Little Brother

Kapitel 23

Nachwort von Bruce Schneier

Übersetzung: Andreas Schleth

Ich bin Sicherheitsspezialist. Mein Job ist es, Leuten Sicherheit zu geben.

Ich denke über Sicherheitssysteme nach und darüber, wie man sie umgehen kann. Und dann, wie man sie sicherer machen kann. Computersicherheitssysteme. Überwachungssysteme. Flugzeugsicherheit und Wahlmaschinen und RFID-Chips und alles andere.

Cory lud mich zu den letzten paar Seiten seines Buchs ein, weil er wollte, dass ich euch zeige, dass Sicherheit Spaß macht. Es macht unwahrscheinlich viel Spaß. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, wer überlistet wen, Spaß wie bei Räuber und Gendarm. Ich denke, dass es der Job mit dem höchsten Spaßfaktor ist, den man haben kann. Wenn du fandest, dass es witzig war, wie Marcus die Gang-Überwachungskameras mit Splitt in den Schuhen überlistet, dann denk mal, wie viel mehr Spaß es machen würde, die erste Person auf der Welt zu sein, die diese Idee hatte.

Im Sicherheitsbereich zu arbeiten bedeutet, eine Menge über Technologie zu wissen. Es kann bedeuten, eine Menge über Computer und Netzwerke, über Kameras und ihre Funktion oder über die Chemie hinter der Entdeckung von Bomben zu wissen. Doch in Wirklichkeit ist Sicherheit ein bestimmter Denkansatz, die Art, wie man über Dinge nachdenkt. Marcus ist ein gutes Beispiel für diese Art des Denkens. Er denkt immer an Wege, wie ein System versagen kann. Ich wette, er kann in keinen Laden gehen, ohne darüber nachzudenken, wie man wohl etwas klauen könnte. Nicht dass er das auch täte – es ist ein großer Unterschied, zu wissen, wie man ein System überlisten könnte, und es tatsächlich zu umgehen -, aber er wüsste, wie es geht.

So denken Sicherheitsfachleute. Wir sehen uns die ganze Zeit Sicherheitssysteme an und überlegen, wie man sie umgehen könnte; wir können gar nicht anders.

Diese Denkweise ist wichtig, unabhängig aufwelcher Seite des Sicherheitssystems man ist. Wenn du den Job hast, einen diebstahlsicheren Laden zu entwerfen, dann solltest du dich möglichst auch damit auskennen, wie man etwas stibitzt. Wenn du ein Kamerasystem entwickelst, das Leute an ihrem Gang erkennen soll, tust du gut daran, damit zu rechnen, dass Leute sich Splitt in die Schuhe tun. Wenn nicht, wirst du nichts Gutes zustande bringen.

So, wenn du jetzt durch deinen Tag gehst, nimm dir doch einen Moment Zeit, die Sicherheitssysteme um dich herum zu betrachten. Sieh dir die Kameras in den Läden an, in denen du einkaufst. (Verhindern sie Kriminalität, oder verschieben sie das Problem nur zum Nachbarladen?) Sieh dir an, wie Gaststätten arbeiten. (Wenn die Leute erst zahlen, nachdem sie gegessen haben, warum gehen dann nicht mehr Leute, ohne zu bezahlen?) Betrachte die Sicherheit an Flughäfen. (Wie könntest du eine Waffe in ein Flugzeug schmuggeln?) Beobachte den Kassierer einer Bank. (Sicherheitssysteme in Banken sind genauso dazu da, den Kassierer am Stehlen zu hindern wie dich.) Beobachte einen Ameisenhaufen. (Bei Insekten dreht sich alles um Sicherheit.)

Lies die Verfassung und schaue nach, wie sie das Volk mit Sicherheit gegenüber seiner Regierung ausstattet. Sieh Ampeln, Türschlösser und all die Sicherheitssysteme im Fernsehen und in Filmen an. Finde heraus, wie sie funktionieren, gegen welche Bedrohungen sie wirken und gegen welche nicht, wie sie versagen und wie sie missbraucht werden können.

Wenn du genügend Zeit damit verbracht hast, wirst du merken, dass du die Welt mit anderen Augen siehst. Du wirst feststellen, dass viele der Sicherheitssysteme da draußen gar nicht das bewirken, was sie sollen, und dass viel von unserem nationalen Sicherheitsapparat sein Geld nicht wert ist. Du wirst verstehen, dass der Schutz der Privatsphäre Voraussetzung für Sicherheit ist und nicht im Gegensatz dazu steht. Du wirst vor vielen Dingen keine Angst mehr haben, dich aber plötzlich über Dinge beunruhigen, von denen andere Leute nicht mal eine Ahnung haben.

Seite 205

Manchmal wirst du über ein Sicherheitssystem irgendetwas herausfinden, an das noch niemand gedacht hatte. Und vielleicht wirst du eine neue Methode entdecken, ein Sicherheitssystem zu umgehen.

Es ist erst wenige Jahre her, dass jemand das Phishing erfunden hat.

Mich erstaunt es immer wieder, wie leicht man einige der bekanntesten Sicherheitssysteme überwinden kann. Dafür gibt es viele Gründe. Der Hauptgrund ist jedoch, dass man nicht beweisen kann, dass ein System sicher ist. Alles was man machen kann, ist zu versuchen es auszuhebeln – wenn es dir misslingt, weißt du, dass es sicher genug ist, dich auszusperren. Aber was ist mit jemandem, der schlauer ist als du? Jeder kann ein Sicherheitssystem errichten, das er selber nicht knacken kann.

Denk darüber mal einen Moment nach, weil das nicht offensichtlich ist. Niemand ist dazu qualifiziert, sein eigenes Sicherheitssystem zu analysieren, weil Entwickler und Analytiker dieselbe Person mit denselben Beschränkungen ist. Jemand anders muss die Analyse machen, um sie gegen Dinge abzusichern, an die der Entwickler nicht gedacht hat.

Das bedeutet, dass wir alle die Systeme Anderer auf ihre Sicherheit hin untersuchen. Und erstaunlich oft gelingt es einem von uns, Sicherheitslücken zu finden. Marcus’ Umgehungsmethoden sind alle nicht weit hergeholt, das sind Dinge, die immer wieder passieren. Such doch mal im Netz nach “bump key” oder “Bic pen Kryptonite lock”; du wirst eine ganze Reihe spannender Geschichten finden, wie scheinbar unüberwindbare Sicherheitstechnik mit ganz einfachen Methoden zu überwinden ist.

Und wenn das passiert, dann sieh zu, dass du es irgendwo im Internet publik machst. Geheimnistuerei und Sicherheit sind nicht das Gleiche, auch wenn es den Anschein hat. Nur schlechte Sicherheitstechnik beruht auf Geheimhaltung; gute Sicherheitstechnik funktioniert auch dann, wenn alle ihre Details öffentlich sind.

Das Veröffentlichen von Sicherheitslücken zwingt die Entwickler von Sicherheitssystemen dazu, ihr Design zu verbessern, und macht uns alle zu besseren Anwendern von Sicherheitstechnik. Wenn du ein Kryptonite-Schloss kaufst, das mit einem Bic-Kuli geknackt werden kann, dann hast du nicht viel Sicherheit für den Geld bekommen. Und im gleichen Sinne: Wenn ein Trupp schlauer Kids in der Lage ist, die Anti-Terror-Technologie des Innenministeriums zu überwinden, dann wird diese Technologie gegen echte Terroristen auch nicht viel ausrichten.

Privatsphäre gegen Sicherheit einzutauschen ist dumm genug; wenn man dann nicht einmal richtige Sicherheit bekommt, ist es nur noch dümmer.

Nun klapp’ das Buch zu und geh hinaus. Die Welt ist voller Sicherheitssysteme. Überliste eines von ihnen.

Bruce Schneier

http://www.schneier.com/

………………………………………………………………………………………………

Nachwort von Andrew “bunnie” Huang, Xbox-Hacker

Übersetzung: Andreas Schleth

Hacker sind Entdecker, digitale Pioniere. Es liegt im Wesen eines Hackers, Konventionen zu hinterfragen und sich von verzwickten Problemen herausgefordert zu fühlen. Jedes komplexe Problem ist eine sportliche Herausforderung für einen Hacker; ein Nebeneffekt ist, dass Hacker sich von Problemen rund um Sicherheit besonders angezogen fühlen. Die Gesellschaft ist ein großes und komplexes System und sicher nicht tabu für ein bisschen Hackerei. Deswegen werden Hacker oft mit dem Klischee Bilderstürmer und soziale Außenseiter belegt, Leute, die sich nur aus Trotz nicht an soziale Normen halten.

Seite 205

Als ich 2002 während meiner Zeit am MIT die Xbox hackte, tat ich das nicht, um zu rebellieren oder um Schaden anzurichten; ich folgte nur einem natürlichen Impuls, dem gleichen Impuls, der dich dazu bringt, einen defekten iPod zu reparieren oder die Dächer und Tunnel des MIT zu erforschen.

Dummerweise erzeugt die Kombination aus Abweichen von sozialen Normen und Wissen um “bedrohliche” Dinge, wie etwa den RFID-Chip deiner Kreditkarte lesen zu können oder zu wissen, wie man Schlösser knackt, bei einigen Leuten Angst vor Hackern. Dabei ist die Motivation eines Hackers oft nichts anderes als “Ich bin Ingenieur, weil ich ich gerne Dinge konstruiere.” Leute fragen mich oft: “Warum hast du das Sicherheitssystem der Xbox geknackt?” Und meine Antwort ist ganz einfach: Erstens gehören Dinge, die ich gekauft habe, mir. Wenn mir jemand sagen darf, was ich auf meinem Gerät laufen lassen darf und was nicht, dann gehört es mir nicht. Zweitens, weil es da ist. Es ist ein genügend komplexes System, um eine gute sportliche Herausforderung zu sein. Es war eine großartige Ablenkung, während ich nächtelang an meiner Doktorarbeit schuftete.

Ich hatte Glück. Die Tatsache, dass ich ein Student am MIT war, als ich die Xbox knackte, legitimierte diese Aktivität in den Augen der richtigen Leute. Andererseits sollte das Recht zum Hacken nicht nur Forschern gegeben sein. Ich begann mit dem Hacken, als ich noch ein Junge in der Grundschule war, indem ich jedes elektronische Gerät, das ich in die Finger bekam, zerlegte, sehr zum Verdruss meiner Eltern. Mein Lesestoff umfasste Bücher über Modellraketen, Artillerie, Kernwaffen und die Herstellung von Sprengstoffen – Bücher, die ich aus meiner Schulbücherei ausgeliehen hatte (ich vermute, dass der kalte Krieg die Auswahl des Lesestoffs in den öffentlichen Schulen beeinflusst hatte).

Ich spielte auch ausgiebig mit improvisierten Feuerwerkskörpern und stromerte über offene Baustellen, wenn in meiner Nachbarschaft im mittleren Westen neue Häuser gebaut wurden. Obwohl es sicher nicht besonders klug war, diese Dinge zu tun, waren sie doch wichtige Erfahrungen auf dem Weg, erwachsen zu werden. Und so wuchs ich auf, ein freier Geist zu sein, weil ich die soziale Toleranz und das Vertrauen meiner Gemeinschaft hatte.

Die aktuelle Entwicklung ist nicht so günstig für aufstrebende Hacker. Little Brother zeigt, wie wir vom jetzigen Zustand in eine Welt geraten können, in der die soziale Toleranz für abweichende Gedanken vollends verloren geht. Ein aktuelles Ereignis beleuchtet genau, wie dicht wir davor sind, die Schwelle zum Land von Little Brother zu überschreiten. Ich hatte das Glück, einen frühen Entwurf von Little Brother schon im November 2006 zu lesen.

Schneller Vorlauf: 2 Monate später, Ende Januar 2007, als die Polizei in Boston verdächtige Apparate fand, die sie für Bomben hielt, und daraufhin die ganze Stadt einen Tag lang abriegelte. Es stellte sich heraus, dass die Apparate nichts anderes waren als Leiterplatten mit blinkenden Leuchtdioden, die für eine Sendung im Cartoon Network werben sollten. Die Künstler, die diese urbanen Graffiti angebracht hatten, wurden als Terroristen verdächtigt und schließlich wegen eines Verbrechens angeklagt. Der Sender musste schließlich im Rahmen eines Vergleichs 2 Millionen Dollar bezahlen, und der Vorstand des Cartoon Network trat deswegen zurück.

Haben die Terroristen bereits gewonnen? Haben wir der Angst schon soweit nachgegeben, dass Künstler, Hobbyisten, Hacker, Bilderstürmer oder vielleicht eine bescheidene Gruppe Jugendlicher, die “Harajuku Fun Madness” spielt, auf so banale Art als Terroristen verdächtigt werden?

Es gibt einen Begriff für diese Fehlfunktion – sie wird Autoimmunerkrankung genannt; das ist, wenn das Verteidigungssystem eines Organismus so überdreht, dass er es nicht mehr schafft, sich selbst zu erkennen, und seine eigenen Zellen angreift. Schließlich zerstört der Organismus sich selbst. Im Augenblick befindet sich Amerika am Rande eines allergischen Schocks gegen seine eigenen Freiheiten, und wir müssen uns dagegen impfen.

Technologie ist kein Heilmittel gegen Verfolgungswahn, sie kann den Wahn im Gegenteil sogar noch verstärken: Sie verwandelt uns in Gefangene unserer eigenen Gerätschaften. Millionen von Leuten zu nötigen, ihre Oberbekleidung abzulegen und täglich barfuß durch Metalldetektoren zu laufen, ist auch keine Lösung.

Seite 206

Das dient nur dazu, die Bevölkerung jeden Tag daran zu erinnern, dass sie einen Grund hat, sich zu ängstigen, während es in Wirklichkeit nur eine windelweiche Hürde gegen einen entschlossenen Gegner ist.

Die Wahrheit ist, dass wir auf keinen Anderen rechnen können, um uns frei zu fühlen, und an dem Tag, an dem unsere Freiheiten an den Verfolgungswahn verloren gehen, wird M1k3y nicht kommen, um uns zu retten. Denn M1k3y ist in dir und in mir – Little Brother ist eine Erinnerung daran, dass wir unabhängig davon, wie unvorhersehbar die Zukunft sein mag, Freiheit nicht durch Sicherheitssysteme, Kryptografie, Verhöre und Durchsuchungen gewinnen. Wir gewinnen Freiheit durch den Mut und die Überzeugung, jeden Tag frei zu leben und als freie Gesellschaft zu handeln, egal, wie groß die Bedrohungen am Horizont sind.

Sei wie M1k3y: Tritt vor die Tür und trau dich, frei zu sein.

ENDE

………………………………………………………………………………………………

Nachwort des Übersetzers Christian Wöhrl

Im 13. Kapitel von “Little Brother” heißt es in einer E-Mail an den Helden: “Hier in Deutschland haben wir eine Menge Erfahrung damit, was passiert, wenn Regierungen außer Kontrolle geraten.” Nun ist Deutschland im Jahre 2008 sicherlich kein totalitärer Staat, doch die aktuelle Sicherheitsgesetzgebung (Stichworte hier etwa: Vorratsdatenspeicherung, E-Pass, BKA-Gesetz, Fluggastdatenerfassung) lässt die Einschätzung von Bürgerrechtsaktivisten, hier werde der schleichende Umbau zu einem Überwachungsstaat vorangetrieben, zumindest nicht völlig abwegig erscheinen.

Vor diesem Hintergrund wollte ich nicht darauf warten, ob und wann Cory Doctorows Little Brother – der sich eben nicht nur als spannender Entwicklungsroman über und für junge Erwachsene lesen lässt, sondern auch als Plädoyer für angemessenen zivilen Ungehorsam und gegen undifferenzierte Terror-Hysterie – in einer deutschen Übersetzung erscheint. Und da Cory seine Werke unter remix-fähigen Creative-Commons-Lizenzen veröffentlicht, habe ich im Sommer/Herbst 2008 die tägliche U-Bahn-Pendelei dazu genutzt, die Geschichte ins Deutsche zu “remixen”.

Das vorliegende Ergebnis, inhaltlich kein “Mix”, sondern eine vorlagengetreue Übersetzung, steht ebenfalls unter einer entsprechenden CC-Lizenz – siehe dazu Seite 2. In der Originalfassung des Dokuments schreibt Cory Doctorow übrigens auch sehr ausführlich über seine Motivation, seine Texte unter solchen Lizenzen zu veröffentlichen.

Das vorliegende Dokument versteht sich durchaus nicht als Endprodukt, sondern als “Work in Progress”. Der Übersetzer ist weder leidenschaftlicher Computer-Spieler noch versierter Programmierer, und sollte Ihnen bei der Lektüre diesbezüglich ein sachlicher Fehler aufgefallen sein, werden entsprechende Hinweise gern entgegengenommen und gegebenenfalls in kommende Versionen dieses Textes eingearbeitet. In die Versionen ab 1.1 sind einige Anregungen aufmerksamer Leser eingeflossen; dafür auch an dieser Stelle herzlichen Dank!

Download-Adresse dieses PDFs:
http://cwoehrl.de/files/lbdt_v I .pdf

Kommentare zu diesem Dokument:
http://cwoehrl.de/?q=node/425

Meine E-Mail-Adresse:
chw@wort-und-satz.de

Mein öffentlicher PGP-Schlüssel:
0×3e4f310497fe2c8f

Dem Geist des Romans angemessen nutzte ich für die Arbeit überwiegend freie Software:

Die Rohtexte entstanden zumeist im Minimal-Editor meines Linux-Netbooks; zusammengeführt, formatiert und ins PDF-Format konvertiert wurde der Text in OpenOffice. Lediglich für die Gestaltung des Titels nutzte ich mit Adobe Photoshop eine kommerzielle Software; Gimp zu lernen steht zwar schon seit geraumer Zeit auf meinem Zettel, aber ich hatte in letzter Zeit zu viel zu übersetzen, um mich auch noch damit zu beschäftigen 😉

(Anmerkung zu Version 2 vom 12. Dezember: Hier habe ich das Dokument in Adobe InDesign bearbeitet, um schöneren Schriftsatz zu erzielen, als es mit einer reinen Textbearbeitung möglich wäre.)

Als Nachschlagewerke nutzte ich für inhaltliche Fragen die Wikipedia in deutscher und englischer Version, für allgemeine sprachliche Zweifelsfälle das Wörterbuch dict.cc und für Slang-Fragen das Urban Dictionary; wo es sich nicht vermeiden ließ, Google zu konsultieren, bediente ich mich des weitaus weniger datenhungrigen Scroogle Scrapers.

Sollte die Thematik des Romans bei Ihnen einen Nerv getroffen haben, dann finden Sie im Internet etliche Angebote, die sich mit Datenschutz, Bürgerrechten und Überwachung beschäftigen. Exemplarisch einige Links zu deutschsprachigen Seiten von Organisationen und Einzelpersonen:

Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung
http://www.vorratsdatenspeicherung.de/

Ravenhorst
http://blog.kairaven.de/

Humanistische Union
http://www.humanistische-union.de/

Netzpolitik.org
http://netzpolitik.org/

Chaos Computer Club
http://www.ccc.de/

Annalist
http://annalist.noblogs.org/

Christian Wöhrl im November 2008

—————————————————–

Vielen Dank an den „Rollmops im Kanzlerbunker“, der sich hier als Texteditor betätigt hat und die PDF-Datei in ein Word-Dokument umgewandelt hat!

Little Brother erschien am 01.03.2010 in einer Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn im Rowohlt Verlag. Die 489 Seiten umfassende broschierte Taschenbuchausgabe wird Jugendlichen zwischen 14 und 15 Jahren empfohlen und ist für 14,95 Euro im Handel erhältlich.

Der Autor, Cory Doctorow, stellt am 18. März 2010 von 18.00 bis 20.00 Uhr zusammen mit dem deutschen Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn in der Universität Leipzig – Zentraler Campus Augustusplatz, Ritterstraße 26, 04109 Leipzig seinen Roman Little Brother vor.
Am 19. März findet in der gleichen Besetzung die Buchpräsentation von 11.30 bis 12.00 Uhr auf der Leipziger Buchmesse statt. Ort: Lese-Treff, Halle 2, Stand C208

Little Brother

Kapitel 22

Epilog

Dieses Kapitel ist Hudson Booksellers gewidmet, den Buchhändlern, die man in praktisch jedem Flughafen der USA findet. Die meisten Hudson-Filialen haben nur wenige Titel (wobei diese oft erstaunlich vielfältig sind), aber die größeren, etwa die im AA-Terminal in Chicagos O’Hare, sind ebenso gut wie eine Buchhandlung in einem Wohngebiet. Man muss schon was Besonderes bieten, um in einem Flughafen eine persönliche Note zu setzen, und Hudson’s hat mir bei mehr als einem langen Chicago-Zwischenstopp mein geistiges Wohlbefinden gerettet.

