Little Brother

Kapitel 18

Dieses Kapitel ist Vancouvers mehrsprachigem Sophia Books gewidmet, einem vielseitigen, spannenden Laden voll mit dem Besten, das die merkwürdige, aufregende Popkultur vieler Länder zu bieten hat. Sophia war um die Ecke meines Hotels, als ich nach Van kam, um eine Rede an der Simon Fraser University zu halten, und die Leute bei Sophia baten mich im Voraus per Mail darum, bei ihnen reinzuschauen und ihren Bestand zu signieren, wenn ich schon mal in der Nähe sei.

Als ich dort ankam, entdeckte ich eine wahre Fundgrube von Werken, die ich nie zuvor gesehen hatte, in einer verwirrenden Vielzahl von Sprachen, von Comic-Romanen bis hin zu dicken akademischen Abhandlungen, unter der Obhut von netten, ungemein lustigen Mitarbeitern, die ihre Jobs so offensichtlich genossen, dass das auf jeden Kunden abfärbte, der den Laden betrat.

Sophia Books:

http://www.sophiabooks.com/

450 West Hastings St., Vancouver, BC Canada V6B1L1 +1 604 684 0484

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Es gab mal ne Zeit, da war es meine absolute Lieblingsbeschäftigung, einen Umhang anzulegen und in Hotels rumzuhängen, um so zu tun, als sei ich ein unsichtbarer Vampir, der von jedermann angestarrt wurde.

Das ist kompliziert, aber nicht halb so bizarr, wie es klingt. Die Live-Action-Rollenspielszene verbindet die besten Seiten von “Dungeons & Dragons” mit Drama Club und Science-Fiction-Conventions.

Es ist mir klar, dass das für euch nicht ganz so anziehend klingt wie für mich, als ich vierzehn war.

Die besten Spiele waren die in den Pfadfinderlagern außerhalb der Stadt: Hundert Teenager, Jungs und Mädchen, die sich mit dem Freitagabend-Verkehr abplagten, Geschichten tauschten, auf Handheld-Konsolen spielten und stundenlang auf den Putz hauten. Und sich dann im Gras vor einer Gruppe älterer Männer und Frauen in knallharten selbstgemachten Rüstungen aufstellten, Rüstungen mit Dellen und Kratzern, wie sie früher ausgesehen haben mussten, nicht so wie die Rüstungen im Kino, sondern so wie Soldatenuniformen nach einem Monat im Feld.

Diese Leute wurden pro forma dafür bezahlt, die Spiele zu leiten, aber solche Jobs bekamst du nur, wenn du die Sorte Mensch warst, der das auch für lau machen würde. Wir waren auf Basis der Fragebögen, die wir im Vorfeld ausgefüllt hatten, in Gruppen eingeteilt worden, und nun wurden wir unseren Teams zugeordnet, ganz wie bei der Seitenverteilung beim Baseball.

Dann bekamen wir unsere Briefings. Die waren so ähnlich wie die Briefings, die Spione in Filmen bekommen: Hier ist deine Identität, hier ist dein Auftrag, und das hier sind die Geheimnisse, die du über die Gruppe weißt.

Danach war Essenszeit: Feuer prasselte, Fleisch brutzelte am Spieß, in der Pfanne zischte das Tofu (das hier ist Nordkalifornien, hier ist die Veggie-Option nicht bloß optional), und die Tischsitten konnte man beim besten Willen nur als Zecherei bezeichnen.

Die eifrigsten Kids schalteten jetzt bereits auf ihren Rollenspiel-Charakter um. In meinem ersten Spiel war ich ein Zauberer. Ich hatte eine Tasche voller Bohnensäckchen, die Zaubersprüche darstellten – wenn ich einen warf, musste ich den Namen des Zaubers rufen, den ich anwenden wollte (Feuerball, magisches Geschoss, Lichtkegel), und der Spieler, das “Monster”, auf den ich warf, musste hintenüber kippen, wenn ich traf. Oder auch nicht – manchmal mussten wir einen Schiedsrichter rufen, der dann vermittelte, aber die meiste Zeit waren wir ziemlich gut im Fairplay. Erbsenzähler mochte keiner leiden.

Bis zur Schlafenszeit waren wir alle voll in unseren Rollen drin. Mit vierzehn wusste ich zwar noch nicht sicher, wie so ein Zauberer klingen musste, aber ich hatte meine Anregungen aus Filmen und Büchern. Ich sprach in langsamen, gemessenen Sätzen, wahrte einen angemessen mystischen Gesichtsausdruck und dachte mystische Gedanken.

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Die Aufgabe war knifflig: Es ging darum, eine heilige Reliquie wiederzubeschaffen, die von einem Menschenfresser gestohlen worden war, der die Leute des Landes seinem Willen unterjochte. Aber im Grunde war das nicht so wichtig. Wichtig war für mich, dass ich eine private Mission hatte, nämlich einen bestimmten Typ Kobold zu fangen und zu meinem Vertrauten zu machen, und dass ich einen geheimen Gegenspieler hatte, einen anderen Spieler im Team, der früher, als ich ein Kind war, an einem Angriff teilgenommen hatte, bei dem meine Familie umgebracht wurde, und der nicht wusste, dass ich zurückkommen würde, um Rache zu nehmen. Und natürlich war irgendwo noch ein anderer Spieler, der ähnlichen Zorn gegen mich hegte, sodass ich bei all der angenehmen Kameradschaft im Team immer auch darauf achten musste, ob jemand versuchte, mir ein Messer in den Rücken zu rammen oder Gift ins Essen zu streuen.

Die nächsten zwei Tage lang spielten wir die Sache aus. Teile des Wochenendes waren wie Versteckspielen, andere waren wie Survivaltraining in der Wildnis, und wieder andere waren wie Kreuzworträtsellösen. Die Spielleiter hatten ihren Job toll gemacht. Und es entwickelten sich echte Freundschaften mit den anderen Leuten in der eigenen Mission. Darryl war das Opfer meines ersten Mordes, und ich kniete mich echt rein, obwohl er mein Kumpel war. Netter Kerl; wirklich schade, dass ich ihn töten musste.

Ich erwischte ihn mit einem Feuerball, während er die Beute checkte, nachdem wir eine Horde von Orks plattgemacht hatten, indem wir mit jedem Ork eine Runde Schere-Stein-Papier spielten, um auszumachen, wer den Kampf gewinnen würde. Das ist viel spannender, als es klingt.

Das war wie Sommerfreizeit für Drama-Fans. Wir quatschten in unseren Zelten bis tief in die Nacht, betrachteten die Sterne, sprangen in den Fluss, wenn uns heiß wurde, und erschlugen Stechmücken. Wir wurden beste Freunde – oder Feinde fürs Leben.

Ich weiß nicht, warum Charles’ Eltern ihren Sohn zum LARPen geschickt hatten. Er war nicht die Art Junge, die dieses Zeug wirklich genoss. Er war eher die Sorte, die Fliegen ihre Flügel ausriss. Na ja, vielleicht auch nicht. Aber er war echt nicht der Typ, in Verkleidung im Wald rumzurennen. Er muffelte die ganze Zeit bloß rum, hatte für alles und jeden bloß Verachtung übrig und versuchte uns davon zu überzeugen, dass das alles lange nicht so toll war, wie wir glaubten. Bestimmt habt ihr solche Menschen schon getroffen: Menschen, deren selbst gestellte Aufgabe es ist, allen anderen jeglichen Spaß zu verderben.

Charles’ zweites Problem war, dass er simulierte Gefechte einfach nicht begreifen konnte. Wenn man erst mal anfängt, im Wald rumzurennen und ausgefeilte halbmilitärische Spiele zu spielen, dann geht es ganz schnell, bis dein Adrenalinspiegel so hoch ist, dass du bereit bist, jemandem in echt an die Gurgel zu gehen. Und in diesem Zustand ist es wirklich keine gute Idee, ein Schwert, eine Keule, Lanze oder ein anderes Utensil zur Hand zu haben. Aus diesem Grund ist es in solchen Spielen jedem Teilnehmer absolut strikt verboten, einen anderen zu schlagen.

Stattdessen sind, wenn du jemandem nahe genug zum Kämpfen kommst, einige flotte Runden Schere-Stein-Papier angesagt, unter Berücksichtigung deiner jeweiligen Erfahrung und Bewaffnung und deines Gesundheitszustands. Die Schiedsrichter schlichten Streitereien. Das ist ziemlich zivilisiert und ein bisschen bizarr. Da rennst du jemandem durch den Wald hinterher, holst ihn ein, fletschst die Zähne, und dann setzt du dich mit ihm hin auf ein kleines Spielchen. Aber es funktioniert, und es sorgt dafür, dass alles sicher und spaßig bleibt.

Charles konnte das partout nicht begreifen. Ich glaube schon, dass er verstanden hatte, dass die Regel “kein Kontakt” lautete, aber er war zugleich in der Lage, zu entscheiden, dass die Regel egal war und dass er ihr nicht gehorchen wollte. Die Schiedsrichter mussten ihn deshalb ein paar Mal an diesem Wochenende zur Ordnung rufen, und immer versprach er, sich dran zu halten, und immer ignorierte er die Regeln aufs Neue. Er war schon damals einer von den Größeren, und es machte ihm Spaß, dich am Ende einer Jagd “versehentlich” zu tackeln. Und wenn du auf dem felsigen Waldboden landest, ist Tackling kein Vergnügen.

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Ich hatte grade Darryl auf einer Waldlichtung ordentlich gequält, wo er auf Schatzsuche war, und wir lachten zusammen über meine enorme Heimtücke. Er wollte grade Monstern gehen – getötete Spieler konnten zu Monstern werden, und das bedeutete, dass mit fortschreitender Spieldauer immer mehr Monster hinter dir her waren, so dass jeder weiterspielen musste und die Schlachten immer ausschweifender wurden.

In diesem Moment kam Charles hinter mir aus dem Unterholz hervor und tackelte mich; er stieß mich so hart zu Boden, dass mir einen Moment lang die Luft wegblieb. “Hab dich!”, brüllte er. Bis dahin hatte ich ihn nur entfernt gekannt, und allzu viel von ihm gehalten hatte ich noch nie; aber jetzt war ich bereit zu töten. Langsam erhob ich mich und schaute ihn an mit seinem Grinsen und der stolzgeschwellten Brust. “Du bist so was von tot”, sagte er. “Ich hab dich astrein erwischt.”

Ich grinste, und dabei fühlte sich etwas in meinem Gesicht falsch und wund an. Ich berührte meine Oberlippe. Sie war blutig. Meine Nase blutete, und meine Lippe war aufgeplatzt, als ich nach seinem Angriff mit dem Gesicht zuerst auf einer Wurzel gelandet war.

Ich wischte das Blut an meinem Hosenbein ab und lächelte. Ich gab mir den Anschein, das alles unheimlich lustig zu finden, lachte ein bisschen und ging auf ihn zu.

Charles ließ sich nicht überlisten. Er war schon am Zurückweichen und versuchte, im Gebüsch zu verschwinden. Darryl schnitt ihm den einen Fluchtweg ab. Ich übernahm den anderen. Plötzlich drehte er sich um und rannte. Darryls Fußangel ließ ihn die Schwalbe machen. Wir stürzten uns gerade auf ihn, als wir eine Schiedsrichterpfeife hörten.

Der Schiedsrichter hatte nicht gesehen, wie Charles mich foulte, aber er hatte ihn am Wochenende beim Spielen beobachtet. So sandte er Charles zum Camp-Eingang zurück und erklärte ihm, dass er aus dem Spiel war. Charles beschwerte sich lautstark, aber zu unserer Genugtuung wollte der Unparteiische nichts davon wissen. Als Charles fort war, hielt er auch uns eine Standpauke und sagte, unsere Vergeltung sei um nichts mehr gerechtfertigt gewesen als der Angriff von Charles.

Damit war es okay. Als die Spiele an diesem Abend zu Ende waren, nahmen wir alle in den Lagerunterkünften eine heiße Dusche. Darryl und ich stahlen Charles’ Klamotten und sein Handtuch. Wir knoteten alles zusammen und warfen die Bündel ins Pissoir. Eine Menge Jungs waren nur zu glücklich, uns beim Einweichen helfen zu dürfen – Charles war bei seinen Rempeleien ziemlich enthusiastisch gewesen.

Ich wünschte, ich hätte ihn sehen können in dem Moment, als er aus der Dusche kam und seine Kleidung entdeckte. Muss eine schwierige Entscheidung sein: Rennst du nackt durchs Camp, oder dröselst du die fest verknoteten, zugepissten Klamotten auseinander und ziehst sie an?

Er wählte Nacktheit. Ich hätte wahrscheinlich dasselbe gewählt. Wir stellten uns in einer langen Reihe zwischen den Duschen und den Baracken auf, wo das Gepäck lagerte, und applaudierten ihm. Ich stand am Anfang der Reihe und klatschte am lautesten.

Diese Wochenendlager gab es nur drei oder vier Mal im Jahr, was bei Darryl und mir – und vielen anderen LARPern – zu ernsthaften Entzugserscheinungen führte. Zum Glück gab es noch die Wretched-Daylight-Spiele in den Hotels der Stadt. Wretched Daylight ist ein anderes LARP mit rivalisierenden Vampir-Clans und Vampirjägern, und es hat seine eigenen raffinierten Regeln.

Man bekommt Spielkarten zur Bewältigung der Kämpfe, so dass jedes Geplänkel eine kleine Runde eines Strategie-Kartenspiels umfasst. Vampire können unsichtbar werden, indem sie sich ihren Mantel über den Kopf ziehen und die Arme vor der Brust verschränken; dann müssen alle anderen Mitspieler so tun, als ob sie diesen Vampir nicht sehen, und ihre Unterhaltung über ihre Pläne und so weiter fortsetzen. Einen wirklich guten Spieler erkennt man daran, dass er ehrlich genug ist, seine Geheimnisse vor einem “unsichtbaren” Rivalen auszuplaudern und dabei so zu tun, als sei dieser gar nicht im Raum.

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Jeden Monat fand eine Handvoll großer Wretched-Daylight-Spiele statt. Die Organisatoren der Spiele hatten einen guten Draht zu den Hotels der Stadt und ließen sie jeweils wissen, dass sie freitagnachts zehn bis dahin unbelegte Zimmer buchen und mit Spielern füllen würden. Die Spieler würden dann im Hotel herumstreifen und in den Korridoren, am Pool und so halbwegs unauffällig Wretched Daylight spielen, sie würden im Hotelrestaurant essen und für die Nutzung des Hotel-WLANs bezahlen. Freitagnachmittags war Meldeschluss; dann mailten die Organisatoren uns an, und wir gingen nach der Schule direkt zu dem jeweiligen Hotel, brachten unsere Schlafsäcke mit, schliefen übers Wochenende jeweils zu sechst oder acht in einem Zimmer, ernährten uns von Junk-Food und spielten bis drei Uhr früh. Es war ein nettes, sauberes Vergnügen, gegen das unsere Eltern nichts einzuwenden hatten.

Organisator war ein bekannter Bildungs-Förderverein, der Schreib-Workshops, Theaterkurse und dergleichen mehr für Jugendliche anbot. Er veranstaltete die Spiele schon seit zehn Jahren, ohne dass es je einen Zwischenfall gegeben hätte. Alles war streng alkohol- und drogenfrei, um die Organisatoren nicht irgendwelchen Vorwürfen der Verführung Minderjähriger auszusetzen. Je nach Wochenende kamen zwischen zehn und hundert Spieler zusammen, und für den Preis weniger Kinokarten hatten wir zweieinhalb Tage lang mächtig Spaß.

Doch eines Tages gelang es ihnen, einen Block von Zimmern im Monaco zu buchen, einem Hotel im Tenderloin, das sich an kunstbeflissene ältere Touristen richtete – einem dieser Orte, an denen in jedem Zimmer ein Goldfischglas stand und die Empfangshalle voll war mit wundervollen alten Menschen in feiner Kleidung, die ihre Ergebnisse plastischer Chirurgie zur Schau stellten.

Normalerweise pflegten uns die Irdischen – unser Wort für Nicht-Spieler – einfach zu ignorieren, sie hielten uns wohl für junge Hallodris. Aber an jenem Wochenende war zufällig der Herausgeber eines italienischen Reisemagazins im Hotel, und der entwickelte Interesse an der Sache. Er trieb mich in die Enge, als ich in der Halle herumlungerte in der Hoffnung, den Clan-Führer meiner Rivalen zu sehen, um mich auf ihn zu stürzen und sein Blut zu schlürfen. Ich stand mit über der Brust verschränkten Armen, also unsichtbar, an die Wand gelehnt herum, als er sich näherte und mich in holprigem Englisch fragte, was meine Freunde und ich denn an diesem Wochenende hier so trieben.

Ich versuchte ihn loszuwerden, aber er ließ nicht locker. Also dachte ich, ich könne mir ja einfach was ausdenken, damit er endlich verschwände.

Ich ahnte nicht, dass er meine Story drucken würde. Und ich ahnte noch viel weniger, dass es von der amerikanischen Journaille aufgegriffen werden würde.

“Wir sind hier, weil unser Prinz gestorben ist, deshalb mussten wir auf der Suche nach einem neuen Herrscher hierher kommen.”

“Ein Prinz?”

“Ja”, sagte ich und gewann Gefallen an der Sache. “Wir sind das Alte Volk. Wir sind im 16. Jahrhundert nach Amerika eingewandert, und seither lebte unsere königliche Familie ununterbrochen in der Wildnis von Pennsylvania. Wir leben unter einfachen Bedingungen im Wald, und wir benutzen keinerlei moderne Technik. Doch der Prinz war der Letzte seiner Abstammungslinie, und er ist vorige Woche gestorben. Eine furchtbare auszehrende Krankheit hat ihn von uns genommen. Die jungen Männer meines Clans sind aufgebrochen, die Nachkommen seines Großonkels zu finden, der zur Zeit meines Großvaters davongegangen war, um sich den modernen Menschen anzuschließen. Man sagt, er habe sich fortgepflanzt, und wir werden den Letzten seiner Linie finden und zurück in seine rechtmäßige Heimat bringen.”

Ich las damals eine Menge Fantasy-Romane. Solches Zeug flog mir nur so zu.

“Wir fanden eine Frau, die um jene Abkömmlinge wusste. Sie sagte uns, einer von ihnen sei in diesem Hotel anzutreffen, und so sind wir gekommen, ihn zu finden. Jedoch hat ein rivalisierender Clan unsere Spur hierher verfolgt, um uns davon abzuhalten, unseren Prinzen heimzubringen, um uns in Schwäche und leicht beherrschbar zu halten.

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Daher ist es überlebensnotwendig, dass wir unter uns bleiben. Wir reden nur mit dem Neuen Volk, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Jetzt mit Ihnen zu sprechen bereitet mir großes Unbehagen.”

Er beobachtete mich abschätzend. Ich hatte meine Arme nicht mehr gekreuzt, daher war ich für rivalisierende Vampire jetzt sichtbar; und eine von ihnen hatte sich heimlich an uns herangeschlichen. Ich drehte mich im letzten Moment um und sah sie mit ausgebreiteten Armen und zischelnd auf uns zukommen, eine Vampirin im ganz großen Stil.

Ich breitete meine Arme weit aus und zischelte zurück, dann verschwand ich durch die Empfangshalle, wobei ich über ein Ledersofa sprang und mich an einer Topfpflanze vorbeischlängelte, die Vampirin immer hinter mir her. Einen Fluchtplan durchs Treppenhaus ins Fitnessstudio im Untergeschoss hatte ich vorher schon ausgetüftelt, und dort schüttelte ich sie ab.

Den Journalisten sah ich an diesem Wochenende nicht mehr, aber ich erzählte die Story einigen anderen LARPern weiter, die sie weiter ausschmückten und keine Gelegenheit ausließen, sie wiederum weiterzutragen.

Das italienische Magazin hatte eine Mitarbeiterin, die ihre Magisterarbeit über technikfeindliche Amish-Gemeinschaften im ländlichen Pennsylvania geschrieben hatte, und sie fand uns unglaublich interessant. Auf der Grundlage der Notizen und Interview-Aufzeichnungen ihres Chefs aus San Francisco schrieb sie eine faszinierende, herzzerreißende Geschichte über diese merkwürdigen jugendlichen Kult-Angehörigen, die auf der Suche nach ihrem “Prinzen” kreuz und quer durch Amerika reisten. Verdammt, die Leute drucken heutzutage wirklich alles.

Aber die Sache war die, dass Geschichten wie diese aufgegriffen und weiterverbreitet werden. Zuerst waren es italienische Blogger, dann ein paar amerikanische Blogger. Leute überall im Land berichteten über “Sichtungen” von Angehörigen des Alten Volkes, wobei ich bis heute nicht weiß, ob das ausgedacht war oder ob andere dasselbe Spiel spielten.

So arbeitete sich die Story durch die Medien-Nahrungskette bis hoch zur “New York Times”, die leider einen ungesunden Appetit für Faktenrecherche hat. Der Reporter, den sie auf die Sache ansetzten, führte sie schließlich auf das Monaco Hotel zurück, wo man ihn an die LARP-Organisatoren verwies, die ihm dann lachend die ganze Geschichte erzählten.

Nun ja – ab da war LARPing sehr viel weniger cool. Wir wurden bekannt als die größten Schummler der Nation, als durchgeknallte pathologische Lügner. Die Presseleute, die wir unbeabsichtigt dazu gebracht hatten, die Story des Alten Volkes zu covern, waren nun erpicht drauf, sich selbst wieder in besseres Licht zu rücken, indem sie berichteten, wie unfassbar merkwürdig wir LARPer doch waren; und an diesem Punkt ließ Charles jeden in der Schule wissen, dass Darryl und ich die größten LARP-Weicheier der Stadt seien.

Das war kein gutes Jahr. Ein paar aus der Gang störten sich nicht dran, wir aber schon. Die Hänselei war gnadenlos. Und Charles immer vornweg. Ich fand Plastik-Gebisse in meiner Tasche; Kids, die mir in der Aula begegneten, machten “bleh, bleh” wie ein Comic-Vampir oder sprachen in meiner Gegenwart mit aufgesetztem transsylvanischem Akzent.

Wenig später stiegen wir auf ARG um. In mancherlei Hinsicht war das noch lustiger, und vor allem war es sehr viel weniger abseitig. Aber manchmal vermisste ich doch meinen Umhang und diese Wochenenden im Hotel.

Das Gegenteil von esprit d’escalier ist, wenn alle Peinlichkeiten deines Lebens zurückkommen und dich verfolgen, auch wenn sie schon längst verjährt sind. Ich erinnerte mich an jede einzelne Dummheit, die ich je gesagt oder getan hatte, und zwar bis ins kleinste Detail. Und jedes Mal, wenn ich mich niedergeschlagen fühlte, fing ich ganz von selbst an, mich an ähnliche Situationen zu erinnern – eine Hitparade von Erniedrigungen paradierte eine nach der anderen an meinem inneren Auge vorbei.

Während ich versuchte, mich auf Masha und meinen drohenden Untergang zu konzentrieren, verfolgte mich der Vorfall mit dem Alten Volk penetrant.

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Es war damals ein ganz ähnliches krankes Gefühl der Verlorenheit gewesen, als immer mehr Medien die Story aufgriffen und das Risiko stieg, dass jemand herausfand, dass ich es war, der dem blöden italienischen Herausgeber, diesem Typ in seinen Designerjeans mit den schiefen Nähten, dem gestärkten Hemd ohne Kragen und der riesigen metallgefassten Brille, die Geschichte angedreht hatte.

Es gibt eine Alternative dazu, dich in deinen Fehlern zu suhlen. Du kannst aus ihnen lernen.

Jedenfalls ist das eine gute Theorie. Vielleicht besteht ja auch der Grund dafür, dass dein Unterbewusstsein all diese elenden Gespenster reanimiert, darin, dass sie irgendeinen Abschluss finden müssen, bevor sie in Frieden im Erniedrigungsjenseits ruhen können. Mein Unterbewusstsein traktierte mich mit Gespenstern in der Hoffnung, dass ich etwas tun würde, damit sie in Frieden würden ruhen können.

Auf dem ganzen Weg heim wälzte ich diese Erinnerung und den Gedanken, wie ich mit “Masha” umgehen sollte für den Fall, dass sie mir eine Falle stellte. Ich musste irgendeine Rückversicherung haben.

