sie 2002 mit dem Jane-Scatcherd-Übersetzerpreis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet.

Für ihren Roman Alle Tage erhielt sie den Mara-Cassens-Preis, den Preis der Literatour Nord, den Förderpreis zum Kunstpreis der Akademie der Künste (Berlin) sowie den Preis der Leipziger Buchmesse.

2006 erhielt Terézia Mora ein Villa Massimo-Stipendium und war im Wintersemester 2006/2007 zusammen mit Péter Esterházy Poetik-Dozentin an der Universität Tübingen (Tübinger Poetik-Dozentur).  2007  wurde sie mit dem Grazer Franz-Nabl-Preis ausgezeichnet.

Zuletzt erschien von ihr der Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent

Der einzige Mann auf dem KontinentKurzbeschreibung
Das Leben eines Mannes im globalisierten Nirgendwo

Umgeben von globalen Wirtschaftskatastrophen macht sich ein Mann daran, sein Lebensidyll zu verteidigen, auch wenn er schon längst zugeben müsste, dass die Firma, für die er arbeitet, zusammengebrochen ist und seine Ehe vor dem Aus steht …

„Der einzige Mann auf dem Kontinent“ erzählt eine Woche im Leben von Darius Kopp. Er ist Anfang vierzig, verheiratet und einziger Vertreter einer US-amerikanischen Firma für drahtlose Netzwerke.

Darius sieht sich als Gewinner der neuen Zeit. Er stammt aus der DDR, war als Informatiker nach deren Zusammenbruch ein gefragter Mann und legt Wert darauf, ein zufriedener Mensch zu sein. In letzter Zeit laufen die Geschäfte allerdings mehr schlecht als recht. Eines Tages lässt ein säumiger Kunde eine Pappschachtel mit Geld in seinem Büro liegen. In der Folge versucht Darius Kopp vergeblich, einen seiner Chefs in London oder Los Angeles zu erreichen, um zu beraten, was mit dem Geld geschehen soll. Fast scheint es, als gebe es die Firma überhaupt nicht mehr.

Darius Kopp leidet zunehmend unter dem Verlust seiner Sicherheiten, doch er kann dies weder sich gegenüber zugeben, noch will er Flora, seine hypersensible Frau, damit belasten. Denn Flora findet sich in ihrem Leben nur schwer zurecht. Nicht nur in seinem Beruf, muss Darius schließlich erkennen, kämpft er um das nackte Überleben, auch seine Ehe, die Liebe seines Lebens, droht vor dem Aus zu stehen.

Nach „Alle Tage“ hat Terézia Mora erneut einen hochaktuellen und überaus wachen und sensiblen Roman eines Mannes geschrieben, der glaubt, in der besten aller Welten zu leben, auch wenn sein Leben genauso wie die Welt um ihn herum längst in Stücke zerbricht. Krisen von noch so globaler und intim-verworrener Natur sollen ihm nichts anhaben können. In der umspannenden vernetzten Welt mag zerbrechen, was will, sein Lebensidyll nicht.

Die gebundene Ausgabe umfasst 384 Seiten und ist August 2009 im Luchterhand Literaturverlag erschienen. Der einzige Mann auf dem Kontinent ist für 21,95 Euro im Buchhandel erhältlich.

Die diesjährigen Förderpreise in Höhe von jeweils 7000 Euro gehen an Aabbas Khider und Nino Haratischwili.

Die Preise werden am 04. März 2010 in der Münchner Residenz verliehen.

globale Logoglobale° Festival für grenzüberschreitende Literatur

Zum dritten Mal findet in Bremen und Bremerhaven das globale° Festival für grenzüberschreitende Literatur statt.

Die Festivalleitung, zu der Libuse Cerna, Immacolata Amodeo, Radio Bremen und die Jacobs University Bremen gehören, fühlt sich durch den Zuspruch des Publikums ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. So findet vom 20.10. bis 25.10.2009 unter dem Schwerpunkt der interkulturellen Gegenwartsliteratur das Literaturfestival mit neuen Themen und ungewöhnlichen Perspektiven statt.

Literatur ist bei der globale° ein Ort der Begegnung: Schriftsteller diskutieren miteinander und mit dem Publikum; in einem englischsprachigen Creative Writing-Projekt formen Studierende unter Anleitung ihre Ideen zu literarischen Texten; Schülerinnen und Schüler machen ihre ersten Schritte auf dem literarischen Terrain; Jugendliche entwickeln in einem anderen Seminar ihre Drehbücher und setzen sie filmisch um; Studierende moderieren Veranstaltungen.

Die Ergebnisse dieser vielschichtigen Produktion bilden einen bedeutenden Teil des Festivalprogramms. Die globale° bietet neben Lesungen auch Ausstellungen, Filmvorführungen, Vorträge und Performances. Selbstverständlich gehören auch die mediale Aufarbeitung und die wissenschaftliche Analyse zum Konzept. Dafür stehen die Jacobs University Bremen und Radio Bremen im Wort.