Hudson Booksellers:

http://www.hudsongroup.com/HudsonBooksellers_s.html

………………………………………………………………………………………………

Barbara rief mich am Wochenende des 4. Juli im Büro an. Ich war nicht der Einzige, der am Feiertagswochenende zur Arbeit gekommen war, aber ich war der Einzige, der es tat, weil meine Freigangsregelung mir nicht erlaubte, die Stadt zu verlassen.

Sie hatten mich schließlich für schuldig befunden, Mashas Handy gestohlen zu haben. Ist das zu glauben? Die Staatsanwaltschaft hatte mit meiner Anwältin den Deal gemacht, dass man alle Anklagepunkte zu “elektronischem Terrorismus” und “Aufrührertum” fallen lassen würde, wenn ich mich im Gegenzug des minderschweren Diebstahls schuldig bekannte. Sie brummten mir drei Monate mit Freigang in einem Rehabilitationszentrum für jugendliche Straftäter in der Mission auf. Ich schlief im Wohnheim, in einem Gemeinschaftsschlafraum zusammen mit echten Kriminellen, Gang-Kids und Drogen-Kids, ein paar echten Bekloppten. Tagsüber war ich “frei”, rauszugehen und in meinem “Job” zu arbeiten.

“Marcus, sie lassen sie raus”, sagte sie.

“Wen?”

“Johnstone, Carrie Johnstone. Das nichtöffentliche Militärtribunal hat sie von aller Schuld freigesprochen. Die Akte ist geschlossen, und sie kehrt in den aktiven Dienst zurück. Sie schicken sie in den Irak.”

Carrie Johnstone war der Name von Frau Strenger Haarschnitt. Das kam bei den vorläufigen Anhörungen am Kalifornischen Kammergericht heraus, aber das war auch schon so ziemlich das Einzige, was herauskam. Sie verweigerte jede Aussage darüber, von wem sie ihre Anweisungen erhalten hatte, was sie getan hatte, wer inhaftiert worden war und warum. Sie saß vor Gericht Tag für Tag einfach nur da, vollkommen schweigsam.

Die Bundesbehörden hatten sich mittlerweile aufgeplustert und über die “einseitige, illegale” Schließung der Treasure-Island-Anlage seitens des Gouverneurs sowie über die Ausweisung der Bundespolizei aus San Francisco durch den Bürgermeister beschwert. Eine Menge dieser Bullen waren in kalifornischen Gefängnissen gelandet, ebenso wie die Wachen aus Gitmo-an-der-Bay.

Dann kam einen Tag lang überhaupt keine Stellungnahme aus dem Weißen Haus und keine aus dem Staatskapitol. Und am nächsten Tag fand eine trockene, angespannte gemeinsame Pressekonferenz auf den Stufen des Gouverneurssitzes statt, bei der der Chef des DHS und der Gouverneur ihr “Übereinkommen” verkündeten.

Das DHS würde ein nichtöffentliches Militärtribunal einberufen, um “mögliche Irrtümer in der Beurteilung” nach dem Anschlag auf die Bay Bridge aufzuklären. Das Tribunal würde jedes verfügbare Mittel einsetzen, um zu gewährleisten, dass kriminelle Handlungen angemessen bestraft würden. Im Gegenzug würde die Kontrolle über DHS-Operationen in Kalifornien an den Staatssenat übergehen, der die Macht haben würde, sämtliche Heimatschutzmaßnahmen im Bundesstaat zu beenden, zu untersuchen und neu zu bewerten.

Seite 200

Der Aufschrei der Reporter war ohrenbetäubend gewesen, und Barbara hatte die erste Frage gestellt. “Mr. Gouverneur, bei allem gebotenen Respekt: Wir haben unwiderlegbare Videobeweise, dass Marcus Yallow, ein Bürger dieses Staates von Geburt an, einer simulierten Exekution ausgesetzt war, und zwar durch DHS-Beamte, die offenkundig auf Anweisung des Weißen Hauses handelten. Ist der Staat wirklich gewillt, jeden Anschein von Gerechtigkeit für seine Bürger im Angesicht illegaler, barbarischer Folter aufzugeben?” Ihre Stimme zitterte, aber sie brach nicht.

Der Gouverneur breitete die Arme aus. “Die Militärtribunale werden der Gerechtigkeit Genüge tun. Wenn Mr. Yallow – oder irgendeine andere Person, die der Heimatschutzbehörde etwas vorzuwerfen hat – darüber hinaus Gerechtigkeit verlangt, so steht es ihm selbstverständlich frei, Wiedergutmachung einzuklagen, soweit sie ihm von seiten der Bundesregierung zusteht.”

Das tat ich auch. In der Woche nach der Ankündigung des Gouverneurs wurden mehr als zwanzigtausend Zivilklagen gegen das DHS erhoben. Meine wurde durch die ACLU vertreten, und man hatte bereits beantragt, Einsicht in die Ergebnisse der nichtöffentlichen Militärtribunale zu erhalten. Bislang standen die Gerichte diesem Ansinnen sehr wohlwollend gegenüber.

Aber damit hatte ich nicht gerechnet.

“Sie ist völlig ungeschoren rausgekommen?”

“Die Pressemitteilung gibt nicht viel her. ,Nach gründlicher Untersuchung der Ereignisse in San Francisco und im Antiterror-Sonderlager auf Treasure Island ist dieses Tribunal zu dem Ergebnis gelangt, dass die Handlungen von Ms. Johnstone keine weiteren Disziplinarmaßnahmen rechtfertigen.’ Da steht das Wort ,weiteren’ – als ob man sie bereits bestraft hat.”

Ich schnaubte. Von Carrie Johnstone hatte ich seit meiner Freilassung aus Gitmo-an-der-Bay fast jede Nacht geträumt. Ich hatte ihr Gesicht drohend über mir schweben gesehen, dieses kleine dreckige Grinsen, als sie den Mann anwies, mir “was zu trinken” zu geben.

“Marcus…”, begann Barbara, aber ich unterbrach sie.

“Ist okay. Es ist alles okay. Ich werde darüber ein Video machen. Und übers Wochenende stelle ich es online. Montage sind gute Tage für virale Clips. Jeder kommt aus dem Feiertagswochenende zurück und guckt, was es so Lustiges gibt zum Weiterleiten in der Schule oder im Büro.”

Ein Teil meines Deals mit dem Wohnheim war, dass ich zwei Mal pro Woche einen Psychoklempner besuchte. Seit ich darüber weg war, das als Bestrafung zu empfinden, war das eine echt gute Sache. Er half mir, mich auf konstruktive Dinge zu konzentrieren, wenn ich mich aufregte, statt mich von meinem Ärger auffressen zu lassen. Die Videos halfen dabei.

“Ich muss jetzt los”, sagte ich und schluckte dabei, um die Emotionen aus meiner Stimme rauszuhalten.

“Pass auf dich auf, Marcus”, sagte Barbara.

Als ich das Telefon weglegte, umarmte mich Ange von hinten. “Ich hab grade online davon gelesen”, sagte sie. Sie las eine Million Nachrichtenfeeds – mit einem Feedreader, der die Storys sofort saugte, sobald sie über den Ticker liefen. Sie war unsere offizielle Bloggerin, und sie machte den Job gut – sie schnitt die Nachrichten aus und stellte sie online wie ein Koch im Schnellrestaurant, der Frühstücksbestellungen umschlägt.

Ich drehte mich in ihren Armen um, um sie von vorn zu umarmen. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Allzu viel Arbeit hatten wir heute noch nicht erledigt. Es war mir nicht erlaubt, das Wohnheim nach dem Abendessen noch mal zu verlassen, und sie durfte mich dort nicht besuchen. Also sahen wir uns im Büro, aber da waren meistens viele andere Leute, was unserer Fummelei ein bisschen abträglich war. Einen ganzen Tag mit ihr allein im Büro zu sein war eine zu starke Versuchung. Außerdem war es heiß und schwül, so dass wir beide Tanktops und Shorts trugen und beim Arbeiten nebeneinander eine Menge Hautkontakt hatten.

Seite 201

“Ich mache ein Video”, sagte ich. “Ich will es heute noch veröffentlichen.”

“Gut”, sagte sie. “Packen wirs an.”

Ange las die Pressemitteilung. Ich nahm einen kleinen Monolog auf und legte den Ton über die berühmten Bilder von mir auf dem Waterboard – wilder Augenausdruck im harten Scheinwerferlicht, strähniges Haar, tränen- und rotzüberströmt.

“Das bin ich. Ich liege auf einem Waterboard. Ich werde mit einer simulierten Hinrichtung gefoltert. Die Folter wird von einer Frau namens Carrie Johnstone beaufsichtigt. Sie arbeitet für die Regierung. Ihr könntet sie noch von diesem Video kennen.”

Ich blendete über zu dem Film mit Johnstone und Kurt Rooney. “Hier sind Johnstone und Minister Kurt Rooney, der Chefstratege des Präsidenten.”

“Die Nation liebt diese Stadt nicht. Aus ihrer Sicht ist es ein Sodom und Gomorra aus Schwuchteln und Atheisten, die es verdient haben, in der Hölle zu schmoren. Der einzige Grund dafür, dass sich das Land dafür interessiert, was man in San Francisco denkt, ist der glückliche Umstand, dass sie da von irgendwelchen islamischen Terroristen zur Hölle gebombt worden sind.”

“Er redet über die Stadt, in der ich lebe. Nach letzten Zählungen wurden 4215 meiner Nachbarn an dem Tag getötet, von dem er redet. Aber einige von ihnen sind vielleicht nicht tot. Einige von ihnen sind in demselben Gefängnis verschwunden, in dem ich gefoltert wurde. Einige Mütter und Väter, Kinder und Geliebte, Brüder und Schwestern werden ihre Liebsten nie wiedersehen – weil sie insgeheim in einem illegalen Gefängnis mitten in der San Francisco Bay gefangen gehalten wurden. Es wurde dort sehr penibel Buch geführt, aber Carrie Johnstone hat die Chiffrierschlüssel dafür.” Ich schnitt wieder zu Carrie Johnstone, wie sie mit Rooney am Besprechungstisch saß und lachte.

Dann blendete ich die Bilder von Johnstones Verhaftung ein. “Als man sie verhaftete, glaubte ich, wir würden Gerechtigkeit erfahren. All die Menschen, die sie brach und die verschwunden sind. Aber der Präsident…” – Schnitt zu einem Foto, das ihn während eines seiner vielen Urlaube lachend beim Golfspielen zeigte – “… und sein Chefstratege…” – jetzt ein Bild von Rooney beim Händeschütteln mit einem berüchtigten Terroristenführer, der mal auf “unserer” Seite war – “… haben interveniert. Sie schickten sie vor ein geheimes Militärtribunal, das sie nun freigesprochen hat. Irgendwie sah man dort wohl nichts Falsches an all dem.”

Ich schnitt eine Fotomontage aus den Hunderten von Porträts von Gefangenen in ihren Zellen dazu, die Barbara am Tag unserer Freilassung auf der Website des Bay Guardian veröffentlicht hatte. “Wir haben diese Menschen gewählt. Wir bezahlen ihre Gehälter. Sie sollten auf unserer Seite sein. Sie sollten unsere Freiheiten verteidigen. Aber diese Menschen…” – eine Reihe von Bildern von Johnstone und den Anderen, die vor das Tribunal gesandt worden waren – “haben unser Vertrauen verraten. Bis zur Wahl sind es noch vier Monate. Das ist eine lange Zeit. Genug für euch, loszugehen und fünf von euren Nachbarn zu finden – fünf Leute, die das Wählen aufgegeben haben, weil ihre Wahl lautet,keiner der Obengenannten’.

Redet mit euren Nachbarn. Lasst euch versprechen, dass sie zur Wahl gehen, lasst sie versprechen, dass sie sich das Land von den Folterknechten und Verbrechern zurückholen. Von den Leuten, die über meine Freunde lachten, als diese in ihrem nassen Grab am Grunde des Hafens lagen. Und lasst euch versprechen, dass sie ebenfalls mit ihren Nachbarn sprechen.

Die meisten von uns wählen ,keiner der Obengenannten’. Aber das funktioniert nicht. Ihr müsst wählen – die Freiheit wählen.

Mein Name ist Marcus Yallow. Ich bin von meinem Land gefoltert worden, aber ich bin immer noch sehr gern hier. Ich bin siebzehn Jahre alt. Ich möchte in einem freien Land aufwachsen. Ich möchte in einem freien Land leben.”

Ich blendete zum Logo unserer Website aus. Die hatte Ange mit Jolus Hilfe aufgebaut, der uns bei Pigspleen so viel freien Speicherplatz besorgte, wie wir nur wollten.

Seite 202

Das Büro war ein interessanter Ort. Offiziell hießen wir Wählerkoalition für ein freies Amerika, aber alle Welt nannte uns die Xnetter. Die Organisation, ein gemeinnütziges Non-Profit-Unternehmen, war von Barbara und einigen befreundeten Anwälten gleich nach der Befreiung von Treasure Island gegründet worden. Die Anschubfinanzierung hatten ein paar Technologie-Milliardäre übernommen, die es unglaublich fanden, dass eine Horde HackerKids das DHS in den Arsch getreten hatten. Manchmal baten sie uns, die Peninsula runter nach Sand Hill Road zu kommen, wo all die Risikokapitalgeber saßen, um eine kleine Präsentation der Xnet-Technik zu halten. Es gab ungefähr eine Zillion Start-Ups, die aus dem Xnet Kapital schlagen wollten.

Wie auch immer – ich musste mich um all das nicht kümmern, und ich hatte einen Schreibtisch und ein Büro mit einer Ladenfront mitten auf Valencia Street, wo wir ParanoidXBox-CDs unter die Leute brachten und Workshops zum Bau besserer WLAN-Antennen veranstalteten. Eine erstaunliche Zahl gewöhnlicher Leute schaute bei uns vorbei, um Spenden zu bringen, sowohl Hardware (ParanoidLinux läuft auf so ziemlich allem, nicht bloß auf der Xbox Universal) als auch Bargeld.

Unser Masterplan war, im September, rechtzeitig vor der Wahl, unser eigenes ARG zu starten und das Spiel möglichst eng daran zu binden, dass sich Leute in die Wählerverzeichnisse eintragen ließen und zur Wahl gingen. Nur 42 Prozent der Amerikaner waren bei der vorigen Wahl an den Urnen erschienen – Nichtwähler waren in der großen Mehrheit. Ich hatte Darryl und Van schon mehrfach zu unseren Planungssitzungen eingeladen, aber sie hatten immer wieder abgesagt. Sie verbrachten eine Menge Zeit miteinander, und Van bestand darauf, dass es nichts Romantisches war. Darryl wollte überhaupt nicht viel mit mir reden, aber er schickte mir lange E-Mails über so ziemlich alles, das nichts mit Van, Terrorismus oder dem Knast zu tun hatte.

Ange drückte meine Hand. “Gott, wie ich diese Frau hasse”, sagte sie.

Ich nickte. “Bloß eine weitere Fuhre Mist, die dieses Land über dem Irak auskippt”, sagte ich. “Ich glaube, wenn sie die in meine Stadt schicken würden, ich würde ein Terrorist werden.”

“Du bist ein Terrorist geworden, als sie sie in deine Stadt geschickt haben.”

“Das stimmt”, sagte ich.

“Gehst du am Montag zur Anhörung von Ms. Galvez?”

“Unbedingt.”

Ich hatte Ange vor einigen Wochen Ms. Galvez vorgestellt, als meine ehemalige Lehrerin mich zum Abendessen eingeladen hatte. Die Lehrergewerkschaft hatte eine Anhörung vor der Schulbehörde organisiert, um zu erreichen, dass sie ihren alten Job zurückbekäme. Man sagte, dass Fred Benson aus dem Vorruhestand wiederkommen wolle, um gegen sie auszusagen. Ich freute mich drauf, sie wiederzusehen.

“Wollen wir uns einen Burrito holen?”

“Unbedingt.”

“Ich hol nur schnell meine scharfe Sauce”, sagte sie.

Derweil rief ich noch mal meine E-Mail ab – meine Piratenpartei-Mail, wo immer noch ein paar Nachrichten von alten Xnettern aufliefen, die meine Adresse bei der Wählerkoalition noch nicht hatten.

Die letzte Nachricht kam von einer Wegwerf-Mailadresse von einem der neuen brasilianischen Anonymisierungsdienste.

> Hab sie gefunden, danke. Du hast mir gar nicht erzählt, dass sie so h31ß ist.

“Von wem ist das denn?”

Ich lachte. “Zeb. Erinnerst du dich an Zeb? Ich hab ihm Mashas E-Mail-Adresse gegeben.

Seite 203

Dachte mir, wenn sie schon beide im Untergrund sind, dann könnte ich sie auch gleich miteinander bekannt machen.”

“Er findet Masha süß?”

“Das musst du ihm nachsehen, sein Geist ist offensichtlich von den Umständen benebelt.”

“Und du?”

“Ich?”

“Ja, du – ist dein Geist auch von den Umständen benebelt?”

Ich hielt Ange auf Armabstand und betrachtete sie von oben bis unten, von oben bis unten. Ich berührte ihre Wangen und schaute durch ihre dickrandige Brille in ihre großen, kecken schrägen Augen. Ich ließ meine Finger durch ihr Haar gleiten.

“Ange, in meinem ganzen Leben habe ich noch niemals klarer gedacht.”

Dann küsste sie mich, und ich küsste sie, und es dauerte noch eine ganze Weile, bis wir uns den Burrito holten. – Fortsetzung Kapitel 23

______________________________________________________________________________________

Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother

Kapitel 21

Dieses Kapitel ist Pages Books in Toronto, Kanada gewidmet. Pages gehört schon seit ewig zum Inventar auf der mega-angesagten Queen Street West; er liegt gegenüber von CityTV und nur ein paar Türen entfernt vom alten Bakka, wo ich arbeitete. Wir bei Bakka fanden es großartig, Pages in derselben Straße zu haben – was wir für Science Fiction waren, waren sie dort für alles andere: handverlesenes Material, Sachen, die du sonst niemals finden würdest; Sachen, von denen du gar nicht wusstest, dass du sie suchst, bis du sie dort siehst. Pages hat außerdem eine der besten Zeitschriften-Abteilungen, die ich je gesehen habe, reihenweise unglaubliche Magazine aus der ganzen Welt.

Pages Books:

http://pagesbooks.ca/

256 Queen St W, Toronto, ON M5V 1Z8 Canada +1 416 598 1447

………………………………………………………………………………………………

Dann ließen sie mich und Barbara im Zimmer allein, und ich benutzte den funktionierenden Duschkopf, um mich abzubrausen – jetzt plötzlich war es mir peinlich, bepisst und bespuckt dazustehen. Als ich fertig war, weinte Barbara.

“Deine Eltern…”, fing sie an.

Ich dachte, ich müsse gleich wieder spucken. Oh Gott, meine arme Familie. Was mussten die bloß durchgemacht haben.

“Sind sie hier?”

“Nein”, sagte sie. “Das ist kompliziert.”

“Was?”

“Du bist immer noch in Haft, Marcus. Jeder hier ist noch in Haft. Sie können hier nicht einfach reinsausen und alle Türen aufreißen. Jeder hier muss durch die reguläre Strafgerichtsbarkeit geschleust werden. Und das könnte, also, es könnte Monate dauern.”

“Ich soll noch monatelang hier bleiben?”

Sie fasste mich bei den Händen. “Nein, ich denke, wir werden das anfechten und dich ziemlich schnell auf Kaution rausbekommen. Aber ,ziemlich schnell’ ist relativ. Ich würde nicht damit rechnen, dass heute noch was passiert. Und es wird nicht mehr so sein wie bei diesen Leuten. Es wird human sein. Es wird richtiges Essen geben. Keine Befragungen. Besuche von deiner Familie.

Nur weil das DHS raus ist, kannst du noch lange nicht einfach so von hier verschwinden. Was gerade passiert ist, das ist, dass wir die Bizarro-Version ihres Justizsystems gekippt haben und wieder das alte System einführen. Das System mit Richtern, öffentlichen Verhandlungen und Anwälten.

Wir könnten also versuchen, dich in eine Jugendstrafanstalt auf dem Festland zu verlegen, aber Marcus, diese Orte können wirklich heftig sein. Sehr, sehr hart. Dies hier könnte für dich der beste Platz sein, bis wir dich auf Kaution freibekommen.”

Auf Kaution freibekommen. Na klar. Ich war ein Krimineller – ich war noch nicht angeklagt, aber das mussten wohl Dutzende von Anklagepunkten sein, die sie gegen mich auffahren konnten. Es war ja praktisch illegal, auch nur unreine Gedanken über die Regierung zu denken.