Und als ich mein Haus erreichte – und die melancholischen Umarmungen von Mom und Dad, die dort auf mich warteten -, da hatte ich sie.

Der Trick bestand darin, das Ganze so zu timen, dass es schnell genug passierte, um dem DHS keine Vorbereitungszeit zu geben, aber mit genug Vorlauf, dass das Xnet Zeit haben würde, massenhaft zu erscheinen.

Der Trick bestand darin, es so zu arrangieren, dass zu viele von uns auf einem Haufen waren, um uns alle festzunehmen, und es dennoch irgendwo zu machen, wo es von der Presse und den Erwachsenen zur Kenntnis genommen wurde, damit das DHS uns nicht wieder einfach begasen konnte.

Der Trick bestand darin, dass es etwas so Medientaugliches sein musste wie die Levitation des Pentagon. Der Trick bestand darin, den Anlass für eine richtig fette Massenkundgebung zu inszenieren, so wie damals die 3000 Berkeley-Studenten, die sich weigerten, einen der Ihren in einem Polizeiauto abtransportieren zu lassen.

Und der Trick bestand darin, die Presse vor Ort sein zu lassen, bereit zu berichten, was die Polizei tat, ebenso wie 1968 in Chicago.

Es musste ein wirklich guter Trick sein.

Am folgenden Tag verschwand ich mithilfe meiner üblichen Techniken eine Stunde früher aus der Schule; es war mir egal, ob das womöglich irgendeinen neuartigen DHS-Checker auslöste, der zu einer Benachrichtigung meiner Eltern führen würde.

So oder so: Ob ich Ärger in der Schule bekam, würde nach dem morgigen Tag das kleinste Problem meiner Eltern sein.

Ich traf mich mit Ange bei ihr. Sie hatte noch früher aus der Schule verschwinden müssen, aber sie hatte ihre Regel vorgeschoben und sich benommen, als würde sie gleich umkippen, und dann hatten sie sie heimgeschickt.

Wir fingen an, die Sache im Xnet zu verbreiten. Wir sandten E-Mails an vertrauenswürdige Freunde und Instant Messages an unsere Buddy-Listen. Wir zogen über die Planken und durch die Straßen von Clockwork Plunder und erzählten es unseren Teamgefährten. Jedem genug Information zukommen zu lassen, dass er auch sicher erschien, ohne das DHS in unsere Karten schauen zu lassen, war knifflig, aber ich war mir sicher, die richtige Balance gefunden zu haben:

> MORGEN VAMPMOB

> Wenn du ein Grufti bist, dann putz dich raus. Wenn du kein Grufti bist, dann finde einen und leih dir seine Klamotten. Vampir ist angesagt.

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> Das Spiel beginnt Punkt acht. PUNKT ACHT. Seid da und seid bereit, euch in Teams einteilen zu lassen. Das Spiel dauert 30 Minuten, ihr habt also genug Zeit, noch rechtzeitig in die Schule zu kommen.

> Die Location erfahrt ihr morgen früh. Mailt eure öffentlichen Schlüssel an m1k3y@littlebrother.pirate-party.org.se, und ruft für das Update um sieben Uhr eure Mails ab. Wenn euch das zu früh ist, dann bleibt die ganze Nacht wach. So machen wir es jedenfalls.

> Das wird das Lustigste, was ihr in diesem Jahr erleben werdet, versprochen.

> Habt Vertrauen.

> M1k3y

Dann schickte ich eine kurze Notiz an Masha.

> Morgen

> M1k3y

Eine Minute später mailte sie zurück:

> Dacht ich mir so. VampMob also. Du bist schnell. Setz einen roten Hut auf. Und bring leichtes Gepäck.

Was nimmt man mit auf die Flucht? Ich hatte schon genug schwere Säcke auf genug Pfadfinderlagern rumgeschleppt, um zu wissen, dass jedes Gramm extra bei jedem Schritt mit der geballten Macht der Schwerkraft in deine Schultern schneidet. Es ist nicht bloß ein Gramm – es ist ein Gramm, das du eine Million Schritte weit trägst. Es ist eine Tonne.

“Stimmt”, sagte Ange. “Clever. Und mehr als drei Sätze Klamotten nehmen wir auch nicht mit. Notfalls waschen wir das Zeug im Handwaschbecken aus. Lieber ein Fleck auf dem T-Shirt als einen Koffer, der zu groß und zu schwer ist, um unter einen Flugzeugsitz zu passen.”

Sie hatte eine robuste Nylon-Kuriertasche rausgekramt, deren Riemen sie über die Schulter und zwischen ihren Brüsten hindurchführte (was mich ein klein wenig ins Schwitzen brachte) und die dann diagonal auf ihrem Rücken saß. Die Tasche war innen geräumig, und sie hatte sie auf dem Bett abgestellt. Jetzt stapelte sie Kleidungsstücke daneben auf.

“Ich schätze mal, drei T-Shirts, eine lange und eine kurze Hose, drei Sätze Unterwäsche, drei Paar Socken und ein Pulli müssen reichen.”

Sie leerte ihre Sporttasche aus und suchte ihre Toilettenartikel zusammen. “Ich muss dran denken, morgen früh meine Zahnbürste einzustecken, bevor ich Richtung Civic Center losgehe.”

Ihr beim Packen zuzuschauen war beeindruckend. Sie war dabei völlig abgebrüht. Und es war verrückt – es machte mir klar, dass ich am nächsten Tag weggehen würde. Vielleicht für lange. Vielleicht für immer.

“Soll ich meine Xbox mitnehmen?”, fragte sie. “Ich hab eine Tonne Zeug auf der Festplatte, Notizen, Entwürfe und Mails. Ich möchte nicht, dass das in falsche Hände gerät.”

“Das ist alles verschlüsselt”, erwiderte ich. “Das ist bei ParanoidXbox Standard. Lass die Xbox hier, in L.A. wird es reichlich von den Dingern geben. Richte dir bloß einen Piratenpartei-Account ein, und mail dir selbst ein Image von deiner Festplatte. Wenn ich heimkomme, mach ich das auch noch.”

Das tat sie und schickte die Mail auf den Weg. Es würde ein paar Stunden dauern, bis all die Daten sich durch das WLAN ihrer Nachbarn gezwängt und ihren Weg nach Schweden gefunden hatten.

Dann schloss sie die Klappe der Tasche und zog die Kompressionsriemen an. Jetzt hatte sie etwas Fußballgroßes auf ihrem Rücken hängen, und ich starrte es bewundernd an. Damit unter der Schulter konnte sie die Straße runterlaufen, und niemand würde zwei Mal hinschauen – sie würde so aussehen, als sei sie auf dem Weg zur Schule.

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“Ach, eins noch”, sagte sie, ging zu ihrem Nachttisch und holte die Kondome raus. Sie holte die Gummipäckchen aus der Schachtel, öffnete die Tasche und stopfte sie hinein, dann gab sie mir einen Klaps auf den Po.

“Und jetzt?”, fragte ich.

“Jetzt gehen wir zu dir und kümmern uns um deinen Kram. Außerdem wirds langsam Zeit, dass ich deine Eltern kennen lerne, oder?”

Sie ließ die Tasche inmitten der Klamottenstapel und des Krimskrams auf dem Fußboden liegen. Sie war bereit, das alles hinter sich zu lassen, fortzugehen, nur um bei mir zu sein. Nur um der Sache zu dienen. Das machte auch mir Mut.

Mom war schon daheim, als ich ankam. Sie hatte ihren Laptop offen auf dem Küchentisch stehen und beantwortete Mails, während sie über Headset mit irgendeinem armen Yorkshireman sprach, der mit seiner Familie Hilfe dabei benötigte, sich an das Leben in Louisiana zu gewöhnen.

Ich trat durch die Tür und Ange hinterher, grinsend wie wahnsinnig, aber zugleich meine Hand so fest drückend, dass ich spüren konnte, wie ihre Knochen aufeinanderschabten. Ich wusste nicht, worüber sie sich solche Sorgen machte. War ja nicht so, dass sie nach dem heutigen Tag noch mal allzu viel Zeit mit meinen Eltern würde verbringen müssen, selbst wenn es schlecht lief.

Mom beendete das Gespräch mit dem Yorkshireman, als wir hereinkamen.

“Hallo, Marcus”, sagte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. “Und wer ist das?”

“Mom, darf ich dir Ange vorstellen? Ange, das ist meine Mom, Lillian.”

Mom stand auf und nahm Ange in die Arme.

“Es ist sehr schön, dich kennen zu lernen, Liebes”, sagte sie und musterte sie von Kopf bis Fuß. Ange sah ziemlich vorzeigbar aus, fand ich. Sie zog sich anständig und dezent an, und man konnte ihr ansehen, dass sie ein heller Kopf war.

“Eine Freude, Sie kennen zu lernen, Mrs. Yallow”, sagte sie. Sie klang sehr souverän und selbstbewusst. Viel mehr als ich, als ich ihre Mom zum ersten Mal traf.

“Sag doch Lillian, meine Liebe.” Mom achtete erkennbar auf jedes Detail. “Bleibst du zum Essen?”

“Sehr gern”, sagte Ange.

“Isst du Fleisch?” Mom hat sich ans Leben in Kalifornien echt gut angepasst.

“Ich esse alles, das mich nicht zuerst isst.”

“Sie ist süchtig nach scharfer Sauce”, sagte ich. “Du kannst ihr auch alte Reifen anbieten, und Ange wird sie essen, solange sie sie nur in Salsa ertränken kann.”

Ange knuffte mich zärtlich in die Schulter.

“Ich hatte Thai ordern wollen”, sagte Mom. “Dann bestelle ich noch ein paar von ihren Fünf-Chili-Gerichten dazu.”

Ange dankte ihr höflich, und Mom wuselte in der Küche rum, stellte uns Saftgläser und einen Teller Kekse hin und fragte uns drei Mal, ob wir Tee haben wollten. Ich wurde allmählich hibbelig.

“Danke, Mom”, sagte ich. “Aber wir würden erst mal für einen Moment zu mir raufgehen wollen.”

Moms Augen verengten sich einen Moment lang, aber dann lächelte sie wieder. “Na sicher”, sagte sie. “Dein Vater wird in einer Stunde daheim sein, wir essen dann alle zusammen.”

Mein Vampirzeug hatte ich im hintersten Winkel des Kleiderschranks verstaut.

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Ich ließ Ange durchgucken, während ich meine Klamotten durchflöhte. Ich musste ja bloß bis L.A. kommen. Da gab es Geschäfte für all die Bekleidung, die ich dann noch brauchte. Ich musste bloß drei, vier Lieblings-T-Shirts und eine Lieblings-Jeans zusammensuchen, einen Deo-Roller und eine Rolle Zahnseide.

“Geld!”, sagte ich dann.

“Oh ja”, sagte sie. “Ich wollte mein Konto beim Geldomaten auf dem Weg nach Hause leerräumen. Ich hab vielleicht fünfhundert zusammengespart.”

“Echt?”

“Wofür sollte ichs denn ausgeben? Seit dem Xnet hab ich ja noch nicht mal mehr Provider-Gebühren.”

“Ich glaube, ich hab so was um dreihundert.”

“Na guck. Heb das morgen auf dem Weg zum Civic Center ab.” Ich hatte eine große Schultasche, die ich dazu benutzte, größere Mengen Ausrüstung durch die Stadt zu schleppen. Die war unauffälliger als mein Campinggepäck. Ange ging gnadenlos durch meine Stapel durch und dampfte sie auf ihre Lieblingsstücke ein.

Als alles gepackt und unterm Bett verstaut war, setzten wir uns hin.

“Wir müssen morgen richtig früh aufstehen”, sagte sie.

“Oh ja, großer Tag.”

Unser Plan sah vor, dass wir morgen früh Nachrichten mit diversen falschen VampMob-Locations versenden würden, um die Leute an mehrere stille Orte im Umkreis von ein paar Gehminuten um das Civic Center zu schicken. Wir wollten noch eine Sprühschablone ausschneiden, mit der wir gegen fünf Uhr morgens einfach VAMPMOB CIVIC CENTER ->-> an diesen Plätzen auf die Straße sprühen würden. Auf diese Weise wollten wir vermeiden, dass das DHS das Civic Center abriegelte, bevor wir einträfen. Ich hatte den Mail-Bot so eingestellt, dass die Nachrichten um sieben Uhr rausgingen – ich musste nur die Xbox eingeschaltet lassen, wenn ich ging.

“Wie lange…” Sie brach ab.

“Das hab ich mich auch schon gefragt”, sagte ich. “Schätze mal, das könnte eine ganze Weile dauern. Aber wer weiß? Wenn Barbaras Artikel erscheint” – ich hatte auch eine Mail für sie in der Pipeline – “und all das, vielleicht sind wir in zwei Wochen Helden.”

“Vielleicht.” Sie seufzte.

Ich legte meinen Arm um sie. Ihre Schultern bebten.

“Ich habe Angst”, sagte ich. “Ich glaube, es wäre wahnsinnig, keine Angst zu haben.”

“Ja”, sagte sie. “Ja.”

Mom rief uns zum Essen. Dad schüttelte Anges Hand. Er war unrasiert und sah besorgt aus, so wie er immer aussah, seit wir zu Barbara gefahren waren, aber das Treffen mit Ange brachte ein bisschen was von dem alten Dad zum Vorschein. Sie küsste ihn auf die Wange, und er bestand darauf, dass sie ihn Drew nennen möge.

Das Abendessen war wirklich ein Erfolg. Das Eis war gebrochen, als Ange ihren Zerstäuber mit der scharfen Sauce hervorholte, ihr Essen damit behandelte und die Sache mit den Scoville-Einheiten erklärte. Dad probierte eine Gabelvoll von ihrem Teller und flitzte dann in die Küche, um einen oder zwei Liter Milch zu trinken. Ob ihrs glaubt oder nicht, Mom kostete danach trotzdem und sah dabei so aus, als genieße sie es rundum. Mom, so stellte sich heraus, war ein unentdecktes Wunderkind des scharfen Essens, ein Naturtalent.

Bevor sie ging, drückte Ange meiner Mutter den Zerstäuber in die Hand. “Ich habe noch einen daheim”, sagte sie.

Ich hatte gesehen, wie sie ihn eingepackt hatte. “Und ich denke, du bist die Art Frau, die so einen haben sollte.” – Fortsetzung Kapitel 19

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother

Kapitel 17

Dieses Kapitel ist Waterstone’s gewidmet, der landesweiten britischen Buchhandelskette. Waterstone’s ist zwar eine Kette von Läden, aber jeder einzelne hat die Ausstrahlung einer großartigen unabhängigen Buchhandlung mit ausgeprägtem Charakter, phantastischem Sortiment (vor allem bei Hörbüchern!) und fachkundigem Personal.

Waterstones:

http://www.waterstones.com

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Also erzählten wir es ihr. Und es machte mir sogar Spaß. Leuten beizubringen, wie sie eine bestimmte Technologie benutzen können, ist immer spannend. Es ist so cool, den Leuten dabei zuzugucken, wie sie versuchen, aus all der Technik um sie herum das Beste für sich selbst rauszuholen. Ange war auch klasse – wir waren ein Spitzen-Team. Wir wechselten uns dabei ab, zu erklären, wie das alles funktionierte. Wie zu erwarten, war Barbara ziemlich gut mit solchen Sachen.

Wir erfuhren, dass sie über die Krypto-Kriege berichtet hatte, jene Epoche in den frühen Neunzigern, als Bürgerrechtsgruppen wie die Electronic Frontier Foundation für das Recht jedes Amerikaners gekämpft hatten, starke Verschlüsselung benutzen zu dürfen. Ich hatte schon ein bisschen was über diese Phase gehört, aber Barbara erklärte sie auf eine Art, dass ich Gänsehaut bekam.

Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, aber es gab mal eine Zeit, als die Regierung Kryptografie als Munition eingestuft und den Export und die Verwendung aus Gründen der nationalen Sicherheit generell verboten hatte. Verstanden? Wir hatten mal illegale Mathematik in diesem Land.

Die National Security Agency war die eigentliche Strippenzieherin bei diesem Verbot. Sie hatte einen Verschlüsselungsstandard, den sie für sicher genug hielt für die Benutzung durch Banken und ihre Kunden, aber nicht so sicher, dass die Mafia damit ihre Buchhaltung geheim halten könnte. Der Standard, DES-56, galt als praktisch nicht zu knacken. Dann baute einer der Co-Gründer der EFF, ein Millionär, für 250.000 Dollar einen DES-56-Cracker, der einen solchen Schlüssel in zwei Stunden knacken konnte.

Doch die NSA argumentierte weiterhin, dass man amerikanische Bürger davon abhalten können müsse, Geheimnisse zu haben, die der NSA unzugänglich blieben. Dann holte die EFF zum vernichtenden Schlag aus. 1995 vertrat sie einen Berkeley-Mathematikstudenten namens Dan Bernstein vor Gericht. Bernstein hatte eine Verschlüsselungs-Anleitung geschrieben, die Computercode enthielt, der geeignet war, Schlüssel zu erstellen, die stärker als DES-56 waren. Millionen Male stärker. Aus Sicht der NSA war dieser Artikel eine Waffe und durfte deshalb nicht veröffentlicht werden.

Mag sein, dass es schwer ist, einem Richter begreiflich zu machen, was Kryptografie ist und was sie bedeutet, aber es stellte sich heraus, dass der typische Berufungsrichter nicht allzu ehrgeizig ist, Studenten vorzuschreiben, welche Art von Artikeln sie schreiben dürfen und welche nicht. Die Krypto-Kriege endeten mit einem Sieg der Guten, als der 9th Circuit Appellate Division Court urteilte, Computercode sei eine Form des Ausdrucks, die vom First Amendment geschützt werde (“Der Kongress soll kein Gesetz erlassen, das die Redefreiheit einschränkt”). Wenn du schon jemals was im Internet eingekauft hast, eine geheime Nachricht verschickt oder deine Kontoauszüge online angeguckt, dann hast du Verschlüsselung verwendet, die die EFF legalisiert hat.
Auch gut zu wissen: Die NSA ist nicht unendlich klug. Alles, was die knacken können, können Terroristen und Mafiosi genauso.

Barbara war eine von den Reportern gewesen, die ihren Ruf auf die Berichterstattung über diesen Fall gründeten. Sie hatte sich darin verbissen, über die San Franciscoer Bürgerrechtsbewegung zu schreiben, und die Gemeinsamkeiten zwischen dem Kampf um die Verfassung in der echten Welt und dem Kampf im Cyberspace erkannt.

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Daher begriff sie es. Ich glaube nicht, dass ich meinen Eltern all das Zeug hätte erklären können, aber mit Barbara war es ganz leicht. Sie stellte kluge Fragen über unsere kryptografischen Protokolle und die Sicherheitsmaßnahmen, auf die ich manchmal selbst keine Antwort wusste, und wies auf Schwachstellen in unserem Verfahren hin.

Wir stöpselten die Xbox ein und gingen online. Vom Besprechungszimmer aus waren vier offene Funknetze sichtbar, und ich richtete es so ein, dass wir in unregelmäßigen Abständen zwischen ihnen wechselten. Das begriff sie auch – sobald du erst mal im Xnet drin warst, war es genau so wie eine normale Internetverbindung, außer dass einige Sachen etwas langsamer liefen und dass alles anonym und nicht zu verfolgen war.

“Und jetzt?”, fragte ich, als wir die Box runterfuhren. Ich hatte mich heiser geredet und ein grässlich übersäuertes Gefühl von all dem Kaffee. Außerdem drückte Ange die ganze Zeit unterm Tisch meine Hand in einer Art und Weise, dass ich nur noch mit ihr weglaufen und ein privates Fleckchen finden wollte, um unsere unvollendete erste Nacht zu Ende zu bringen.

“Jetzt betreibe ich Journalismus. Ihr geht, und ich recherchiere all die Dinge, die ihr mir erzählt habt, und versuche sie möglichst genau zu verifizieren. Ich werde euch zeigen, was ich veröffentlichen werde, und ich werde euch wissen lassen, wann es veröffentlicht wird. Es wäre mir sehr lieb, wenn ihr ab jetzt mit niemandem mehr über die Sache redet, denn ich möchte diesen Scoop und ich möchte sicherstellen, dass ich die Story in trockenen Tüchern habe, bevor sie vor lauter Pressespekulationen und Beeinflussung durch das DHS verwässert wird.

Ich werde das DHS anrufen und um eine Stellungnahme bitten müssen, bevor wir in Druck gehen, aber ich werde das so tun, dass es euch in jeder nur denkbaren Weise schützt. Ich werde euch selbstverständlich auch darüber im Voraus informieren.

Aber eines muss ich jetzt noch sagen: Das ist nun nicht mehr eure Geschichte. Es ist meine. Ihr wart sehr großzügig, sie mir zu überlassen, und ich werde versuchen, mich dafür erkenntlich zu erweisen; aber ihr habt kein Recht, irgendetwas zu streichen, zu ändern oder mich aufzuhalten. Versteht ihr das?”

So genau hatte ich noch nicht darüber nachgedacht, aber jetzt, wo sies sagte, war es nur allzu offensichtlich. Es bedeutete, dass ich eine Rakete gestartet hatte, die ich jetzt nicht mehr zurückrufen konnte. Sie würde an dem Ziel landen, auf das sie abgefeuert wurde, oder sie würde vom Kurs abweichen, aber sie war jetzt in der Luft und konnte nicht mehr von mir beeinflusst werden. Irgendwann in der nächsten Zukunft würde ich aufhören, Marcus zu sein; dann würde ich eine Person des öffentlichen Interesses werden. Ich wäre der Typ, der das DHS verpfiffen hatte.

Ich wäre ein Toter auf Abruf.

Ange musste an etwas Ähnliches gedacht haben, denn ihre Gesichtsfarbe changierte jetzt zwischen Weiß und Grün.

“Jetzt aber nichts wie raus hier”, sagte sie.

Anges Mutter und Schwester waren wieder unterwegs, was die Entscheidung erleichterte, wo wir den Abend verbringen sollten. Die Zeit fürs Abendessen war schon vorbei, aber meine Eltern wussten, dass ich mit Barbara verabredet war, und würden nicht sauer sein, wenn ich spät heimkäme.

Als wir bei ihr ankamen, hatte ich keinerlei Ambitionen, die Xbox einzustöpseln. Für heute hatte ich mehr als genug Xnet gehabt. Alles, woran ich denken konnte, war Ange, Ange, Ange. Leben ohne Ange. Wissen, dass Ange wütend war auf mich. Ange, die womöglich nie mehr mit mir reden würde. Ange, die mich nie wieder küssen würde.

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Sie hatte dasselbe gedacht. Ich konnte es in ihren Augen sehen, als wir die Tür zu ihrem Zimmer schlossen und einander anschauten. Ich hatte Hunger nach ihr, die Sorte Hunger nach tagelangem Fasten. Wie man sich nach einem Glas Wasser sehnt, wenn man gerade drei Stunden nonstop Fußball gespielt hat.

Und doch noch ganz anders. Das war mehr. Es war etwas, das ich noch nie gefühlt hatte. Ich wollte sie am Stück essen, mit Haut und Haaren verschlingen.

Bis zu diesem Moment war sie in unserer Beziehung die Sexuelle gewesen. Ich hatte es ihr überlassen, das Tempo vorzugeben und zu kontrollieren. Ich empfand es als unglaublich erotisch, sie nach mir greifen, sie mein Shirt ausziehen, sie mein Gesicht an das ihre heranziehen zu lassen.

Aber heute Nacht konnte ich mich nicht zurückhalten. Und ich wollte mich nicht zurückhalten.

Mit dem Klicken der Tür hinter uns griff ich nach dem Saum ihres T-Shirts und zog; ließ ihr kaum die Zeit, die Arme zu heben, während ich es ihr über den Kopf zerrte. Dann riss ich mir mein Shirt über den Kopf und hörte das Knistern der Baumwolle, als die Nähte platzten.

Ihre Augen leuchteten, ihr Mund war offen, ihr Atem schnell und flach. Meiner ebenfalls, und mein Atem und mein Herz und mein Blut pochten, nein, brüllten in meinen Ohren.

