Literaturfest München

Literaturhaus München, Bibliothek am Dienstag, den 23.11.2010, um 19 Uhr

Eveline Hasler und Alois Hotschnig – Doppelter Boden

Moderation: Maike Albath

Tessin meets Tirol: Die Schweizerin Eveline Hasler und der Österreicher Alois Hotschnig lesen und sprechen über das Verbindende in ihrer literarischen Arbeit. Über das Trennende auch.

Sie: schreibt Romane, Gedichte, Kinderbücher, Theaterstücke … und ist preisgekrönt. Er: schreibt Romane, Gedichte, Erzählungen, Hörspiele … und ist preisgekrönt. Sie: ist eine Meisterin des dokumentarischen Romans, der Zeitgemälde gelingen, indem sie Historie und Fiktion in sinnlicher Sprache zu genau recherchierten Faktenteppichen verknüpft. Er: ist ein poetischer Verdichter, ein Seins-Ergründer und menschlicher Verstricker mit Sprachwitz und Freude am Absurden. Ihr jüngstes Werk, Und werde immer Ihr Freund sein, handelt von der Verbindung zwischen Hermann Hesse, Emmy Hennings und Hugo Ball, die 1920 im Tessin beginnt – und für alle schicksalhaft ist. Sein jüngstes Werk ist der Erzählband Im Sitzen läuft es sich besser davon. Einmal mehr geht es ihm darin ums Existenzielle. Und das Komische daran.

Der Eintritt beträgt 8,00 Euro; ermäßigt 6,00 Euro. Kartenreservierung unter 089-291 934 27

Im Sitzen läuft es sich besser davon von Alois Hotschnig

In sechs Erzählungen unterschiedlichster Länge entfaltet Alois Hotschnig eine Welt des Alterns zwischen Vernunft und Verfall. Der Titel des Bandes ist zugleich der letzte Satz der letzten Erzählung. So entsteht eine Klammer, die die Sammlung in einen diskreten Zusammenhang bindet.

Der erste Text mit der Überschrift „Karl“ beschreibt das symbiotische Zusammenleben eines älteren namenlosen Ehepaares mit ihrem Hund Karl. Die anfänglich noch realistisch wirkende Konzentration auf das Haustier schlägt zunehmend ins Absurde um, da Karl nicht nur „Mann“ und „Frau“, sondern allmählich den ganzen Ort mit Bissen traktiert und beherrscht. Obwohl bandagierte Bisswunden bald zum Erscheinungsbild der örtlichen Bevölkerung gehören, ergreift keiner naheliegende Maßnahmen; die Launen des Hundes werden als unabänderlich hingenommen. Als seine Bisse schließlich als heilbringend begehrt werden, nimmt die Erzählung märchenhafte Züge an. Zum Schluss verschwindet Karl unter ungeklärten Umständen.

Trotz dieses inhaltlichen Normbruchs präsentiert die Eingangserzählung sich jedoch als normale Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Die allwissende Erzählerstimme gestaltet einen zusammenhängenden Verlauf aus einer übergeordneten Perspektive. So wird eine Kontrollfähigkeit vermittelt, die den darauffolgenden Texten fehlt. Es ist als ob mit dem Verschwinden Karls auch der ordnende Zugriff abhanden gekommen. Von nun an wird in Dialogen, direkter und erlebter Rede erzählt, die Einheiten werden kleiner.

Das macht sie keineswegs sinnentleert. In „Die großen Mahlzeiten“ wird besprochen, in welchem Rhythmus die Medikamente zwischen den Mahlzeiten genommen werden sollen. Darüber herrscht keine Einigkeit, man diskutiert, beobachtet sich gegenseitig und der Kreis von Teilnehmern ist unscharf. Ich und Du, Vater und Mutter, aber auch Paul, Hans und Franz spielen eine Rolle. Hotschnig bedient sich dabei einer Sprache, die „dem Volk auf’s Maul schaut“. Die Versatzstücke klingen alltäglich und vernünftig, die Redewendungen sind konventionell. Erst die kleinen Verschiebungen machen stutzig:

„Wann du kommst, lässt sie fragen. Es ist sieben.
Die Pillen willst du nicht nehmen, sagst du? Warum denn nicht?
Weil ich hungrig bin. Weil mir nach Essen ist. Jetzt. Darauf freue ich mich schon den ganzen Tag. Satt zu sein, endlich einmal.
Aber gegessen habt ihr doch heute? Gefrühstückt. Es ist sieben Uhr abends jetzt, Vater.
Wäre denn jetzt nicht Zeit, dieses Zeug einzunehmen? Um sieben, um elf, um drei und um sieben, das sagst du doch immer. Oder ich frühstücke jetzt und nehme es um acht. Obwohl, wenn ich es um acht nehme, dürfte ich doch erst um neun wieder essen. Sie sagt, wenn ich es um sechs geschluckt hätte, könnte ich jetzt um sieben etwas haben.“

Mit der nächsten Erzählung, „Etwas verändert sich“, wird das Ensemble der Namen größer, Orte von Flattach bis Arles werden aufgezählt und die Dialoge schwanken in ihrem Realitätsbezug. Gleichzeitig nehmen inhaltlich Begriffe zu, die eine Art Heim, eine gemeinsame Unterbringung anzeigen. Dennoch bleiben die Dialoge konkret, sie zeugen von Vertrautheit und gemeinsamen Erinnerungen. Man spricht von Thea, Klaus und Kurt, den Freunden, und auch von Herrn Orter und Frau Harter. Wieder taucht ein Paul auf, kommt ein Hund vor, doch wer genau gerade spricht, bleibt unklar.

Die kleineren Reisen“ vermischen nun ganz gezielt die „großen Mahlzeiten“ der Gegenwart mit den Reisezielen der Vergangenheit. Refrainartig werden Menüs zitiert – „Kürbiscremesuppe, Saftfleisch mit Knödel und Blaukraut, Kompott“ – ohne dass mit Sicherheit gesagt werden kann, ob das sprechende Paar vom ‚Essen auf Rädern‘ versorgt wird oder bereits in einem Altersheim isst. Ihr Interesse gilt aber vor allem dem Festhalten der Urlaubsorte und -erlebnisse aus vergangenen Tagen. Der erinnerte Figurenkreis expandiert gewaltig, gut dreißig Freunde und Bekannte werden namentlich erwähnt und mit Speisen und Orten verknüpft. Auch Karl ist wieder da, allerdings als Mensch, der mit „Gerda“ um das Vorrecht des genaueren Erinnerungsvermögens ringt. Hotschnigs Wiedergabe ist dabei durchaus komisch:

Und in Cattolica Hans-Peters erste Lasagne. Er war zum ersten Mal mit dabei, und es war seine erste Lasagne.
Die beinahe seine letzte Lasagne gewesen wäre. Weil er doch am Tag darauf eine Kolik gehabt hat. Wegen der Muscheln.
Wegen der Muscheln war das? Hans-Peter isst keine Muscheln, das stimmt.
Hans-Peter isst überhaupt nicht mehr, Gerda. Zwanzig Jahre ist das jetzt her. Danach hat er sich nur noch von Lasagne ernährt.

In der vorletzten, sehr kurzen, Erzählung wird nun deutlich ein Umzug vorbereitet. Es scheinen drei Generationen involviert (Grossvater, Sohn und Enkel), aber es bleibt unentscheidbar, ob die Abreise in Richtung Familienanschluss oder eher sogar ins Irrenhaus geht. „Besorgungen für den Tag“ unterscheidet sich nämlich dahingehend von den übrigen Texten als hier über größere Strecken nun wirklich Non-Sense-Reime aneinandergereiht werden. Gerda ist auch wieder da und der Hund Klabund und eine deutliche Anspielung auf einen anderen Wahnsinn: Brandstiftung. So wie „Die kleineren Reisen“ auch „Die großen Mahlzeiten“ hätten heißen können, würde für diese Erzählung „Etwas verändert sich“ passen. Die „Besorgungen für den Tag“ wiederum überschreiben genauso gut die Einkaufsbemühungen aus „Die kleineren Reisen“. Hotschnig spielt mit diesen Momenten des Wiedererkennens, so dass nicht nur die Grenzen innerhalb der einzelnen Erzählungen, sondern auch die zwischen ihnen verschwimmen.