Sie drückte wieder meine Hände. “Es ist Mist, aber so muss es nun mal laufen. Hauptsache, es ist vorbei. Der Gouverneur hat das DHS rausgeworfen und alle Checkpoints abgebaut. Der Staatsanwalt hat Haftbefehle gegen alle Vollstreckungsbeamten erlassen, die in ,Stressbefragungen’ und Geheimgefängnisse involviert waren. Die werden alle in den Knast wandern, und zwar wegen allem, was du getan hast, Marcus.”

Seite 194

Ich war wie betäubt. Ich hörte die Worte, aber ich begriff ihren Sinn nicht. Irgendwie war es vorbei, aber auch wieder nicht.

“Hör mal”, sagte sie. “Wir haben vielleicht noch eine oder zwei Stunden, bevor sich das hier alles wieder beruhigt und sie kommen, um dich wieder einzusperren. Was willst du machen? Am Strand spazierengehen? Etwas essen? Diese Leute hier hatten ein unglaubliches Stabskasino – das haben wir auf dem Weg hier rein geplündert. Essen vom Allerfeinsten.”

Endlich eine Frage, die ich beantworten konnte. “Ich will Ange finden. Und ich will Darryl finden.”

Ich versuchte ihre Zellennummern in einem Computer nachzuschauen, aber der verlangte ein Passwort, und so blieb uns nichts übrig, als die Flure entlangzuwandern und ihre Namen zu rufen. Von hinter den Zellentüren riefen Gefangene uns etwas zurück, weinten oder bettelten uns an, sie gehen zu lassen. Sie begriffen noch nicht, was gerade eben passiert war, sie konnten nicht sehen, wie ihre früheren Bewacher in Plastikhandschellen auf den Docks zusammengetrieben und von kalifornischen SWAT(7)-Teams weggebracht wurden.

(7) Spezialeinheit der US-Polizeibehörde, A.d.Ü

“Ange!”, brüllte ich über den Lärm hinweg, “Ange Carvelli! Darryl Glover! Ich bins, Marcus!” Wir hatten den Zellentrakt auf ganzer Länge abgewandert, und sie hatten nicht geantwortet. Mir war nach Heulen zumute. Sie waren also außer Landes gebracht worden – nach Syrien oder noch schlimmer. Ich würde sie nie wiedersehen.

Ich hockte mich hin, lehnte mich an die Flurwand und verbarg mein Gesicht in den Händen. Ich sah das Gesicht von Frau Strenger Haarschnitt, sah ihr Grinsen, als sie nach meinem Login fragte. Sie hatte das getan. Sie würde dafür ins Gefängnis gehen, aber das reichte mir nicht. Ich dachte, wenn ich sie wiedersähe, würde ich sie töten. Sie hätte es verdient.

“Komm schon”, sagte Barbara, “komm weiter, Marcus. Gib nicht auf. Hier gehts noch weiter, komm schon.”

Sie hatte Recht. Alle Türen, an denen wir in dem Zellentrakt vorbeigekommen waren, waren alte, verrostete Dinger aus der Entstehungszeit dieser Basis. Aber ganz am Ende des Flurs war eine neue Hochsicherheitstür angelehnt, dick wie ein Wörterbuch. Wir zogen sie auf und wagten uns in den dunklen Flur dahinter.

Hier gab es noch vier Zellentüren ohne Strichcodes. Auf jeder war eine kleine Zifferntastatur montiert.

“Darryl?”, sagte ich. “Ange?”

“Marcus?”

Es war Ange, die mir aus der hintersten Tür zurief. Ange, meine Ange, mein Engel.

“Ange!”, rief ich. “Ich bins, ich bins!”

“Oh Gott, Marcus”, presste sie noch hervor, der Rest ging in ihrem Schluchzen unter.

Ich hämmerte an die anderen Türen. “Darryl! Darryl, bist du hier?”

“Ich bin hier.” Die Stimme war sehr dünn und sehr heiser. “Ich bin hier. Es tut mir so, so Leid. Bitte. Es tut mir so Leid.”

Seite 195

Er klang… gebrochen. Zerstört.

“Ich bins, D”, sagte ich, mein Gesicht dicht an die Tür gepresst. “Ich bins, Marcus. Es ist vorbei – sie haben die Wachen verhaftet. Sie haben die Heimatschutzbehörde rausgekickt. Wir kriegen Verhandlungen, öffentliche Verhandlungen. Und wir werden gegen sie aussagen.”

“Es tut mir Leid”, sagte er nur. “Bitte, es tut mir so Leid.”

In diesem Moment erschienen die kalifornischen Polizisten in der Tür. Ihre Kamera lief immer noch. “Ms. Stratford?”, sagte einer. Er hatte sein Visier oben und sah aus wie jeder andere Polizist, nicht wie mein Retter. Wie jemand, der gekommen war, um mich wegzusperren.

“Captain Sanchez”, sagte sie, “wir haben hier zwei der wichtigeren Gefangenen gefunden. Ich möchte Zugang zu ihnen erhalten und sie selbst in Augenschein nehmen.”

“Ma’am, für diese Türen haben wir noch keine Zugangscodes.”

Sie hob die Hand. “Das war nicht so abgemacht. Ich sollte unbegrenzten Zugang zu allen Bereichen dieser Anlage erhalten. Das kam direkt vom Gouverneur, Sir. Wir werden uns hier nicht rühren, bevor Sie diese Zellen geöffnet haben.”

Ihr Gesicht war vollkommen unbewegt, sie zeigte kein Anzeichen von Nachgiebigkeit. Sie meinte das so.

Der Captain sah aus, als brauche er Schlaf. Er zog eine Grimasse. “Ich werde sehen, was ich tun kann”, sagte er.

Eine halbe Stunde später hatten sie es geschafft, die Türen zu öffnen. Sie brauchten drei Versuche, aber schließlich gaben sie die richtigen Codes ein, nachdem sie sie mit den RFIDs in den Identifikationsmarken abgeglichen hatten, die sie den festgenommenen Wachen abgenommen hatten.

Sie betraten Anges Zelle zuerst. Sie war in einen Krankenhauskittel gehüllt, der hinten offen war, und ihre Zelle war sogar noch karger als meine – nur Polsterung rundum, kein Waschbecken, kein Bett, kein Licht. Sie trat blinzelnd in den Flur hinaus, und die Polizeikamera hielt auf sie drauf, das grelle Licht frontal in ihr Gesicht. Barbara trat schützend zwischen uns und die Kamera. Ange kam zögernd und leicht schwankend heraus. Mit ihren Augen und ihrem Gesicht stimmte etwas nicht. Sie weinte, aber das wars nicht.

“Die haben mir Medikamente gegeben”, sagte sie. “Als ich nicht aufgehört habe, nach einem Anwalt zu schreien.”

Ich zog sie in meine Arme. Sie ließ sich fallen, aber sie erwiderte die Umarmung. Sie roch miefig und verschwitzt, und ich roch nicht besser. Ich wollte sie nie wieder loslassen.

Und dann öffneten sie Darryls Zelle.

Er hatte seinen papiernen Krankenhauskittel zerrissen. Nackt lag er zusammengerollt in der hintersten Ecke der Zelle und versuchte sich vor der Kamera und unseren Blicken zu verbergen. Ich rannte zu ihm.

“D”, flüsterte ich ihm ins Ohr. “D, ich bins. Marcus. Es ist vorbei. Die Wachen sind verhaftet. Wir kommen auf Kaution raus, wir gehen nach Hause.”

Er zitterte und kniff die Augen zu. “Es tut mir Leid”, flüsterte er und drehte sein Gesicht zur Wand.

Dann brachten sie mich weg, ein Polizist in Panzerweste und Barbara; sie brachten mich zu meiner Zelle und verschlossen die Tür, und dort verbrachte ich die Nacht.

An die Fahrt zum Gerichtsgebäude erinnere ich mich nur vage. Sie hatten mich an fünf andere Gefangene gekettet, die alle schon viel länger eingesessen hatten als ich. Einer sprach nur Arabisch – er war ein alter Mann, und er zitterte. Die anderen waren alle jung. Ich war der einzige Weiße. Als wir alle auf dem Deck der Fähre zusammengepfercht waren, sah ich, dass fast jeder auf Treasure Island eine mehr oder weniger braune Hautfarbe hatte.

Ich war nur eine Nacht drin gewesen, aber das war schon zu lange. Ein leichter Nieselregen perlte auf uns herunter, normalerweise die Sorte Wetter, bei dem ich die Schultern einzog und auf den Boden guckte; aber heute reckte ich wie alle anderen meinen Hals nach dem unendlichen grauen Himmel und genoss die stechende Nässe, während wir über die Bay und den Fähranlegern entgegenbrausten.

Seite 196

Sie fuhren uns in Bussen weiter. Die Fesseln machten das Einsteigen mühselig, und es dauerte eine Ewigkeit, bis alle eingestiegen waren. Niemanden kümmerte es. Wenn wir uns nicht gerade abmühten, das geometrische Problem “Sechs Mann, eine Kette, schmaler Gang” zu lösen, dann betrachteten wir bloß die Stadt um uns herum, die vielen Häuser oben auf dem Hügel.

Alles, woran ich denken konnte, war, Darryl und Ange zu finden, aber keiner von beiden war zu sehen. Es war eine riesige Menge, und es war uns nicht erlaubt, uns frei darin zu bewegen. Die Nationalgardisten, die sich um uns kümmerten, waren einigermaßen freundlich, aber sie waren nichtsdestotrotz groß, gepanzert und bewaffnet. Ich dachte ständig, ich würde Darryl in der Menge sehen, aber es war immer jemand anderer mit demselben geprügelten, gebeugten Ausdruck, den ich an ihm in seiner Zelle gesehen hatte. Er war nicht der einzige Gebrochene hier.

Im Gerichtsgebäude führten sie uns in unseren Fesselgrüppchen in Befragungsräume. Eine ACLU-Anwältin nahm unsere Daten auf, stellte uns einige Fragen – als ich an der Reihe war, lächelte sie und begrüßte mich mit Namen – und führte uns dann in den Gerichtssaal und vor den Richter. Er trug eine richtige Robe und schien gut gelaunt zu sein.

Es schien vereinbart zu sein, dass jeder, für den ein Familienmitglied Kaution hinterlegen konnte, freigelassen wurde und alle anderen ins Gefängnis kamen. Die ACLU-Anwältin redete auf den Richter ein und bat um einige Stunden Aufschub, während derer die Angehörigen der Gefangenen aufgetrieben und zum Gerichtsgebäude gebracht wurden. Der Richter war ziemlich wohlwollend, aber als mir klar wurde, dass einige von den Leuten hier schon seit dem Tag des Attentats inhaftiert waren, ohne jedes Verfahren, Verhören, Isolation und Folter ausgeliefert, während ihre Familien sie tot glaubten, da hätte ich nur noch die Ketten zerreißen und sie alle einfach freilassen mögen.

Als ich dem Richter vorgeführt wurde, sah er auf mich herunter und nahm seine Brille ab. Er sah müde aus. Die ACLU-Anwältin sah müde aus. Die Gerichtsdiener sahen müde aus. Hinter mir konnte ich ein plötzliches Aufbranden von Gesprächen hören, als ein Gerichtsdiener meinen Namen verlas. Der Richter pochte einmal mit seinem Hammer, ohne den Blick von mir abzuwenden. Er rieb sich über die Augen.

“Mr. Yallow”, sagte er, “die Anklage hat Sie als fluchtverdächtig eingestuft. Ich denke, das ist nicht von der Hand zu weisen. Sie haben mehr, sagen wir mal, Geschichte als die anderen Leute hier. Ich bin versucht, Sie bis zum Verfahren festzusetzen, unabhängig davon, wie viel Kaution Ihre Eltern zu hinterlegen bereit sind.”

Meine Anwältin hob an zu sprechen, doch der Richter bedeutete ihr mit einem Blick zu schweigen. Er rieb sich wieder die Augen.

“Haben Sie etwas dazu zu sagen?”

“Ich hatte Gelegenheit zu fliehen”, sagte ich. “Letzte Woche. Jemand hatte mir angeboten, mich fortzubringen, weg aus der Stadt, und mir eine neue Identität aufzubauen. Stattdessen habe ich dieser Frau das Telefon gestohlen, bin aus unserem Lastwagen abgehauen und fortgerannt. Ich habe ihr Telefon – auf dem sich Beweise über meinen Freund Darryl Glover befanden – einer Journalistin übergeben und mich dann hier, in der Stadt, versteckt.”

“Sie haben ein Telefon gestohlen?”

“Ich war zu der Erkenntnis gelangt, dass ich nicht weglaufen durfte. Dass ich mich der Justiz zu stellen hatte – dass meine Freiheit nichts wert war, solange ich gesucht wurde oder solange meine Stadt noch dem DHS unterworfen war. Solange meine Freunde immer noch eingesperrt waren. Und dass meine Freiheit nicht so wichtig war wie die Freiheit des Landes.”

“Aber Sie haben ein Telefon gestohlen.”

Ich nickte. “Ja, das habe ich. Ich beabsichtige es zurückzugeben, sobald ich die fragliche junge Frau finde.”

Seite 197

“Nun, ich danke Ihnen für diese Rede, Mr. Yallow. Sie sind ein sehr eloquenter junger Mann.” Er fixierte den Staatsanwalt. “Mancher würde sagen, auch ein sehr mutiger Mann. Heute früh lief in den Nachrichten ein gewisses Video, das die Annahme rechtfertigt, dass Sie gute Gründe hatten, den Strafverfolgungsbehörden aus dem Weg zu gehen. Vor diesem Hintergrund und eingedenk Ihrer kleinen Rede hier werde ich Kaution gewähren, aber ich werde veranlassen, dass die Anklage gegen Sie um den Punkt minderschweren Diebstahls im Hinblick auf das Telefon ergänzt wird. Diesbezüglich setze ich zusätzlich 50.000 Dollar Kaution fest.”

Er pochte wieder mit dem Hammer, und meine Anwältin drückte mir die Hand.

Er schaute wieder herunter zu mir und rückte seine Brille zurecht. Er hatte Schuppen auf den Schultern seiner Robe. Als die Brille sein drahtiges, lockiges Haar berührte, rieselten noch einige mehr herab.

“Sie können jetzt gehen, junger Mann. Halten Sie sich von Ärger fern.”

Ich wandte mich zum Gehen, als mich jemand tackelte. Es war Dad. Er riss mich wortwörtlich von den Füßen und umarmte mich so stürmisch, dass meine Rippen knirschten. Er drückte mich genau so, wie ich das von früher in Erinnerung hatte, als ich ein kleiner Junge war: als er mich in großartigen, schwindelerregenden Flugzeugspielen um sich herumschleuderte, mich in die Luft warf, auffing und dann eben drückte, so fest, dass es beinahe wehtat.

Ein Paar weicherer Hände entzog mich sanft seinen Armen. Mom. Sie hielt mich einen Moment lang auf Armlänge, suchte irgendetwas in meinem Gesicht und sprach kein Wort, während ihr die Tränen übers Gesicht rannen. Sie lächelte, aus dem Lächeln wurde wieder ein Schluchzen, und dann hielt sie mich fest, während Dads Arm uns beide umfasste.

Als sie mich losließen, gelang es mir endlich, etwas zu sagen. “Darryl?”

“Sein Vater hat mich anderswo getroffen. Er ist im Krankenhaus.”

“Wann kann ich ihn sehen?”

“Das ist unsere nächste Station”, sagte Dad mit finsterer Miene. “Er ist nicht…” Er brach ab. Dann: “Sie sagen, er wird sich berappeln.” Seine Stimme klang erstickt.

“Und was ist mit Ange?”

“Ihre Mutter hat sie nach Hause gebracht. Sie wollte hier auf dich warten, aber…”

Ich verstand. Ich war jetzt voller Verständnis für all die Familien all der Leute, die sie weggesperrt hatten. Überall im Gerichtssaal wurde geweint und umarmt, nicht einmal die Gerichtsdiener konnten sich mehr zurückhalten.

“Lasst uns zu Darryl gehen”, sagte ich. “Und darf ich euer Handy leihen?”

Ich rief Ange auf dem Weg zum Krankenhaus an, in das sie Darryl gebracht hatten – San Francisco General, von uns aus bloß die Straße runter -, um mich mit ihr für nach dem Essen zu verabreden. Sie sprach in gehetztem Flüsterton. Ihre Mutter war noch unschlüssig, ob sie sie nun bestrafen sollte oder nicht, und Ange wollte das Schicksal nicht herausfordern.

Auf dem Flur, auf dem Darryl untergebracht war, standen zwei Nationalgardisten. Sie wehrten einen Pulk von Reportern ab, die auf Zehenspitzen standen, um einen Blick und ein Foto zu erhaschen. Die Blitze explodierten wie Stroboskope in unseren Agen, und ich schüttelte den Kopf, um den Blick wieder klar zu bekommen. Meine Eltern hatten mir saubere Klamotten mitgebracht, die ich auf dem Rücksitz angezogen hatte, aber ich fühlte mich immer noch ekelhaft, obwohl ich mich im Waschraum des Gerichts abgeschrubbt hatte.

Einige der Reporter riefen meinen Namen. Ach ja, ich war jetzt berühmt. Auch die Nationalgardisten warfen mir Blicke zu – entweder sie erkannten mein Gesicht oder meinen Namen, den die Reporter riefen.

Seite 198

Darryls Vater traf uns an der Tür zu seinem Krankenzimmer; er sprach im Flüsterton, so dass die Reporter nichts aufschnappen konnten. Er war in Zivil, in Jeans und Pulli, wie ich ihn kannte, aber er hatte sich die Dienstabzeichen an die Brust geheftet.

“Er schläft”, sagte er. “Vor einer Weile ist er aufgewacht und hat geweint. Er hat überhaupt nicht mehr aufgehört. Dann haben sie ihm etwas gegeben, um ihm beim Einschlafen zu helfen.”

Er führte uns hinein, und da lag Darryl, das Haar gewaschen und gekämmt, und schlief mit offenem Mund. In seinen Mundwinkeln war irgendwas Weißes zu sehen. Er hatte ein halbprivates Zimmer, und im anderen Bett lag ein älterer arabisch aussehender Typ in den Vierzigern. Ich erkannte ihn als denjenigen, mit dem ich auf dem Rückweg von Treasure Island zusammengekettet gewesen war. Wir winkten uns verlegen zu.

Dann wandte ich mich wieder Darryl zu. Ich nahm seine Hand. Seine Nägel waren bis aufs Fleisch abgekaut. Als Kind war er ein Nägelkauer gewesen, aber an der Highschool hatte er sichs abgewöhnt. Ich glaube, Van hatte es ihm ausgeredet, indem sie ihm erklärte, wie eklig es war, dass er ständig die Finger im Mund hatte.

Ich hörte, wie meine Eltern und Darryls Dad einen Schritt zurücktraten und die Gardinen um uns zuzogen. Ich legte meinen Kopf aufs Kissen neben seinen. Er hatte einen strähnigen, unregelmäßigen Bart, der mich an Zeb erinnerte.

“Hey, D”, sagte ich. “Du hast es geschafft. Du kommst wieder auf die Beine.” Er schnarchte ein wenig. Fast hätte ich “Ich liebe dich” gesagt, ein Satz, den ich erst zu einem einzigen Menschen außerhalb der Familie gesagt hatte und der sich merkwürdig anhörte, wenn man ihn zu einem anderen Typen sagte.

Schließlich drückte ich bloß noch einmal seine Hand. Armer Darryl. – Fortsetzung Kapitel 22

______________________________________________________________________________________

Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother

Kapitel 20

Dieses Kapitel ist The Tattered Cover gewidmet, Denvers legendärer unabhängiger Buchhandlung. Auf The Tattered Cover bin ich eher zufällig gestoßen: Alice und ich waren gerade aus London kommend in Denver gelandet, es war früh am Morgen, es war kalt, und wir brauchten Kaffee. Wir fuhren im Mietwagen ziellos im Kreis, und da sah ich es, das Tattered-Cover-Schild. Irgendein Glöckchen klingelte bei mir- ich wusste, davon hatte ich schon mal was gehört. Wir parkten, tranken einen Kaffee und betraten den Laden – ein Wunderland aus dunklem Holz, lauschigen Lesenischen und meilenweise Bücherregalen.