Dem Rest unserer Kleidung widmete ich mich mit demselben Eifer, warf ihn zu den Haufen schmutziger und sauberer Wäsche auf dem Boden. Überall auf dem Bett lagen Bücher und Zettel verstreut, die ich einfach beiseite fegte. Wir landeten auf dem ungemachten Bett, Arme umeinander geschlungen, so fest, als ob wir einander durchdringen wollten. Sie stöhnte in meinen Mund, und ich gab den Ton zurück; ich fühlte ihre Stimme in meinen Stimmbändern vibrieren, ein Gefühl intimer als alles, was ich jemals gefühlt hatte.

Sie machte sich los und langte hinüber zu ihrem Nachttisch, zog die Schublade auf und warf einen weißen Kulturbeutel vor mir aufs Bett. Ich schaute hinein: Kondome – Trojans, ein Dutzend spermizide, noch verschweißt. Ich lächelte sie an, sie lächelte zurück, und ich öffnete die Schachtel.

Wie es sein würde, darüber hatte ich seit Jahren nachgedacht. Hundert Mal am Tag hatte ich es mir vorgestellt. Es hatte Tage gegeben, da hatte ich praktisch an nichts anderes gedacht.

Und es war kein Stück so, wie ich es erwartet hatte. Manches daran war besser. Manches war viel schlimmer. Während es andauerte, empfand ich es als eine Ewigkeit. Und hinterher hatte ich das Gefühl, es habe nur einen einzigen Augenblick lang gedauert.

Hinterher fühlte ich mich wie zuvor. Und doch anders. Irgendetwas war anders geworden zwischen uns.

Es war ziemlich schräg. Verschämt zogen wir uns wieder an, stapften durchs Zimmer, vermieden es, dem Blick des Anderen zu begegnen. Ich wickelte das Kondom in ein Kleenex aus einer Schachtel neben dem Bett, trug es ins Bad, umwickelte es mit Klopapier und steckte es tief unten in den Mülleimer.

Als ich zurückkam, saß Ange auf dem Bett und spielte mit ihrer Xbox. Ich setzte mich zaghaft neben sie und nahm sie bei der Hand. Sie wandte mir das Gesicht zu und lächelte. Wir waren beide ausgelaugt und zitterten.

“Danke”, sagte ich.

Sie sagte kein Wort und drehte mir wieder den Kopf zu. Sie lächelte übers ganze Gesicht, während ihr dicke Tränen über die Wangen liefen.

Ich umarmte sie, und sie klammerte sich fest an mich. “Du bist ein guter Mensch, Marcus Yallow”, flüsterte sie.

“Danke.”

Ich wusste darauf nichts zu entgegnen, aber ich erwiderte ihre Umklammerung. Sie weinte nun nicht mehr, aber sie lächelte noch.

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Sie wies auf meine Xbox auf dem Boden neben dem Bett. Ich verstand den Wink, nahm sie hoch, stöpselte sie ein und loggte mich ein.

Immer dasselbe: Berge von E-Mail. Die neuen Einträge der Blogs, die ich las, trudelten ein. Und Spam. Oh Mann, bekam ich Spam. Meine schwedische Mailadresse war schon mehrfach von Spammern gehijackt worden, um sie als Antwortadresse für hundertmillionenfach versandte Werbemails zu missbrauchen, und deshalb bekam ich automatische Rückläufer und auch wütende Antworten. Keine Ahnung, wer dahintersteckte – ob nun das DHS, um meine Mailbox zu fluten, oder auch nur Leute, die sich einen Spaß erlaubten. Immerhin hatte die Piratenpartei ziemlich gute Filter, und sie gaben jedem, der wollte, 500 Gigabyte Speicherplatz für Mails, also stand nicht zu befürchten, dass mein Postfach demnächst erstickte.

Ich hämmerte auf die Löschtaste und filterte alles raus. Für alles Zeug, das mit meinem öffentlichen Schlüssel verschlüsselt war, hatte ich ein separates Postfach, weil das mit einiger Wahrscheinlichkeit mit dem Xnet zu tun hatte und vertraulich war. Bisher waren die Spammer noch nicht dahintergekommen, dass die Verwendung öffentlicher Schlüssel ihrem Müll einen seriöseren Anstrich geben würde; das funktionierte also noch ganz gut.

Ich hatte ein paar Dutzend verschlüsselte Nachrichten von Leuten in meinem Web of Trust. Ich überflog sie – Links zu Videos und Fotos mit neuen Übergriffen des DHS, Horrorgeschichten übers Entkommen um Haaresbreite, Kommentare zu meinen Blog-Texten. Das Übliche.

Dann kam eine, die nur mit meinem öffentlichen Schlüssel verschlüsselt war. Das bedeutete, dass niemand außer mir die Nachricht lesen konnte, aber ich hatte keine Ahnung, wer sie geschrieben hatte. Als Absender stand da “Masha” – das konnte ein Nick sein oder auch ein Realname, ich wusste es nicht.

> M1k3y

> Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich.

> Ich wurde an dem Tag festgenommen, an dem die Brücke hochging. Sie befragten mich und kamen zu dem Ergebnis, dass ich unschuldig sei. Sie haben mir einen Job angeboten: Ich sollte ihnen helfen, die Terroristen zu jagen, die meine Nachbarn getötet hatten.

> Damals klang das wie eine gute Idee. Ich habe erst später gemerkt, dass mein eigentlicher Job darin besteht, Kids auszuspionieren, die sich dagegen wehren, dass ihre Stadt in einen Polizeistaat verwandelt wird.

> Ich habe das Xnet am Tag seiner Entstehung infiltriert. Ich bin in deinem Web of Trust. Wenn ich meine Identität preisgeben wollte, könnte ich dir eine Mail von einer Adresse schicken, der du vertraust. Drei Adressen, um genau zu sein. Ich bin so weit drin in deinem Netzwerk, wie das überhaupt nur einer 17-Jährigen möglich ist. Einige der Mails, die du bekommen hast, enthielten sorgfältig ausgewählte Fehlinformationen von mir und meinen Auftraggebern.

> Sie wissen noch nicht, wer du bist, aber sie kommen dir näher. Sie drehen immer mehr Leute auf ihre Seite um. Sie grasen die sozialen Netzwerke ab und machen Kids mithilfe von Drohungen zu Informanten. Mittlerweile arbeiten mehrere hundert Leute im Xnet für das DHS. Ich habe ihre Namen, Nicks und Schlüssel. Die privaten und die öffentlichen.

> Kurz nach dem Start des Xnets haben wir begonnen, ParanoidLinux zu hacken. Bisher haben wir nur kleine, unbedeutende Lücken aufgetan, aber der eigentliche Hack steht unmittelbar bevor. Und sobald wir den haben, bist du tot.

> Ich glaube, es dürfte klar sein, dass ich in Gitmo-an-der-Bay alt und grau werde, wenn meine Auftraggeber herausfinden, dass ich das hier tippe.

> Selbst wenn sie ParanoidLinux nicht knacken:

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Es sind schon verseuchte Distros im Umlauf. Bei denen stimmen die Prüfsummen nicht, aber wer außer dir und mir schaut sich schon die Prüfsummen an? Eine Menge Kids sind schon tot, sie wissen es nur noch nicht.

> Das Einzige, worauf meine Auftraggeber jetzt noch warten, ist der beste Zeitpunkt, dich hochgehen zu lassen, damit die Aufmerksamkeit der Medien am größten ist. Und das wird eher früher als später sein, glaub mir.

> Vielleicht fragst du dich jetzt, warum ich dir das erzähle.

> Ich frage es mich übrigens auch.

> So viel steht jedenfalls fest: Ich habe mich anheuern lassen, um Terroristen zu bekämpfen. Stattdessen schnüffle ich Amerikaner aus, die an Dinge glauben, die das DHS nicht mag. Keine Leute, die Brücken sprengen wollen, sondern Demonstranten. Ich kann so nicht weitermachen.

> Du aber auch nicht, ob du es schon weißt oder nicht. Wie gesagt: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du in Ketten auf Treasure Island landest. Es ist nicht mehr “ob”, sondern “wann”.

> Deshalb bin ich hier durch. Unten in Los Angeles sind ein paar Leute, die sagen, sie können mir Sicherheit bieten, wenn ich raus will.

> Ich will raus.

> Und wenn du willst, nehme ich dich mit. Lieber ein Kämpfer als ein Märtyrer. Wenn du mit mir kommen willst, können wir austüfteln, wie wir gemeinsam siegen können. Ich bin auch so schlau wie du, glaub mir.

> Was meinst du?

> Hier ist mein öffentlicher Schlüssel.

> Masha

Bist du ängstlich und allein, hilft nur rennen oder schrei’n.

Schon mal gehört? Das ist zwar nicht sonderlich hilfreich, aber zumindest leicht zu befolgen. Ich sprang vom Bett und lief hin und her. Mein Herz wummerte, und mein Blut sang in einer grausamen Parodie dessen, was ich empfunden hatte, als wir heimkamen. Das hier war keine sexuelle Erregung, es war nackte Angst.

“Was?”, fragte Ange. “Was ist?”

Ich zeigte nur auf den Monitor auf meiner Seite des Betts. Sie rollte rüber, schnappte sich meine Tastatur und fuhr mit dem Finger übers Touchpad. Sie las schweigend.

Ich lief weiter herum.

“Das müssen Lügen sein”, sagte sie. “Das DHS spielt Psychospielchen mit dir.”

Ich sah sie an. Sie biss auf ihre Lippe und sah nicht aus, als ob sie es selbst glaubte.

“Meinst du?”

“Klar. Sie können dich nicht erwischen, also versuchen sie es jetzt übers Xnet.”

“Na sicher.”

Ich setzte mich wieder aufs Bett. Ich atmete wieder hektisch.

“Entspann dich”, sagte sie. “Es sind nur Psychospielchen. Hier.” Sie hatte meine Tastatur noch nie von sich aus übernommen, aber jetzt war eine neue Intimität zwischen uns. Sie klickte auf “Antworten” und schrieb:

> Netter Versuch.

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Sie schrieb jetzt auch als M1k3y. Wir waren auf eine andere Art zusammen als zuvor.

“Signier das. Mal sehen, was sie sagt.”

Ich wusste nicht, ob das die beste Idee war, aber ich hatte keine bessere. Ich signierte und verschlüsselte es mit meinem privaten und Mashas öffentlichem Schlüssel, den sie mitgeschickt hatte.

Die Antwort kam postwendend.

> Ich hatte mir schon gedacht, dass du so was sagen würdest.

> Hier kommt ein Hack, an den du noch nicht gedacht hast. Ich kann Video anonym über DNS tunneln. Hier sind ein paar Links zu Clips, die du dir anschauen solltest, bevor du über mich urteilst. Diese Leute zeichnen sich ständig gegenseitig auf, um sich gegen Hinterhältigkeiten abzusichern. Man kann die völlig einfach dabei ausschnüffeln, wie sie sich gegenseitig ausschnüffeln.

> Masha

Im Anhang war Quellcode für ein kleines Programm, das genau das zu tun schien, was Masha behauptete: Videodaten über das Domain-Name-Service-Protokoll saugen.

Erlaubt mir an dieser Stelle eine kleine Abschweifung, um das zu erklären. Letzten Endes ist jedes Internet-Protokoll nur eine Abfolge von Text, der in einer vorgegebenen Reihenfolge hin- und hergeschickt wird. Es ist ein bisschen so wie mit einem Laster, in den man einen PKW verlädt, in dessen Kofferraum man ein Motorrad packt, auf das man dann ein Fahrrad schnallt, an dem man ein paar Inline-Skates befestigt. Mit dem Unterschied, dass man hier wieder den Truck an den Inlinern festbinden könnte.

Nehmen wir etwa das Simple Mail Transport Protocol, oder SMTP, das dazu benutzt wird, E-Mails zu versenden.

Hier ist eine Beispiel-Konversation zwischen mir und meinem Mailserver, wenn ich eine Nachricht an mich selbst sende:

> HELO littlebrother.com.se

250 mail.pirateparty.org.se Hallo mail.pirateparty.org.se, schön, dich zu sehen.

> MAIL FROM:m1 k3y@littlebrother.com.se

250 2.1.0 mlk3y@littlebrother.com.se… Absender ok

> RCPT TO:m1 k3y@littlebrother.com.se

250 2.1.5 mlk3y@littlebrother.com.se… Empfänger ok

>DATA

354 Nachricht eintippen, beenden mit “.” in einer eigenen Zeile

> Bist du ängstlich und allein, hilft nur rennen oder schrei’n

> .

250 2.0.0 k5SMW0xQ006174 Nachricht zum Versand akzeptiert

>QUIT

221 2.0.0 mail.pirateparty.org.se beendet die Verbindung

Verbindung durch entfernten Teilnehmer beendet.

Die Grammatik dieser Konversation wurde 1982 von Jon Postel definiert, einem der heroischen Gründerväter des Internets, der damals, in der Steinzeit, die wichtigsten Server im Netz unter seinem Schreibtisch an der University of Southern California stehen hatte.

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Jetzt mal angenommen, du klinkst einen Mail-Server in eine Instant-Messaging-Session ein. Du könntest eine IM mit dem Inhalt “HELO littlebrother.com.se” an den Server senden, und er würde antworten mit “250 mail.pirateparty.org.se Hallo mail.pirateparty.org.se, schön, dich zu sehen.” Mit anderen Worten: Du hättest dieselbe Konversation via Messenger wie über SMTP. Mit den geeigneten Anpassungen könnte der gesamte Mailserver-Verkehr innerhalb eines Chats ablaufen. Oder innerhalb einer Web-Session. Oder in einem beliebigen anderen Protokoll.

Das nennt man “Tunneling”: Du schleust SMTP durch einen Chat-”Tunnel”. Und wenn du es gern ganz abgedreht hättest, könntest du den Chat noch mal durch SMTP tunneln – ein Tunnel im Tunnel.

Tatsächlich ist jedes Internet-Protokoll für solch ein Vorgehen nutzbar. Das ist cool, weil es bedeutet, dass du in einem Netzwerk mit reinem WWW-Zugang deine Mails darüber tunneln kannst; du kannst dein Lieblings-P2P drüber tunneln; und du könntest sogar das Xnet drüber tunneln, das ja seinerseits bereits einen Tunnel für Dutzende Protokolle darstellt.

Domain Name Service ist ein interessantes, steinaltes Internet-Protokoll aus dem Jahr 1983. Es beschreibt die Art und Weise, wie dein Computer den Namen eines anderen Computers (zum Beispiel pirateparty.org.se) in die IP-Adresse auflöst, unter der sich Computer in Wirklichkeit im Netzwerk gegenseitig finden, zum Beispiel 204.11.50.136. Das funktioniert normalerweise wie geschmiert, obwohl das System Millionen beweglicher Teile umfasst – jeder Internet-Provider unterhält einen DNS-Server, genau wie die meisten Regierungen und jede Menge privater Anwender. Diese DNS-Kisten unterhalten sich ununterbrochen alle miteinander, stellen einander Anfragen und beantworten sie; und völlig egal, wie abseitig der Name ist, den du aufrufen willst, das System wird ihn in eine Nummer auflösen können.

Vor DNS gab es die HOSTS-Datei. Ob ihrs glaubt oder nicht: Das war ein einzelnes Dokument, das den Namen und die Adresse von jedem einzelnen Computer im Internet enthielt. Jeder Computer hatte eine Kopie davon. Die Datei wurde irgendwann zu umfangreich, um sie noch handhaben zu können; deshalb wurde DNS erfunden, und es lebte auf einem Server unter Jon Postels Schreibtisch. Wenn die Putzkolonne den Stecker rauszog, dann verlor das gesamte Internet seine Fähigkeit, sich selbst zu finden. Ehrlich.

Heute ist an DNS vor allem schick, dass es überall ist. Jedes Netzwerk hat einen eigenen DNS-Server, und all diese Server sind so konfiguriert, dass sie miteinander und mit allen möglichen Leuten überall im Internet Verbindung aufnehmen können.

Masha nun hatte einen Weg gefunden, ein Videostream-System über DNS zu tunneln. Sie teilte das Video in Milliarden von Einzelteilen auf und versteckte jedes einzelne in einer normalen Nachricht an einen DNS-Server. Indem ich ihren Code nutzte, konnte ich das Video in unglaublichem Tempo von all diesen überall im Internet verteilten DNS-Servern wieder zusammenpuzzeln. Das musste in den Netzwerk-Histogrammen bizarr aussehen – als ob ich sämtliche Computer-Adressen der ganzen Welt nachschlagen würde.

Aber es hatte zwei Vorteile, die mir auf Anhieb einleuchteten: Ich bekam das Video in rasantem Tempo auf den Schirm – kaum hatte ich auf den ersten Link geklickt, hatte ich schon bildschirmfüllende, absolut ruckelfreie Bewegtbilder -, und ich hatte keine Ahnung, wo die Filme gehostet waren. Es war vollkommen anonym.

Den Inhalt des Videos nahm ich zuerst gar nicht zur Kenntnis. Ich war einfach zu überwältigt davon, wie clever dieser Hack war. Videos über DNS streamen? Das war so klug und abseitig, es war regelrecht pervers.

Aber allmählich begriff ich, was ich da sah.

Es war ein Besprechungstisch in einem kleinen Raum mit einem Spiegel an einer Wand. Ich kannte diesen Raum. In diesem Raum hatte ich gesessen, als mich Frau Strenger Haarschnitt dazu brachte, mein Passwort laut auszusprechen.

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Um den Tisch herum standen fünf komfortable Stühle, auf denen es sich fünf Personen, alle in DHS-Uniformen, gemütlich gemacht hatten. Ich erkannte Generalmajor Graeme Sutherland, den DHS-Kommandeur für die Bay Area, sowie Strenger Haarschnitt. Die anderen waren mir unbekannt. Sie alle betrachteten einen Videomonitor am Ende des Tischs, auf dem ein unendlich viel vertrauteres Gesicht zu sehen war.

Kurt Rooney war landesweit bekannt als der Chefstratege des Präsidenten, der Mann, der der Partei ihre dritte Amtszeit in Folge gesichert hatte und jetzt stramm auf die vierte zusteuerte. Man nannte ihn auch “Ruppig”, und ich hatte mal eine Reportage darüber gesehen, an welch kurzen Zügeln er seine Mitarbeiter hielt: Er rief sie ständig an, schickte Instant Messages, beobachtete jede ihrer Bewegungen, kontrollierte jeden Schritt. Er war alt, hatte ein zerfurchtes Gesicht, blassgraue Augen, eine flache Nase mit breit ausgestellten Nasenlöchern und dünne Lippen – ein Mann, der ständig so aussah, als hätte er gerade einen sehr strengen Geruch in der Nase.

Er war der Mann auf dem Monitor. Er redete, und jeder im Raum war auf den Monitor fixiert, versuchte hektisch mitzutippen und dabei schlau auszusehen.

“… sagen, dass sie auf die Behörden wütend sind, aber wir müssen dem Land begreiflich machen, dass sie Terroristen für alles verantwortlich machen müssen, nicht die Regierung. Verstehen Sie mich? Die Nation liebt diese Stadt nicht. Aus ihrer Sicht ist es ein Sodom und Gomorra aus Schwuchteln und Atheisten, die es verdient haben, in der Hölle zu schmoren. Der einzige Grund dafür, dass sich das Land dafür interessiert, was man in San Francisco denkt, ist der glückliche Umstand, dass sie da von irgendwelchen islamischen Terroristen zur Hölle gebombt worden sind.

Diese Xnet-Kinder könnten allmählich nützlich für unsere Zwecke werden. Je radikaler sie werden, desto eher begreift der Rest des Landes, dass die Bedrohungen überall lauern.”

Seine Zuhörer beendeten das Tippen.

“Ich denke, wir können das kontrollieren”, sagte Frau Strenger Harschnitt. “Unsere Leute im Xnet haben mittlerweile eine Menge Einfluss. Die Mandschurischen Blogger betreiben jeder bis zu fünfzig Blogs, fluten die Chat-Kanäle und verlinken sich gegenseitig. Dabei übernehmen sie die meiste Zeit bloß die Parteilinie, die dieser M1k3y vorgibt, aber sie haben auch schon bewiesen, dass sie radikale Aktionen provozieren können, auch wenn M1k3y gerade auf die Bremse tritt.”

Generalmajor Sutherland nickte. “Unser Plan war es, sie noch bis etwa einen Monat vor den Midterms im Untergrund zu lassen.” Vermutlich meinte er die Wahlen in der Mitte der Legislaturperiode, nicht meine Prüfungen. “Soweit war das jedenfalls der ursprüngliche Plan. Aber es klingt so, als ob…”

“Für die Midterms haben wir andere Planungen”, sagte Rooney. “Es steht noch nichts Genaues fest, aber Sie alle sollten lieber für den Monat vorher keine Reisen mehr planen. Lassen Sie das Xnet jetzt von der Leine, so schnell Sie können. So lange die moderat sind, sind sie ein Risiko. Sorgen Sie dafür, dass sie radikal sind.”

Das Video brach ab.

Ange und ich saßen auf der Bettkante und starrten den Bildschirm an. Ange langte nach vorn und startete das Video neu. Wir schauten es noch mal an, und beim zweiten Mal war es noch schlimmer.

Ich schob die Tastatur beiseite und stand auf.

“Ich habs so dermaßen satt, Angst haben zu müssen”, sagte ich. “Komm, wir bringen das hier zu Barbara und lassen sie es veröffentlichen. Stellen wir es alles online. Und dann sollen sie kommen und mich abholen. Zumindest weiß ich dann sicher, was mit mir passiert. Dann hab ich wenigstens wieder ein kleines bisschen Gewissheit in meinem Leben.”

Ange umarmte und streichelte mich beruhigend. “Ich weiß, Baby, ich weiß. Das alles ist furchtbar. Aber du siehst immer nur das Schlechte und vergisst dabei das Gute. Du hast eine Bewegung ins Leben gerufen. Du hast die Idioten im Weißen Haus und die Betrüger in DHS-Uniform überflügelt. Und du hast dich selbst in eine Position gebracht, in der du dafür verantwortlich sein könntest, diese ganze verdammte DHS-Nummer ans Licht zu bringen.

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Natürlich sind sie hinter dir her. Ist doch völlig logisch. Hast du das je auch nur einen Moment lang bezweifelt? Ich wusste das die ganze Zeit. Aber denk dran, Marcus, die wissen nicht, wer du bist. Stell dir das doch mal vor: All die vielen Leute, so viel Geld, Waffen und Spione, und du, ein siebzehnjähriger Schüler, du tanzt ihnen immer noch auf der Nase rum. Die wissen nichts von Barbara. Die wissen nichts von Zeb. Du hast sie auf den Straßen von San Francisco gejammt und sie vor den Augen der ganzen Welt gedemütigt. Also hör auf zu jammern, ja? Du bist der Sieger.”

“Trotzdem sind sie hinter mir her. Du siehst es doch. Und sie werden mich für den Rest meines Lebens wegsperren. Vielleicht nicht mal in den Knast. Ich werde einfach verschwinden, so wie Darryl. Vielleicht noch schlimmer, vielleicht nach Syrien. Warum sollten sie mich in Amerika lassen? Ich bin ein Risiko, solange ich in den USA bin.”

Sie setzte sich neben mir aufs Bett.

“Ja”, sagte sie. “Genau das.”

“Genau das.”

“Und du weißt auch, was du also tun musst, oder?”

“Was?”

Sie blickte bedeutungsvoll auf meine Tastatur. Ich konnte sehen, dass ihr Tränen die Wangen herabliefen. “Nein! Du bist wohl nicht bei Trost. Glaubst du wirklich, ich würde mit irgendeiner durchgeknallten Internet-Tante wegrennen? Mit einer Spionin?”

“Hast du ne bessere Idee?”

Ich kickte einen ihrer Wäschestapel in die Gegend. “Meinetwegen. Na supi. Ich werde noch mal mit ihr reden.”

“Rede mit ihr”, sagte Ange. “Schreib ihr, dass du mit deiner Freundin verschwinden willst.”

“Was?”

“Halt die Klappe, du Depp. Du denkst, du bist in Gefahr? Ja, aber ich doch genauso, Marcus. Mitgefangen, mitgehangen. Wenn du gehst, gehe ich mit.”

Wir setzten uns zusammen schweigend aufs Bett.

“Es sei denn, du willst mich nicht”, sagte sie schließlich mit kläglicher Stimme.