Das Programm vom 20. bis 25. Oktober 2009:

Dienstag, 20 Oktober  um 19.00 Uhr

Vortrag: Deutschsprachige Literatur in Prag
František Cerný, Botschafter a.D. (Mitbegründer des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren)
Filmvorführung: Lenka Reinerová – Prags letzte deutschsprachige Autorin. Ein Film von Frank Gutermuth
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Schlott (Exil P.E.N.)
Weserburg /Studienzentrum für Künstlerpublikationen, Teerhof 20,28199 Bremen

Mittwoch, 21. Oktober um 19.30 Uhr

SaidMaria C. BarbettaJosé F. A. Oliver

Eröffnung: Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen, und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Joachim Treusch, Präsident der Jacobs University
María Cecilia Barbetta und SAID: Lesung
Präsentation der Ergebnisse der Globale°-Drehbuch-und Filmworkshops mit Jugendlichen Musik: Marja Seidel (Saxofon) und Ognyan Seizov (Klavier), Jacobs University
Moderation: José F.A. Oliver in Kooperation mit dem Instituto Cervantes Bremen
Radio Bremen, Café Weserhaus, Kurt-Hübner-Platz 1 (Hinter der Mauer 5), 28195 Bremen

Donnerstag, 22. Oktober um 14.00 Uhr

Maria C. BarbettaArtur BeckerJosé F. A. Oliver

María Cecilia Barbetta, Artur Becker, José F.A. Oliver Autorenwerkstatt (öffentlich)
Moderation: Prof. Dr. Immacolata Amodeo (Jacobs University) in Kooperation mit dem Instituto Cervantes Bremen
Jacobs University, Campus Ring 1, Gebäude: Campus Center, Conference Room, 28759 Bremen

Donnerstag, 22. Oktober um 18.00 Uhr

Eröffnung der Ausstellung
Gebetene Gäste (Kurator: Tilman Rothermel)
Begrüßung: Rose Pfister (Senator für Kultur)
Einführung: Tilman Rothermel
Senator für Kultur, Altenwall 15-16, 28195 Bremen

Donnerstag, 22. Oktober um 20.00 Uhr

Yadé Kara

Yadé Kara Lesung. Moderation: Ursel Bäumer
in Kooperation mit „Workshop literatur e.V.“ und „Bremen Stadt der vielen Kulturen“
Zentralbibliothek Bremen, Am Wall 201,28195 Bremen

Freitag, 23. Oktober um 19.00 Uhr

Frank Albers (Robert Bosch Stiftung) Vortrag: Viele Kulturen – eine Sprache – 25 Jahre Adelbert-von-Chamisso-Preis
Buchpremiere:“Literatur ohne Grenzen” (Herausgeberinnen: Immacolata Amodeo, Heidrun Hörner und Christiane Kiemle)
Eröffnung des dritten Teils der Ausstellung Gebetene Gäste (Kurator: Tilman Rothermel)
Jacobs University, Campus Ring 1, Gebäude: University Club, 28759 Bremen

Samstag, 24. Oktober um 16:00 Uhr

Alina BronskyArtur Becker

Deutsches Auswandererhaus, Columbusstr. 65, 27568 Bremerhaven
Artur Becker und Alina Bronsky Lesung zum Thema: „Wert – Örtliches“
Moderation: Dr. Lore Kleinert (Radio Bremen)
In Kooperation mit dem Kulturamt Bremerhaven und dem Deutschen Auswandererhaus

Sonntag, 25. Oktober um 11.00 Uhr

Lingyan LuoJaroslav Rudis

Deutsches Auswandererhaus, Columbusstr. 65, 27568 Bremerhaven
Lingyuan Luo und Jaroslav Rudiš Lesung zum Thema: „In der Welt zuhause“
Moderation: Karsten Binder (Radio Bremen)
in Kooperation mit Porta Bohemica e.V., dem Kulturamt Bremerhaven und dem Deutschen Auswandererhaus
Deutsches Auswandererhaus, Columbusstr. 65, 27568 Bremerhaven

Sonntag, 25. Oktober um 14.00 Uhr

Jaroslav Rudis

Filmvorführung Grandhotel (Tschechische Republik 2006), Buch: Jaroslav Rudiš, Regie: David Ondrícek
in Kooperation mit Porta Bohemica e.V.
Deutsches Auswandererhaus, Columbusstr. 65, 27568 Bremerhaven

Sonntag, 25. Oktober um 15.00 Uhr

Gespräch mit Madjid Mohit: Von Teheran nach Bremen – Majid Mohit und sein Sujet-Verlag.
Einführung und Moderation: Angelika Sinn in Kooperation mit der Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen
Stadtwaage, Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen, Langenstr. 13, 28195 Bremen

Sonntag, 25. Oktober um 20.00 Uhr

Carmen- F. BanciuJohn Giorno

Finissage (in englischer Sprache)
Carmen-Francesca Banciu: Lesung und Präsentation des Creative Writing mit Studierenden
John Giorno: Performance
Moderation: Maaheen Ahmed, Heidrun Hörner, Christiane Kiemle (Jacobs University)
Jacobs University, Campus Ring 1, Gebäude: University Club, 28759 Bremen

Quelle: globale Literaturfestival