The Tattered Cover

http://www.tatteredcover.com/NASApp/store/Product?s=showproduct&isbn=9780765319852

1628 16th St., Denver, CO USA 80202+1 303 436 1070

………………………………………………………………………………………………

Keiner der drei Jungs war momentan zu sehen, und ich ging los. Mein Kopf schmerzte so sehr, dass ich glaubte, er müsse bluten, aber meine prüfenden Hände blieben trocken. Mein lädierter Knöchel war im Truck steifgefroren, deshalb lief ich wie eine kaputte Marionette, doch ich hielt nur ein einziges Mal an, um den Löschvorgang auf Mashas Handy abzubrechen. Den Funk schaltete ich aus, um den Akku zu schonen und damit man mich nicht darüber orten konnte, und ich stellte es so ein, dass es erst nach zwei Stunden auf Standby ging – das war die längste einstellbare Zeit.

Ich versuchte die Passwortabfrage beim Starten aus Standby auszuschalten, aber diese Einstellung erforderte selbst wieder ein Passwort. Also musste ich zumindest ein Mal alle zwei Stunden irgendwas tippen, bis ich eine Möglichkeit bekam, das Bild aus dem Handy zu überspielen. Und ich musste ein Ladegerät besorgen.

Ich hatte keinen Plan. Ich brauchte aber einen. Ich musste mich mal irgendwo hinsetzen, online gehen – einfach mal austüfteln, was ich als Nächstes tun sollte. Ich hatte es so satt, andere Leute meine Pläne machen zu lassen. Ich wollte nicht mehr handeln, weil Masha irgendwas getan hatte, oder wegen des DHS oder wegen meines Vaters. Oder wegen Ange? Na, vielleicht würde ich Ange zuliebe handeln. Doch, das wäre wohl das Richtige.

Ich war einfach nur talwärts gestromert, so oft wie möglich auf Nebenstraßen, und war jetzt ein Teil der Menge im Tenderloin. Ich hatte kein bestimmtes Ziel. Alle paar Minuten steckte ich die Hand in die Tasche, um eine der Tasten auf Mashas Handy zu drücken, damit es nicht auf Standby ging. Aufgeklappt machte es eine scheußliche Ausbuchtung in meiner Tasche.

Ich blieb stehen und lehnte mich an ein Gebäude. Mein Knöchel brachte mich bald um. Und überhaupt: Wo war ich?

O’Farrell Ecke Hyde Street. Vor einem dubiosen “Asiatischen Massagesalon”. Meine heimtückischen Füße hatten mich bis ganz an den Anfang zurückgebracht – dorthin, wo das Foto auf Mashas Handy aufgenommen worden war, unmittelbar bevor die Bay Bridge hochging, bevor mein Leben sich für immer änderte.

Mir war danach, mich auf den Bürgersteig zu setzen und zu heulen, aber das würde meine Probleme nicht lösen.

Ich musste Barbara Stratford anrufen und ihr erzählen, was geschehen war. Musste ihr das Foto von Darryl zeigen.

Ach, was dachte ich denn? Ich musste ihr das Video zeigen, das eine, das Masha mir geschickt hatte – das, in dem der Stabschef des Präsidenten sich an den Anschlägen auf San Francisco geweidet hatte, in dem er zugegeben hatte, dass er wusste, wann und wo die nächsten Anschläge stattfinden würden, und dass er sie nicht zu stoppen gedenke, weil sie seinem Chef die Wiederwahl sichern würden.

Na, das war doch mal ein Plan: mit Barbara in Kontakt treten, ihr die Dokumente geben und sie in Druck bringen.

Seite 179

Der VampMob musste die Leute wirklich ziemlich verstört haben, so dass sie jetzt dachten, dass wir wirklich ne Horde Terroristen waren.Als ich es geplant hatte, hatte ich natürlich nur dran gedacht, was für eine tolle Ablenkung es sein würde, und nicht, wie es auf irgendeinen NASCAR-Dad in Nebraska wirken würde.

Ich würde also Barbara anrufen, und ich würde clever sein dabei: aus einem Münztelefon, Kapuze auf, so dass die unvermeidliche Überwachungskamera kein Foto von mir bekäme. Ich grub einen Quarter aus meiner Tasche und polierte ihn am T-Shirt-Saum, um meine Fingerabdrücke abzuwischen.

Ich ging immer weiter runter in Richtung der BART-Station mit ihren Münztelefonen. Ich schaffte es bis zur Straßenbahnhaltestelle, als ich die Titelseite des aktuellen “Bay Guardian” sah, auf einem hohen Stapel neben einem farbigen Obdachlosen, der mich angrinste. “Na los, lies die Schlagzeilen, ist gratis. Reingucken kostet dich aber 50 Cent.”

Der Aufmacher war in der größten Typo gesetzt, die ich seit dem 11. September gesehen hatte:

IN GUANTANAMO-AN-DER-BAY

Darunter, in kaum kleinerer Schrift:

“Wie das DHS unsere Kinder und Freunde in Geheimgefängnissen vor unserer Haustür gefangen hält.

Von Barbara Stratford, exklusiv im Bay Guardian”

Der Zeitungsverkäufer schüttelte den Kopf. “Kannste das glauben?”, sagte er. “Hier mitten in San Francisco. Mann, die Regierung ist scheiße.”

Theoretisch war der “Guardian” gratis, aber dieser Typ schien alle Exemplare in der Gegend abgegriffen zu haben. Ich hatte einen Quarter in der Hand, ließ ihn in seinen Becher fallen und angelte nach einem zweiten. Dieses Mal machte ich mir nicht die Mühe, meine Fingerabdrücke zu beseitigen.

“Man sagte uns, die Welt habe sich für immer geändert, als die Bay Bridge von unbekannten Tätern in die Luft gejagt wurde. Tausende unserer Freunde und Nachbarn starben an jenem Tag. Kaum ein Opfer wurde jemals geborgen – ihre sterblichen Überreste ruhen, so nahmen wir es bislang an, am Grund des Hafens dieser Stadt.

Doch eine außergewöhnliche Geschichte, die dieser Reporterin von einem jungen Mann zugetragen wurde, der vom DHS Minuten nach der Explosion festgenommen wurde, lässt darauf schließen, dass unsere eigene Regierung viele derer, die wir tot glaubten, auf Treasure Island gefangen hält – jener Insel, die kurz nach dem Anschlag evakuiert und zum Sperrgebiet erklärt wurde.”

Ich setzte mich auf eine Bank – dieselbe Bank, wie ich mit kräuselndem Nackenhaar merkte, auf die wir Darryl nach der Flucht aus der BART-Station gebettet hatten – und las den Artikel von vorn bis hinten. Es kostete mich eine Menge Anstrengung, nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen. Barbara hatte ein paar Schnappschüsse von Darryl und mir bei gemeinsamen Abenteuern aufgetrieben und ihrem Text zur Seite gestellt. Die Fotos waren vielleicht ein Jahr alt, aber ich sah auf ihnen so viel jünger aus – als ob ich erst zehn oder elf wäre. In den letzten paar Monaten war ich ziemlich erwachsen geworden.

Der Artikel war wundervoll geschrieben. Ich spürte Zorn in mir hochsteigen darüber, wie man diesen armen Kids mitgespielt hatte; dann fiel mir wieder ein, dass sie ja über mich schrieb. Zebs Nachricht war abgedruckt, seine winzige Handschrift auf die halbe Zeitungsseite aufgeblasen. Barbara hatte noch mehr Infos über andere Kids recherchiert, die vermisst waren und als wahrscheinlich tot galten, eine lange Liste; und sie stellte die Frage, wie viele von ihnen lediglich dort auf der Insel festgehalten wurden, nur ein paar Meilen von den elterlichen Türen.

Ich kramte einen weiteren Quarter aus meiner Tasche, dann überlegte ich es mir anders.

Seite 180

Wie wahrscheinlich war es denn, dass Barbaras Telefon nicht angezapft wurde? Es gab keine Möglichkeit für mich, sie jetzt anzurufen, jedenfalls nicht direkt. Ich brauchte einen Mittelsmann, der sie kontaktieren und sie dazu bringen musste, mich irgendwo im Süden zu treffen. So viel zum Thema Pläne.

Was ich wirklich dringend brauchte, war das Xnet.

Aber wie zum Teufel konnte ich online gehen? Der WLAN-Finder meines Handys blinkte wie bescheuert – um mich rum alles drahtlos, aber ich hatte weder eine Xbox und einen Fernseher, noch eine ParanoidXbox-DVD, um davon zu booten. WLAN, WLAN überall…

Und da sah ich sie. Zwei Kids, etwa mein Alter, unterwegs in der Masse, oben auf der Treppe runter zur BART.

Was meine Aufmerksamkeit erregte, war ihre Art, sich zu bewegen; etwas unbeholfen rempelten sie die Pendler und die Touristen an. Jeder hatte eine Hand in der Tasche, und sooft sich ihre Blicke trafen, kicherten sie. Noch auffälliger hätten sie ihre Jammerei nicht betreiben können, aber die Menge ignorierte sie. Wenn du da unten in diesem Viertel bist, rechnest du ständig damit, irgendwelche Obdachlosen und Spinner abwimmeln zu müssen, also nimmst du keinen Blickkontakt auf; du vermeidest es überhaupt tunlichst, dich umzuschauen.

Ich näherte mich einem von ihnen. Er wirkte ziemlich jung, obwohl er vermutlich kaum jünger war als ich.

“Hey”, sagte ich. “Hey, könnt ihr Jungs mal einen Moment herkommen?” Er tat so, als hörte er mich nicht. Er sah gradewegs durch mich durch, so wie du es mit einem Obdachlosen machen würdest.

“Komm schon. Ich hab nicht viel Zeit.” Ich griff ihn an der Schulter und zischte ihm ins Ohr: “Die Bullen sind hinter mir her. Ich bin vom Xnet.”

Jetzt sah er ängstlich aus, als wolle er jeden Moment weglaufen, und sein Freund kam auf uns zu. “Ich meins ernst”, sagte ich. “Hört mir bloß mal zu.”

Sein Freund erreichte uns. Er war größer und stämmig – wie Darryl. “Ey”, sagte er, “stimmt was nicht?”

Sein Freund flüsterte ihm was ins Ohr. Beide sahen so aus, als wollten sie dichtmachen.

Ich zog mein Exemplar des “Bay Guardian” unterm Arm hervor und wedelte ihnen damit vor der Nase rum.

“Schlagt einfach mal Seite 5 auf, ja?”

Sie taten es. Sie betrachteten die Schlagzeile. Das Foto. Mich.

“Ooh, Alter!”, sagte der erste. “Wir sind sooo unwürdig.” Er grinste mich an wie völlig durchgeknallt, und der Stämmigere klopfte mir auf den Rücken.

“Isnichwahr”, sagte er. “Du bist M…”

Ich hielt ihm den Mund zu. “Kommt mal hier rüber, okay?” Ich schleppte sie zu meiner Bank zurück. Dabei fielen mir alte, braune Flecken auf dem Bürgersteig darunter ins Auge. Darryls Blut? Ich bekam Gänsehaut. Wir setzten uns hin.

“Ich bin Marcus”, sagte ich. Es kostete mich einige Überwindung, diesen beiden, die mich schon als M1k3y kannten, meinen Realnamen zu nennen. Ich gab damit meine Deckung auf, aber gut, der “Bay Guardian” hatte die Verbindung ja ohnehin schon hergestellt.

“Nate”, sagte der Kleine. “Liam”, sagte der Große. “Alter, es ist sooo eine Ehre, dich zu treffen. Du bist echt unser Über-Held…”

“Sagt das nicht, bitte sagt das nicht.

Seite 181

Und ihr zwo seid echt eine Leuchtreklame, die sagt, ,Ich jamme, bitte verfrachtet meinen Arsch nach Gitmo-an-der-Bay. Ihr könntet echt nicht mehr auffälliger sein.”

Liam machte ein Gesicht, als wolle er gleich losheulen.

“Keine Sorge, sie haben euch ja nicht erwischt. Ich geb euch später ein paar Tips.” Schon strahlte er wieder. Die beiden, das war eine merkwürdige Erkenntnis, schienen M1k3y wirklich zu vergöttern, und sie würden alles tun, was ich ihnen sagte. Sie grinsten beide wie grenzdebil. Ich fühlte mich unwohl dabei, mir drehte das fast den Magen um.

“Hört mal, ich muss jetzt sofort mal ins Xnet, aber ohne dafür nach Hause gehen zu müssen oder auch nur in die Nähe. Wohnt ihr beiden hier in der Gegend?”

“Ich”, sagte Nate. “Oben in California Street. Is ne Ecke zu laufen – steile Hügel.” Das war ich grade erst den ganzen Weg runtergekommen. Irgendwo da oben war Masha. Trotzdem – es war besser als alles, was ich erwarten durfte.

“Gehn wir”, sagte ich.

Nate lieh mir sein Baseball-Cap, und wir tauschten die Jacken. Um Schritterkennung musste ich mich nicht kümmern, nicht bei diesen Schmerzen in meinem Knöchel – ich humpelte wie ein Komparse in einem Cowboyfilm.

Nate lebte in einem riesigen Apartment am oberen Ende von Nob Hill. Das Gebäude hatte einen Portier im roten Mantel mit Goldbrokat, der sich an die Mütze tippte, zu Nate “Mr. Nate” sagte und uns alle willkommen hieß. Das Apartment war makellos und roch nach Möbelpolitur. Ich bemühte mich sehr, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich diese offenkundig mehrere Millionen Dollar teure Eigentumswohnung beeindruckte.

“Mein Vater”, erklärte er. “Er war ein Investmentbanker. Massig Lebensversicherungen. Er ist gestorben, als ich vierzehn war, und wir bekamen alles. Sie waren zwar seit Jahren geschieden, aber er hatte trotzdem meine Mutter als Begünstigte eingesetzt.”

Aus dem wandhohen Fenster hatte man einen gigantischen Blick auf die andere Seite von Nob Hill, ganz bis runter nach Fisherman’s Wharf, zum hässlichen Stumpf der Bay Bridge, der Masse von Kränen und Lastern. Durch den Nebel konnte ich gerade eben Treasure Island erkennen. Ganz bis dort hinunter zu schauen weckte in mir das verrückte Bedürfnis zu springen.

Ich ging mit seiner Xbox über einen riesigen Plasma-Monitor im Wohnzimmer online. Er zeigte mir, wie viele offene WLANs von diesem hohen Standpunkt aus sichtbar waren – zwanzig, dreißig. Das hier war ein guter Platz für einen Xnetter.

Mein M1k3y-Postfach war enorm voll. 20.000 neue Nachrichten, seit Ange und ich heute früh aufgebrochen waren. Viele waren von Journalisten, die weitere Interviews anfragten, aber das meiste war von den Xnettern, von Leuten, die die Guardian-Story gelesen hatten und mir mitteilen wollten, dass sie alles tun würden, um mir zu helfen, mich mit allem versorgen wollten, was ich brauchte.

Das gab mir den Rest. Tränen liefen mir die Wangen runter.

Nate und Liam wechselten Blicke. Ich versuchte aufzuhören, aber es hatte keinen Zweck. Jetzt war ich am Schluchzen. Nate ging zu einem eichenen Bücherschrank und schwenkte eines seiner Regale heraus, was den Blick auf schimmernde Reihen von Flaschen freigab. Er goss einen Schuss von etwas Goldbraunem in ein Glas und brachte es mir.

“Seltener irischer Whiskey”, sagte er. “Moms Lieblingssorte.” Er schmeckte wie Feuer und wie Gold. Ich nippte daran und versuchte mich nicht zu verschlucken. Eigentlich mochte ich keine harten Getränke, aber das hier war was anderes. Ich holte ein paar Mal tief Luft.

“Danke, Nate”, sagte ich. Er machte ein Gesicht, als hätte ich ihm gerade einen Orden angeheftet. Er war ein guter Kerl.

Seite 182

“Na gut”, sagte ich und schnappte mir die Tastatur. Die beiden Jungs sahen fasziniert zu, wie ich auf dem Monsterbildschirm meine Mails durchging.

Wonach ich vor allem suchte, war eine Mail von Ange. Es war ja möglich, dass sie davongekommen war. Das war immer möglich.

Es war idiotisch, es auch nur zu hoffen. Es war nichts von ihr dabei. Dann fing ich an, die Mails so schnell wie möglich durchzugehen, indem ich nach Presseanfragen, Fan-Mails, Hass-Mails und Spam sortierte…

Und da fand ich sie: eine Nachricht von Zeb.

> Es war nicht schön, heute morgen aufzuwachen und den Brief, den du eigentlich zerstören solltest, in der Zeitung abgedruckt zu finden. Überhaupt nicht schön. Gab mir das Gefühl, verfolgt zu werden.

> Aber ich habe mittlerweile verstanden, warum du es getan hast. Ich bin nicht sicher, dass ich deine Taktik gutheißen kann, aber es ist offensichtlich, dass deine Motive stichhaltig waren.

> Wenn du dies liest, dann bist du sehr wahrscheinlich in den Untergrund gegangen. Das ist nicht leicht, das habe ich gelernt. Und ich habe noch eine Menge mehr gelernt.

> Ich kann dir helfen. Ich sollte das für dich tun. Du tust ja auch für mich, was du kannst. (Auch wenn du es nicht mit meiner Erlaubnis tust.)

> Antworte, wenn du dies bekommst, wenn du auf der Flucht bist und allein. Oder antworte, wenn du im Gewahrsam bist, bei unseren Freunden auf Gitmo, und nach einem Mittel suchst, die Schmerzen zu beenden. Wenn sie dich haben, dann wirst du tun, was sie dir sagen. Das weiß ich. Das Risiko gehe ich ein.

> Für dich, M1k3y.

“Boooooah”, schnaufte Liam, “Aaaaaalter!” Ich hätte ihm eine reinhauen mögen. Ich drehte mich um, um zumindest etwas Hässliches, Bissiges zu sagen, aber er starrte mich an mit Augen groß wie Suppenteller und sah aus, als wolle er gleich auf die Knie fallen, um mich anzubeten.

“Darf ich nur sagen”, fragte Nate, “darf ich nur sagen, dass es die größte Ehre in meinem Leben ist, dir zu helfen? Darf ich einfach nur das sagen?”

Jetzt wurde ich rot. Ich konnte es nicht ändern. Diese beiden waren völlig auf ihren Star fixiert, obwohl ich ja überhaupt kein Star war, zumindest nicht in meiner eigenen Wahrnehmung.

“Könnt ihr Jungs…” Ich schluckte. “Könnte ich ein bisschen Privatsphäre haben?” Sie schlichen aus dem Zimmer wie geprügelte Hunde, und ich fühlte mich wie ein Idiot. Ich tippte schnell.

> Ich bin davongekommen, Zeb. Und ich bin auf der Flucht. Ich brauche alle Hilfe, die ich kriegen kann. Ich will, dass das ein Ende hat.

Ich erinnerte mich daran, Mashas Handy aus der Tasche zu fischen und zu befingern, damit es nicht auf Standby ging.

Sie ließen mich die Dusche benutzen, gaben mir einen frischen Satz Klamotten, einen neuen Rucksack mit ihrer halben Erdbebenration drin – Energieriegel, Medikamenten, Heiß- und Kühlpacks und einem alten Schlafsack. Sie packten sogar noch eine überzählige Xbox Universal mit aufgespieltem ParanoidXbox ein. Bei der Signalpistole musste ich die Reißleine ziehen.

Ich prüfte immer wieder meine Mails, um zu schauen, ob Zeb geantwortet hatte. Ich beantwortete die Fan-Post. Ich beantwortete die Mails von der Presse. Ich löschte die Hass-Mails. Halb erwartete ich, was von Masha zu lesen, aber wahrscheinlich war sie jetzt schon halbwegs in L.A., mit kaputten Fingern und nicht in der Lage, irgendwas zu tippen. Ich kitzelte wieder ihr Telefon.

Seite 183

Die Jungs überredeten mich, mich für einen Moment aufs Ohr zu legen, und einen kurzen, peinlichen Moment lang wurde ich völlig paranoid und dachte, was, wenn diese Jungs mich ausliefern wollten, während ich schliefe? Natürlich war das idiotisch – sie hätten mich genauso einfach verpfeifen können, während ich wach war.

Ich konnte einfach nicht damit umgehen, dass sie so viel von mir hielten. Rein vom Kopf her hatte ich gewusst, dass es Leute gab, die bereit waren, M1k3y zu folgen. Ein paar von denen hatte ich heute früh getroffen, als sie

– Beißen Beißen Beißen – übers Civic Center hergefallen waren. Aber diese beiden waren persönlicher. Sie waren einfach nur nette, bisschen trottelige Kerle, die damals in den Tagen vor dem Xnet durchaus meine Freunde hätten sein können, einfach zwei Kumpel, mit denen man Teenager-Abenteuer hätte bestehen können. Und sie hatten sich freiwillig zu einer Armee gemeldet, zu meiner Armee. Ich war ihnen gegenüber verantwortlich. Auf sich selbst gestellt, würden sie früher oder später geschnappt werden. Sie waren zu vertrauensselig.