“Machst du Witze?”

“Seh ich so aus, als würde ich Witze machen?”

“Ohne dich würde ich für kein Geld der Welt freiwillig gehen, Ange. Ich hätte es nie gewagt, dich zu fragen; aber du glaubst nicht, was es mir bedeutet, dass du es anbietest.”

Sie lächelte und schubste mir meine Tastatur rüber.

“Mail dieser Masha-Kröte. Mal schauen, was die Braut für uns tun kann.”

Ich mailte ihr, verschlüsselte die Nachricht und wartete auf ihre Antwort. Ange tätschelte mich ein wenig, ich küsste sie und wir knutschten ein bisschen. Das Wissen um die Gefahr und unsere Verabredung, zusammen zu verschwinden – all das ließ mich die Peinlichkeiten am Sex vergessen und machte mich spitz wie Hölle.

Wir waren wieder halb nackt, als Mashas Mail eintrudelte.

> Ihr seid zu zweit? Oh Gott, als ob es nicht schon schwierig genug wäre.

> Ich kann mich nicht los machen, außer für ein bisschen Feindaufklärung nach einem großen Xnet-Event. Verstanden?

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Meine Hintermänner beobachten mich auf Schritt und Tritt, aber sie lassen mich von der Leine, wenn irgendwas Großes mit Xnettern passiert. Dann werde ich vor Ort eingesetzt.

> Also müsst ihr was Großes anleiern. Da werde ich hingeschickt, und dann hole ich uns beide raus. Uns drei meinetwegen.

> Aber mach schnell, ja? Ich kann dir nicht oft mailen, kapiert? Die beobachten mich. Und sie kommen dir immer näher. Du hast nicht mehr viel Zeit. Wochen? Vielleicht nur noch Tage.

> Ich brauch dich, um selbst rauszukommen. Deshalb tu ich das alles, nur falls du dich wunderst. Ich kann nicht auf eigene Faust verschwinden. Ich brauch ne fette Xnet-Blendgranate. Das ist dein Job. Lass mich nicht im Stich, M1k3y, oder wir sind beide tot. Und deine Freundin auch.

> Masha

Das Klingeln meines Telefons ließ uns beide hochschrecken. Es war meine Mom, die wissen wollte, wann ich heimkommen würde. Ich sagte ihr, ich sei schon unterwegs. Sie erwähnte Barbara mit keinem Wort – wir hatten vereinbart, nichts davon am Telefon zu erwähnen. Das war die Idee meines Dads gewesen. Der konnte genauso paranoid sein wie ich.

“Ich muss jetzt los”, sagte ich.

“Unsere Eltern werden…”

“Ich weiß. Ich hab doch gesehen, was mit meinen Eltern los war, als sie dachten, ich sei tot. Und wenn sie wissen, dass ich ein Flüchtling bin, wird das nicht viel besser sein. Aber lieber ein Flüchtling als ein Gefangener. So seh ich das. Und überhaupt: Sobald wir weg sind, kann Barbara alles veröffentlichen, ohne uns damit in zusätzliche Gefahr zubringen.”

Wir küssten uns an ihrer Zimmertür. Nicht eine dieser heißen, lässigen Nummern wie sonst, wenn wir uns verabschiedeten. Ein süßer Kuss diesmal. Ein langsamer Kuss. Ein Lebewohl-Kuss.

Fahrten in der BART haben was Introspektives. Wenn der Zug hin- und herruckelt und du versuchst, keinen Blickkontakt zu den anderen Fahrgästen herzustellen; wenn du versuchst, nicht all die Plakate für kosmetische Chirurgie, Kautionsvermittler und AIDS-Tests zu lesen; wenn du die Graffiti zu ignorieren versuchst und dir all das Zeug im Teppich lieber nicht zu genau anguckst – in diesen Momenten wird dein Geist wirklich gründlich durchgerüttelt und -geschüttelt.

Du ruckelst also hin und her, und dein Gehirn spult all die Dinge ab, die du bislang übersehen hast, zeigt dir all die Filme deines Lebens, in denen du nicht der Held warst, sondern ein Trottel und ein Versager.

In solchen Momenten entwickelt dein Gehirn Theorien wie diese: “Wenn das DHS M1k3y fangen wollte, wäre es dann nicht das Geschickteste, ihn aus seiner Deckung zu locken? Ihn zu einer Panikreaktion in Form eines riesigen öffentlichen Xnet-Events zu veranlassen? Wäre das nicht das Risiko wert, ein kompromittierendes Filmchen an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen?” Dein Gehirn bombardiert dich zwangsläufig mit solchem Zeug, selbst wenn die Zugfahrt nur zwei oder drei Stationen lang dauert. Wenn du dann aussteigst und losläufst, dann nimmt auch dein Blutkreislauf wieder Fahrt auf, und manchmal hilft dir dein Gehirn auch wieder aus deinem Dilemma heraus.

Manchmal liefert dir dein Gehirn nicht nur Probleme, sondern auch die passenden Lösungen. – Fortsetzung Kapitel 18

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother

Kapitel 16

Dieses Kapitel ist San Franciscos Booksmith gewidmet, versteckt im legendären Haight-Ashbury-Viertel, nur ein paar Türen hinter Ben and Jerry’s an eben dieser Ecke Haight und Ashbury. Die Leute von Booksmith wissen genau, wie man eine Autorenlesung veranstalten muss – als ich in San Francisco lebte, war ich ständig dort, um unglaubliche Autoren zu hören (William Gibson war unvergesslich). Sie produzieren auch kleine Sammelkarten für jeden Autor – ich habe zwei von meinen eigenen Lesungen dort.

Booksmith:
http://thebooksmith.booksense.com 1644 Haight St. San Francisco CA 941 17 USA + 1 415 863 8688

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Zuerst wirkte Mom schockiert, dann wütend, und schließlich gab sie es ganz auf und saß bloß noch mit offenem Mund da, während ich sie durch die Vernehmungen führte, durch mein Einpinkeln, den Sack über meinem Kopf, Darryl. Ich zeigte ihr den Zettel.

“Warum…?”

Es war alles in diesem einen Wort: All die Vorwürfe, die ich mir während der Nächte machte, jeder Moment, den es mir an Mut mangelte, der Welt zu berichten, worum es wirklich ging, warum ich in Wirklichkeit kämpfte und was das Xnet in Wahrheit inspiriert hatte.

Ich atmete tief durch.

“Sie haben mir gesagt, ich würde ins Gefängnis gehen, wenn ich darüber rede. Nicht nur für ein paar Tage. Für immer. Ich… ich hatte Angst.”

Mom saß eine lange Zeit nur bei mir und sagte kein Wort. Dann: “Und was ist mit Darryls Vater?” Genauso gut hätte sie mir eine Stricknadel in die Brust bohren können. Darryls Vater. Er musste glauben, dass Darryl schon lange, lange tot war.

Und war er es etwa nicht? Wenn das DHS dich widerrechtlich drei Monate lang festgehalten hat, lassen sie dich dann überhaupt noch mal raus?

Aber Zeb war rausgekommen. Vielleicht würde Darryl auch rauskommen. Vielleicht konnten ich und das Xnet dabei helfen, Darryl rauszubekommen.

“Ich hab es ihm nicht erzählt.”

Jetzt fing Mom an zu weinen. Das tat sie nicht oft; es war ihre britische Ader. Das machte ihre kleinen hicksenden Schluchzer noch viel schwerer zu ertragen.

“Du wirst es ihm erzählen”, brachte sie hervor. “Du musst.”

Ja.”

“Aber zuerst müssen wir es deinem Vater erzählen.”

Dad kam längst nicht mehr zu einer bestimmten Zeit nach Hause. Durch seine Beratungstätigkeit – seine Kunden hatten jetzt reichlich Arbeit, seit das DHS sich auf der Halbinsel nach Data-Mining-Startups umsah – und die lange Pendelei nach Berkeley kam er irgendwann zwischen sechs Uhr abends und Mitternacht nach Hause.

Heute abend rief Mom ihn an und sagte, er möge “auf der Stelle” heimkommen. Er entgegnete etwas, und sie wiederholte bloß “auf der Stelle”.

Als er ankam, hatten wir uns im Wohnzimmer hingesetzt und den Zettel zwischen uns auf den Kaffeetisch gelegt.

Beim zweiten Mal fiel das Erzählen leichter. Das Geheimnis war nicht mehr so drückend. Ich schönte nichts, und ich verheimlichte nichts. Ich redete mir alles von der Seele.

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Ich hatte die Phrase schon gehört, aber nie zuvor begriffen, was sie eigentlich bedeutete. Das Geheimnis für mich zu behalten hatte mich beschmutzt, meinen Geist verdorben. Es hatte mich ängstlich und beschämt gemacht. Es hatte mich zu all dem gemacht, was Ange über mich gesagt hatte.

Dad saß die ganze Zeit steif wie ein Amboss da, sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Als ich ihm den Zettel reichte, las er ihn zwei Mal und legte ihn dann sorgfältig beiseite.

Er schüttelte den Kopf, stand auf und ging zur Haustür.

“Wohin gehst du?”, fragte Mom besorgt.

“Ich muss mal um den Block”, war alles, was er mit brechender Stimme hervorbrachte.

[X]

Wir sahen einander unsicher an, Mom und ich, und warteten auf seine Rückkehr. Ich versuchte mir vorzustellen, was in seinem Kopf vorgehen mochte. Nach den Attentaten war er ein so anderer Mensch geworden, und ich wusste von Mom, dass das, was ihn geändert hatte, die Tage waren, während derer er mich für tot gehalten hatte. Er war zu der Ansicht gelangt, dass die Terroristen seinen Sohn beinahe getötet hatten, und das hatte ihn verrückt gemacht.

Verrückt genug, um alles zu tun, was das DHS von ihm verlangte: sich einzureihen wie ein braves kleines Lamm, sich kontrollieren zu lassen, sich antreiben zu lassen.

Und nun wusste er, dass es das DHS war, das mich gefangen gehalten hatte, dasselbe DHS, das San Franciscos Kinder in Gitmo-an-der-Bay als Geiseln hielt. Es war auch völlig logisch, jetzt, da ich drüber nachdachte. Natürlich musste es Treasure Island sein, wo man mich gefangen gehalten hatte. Was sonst war zehn Minuten Bootsfahrt von San Francisco entfernt?

Als Dad zurückkam, sah er so zorniger aus als jemals zuvor im Leben.

“Du hättest es mir erzählen müssen!”, polterte er.

Mom stellte sich zwischen ihn und mich. “Du beschuldigst den Falschen”, sagte sie. “Es war doch nicht Marcus, der für das Kidnapping und die Einschüchterung verantwortlich war.”

Er schüttelte den Kopf und stampfte. “Ich beschuldige nicht Marcus. Ich weiß nur zu genau, wer hier schuld ist. Ich. Ich und das dumme DHS. Zieht eure Schuhe an und holt eure Mäntel.”

“Wohin gehen wir?”

“Zuerst zu Darryls Vater. Und dann besuchen wir Barbara Stratford.”

Der Name Barbara Stratford sagte mir irgendwas, aber mir fiel nicht ein, was. Mochte sein, dass sie eine alte Freundin meiner Eltern war, aber ich konnte sie nicht einordnen.

Erst mal waren wir jetzt zu Darryls Vater unterwegs. Ich hatte mich nie sehr wohl gefühlt in der Gegenwart des alten Mannes, der Funker bei der Navy gewesen war und seinen Haushalt straff wie auf dem Schiff organisierte. Er hatte Darryl schon Morsecode beigebracht, als der noch ein Kind war, und das hatte ich ziemlich cool gefunden. Das war übrigens einer der Gründe dafür, dass ich wusste, ich konnte Zebs Nachricht trauen. Aber auf jedes coole Ding wie Morsecode kam bei Darryls Vater irgendeine schwachsinnige militärische Disziplinnummer aus anscheinend reinem Selbstzweck – zum Beispiel bestand er auf perfektes Bettenbauen und auf zwei Rasuren pro Tag. Das trieb Darryl ziemlich auf die Palme.

Darryls Mutter hatte das auch nicht so dufte gefunden und war zu ihrer Familie nach Minnesota zurückgegangen, als Darryl zehn war; er verbrachte seine Sommer- und Weihnachtsferien dort.

Ich saß hinten im Auto und konnte den Hinterkopf meines Vaters betrachten, während er fuhr. Seine Muskeln im Nacken waren angespannt und waren in steter Bewegung, weil er mit seinen Kiefern mahlte.

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Mom behielt ihre Hand auf seinem Arm, aber es war niemand da, der mich tröstete. Wenn ich doch bloß Ange anrufen könnte. Oder Jolu. Oder Van. Naja, vielleicht, wenn dieser Tag rum war.

“Er muss seinen Sohn innerlich schon beerdigt haben”, sagte Dad, während wir uns auf den Haarnadelkurven hinauf nach Twin Peaks dem Häuschen näherten, in dem Darryl und sein Vater lebten. Es war neblig um Twin Peaks, wie so oft bei Nacht in San Francisco, und das Scheinwerferlicht wurde zu uns zurückreflektiert. In jeder Kurve sah ich die Täler der Stadt tief unter uns, Schüsseln voller glitzernder Lichter, die sich im Nebel bewegten.

“Ist es das?”

“Ja”, sagte ich, “das ist es.” Ich war nun monatelang nicht bei Darryl gewesen, aber ich hatte in all den Jahren genug Zeit hier verbracht, um sein Haus auf Anhieb zu erkennen.

Wir drei standen einen ausgedehnten Moment lang ums Auto herum, um zu sehen, wer gehen und an der Tür klingeln würde. Zu meiner eigenen Überraschung war ich es.

Ich klingelte, und wir warteten in angespanntem Schweigen eine Minute lang. Dann klingelte ich erneut. Der Wagen von Darryls Vater stand in der Auffahrt, und wir hatten im Wohnzimmer ein Licht brennen sehen. Gerade wollte ich ein drittes Mal klingeln, als die Tür geöffnet wurde.

“Marcus?” Ich erkannte Darryls Vater kaum wieder. Unrasiert, in einem Hausmantel und barfuß, mit langen Zehennägeln und roten Augen. Er hatte Gewicht zugelegt, und unter dem kräftigen Soldatenkinn war ein weiches Doppelkinn zu erkennen. Sein dünnes Haar war strähnig und ungepflegt.

“Mr. Glover”, sagte ich. Meine Eltern schoben sich hinter mir zur Tür herein.

“Hallo, Ron”, sagte meine Mutter.

“Ron”, sagte mein Vater.

“Ihr auch? Was ist los?”

“Können wir reinkommen?”

Sein Wohnzimmer sah aus wie eins jener Zimmer, die man in den Nachrichtenmeldungen über verwahrloste Jugendliche sieht, die einen Monat eingeschlossen sind, bevor sie von den Nachbarn gerettet werden: Schachteln für Tiefkühlkost, leere Bierdosen und Saftflaschen, schmutzige Müslischüsseln und stapelweise Zeitungen. Ein Hauch von Katzenpisse hing in der Luft, und Müll knirschte unter unseren Füßen. Selbst ohne die Note von Katzenpisse wäre der Geruch unglaublich gewesen, wie in einem Bahnhofsklo.

Die Couch war mit einem schmuddeligen Laken und ein paar fettig glänzenden Kissen bedeckt, und die Polster waren eingedrückt wie nach vielen Nächten Schlaf.

Wir standen alle für einen langen, schweigsamen Moment da, während dessen Verlegenheit alle anderen Gefühle überlagerte. Darryls Vater sah aus, als wolle er auf der Stelle sterben.

Langsam räumte er dann die Laken vom Sofa, räumte die Stapel schmutzigen Geschirrs von einigen der Sofas und trug sie in die Küche, wo er sie, dem Geräusch nach zu urteilen, auf den Boden fallen ließ.

Vorsichtig setzten wir uns auf die Plätze, die er freigeräumt hatte, dann kam er zurück und setzte sich ebenfalls.

“Es tut mir Leid”, sagte er undeutlich. “Ich kann euch wirklich keinen Kaffee anbieten. Ich rechne für morgen mit der Lebensmittellieferung, deshalb bin ich ein bisschen knapp…”

“Ron”, sagte mein Vater. “Hör uns bitte zu. Wir haben dir etwas zu erzählen, und es wird nicht leicht sein, es anzuhören.”

Er saß wie eine Statue da, während ich berichtete.

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Dann starrte er auf den Zettel, las ihn augenscheinlich, ohne ihn zu begreifen, und las ihn noch einmal. Dann gab er ihn mir zurück.

Er zitterte.

“Er…”

“Darryl lebt”, sagte ich. “Darryl lebt, und er wird auf Treasure Island als Gefangener festgehalten.”

Er presste seine Faust in seinen Mund und gab ein furchterregendes Stöhnen von sich.

“Wir haben eine Freundin”, sagte mein Vater. “Sie schreibt für den ,Bay Guardian’. Eine investigative Reporterin.”

Daher also kannte ich den Namen. Die kostenlose Wochenzeitung “Guardian” verlor häufiger ihre Reporter an die größeren Tageszeitungen und ans Internet, aber Barbara Stratford war dort schon seit Ewigkeiten. Ich hatte eine vage Erinnerung an ein Abendessen mit ihr, als ich ein Kind war.

“Wir gehen jetzt zu ihr”, sagte meine Mutter. “Wirst du mit uns kommen, Ron? Wirst du ihr Darryls Geschichte erzählen?”

Er schlug die Hände vors Gesicht und atmete schwer. Dad versuchte ihm die Hand auf die Schulter zu legen, aber Mr. Glover schüttelte sie vehement ab.

“Ich muss mich auf Vordermann bringen”, sagte er. “Gebt mir eine Minute.”

Mr. Glover kam als veränderter Mensch wieder die Treppe herunter. Er hatte sich rasiert und sein Haar zurückgegelt, und er hatte eine makellose Militär-Ausgehuniform mit einer Reihe Abzeichen auf der Brust angezogen. Am Fuß der Treppe blieb er stehen und wies auf die Uniform.

“Ich habe momentan nicht allzu viele saubere Sachen, die vorzeigbar sind. Und das hier schien mir angemessen. Ihr wisst schon, falls sie Fotos machen möchte.”

Er und Dad saßen vorn und ich auf dem Rücksitz hinter ihm. Aus der Nähe roch er ein wenig nach Bier, als ob es durch seine Poren käme.

Als wir in Barbara Stratfords Einfahrt bogen, war es bereits Mitternacht. Sie lebte außerhalb der Stadt, unten in Mountain View, und während wir über die 101 sausten, sprach keiner von uns ein Wort. Die Hightech-Gebäude längs des Highways flitzten an uns vorbei.

Das war eine ganz andere Bay Area als die, in der ich lebte, eher wie das kleinstädtische Amerika, das ich manchmal im Fernsehen sah. Jede Menge Autobahnen und segmentierte Ansammlungen identischer Häuser; Städte, in denen kein einziger Obdachloser seinen Einkaufswagen den Bürgersteig entlang schob – hier gab es nicht einmal Bürgersteige!

Mom hatte Barbara Stratford angerufen, während wir darauf warteten, dass Mr. Glover wieder runterkam. Die Journalistin hatte schon geschlafen, aber Mom war so erregt gewesen, dass sie völlig vergessen hatte, sich britisch zu benehmen und peinlich berührt zu sein, sie geweckt zu haben; stattdessen hatte sie ihr nachdrücklich erzählt, dass sie etwas zu besprechen habe und dass es persönlich sein müsse.

Als wir zu Barbara Stratfords Haus hochrollten, war meine erste Assoziation Brady Bunch – ein geducktes Ranch-Haus mit Ziegelverblendung und ordentlichem, vollkommen quadratischem Rasen. Die Verblendung hatte ein abstraktes Kachelmuster, und dahinter ragte eine altmodische UHF-TV-Antenne hervor. Wir gingen ums Haus herum zum Eingang und sahen, dass drinnen bereits Licht brannte.

Die Schreiberin öffnete die Tür, bevor wir auch nur eine Chance hatten, den Klingelknopf zu drücken. Sie war etwa so alt wie meine Eltern, mit scharf profilierter Nase und klugen Augen mit vielen Lachfältchen. Sie trug Jeans, die hip genug waren, um auch in einer der Boutiquen auf Valencia Street durchzugehen, und eine weite indische Baumwollbluse, die ihr bis über die Oberschenkel hing.

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Ihre kleinen runden Brillengläser blitzten im Licht ihres Korridors.

Sie schenkte uns die Andeutung eines Lächelns.

“Wie ich sehe, seid ihr mit der ganzen Sippe angereist.”

Mom nickte. “Du wirst gleich verstehen, warum”, sagte sie.

Mr. Glover trat hinter Dad hervor.

“Und die Navy habt ihr auch angefordert?”

“Alles zu seiner Zeit.”

Wir wurden ihr vorgestellt. Sie hatte einen festen Händedruck und langgliedrige Finger.

Ihr Heim war japanisch-minimalistisch eingerichtet mit nur wenigen wohlproportionierten, niedrigen Möbelstücken, großen Tongefäßen mit Bambus, dessen Wedel bis zur Decke ragten, und etwas, das aussah wie großes, verrostetes Bauteil eines Dieselaggregats auf einem polierten Marmorsockel. Ich entschied mich dafür, es zu mögen. Die Fußböden waren altes Holz, gesandet und gebeizt, aber nicht versiegelt, so dass man Risse und Vertiefungen unter dem Firnis sehen konnte. Das mochte ich wirklich sehr, insbesondere, als ich auf Socken darüberlief.

“Ich habe Kaffee aufgesetzt”, sagte sie. “Wer möchte welchen?” Wir hoben alle die Hände. Ich blickte meine Eltern herausfordernd an.

“Okay”, sagte sie.

Sie verschwand in einem anderen Raum und kam kurz darauf mit einem groben Bambustablett zurück, auf dem eine Zwei-Liter-Thermoskanne und sechs Tassen in sehr präziser Formgebung, aber grobschlächtiger Dekoration standen. Die mochte ich auch.

“Nun denn”, sagte sie, nachdem sie eingeschenkt und verteilt hatte. “Es ist sehr schön, euch alle mal wieder zu sehen. Marcus, als ich dich letztes Mal gesehen habe, warst du ungefähr sieben Jahre alt. Und wenn ich mich recht erinnere, warst du damals sehr begeistert von deinen neuen Videospielen, die du mir gezeigt hast.”

Ich erinnerte mich daran überhaupt nicht, aber es klang genau nach dem, wofür ich mich mit sieben begeistert hatte. Musste wohl meine Sega Dreamcast gewesen sein.

Sie holte ein Tonbandgerät, einen gelben Block und einen Kugelschreiber und drehte den Stift auf. “Ich bin bereit, anzuhören, was immer ihr mir zu erzählen habt, und ich kann euch versprechen, dass ich alles, was ich höre, vertraulich behandeln werde. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich das, was ich höre, irgendwie verwenden werde oder dass es veröffentlicht werden wird.” Die Art, wie sie das sagte, machte mir klar, dass diese Lady meiner Mom, die sie aus dem Bett geklingelt hatte, einen sehr großen Dienst erwies, Freundinnen hin oder her. Berühmte investigative Reporterin musste manchmal ein ganz schöner Scheißjob sein. Wahrscheinlich waren eine Million Leute heiß drauf, dass sie sich ihrer Fälle annahm.

Mom nickte mir zu. Obwohl ich die Story in dieser Nacht schon drei Mal erzählt hatte, ging sie mir dieses Mal nicht so leicht über die Lippen. Das hier war was anderes, als es meinen Eltern zu erzählen. Es war auch was anderes, als es Darryls Vater zu erzählen. Das hier, das würde dem Spiel eine völlig neue Wendung geben.

Ich fing langsam an und beobachtete Barbara dabei, wie sie sich Notizen machte. Ich trank eine ganze Tasse Kaffee nur während der Erklärung, was ARG war und wie ich zum Spielen aus der Schule rauskam. Mom, Dad und Mr. Glover hörten dabei besonders aufmerksam zu. Ich schenkte mir eine zweite Tasse ein und trank sie über dem Bericht unserer Festnahme aus. Als ich mit der kompletten Geschichte durch war, hatte ich die Kanne leer gemacht und hatte Druck auf der Blase wie ein Rennpferd.

