Einen Höhepunkt im 125-jährigen Jubiläumsjahr des S. Fischer Verlags bildet die Neuübersetzung der mittelalterlichen Isländersagas.

In der europäischen Literatur sind die Sagas einzig: nirgendwo als auf Island entstand eine solche spannende, in der Volkssprache abgefasste Prosaliteratur als auf Island. Dashiel Hammet hat auf ihre Dialoge gelauscht, Borges bewunderte ihren zynischen Realismus, und ihre Gegenwärtigkeit verblüfft: betritt man heute die Landschaft ihrer Schauplätze, scheinen nur die alten Helden zu fehlen.

Die 64 Sagas der neuen S. Fischer Edition erzählen vom Leben der ersten Siedler auf Island, von der Landnahme, ihren Hofgründungen, Familienfehden und Rechtsstreitigkeiten – und natürlich von ihren Fahrten, die nach Schottland, England und bis nach Rom führten, und nicht zuletzt zu dem legendär rauen Ruf der Isländer beitrugen, denn es ging dabei nicht immer friedlich zu.

Eine Neuübersetzung wie diese – vorlegt von den besten literarischen Übersetzern, über die wir im Moment in Deutschland verfügen – und wissenschaftlich ediert von führenden Skandinavisten schließt eine lange als schmerzlich empfundene Lücke. Islands wichtigster Beitrag zur Weltliteratur wird damit dem deutschen Lesepublikum wieder neu zugänglich gemacht.

Die bekannten Sagas wie die von den Menschen im Laxárdal oder von dem großen Helden Grettir fehlen ebenso wenig wie die bekannten Sagas z. B. „Die Saga von Brennu-Njáll“ sowie die Sagas von Vinland und Grönland, die von der ersten europäischen Entdeckung Amerikas berichten. Die literarisch akzentuierten Neuübersetzungen werden in vier Bänden vorliegen, dazu kommt ein Begleitband der Herausgeber, der in die Welt der Sagas einführt, die Gattung und ihre Geschichte darlegt und in einem umfangreichen Glossar erläutert.

Die Herausgeber sind Klaus Böldl (Kiel), Andreas Vollmer (Berlin) und Julia Zernack (Frankfurt/Main). Es übersetzen Klaus Böldl, Wolfgang Butt, Thomas Esser, Tina Flecken, Johannes Heimeroth, Ursula Gieger, Mathias Kruse, Kristof Magnusson, Kurt Schier, Sabine Schmalzer, Andreas Vollmer, Betty Wahl, Laura Wamhoff, Karl-Ludwig Wetzig.

Die gebundene Ausgabe umfasst 3384 Seiten; S. Fischer Verlag, 2011

Island ist mit seinen 320.000 Einwohnern, das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Bonn oder Mannheim, das kleinste Gastland in der Geschichte der Frankfurter Buchmesse, aber mit 400 Mitgliedern im Schriftstellerverband, 40 Verlagen und 1500 Neuerscheinungen im Jahr ein Land der Literatur.

Unter der Programmleitung von Thomas Böhm ist auf der Frankfurter Buchmesse 2011 die Island-Halle in einem für eine Messe untypischen Ambiente entstanden.

Wer sie betritt, verstummt automatisch und taucht ein in die Wohnzimmer und Landschaften der Isländer.

Völlig abgedunkelt ist die Halle. Man versucht die Quellen der leisen Stimmen in ungewohnten Sprachmelodien oder das Wassergeplätscher zu orten. Die einzigen Lichtquellen stammen von den Lampen der Isländer, die ihre Leidenschaft für die Literatur in Videos auf riesigen Leinwänden demonstrieren.

Alle lesen still für sich, nur bei genauer Betrachtung erkennt man, wie sich eine Hand bewegt, die Augen dem Gedruckten im Buch folgen oder eine Seite umgeblättert wird. Immer abwechselnd werden die stummen Leser zu Vorlesenden und man lauscht gebannt den ruhigen Stimmen mit dem ungewohnten Klang. An anderer Stelle werden Bilder oder Videoproduktionen  von isländischen Landschaften und Städten im Wechsel von Tages- und Jahreszeiten gezeigt.

Ein gemütliches Café mit Bücherregalen, bestückt mit isländischer Literatur, lädt zum Verweilen und Lesen ein.

Wer sich auf der Frankfurter Buchmesse eine kurze Auszeit vom Trubel nehmen möchte, sollte unbedingt die Island-Halle besuchen. Leider spiegeln die Fotos nicht annähernd die angenehme Atmosphäre in der Island-Halle wieder, aber ein Besuch lohnt sich!