“Jungs, hört mir mal einen Moment zu. Ich muss mit euch über was Ernstes reden.” Fast standen sie in Habacht-Stellung. Wäre es nicht so finster gewesen, hätte ichs komisch gefunden.

“Okay, es geht um Folgendes. Jetzt, da ihr mir geholfen habt, ist es wirklich gefährlich. Wenn ihr geschnappt werdet, werde ich geschnappt. Sie werden alles aus euch rauskriegen, was ihr wisst…” – ich hob die Hand, um ihre Proteste abzuwehren. “Nein, ehrlich. Ihr habt es noch nicht durchgemacht. Jeder redet. Jeder zerbricht. Wenn ihr also jemals geschnappt werdet, dann erzählt ihnen sofort alles, was ihr wisst, so schnell ihr könnt. Sie bekommen es irgendwann doch raus. So arbeiten die nun mal.

Aber ihr werdet nicht geschnappt werden, und zwar deshalb: Ihr seid jetzt keine Jammer mehr. Ihr seid vom aktiven Dienst befreit. Ihr seid jetzt…”, ich fischte in meinem Gedächtnis nach Schlagworten aus Spionagethrillern, “ihr seid jetzt eine Schläferzelle. Zieht euch zurück, verhaltet euch wieder wie normale Kids. Irgendwie, ich weiß noch nicht, wie, werde ich diese Sache knacken, voll und ganz, ich werde sie zu einem Ende bringen. Oder sie knackt mich und erledigt mich endgültig. Wenn ihr nicht innerhalb von 72 Stunden von mir hört, dann geht davon aus, dass sie mich geschnappt haben. Dann könnt ihr tun, was immer ihr wollt. Aber die nächsten drei Tage – und für immer, wenn ich das erledige, was ich erledigen will – haltet euch bitte raus. Versprecht ihr mir das?”

Sie versprachen es mit heiligem Ernst. Dann erlaubte ich ihnen, mich in einen Dämmerschlaf zu plappern, aber ließ sie schwören, mich einmal pro Stunde zu wecken, damit ich Mashas Handy kitzeln und nachschauen konnte, ob mir Zeb schon geantwortet hatte.

Der Treffpunkt war in einem BART-Waggon, was mich nervös machte. Die Dinger sind voll von Kameras. Aber Zeb wusste, was er tat. Er ließ mich in den letzten Waggon eines bestimmten Zuges einsteigen, der zu einer Uhrzeit von Powell Street Station abfuhr, zu der die Leute dicht an dicht standen. Er näherte sich mir in der Masse, und die guten Pendler von San Francisco machten ihm etwas Platz, die Sorte Freiraum, die man immer um Obdachlose herum beobachtet.

“Schön, dich wieder zu sehen”, murmelte er, das Gesicht auf den Eingang gerichtet. Im dunklen Glas konnte ich erkennen, dass niemand dicht genug war, um uns belauschen zu können, zumindest nicht ohne ein Hochleistungs-Richtmikrofon; und wenn sie genug wussten, um mit so einem hier aufzukreuzen, dann waren wir sowieso schon tot.

“Dich auch, Bruder”, antwortete ich. “Ich, es… es tut mir Leid, weißt du?”

“Klappe. Muss dir nicht Leid tun. Du warst mutiger, als ich es bin. Bist du jetzt bereit, in den Untergrund zu gehen? Bereit zu verschwinden?”

“Was das angeht…”

Seite 184

Ja?”

“Das ist nicht der Plan.”

“Oh”, sagte er.

“Hör mal, okay? Ich habe… ich habe Bilder und Video. Sachen, die echt was beweisen.” Ich griff in meine Tasche und befingerte mal wieder Mashas Handy. Ich hatte auf dem Weg hierher in Union Square ein Ladegerät gekauft und war in einem Café lange genug sitzen geblieben, bis die Batterieanzeige wieder bei vier von fünf Strichen war.

“Ich muss das hier zu Barbara Stratford kriegen, der Frau beim ,Guardian’. Aber die werden sie beobachten, um zu sehen, ob ich auftauche.”

“Glaubst du nicht, die werden auch nach mir Ausschau halten? Falls es ein Teil deines Plans ist, dass ich mich auch bloß auf eine Meile der Wohnung oder dem Büro dieser Frau…”

“Ich will nur, dass du Van dazu bringst, dass sie kommt und mich trifft. Hat Darryl dir mal von Van erzählt? Das Mädchen…”

“Hat er. Ja, er hat mir von ihr erzählt. Meinst du nicht, die beobachten sie auch? Euch alle, die sie festgenommen haben?”

“Ich denke schon. Trotzdem: Ich glaube, sie beobachten sie nicht ganz so genau. Und Van hat eine total weiße Weste. Sie hat nie bei einem meiner…”, ich schluckte, “… meiner Projekte mitgewirkt. Deshalb sind sie mit ihr vielleicht ein bisschen entspannter. Wenn sie den Bay Guardian anruft, um einen Termin zu machen, um zu berichten, was für ein Mistkerl ich eigentlich bin, dann lassen sie es ihr vielleicht durchgehen.”

Er starrte die Tür an. Ziemlich lange.

“Du weißt, was passiert, wenn sie uns noch mal schnappen.” Es war keine Frage.

Ich nickte.

“Bist du sicher? Ein paar von den Leuten, die mit uns auf Treasure Island waren, sind mit Hubschraubern weggebracht worden. Außer Landes. Es gibt ein paar Länder, in die Amerika seine Folter auslagern kann. Länder, in denen du auf ewig versauerst. Länder, in denen du dir irgendwann wünschen wirst, dass sie es einfach nur zu Ende bringen; dass sie dich einen Graben ausheben lassen und dir ins Genick schießen, während du dich drüberbeugst.”

Ich schluckte und nickte.

“Ist es das Risiko wert? Wir könnten für sehr, sehr lange Zeit im Untergrund verschwinden. Und vielleicht bekommen wir unser Land eines Tages zurück. Wir können das aussitzen.”

Ich schüttelte den Kopf. “Du kannst nichts bewegen, indem du nichts tust. Es ist unser Land. Und sie haben es uns weggenommen. Die Terroristen, die uns angegriffen haben, sind immer noch frei – aber wir nicht. Ich kann nicht für ein Jahr, zehn Jahre, mein ganzes Leben im Untergrund verschwinden und daraufwarten, dass mir die Freiheit gegeben wird. Freiheit ist etwas, das du dir nehmen musst.”

An diesem Nachmittag verließ Van die Schule wie üblich, saß inmitten eines dichten Knäuels ihrer Freundinnen hinten im Bus, lachend und scherzend wie immer. Die anderen Passagiere im Bus schenkten ihr besondere Beachtung, weil sie so laut war und weil sie außerdem diesen blöden, riesigen Schlapphut trug, der aussah wie aus einem Schultheaterstück über Renaissance-Schwertkämpfer. Zu einem bestimmten Zeitpunkt gluckten sie alle aufeinander, schauten dann hinten aus dem Bus raus, gestikulierend und gickelnd. Das Mädchen, das jetzt den Hut trug, hatte annähernd dieselbe Größe wie Van, und von hinten würde sie als Van durchgehen.

Niemand achtete auf das kleine asiatische Mädchen, das ein paar Haltestellen vor der BART ausstieg.

Seite 185

Sie war in eine ganz gewöhnliche Schuluniform gekleidet und schaute schüchtern zu Boden, als sie ausstieg. Außerdem gab just in diesem Moment die laute Koreanerin einen Aufschrei von sich, den ihre Freundinnen aufgriffen und so laut lachten, dass selbst der Busfahrer langsamer wurde, sich im Sitz umdrehte und ihnen einen schmutzigen Blick zuwarf.

Van eilte mit gesenktem Kopf die Straße hinunter, das Haar zurückgebunden und über den Kragen ihrer altmodischen Ballonjacke fallend. Sie trug Einlagen in ihren Schuhen, die sie fünf wacklige Zentimeter größer machten, sie hatte ihre Kontaktlinsen herausgenommen und gegen ihre meistgehasste Brille getauscht, deren riesige Gläser ihr halbes Gesicht einnahmen. Obwohl ich an der Bushaltestelle auf sie gewartet und gewusst hatte, wann ich sie zu erwarten hatte, hätte ich sie fast nicht erkannt. Ich stand auf und folgte ihr mit einem halben Block Abstand über die Straße.

Die Leute, die mir begegneten, schauten so schnell wie möglich weg. Ich sah aus wie ein junger Obdachloser mit meinem schmuddeligen Pappschild, dem speckigen Mantel und dem riesigen Ranzen, der an den Kanten mit Ducktape geflickt war. Niemand will einen Straßenjungen anschauen, denn wenn du seinem Blick begegnest, bettelt er dich womöglich um Kleingeld an. Ich war den ganzen Nachmittag in Oakland rumgestromert, und die einzigen Leute, die mich angesprochen hatten, waren ein Zeuge Jehovas und ein Scientologe gewesen, die mich beide hatten bekehren wollen. Das fühlte sich eklig an, wie von einem Perversen angebaggert zu werden.

Van folgte den Anweisungen, die ich aufgeschrieben hatte, sehr sorgfältig. Zeb hatte sie ihr auf demselben Wege zukommen lassen wie mir damals vor der Schule – er war in sie reingerannt und hatte sich überschwänglich entschuldigt. Ich hatte die Nachricht kurz und knapp gehalten, nur rasch umrissen, was ich wollte: Ich weiß, du bist nicht damit einverstanden. Ich verstehe das. Aber das ist es nun mal, es ist der wichtigste Gefallen, den ich jemals von dir erbeten habe. Bitte. Bitte.

Sie war gekommen. Ich hatte gewusst, dass sie kommen würde. Wir beide hatten eine Menge gemeinsamer Geschichte. Und sie mochte es auch nicht, was mit der Welt passiert war. Und im Übrigen sagte mir eine böse, hämisch glucksende Stimme in meinem Kopf, dass auch sie jetzt, da Barbaras Artikel erschienen war, unter Verdacht stand.

So gingen wir sechs, sieben Blöcke weit, achteten darauf, wer in unserer Nähe war, welche Autos vorbeifuhren. Zeb hatte mir von Fünferketten erzählt, bei denen fünf verschiedene Verdeckte sich dabei abwechselten, dir zu folgen, was es nahezu unmöglich machte, sie zu bemerken. Du musstest schon in eine völlig verlassene Gegend gehen, wo einfach jeder einzelne Mensch klar zu erkennen war.

Die Überführung für die 880 war nur ein paar Blöcke weit von der BART-Station Coliseum entfernt, und selbst wenn man so viele Schlenker machte wie Van, hatte man sie schnell erreicht. Der Lärm von oben war ohrenbetäubend. Niemand sonst war hier, soweit ich das erkennen konnte. Ich war hier gewesen, bevor ich die Location in meiner Nachricht an Van vorgeschlagen hatte, um zu checken, ob es Ecken gäbe, in denen sich jemand verstecken konnte. Es gab keine.

Sobald sie am vereinbarten Platz stehengeblieben war, ging ich schneller, um zu ihr zu gelangen. Sie blinzelte mich mit großen Augen hinter der Brille an.

“Marcus”, wisperte sie, und Tränen schimmerten in ihren Augen. Ich bemerkte, dass ich ebenfalls weinte. Mann, ich gab einen lausigen Flüchtling ab. Zu sentimental.

Sie umarmte mich so stürmisch, dass ich keine Luft mehr bekam, und ich umarmte sie noch heftiger.

Dann küsste sie mich.

Nicht auf die Wange, nicht wie eine Schwester. Voll auf die Lippen, ein heißer, feuchter, dampfender Kuss, der nie mehr zu enden schien. Ich war von meinen Gefühlen so übermannt…

Ach Quatsch. Ich wusste genau, was ich tat. Ich erwiderte den Kuss.

Dann hörte ich auf und trat zurück, fast schubste ich sie zurück. “Van”, keuchte ich.

Seite 186

“Ups”, sagte sie.

“Van”, begann ich nochmals.

“Sorry”, sagte sie, “ich…”

Und in diesem Moment wurde mir etwas bewusst, das ich vermutlich schon sehr viel länger hätte bemerken müssen.

“Du magst mich, stimmts?”

Sie nickte jämmerlich. “Seit Jahren.”

Oh Gott. Darryl war all die Jahre so sehr in sie verliebt, und die ganze Zeit hatte sie nur Augen für mich und war insgeheim scharf auf mich. Und dann kam ich mit Ange an. Ange hatte gesagt, dass sie immer schon Streit mit Van hatte. Und ich lief hier rum und hatte nichts als Ärger.

“Van, es tut mir so Leid.”

“Vergiss es”, sagte sie und blickte zur Seite. “Ich weiß, dass es nicht sein kann. Ich wollte das nur dieses eine Mal, nur für den Fall, dass ich dich nie…” Sie verkniff sich den Rest.

“Van, ich bin drauf angewiesen, dass du etwas für mich erledigst. Etwas sehr Wichtiges. Du musst die Journalistin vom Bay Guardian treffen, Barbara Stratford, die Frau, die den Artikel geschrieben hat. Du musst ihr etwas übergeben.” Ich erklärte ihr die Sache mit Mashas Handy und erzählte ihr von dem Video, das Masha mir geschickt hatte.

“Wozu soll das noch gut sein, Marcus? Was erwartest du dir davon?”

“Van, du hattest Recht, zumindest zum Teil. Wir können die Welt nicht reparieren, indem wir andere Menschen in Gefahr bringen. Ich muss das Problem lösen, indem ich erzähle, was ich weiß. Ich hätte das von Anfang an tun sollen. Ich hätte direkt aus ihrem Knast zu Darryls Vater marschieren sollen und ihm erzählen, was ich wusste.

Aber jetzt habe ich Beweise. Dieses Zeug hier – das könnte die Welt ändern. Und es ist meine letzte Hoffnung. Die einzige Hoffnung, Darryl rauszuhauen und mein Leben nicht ewig im Untergrund, auf der Flucht vor den Bullen fristen zu müssen. Und du bist der einzige Mensch, dem ich es anvertrauen kann, das zu erledigen.”

“Warum ich?”

“Machst du Witze? Guck mal, wie gut du es gemacht hast, hierher zu kommen. Du bist ein Profi. Du bist von uns allen die Beste in so was. Und du bist die Einzige, der ich trauen kann. Darum du.”

“Und warum nicht deine Freundin Angie?” Sie sagte den Namen ohne jegliche Betonung, als sei er ein Block Zement.

Ich schaute zu Boden. “Ich dachte, du wüsstest es. Sie haben sie verhaftet. Sie ist in Gitmo – auf Treasure Island. Schon seit Tagen.” Ich hatte versucht, nicht daran zu denken, nicht darüber nachzugrübeln, was mit ihr geschehen könnte. Doch nun konnte ich das Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Ich spürte einen Schmerz im Magen, als ob ich einen Tritt bekommen hätte, und presste mir die Hände auf den Bauch, um mich zusammenzunehmen. Dann klappte ich zusammen, und das Nächste, was ich merkte, war, wie ich im Schutt unter dem Freeway lag, zusammengekrümmt und heulend.

Van kniete sich neben mich. “Gib mir das Handy”, sagte sie, ihre Stimme ein wütendes Zischen. Ich kramte es aus meiner Tasche und gab es ihr.

Beschämt hörte ich auf zu weinen und rappelte mich hoch. Ich spürte, dass mir Schnodder übers Gesicht lief. Van betrachtete mich mit einem Ausdruck des reinsten Ekels.

“Du musst drauf achten, dass es nicht auf Standby geht”, sagte ich. “Hier ist ein Ladegerät.”

Ich wühlte in der Tasche. In der Nacht, seit ich es gekauft hatte, hatte ich nicht viel geschlafen.

Seite 187

Ich hatte den Timer des Handys auf 90 Minuten gestellt, damit es mich so rechtzeitig weckte, dass ich es vom “Schlafen” abhalten konnte. “Klapp es bitte auch nicht zu.”

“Und das Video?”

“Das ist schwieriger”, erwiderte ich. “Ich hab mir selbst eine Kopie gemailt, aber ich komm nicht mehr ins Xnet.” Im Notfall hätte ich noch mal zu Nate und Liam zurückgehen und ihre Xbox benutzen können, aber das wollte ich nicht riskieren. “Pass auf, ich geb dir mein Login und das Passwort für den Mailserver der Piratenpartei. Du musst aber Tor benutzen, um ihn aufzurufen – der Heimatschutz achtet garantiert auf Leute, die sich bei P-Partei-Mail einloggen.”

“Dein Login und Passwort”, sagte sie mit Erstaunen im Blick.

“Ich vertraue dir, Van. Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann.”

Sie schüttelte den Kopf. “Du gibst deine Passwörter nie raus, Marcus.”

“Ich glaube, darauf kommts jetzt auch nicht mehr an. Entweder du hast Erfolg, oder – oder es ist das Ende von Marcus Yallow. Vielleicht bekomme ich ja eine neue Identität, aber ich glaubs eher nicht. Ich schätze, die werden mich kriegen. Wahrscheinlich habe ichs die ganze Zeit schon gewusst, dass sie mich irgendwann kriegen werden.”

Jetzt sah sie mich mit blanker Wut an. “Was für eine Vergeudung. Und wozu war das Ganze jetzt gut?”

Sie hätte nichts sagen können, das mich mehr verletzt hätte. Dieser Satz war wie ein weiterer Tritt in den Unterleib. Was für eine Vergeudung das alles, völlig vergebens. Darryl und Ange waren verschwunden. Meine Familie würde ich vielleicht nie wieder sehen. Und immer noch hielt der Heimatschutz meine Stadt und mein Land in einem gewaltigen, irrationalen Klammergriff gefangen, wo im Namen der Terrorabwehr ausnahmslos alles erlaubt war.

Van sah aus, als erwarte sie eine Antwort von mir, aber dazu hatte ich nichts mehr zu sagen. Sie ließ mich dort stehen.

Zeb hatte eine Pizza für mich, als ich “heim” kam – zu dem Zelt, das er für die Nacht unter einer Freeway-Überführung in der Mission aufgestellt hatte. Es war eine Dackelgarage aus Militärbeständen, bedruckt mit SAN FRANCISCO ÖRTLICHE OBDACHLOSEN-KOORDINATION.

Die Pizza war von Domino’s, kalt und labberig, aber nichtsdestotrotz lecker. “Magst du Ananas auf deiner Pizza?”

Zeb lächelte herablassend. “Freeganer dürfen nicht wählerisch sein”, sagte er.

“Freeganer?”

“Wie Veganer, aber wir essen nur Gratisspeisen.”

“Gratisspeisen?”

Er grinste wieder. “Du weißt schon – Gratisspeisen. Aus dem Gratisspeisenladen.”

“Du hast das Zeug geklaut?”

“Nein, Blödmann. Es ist aus dem anderen Laden. Aus dem kleinen hinter dem Laden. Dem aus blauem Stahl, mit dem merkwürdigen Geruch.”

“Du hast das hier aus dem Müll?”

Er warf seinen Kopf zurück und gickelte. “Na klar doch. Dein Gesicht müsstest du sehen. Alter, es ist okay. Es ist ja nicht so, dass das Zeug vergammelt wäre. Es war frisch – bloß eine versaute Bestellung. Die haben sie in der Schachtel weggeworfen.

Seite 188

Nach Ladenschluss streuen sie Rattengift überall drüber, aber wenn du rechtzeitig kommst, bist du okay. Du solltest mal sehen, was Obst- und Gemüseläden so wegwerfen! Warte bis zum Frühstück. Ich mach dir einen Obstsalat, das glaubst du nicht. Sobald auch nur eine Erdbeere in der Kiste ein bisschen grün oder matschig wird, kommt alles weg…”

Ich brachte ihn zum Schweigen. Die Pizza war okay. Es war ja nicht so, dass sie von dem kurzen Aufenthalt in der Mülle irgendwie infiziert worden wäre. Wenn daran etwas eklig war, dann der Umstand, dass sie von Domino’s kam – der grässlichsten Pizzakette der Stadt. Ich hatte ihr Essen noch nie sehr gemocht, und als ich erfahren hatte, dass sie eine Gruppe ultrabescheuerter Politiker finanzierten, die daran glaubten, dass globale Erwärmung und Evolution satanische Tricks waren, hatte ichs ganz aufgegeben.

Das Gefühl von Ekel war dennoch nicht so leicht zu unterdrücken.

Aber die Sache hatte noch einen ganz anderen Aspekt. Zeb hatte mir ein Geheimnis offenbart, etwas, worauf ich nicht vorbereitet gewesen war: Da draußen existierte eine ganze versteckte Welt, eine Art, irgendwie durchzukommen, ohne ein Teil des Systems zu werden.

“Freeganer, ja?”