Ihr Badezimmer war genauso puristisch wie das Wohnzimmer, und es gab braune Öko-Seife, die wie reiner Schlamm roch.

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Ich kam wieder zurück und sah die Augen aller Erwachsenen auf mir ruhen.

Dann erzählte Mr. Glover seine Geschichte. Er konnte nichts darüber berichten, was passiert war, aber er erzählte, dass er ein Veteran sei und sein Sohn ein guter Junge. Er sprach darüber, wie er sich gefühlt hatte, als er annehmen musste, dass sein Sohn tot war, und wie seine Ex-Frau einen Zusammenbruch erlitten hatte und in die Klinik kam. Er weinte ein wenig und schämte sich nicht dafür, wie die Tränen über sein zerfurchtes Gesicht liefen und den Kragen seiner Ausgehuniform benetzten.

Als alles gesagt war, verschwand Barbara in einem anderen Zimmer und kam mit einer Flasche irischem Whiskey zurück. “Ein 15-jähriger Bushmills, im Rum-Fass gelagert”, sagte sie, während sie vier kleine Gläser hinstellte. Keins für mich. “Dieser hier wird seit zehn Jahren nicht mehr verkauft. Ich glaube, dies ist wohl ein angemessener Moment, ihn anzubrechen.”

Sie goss allen ein kleines Gläschen ein, hob ihres, nippte daran und leerte es zur Hälfte. Die anderen taten es ihr nach. Sie tranken nochmals und leerten die Gläser. Sie goss ihnen neu ein.

“Also”, begann sie. “Im Moment kann ich euch folgendes sagen: Ich glaube euch. Nicht nur, weil ich dich kenne, Lillian. Die Story klingt schlüssig und fügt sich in einige andere Gerüchte ein, die mir zugetragen wurden. Aber es wird nicht reichen, mich allein auf euer Wort zu verlassen. Ich werde jeden einzelnen Aspekt dieser Sache recherchieren müssen und jedes kleine Teilchen eures Lebens und eurer Geschichte. Ich muss wissen, ob es irgendetwas gibt, das ihr mir noch nicht erzählt habt und das dazu dienen könnte, euch zu diskreditieren, nachdem diese Sache ans Licht kommt. Ich brauche alles. Es könnte Wochen dauern, bevor ich etwas veröffentlichen kann.

Ihr müsst auch an eure Sicherheit denken und an die Sicherheit dieses Darryl. Wenn er wirklich eine ,Unperson’ ist, dann könnte jeder Druck, den wir auf das DHS ausüben, dazu führen, dass sie ihn sehr weit weg bringen, zum Beispiel nach Syrien. Sie könnten auch etwas noch viel Schlimmeres tun.” Sie ließ das so in der Luft hängen. Ich wusste, dass sie meinte, sie könnten ihn töten.

“Ich werde jetzt diese Nachricht einscannen. Und ich brauche Fotos von euch beiden, jetzt gleich und später. Wir können noch einen Fotografen rumschicken, aber ich will alles heute Nacht schon möglichst sorgfältig dokumentieren.”

Ich ging mit in ihr Büro, um zu scannen. Ich hatte einen schicken Kleincomputer erwartet, der zur Einrichtung passte, aber tatsächlich war ihr kombiniertes Schlaf- und Arbeitszimmer gerammelt voll mit High-End-Rechnern, großen Flachbildschirmen und einem Monster-Scanner, mit dem man eine ganze Zeitungsseite auf einmal einlesen konnte. Und mit all dem ging sie sehr souverän um. Mit einiger Befriedigung registrierte ich, dass sie mit Paranoid-Linux arbeitete. Diese Lady nahm ihren Job ernst.

Die Computerlüfter sorgten schon für sehr effektive Geräuschunterdrückung, dennoch schloss ich die Tür und trat nah an sie heran.

“Barbara?”

Ja?”

“Was Sie vorhin gesagt haben, über Dinge, die geeignet wären, mich zu diskreditieren…”

Ja?”

“Was ich Ihnen erzähle: Man kann Sie doch nicht zwingen, das jemandem weiterzuerzählen?”

“Theoretisch schon. Aber sagen wir so: Ich bin schon zwei Mal ins Gefängnis gegangen, statt einen Informanten preiszugeben.”

“Okay, okay. Gut. Wow. Knast. Wow. Okay.” Ich atmete tief ein. “Sie haben doch schon vom Xnet und von M1k3y gehört?”

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Ja, und?”

“Ich bin M1k3y.”

“Oh”, sagte sie. Sie hantierte am Scanner und drehte den Zettel um, um auch die Rückseite einzulesen. Sie scannte mit irgendeiner unglaublich hohen Auflösung, 10.000 dpi oder noch mehr, und am Schirm sah der Scan aus wie der Ausdruck eines Rastertunnelmikroskops.

“Nun, das wirft ein anderes Licht auf die Sache.”

“Ja”, sagte ich. “So siehts wohl aus.”

“Und deine Eltern wissen nichts davon.”

“Nichts. Und ich bin nicht sicher, ob sies wissen sollten.”

“Das ist etwas, das du selbst entscheiden musst. Ich muss drüber nachdenken. Kannst du mich im Büro besuchen? Ich würde gern mit dir darüber sprechen, was genau das alles bedeutet.”

“Haben Sie eine Xbox Universal? Ich würde einen Installer mitbringen.”

“Ja, ich bin sicher, das lässt sich arrangieren. Wenn du kommst, dann sag am Empfang, dass du Mr. Brown bist und mich sprechen möchtest. Dort wissen sie, was das bedeutet. Deine Ankunft wird nirgends registriert, und die Aufzeichnungen dieses Tages aus den Überwachungskameras werden automatisch gelöscht und die Kameras ausgeschaltet, bis du wieder gehst.”

“Wow”, sagte ich. “Sie denken wie ich.”

Sie lächelte und knuffte mich in die Schulter. “Mein Junge, ich bin schon verdammt lange in diesem Spiel. Und bislang habe ich es geschafft, mehr Zeit in Freiheit als hinter Gittern zu verbringen. Paranoia ist meine Freundin.”

Am nächsten Tag hing ich wie ein Zombie in der Schule rum. Ich hatte nur noch drei Stunden Schlaf bekommen, und nicht mal drei Tassen Koffeinschlamm beim Türken hatten mein Gehirn auf Touren bringen können. Das Problem mit Koffein ist, dass man sich zu leicht dran gewöhnt und dann immer höhere Dosen braucht, nur um sein Level zu halten.

Ich hatte in der Nacht darüber gegrübelt, was ich zu tun hatte. Und es war so, wie durch ein Labyrinth mit lauter verzweigten kleinen Gängen zu rennen, die alle gleich aussahen und alle in der gleichen Sackgasse endeten. Wenn ich zu Barbara ging, war es aus für mich. Darauflief es hinaus, ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte.

Als der Schultag vorbei war, wollte ich bloß noch heim und ins Bett kriechen. Aber ich hatte eine Verabredung beim “Bay Guardian” unten am Wasser. Ich hielt meinen Blick auf meine Füße gerichtet, als ich aus dem Tor rauswankte, und als ich in die 24. Straße abbog, lief plötzlich ein zweites Paar Füße neben meinen her. Ich erkannte die Schuhe und blieb stehen.

“Ange?”

Sie sah so aus, wie ich mich fühlte. Übernächtigt, mit Waschbäraugen und einem traurigen Zug um die Mundwinkel.

“Hi du”, sagte sie. “Überraschung. Ich hab mir selbst schulfrei gegeben. Konnte mich sowieso nicht mehr konzentrieren.”

“Äh.”

“Halt den Mund und umarm mich, du Idiot.”

Tat ich sofort. Mann, war das gut. Besser als gut. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Teil meiner selbst amputiert, und jetzt hätte man ihn wieder angeflickt.

“Ich liebe dich, Marcus Yallow.”

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“Ich liebe dich, Angela Carvelli.”

“Okay”, unterbrach sie. “Ich mochte deinen Blogeintrag darüber, warum du nicht mehr jammst. Kann ich respektieren. Und wie weit bist du mit deiner Suche nach einer Methode, sie zu jammen, ohne dich erwischen zu lassen?”

“Ich gehe grade zu einer Verabredung mit einer investigativen Journalistin, die eine Story darüber drucken will, wie ich in den Knast gekommen bin, wie ich das Xnet ins Leben gerufen habe und wie Darryl vom DHS wider- rechtlich in einem Geheimknast auf Treasure Island gefangen gehalten wird.”

“Oh.” Sie blickte sich kurz um. “Hättest du dir nicht auch was… Ehrgeiziges ausdenken können?”

“Kommst du mit?”

“Ich komm mit, ja. Und wenns dir nichts ausmacht, könntest du mir auf dem Weg dahin auch schon mal alles im Detail erklären.”

Nach all den wiederholten Erzählungen fiel mir diese am leichtesten; während wir zur Potrero Avenue und runter zur 15. Straße liefen, hielt sie meine Hand und drückte sie häufig.

Wir nahmen zu den Büroräumen des “Bay Guardian” hoch immer zwei Treppenstufen auf einmal. Mein Herz wummerte. Ich kam am Empfangstresen an und sagte dem gelangweilten Mädchen dahinter: “Ich bin hier mit Barbara Stratford verabredet. Mein Name ist Mr. Green.”

“Ich nehme an, Sie meinen Mr. Brown?”

“Ja.” Ich errötete. “Mr Brown.”

Sie machte irgendwas an ihrem Computer und sagte dann: “Nehmen Sie Platz. Barbara wird in einer Minute bei Ihnen sein. Kann ich Ihnen irgendetwas anbieten?”

“Kaffee”, sagten wir wie aus einem Mund. Noch ein Grund, Ange zu lieben: Wir waren von derselben Droge abhängig.

Die Rezeptionistin – eine hübsche Latina, kaum älter als wir, in Gap-Klamotten so alt, dass sie schon wieder retroschick waren – nickte, ging hinaus und kam mit zwei Bechern zurück, die mit dem Logo der Zeitung bedruckt waren.

Wir schlürften still vor uns hin und beobachteten das Kommen und Gehen von Besuchern und Reportern. Endlich kam Barbara auf uns zu. Sie trug ziemlich genau das Gleiche wie in der Nacht zuvor. Stand ihr gut. Sie hob eine Augenbraue, als sie sah, dass ich jemanden mitgebracht hatte.

“Hallo”, sagte ich. “Äh, das ist…”

“Ms. Brown”, warf Ange ein und streckte ihr die Hand entgegen. Ach klar, unsere Identitäten sollten ja geheim bleiben. “Ich arbeite mit Mr. Green zusammen.” Sie stupste mich mit dem Ellenbogen an.

“Gehen wir also”, sagte Barbara und führte uns in einen Konferenzraum mit langen Glaswänden, deren Jalousien geschlossen waren. Sie legte ein Tablett voller Whole-Foods-Biokekse, einen Digitalrecorder und wieder einen gelben Block auf den Tisch.

“Möchtest du, dass ich das hier auch aufzeichne?”, fragte sie.

Hatte mir darüber echt noch keine Gedanken gemacht. Mir war klar, dass es nützlich sein könnte, wenn ich nachträglich dementieren wollte, was Barbara gedruckt haben würde. Trotzdem: Wenn ich mich nicht drauf verlassen konnte, dass sie meine Aussagen korrekt behandelte, dann war ich sowieso geliefert.

“Nein, ist schon okay”, sagte ich.

“Nun gut, dann los. Junge Dame, mein Name ist Barbara Stratford, und ich bin eine investigative Reporterin. Ich vermute, dass Sie wissen, warum ich hier bin, und es würde mich interessieren zu erfahren, warum Sie hier sind.”

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“Ich arbeite mit Marcus im Xnet. Müssen Sie meinen Namen wissen?”

“Jetzt noch nicht unbedingt”, sagte Barbara. “Sie können anonym bleiben, wenn Sie möchten. Marcus, ich hatte dich gebeten, mir diesen Teil der Geschichte zu erzählen, weil ich wissen muss, wie sie mit der Geschichte über deinen Freund Darryl und den Zettel, den du mir gezeigt hast, zusammenpasst. Ich könnte mir vorstellen, dass sie eine gute Dreingabe wäre: Ich könnte sie als den Ursprung des Xnet darstellen. ,Sie machten sich einen Feind, den sie nie vergessen werden’, etwas in dieser Art. Aber ehrlich gesagt würde ich diese Story lieber nicht erzählen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

Ich hätte viel lieber eine hübsche, saubere Geschichte über das Geheimgefängnis vor unserer Haustür, ohne darauf eingehen zu müssen, inwiefern die Gefangenen dort die Sorte Leute sind, die, kaum draußen, sofort eine Untergrundbewegung ins Leben rufen, um die Regierung zu destabilisieren. Ich bin sicher, das wirst du verstehen.”

Allerdings. Wenn das Xnet ein Teil der Story war, würden manche Leute sagen, seht ihr, solche Typen muss man wegsperren, sonst starten sie einen Aufruhr.

“Es ist Ihre Show”, sagte ich. “Ich denke, Sie müssen der Welt von Darryl erzählen. Und wenn Sie das tun, dann wird es dem DHS zeigen, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, und dann sind sie wieder hinter mir her. Vielleicht finden sie dann auch raus, dass ich mit dem Xnet zu tun habe, und stellen eine Verbindung zu M1k3y her. Schätze mal, was ich damit sagen will, ist, sobald Sie über Darryl schreiben, ist es für mich so oder so vorbei. Damit hab ich meinen Frieden gemacht.”

“Ob du nun als Schaf oder als Lamm gehängt wirst…”, sagte sie. “Gut, das wäre geklärt. Ich möchte, dass ihr beide mir möglichst alles über die Entstehung und den Betrieb des Xnet erzählt, und dann möchte ich eine Vorführung. Wofür benutzt ihr es? Wer benutzt es sonst noch? Wie hat es sich verbreitet? Wer hat die Software geschrieben? Alles.”

“Das wird ne Weile dauern”, sagte Ange.

“Ich habe eine Weile Zeit”, entgegnete Barbara. Sie trank einen Schluck Kaffee und aß einen Keks. “Dies könnte sich zur wichtigsten Geschichte über den Krieg gegen den Terror entwickeln. Es könnte die Geschichte werden, die die Regierung stürzt. Und so eine Story hat alle denkbare Sorgfalt verdient.” – Fortsetzung Kapitel 17

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother

Kapitel 15

Dieses Kapitel ist Chapters/Indigo gewidmet, der nationalen kanadischen Mega-Kette. Ich arbeitete zu der Zeit bei Bakka, der unabhängigen Science-Fiction-Buchhandlung, als Chapters seine erste Filiale in Toronto eröffnete; und es war mir schnell klar, dass da was Großes am Werden war, weil zwei unserer klügsten und bestinformierten Kunden bei uns reinschneiten, um mir zu berichten, dass sie für die Leitung der dortigen Science-Fiction-Abteilung angestellt worden seien. Von Beginn an legte Chapters die Messlatte für eine große Buchhandels-Filiale hoch – mit erweiterten Öffnungszeiten, einem freundlichen Café mit vielen Sitzplätzen, Selbstbedienungs-Terminals und einem erstaunlich vielfältigen Sortiment.

Chapters/Indigo:

http://www.chapters.indigo.ca/books/Little-Brother-Cory-Doctorow/9780765319852-item.html

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Ich bloggte über die Pressekonferenz, noch bevor ich die Einladungen an die Presse rausschickte. Es war klar, dass all diese Schreiberlinge mich zu einem Führer oder General oder obersten Guerilla-Kommandeur hochstilisieren wollten, und der beste Weg, dem zu begegnen, schien mir der, sicherzustellen, dass noch eine Menge anderer Xnetter sich dort herumtrieben und Fragen beantworteten.

Dann mailte ich den Presseleuten. Die Reaktionen rangierten von verwirrt bis enthusiastisch – nur die Reporterin von Fox war “empört”, dass ich es wagte, ihr dieses Spielchen aufzunötigen, um in ihrer TV-Show zu erscheinen. Die anderen schienen das für den Beginn einer ziemlich coolen Story zu halten, allerdings brauchten etliche von ihnen eine ganze Menge Support, um sich bei dem Spiel anzumelden.

Ich entschied mich für acht Uhr abends, nach dem Essen. Mom hatte schon länger nachgebohrt, wo ich mich in letzter Zeit abends rumtrieb, bis ich schließlich mit Ange rausgerückt war; seither sah sie mich ständig mit diesem verträumten Blick an, als ob sie sagen wolle, “oh, mein Kleiner wird langsam groß”. Sie wollte Ange treffen, und das benutzte ich als Hebel, indem ich versprach, sie am nächsten Abend einmal mitzubringen, wenn ich mit Ange heute “ins Kino gehen” dürfe.

Anges Mom und ihre Schwester waren schon wieder unterwegs – sie waren beide keine Stubenfliegen -, so dass ich mit Ange und unseren beiden Xboxen in ihrem Zimmer allein war. Ich stöpselte einen der Monitore neben ihrem Bett aus und hängte meine Xbox dran, damit wir uns beide zugleich einloggen konnten.

Beide Xboxen waren jetzt in Clockwork Plunder eingeloggt und ansonsten untätig. Ich lief nervös auf und ab.

“Sieht aus, als obs gut für uns läuft”, sagte sie, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden. “Auf dem Markt von Patcheye Pete hats jetzt 600 Spieler!” Patcheye Pete hatten wir uns ausgeguckt, weil es vom Dorfplatz aus, wo neue Spieler “ausschlüpften”, der nächstgelegene Markt war. Sofern die Reporter nicht schon Clockwork Plunder spielten (haha), würden sie dort automatisch auftauchen. Deshalb hatte ich in meinem Blogeintrag darum gebeten, dass sich ein paar Leute an der Strecke zwischen Patcheye Pete und dem Ankunftstor aufhalten mögen, um jeden, der wie ein orientierungsloser Reporter aussah, zu Pete weiterzulotsen.

“Was zum Teufel soll ich denen denn erzählen?”

“Du beantwortest einfach nur ihre Fragen. Und wenn dir eine Frage nicht passt, ignorier sie. Wird sich schon jemand finden, der sie beantwortet. Alles wird gut.”

“Das ist Wahnsinn.”

“Das ist perfekt, Marcus. Wenn du das DHS wirklich drankriegen willst, dann musst du sie piesacken. Wenn du es auf ein direktes Duell ankommen lässt, hast du keine Chance. Deine einzige Waffe ist deine Fähigkeit, sie als Idioten dastehen zu lassen.”

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Ich ließ mich aufs Bett fallen, und sie zog meinen Kopf in ihren Schoß und strich mir übers Haar. Vor den Anschlägen hatte ich mit diversen Schnitten experimentiert und meine Haare in den lustigsten Farben getönt, aber seit ich aus dem Knast raus war, war mir das alles unwichtig geworden. Mein Haar war lang und zottelig geworden, und dann war ich ins Bad gegangen, hatte mir die Schere geschnappt und alles rundum auf gut einen Zentimeter Länge getrimmt; das war völlig pflegeleicht, und außerdem war es hilfreich, beim Jammen und RFID-Klonen unauffällig auszusehen.

Ich öffnete die Augen und blickte in ihre großen, braunen Augen hinter der Brille. Sie waren rund, feucht und sehr ausdrucksstark. Sie konnte sie hervorpoppen lassen, um mich zum Lachen zu bringen, sie konnte sie weich und traurig wirken lassen, aber auch träge und schläfrig auf eine Weise, die mich vor Geilheit fast zerfließen ließ.

Und genau das tat sie gerade jetzt.

Ich setzte mich langsam auf und umarmte sie. Sie erwiderte die Umarmung. Wir küssten uns. Sie küsste unglaublich. Ich weiß, ich sagte es schon, aber das kann man nicht oft genug wiederholen. Wir küssten uns ziemlich oft, aber irgendwie hörten wir immer auf, bevor es zu heftig zur Sache ging.

Jetzt wollte ich einen Schritt weiter gehen. Ich fand den Saum ihres T-Shirts und zog. Sie hob ihre Hände übern Kopf und rutschte ein kleines Stück zurück. Ich hatte gewusst, dass sie das tun würde; ich hatte es seit der Nacht im Park gewusst. Vielleicht waren wir deshalb nie weiter gegangen. Ich wusste, ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass sie rechtzeitig die Notbremse zog, und das machte mir ein wenig Angst.

Aber dieses Mal hatte ich keine Angst. Die bevorstehende Pressekonferenz, die Querelen mit meinen Eltern, die internationale Aufmerksamkeit, dieses Gefühl, dass es da eine Bewegung gab, die sich über die Stadt ausbreitete wie eine wildgewordene Flipperkugel – das alles prickelte auf meiner Haut und ließ mein Herz singen.

Und sie war wunderschön, klug und lustig, und ich verliebte mich mehr und mehr in sie.

Ihr Shirt rutschte heraus, mit einer Biegung ihres Rückens half sie mir, es über ihre Schultern zu ziehen. Dann griff sie hinter sich, hantierte etwas, und ihr BH fiel aufs Bett. Ich konnte sie nur sprachlos, bewegungslos anstarren, und dann griff sie nach meinem Shirt, zerrte es mir über den Kopf und zog mich an sich heran, Brust an nackte Brust.

Wir wälzten uns übers Bett, berührten einander, vernestelten unsere Körper ineinander und stöhnten. Sie bedeckte meine Brust mit Küssen, und ich ihre ebenso. Ich konnte nicht atmen, nicht denken; ich konnte mich nur bewegen und küssen und lecken und berühren.

Dann trauten wir uns noch einen Schritt weiter. Ich knöpfte ihre Jeans auf, sie öffnete meine. Ich zog ihren Reißverschluss auf, sie meinen, dann zog sie mir die Jeans aus und ich ihre. Einen Augenblick später waren wir beide nackt, mit Ausnahme meiner Socken, die ich mit den Zehen abstreifte.

Und genau in diesem Moment erhaschte ich einen Blick auf ihren Wecker, der schon vor langer Zeit auf den Boden gerollt war und uns von dort unten entgegenleuchtete.

“Verdammt!”, schrie ich. “Es geht in zwei Minuten los!” Ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich im Begriff war, damit aufzuhören, wo ich doch gerade erst damit aufgehört hatte, vorher aufzuhören. Ich mein, hätte man mich gefragt, “Marcus, du wirst gleich zum allerersten Mal in deinem Leben mit einem Mädchen ins Bett gehen; würde es dich stören, wenn ich im gleichen Raum diese Atombombe zündete?”, dann wäre meine Antwort ein beherztes, eindeutiges “NEIN” gewesen.

Und doch: Dafür hörten wir auf.

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Sie zog mich zu sich heran, mein Gesicht eng an das ihre, und küsste mich, bis ich dachte, gleich ohnmächtig werden zu müssen; dann schnappten wir uns unsere Klamotten, hockten uns mehr oder weniger angezogen hinter unsere Tastaturen und Mäuse und machten uns auf den Weg zu Patcheye Pete.

Die Presseleute konnte man leicht erkennen. Das waren die Anfänger, die ihre Charaktere wie stolpernde Besoffskis spielten, hin- und her-, rauf- und runterwankend versuchten, sich irgendwie zurechtzufinden, und gelegentlich die falsche Taste drückten, was dann dazu führte, dass sie Fremden ihre Ausrüstung ganz oder teilweise zum Tausch anboten oder sie versehentlich umarmten oder traten.

Auch die Xnetter waren leicht zu erkennen. Wir spielten alle Clockwork Plunder, sooft wir etwas Freizeit hatten (oder keine Lust auf Hausaufgaben), und wir hatten ziemlich ausgefuchste Charaktere mit coolen Waffen und Sprengsätzen an den Schlüsseln hinten am Rücken, die jedem eine Ladung verpassen würden, der versuchte, uns die Schlüssel zu mopsen und uns leerlaufen zu lassen.

Als ich auftauchte, erschien eine Systemstatusmeldung M1K3Y HAT PATCHEYE PETE’S BETRETEN – WILLKOMMEN, SWABBIE, HIER GIBT ES GUTE WARE FÜR FETTE BEUTE. Alle Spieler auf dem Monitor erstarrten, dann scharten sie sich um mich. Der Chat explodierte. Ich dachte kurz daran, auf Sprachsteuerung umzuschalten und mir ein Headset zu nehmen, aber angesichts dessen, wie viele Leute hier gleichzeitig zu reden versuchten, wurde mir klar, wie verwirrend das sein würde. Texte waren viel leichter zu erfassen, und dann konnten sie mich auch nicht falsch zitieren (hehe).