Wie die Süddeutsche Zeitung heute berichtet, wird sich Neuseeland im nächsten Jahr literarisch, geschichtlich und kulturell auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren.

Neuseeland bietet kulturelles Erfahren von ungeheurer Intensität. Die multikulturelle Identität Neuseelands beruht auf mitreißenden Geschichten, seien sie mündlich erzählt, geschrieben, gesungen oder verfilmt„, sagte Juergen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse.

Der Vertrag wurde in der Nacht zum Donnerstag in Auckland in Anwesenheit von Außenminister Guido Westerwelle unterzeichnet. Nach Irland (1996) und Indien (2006) ist Neuseeland das dritte englischsprachige Gastland der Buchmesse.

In diesem Jahr ist Island, das Land der Sagen und Mythen, als Ehrengast vertreten, 2013 wird Brasilien erwartet und 2014 stellt Finnland sich vor.

Menschen wie wir

Siegtrud K. Ólafsdóttir, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, in Kristín Steinsdóttir „Eigene Wege“

Rebelliert hat Siegtrud ihr Leben lang nicht, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte.
Kaum auf der Welt verliert sie ihre Mutter, wächst als Ziehtochter bei der alten Hofherrin Hallfridur in Hafnir auf, die sich liebevoll um sie kümmert.

Ihre linke Hand ist verkrüppelt. Die Finger sind nicht ausgeprägt, dazwischen liegen Schwimmhäute, flossenähnlich. Ihr Haar ist rot, im Gesicht hat sie Sommersprossen. Schon rein äußerlich passt sie nicht in die Welt Islands, als sie 1938 das Licht der Welt erblickt, passenderweise „in jenem Frühjahr als Hitler Österreich ins dritte Reich eingliederte“ (S.14).

Eingegliedert hat sich Siegtrud trotzdem – als Schülerin, als Arbeiterin auf dem Hof, als Arbeiterin in einer Fischfabrik. Klaglos, trotz der Hänseleien über ihr Aussehen, das Naheliegende nutzend, sich anpassend ohne eine eigene Spur zu hinterlassen. Hilfreich ist dabei die Phantasie, die sich an den Gegenständen entzündet, die ihr die Mutter Petrina in einem Schrankkoffer hinterlassen hat: ein Bild des Großvaters, der geerbte Seidenschal, die Mundharmonika, ein Fotoalbum mit der Aufschrift „La France“.

Da sie keine Verwandten hat, die ihr den Bezug erklären könnten, denkt sie sich im Geiste die passenden Geschichten aus, setzt sich in den Koffer und „flog davon“ (S. 24).
In ihren Geschichten lebt die Mutter noch, bekleidet mit der isländischen Tracht und der Troddelkappe, direkt unter dem Eiffelturm in Paris. Der Vater ist Kapitän auf dem größten Lastkahn und spielt Mundharmonika. Siegtrud „das einzige Kind in ganz Frankreich“ (S.25) fühlt sich in dieser Scheinwelt geborgen und geliebt. Ihren richtigen Vater kennt sie nicht. Auf einen Brief erhält sie keine Antwort, als der Vater nach langen Jahren des Schweigens den Kontakt sucht, stirbt er, bevor sie ihn besuchen kann.

Als sie ihren Mann Tómas kennenlernt, versucht sie es auch ihm recht zu machen. Von Liebe ist nicht die Rede, aber „natürlich hatte sie Tomás gern gehabt. Er war rechtschaffen und zuverlässig, wusste was für sie beide am besten war, und regelte alles einwandfrei“ (S.58).

Nach seinem Tod kann sie ein Leben führen, das ihren Interessen entspricht. Sie ist erfüllt von einem „Freiheitsgefühl“ (S.58), trennt sich von ungeliebten Gewohnheiten, kann den Quark pur essen, und geerbtem Mobiliar. Langjährige Freunde hat sie nicht, also sucht sie sich Situationen aus, in denen sie mit Menschen unverbindlich Umgang hat: auf Beerdigungen, Vernissagen, Wohnungsbesichtigungen in Reykjavik. Wenn es nötig ist und ihr die Menschen zu nahe kommen, gibt sie sich eine andere Identität, erzählt „die Familie warte zu Hause auf sie. Die Urenkel seien nachmittags oft bei ihr, und die Enkel schneiten auch häufig herein (S.33)