“Jogurt brauchen wir auch”, sagte er und nickte nachdrücklich. “Für den Obstsalat. Den werfen sie am Tag nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum gleich weg, aber der wird ja nicht um Mitternacht sofort grün. Hey, es ist Jogurt, ich mein, das ist doch sowieso schon vergammelte Milch.”

Ich schluckte. Die Pizza schmeckte komisch. Rattengift. Abgelaufener Jogurt. Matschige Erdbeeren. Daran würde ich mich erst mal gewöhnen müssen.

Ich biss noch mal ab. Wenn man sie für lau bekam, war Domino’s Pizza ein bisschen weniger scheußlich.

Liams Schlafsack war warm und einladend nach diesem langen, emotional aufreibenden Tag. Van dürfte Barbara mittlerweile kontaktiert haben. Sie würde das Video und das Foto haben. Ich würde sie am nächsten Morgen anrufen und in Erfahrung bringen, was sie als nächste Aktion für angebracht hielt. Sobald sie veröffentlichte, würde ich noch mal reinkommen müssen, um die Geschichte zu untermauern.

Darüber dachte ich nach, als ich meine Augen schloss; ich dachte daran, wie es wohl sein würde, mich selbst zu stellen, vor laufenden Kameras, die dem berüchtigten M1k3y in eines jener großen, säulengeschmückten Gebäude am Civic Center folgten.

Der Lärm der über mir vorbeisausenden Autos verwandelte sich in ein Ozeanrauschen, als ich wegdämmerte. In der Nähe standen noch andere Zelte von Obdachlosen. Ein paar von ihnen hatte ich an diesem Nachmittag getroffen, bevor es dunkel wurde und wir uns alle zu unseren eigenen Zelten zurückzogen. Sie waren alle älter als ich und sahen grob und derb aus. Aber keiner von ihnen sah aus, als sei er verrückt oder gewalttätig. Nur eben wie Leute, die nicht viel Glück gehabt hatten oder schlechte Entscheidungen getroffen oder beides.

Ich musste eingeschlafen sein, denn ich erinnere mich an nichts mehr bis zu dem Moment, an dem ein blendend helles Licht auf mein Gesicht fiel.

“Das ist er”, sagte eine Stimme hinter dem Licht.

“Sackt ihn ein”, sagte eine andere Stimme, eine Stimme, die ich früher schon einmal gehört hatte und dann wieder und wieder in meinen Träumen, wie sie mir Vorträge hielt und meine Passwörter verlangte. Frau Strenger Haarschnitt.

Blitzschnell war der Sack über meinem Kopf, und sie zogen ihn an der Kehle so fest an, dass ich zu ersticken glaubte und meine Freeganer-Pizza erbrach. Während ich zuckte und würgte, fesselten harte Hände meine Handgelenke und meine Knöchel. Ich wurde auf eine Trage gerollt und emporgehoben, dann in ein Fahrzeug getragen, ein paar klappernde Metallstufen hinauf.

Seite 189

Sie ließen mich auf einen gepolsterten Boden fallen. Hinten im Fahrzeug war bei geschlossenen Türen absolut nichts zu hören. Die Polsterung unterdrückte alles außer meinem eigenen Würgen.

“Hallo nochmal!”, sagte sie. Ich spürte den Lieferwagen wippen, als sie zu mir hineinstieg. Ich würgte immer noch und versuchte verzweifelt, Luft zu bekommen. Erbrochenes füllte meinen Mund und rann mir in die Luftröhre.

“Wir werden dich nicht sterben lassen”, sagte sie. “Wenn du aufhörst zu atmen, sorgen wir dafür, dass du wieder anfängst. Mach dir darum also keine Sorgen.”

Ich würgte heftiger. Ich schnappte nach Luft. Ein bisschen was kam durch. Heftige, schmerzhafte Hustenattacken schüttelten meine Brust und meinen Rücken, und dabei rüttelten sie was von der Kotze weg. Mehr Luft.

“Siehst du? Gar nicht so schlimm. Willkommen daheim, M1k3y. Wir haben einen ganz besonderen Ort für dich ausgesucht.”

Ich versuchte mich auf dem Rücken liegend zu entspannen und spürte den Lieferwagen schaukeln. Der Geruch benutzter Pizza war anfangs übermächtig, aber wie das mit allen starken Stimuli so ist, gewöhnte sich mein Gehirn allmählich daran und filterte ihn aus, bis er nur noch ein schwaches Aroma war. Die Schaukelei des Wagens war fast schon beruhigend.

Und da geschah es. Eine unglaubliche, tiefe Ruhe kam über mich, als läge ich am Strand und der Ozean käme angebrandet und hebe mich empor, sanft wie eine Elternhand, hielte mich in der Schwebe und trage mich hinaus in ein warmes Meer unter einer warmen Sonne. Nach allem, was geschehen war, hatten sie mich gefangen, aber darauf kam es nun nicht mehr an. Ich hatte Barbara die Informationen zukommen lassen. Ich hatte das Xnet organisiert. Ich hatte gewonnen.

Und wenn ich nicht gewonnen hatte, so hatte ich doch alles getan, was ich konnte. Mehr als ich mir jemals selbst zugetraut hätte. Während wir fuhren, zog ich eine mentale Bilanz, dachte an alles, was ich erreicht hatte, was wir erreicht hatten. Die Stadt, das Land, die Welt war voll mit Menschen, die nicht bereit waren, so zu leben, wie das DHS es von uns erwartete. Wir würden ewig weiterkämpfen. Sie konnten uns nicht alle wegsperren.

Ich seufzte und lächelte.

Dann wurde mir klar, dass sie die ganze Zeit geredet hatte. Ich war so weit weg an meinem glücklichen Ort gewesen, dass sie einfach verschwunden war.

“… kluger Junge wie du. Man würde meinen, du solltest es besser wissen, als dich mit uns anzulegen. Wir hatten dich im Visier seit dem Tag, an dem du rausgekommen bist. Und wir hätten dich auch dann erwischt, wenn du nicht zu deiner lesbischen Verräter-Journalistin gerannt wärst, um dich auszuheulen. Ich versteh das einfach nicht – wir waren uns doch einig, du und ich…”

Wir rüttelten über eine Metallplatte, die Federung des Lasters sprach an, und dann änderte sich das Wippen. Wir waren auf dem Wasser. Unterwegs nach Treasure Island. Hey, Ange war da. Und Darryl auch. Vielleicht.

Die Kapuze nahmen sie mir erst in meiner Zelle wieder ab. Um die Fesseln an Handgelenken und Knöcheln kümmerten sie sich nicht, sondern ließen mich einfach von der Trage auf den Boden rollen. Es war dunkel, aber im Mondlicht, das durch das einzige winzige Fenster hoch oben hereinschien, konnte ich sehen, dass die Matratze vom Bettgestell entfernt worden war. Der Raum beinhaltete mich, eine Toilette, ein Bettgestell und ein Waschbecken. Sonst nichts.

Ich schloss die Augen und ließ mich vom Ozean emporheben. Irgendwo tief unter mir war mein Körper. Ich wusste, was als Nächstes passieren würde. Ich würde hier liegenbleiben, um in die Hose zu pinkeln. Schon wieder. Ich wusste, wie sich das anfühlte, ich hatte schon mal eingepinkelt. Es roch streng. Es juckte. Es war erniedrigend; als sei man ein Baby.

Seite 190

Aber ich hatte es überlebt.

Ich lachte. Der Klang war seltsam, und er zog mich in meinen Körper zurück, zurück in die Gegenwart. Ich lachte und lachte. Ich hatte das Schlimmste erlebt, das sie mir antun konnten, und ich hatte es überlebt; und ich hatte sie geschlagen, monatelang, sie als Trottel und Despoten vorgeführt. Ich hatte gewonnen.

Ich erleichterte meine Blase. Sie war ohnehin voll und schmerzte, und was du heute kannst besorgen…

Der Ozean trug mich davon.

Am nächsten Morgen schnitten zwei effiziente, unpersönliche Wachen meine Fesseln an Hand- und Fußgelenken durch. Ich konnte noch nicht wieder laufen – als ich mich hinstellte, gaben meine Beine nach wie die einer Marionette ohne Fäden. Zu viel Zeit in einer Stellung. Die Wachen zogen meine Arme über ihre Schultern und schleppten mich halb ziehend, halb tragend den vertrauten Korridor entlang. Die Strichcodes an den Türen waren mittlerweile von der aggressiven Salzluft wellig geworden und baumelten herab.

Ich hatte eine Idee. “Ange!”, brüllte ich. “Darryl!”, brüllte ich. Meine Wachen schleppten mich schneller, offenkundig verstört, aber unsicher, was sie nun mit mir machen sollten. “Jungs, ich bins, Marcus!”

Hinter einer der Türen schluchzte jemand. Ein anderer brüllte in einer Sprache, die ich für Arabisch hielt. Dann war es eine Kakophonie, tausend verschiedene schreiende Stimmen.

Sie brachten mich in ein neues Zimmer. Es war ein ehemaliger Duschraum, die Duschköpfe schauten noch zwischen den schimmligen Kacheln hervor.

“Hallo, M1k3y”, sagte Strenger Haarschnitt. “Du scheinst einen ereignisreichen Morgen hinter dir zu haben.” Sie rümpfte demonstrativ ihre Nase.

“Ich hab mich bepisst”, sagte ich fröhlich. “Sollten Sie auch mal probieren.”

“Na, vielleicht sollten wir dir dann ein Bad gönnen.” Sie nickte, und meine Wachen trugen mich zu einer anderen Liege. Diese hatte Befestigungsschnallen über die ganze Länge. Sie ließen mich draufplumpsen, und sie war eiskalt und durchgeweicht. Ehe ich mich versah, hatten sie mich an Schultern, Hüfte und Knöcheln festgestrappt. Nach einer weiteren Minute waren noch drei weitere Schnallen angezogen. Eine Männerhand griff nach den Stäben an meinem Kopf und löste ein paar Arretierungen, und einen Moment später lag ich geneigt da, der Kopf tiefer als die Füße.

“Lass uns mit etwas Einfachem anfangen”, sagte sie. Ich reckte meinen Kopf, um sie zu sehen. Sie hatte sich zu einem Tisch mit einer Xbox gedreht, die mit einem augenscheinlich teuren Flachfernseher verbunden war. “Ich möchte bitte, dass du mir deine Nutzerkennung und das Passwort für deine Piratenpartei-E-Mail verrätst.”

Ich schloss die Augen und ließ mich vom Ozean vom Strand wegtreiben.

“Weißt du, was Waterboarding ist, M1k3y?” Ihre Stimme zog mich wieder an Land. “Du wirst genau so festgebunden, und wir gießen dir Wasser über den Kopf, in deine Nase und in deinen Mund. Du wirst den Würgereflex nicht unterdrücken können. Man nennt es eine simulierte Hinrichtung, und soweit ich es von dieser Seite des Raums beurteilen kann, ist das eine angemessene Einschätzung. Du wirst das Gefühl nicht loswerden, dass du stirbst.”

Ich versuchte mich wieder zu entfernen. Von Waterboarding hatte ich gehört. Das war es also, echte Folter. Und das war erst der Anfang.

Ich konnte mich nicht mehr entfernen. Der Ozean brandete nicht mehr heran, um mich emporzuheben. In meiner Brust wurde es eng, und meine Augenlider begannen zu flattern. Ich fühlte die feuchtkalte Pisse an meinen Beinen und den feuchtkalten Schweiß im Haar. Meine Haut juckte von der getrockneten Kotze.

Seite 191

Sie schwamm oberhalb von mir in mein Gesichtsfeld. “Lass uns mit der Kennung anfangen”, sagte sie.

Ich schloss die Augen und presste sie fest zu.

“Gebt ihm was zu trinken”, sagte sie.

Ich hörte, wie sich Leute bewegten. Ich holte einmal tief Luft und hielt sie an.

Das Wasser fing als Rinnsal an, eine Kelle voll Wasser, das sanft über mein Kinn und meine Lippen gegossen wurde. In meine umgekehrten Nasenlöcher hinein. Es lief zurück in meine Kehle und begann mich zu ersticken, aber ich würde nicht husten, würde nicht keuchen und es in meine Lungen einsaugen. Ich hielt den Atem an und presste meine Augen noch fester zu.

Von außerhalb war ein Tumult zu hören, ein Klang von hektisch stampfenden Stiefeln, wütende, erboste Schreie.

Die Kelle wurde über meinem Gesicht ausgeleert.

Ich hörte sie mit jemandem im Raum murmeln, dann sagte sie zu mir: “Nur die Kennung, Marcus. Das ist eine einfache Frage. Was sollte ich denn schon mit deinem Login anfangen können?”

Dieses Mal war es ein Eimer voll Wasser, alles auf einmal, eine Flut ohne Ende, wirklich gigantisch. Ich konnte es nicht mehr vermeiden: Ich keuchte und atmete das Wasser in meine Lungen, hustete und sog noch mehr Wasser ein. Ich wusste zwar, dass sie mich nicht töten würden, aber ich konnte meinen Körper nicht davon überzeugen. Mit jeder Faser meines Seins wusste ich, dass ich jetzt sterben würde. Ich konnte nicht einmal weinen – es wurde immer noch mehr Wasser über mich gegossen.

Dann hörte es auf. Ich hustete, hustete, hustete, aber in dem Winkel, in dem ich mich befand, lief das Wasser, das ich aushustete, in meine Nase zurück und brannte in den Nebenhöhlen.

Die Hustenanfälle gingen so tief, dass sie schmerzten, an den Rippen und an den Hüften, als ich mich ihnen entgegenstemmte. Ich hasste es, dass mein Körper mich verriet, dass mein Geist meinen Körper nicht kontrollieren konnte; aber ich konnte nichts dagegen tun.

Schließlich ließ das Husten so weit nach, dass ich wahrnehmen konnte, was um mich herum vorging. Leute brüllten, und es klang nach einer Schlägerei oder einem Ringkampf. Ich öffnete die Augen und blinzelte ins grelle Licht, dann reckte ich, immer noch hustend, den Hals.

Im Zimmer waren jetzt eine Menge mehr Leute als zu Beginn. Die meisten davon schienen Panzerwesten, Helme und Rauchglas-Visiere zu tragen. Sie brüllten auf die Treasure-Island-Wachen ein, und die brüllten mit angeschwollenen Halsadern zurück.

“Stehenbleiben!”, sagte einer von den Panzerwesten. “Stehenbleiben und Hände in die Luft. Sie sind verhaftet!”

Frau Strenger Haarschnitt war am Telefonieren. Einer der Gepanzerten bemerkte sie, stürzte auf sie zu und hieb ihr mit seinem Handschuh das Telefon aus der Hand. Jeder verstummte, als es in einem Bogen durch das ganze kleine Zimmer segelte und in einem Hagel von Einzelteilen auf dem Boden zerschellte.

Das Schweigen war nur von kurzer Dauer, dann kamen die Panzerwesten weiter ins Zimmer herein. Zwei schnappten sich je einen meiner Folterer. Fast brachte ich ein Lächeln zuwege, als ich den Gesichtsausdruck von Strenger Haarschnitt sah, als zwei Männer sie an den Schultern packten, umdrehten und ihr Plastikhandschellen um die Handgelenke legten.

Einer der Gepanzerten trat durch den Türrahmen herein. Er hatte eine Videokamera auf der Schulter, eine ziemlich anständige Ausrüstung mit gleißend hellem Scheinwerfer. Er nahm das ganze Zimmer auf und umkreiste mich zwei Mal, während er auf mich draufhielt. Ich ertappte mich dabei, absolut stillzuhalten, als ob ich jemandem Porträt sitzen würde.

Seite 192

Es war lächerlich.

“Meinen Sie, Sie könnten mich wohl mal von diesem Ding hier losmachen?” Ich schaffte es, alles herauszubringen und dabei nur ein kleines bisschen zu würgen.

Zwei Panzerwesten kamen auf mich zu, eine davon eine Frau, und fingen an, mich loszubinden. Sie klappten ihre Visiere hoch und lächelten mich an. Sie hatten rote Kreuze auf ihren Schultern und Helmen.

Unter den roten Kreuzen war ein weiteres Logo: CHP. California Highway Patrol. Sie waren Nationalgardisten.

Ich wollte gerade fragen, was sie hier machten, da sah ich Barbara Stratford. Sie war offensichtlich im Flur zurückgehalten worden, aber jetzt drängte sie sich mit Macht herein. “Hier bist du ja”, sagte sie, kniete sich neben mir nieder und zog mich in die längste, kräftigste Umarmung meines Lebens. – Fortsetzung Kapitel 21

______________________________________________________________________________________

Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother

Kapitel 19

Dieses Kapitel ist dem MIT Press Bookshop gewidmet, einem Laden, den ich bei jedem meiner Trips nach Boston in den letzten zehn Jahren besucht habe. Das MIT ist natürlich eine der legendären Keimzellen globaler Nerd-Kultur, und die Buchhandlung auf dem Campus wird allen Erwartungen gerecht, die ich mitbrachte, als ich sie zum ersten Mal betrat. Neben den wunderbaren Werken, die bei MIT Press erscheinen, bietet der Laden auch eine Rundreise durch die aufregendsten High-Tech-Publikationen der Welt, von Hacker-Blättchen wie 2600 bis zu dicken akademischen Anthologien über Videospiel-Design. Dies ist einer der Läden, in denen ich um Lieferung meiner Einkäufe bitten muss, weil sie nicht in den Koffer passen.

MIT Press Bookstore:

http://web.mit.edu/bookstore/www/

Building E38, 77 Massachusetts Ave., Cambridge, MA USA 02139-4307 +1 617 253 5249

………………………………………………………………………………………………

Dies ist die E-Mail, die um sieben Uhr am nächsten Morgen rausging, während Ange und ich VAMPMOB CIVIC CENTER ->-> an strategischen Punkten der Stadt auf den Asphalt sprühten.

> REGELN FÜR VAMPMOB

> Du bist Mitglied eines Clans von Tageslicht-Vampiren. Du hast das Geheimnis entdeckt, wie man das grässliche Sonnenlicht überlebt. Das Geheimnis ist Kannibalismus: Das Blut eines anderen Vampirs kann dir die Kraft geben, unter den Lebenden zu wandeln.

> Um im Spiel zu bleiben, musst du so viele andere Vampire beißen wie möglich. Wenn eine Minute ohne einen Biss verstreicht, bist du raus. Wenn du raus bist, dreh dein Shirt um und werde Schiedsrichter – beobachte zwei oder drei Vamps, um zu sehen, ob sie ihre Bisse landen können.

> Um einen anderen Vamp zu beißen, musst du fünf Mal “Beißen!” sagen, bevor er es tut. Also rennst du auf einen Vampir zu, suchst Blickkontakt und schreist “Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!”, und wenn du es schaffst, bevor der andere es schafft, dann lebst du, und der andere zerfällt zu Staub.

> Du und die anderen Vampire, die du an deinem Treffpunkt vorfindest, seid ein Team. Sie sind dein Clan. Ihr Blut hat für dich keinen Nährwert.

> Du kannst “unsichtbar” werden, indem du stehen bleibst und die Arme über der Brust verschränkst. Du kannst keine unsichtbaren Vampire beißen, und sie können dich nicht beißen.

> Dieses Spiel wird nach dem Ehrenprinzip gespielt. Sinn ist es nicht, zu gewinnen, sondern Spaß zu haben und mal wieder deinen Vamp unter die Leute zu bringen.

> Es gibt ein Endspiel, das durch Mundpropaganda eingeläutet wird, wenn sich Gewinner abzeichnen. Die Spielleiter werden eine Flüsterkampagne unter den Spielern starten, wenn die Zeit dafür reif ist. Verbreite die Parole, so schnell du kannst, und achte auf das Zeichen.

> M1k3y

> Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!

Wir hatten gehofft, dass vielleicht hundert Leute bereit sein würden, VampMob zu spielen. Jeder von uns hatte etwa zweihundert Einladungen rausgeschickt. Aber als ich um vier Uhr aufsprang und zur Xbox griff, waren 400 Antworten eingetroffen. VIERHUNDERT.

Ich fütterte den Bot mit den Adressen und stahl mich aus dem Haus. Ich stieg die Stufen hinab, lauschte noch kurz, wie mein Vater schnarchte und meine Mom sich im Bett hin- und herwälzte. Dann verschloss ich die Tür hinter mir.

Morgens um Viertel nach vier war es in Potrero Hill so still wie auf dem Land. Ich hörte einige entfernte Verkehrsgeräusche, und einmal fuhr ein Auto an mir vorbei.

Seite 168

An einem Geldautomaten hielt ich an und hob 320 Dollar in Zwanzigern ab, rollte sie zusammen, wickelte ein Gummiband drum und stopfte die Rolle in eine Reißverschlusstasche an der Hüfte meiner Vampirhose.