Ich hatte die Örtlichkeiten vorher mit Ange ausgekundschaftet – es war super, mit ihr zusammen im Spiel loszuziehen, weil wir unsere Figuren gegenseitig aufziehen konnten. Es gab da einen erhöhten Punkt auf einem Stapel von Packungen mit Salzrationen; wenn ich mich dort raufstellte, konnte ich aus jedem Winkel des Marktes gesehen werden.

> Guten Abend und herzlichen Dank Ihnen allen fürs Erscheinen. Mein Name ist M1k3y, und ich bin nicht der Anführer von was-auch-immer. Überall um Sie herum sind andere Xnetter, die ebenso viel wie ich darüber zu sagen haben, warum wir hier sind. Ich benutze das Xnet, weil ich an die Freiheit glaube und an die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich benutze das Xnet, weil das DHS meine Stadt in einen Polizeistaat verwandelt hat, in dem wir alle terrorismusverdächtig sind. Ich benutze das Xnet, weil ich denke, dass man die Freiheit nicht verteidigen kann, indem man die Bill of Rights zerreißt. Was ich über die Verfassung weiß, habe ich an einer Schule in Kalifornien gelernt, und ich bin aufgewachsen in einem Land, das ich um seiner Freiheit willen liebe.

Wenn ich eine Philosophie habe, dann diese:

> daß, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein müssen, deren volle Gewalten von der Zustimmung der Regierten herkommen; daß zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstörend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche Grundsätze zu gründen, und deren Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Glücke am zweckmäßigsten erscheint.

> Ich habe das nicht geschrieben, aber ich glaube daran. Das DHS regiert nicht mit meiner Zustimmung.

> Vielen Dank.

Ich hatte das am Tag zuvor geschrieben und immer wieder Entwürfe mit Ange ausgetauscht. Den Text einzufügen dauerte bloß eine Sekunde, aber jeder im Spiel brauchte einen Moment, um ihn zu lesen. Eine Menge Xnetter jubelten, wilde exaltierte Piraten-Hurras mit emporgereckten Säbeln und Papageien, die ihnen krächzend um die Köpfe flatterten.

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Nach und nach verdauten auch die Journalisten das Gelesene. Der Chat raste nur so an uns vorbei, so schnell, dass es kaum zu lesen war; etliche Xnetter schrieben Sachen wie “Auf gehts”, “Amerika: Wenn du es nicht liebst, dann verschwinde”, “Weg mit dem DHS” und “Amerika raus aus San Francisco”, alles Slogans, die in der Xnet-Blogosphäre angesagt waren.

> M1 k3y, ich bin Priya Rajneesh von der BBC. Sie sagen, sie sind nicht der Führer einer Bewegung, aber würden Sie sagen, dass es eine Bewegung gibt? Nennt sie sich Xnet?

Jede Menge Antworten. Manche Leute sagten nein, es gebe keine Bewegung, andere sagten ja, es gebe eine, und viele Leute kamen mit Vorschlägen dafür, wie sie sich nannte: Xnetter, Kleine Brüder, Kleine Schwestern, und mein persönlicher Favorit, Vereinigte Staaten von Amerika.

Sie liefen zu großer Form auf. Ich kümmerte mich erst mal nicht weiter, sondern überlegte mir eine eigene Antwort. Dann tippte ich

> Ich schätze, das beantwortet Ihre Frage, nicht wahr? Möglicherweise gibt eine oder auch mehrere Bewegungen, und möglicherweise heißen sie Xnet oder auch nicht.

> M1 k3y, ich bin Doug Christensen von der Washington Internet Daily. Was sollte das DHS Ihrer Meinung nach tun, um einen weiteren Anschlag auf San Francisco zu verhindern, wenn das, was sie jetzt tun, nicht erfolgreich ist?

Weiteres Geschnatter. Viele Leute sagten, die Terroristen und die Regierung seien dasselbe – entweder wörtlich oder in dem Sinne, dass sie gleichermaßen böse seien. Andere behaupteten, die Regierung wisse, wie man Terroristen fange, bevorzuge aber, es nicht zu tun, weil “Kriegspräsidenten” wiedergewählt würden.

> Ich weiß es nicht

tippte ich schließlich.

> Ich weiß es wirklich nicht. Und ich stelle mir diese Frage wirklich oft, denn ich möchte nicht hochgejagt werden, und ich möchte auch nicht, dass meine Stadt hochgejagt wird. Aber was ich weiß, ist dies: Wenn es der Job des DHS ist, unsere Sicherheit zu gewährleisten, dann versagt es kläglich. All der Budenzauber, den sie hier veranstaltet haben – nichts davon würde einen Terroristen davon abhalten, die Brücke ein zweites Mal zu sprengen. Unsere Spuren durch die ganze Stadt verfolgen? Unsere Freiheit beschneiden? Uns dazu bringen, uns gegenseitig zu verdächtigen, und uns gegeneinander ausspielen? Andersdenkende als Verräter beschimpfen? Das Ziel von Terrorismus ist es, uns in Angst zu versetzen. Das DHS versetzt mich in Angst.

> Ich habe keinen Einfluss darauf, was die Terroristen mir antun, aber wenn dies ein freies Land ist, dann sollte ich zumindest ein Mitspracherecht darüber haben, was meine eigenen Polizisten mir antun dürfen. Ich sollte in der Lage sein, sie davon abzuhalten, mich zu terrorisieren.

> Ich weiß, dass das keine gute Antwort ist. Tut mir Leid.

> Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass das DHS Terroristen nicht aufhalten könnte? Woher wollen Sie das wissen?

> Wer sind Sie?

> Ich arbeite für den Sydney Morning Herald.

> Ich bin 17 Jahre alt. Und ich bin bestimmt kein Einserschüler oder so was. Und trotzdem habe ich es fertiggebracht, ein Internet aufzubauen, das sie nicht anzapfen können. Ich habe Methoden ausgetüftelt, ihre Personenverfolgungs-Techniken zu manipulieren. Ich kann unschuldige Menschen zu Verdächtigen und schuldige Menschen in ihren Augen zu Unschuldigen machen. Ich könnte Metall in ein Flugzeug schmuggeln oder eine Flugverbots-Liste umgehen. Das alles habe ich herausgefunden, indem ich ins Internet geschaut und darüber nachgedacht habe. Wenn ich das kann, können Terroristen es auch. Man hat uns gesagt, dass man uns unsere Freiheit nimmt, um uns mehr Sicherheit zu geben. Fühlen Sie sich sicher?

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> In Australien? Oh, ja doch.

Alle Piraten lachten.

Weitere Journalisten stellten Fragen. Einige waren freundlich, andere feindselig. Wenn ich müde wurde, reichte ich meine Tastatur an Ange weiter und ließ sie für eine Weile M1k3y sein. Ich hatte sowieso nicht mehr das Gefühl, dass M1k3y und ich dieselbe Person waren. M1k3y war ein Jugendlicher, der mit internationalen Journalisten sprach und eine Bewegung inspirierte. Marcus wurde zeitweise der Schule verwiesen, stritt sich mit seinem Dad und fragte sich, ob er gut genug sei für seine rattenscharfe Freundin.

Gegen elf Uhr hatte ich genug. Außerdem würden meine Eltern mich bald daheim erwarten. Ich loggte mich aus dem Spiel aus, Ange ebenso, und dann lagen wir für einen Moment bloß da. Ich nahm ihre Hand in meine, und sie drückte sie fest. Wir umarmten uns.

Sie küsste meinen Nacken und murmelte etwas.

“Was?”

“Ich sagte, ich liebe dich”, sagte sie. “Soll ichs dir auch noch mal als Telegramm schicken?”

“Wow.”

“Überrascht dich das so sehr?”

“Nein. Hm. Es ist bloß… Ich wollte grade dasselbe sagen.”

“Na klar”, sagte sie und biss mir in die Nasenspitze.

“Ich hab das bloß noch nie gesagt. Und solche Dinge brauchen etwas Vorlauf.”

“Du hast es aber immer noch nicht gesagt. Glaub nicht, ich hätte das nicht gemerkt. Wir Mädchen nehmen es mit solchen Dingen sehr genau.”

“Ich liebe dich, Ange Carvelli”, sagte ich.

“Ich liebe dich auch, Marcus Yallow.”

Wir küssten und streichelten einander, mein Atem wurde heftiger und ihrer auch. Da klopfte ihre Mutter an die Tür.

“Angela, ich denke, es ist an der Zeit, dass dein Freund sich auf den Weg macht, meinst du nicht auch?”

“Ja, Mutter”, sagte sie und schwang eine imaginäre Axt. Während ich meine Socken und Schuhe anzog, murmelte sie: “Sie werden sagen, diese Angela, sie war so ein gutes Mädchen, wer hätte das gedacht, immer war sie hinten im Garten und half ihrer Mutter, indem sie diese Axt schärfte.”

Ich lachte. “Du glaubst gar nicht, wie gut du es hast. Es ist undenkbar, dass meine Leute uns in meinem Zimmer bis elf Uhr nachts allein lassen würden.”

“Viertel vor zwölf”, sagte sie mit Blick auf die Uhr.

“Mist!”, schrie ich und schnürte meine Schuhe.

“Geh”, sagte sie, “renn und sei frei! Schau in beide Richtungen, bevor du über die Straße gehst! Schreib, wenn du Arbeit findest! Halt bloß nicht noch mal für eine Umarmung an! Wenn du nicht bei zehn draußen bist, dann gibt’s Ärger, mein Herr. Eins. Zwei. Drei.”

Ich brachte sie zum Schweigen, indem ich aufs Bett hüpfte, auf ihr landete und sie küsste, bis sie mit Zählen aufhörte. Zufrieden mit meinem Sieg stapfte ich mit der Xbox unterm Arm die Treppe runter.

Ihre Mom stand unten an der Treppe. Wir waren uns erst ein paar Mal begegnet. Sie sah wie eine ältere, größere Variante von Ange aus – laut Ange war ihr Vater der Kleinere – und trug Kontaktlinsen statt Brille.

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Sie schien mich vorläufig als einen netten Jungen eingestuft zu haben, und ich wusste das zu schätzen.

“Gute Nacht, Mrs. Carvelli.”

“Gute Nacht, Mr. Yallow.” Das war eins unserer kleinen Rituale, seit ich sie bei unserer ersten Begegnung als Mrs. Carvelli angesprochen hatte.

Ich blieb ein wenig unbeholfen an der Tür stehen.

“Ja?”, fragte sie.

“Äh, danke, dass ich hier sein darf.”

“In unserem Haus sind Sie stets willkommen, junger Mann”, sagte sie.

“Und danke für Ange”, sagte ich dann noch und hasste es, wie platt das klang. Aber sie lächelte breit und umarmte mich kurz.

“Sehr gern geschehen”, sagte sie.

Während der ganzen Busfahrt heim dachte ich an die Pressekonferenz, an Ange, die sich nackt mit mir auf ihrem Bett wälzte, und an Anges Mutter, wie sie mich lächelnd nach draußen brachte.

Meine Mom war wach geblieben, um auf mich zu warten. Sie fragte mich nach dem Film, und ich erzählte ihr, was ich mir vorab aus der Besprechung im “Bay Guardian” zurechtgelegt hatte.

Beim Einschlafen dachte ich nochmals an die Pressekonferenz. Ich war wirklich stolz darauf, wie es gelaufen war. Es war sehr cool gewesen, wie all diese Superjournalisten im Spiel aufgetaucht waren, wie sie mir zuhörten und all den Leuten, die an dasselbe glaubten wie ich. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief ich ein.

Ich hätte es besser wissen müssen.

XNET-ANFÜHRER: ICH KÖNNTE METALL IN EIN FLUGZEUG SCHMUGGELN

DAS DHS REGIERT NICHT MIT MEINER ZUSTIMMUNG

XNET-KIDS: USA RAUS AUS SAN FRANCISCO

Und das waren noch die guten Schlagzeilen. Jeder sandte mir Artikel zum Bloggen, aber das war das Letzte, was ich jetzt tun wollte.

Irgendwie hatte ich es vergeigt. Die Presse war zu meiner Pressekonferenz gekommen und hatte den Eindruck gewonnen, dass wir Terroristen oder Terroristennachbildungen seien. Am schlimmsten war die Reporterin von Fox News, die offensichtlich doch noch aufgetaucht war und die uns einen zehnminütigen Kommentar widmete, in dem sie über unseren “verbrecherischen Verrat” sprach. Ihr Kommentar gipfelte in diesem Abschnitt, der in jedem Nachrichtenkanal, den ich fand, wiederholt wurde:

“Sie sagen, sie haben keinen Namen. Ich habe einen für sie. Nennen wir diese verdorbenen Kinder Kal-Kaida. Sie erledigen die Arbeit der Terroristen an der Heimatfront. Wenn – nicht falls, sondern wenn – Kalifornien noch einmal angegriffen wird, dann werden diese Kröten ebenso viel Schuld daran haben wie das Haus Saud.”

Führer der Antikriegsbewegung taten uns als Randerscheinung ab. Einer sagte sogar im Fernsehen, er glaube, dass wir eine Erfindung des DHS seien, um die Bewegung in Misskredit zu bringen.

Das DHS hielt eine eigene Pressekonferenz ab, bei der angekündigt wurde, die Sicherheitsmaßnahmen in San Francisco zu verdoppeln. Sie zeigten einen RFID-Kloner und demonstrierten den Einsatz, wobei sie so taten, als ginge es dabei um einen Autodiebstahl, und warnten eindringlich vor jungen Menschen, die sich verdächtig verhielten, insbesondere, wenn man ihre Hände nicht sehen könne.

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Sie meinten es ernst. Ich beendete meinen Kerouac-Aufsatz und fing einen Text über den Sommer der Liebe an, den Sommer 1967, als die Antikriegsbewegung und die Hippies in San Francisco zusammenkamen. Die Gründer von Ben and Jerry’s, selbst alte Hippies, hatten ein Hippie-Museum im Haight gegründet, und es gab noch mehr Archive und Ausstellungen überall in der Stadt.

Aber dorthin zu kommen war nicht einfach. Am Ende der Woche wurde ich bereits durchschnittlich vier Mal täglich gefilzt. Bullen checkten meinen Ausweis und fragten mich, was ich auf der Straße zu tun hätte, wobei sie dem Brief von Chavez über meine Suspendierung immer besondere Aufmerksamkeit schenkten.

Ich hatte Glück. Niemand verhaftete mich. Aber die anderen im Xnet hatten nicht so viel Glück. Jeden Abend verkündete das DHS neue Verhaftungen; “Rädelsführer” und “Mitläufer” des Xnet, Leute, von denen ich noch nie gehört hatte, wurden im Fernsehen vorgeführt, zusammen mit ihren RFID-Sensoren und anderen Gerätschaften, die man bei ihnen gefunden hatte. Das DHS behauptete, diese Leute würden “Namen nennen” und das Xnet “bloßstellen”; man erwarte in Kürze weitere Verhaftungen. Der Name “M1k3y” fiel häufig.

Dad fand das alles toll. Er und ich sahen zusammen die Nachrichten, er mit diebischer Freude, ich im inneren Rückzug, insgeheim halb wahnsinnig werdend. “Du müsstest mal das Zeug sehen, das sie gegen diese Kids einsetzen werden”, sagte Dad. “Ich habe es schon in Aktion gesehen. Wenn sie eine Handvoll dieser Kids haben, dann gehen sie ihre Buddy-Listen im Messenger und die Kurzwahlen in den Handys durch und suchen nach Namen, die immer wieder mal auftauchen, nach Mustern, und so erwischen sie immer mehr von ihnen. Sie werden das Xnet auseinanderdröseln wie einen alten Pullover.”

Ich sagte Anges Abendessen bei uns ab und verbrachte stattdessen noch mehr Zeit bei ihr. Anges kleine Schwester Tina fing an, mich den “Hausgast” zu nennen, und sagte Sachen wie “Isst der Hausgast heute mit mir zu Abend?” Ich mochte Tina. Sie interessierte sich eigentlich nur fürs Ausgehen, Feiern und Jungstreffen, aber sie war witzig und völlig vernarrt in Ange. Als wir einmal abends das Geschirr abräumten, trocknete sie ihre Hände ab und sagte beiläufig: “Weißt du, Marcus, du scheinst ja ein netter Typ zu sein. Meine Schwester ist total in dich verknallt, und ich mag dich auch ganz gern. Aber ich muss dir eins sagen: Wenn du ihr das Herz brichst, dann erwisch ich dich und stülp dir deinen eigenen Hodensack über den Kopf. Und das sieht nicht schön aus.”

Ich versicherte ihr, eher würde ich mir selbst meine Hoden übern Kopf ziehen, als Anges Herz zu brechen, und sie nickte. “So lange das mal klar ist.”

“Deine Schwester ist ein bisschen bekloppt”, sagte ich, als wir wieder auf Anges Bett lagen und Xnet-Blogs lasen.

Viel was sonst machten wir nicht – rumgammeln und Xnet lesen.

“Oh, hat sie die Sack-Nummer gebracht? Ich hasse es, wenn sie das macht. Weißt du, sie findet das Wort “Hodensack” einfach klasse. Nimms nicht persönlich.”

Ich küsste sie, und wir lasen weiter.

“Hör mal”, sagte sie. “Die Polizei rechnet für dieses Wochenende mit vier- bis sechshundert Verhaftungen im Rahmen des, wie sie sagen, bislang größten abgestimmten Einsatzes gegen Xnet-Dissidenten.”

Mir kam das Essen hoch.

“Wir müssen das abbrechen”, sagte ich. “Weißt du, dass es sogar Leute gibt, die jetzt noch mehr jammen, bloß um zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen? Ist das nicht völlig bescheuert?”

“Ich find, es ist mutig. Wir können es doch nicht zulassen, dass die uns einschüchtern bis zur Unterwerfung.”

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“Wie bitte? Nein, Ange, nein. Wir können nicht zulassen, dass Hunderte von Leuten im Knast enden. Du warst nicht da. Ich schon. Und es ist schlimmer, als du denkst: Es ist sogar schlimmer, als du es dir vorstellen kannst.”

“Ach, ich habe eine ziemlich lebhafte Fantasie.”

“Hör auf damit, ja? Sei doch mal einen Moment ernsthaft. Ich mach das nicht. Ich schicke keine Leute ins Gefängnis. Wenn ich das tue, dann bin ich genau der Typ, für den Van mich hält.”

“Marcus, ich meine das ernst. Denkst du etwa, diese Jungs wissen nicht, dass sie möglicherweise ins Gefängnis kommen? Hey, die glauben an die Sache. Du glaubst doch auch dran. Du kannst ihnen ruhig zugestehen, dass sie wissen, was sie da tun. Die brauchen dich nicht, um zu entscheiden, welches Risiko sie eingehen können und welches nicht.”

“Es ist aber meine Verantwortung, weil sie damit aufhören, wenn ich es ihnen sage.”

“Ich dachte, du bist nicht der Anführer?”

“Bin ich auch nicht; natürlich nicht. Aber ich kann nichts dafür, dass sie sich zur Orientierung an mich halten. Und so lange sie das tun, so lange habe ich die Verantwortung, ihnen dabei zu helfen, in Sicherheit zu sein. Das verstehst du doch, oder?”

“Ich verstehe nur, dass du bereit bist, beim ersten Anzeichen von Ärger die Kurve zu kratzen. Und ich glaube, du hast Angst, dass sie dahinterkommen, wer du bist. Ich glaube, du hast um dich selbst Angst.”

“Das ist nicht fair”, sagte ich, setze mich auf und rückte ein Stück ab von ihr.

“Ach nein? Wer hatte denn fast einen Herzinfarkt, als er glaubte, seine geheime Identität sei enttarnt?”

“Das war was anderes. Jetzt gehts nicht um mich. Und das weißt du auch. Warum also benimmst du dich so?”

“Warum benimmst DU dich so? Warum bist DU nicht mehr bereit, der Typ zu sein, der mutig genug war, dies alles anzufangen?”

“Das hier ist nicht mutig, sondern selbstmörderisch.”

“Billiges Schülertheater, M1k3y.”

“Nenn mich nicht so!”

“Was, M1k3y? Warum nicht, M1k3y?”

Ich zog meine Schuhe an, schnappte meine Tasche und ging zu Fuß nach Hause.

> Warum ich nicht mehr jamme

> Ich werde keinem von euch erzählen, was er tun soll, weil ich nicht euer Anführer bin, egal, was die Fox-News glauben.

> Aber ich werde euch erzählen, was ich vorhabe. Wenn ihr denkt, dass es das Richtige ist, dann macht ihr es ja vielleicht auch so.

> Ich jamme nicht. Diese Woche nicht. Vielleicht auch nicht nächste Woche. Nicht, weil ich Angst habe. Sondern weil ich klug genug bin zu wissen, dass ich in Freiheit mehr tun kann als im Knast. Die haben rausgefunden, wie sie unsere Taktik durchkreuzen können, also müssen wir uns eine neue Taktik ausdenken. Es ist mir im Grunde egal, welche Taktik das ist, Hauptsache, sie funktioniert. Es ist dumm, sich schnappen zu lassen. Es ist nur Jamming, wenn ihr damit durchkommt.

> Und es gibt noch einen Grund, nicht zu jammen. Wenn ihr geschnappt werdet, dann könnten sie mit eurer Hilfe eure Freunde schnappen, deren Freunde und die Freunde ihrer Freunde.

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Die könnten eure Freunde sogar hopsnehmen, wenn die gar nicht im Xnet sind, weil das DHS sich benimmt wie eine angeschossene Wildsau und es den Typen völlig egal ist, ob sie vielleicht einen Falschen geschnappt haben.

> Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt.

> Aber das DHS ist dumm, und wir sind klug. Jammen beweist, dass sie nicht in der Lage sind, Terrorismus zu bekämpfen, weil es beweist, dass sie nicht mal eine Horde Jugendlicher aufhalten können. Wenn ihr geschnappt werdet, dann sieht es so aus, als ob die klüger sind als wir.

> DIE SIND NICHT KLÜGER ALS WIR! Wir sind klüger als die. Lasst uns klug sein. Lasst uns Wege finden, sie zu jammen, egal, wie viele trottelige Schläger sie in unserer Stadt auf Streife schicken.

Ich postete es und ging ins Bett.

Ich vermisste Ange.

Ange und ich sprachen vier Tage lang nicht miteinander, das Wochenende inbegriffen, und dann war es wieder Zeit, in die Schule zu gehen. Eine Million Mal hatte ich sie fast angerufen, eintausend E-Mails und Instant Messages nicht versendet.

Jetzt war ich zurück im Gesellschaftskunde-Kurs, Mrs. Andersen begrüßte mich mit wortreich-sarkastischer Höflichkeit und fragte mich zuckersüß, wie denn mein “Urlaub” gewesen sei. Ich setzte mich hin und murmelte irgendwas. Dabei konnte ich Charles kichern hören.

In dieser Stunde ging es um Manifest Destiny, den Gedanken, dass Amerikaner dazu auserwählt seien, die ganze Welt zu erobern (zumindest klang es in ihrer Darstellung so), und sie schien mir zu versuchen, mich zu irgendwelchen Reaktionen zu provozieren, um mich wieder rauswerfen zu können.

Ich spürte die Blicke der ganzen Klasse auf mir, und das erinnerte mich an M1k3y und die Leute, die zu ihm aufschauten. Ich hatte es satt, dass man zu mir aufschaute. Ich vermisste Ange.

Ich brachte den Rest des Tages hinter mich, ohne mir irgendwelche Kainszeichen einzuhandeln. Schätzungsweise sagte ich keine acht Worte.

Endlich war es vorbei, und ich sauste zur Tür, zum Tor, raus zur blöden Mission und zu meinem dämlichen Zuhause.

Ich war kaum zum Tor raus, als jemand in mich reinrannte. Es war ein junger Obdachloser, vielleicht mein Alter oder ein bisschen älter. Er trug einen langen, speckigen Mantel, Jeans wie Kartoffelsäcke und verwarzte Turnschuhe, die aussahen wie einmal durch den Häcksler gelaufen. Sein langes Haar hing ihm ins Gesicht, und ein Zottelbart hing ihm bis runter in den Kragen eines völlig verblichenen Strickpullis.