Der Ort der letzten Erzählung, „Ausziehen ja, anziehen auch“, ist eine Arztpraxis. Vom eigenen Haus mit Hund über eine Gemeinschaftsunterkunft verengt sich nun der Raum auf ein Wartezimmer. Die Wörterliste stammt diesmal aus dem Bereich der Medikamente, das Personal aus der Gegenwart und dem erinnerten Café Central. Wieder sind die Dialoge meist voll sinnvoller, gegenseitiger Anteilnahme und lassen sich gut verfolgen, nur das Kreisen um das Immergleiche weist auf einen Verfallsprozess hin.

Sehen Sie?
Sehen Sie, sehen Sie, Sagen Sie mir, was ich sehen soll, vielleicht sehen wir es dann gemeinsam.
Frau Miller. Frau Miller war die Nächste, meine ich. Oder nicht?
Frau Miller war die Nächste, ja. Frau Miller ist immer die Nächste. Seit ich bei der Frau Doktor bin, ist Frau Miller die Nächste oder eine der Nächsten, in jedem Fall aber ist sie vor mir. Und das oft mehrmals am Tag.
Und jetzt?
Was und jetzt, Sie können einen aber auch ganz schön beschäftigen, wissen Sie.
Der Nächste, wer der Nächste ist, jetzt, nach der Frau Miller. Sie? Oder ich? Nach Frau Miller wird ja nicht wieder Frau Miller die Nächste sein. Oder doch?

Zu diesem Zeitpunkt hat man auch als Lesender bereits aufgegeben, die Texte unterscheiden zu wollen, es gibt immer einen davor und einen nächsten. Hotschnig spinnt ein Gewebe, welches einem immer bekannter vorkommt und doch könnte man es nicht nacherzählen. Jede einzelne Äußerung klingt vernünftig, das Ganze aber lässt sich nicht platzieren. Dieses „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ ist keine neue Technik und muss es auch nicht sein; die Frage stellt sich aber, warum Hotschnig sie anwendet. Ist der Erzählantrieb denn wirklich widersprüchlich? Das Bewusstsein der Figuren mag sicherlich ausfransen und die Lebensschau nicht immer chronologisch sein. Der Tonfall aber ist stets gutmütig; man ist willig zu verstehen, zu trösten und aufeinander einzugehen. Insofern verdeutlicht die Absurdität vielleicht lediglich das Asynchrone eines alternden Gehirns. Man wird Zeuge mannigfaltiger Listen von Details – Namen, Begriffe und Orte – , die nicht mehr gebraucht werden und Redewendungen, die nichts mehr bewirken. So bleibt vielleicht nur der sture Witz übrig, mit dem Frau Hatzer sich im allerletzten Abschnitt widersetzt:

„Frau Hatzer, wollen Sie sich nicht setzen, wo wir endlich einen Platz für Sie gefunden haben, dort wäre noch ein Platz für Sie, sehen Sie?
Das macht nichts. Ich kann auch stehen. Ich versäume nichts, wenn ich stehe und ich versäume nichts, wenn ich sitze. Aber solange ich noch stehen kann, sitze ich doch lieber, wissen Sie. Im Sitzen läuft es sich besser davon.

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Der 140 Seiten umfassende Erzählband „Im Sitzen läuft es sich besser davon“ von Alois Hotschnig erschien bei Kiepenheuer & Witsch im September 2009.

Der Lesekreis bedankt sich Gabi für die ausführliche Rezension und beim Verlag Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Überlassung eines Rezensionsexemplares.