Ich trug wieder meinen Umhang, ein Rüschenhemd und eine Smokinghose, die so umgearbeitet war, dass sie genug Taschen für all meinen Kleinkram hatte. Dazu noch spitze Stiefel mit silbernen Totenköpfen auf den Schnallen, und mein Haar hatte ich zu einer schwarzen Pusteblume aufgestylt. Ange wollte das weiße Make-up mitbringen und hatte versprochen, mir Eyeliner und schwarzen Nagellack zu machen. Warum auch nicht? Wann würde ich denn das nächste Mal Gelegenheit haben, mich auf diese Weise zu verkleiden?

Ich traf Ange vor ihrem Haus. Sie hatte ebenfalls ihre Tasche umgehängt, trug Netzstrümpfe, ein gekräuseltes Gothic-Lolitakleidchen, weiße Schminke im Gesicht, ausgefeiltes Kabuki-Augen-Make-up, und an ihren Fingern und am Hals prangte Silberschmuck.

“Du siehst TOLL aus!”, sagten wir wie aus einem Mund, dann lachten wir still und machten uns durch die Straßen davon, Sprühdosen in unseren Taschen.

Während ich das Civic Center betrachtete, überlegte ich, wie es wohl dort aussehen würde, wenn es von 400 VampMobbern heimgesucht wurde. Ich erwartete sie ihn zehn Minuten außen vor der City Hall. Schon jetzt wimmelte es auf der großen Plaza von Pendlern, die fein säuberliche Bögen um die dort bettelnden Obdachlosen machten.

Ich habe das Civic Center schon immer gehasst. Es ist eine Ansammlung von Hochzeitstorten-Bauwerken: Gerichtsgebäude, Museen und öffentliche Gebäude wie die City Hall. Die Bürgersteige sind breit, die Gebäude sind weiß. Irgendwie schaffen sie es, dass der Komplex auf Fotos für die Reiseführer von San Francisco wie das Epcot Center aussieht, futuristisch und streng.

Aber aus der Nähe ist es schmuddelig und eklig. Auf allen Bänken schlafen Obdachlose. Das Viertel ist spätestens abends um sechs leer, Betrunkene und Junkies ausgenommen; denn da es dort nur eine einzige Sorte Gebäude gibt, gibt es überhaupt keinen Grund, nach Sonnenuntergang noch rumzuhängen. Es ist eher ein Einkaufszentrum als ein Wohnviertel, aber die einzigen Geschäfte dort sind Kautionsvermittler und Spirituosenläden, also Angebote für die Familien der Ganoven, die hier vor Gericht stehen, und die Penner, die hier ihre nächtliche Wohnstätte haben.

So richtig verstand ich das alles, als ich ein Interview mit einer erstaunlichen alten Stadtplanerin las, einer Frau namens Jane Jacobs, die mir als erste wirklich begreiflich machen konnte, warum es falsch war, die Städte mit Autobahnen zu zerteilen, alle Armen in Wohnungsprojekte zu stecken und streng gesetzlich zu regeln, wer was wann wo tun durfte.

Jacobs erklärte, dass wirkliche Städte organisch sind und eine Menge Vielfalt aufweisen – Reich und Arm, Weiß und Braun, Anglo und Mex, Einzelhandel und Wohnen und sogar Industrie. Solch ein Viertel wird von allen Arten von Menschen zu sämtlichen Tages- und Nachtstunden besucht, deshalb siedeln sich dort Geschäfte an, die jeden denkbaren Bedarf decken, und du hast dort rund um die Uhr Leute, die ganz von selbst über die Straßen wachen.

Ihr kennt das sicherlich. Spaziert mal durch einen älteren Teil eurer Stadt, und ihr werdet merken, dass er voll mit den coolsten Geschäften ist, mit Typen in Anzügen oder edelschlampig, gehobenen Restaurants und schicken Cafés, vielleicht einem kleinen Kino, mit liebevoll gestrichenen Häusern. Sicher wirds da auch einen Starbucks geben, aber eben auch einen hübschen kleinen Obst- und Gemüse-Markt und eine Floristin, die dreihundert Jahre alt zu sein scheint und sorgfältig an den Blumen in ihren Fenstern schnipselt. Das ist das Gegenteil von geplantem Raum wie etwa einem Einkaufszentrum. Es fühlt sich eher an wie ein verwilderter Garten oder ein Wald: als wäre es gewachsen.

Man könnte nicht weiter davon entfernt sein als im Civic Center. Ich las dieses Interview mit Jacobs, in dem sie über das wundervolle alte Viertel sprach, das sie dafür abgerissen hatten. Es war genau diese Sorte Viertel gewesen, diese Art Ort, die einfach geschah – ohne explizite Erlaubnis, ohne Sinn und Verstand.

Seite 169

Jacobs erzählte, sie habe vorhergesagt, dass das Civic Center binnen weniger Jahre eines der schlimmsten Viertel der Stadt werden würde, eine Geisterstadt bei Nacht, ein Ort, an dem nur ein paar klapprige Läden für Säuferbedarf und schäbige Motels eine Existenzgrundlage finden würden. Sie erweckte im Interview nicht den Eindruck, als freue sie sich darüber, von der Realität bestätigt worden zu sein; viel eher klang es, als spreche sie über einen toten Freund, als sie beschrieb, was aus dem Civic Center geworden war.

Aber jetzt war Rushhour, und das Civic Center war denkbar belebt. Die dortige BART ist zugleich ein Knotenpunkt mehrerer Straßenbahnlinien, und wenn du von einer zur anderen wechseln musst, tust du es hier. Morgens um acht kamen Tausende Leute die Treppen hoch, liefen die Treppen runter, stiegen in Taxis und Busse ein und aus. Bei den DHS-Checkpoints an den diversen öffentlichen Gebäuden knubbelten sie sich, um aggressive Bettler machten sie große Bögen. Alle rochen sie nach ihren Shampoos und Deos, frisch geduscht und in der Rüstung ihrer Bürokluft, mit Laptoptaschen und Aktentaschen. Morgens um acht war das Civic Center der Nabel der Geschäftswelt.

Und jetzt kamen die Vampire. Ein paar Dutzend aus Richtung Van Ness, ein paar Dutzend von Market Street. Noch mehr von der anderen Seite von Market. Sie glitten an den Gebäuden entlang mit weißer Gesichtsfarbe und schwarzem Eyeliner, schwarzen Klamotten, Lederjacken, enorm schweren Stiefeln und fingerlosen Netzhandschuhen.

Sie begannen die Plaza zu füllen. Einige der Geschäftsleute warfen ihnen kurze Blicke zu und wandten sich dann wieder ab; wollten wohl diese Irren nicht in ihre persönliche Realität eindringen lassen, in der es nur darum ging, durch welchen Mist sie sich in den kommenden acht Stunden wieder zu wühlen hatten. Die Vamps stromerten rum, unsicher, wann das Spiel losgehen würde. Sie sammelten sich in großen Gruppen, wie ein umgekehrter Ölteppich, alles Schwarz sammelte sich an einem Fleck. Viele von ihnen trugen altmodische Hüte, Melonen, Museumsstücke. Und viele der Mädchen hatten sich mit grausig-eleganten Lolitakostümen und enormen Plateausohlen aufgebrezelt.

Ich versuchte ihre Zahl zu schätzen. 200. Fünf Minuten später waren wir bei 300, 400. Und es kamen immer noch welche. Die Vampire hatten Freunde mitgebracht.

Jemand packte mich am Po. Ich wirbelte herum und sah Ange, die sich vor Lachen schüttelte.

“Sieh dir das an, Mann, sieh dir die alle an!”, staunte sie. Der Platz war jetzt doppelt so bevölkert wie noch vor wenigen Minuten. Ich wusste nicht, wie viele Xnetter es insgesamt gab, aber mindestens 1000 von ihnen waren gerade bei meiner kleinen Party erschienen. Allmächtiger.

Die DHS- und SFPD-Bullen setzten sich in Bewegung, sprachen in ihre Funkgeräte und gruppierten sich. Ich hörte von fern eine Sirene.

“Na gut”, sagte ich und schüttelte Ange am Arm. “Okay, los gehts.” Wir verschwanden beide in der Menge, und sobald wir unseren ersten Vamp trafen, sagten wir beide laut “Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!” Mein Opfer war ein fassungsloses, süßes Mädchen, das sich Spinnweben auf die Arme gemalt hatte und dem das Mascara bereits die Wangen herablief. Sie sagte “Mist” und zog sich zurück, als sie erkannte, dass ich sie erwischt hatte.

Der Ruf “Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!” hatte die Vampire in der Nähe in Bewegung versetzt. Einige stürzten sich gleich auf die anderen, andere suchten nach Deckung. Für diese Minute hatte ich mein Opfer, deshalb schlich ich mich davon, Irdische als Deckung benutzend. Überall um mich herum nun “Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!”, Rufe, Gelächter, Flüche.

Das Geräusch verbreitete sich wie ein Virus in der Menge. Alle Vampire wussten jetzt, dass das Spiel im Gange war, und die, die sich zu Grüppchen versammelt hatten, fielen jetzt wie die Fliegen. Sie lachten, schimpften und wechselten ihren Standort, um Neuankömmlingen mitzuteilen, dass das Spiel lief. Und neue Vamps kamen immer noch sekündlich dazu.

Seite 170

8:16. Es war Zeit für mich, wieder einen zu erwischen. Ich duckte mich und wuselte zwischen den Beinen der Normalos durch, die unterwegs zu den Treppen zur BART waren. Sie schreckten erstaunt zurück und versuchten mir auszuweichen. Meine Blicke waren völlig fixiert auf ein Paar schwarzer Plateaustiefel mit stählernen Drachen auf den Zehenkappen, deshalb war ich nicht drauf vorbereitet, einem anderen Vampir plötzlich Auge in Auge gegenüberzustehen – einem Typen von vielleicht 15 oder 16 Jahren, der das Haar glatt zurückgegelt hatte und eine Marilyn-Manson-PVC-Jacke trug, dazu Halsketten mit falschen Stoßzähnen, in die komplizierte Symbole eingraviert waren.

“Beißen Beißen Beißen…”, begann er, als einer der Irdischen über ihn stolperte und sie sich beide langmachten. Ich sprang rüber zu ihm und rief “Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!”, bevor er sich wieder losmachen konnte.

Immer mehr Vampire kamen dazu. Die Anzüge wurden allmählich echt nervös. Das Spiel schwappte nun über den Bürgersteig in Van Ness rein und breitete sich Richtung Market Street aus. Autofahrer hupten, und die Straßenbahnen ließen wütendes Klingeln vernehmen. Ich hörte weitere Sirenen, aber mittlerweile war der Verkehr in alle Richtungen zum Erliegen gekommen.

Es war verdammt glorreich.

Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!

Der Ruf kam jetzt von überall her. Es waren so viele Vampire, und sie spielten so leidenschaftlich, dass es ein monströses Getöse war. Ich riskierte es, aufzustehen und mich umzuschauen, und erkannte, dass ich mich mitten in einer gewaltigen Menge von Vamps befand, die sich in alle Richtungen erstreckte, so weit mein Blick reichte.

Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!

Das hier war sogar noch besser als das Konzert in Dolores Park. Dort war es wütendes Rocken gewesen, aber hier – nun, hier war es einfach nur Spaß. Es war wie wieder auf den Spielplatz gehen, wie diese ausufernden Abklatschen-Spiele in sonnigen Mittagspausen, wenn Hunderte Kinder hintereinander her rannten. Die Erwachsenen und die Autos verliehen dem Ganzen nur noch etwas Extra-Spaß.

Ja, genau das war es: Spaß. Wir waren mittlerweile alle nur noch am Lachen.

Aber die Bullen machten jetzt mächtig mobil. Ich hörte Hubschrauber. Nun konnte es jeden Moment vorbei sein. Zeit für das Endspiel.

Ich schnappte mir einen Vamp.

“Endspiel: Wenn die Bullen uns auffordern, uns zu zerstreuen, dann tu so, als hätten sie dich mit Gas erwischt. Weitersagen. Was hab ich gerade gesagt?”

Der Vamp war ein Mädchen, so klein, dass ich erst dachte, sie müsse sehr jung sein, aber nach ihrem Gesicht und dem Grinsen zu urteilen, doch schon 17 oder 18. “Boah, das ist derbe”, sagte sie.

“Was hab ich gesagt?”

“Endspiel: Wenn die Bullen uns auffordern, uns zu zerstreuen, tu so, als hätten sie dich mit Gas erwischt. Weitersagen. Was hab ich gerade gesagt?”

“Stimmt”, sagte ich. “Weitersagen.”

Sie verschwand in der Menge. Ich schnappte mir einen anderen Vampir und gab die Parole aus. Er verschwand, um sie weiterzusagen.

Irgendwo in der Menge, das wusste ich, war Ange dabei, dasselbe zu tun. Irgendwo in der Menge könnten auch Maulwürfe sein, falsche Xnetter, aber was sollten sie mit diesem Wissen schon anfangen? War ja nicht so, dass die Polizei die Wahl hatte. Die mussten uns dazu auffordern, uns zu zerstreuen. Soviel war garantiert.

Seite 171

Ich musste zu Ange kommen. Wir hatten geplant, uns an der Gründerstatue auf der Plaza zu treffen, aber dorthin zu gelangen würde schwierig werden. Die Menge bewegte sich nicht mehr bloß, sondern sie wogte, so wie damals der Mob auf dem Weg runter zur BART am Tag, als die Bomben hochgingen. Ich mühte mich ab, mir einen Weg zu bahnen, als die Lautsprecher unter dem Hubschrauber eingeschaltet wurden.

“HIER SPRICHT DIE HEIMATSCHUTZBEHÖRDE. SIE WERDEN DAZU AUFGEFORDERT, SICH SOFORT VON HIER ZU ENTFERNEN.”

Um mich herum fielen Hunderte Vampire zu Boden, griffen sich an die Kehle, rieben ihre Augen, schnappten nach Luft. So zu tun, als ob man begast würde, war einfach – wir hatten reichlich Gelegenheit gehabt, die Videos aus Mission Dolores Park zu studieren, als das Partyvolk unter Pfefferspray-Wolken zu Boden ging.

“ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER.” Ich fiel zu Boden, aber mit Rücksicht auf meine Tasche, und griff nach hinten zu der roten Baseball-Mütze, die zusammengefaltet im Hosenbund steckte. Ich presste sie auf den Kopf, dann griff ich mir an die Kehle und gab ekelhaft würgende Geräusche von mir.

Die Einzigen, die jetzt noch standen, waren die Irdischen, all die Angestellten, die bloß versucht hatten, zu ihren Jobs zu kommen. Ich blickte mich nach ihnen um, so gut es beim Würgen und Hecheln ging.

“HIER SPRICHT DIE HEIMATSCHUTZBEHÖRDE. SIE WERDEN DAZU AUFGEFORDERT, SICH SOFORT VON HIER ZU ENTFERNEN. ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER.”

Die Stimme Gottes schmerzte in meinen Eingeweiden. Ich spürte sie in meinen Backenzähnen, in den Oberschenkeln und in meinem Rückgrat.

Die Angestellten bekamen Angst. Sie bewegten sich, so schnell sie konnten, aber nicht in eine bestimmte Richtung. Egal wo du standest, die Helikopter schienen unmittelbar über dir zu sein. Die Bullen drangen jetzt in die Menge vor, und sie hatten ihre Helme aufgesetzt. Einige trugen Schilde. Einige trugen Gasmasken. Ich keuchte noch mehr.

Dann fingen die Angestellten an zu rennen. Wahrscheinlich wäre ich auch gerannt. Ich sah, wie ein Typ sich sein 500-Dollar-Jackett vom Körper riss und es sich ums Gesicht wickelte, bevor er südwärts Richtung Mission losrannte, nur um zu stolpern und längs hinzuschlagen. Seine Flüche mengten sich unter die Erstickungsgeräusche.

Das war nicht vorgesehen – das Keuchen hätte die Leute doch nur nervös machen und verwirren sollen, aber nicht zu einer panischen Stampede veranlassen.

Jetzt waren auch Schreie zu hören, Schreie, die ich nur zu gut von jener Nacht im Park kannte. Das waren die Schreie von Leuten, die außer sich waren vor Angst und die sich gegenseitig anrempelten in ihren verzweifelten Versuchen, wegzukommen von hier.

Und dann gingen die Luftschutzsirenen los.

Ich hatte diese Geräusche seit den Bomben nicht mehr gehört, aber ich würde sie nie wieder vergessen. Sie schnitten glatt durch mich hindurch, gingen mir direkt in die Eier und verwandelten meine Beine in Wackelpudding. In meiner Panik wollte ich nur noch wegrennen. Ich mühte mich auf die Füße, rote Mütze auf dem Kopf, und dachte nur an das Eine: Ange. Ange und die Gründerstatue.

Jetzt waren alle auf den Beinen, rannten überallhin, schrien. Ich schubste Leute aus dem Weg, hielt meine Tasche und meine Mütze fest und drängte in Richtung Gründerstatue. Masha suchte nach mir, ich suchte nach Ange. Ange war da draußen.

Ich schubste und fluchte. Rempelte jemanden mit dem Ellbogen an. Irgendjemand trat mir so hart auf den Fuß, dass ich etwas knacksen spürte, und ich rammte ihn, dass er stürzte.

Seite 172

Er versuchte aufzustehen, und ein anderer trat auf ihn. Ich rempelte und rammte weiter.

Dann streckte ich den Arm aus, um den Nächsten zu schubsen, da griffen kräftige Arme mein Handgelenk und meinen Ellbogen in einer flüssigen Bewegung und zogen mir den Arm hinter meinen Rücken. Es fühlte sich an, als ob meine Schulter aus ihrem Gelenk gedreht würde, und sofort beugte ich mich nach vorn – brüllend vor Schmerz, was aber im Lärm der Masse, dem Wummern der Helikopter und dem Sirenengeheul kaum hörbar war.

Die starken Hände hinter mir brachten mich wieder zum Stehen und steuerten mich wie eine Marionette. Der Griff war so perfekt, dass ich nicht mal dran denken konnte, mich herauszuwinden. Ich konnte nicht an den Lärm, nicht an den Hubschrauber und auch nicht an Ange denken. Alles, woran ich denken konnte, war, mich dorthin zu bewegen, wo diese Person hinter mir mich haben wollte. Dann wurde ich umgedreht und sah der Person ins Gesicht.

Es war ein Mädchen mit kantigem Nagetiergesicht, halb verborgen hinter einer riesigen Sonnenbrille. Über den Gläsern stand ein Schopf strahlend pinkfarbener Haare in alle Richtungen ab.

“Du!”, sagte ich. Ich kannte sie. Sie hatte ein Foto von mir gemacht und gedroht, mich damit beim Schwänzerblog zu verpfeifen. Das war fünf Minuten vor den Sirenen gewesen. Das war sie gewesen, rücksichtslos und gerissen. Wir waren beide von diesem Platz im Tenderloin weggerannt, als hinter uns die Huperei begonnen hatte, und wir waren beide von den Bullen aufgegriffen worden. Ich hatte mich feindselig benommen, und sie hatten entschieden, dass ich ein Feind sei.

Sie – Masha – wurde ihre Verbündete.

“Hallo, M1k3y”, zischte sie mir ins Ohr, so nah wie eine Liebhaberin. Ein Zittern kroch mir den Nacken hoch. Sie ließ meinen Arm los, und ich schüttelte ihn.

“O Gott”, sagte ich. “Du!”

“Ja, ich. Das Gas kommt in zirka zwei Minuten runter. Zeit, unsern Arsch zu retten.”

“Ange – meine Freundin – ist bei der Gründerstatue.”

Masha blickte über die Menge. “Keine Chance”, sagte sie. “Wenn wir versuchen, dahin zu kommen, sind wir geliefert. Das Gas kommt in zwei Minuten runter, falls dus beim ersten Mal nicht gehört hast.”

Ich blieb stehen. “Ohne Ange gehe ich nicht”, sagte ich.

Sie zuckte die Achseln. “Wie du willst”, rief sie mir ins Ohr. “Es ist deine Beerdigung.”

Sie fing an, sich durch die Menge zu drängen, weg, nach Norden, Richtung Downtown. Ich drängte weiter zur Gründerstatue. Einen Augenblick später war mein Arm wieder in dem grässlichen Haltegriff, und ich wurde herumgestoßen und vorwärtsgetrieben.

“Du weißt zuviel, Schwachkopf. Du hast mein Gesicht gesehen. Du kommst mit mir.”

Ich brüllte sie an, zappelte, bis ich dachte, gleich müsse mein Arm brechen, aber sie trieb mich weiter. Mein verletzter Fuß peinigte mich bei jedem Schritt, und meine Schulter fühlte sich an wie kurz vorm Abbrechen.