Das alles realisierte ich, während wir nebeneinander auf dem Bürgersteig lagen und die Leute an uns vorbeihasteten und komisch guckten. Sah so aus, als sei er in mich reingerannt, während er Valencia runterhastete, vermutlich von der Last seines Rucksacks gebeugt, der neben ihm auf dem Gehsteig lag, eng bedeckt mit geometrischen Kritzeleien mit Filzstift.

Er setzte sich auf die Knie und wippte vor und zurück, als ob er betrunken war oder seinen Kopf gestoßen hatte.

“Sorry, Kumpel”, sagte er. “Hab dich nicht gesehen. Biste verletzt?” Ich setzte mich ebenfalls auf. Nichts fühlte sich verletzt an.

“Hm, nein, alles okay.”

Er stand auf und lächelte. Seine Zähne waren erschreckend weiß und ebenmäßig, die hätten auch eine Anzeige für eine kieferorthopädische Klinik zieren können.

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Er streckte mir seine Hand entgegen, und sein Griff war kräftig und bestimmt.

“Tut mir echt Leid.” Auch seine Stimme war klar und aufgeweckt. Ich hätte erwartet, dass er klang wie einer dieser Besoffenen, die mit sich selbst sprachen, wenn sie nachts durch die Straßen der Mission wankten, aber er klang eher wie ein gut informierter Buchhändler.

“Kein Problem”, sagte ich.

Er streckte nochmals die Hand aus.

“Zeb.”

“Marcus.”

“Ein Vergnügen, Marcus”, sagte er. “Hoffe, ich renne mal wieder in dich rein!” Lachend schnappte er seinen Rucksack, machte auf dem Absatz kehrt und eilte davon.

Den Rest des Weges nach Hause lief ich wie benebelt vor mich hin. Mom saß am Küchentisch, und wir plauderten über dies und jenes, gerade so, wie wir es immer getan hatten, bevor sich alles änderte.

Ich ging rauf in mein Zimmer und ließ mich in meinen Stuhl fallen. Ausnahmsweise hatte ich keine Lust, mich ins Xnet einzuloggen. Das hatte ich schon heute früh vor der Schule getan und dabei festgestellt, dass mein Blogeintrag eine gigantische Kontroverse ausgelöst hatte zwischen Leuten, die sich meiner Meinung anschlossen, und anderen, die ernsthaft angepisst waren davon, dass ich ihnen sagte, sie sollten ihren Lieblingssport aufgeben.

Hier lagen noch dreitausend Projekte rum aus der Zeit, bevor das alles angefangen hatte. Ich war dabei, eine Lochkamera aus Legos zu bauen, und ich hatte ein bisschen mit Lenkdrachen-Luftbildfotografie rumgespielt, indem ich eine alte Digitalkamera mit einem Auslöser aus Hüpfknete getunt hatte, der sich beim Start des Drachens ausdehnte, langsam zu seiner alten Form zurückfand und dabei die Kamera in gleichmäßigen Abständen auslöste. Außerdem war da noch ein Vakuum-Röhrenverstärker, den ich in eine prähistorische, verrostete und verbeulte Olivenöl-Dose eingebaut hatte – sobald das erledigt war, wollte ich eine Docking-Station für mein Handy einbauen und das Ganze um ein Set von 5.1-Surround-Boxen aus Tunfischdosen erweitern.

Ich schaute über meine Arbeitsplatte und griff mir schließlich die Lochkamera. Gewissenhaft Legos ineinanderzustecken war heute genau mein Tempo.

Ich nahm meine Uhr ab, ebenso den klobigen silbernen Zwei-Finger-Ring, der einen Affen und einen Ninja in Zweikampfbereitschaft zeigte, und ließ beides in die kleine Kiste fallen, die ich für das ganze Zeug benutzte, das ich jeden Tag in die Taschen und um den Hals packe, bevor ich das Haus verlasse: Handy, Brieftasche, Schlüssel, WLAN-Finder, Kleingeld, Akkus, aufrollbare Kabel,… ich ließ alles ins Kistchen ploppen und merkte plötzlich, dass ich etwas in der Hand hielt, das ich nicht in meine Tasche gesteckt hatte.

Es war ein Stück Papier, grau und weich wie Flanell, ausgefasert an den Kanten, wo es aus einem größeren Stück Papier herausgerissen worden war. Es war übersät mit der kleinsten, sorgfältigsten Handschrift, die ich je gesehen hatte. Ich faltete es auf und nahm es hoch. Das Geschriebene bedeckte beide Seiten, ohne Unterbrechung von der linken oberen Ecke bis zu einer kaum lesbaren Unterschrift rechts unten auf der anderen Seite.

Die Unterschrift lautete einfach Zeb.
Ich nahm den Zettel und begann zu lesen.

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Lieber Marcus

Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Die letzten drei Monate, seit die Bay Bridge hochgejagt wurde, wurde ich aufTreasure Island gefangen gehalten. Ich war an dem Tag im Hof, an dem du mit dem asiatischen Mädchen sprachst und in die Mangel genommen wurdest. Du warst mutig. Respekt.

Ich hatte am folgenden Tag einen Blinddarmdurchbruch und kam in die Krankenstation. Im nächsten Bett lag ein Typ namens Darryl. Wir waren beide eine ganze Weile in Rekonvaleszenz, und als wir irgendwann wieder gesund waren, wäre es allzu lästig geworden, uns laufen zu lassen.

Also entschieden sie, dass wir wirklich schuldig sein müssten. Sie befragten uns jeden Tag. Du kennst ihre Befragungen, das weiß ich. Stell dir dasselbe monatelang vor. Darryl und ich waren irgendwann Zellengenossen. Wir wussten, dass sie uns verwanzt hatten, also redeten wir nur über belangloses Zeug. Aber nachts auf unseren Pritschen haben wir uns leise Nachrichten mit Morse-Code zugeklopft (ich wusste es immer, dass meine Amateurfunkerei irgendwann mal zu etwas gut ist).

Zuerst waren ihre Fragen an uns derselbe Dreck wie immer – wer war es, wie haben sie es getan. Aber ein bisschen später haben sie dann angefangen, uns über das Xnet zu befragen. Natürlich hatten wir davon noch nie was gehört. Aber das hielt sie nicht vom Fragen ab.

Darryl erzählte mir, dass sie ihm RFID-Kloner, Xboxen und alles mögliche Technikzeug brachten und von ihm verlangten, dass er ihnen erzählte, wer das benutzte und wo sie lernen würden, das Zeug zu tunen. Darryl hat mir von euren Spielen erzählt und davon, was ihr dabei alles gelernt habt.

Insbesondere hat das DHS uns über unsere Freunde ausgefragt. Wen kannten wir? Wie waren sie so? Hatten sie politische Ansichten? Hatten sie Ärger in der Schule oder mit dem Gesetz?

Wir nennen den Knast Gitmo-an-der-Bay. Ich bin jetzt seit einer Woche draußen, und ich glaube nicht, dass hier irgendjemand eine Ahnung hat, dass ihre Söhne und Töchter mitten in der Bay gefangen gehalten werden. Nachts konnten wir sogar die Leute auf dem Festland lachen und feiern hören.

Letzte Woche bin ich rausgekommen. Ich erzähl dir nicht, wie, falls das hier in die falschen Hände gerät. Mögen andere meiner Route folgen.

Darryl hat mir erzählt, wie ich dich finde, und ich musste ihm versprechen, dir alles zu berichten, was ich weiß. Jetzt, da ich das getan habe, bin ich nix wie weg hier. Ich werde einen Weg finden, dieses Land zu verlassen. Scheiß auf Amerika.

Bleib stark. Die haben Angst vor dir. Tritt sie von mir. Lass dich nicht erwischen.

Zeb

Als ich mit der Nachricht fertig war, hatte ich Tränen in den Augen. Irgendwo auf meinem Schreibtisch hatte ich ein Einwegfeuerzeug, das ich manchmal benutzte, um die Isolierung von Kabeln abzuschmelzen, und ich kramte es hervor und hielt es an den Zettel. Ich wusste, ich schuldete es Zeb, ihn zu zerstören, um sicherzugehen, dass niemand sonst ihn jemals finden würde, um sie nicht auf seine Spur zu führen, wohin immer er jetzt ging.

Ich hielt die Flamme und den Zettel, aber ich brachte es nicht über mich.

Darryl.

Über all dem Zeugs mit dem Xnet und Ange und dem DHS hatte ich fast vergessen, dass es ihn gab. Er war zu einem Geist geworden, wie ein Jugendfreund, der jetzt weggezogen oder auf einem Austauschprogramm war. Und diese ganze Zeit hatten sie ihn befragt, von ihm verlangt, dass er mich verrate, das Xnet erkläre und die Jammerei. Er war also auf Treasure Island, dem verlassenen Militärstützpunkt eine halbe Länge der zerstörten Bay Bridge entfernt. Er war all die Zeit so nah gewesen, dass ich zu ihm hätte hinschwimmen können.

Ich legte das Feuerzeug wieder weg und las den Zettel nochmals. Bis ich damit durch war, weinte und schluchzte ich hemmungslos.

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Es kam alles zurück, die Lady mit dem strengen Haarschnitt, ihre Fragen, der Geruch von Pisse und die Steifigkeit meiner Hose, als der Urin darin langsam trocknete.

“Marcus?”

Meine Tür stand offen, und darin stand meine Mutter, einen besorgten Ausdruck im Gesicht. Wie lange mochte sie dort schon gestanden haben?

Ich wischte mir die Tränen weg und zog die Nase hoch. “Mom”, sagte ich. “Hi.”

Sie kam zu mir ins Zimmer und nahm mich in den Arm. “Was ist los? Möchtest du drüber sprechen?”

Die Nachricht lag auf dem Tisch. “Ist das von deiner Freundin? Ist alles in Ordnung?”

Sie hatte mir ein Hintertürchen geöffnet. Ich hätte es einfach alles auf Probleme mit Ange abwälzen können, und sie wäre aus meinem Zimmer verschwunden und hätte mich allein gelassen. Ich öffnete den Mund, um genau das zu sagen, und dann sagte ich stattdessen:

“Ich war im Gefängnis. Als sie die Brücke gesprengt hatten. Ich war die ganze Zeit im Knast.”

Die Schluchzer, die dann kamen, klangen kein Stück wie meine Stimme. Sie klangen wie die Stimme eines Tiers, eines Esels vielleicht oder einer großen Katze in der Nacht. Ich schluchzte, dass meine Kehle brannte und meine Brust bebte.

Mom nahm mich in ihre Arme, genau so, wie sie es früher getan hatte, als ich ein kleiner Junge war; und dann streichelte sie mein Haar, murmelte mir etwas ins Ohr und wiegte mich hin und her, und langsam, ganz langsam, ließ das Schluchzen nach.

Ich holte einmal tief Luft, und Mom holte mir ein Glas Wasser. Ich setzte mich auf meine Bettkante, und sie setzte sich auf meinen Schreibtischstuhl, und dann erzählte ich ihr alles.

Alles.

Naja, fast alles. – Fortsetzung Kapitel 16

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.

Little Brother

Kapitel 14

Dieses Kapitel ist der unvergleichlichen Mysterious Galaxy in San Diego, Kalifornien gewidmet. Die Leute von Mysterious Galaxy laden mich jedes Mal zu einer Signierstunde ein, wenn ich zu einer Konferenz oder zum Unterrichten in San Diego bin (an der San Diego State University im nahen La Jolla, CA findet der Clarion Writers’ Workshop statt), und jedes Mal ist die Bude gerammelt voll. Dieser Laden hat eine treue Kundschaft aus Hardcore-Fans, die sich drauf verlassen können, dort hervorragende Empfehlungen und Ideen zu bekommen. Im Sommer 2007 nahm ich meinen Autoren-Kurs bei Clarion zum mitternächtlichen Erstverkauf des letzten Harry Potter in die Buchhandlung mit, und ich habe niemals sonst eine so ausgelassene, unglaublich lustige Party in einem Geschäft erlebt.

Mysterious Galaxy:

http://mysteriousgalaxy.booksense.com/NASApp/store/Product?s=showproduct&isbn=9780765319852

7051 Clairemont Mesa Blvd., Suite #302 San Diego, CA USA 92111 +1 858 268 4747

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Das Xnet machte tagsüber keinen Spaß, wenn alle regelmäßigen Benutzer in der Schule waren. Ich hatte den Schrieb zusammengefaltet und in die hintere Jeanstasche gesteckt, und als ich heimkam, warf ich ihn auf den Küchentisch. Dann setzte ich mich ins Wohnzimmer und schaltete die Glotze ein. Ich sah nie Fernsehen, aber ich wusste, dass meine Eltern es taten. Fernsehen, Radio und Zeitungen waren es, wo sie ihre Ideen über die Welt her hatten.

Die Nachrichten waren fürchterlich. Es gab so viele Gründe, Angst zu haben. Amerikanische Soldaten starben überall auf der Welt. Und im Übrigen nicht bloß Soldaten. Auch Nationalgardisten, die sich vermutlich gemeldet hatten, um nach Wirbelstürmen Menschenleben zu retten, und die jetzt auf Jahre hinaus für einen endlos langen Krieg in Übersee stationiert waren.

Ich zappte durch die Nachrichtensender, einen nach dem anderen, und sah eine Parade von Würdenträgern, die uns erzählten, warum wir Angst haben sollten, und eine Parade von Fotos von Bomben, die überall auf der Welt hochgingen.

Ich zappte weiter und sah plötzlich ein vertrautes Gesicht. Es war der Typ, der damals in den Truck gekommen war und mit Frau Strenger Haarschnitt gesprochen hatte, während ich hinten angekettet war. Der in der Militäruniform. Die Unterschrift wies ihn aus als Major General Graeme Sutherland, Regional Commander, DHS.

“Hier in meinen Händen halte ich Literatur, die bei dem angeblichen Konzert in Dolores Park am vergangenen Wochenende angeboten wurde.” Er hielt einen Stapel Pamphlete hoch. Ich erinnerte mich, dort viele Leute mit Handzetteln gesehen zu haben. Sobald sich in San Francisco eine Gruppe von Menschen traf, waren auch Handzettel dabei.

“Bitte schauen Sie sich das einen Moment an. Ich lese mal die Titel vor. OHNE ZUSTIMMUNG DER REGIERTEN: EIN BÜRGERLEITFADEN ZUM UMSTURZ DES STAATES. Nehmen wir den hier: SIND DIE ANSCHLÄGE VOM 11. SEPTEMBER WIRKLICH PASSIERT? Und noch einer: WIE MAN IHRE SICHERHEITSMAßNAHMEN GEGEN SIE WENDET. Diese Literatur zeigt uns, wobei es bei der illegalen Zusammenrottung Samstagnacht wirklich ging. Es war nicht bloß eine unsichere Versammlung von Tausenden Leuten ohne entsprechende Vorkehrungen oder auch bloß Toiletten. Es war eine Rekrutierungsveranstaltung für den Feind. Es war der Versuch, Kindern missbräuchlich die Idee einzuimpfen, dass Amerika sich nicht mehr selbst verteidigen sollte.

Nehmen Sie diesen Slogan, TRAU KEINEM ÜBER 25. Wie könnte man besser gewährleisten, dass keine umsichtige, ausgewogene Diskussion erwachsener Menschen deiner Pro-Terroristen-Botschaft in die Quere kommt, als Erwachsene von vornherein auszuschließen und die Gruppe auf leicht beeinflussbare junge Menschen zu begrenzen?

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Als die Polizei am Ort des Geschehens erschien, fand sie eine Rekrutierungsveranstaltung für die Feinde Amerikas in vollem Gange. Die Versammlung hatte bereits die Nachtruhe von Hunderten Anwohnern gestört, von denen keiner im Vorfeld in die Planung dieser nächtlichen Rave-Party einbezogen worden war.

Die Polizisten forderten diese Leute auf, sich zu zerstreuen – das ist auf allen Videos zu sehen -, und als das Partyvolk sie angriff, von den Musikern auf der Bühne aufgestachelt, setzte die Polizei nicht-tödliche Massenkontroll-Techniken ein, um sie unter Kontrolle zu bringen.

Die Festgenommenen waren Rädelsführer und Provokateure, die Tausende beeinflussbarer junger Menschen dazu brachten, die Polizisten anzugreifen. 827 von ihnen wurden in Gewahrsam genommen. Viele von diesen Leuten waren schon früher straffällig geworden. Gegen mehr als hundert lagen bereits Haftbefehle vor. Sie sind nach wie vor inhaftiert.

Meine Damen und Herren, Amerika führt einen Krieg an vielen Fronten, aber unser Land ist nirgends stärker gefährdet als hier in der Heimat. Sei es, dass wir von Terroristen angegriffen werden oder von jenen, die mit ihnen sympathisieren.”

Ein Reporter hob die Hand und fragte: “General Sutherland, sie wollen doch sicherlich nicht behaupten, dass diese Kinder, bloß weil sie eine Party im Park besucht haben, Terror-Sympathisanten sind?”

“Natürlich nicht. Aber wenn junge Menschen unter den Einfluss der Feinde unseres Landes geraten, wächst ihnen so eine Sache schnell über den Kopf. Terroristen würden liebend gern eine fünfte Kolonne rekrutieren, die für sie den Krieg an der Heimatfront führt. Wären dies meine Kinder, ich würde mir ernsthaft Sorgen machen.”

Ein anderer Reporter griff den Faden auf. “Aber wir reden hier lediglich von einem Open-Air-Konzert, General. Es fand wohl kaum Drill mit Gewehren statt.”

Der General holte einen Stoß Fotos hervor und begann sie emporzuhalten. “Dies sind Fotos, die Beamte mit Infrarot-Kameras aufgenommen haben, bevor sie dort vorrückten.” Er hob sie zu seinem Gesicht empor und blätterte eins nach dem anderen auf. Es waren wild tanzende Menschen zu sehen, so wild, dass sie andere umrempelten oder auf sie traten. Dann folgten Sex-Szenen bei den Bäumen, ein Mädchen mit drei Typen, zwei knutschende Jungs. “Bei diesem Event waren Kinder anwesend, die teilweise nicht älter als zehn Jahre waren. Ein tödlicher Cocktail aus Drogen, Propaganda und Musik hat zu Dutzenden Verletzten geführt. Es grenzt an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen sind.”

Ich schaltete den Fernseher aus. Sie stellten es dar, als wäre es ein Aufstand gewesen. Wenn meine Eltern ahnten, dass ich auch dort war, würden sie mich einen Monat lang ans Bett binden und mich hinterher nur noch mit einem Funkhalsband wieder rauslassen.

A propos: sie würden ziemlich angepisst sein, wenn sie rausfanden, dass ich freigestellt war.

Sie nahmen es jedenfalls nicht gut auf. Dad wollte mich zur Schnecke machen, aber Mom und ich konnten es ihm noch ausreden.

“Du weißt genau, dass dieser Konrektor es schon seit Jahren auf Marcus abgesehen hat”, sagte Mom. “Als wir ihn das letzte Mal sprachen, hast du hinterher eine Stunde lang über ihn geflucht. Ich erinnere mich, dass mehrfach das Wort ,Arschloch’ gefallen ist.”

Dad schüttelte den Kopf. “Den Unterricht zu unterbrechen, um gegen die Heimatschutzbehörde zu wettern…”

“Es ist ein Gesellschaftskunde-Kurs, Dad.” Mir war mittlerweile alles egal, aber ich fand, wenn mir Mom schon in die Bresche sprang, dann sollte ich sie nicht hängen lassen. “Wir haben über das DHS gesprochen. Ist Diskutieren denn nichts Gutes mehr?”

“Hör mal, Sohn”, sagte er. In letzter Zeit sagte er viel zu oft “Sohn” zu mir.

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Fühlte sich an, als ob er aufgehört hätte, mich als Person zu betrachten, und mich stattdessen als so ne Art halbfertige Larve sah, die Führung und Anleitung beim Entpuppen brauchte. Ich hasste das. “Du wirst dich endlich an die Tatsache gewöhnen müssen, dass wir heute in einer veränderten Welt leben. Du hast selbstverständlich immer noch das Recht, deine Meinung zu äußern, aber du musst bereit sein, die Konsequenzen daraus zu tragen. Du musst endlich begreifen, dass es da draußen Leute gibt, die leiden und die nicht gewillt sind, die Feinheiten des Verfassungsrechts zu diskutieren, während ihr Leben bedroht ist. Wir sitzen jetzt im Rettungsboot, und wenn man im Rettungsboot sitzt, will niemand was darüber hören, wie gemein der Käptn ist.”

Viel fehlte nicht, und ich hätte mit den Augen gerollt.

“Na, jedenfalls habe ich die Aufgabe, zwei Wochen lang unabhängig Studien zu treiben und in jedem Fach einen Aufsatz zu schreiben, der die Stadt als Hintergrund hat – einen Aufsatz in Geschichte, einen in Gesellschaftskunde, einen in Englisch und einen in Physik. Ist allemal besser, als tagsüber vor der Glotze zu hängen.”

Dad sah mich prüfend an, als erwarte er, dass ich auf irgendwas hinauswolle, dann nickte er. Ich sagte ihnen Gute Nacht und verzog mich in mein Zimmer. Dort warf ich die Xbox an, startete eine Textverarbeitung und fing an, Ideen für meine Aufsätze zu sammeln. Warum auch nicht? Das war wirklich besser, als bloß daheim herumzusitzen.

Letztlich chattete ich dann die halbe Nacht mit Ange. Sie war voll auf meiner Seite und sagte, sie würde mir bei den Aufsätzen helfen, wenn ich sie nach der Schule am nächsten Abend sehen wolle. Ihre Schule kannte ich – es war dieselbe, auf die Van ging -, sie war ganz drüben in der East Bay, wo ich seit den Bombenanschlägen nicht mehr gewesen war.

Der Gedanke, sie wiederzusehen, machte mich ziemlich hibbelig. Seit der Party hatte ich jede Nacht beim Einschlafen an zweierlei gedacht: an den Anblick der Masse, wie sie auf die Polizei zustürmte, und an das Gefühl, dort an dem Pfeiler ihre Brüste unter dem T-Shirt zu spüren. Sie war einfach umwerfend. Ich war noch nie mit einem so… aggressiven Mädchen zusammengewesen. Bisher war immer ich es gewesen, der die Initiative ergriff, um dann zurückgewiesen zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass Ange genauso scharf drauf war wie ich, und das war ein quälender Gedanke.

In dieser Nacht schlief ich tief und fest und träumte wildes Zeug von Ange und mir und was wir wohl anstellen würden, wenn wir uns nur an einem abgeschiedenen Fleck fänden.

Am nächsten Tag fing ich mit meinen Aufsätzen an. Über San Francisco kann man phantastisch schreiben. Geschichte? Jede Menge, vom Goldrausch zu den Schiffsdocks im Zweiten Weltkrieg, den Internierungslagern für die japanischstämmige Bevölkerung und der Erfindung des PCs. Physik? Das Exploratorium hat die coolste Austellung von allen Museen, in denen ich je war. Ich empfand eine perverse Befriedigung bei der Darstellung der Verflüssigung des Erdreichs während großer Beben. Englisch? Jack London, die Beat-Poeten, Science-Fiction-Autoren wie Pat Murphy und Rudy Rucker. Gesellschaftskunde? Die Bewegung für Meinungsfreiheit, Cesar Chavez, Schwulenrechte, Feminismus, die Antikriegsbewegung…

Ich fand es schon immer toll, Sachen einfach um ihrer selbst willen zu lernen, mehr zu wissen über die Welt um mich herum. Und dazu genügte es schon, einfach nur in der Stadt herumzulaufen. Ich entschied mich dafür, mit einem Englisch-Aufsatz über die Beatniks zu beginnen. City Lights Books hatte eine großartige Bibliothek in einem Zimmer im Obergeschoss, wo Allen Ginsberg und seine Kumpel ihre radikale Drogenpoesie verfasst hatten. Das eine Gedicht, das wir im Englisch-Kurs gelesen hatten, war Howl (Geheul); und seine ersten Zeilen würde ich niemals vergessen, solche Gänsehaut verursachten sie mir:

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/ saw the best minds ofmy generation destroyed by madness, starving hysterical naked,
(Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgezehrt hysterisch nackt,

dragging themselves through the negro streets at dawn lookingfor an angry fix,
wie sie sich durch die Negerstraßen schleppten bei Tagesanbruch auf der Suche nach einer zornigen Spritze,

angelheaded hipsters burningfor the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night…
engelsköpfige Hipster, sich verzehrend nach jener uralten himmlischen Verbindung zum Sternendynamo in der Maschinerie der Nacht…)

Ich liebte es, wie diese Wörter ineinanderflössen, “ausgezehrt hysterisch nackt”. Ich kannte dieses Gefühl. Und “die besten Köpfe meiner Generation” gab mir auch schwer zu denken. Es erinnerte mich an den Park und an die Polizei und daran, wie das Gas fiel. Man klagte Ginsberg für Howl wegen Obszönität an – wegen einer Zeile über Homo-Sex, deretwegen heute niemand mehr mit der Wimper zucken würde. Irgendwie stimmte es mich fröhlich zu wissen, dass wir doch irgendwelche Fortschritte gemacht hatten, dass frühere Zeiten noch viel restriktiver gewesen waren als diese.