Und wirklich allein ist sie sowieso nicht: die Personen aus ihrer Vergangenheit – die Großmutter, Mutter, Ziehmutter begleiten sie und tauchen in bestimmten Situationen auf. Das verstärkt sich, als sie ihrer Vergangenheit mehr Raum gibt und den Deckel zu dem Koffer hebt, der noch von ihrem Großvater stammen soll. „Es öffneten sich Pforten, und atemlos traf sie alte Bekannte…schloss sie die Augen und ging mit ihren imaginären Verwandten auf die Reise.“ Diese Vergangenheit bereichert ihr Leben. Wie in einem Puzzle setzt sie aus all den verschiedenen Vorfahren ihre eigene Identität zusammen und recherchiert in öffentlichen Datenbanken und alten Zeitungen. Am Schluß fehlt noch ein Mosaiksteinchen. Um nach ihren französischen Wurzeln zu suchen, lernt sie die Sprache des Großvaters und bucht mutig eine Gruppenreise. Im Bus sitzt sie nicht alleine, neben ihr nimmt eine dunkelhaarige Frau mit langen Zöpfen Platz (S.126). Wunschbild und Realität treffen zum letzten Mal aufeinander, „als sie wieder aufschaute, war die Frau verschwunden“ (S.127).

Sie hat ihre Wurzeln gefunden und es ist Siegtrud zu wünschen, dass sie auf ihrem eigenen Weg auch sich selbst entdecken wird. Denn mit dem Wissen um ihre Herkunft, kann sie beruhigt den Fuß in die Zukunft setzen, sie wird wie es eingangs programmatisch in der Liedzeile heißt „auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann (S.7).

Kurzbeschreibung
Siegtrud ist Witwe geworden, lebt allein in Reykjavík von sehr wenig Geld und staunt, was man alles in dieser schönen Stadt erleben kann, auch wenn man gar nichts ausgibt. Sie trägt Zeitungen aus und bekommt das ‚Morgenblatt‘ daher umsonst, ist über alles informiert und muss an manchen Tagen sogar eine Prioritätenliste aufstellen. Da gibt es die Beerdigungen, zu denen sie gerne geht, um mitzusingen und sich beim anschließenden Leichenschmaus zu verköstigen, Wohnungsbesichtigungen, bei denen es Kaffee und Vernissagen, bei denen es Champagner gibt. Sie ist genügsam, mit dem Alleinsein vertraut und weiß das Leben mit allen Sinnen zu genießen. Aber da ist noch mehr: Ein Koffer mit Erinnerungsstücken ihrer Mutter, darin ein französischer Seidenschal, ein Bildband von Frankreich und ein Foto ihres exotisch wirkenden Großvaters Magnús, der Franzose gewesen sein soll. Schon als Kind hatte sich Siegtrud in den Koffer gesetzt und war in ihren Tagträumen in dieses geheimnisvolle Frankreich gereist. Eines Tages macht sie sich auf, in Archiven nach ihrer Lebensgeschichte und Herkunft zu suchen, lernt sogar Französisch, allerdings mit unnachahmlichem isländischem Akzent. Und am Ende trifft sie eine Entscheidung, packt den alten Koffer wirklich und macht sich auf den Weg nach Paris.

Auf anrührende und ganz und gar unsentimentale Weise erzählt Kristín Steinsdóttir in diesem poetischen kleinen Roman eine Lebensgeschichte, die zugleich den Weg Islands von einer Bauernnation zu einer modernen Gesellschaft illustriert. ‚Eigene Wege‘ ist eine Eloge auf die Zufriedenheit, die Phantasie und den Mut.

Über die Autorin
Kristín Steinsdóttir, 1946 geboren, lebt in Reykjavík und arbeitete zunächst als Grundschul- und Gymnasiallehrerin. Seit 1988 arbeitet sie als Schriftstellerin und ist eine der meistgelesenen, preisgekrönten Kinderbuchautorinnen Islands.

Über die Übersetzerin
Tina Flecken, geboren 1968 in Köln. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Verlagslektorin arbeitet sie seit 2005 als freie Übersetzerin.

Die gebunden Ausgabe von „Eigene Wege“ von Kristin Steinsdottir umfasst 126 Seiten, ist im Juli 2009 im C.H. Beck Verlag erschienen und für 14,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

Der Lesekreis bedankt sich bei Mamalinde für die anschaulichen Einblicke in das Leben der Protagonistin in „Eigene Wege“ und beim Verlag C.H. Beck für die freundliche Überlassung des Rezensionsexemplars.