Indem sie mich als ihren Rammbock benutzte, kamen wir in der Menge ganz gut voran. Das Jaulen der Helikopter veränderte sich, und sie schubste mich noch fester. “RENN!”, schrie sie. “Jetzt kommt das Gas!”

Der Lärm der Menge änderte sich ebenfalls. Die erstickten Geräusche und das Brüllen wurden sehr viel lauter. Ich hatte dieses Anschwellen des Lärms schon mal gehört. Wir waren wieder im Park. Das Gas regnete herab. Ich hielt die Luft an und RANNTE.

Wir schoben uns aus der Masse heraus, und sie ließ meinen Arm los.

Seite 173

Ich humpelte, so schnell ich konnte, auf den Bürgersteig, während die Menge sich mehr und mehr zerstreute. Wir liefen auf eine Gruppe von DHS-Bullen mit Schutzschilden, Helmen und Masken zu. Als wir näher kamen, versuchten sie uns den Weg zu versperren, aber Masha hielt eine Marke hoch, und sie wichen zurück, als sei sie Obi Wan Kenobi, wenn er sagt, “Das sind nicht die Droiden, die ihr sucht”.

“Du gottverdammtes Miststück”, sagte ich, als wir Market Street raufhetzten. “Wir müssen zurückgehen, um Ange zu holen.”

Sie spitzte die Lippen und schüttelte den Kopf. “Tut mir echt Leid für dich, Kumpel. Ich hab meinen Freund jetzt schon Monate nicht gesehen. Der denkt wahrscheinlich, ich bin tot. Kriegsschicksale. Wenn wir für deine Ange zurückgehen, sind wir tot. Wenn wir weiterlaufen, haben wir eine Chance. Und wenn wir eine Chance haben, hat sie auch eine. Diese Kids kommen nicht alle nach Gitmo. Die werden wohl ein paar hundert zum Befragen dabehalten und den Rest heimschicken.”

Wir liefen weiter Market Street hoch und kamen jetzt an den Strip-Lokalen vorbei, wo auch die Penner und Junkies ihre kleinen Lager aufgeschlagen hatten, die wie offene Klohäuschen stanken. Masha führte mich zu einer Nische im verschlossenen Eingang einer dieser Striptease-Höhlen. Sie zog ihre Jacke aus und wendete sie – das Futter war ein gedämpftes Streifenmuster, und durch die umgedrehten Nähte fiel die Jacke jetzt auch anders. Aus der Tasche zog sie eine Wollmütze hervor, die sie so über ihr Haar zog, dass es eine kecke seitliche Ausbuchtung ergab. Dann holte sie ein paar Abschmink-Tücher heraus und bearbeitete ihr Gesicht und die Fingernägel. Einen Moment später war sie eine andere Frau.

“Kleidung wechseln”, sagte sie. “Jetzt du. Schuhe aus, Jacke aus, Mütze aus.” Ich verstand, was sie meinte. Die Bullen würden ziemlich sorgfältig nach jedem Ausschau halten, der aussah, als könnte er beim VampMob dabeigewesen sein. Die Mütze warf ich gleich weg – diese Sorte Caps hatte ich eh nie leiden können. Dann stopfte ich die Jacke in meine Tasche und holte ein Langarmshirt mit Rosa-Luxemburg-Aufdruck heraus, das ich über mein schwarzes T-Shirt zog. Ich ließ Masha mein Make-up und den Nagellack abwischen, und ruckzuck war ich sauber.

“Schalt dein Handy aus”, sagte sie. “Irgendwelche RFIDs dabei?” Ich hatte meinen Studentenausweis, meine Geldautomatenkarte und den Fast Pass. Alles wanderte in einen silbernen Beutel, den sie mir hinhielt und den ich als strahlendichten Faraday-Beutel erkannte. Aber als sies in ihre Tasche steckte, dämmerte mir, dass ich ihr gerade meine gesamte Identifikation anvertraut hatte. Wenn sie nun auf der gegnerischen Seite war?

Allmählich wurde mir auch die Tragweite dessen bewusst, was gerade passiert war. Ich hatte mir ausgemalt, dass Ange in diesem Moment bei mir sein würde. Mit Ange wären wir zwei gegen eine. Ange würde mir helfen, zu merken, ob irgendwas faul war. Ob Masha nicht die war, als die sie sich ausgab.

“Steck diese Kiesel in deine Schuhe, bevor du sie wieder anziehst.”

“Nicht nötig. Ich hab mir den Fuß verstaucht. Kein Schritterkennungsprogramm wird mich jetzt erkennen.”

Sie nickte einmal, zwei Profis unter sich, und schleuderte ihre Tasche über. Ich schnappte mir meine, und weiter gings. Gesamtzeit für den Wechsel war weniger als eine Minute gewesen, und wir sahen aus und liefen wie zwei andere Menschen.

Sie schaute auf die Uhr und schüttelte den Kopf. “Komm schon”, sagte sie, “wir müssen zu unserem Treffpunkt. Komm aber ja nicht auf die Idee wegzurennen. Du hast jetzt die Wahl zwischen mir und dem Knast. Die werden ein paar Tage brauchen, um die Aufzeichnungen vom Mob zu analysieren, aber wenn sie damit durch sind, wandert jedes Gesicht in eine Datenbank. Unser Verschwinden wird bemerkt werden. Wir sind jetzt beide gesuchte Kriminelle.”

Seite 174

Am nächsten Block bogen wir von Market Street ab und liefen Richtung Tenderloin zurück. Diese Ecke kannte ich. Hier war es, wo wir das offene WLAN gesucht hatten, an diesem Tag, als wir Harajuku Fun Madness spielten.

“Wohin gehen wir?”, fragte ich.

“Wir trampen. Halt die Klappe, ich muss mich konzentrieren.” Wir hatten Tempo drauf, und Schweiß floss mir übers Gesicht, den Rücken runter, durch die Po-Ritze und über die Schenkel. Mein Fuß tat heftig weh, und die Straßen von San Francisco rauschten an mir vorbei, vielleicht zum letzten Mal für immer.

Es machte die Sache auch nicht besser, dass wir ständig bergauf stampften, dorthin, wo das schäbige Tenderloin den Luxusimmobilien von Nob Hill weicht. Ich atmete in abgerissenen Japsern. Sie lotste uns zumeist durch schmale Gässchen und benutzte die großen Straßen nur, um von einem Schleichpfad zum nächsten zu gelangen.

Als wir gerade in so ein Gässchen, Sabin Place, einbogen, trat jemand hinter uns und sagte: “Bleibt stehen, wo ihr seid.” Die Stimme quoll über von bösartiger Fröhlichkeit. Wir blieben stehen und drehten uns um.

Am Anfang des Weges stand Charles, gekleidet in ein halbherziges VampMob-Outfit aus schwarzem T-Shirt und Jeans plus weißer Gesichtsbemalung. “Hallo, Marcus”, sagte er. “Wohin des Wegs?” Er grinste ein breites, nasses Grinsen. “Wer ist deine Freundin?”

“Was willst du, Charles?”

“Ach, weißt du, ich hab in diesem Verräter-Xnet rumgehangen seit dem Tag, an dem ich gesehen habe, wie du in der Schule DVDs verteilt hast. Als ich von diesem VampMob hörte, dachte ich, ich geh mal hin und schau mich um, ob ich dich sehe und was du da treibst. Und weißt du, was ich gesehen habe?”

Ich sagte nichts. Er hatte sein Handy auf uns gerichtet und zeichnete auf. Wahrscheinlich würde er gleich 911 wählen. Neben mir war Masha steif geworden wie ein Brett.

“Ich habe gesehen, wie du das verdammte Ding ANGEFÜHRT hast. Und ich hab es aufgezeichnet, Marcus. Jetzt rufe ich die Polizei an, und wir werden hier auf sie warten. Und dann wirst du für ne verdammt lange Zeit im allerfinstersten Knast verschwinden.”

Masha trat nach vorn.

“Bleib stehen, Schlampe”, sagte er. “Ich hab gesehen, wie du ihm bei der Flucht geholfen hast. Ich habe alles gesehen…”

Sie machte noch einen Schritt vorwärts und entriss ihm das Handy, während sie gleichzeitig mit ihrer anderen Hand nach hinten griff, eine Brieftasche holte und sie aufklappte.

“DHS, Schwachkopf”, sagte sie. “Ich bin beim DHS. Und ich hab diesen Blödmann zu seinen Auftraggebern laufen lassen, um zu sehen, wohin er geht. Wollte ich zumindest. Jetzt hast dus vergeigt. Wir haben einen Namen für so was. Wir nennen das ,Behinderung der Nationalen Sicherheit’. Du wirst den Begriff in Zukunft noch ziemlich oft hören.”

Charles wich einen Schritt zurück, die Hände nach vorn gestreckt. Er war unter seinem Make-up noch blasser geworden. “Was? Nein! Ich meine… ich wusste das nicht! Ich wollte doch nur HELFEN!”

“Das Allerletzte, was wir brauchen, ist ein Trupp Schüler-G-Men, die uns ,helfen’, Kumpel. Das kannst du dem Richter erzählen.”

Er wich weiter zurück, aber Masha war schnell. Sie packte sein Handgelenk und zwang ihn in denselben Judo-Griff, in dem sie mich am Civic Center gehalten hatte. Ihre Hand verschwand wieder hinten in den Taschen und kam diesmal mit einem Streifen Plastik wieder hervor, Plastikhandschellen, die sie ratzfatz um seine Handgelenke wickelte.

Seite 175

Das war das Letzte, was ich sah, bevor ich losrannte.

Ich schaffte es bis zum anderen Ende der Gasse; dann holte sie mich ein, tackelte mich von hinten und warf mich zu Boden. Ich hatte nicht sehr schnell rennen können mit meinem lädierten Fuß und der schweren Tasche. Ich landete hart auf dem Gesicht und schrammte meine Wange am rauen Asphalt auf.

“Oh Gott”, sagte sie, “du bist so ein gottverdammter Idiot. Du hast das doch nicht wirklich geglaubt, oder?”

Mein Herz wummerte in der Brust. Sie lag auf mir drauf und ließ mich jetzt langsam wieder aufstehen.

“Muss ich dich fesseln, Marcus?”

Ich kam wieder auf die Beine. Alles tat mir weh. Ich wollte nur noch sterben.

“Komm jetzt”, sagte sie. “Es ist nicht mehr weit.”

“Es” entpuppte sich als Umzugslaster auf einer Nebenstraße in Nob Hill, ein Achtachser in der Größe der allgegenwärtigen DHS-Trucks, die immer noch, antennenüberladen, an San Franciscos Straßenecken auftauchten.

Dieser hier trug jedoch die Aufschrift “Drei Jungs und ein Laster – Umzüge”, und die drei Jungs waren deutlich zu sehen, wie sie bei einem großen Appartementhaus mit grünem Vordach ein- und ausgingen. Vorsichtig trugen sie verpackte Möbel und säuberlich beschriftete Kartons zum Laster, brachten sie einzeln hinein und verstauten sie sorgfältig.

Masha ließ uns noch einmal um den Block laufen, weil sie offensichtlich mit etwas unzufrieden war; bei der nächsten Runde stellte sie Blickkontakt zu dem Mann her, der den Laster beaufsichtigte, einem älteren Farbigen mit Nierengurt und robusten Handschuhen. Er hatte ein freundliches Gesicht und lächelte uns zu, als sie uns schnell, aber beiläufig die drei Stufen zum Truck hoch und in seine Tiefen hineinführte. “Unter dem großen Tisch”, sagte er. “Wir haben euch da ein bisschen Platz gelassen.”

Der Truck war schon mehr als zur Hälfte voll, aber es gab einen schmalen Gang rund um einen riesigen Tisch, über den eine Quiltdecke geworfen war und dessen Beine mit Blisterfolie eingewickelt waren.

Masha zog mich unter den Tisch. Es war schwül, still und staubig da unten, und ich unterdrückte ein Niesen, als wir uns zwischen den Kartons zusammenkauerten. Der Platz war so knapp, dass wir aufeinander hingen. Ich glaube nicht, dass Ange da auch noch drunter gepasst hätte.

“Du Miststück”, sagte ich zu Masha.

“Halts Maul. Du solltest mir lieber die Stiefel lecken aus Dankbarkeit. In einer Woche, höchstens zwei, wärst du im Knast gewesen. Nicht Gitmo-an-der-Bay. Eher Syrien. Ich glaube, da haben sie die hingeschickt, die sie wirklich verschwinden lassen wollten.”

Ich legte den Kopf auf die Knie und versuchte tief zu atmen.

“Was hat dich überhaupt auf die Schwachsinnsidee gebracht, dem DHS den Krieg zu erklären?”

Ich erzählte es ihr. Ich erzählte ihr von meiner Festnahme, und ich erzählte ihr von Darryl.

Sie befingerte ihre Taschen und zog ein Handy raus. Es war das von Charles. “Falsches Telefon.” Sie holte ein anderes raus. Sie schaltete es ein, und der Schein seines Monitors erfüllte unser kleines Fort. Nach ein wenig Rumgetippe zeigte sie es mir.

Es war das Bild, das sie von uns gemacht hatte, unmittelbar bevor die Bomben hochgingen. Es war das Bild von Jolu und Van und mir und…

Darryl.

Seite 176

In meiner Hand hielt ich den Beweis, dass Darryl Minuten vor unserer Festnahme bei uns gewesen war. Den Beweis, dass er lebte, wohlauf und in unserer Begleitung war.

“Du musst mir eine Kopie davon geben”, sagte ich. “Ich brauch das.”

“Wenn wir in L.A. sind”, sagte sie und nahm das Handy wieder an sich. “Wenn du erst mal eine Einführung in die Kunst hattest, ein Flüchtling zu sein, ohne unsere beiden Ärsche in Syrien verschwinden zu lassen. Ich will nicht, dass du Rettungsfantasien für diesen Typ entwickelst. Da, wo er ist, ist er sicher – momentan.”

Ich spielte mit dem Gedanken, ihr das Handy mit Gewalt abzunehmen, aber sie hatte mir ja schon ihre physischen Fähigkeiten bewiesen. Sie musste ein Schwarzgurt sein oder so was.

Wir saßen da im Dunkeln, hörten den drei Jungs zu, wie sie den Laster mit Kartons beluden, alles verrödelten und dabei ächzten vor Anstrengung. Ich versuchte zu schlafen, aber es ging nicht. Masha hatte das Problem nicht. Sie schnarchte.

Immer noch schien Licht durch den engen, zugestellten Korridor, der uns mit der frischen Luft draußen verband. Ich starrte es an durch die Finsternis und dachte an Ange.

Meine Ange. Ihr Haar, das über ihre Schultern strich, wenn sie den Kopf schüttelte vor Lachen über etwas, das ich getan hatte. Ihr Gesicht, wie ich es zum letzten Mal sah, als sie beim VampMob in der Menge untertauchte. All diese Menschen beim VampMob, wie die Menschen im Park, wie sie sich auf dem Boden krümmten, während das DHS mit Knüppeln einmarschierte. Die Verschwundenen.

Darryl. Festgesetzt auf Treasure Island, seine Seite genäht, aus der Zelle geholt für endlose Befragungen über die Terroristen.

Darryls Vater, ruiniert, betrunken, unrasiert. Gewaschen und in seiner Uniform, “für die Fotos”. Weinend wie ein kleiner Junge.

Mein eigener Vater und die Veränderungen, die durch mein Verschwinden auf Treasure Island in ihm vorgegangen waren. Er war ebenso gebrochen gewesen wie Darryls Vater, nur eben auf seine Art. Und sein Gesicht, als ich ihm erzählte, wo ich gewesen war.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich nicht weglaufen konnte.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich bleiben musste – und kämpfen.

Mashas Atem war tief und gleichmäßig, aber als ich unendlich langsam in ihrer Tasche nach dem Telefon griff, da schnüffelte sie ein bisschen und verlagerte ihre Position. Ich erstarrte und wagte ganze zwei Minuten lang nicht einmal zu atmen – ein-und-zwan-zig-, zwei-und-zwan-zig,…

Ganz langsam beruhigte sich ihr Atem wieder. Millimeter für Millimeter schob ich das Handy etwas weiter aus ihrer Jackentasche heraus, meine Finger und der ganze Arm zitternd von der Anstrengung, sich so langsam bewegen zu müssen.

Dann hatte ich es, ein kleines schokoriegelförmiges Dingens.

Ich drehte mich zum Licht hin, als mich blitzartig eine Erinnerung überfiel: Charles, wie er sein Handy hielt, es auf uns richtete, uns verhöhnte. Das war eins in Riegelform gewesen, silbern, übersät mit den Logos von einem Dutzend Firmen, die den Gerätepreis über die Telefongesellschaft subventioniert hatten. Es war die Sorte Handy, bei der man vor jedem Telefonat erst mal einen Werbespot anhören musste.

Es war zu duster im Truck, um das Handy deutlich zu sehen, aber ich konnte es fühlen. Waren das Firmenlogos an den Seiten? Ja? Ja. Ich hatte Masha gerade das Handy von Charles gestohlen.

Seite 177

Langsam, langsam drehte ich mich wieder zurück, und langsam, langsam, LANGSAM griff ich wieder in ihre Tasche. Ihr Handy war größer und klobiger, mit einer besseren Kamera und werweißwas sonst noch.

Ich hatte das nun schon mal bewältigt – das machte es etwas leichter. Erneut legte ich es millimeterweise frei, wobei ich zwei Mal pausierte, als sie schnaufte und zuckte.

Ich hatte das Handy gerade aus ihrer Tasche befreit und war dabei, mich wegzubewegen, als ihre Hand hervorschoss, schnell wie eine Schlange, und mein Handgelenk umklammerte, hart, mit knirschenden Fingerspitzen auf den kleinen, dünnen Knochen unter meiner Hand.

Ich schnappte nach Luft und starrte in Mashas weit offene Augen.

“Du bist so ein Idiot”, sagte sie beiläufig, nahm mir das Handy weg und tippte mit der anderen Hand darauf herum.

“Wie hättest du das überhaupt wieder entsperren wollen?”

Ich schluckte. Ich fühlte Knochen in meinem Handgelenk aufeinander reiben. Ich biss mir auf die Lippe, um nicht laut loszuschreien.

Mit ihrer anderen Hand tippte sie weiter. “Ist es das, mit dem du dich davonmachen wolltest?” Sie zeigte mir das Foto von uns allen, Darryl und Jolu, Van und mir. “Dieses Bild?”

Ich sagte gar nichts. Mein Handgelenk fühlte sich an, als würde es gleich zerbersten.

“Vielleicht sollte ichs einfach löschen, um dich nicht weiter in Versuchung zu führen.” Ihre freie Hand bewegte sich weiter. Ihr Telefon fragte sie, ob sie sicher sei, und sie musste draufschauen, um die richtige Taste zu finden.

Das war meine Chance. Ich hatte Charles’ Handy immer noch in der anderen Hand, und ich hieb damit so hart ich konnte auf die Hand ein, mit der sie mich umklammerte. Beim Ausholen schlug ich mir die Fingerknöchel an der Tischplatte über mir wund, aber ich traf ihre Hand so fest, dass das Telefon zersplitterte; sie schrie auf, und ihre Hand wurde schlaff. Ich ließ nicht locker, griff nach ihrer anderen Hand, nach ihrem jetzt entsperrten Telefon, über dessen OK-Taste immer noch ihr Daumen drohte. Ihre Finger verkrampften sich im Leeren, als ich ihr das Handy entriss.

Auf Händen und Knien arbeitete ich mich den Korridor entlang, dem Licht entgegen. Zwei Mal spürte ich, wie ihre Hände nach meinen Füßen und Knöcheln griffen, und ich musste ein paar der Kartons, die uns wie einen Pharao in seinem Grab eingemauert hatten, beiseite schubsen. Einige davon fielen hinter mir zu Boden, und ich hörte Masha wieder ächzen.

Die Rolltür des Trucks war einen Spalt breit offen, und ich tauchte darunter durch. Die Trittleiter war entfernt worden, und ich fand mich über der Straße hängend wieder, rutschte mit dem Kopf zuvorderst hinab und schlug mit der Stirn dermaßen hart auf dem Asphalt auf, dass es in meinen Ohren schepperte wie ein Gong. Indem ich mich am Stoßfänger festklammerte, mühte ich mich wieder auf die Füße und zog verzweifelt den Griff nach unten, bis die Tür zuknallte. Innen schrie Masha auf – ich musste ihre Fingerkuppen erwischt haben. Ich dachte, ich müsse mich übergeben, aber ich tat es nicht.

Stattdessen verriegelte ich den Truck. – Fortsetzung Kapitel 20

______________________________________________________________________________________

Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.