In der Bibliothek vergaß ich alles um mich herum, während ich die wunderschönen alten Ausgaben dieser Bücher las. Ich verlor mich in Jack Kerouacs “On the Road”, einen Roman, den ich schon lange lesen wollte, und ein Angestellter, der nachschauen kam, was ich da trieb, nickte zustimmend und fand eine billige Ausgabe für mich, die er mir für sechs Dollar verkaufte.

Dann ging ich nach Chinatown weiter und aß Dim Sum Buns und Nudeln mit scharfer Sauce, die ich früher als ziemlich scharf bezeichnet hätte, die mir aber mit der Erfahrung eines Ange-Special mittlerweile eher mild vorkam.

Als es auf Nachmittag zuging, stieg ich in die BART und dann in einen Shuttlebus über San Mateo Bridge, der mich zur East Bay brachte. Ich las mein Exemplar von “On the Road” und genoß die vorbeiflitzende Landschaft. “On the Road” ist ein halb autobiografischer Roman über Jack Kerouac, einen drogen- und alkoholabhängigen Schriftsteller, der per Anhalter durch Amerika reist, Billigjobs annimmt, bei Nacht durch die Straßen geistert, Leuten begegnet und wieder seiner Wege zieht. Hipster, traurige Hobos, Betrüger, Straßenräuber, Penner und Engel.

Das Buch hat keine eigentliche Handlung – Kerouac soll es, zugedröhnt bis zur Kante, innerhalb von drei Wochen auf eine lange Rolle Papier geschrieben haben -, es beschreibt bloß eine Reihe erstaunlicher Dinge, ein Ereignis nach dem anderen. Er freundet sich mit selbstzerstörerischen Leuten wie Dean Moriarty an, die ihn in merkwürdige Pläne verwickeln, aus denen nie irgendwas wird, und doch wird was draus, wenn ihr wisst, was ich meine.

Diese Worte hatten einen ganz eigenen Rhythmus, sie waren üppig, ich konnte sie laut in meinem Kopf hören. Sie weckten in mir das Verlangen, mich auf der Ladefläche eines Pickups schlafen zu legen und in einer staubigen Kleinstadt im Central Valley auf halber Strecke nach L.A. wieder aufzuwachen, in einem dieser Orte mit einer Tankstelle und einem Diner, und dann einfach nur auf die Felder hinauszulaufen und Leute zu treffen, Dinge zu sehen und Dinge zu tun.

Es war eine lange Busfahrt, und ich musste ein bisschen eingenickt sein – mit Ange bis werweißwann zu chatten war schlecht für meinen Schlafrhythmus, denn Mom erwartete mich nach wie vor zum Frühstück. Ich wachte auf, wechselte den Bus, und kurz daraufwar ich bei Anges Schule.

Sie kam mir hüpfend entgegen in ihrer Uniform – ich hatte sie noch nie darin gesehen, sie sah auf eine merkwürdige Art süß aus und erinnerte mich an Van in ihrer Uniform. Sie umarmte mich lange und gab mir einen harten Kuss auf die Wange.

“Hallo, du!”, sagte sie.

“Hi!”

“Was liestn da?”

Daraufhatte ich gewartet. Ich hatte die Stelle mit einem Finger markiert. “Hör mal:

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,Sie tanzten die Straßen hinab wie Dingledodies (6), und ich schlurfte hinterher, wie ich es mein Leben lang mit Leuten getan habe, die mich interessieren, weil die einzigen Leute, die für mich zählen, die Verrückten sind – die verrückt sind nach Leben, verrückt nach Reden, verrückt nach Erlösung, begierig nach allem zugleich; die niemals gähnen oder Gemeinplätze plappern, sondern brennen, brennen, brennen wie sagenhafte gelbe römische Kerzen, explodieren wie Spinnen über all die Sterne hinaus, und in der Mitte siehst du das blaue Zentrum der Flamme verpuffen und alles sagt “Oohhh!”‘”

(6) Pardon, das wundervolle Wort “dingledodies” kann in der Übersetzung nur verlieren. Am ehesten bedeutet es wohl “wilde Verrückte”, A.d.Ü

Sie nahm das Buch und las die Passage noch einmal. “Wow, Dingledodies! Ich liebe so was! Ist das alles so?”

Ich erzählte ihr von dem, was ich schon gelesen hatte, während wir langsam den Bürgersteig runter zur Bushaltestelle schlenderten. Als wir um die Ecke gebogen waren, schlang sie ihren Arm um meine Hüfte, und ich legte meinen über ihre Schulter. Die Straße runterzugehen mit einem Mädchen im Arm – meiner Freundin? Klar, wieso nicht? – und über dieses coole Buch zu reden, das war einfach himmlisch. Es ließ mich meine Sorgen für einen Moment vergessen.

“Marcus?”

Ich drehte mich um. Es war Van. Im Unterbewusstsein hatte ich damit gerechnet. Ich wusste es, weil mein Bewusstsein nicht im Mindesten überrascht war. Es war keine große Schule, und sie hatten alle zur selben Zeit Schluss. Ich hatte seit Wochen nicht mit Van geredet, und diese Wochen fühlten sich wie Monate an. Früher hatten wir jeden Tag miteinander geredet.

“Hi, Van”, sagte ich. Ich unterdrückte den Reflex, meinen Arm von Anges Schulter zu nehmen. Van schien überrascht zu sein, aber nicht so sehr wütend als vielmehr bleich und erschüttert. Sie beobachtete uns beide scharf.

“Angela?”

“Hi, Vanessa”, sagte Ange.

“Was machst du denn hier?”

“Ich bin hier rausgekommen, um Ange abzuholen”, sagte ich in bemüht neutralem Tonfall. Plötzlich fühlte ich mich unwohl dabei, mit einem anderen Mädchen gesehen zu werden.

“Oh. Na dann, war nett, dich gesehen zu haben.”

“Ja, war nett, dich gesehen zu haben, Vanessa”, sagte Ange, zog mich herum und weiter Richtung Bushaltestelle.

“Du kennst sie?”

“Ja, schon ewig.”

“Wart ihr zusammen?”

“Was? Nein! Überhaupt nicht! Wir waren bloß Freunde.”

“Ihr wart Freunde?”

Ich hatte das Gefühl, als würde Van direkt hinter uns herlaufen und zuhören, obwohl sie bei dem Tempo, das wir eingeschlagen hatten, hätte joggen müssen, um an uns dranzubleiben. Ich widerstand der Versuchung, über die Schulter zu blicken, so lange wie nur möglich, aber schließlich tat ich es doch. Hinter uns waren massenhaft Mädchen aus der Schule, aber keine Van.

“Sie war mit mir und Jose-Luis und Darryl unterwegs, als wir verhaftet wurden. Wir haben zusammen ARGs gemacht. Wir vier waren so was wie beste Freunde.”

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“Und dann?”

Ich dämpfte die Stimme. “Sie mochte die Idee mit dem Xnet nicht. Sie dachte, wir würden Ärger kriegen und ich würde andere Leute in Schwierigkeiten bringen.”

“Und deshalb seid ihr jetzt keine Freunde mehr?”

“Wir haben uns bloß sozusagen auseinandergelebt.” Wir gingen ein paar Schritte.

“Ihr wart nicht, du weißt schon, Freund-und-Freundin-Freunde?”

“Nein!”, sagte. Ich. Mein Gesicht glühte. Ich fühlte mich, als würde ich mich wie ein Lügner anhören, obwohl ich ja nun die Wahrheit sagte.

Ange brachte uns beide abrupt zum Stehen und studierte meinen Gesichtsausdruck.

“Oder doch?”

“Nein! Ehrlich nicht! Nur Freunde. Darryl und sie – na ja, auch nicht wirklich, aber Darryl war ziemlich in sie verknallt. Überhaupt kein Gedanke daran,…”

“Aber wenn Darryl nicht in sie verknallt gewesen wäre, wärst du, oder was?”

“Nein, Ange. Nein. Bitte glaub mir doch einfach und lass das Thema. Vanessa und ich waren gute Freunde und sind es jetzt nicht mehr, und das macht mir zu schaffen; aber ich war nie hinter ihr her, okay?”

Sie entspannte sich ein bisschen. “Okay, okay. Tut mir Leid. Ist bloß, dass ich mit ihr nicht klarkomme. Wir sind nie miteinander klargekommen in all den Jahren, die wir uns schon kennen.”

Ach so, dachte ich. Das erklärte, weshalb Jolu Ange schon so lange kannte und ich sie trotzdem noch nie getroffen hatte. Sie hatte ihre Privatfehde mit Van, und deshalb hatte er sie nie mitgebracht.

Wir umarmten uns ausgiebig und küssten uns, und eine Horde Mädels kam an uns vorbei und machte “huiuiuiui”; also rissen wir uns zusammen und gingen weiter zur Bushaltestelle. Vor uns lief jetzt Van, die an uns vorbeigekommen sein musste, während wir uns küssten. Ich fühlte mich wie ein kompletter Idiot.

Natürlich war sie auch an der Bushaltestelle und dann im Bus, und wir sprachen kein Wort miteinander, und ich versuchte die ganze Fahrt über ein Gespräch mit Ange zu führen, aber es war sehr verkrampft.

Wir hatten geplant, irgendwo auf einen Kaffee anzuhalten und dann zu Ange weiterzugehen, um zu “lernen”, also um abwechselnd mit ihrer Xbox im Xnet zu lesen. Anges Mom kam an Dienstagen immer spät nach Hause, weil sie da abends Yogakurs hatte und dann mit ihren Freundinnen essen ging, und Anges Schwester war mit ihrem Freund auf der Piste, also würden wir ganz ungestört sein. Und ich hatte schmutzige Phantasien seit dem Moment, als wir uns für diesen Abend verabredet hatten.

Wir kamen bei ihr an, gingen direkt in ihr Zimmer und machten die Tür hinter uns zu. Ihr Zimmer hatte was von einem Bombenkrater, es wär übersät mit schichtenweise Klamotten, Notizbüchern und PC-Teilen, die sich wie Krähenfüße in die Socken bohren würden. Ihr Schreibtisch war noch schlimmer als der Fußboden, dort stapelten sich die Bücher und Comics; so setzten wir uns schließlich auf ihr Bett, wogegen ich nichts einzuwenden hatte.

Die Verlegenheit seit dem Treffen mit Van hatte sich einigermaßen gelegt, und wir warfen ihre Xbox an. Sie war in ein Nest von Kabeln eingebettet, von denen einige zu einer WLAN-Antenne führten, die sie am Fenster befestigt hatte, um die Funknetze der Nachbarn anzapfen zu können. Andere Kabel führten zu alten Laptop-Monitoren, die sie zu Einzelbildschirmen umgebaut hatte, auf Standfüßen balancierend und voll freiliegender Elektronik. Die Monitore standen auf beiden Nachttischen, ein geniales Arrangement, um im Bett Filme zu sehen oder zu chatten: Wenn sie die Bildschirme zum Bett hin drehte, konnte sie sich auf die Seite drehen und hatte nach links oder rechts immer ein seitenrichtiges Bild.

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Nebeneinander an den Nachttisch gelehnt auf ihrem Bett sitzend wussten wir beide, weshalb wir wirklich hier waren. Ich zitterte ein wenig, und die Wärme ihres Beins und ihrer Schulter an mir waren nur zu gegenwärtig; aber ich musste mich zumindest mal ins Xnet einloggen, meine Mails lesen und so.

Eine Mail kam von einem Jungen, der gern lustige Handy-Videos über das Amok laufende DHS verschickte. Das letzte hatte gezeigt, wie sie einen Kinderwagen zerlegten, weil ein Sprengstoffspürhund sich dafür interessiert hatte; sie hatten ihn mitten auf der Straße in der Marina mit Schraubenziehern auseinandergenommen, und man konnte sehen, wie all die reichen Leute da vorbeikamen, sich umdrehten und offensichtlich wunderten, wie bescheuert das war.

Ich hatte zu dem Video verlinkt, und es war wie bescheuert runtergeladen worden. Er hatte es auf den Spiegelserver des “Internet Archive” in Alexandria, Ägypten hochgeladen, wo sie so ziemlich alles akzeptierten, vorausgesetzt, es stand unter einer remix- und weitergabefähigen Creative-Commons-Lizenz. Das US-”Archive” – im Presidio, nur ein paar Minuten von hier – war gezwungen worden, all diese Videos im Namen der nationalen Sicherheit vom Netz zu nehmen, aber das “Archive” in Alexandria hatte sich als eigenständige Organisation abgespalten und hostete jetzt alles, was geeignet war, die Vereinigten Staaten zu verärgern.

Dieser Junge – sein Nick war Kameraspie – hatte mir diesmal ein noch besseres Video geschickt. Es war im Eingang zur City Hall im Civic Center aufgenommen, dieser riesigen Hochzeitstorte von einem Haus, voll mit Statuen in kleinen Bogengängen, vergoldeten Blättern und Gedöns. Das DHS hatte rund um das Gebäude eine Sicherheitszone eingerichtet, und Kameraspies Video zeigte eine Ansicht ihres Checkpoints, während sich ein Typ in Offiziersuniform näherte, seinen Ausweis zeigte und seine Aktentasche auf das Röntgenband stellte.

Alles war okay, bis einer der DHS-Leute auf dem Röntgenbild etwas sah, das ihm nicht gefiel. Er stellte dem General Fragen, und der rollte mit den Augen und sagte etwas Unhörbares (das Video war von der anderen Straßenseite aufgenommen, offenkundig mit einem getarnten Eigenbau-Zoom, deshalb war die Tonspur voll mit Geräuschen von vorbeieilenden Passanten und dem Straßenverkehr).

Der General und die Leute vom DHS gerieten aneinander, und je länger sie diskutierten, desto mehr DHS-Typen scharten sich dazu. Schließlich schüttelte der General verärgert den Kopf, wies mit dem Finger auf die Brust des einen DHSlers, schnappte sich die Aktentasche und ging davon. Die DHS-Typen riefen ihm nach, aber er wurde nicht langsamer. Seine Körpersprache sagte überdeutlich “ich bin äußerst verärgert”.

Dann geschah es. Die DHS-Typen rannten dem General hinterher. Kameraspie hatte das Video hier verlangsamt, so dass man in extremer Zeitlupe, Bild für Bild, das Gesicht des Generals sehen konnte: Wie er sich halb umdrehte mit diesem Ausdruck im Gesicht, der besagte “Ihr werdet den Teufel tun, mich zu tackeln”, und wie der Ausdruck sich in Entsetzen verwandelte, als sich drei der riesigen DHS-Wachen auf ihn stürzten, ihn zur Seite stießen und dann um die Hüfte fassten, als wäre dies das letzte Football-Tackling in seiner Karriere. Der General – schon etwas älter, mit stahlgrauem Haar, zerfurchtem und würdevollem Gesicht – ging zu Boden wie ein Sack Kartoffeln, schlug zweimal hart auf, sein Gesicht knallte auf den Bürgersteig, und Blut schoss aus seiner Nase.

Das DHS verschnürte den General, fesselte ihn an Händen und Füßen. Der General brüllte jetzt, und wie er brüllte, sein Gesicht verfärbt von dem Blut, das ihm immer noch aus der Nase strömte. Beine flitzten durchs Bild. In der starken Tele-Einstellung sah man vorbeikommende Fußgänger zuschauen, wie man diesen Typ in Uniform fesselte, und seinem Gesicht war zu entnehmen, dass dies das Schlimmste von allem war – dies war rituelle Erniedrigung, der Raub seiner Würde. Hier endete der Clip.

“Ach du mein süßer Buddha”, sagte ich, während der Schirm schwarz wurde und ich das Video nochmals startete.

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Ich stupste Ange an und zeigte ihr den Clip. Sie sagte kein Wort und betrachtete den Film mit offenem Mund.

“Lad das ja hoch!”, sagte sie. “Los, hochladen hochladen hochladen hochladen hochladen!” Ich lud ihn hoch. Ich konnte kaum tippen vor Aufregung, als ich aufschrieb, was ich hier gesehen hatte; und ich fügte eine Notiz an, ob wohl jemand den Offizier im Video identifizieren könne oder etwas über die Sache wisse.

Ich drückte auf “Veröffentlichen”.

Dann sahen wir uns das Video noch einmal an. Und noch einmal.

Mein E-Mail-Programm meldete sich.

> Ich erkenn den Kerl ganz sicher – du findest seine Bio in der Wikipedia. Das ist General Claude Geist. Er war Kommandeur der UN-Friedenstruppen in Haiti.

Ich schlug die Bio nach. Es gab da ein Bild des Generals bei einer Pressekonferenz und Anmerkungen über seine Rolle bei der kniffligen Haiti-Mission. Es war offensichtlich derselbe Typ.

Ich aktualisierte meinen Blogeintrag.

Theoretisch war dies die Chance für Ange und mich, ein bisschen rumzumachen, aber daraus wurde schließlich doch nichts. Wir stöberten durch die Blogs im Xnet und suchten nach weiteren Berichten über Durchsuchungen und Übergriffe durch das DHS. Das war schon ein Routinejob, weil ich dasselbe bereits nach den Ausschreitungen im Park gemacht hatte. In meinem Blog führte ich eine neue Kategorie für diese Sachen ein, MissbrauchVonBefugnissen, und sortierte alles ein. Ange überlegte sich immer noch mehr Suchbegriffe, die wir ausprobieren könnten, und als ihre Mutter heimkam, hatte meine neue Kategorie schon siebzig Einträge, allen voran der Angriff auf General Geist vor City Hall.

Den ganzen nächsten Tag über arbeitete ich daheim an meinem Beatnik-Aufsatz, las Kerouac und surfte im Xnet. Eigentlich hatte ich Ange an der Schule treffen wollten, aber der Gedanke, womöglich wieder Van zu treffen, machte mich furchtbar nervös, also simste ich ihr eine Ausrede, dass ich noch am Aufsatz zu schreiben hätte.

Derweil trudelten alle möglichen tollen Vorschläge für MissbrauchVonBefugnissen ein, Hunderte von kleinen und großen, Bilder und Videos. Das Mem hatte begonnen, sich zu replizieren.

Und es hörte nicht wieder auf. Am nächsten Morgen waren es nochmals mehr geworden. Jemand hatte ein neues Blog namens MissbrauchVonBefugnissen aufgesetzt, das Hunderte weiterer Vorfälle sammelte. Der Stapel wuchs. Wir wetteiferten darum, die saftigsten Storys und die wildesten Bilder aufzutun.

Mit meinen Eltern hatte ich vereinbart, dass ich jeden Morgen mit ihnen zusammen frühstückte und über die Projekte redete, die ich gerade in Arbeit hatte. Es gefiel ihnen, dass ich Kerouac las. Es war für sie beide eines ihrer Lieblingsbücher gewesen, und es stellte sich heraus, dass wir bereits ein Exemplar im Regal in ihrem Schlafzimmer hatten. Mein Dad brachte es runter, und ich blätterte es durch. Da waren Abschnitte mit Kuli angestrichen, es gab Seiten mit Eselsohren und Notizen am Rand. Mein Dad hatte dieses Buch offensichtlich sehr geliebt.

Das erinnerte mich an bessere Zeiten, als mein Dad und ich uns noch fünf Minuten am Stück unterhalten konnten, ohne uns über Terrorismus in die Haare zu kriegen, und wir hatten zum Frühstück ein tolles Gespräch darüber, wie der Roman strukturiert war, und über all die irren Abenteuer.

Aber am nächsten Morgen hingen sie beim Frühstück wieder wie gebannt vorm Radio.

“Missbrauch von Befugnissen – so heißt der neueste Trend in San Franciscos berüchtigtem Xnet, und er hat bereits weltweites Aufsehen erregt.

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Die Bewegung, kurz MvB genannt, besteht aus ,Kleinen Brüdern’, die ihrerseits die Anti-Terrorismus-Maßnahmen der Heimatschutzbehörde überwachen und ihre Pannen und Exzesse dokumentieren. Initialzündung für MvB war ein populäres virales Video, das zeigt, wie General Claude Geist, ein pensionierter Drei-Sterne-General, von DHS-Mitarbeitern auf dem Bürgersteig vor City Hall umgerempelt wird. Geist hat den Vorfall nicht kommentiert, aber es gab zahlreiche wütende Reaktionen junger Zuschauer, die auch über ihre eigene Behandlung entrüstet sind.

Besonders bemerkenswert ist das hohe Maß an Aufmerksamkeit, das dieser Bewegung weltweit zuteil wird. Bilder aus dem Geist-Video wurden bereits auf den Titelseiten von Zeitungen in Korea, Großbritannien, Deutschland, Ägypten und Japan veröffentlicht, und Rundfunkstationen überall auf der Welt zeigten den Clip in ihren Abendnachrichten. Ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte die Angelegenheit, als gestern abend National News Evening der British Broadcasting Corporation eine Sondersendung über den Umstand ausstrahlte, dass die Story bislang weder von einem US-Sender oder einer hiesigen Nachrichtenagentur aufgegriffen wurde. Kommentatoren auf der Website der BBC weisen zudem daraufhin, dass sich die Sondersendung auf den Seiten von BBC America ebenfalls nicht finden lässt.”

Es folgte eine Reihe von Interviews: britische Medienbeobachter, ein Bürschchen von der schwedischen Piratenpartei mit spöttischen Bemerkungen über Amerikas korrupte Presse, ein ehemaliger amerikanischer Nachrichtensprecher im Ruhestand in Tokio; dann strahlten sie einen kurzen Spot von Al-Dschassira aus, in dem es um die US-Presse im Vergleich zu den nationalen Nachrichtenmedien in Syrien ging.

Ich meinte die Blicke meiner Eltern auf mir zu spüren, meinte zu ahnen, dass sie wussten, was ich tat. Aber als ich mein Geschirr wegräumte, sah ich, dass sie einander anschauten.

Dad hielt sich mit zitternden Händen am Kaffeebecher fest. Mom blickte zu ihm hin.

“Die wollen uns schlechtreden”, sagte Dad schließlich. “Die wollen alle Bemühungen um unsere Sicherheit sabotieren.”

Ich öffnete den Mund, aber dann fing ich den Blick meiner Mutter und ihr Kopfschütteln auf. Also ging ich in mein Zimmer, um weiter an dem Kerouac-Aufsatz zu arbeiten. Sobald ich zum zweiten Mal die Haustür gehört hatte, warf ich meine Xbox an und ging online.

> Hallo M1k3y. Mein Name ist Colin Brown, ich bin Produzent der Nachrichtensendung The National bei der Canadian Broadcasting Corporation. Wir machen eine Geschichte über das Xnet und haben bereits einen Reporter nach San Francisco geschickt, um von dort zu berichten. Wären Sie an einem Interview interessiert, um über Ihre Gruppe und ihre Aktivitäten zu sprechen?

Ich starrte den Monitor an. Oh Gott. Die wollten mich über “meine Gruppe” interviewen?

> Oh, nein, danke. Ich achte sehr auf meine Privatsphäre. Außerdem ist es gar nicht “meine” Gruppe. Aber danke, dass Sie eine Geschichte drüber machen!

Eine Minute später kam die nächste E-Mail.

> Wir können Sie unkenntlich machen und Ihnen Anonymität zusichern. Es ist Ihnen klar, dass das DHS nur zu gern seinen eigenen Sprecher vorschicken wird. Ich bin aber interessiert an Ihrer Sicht der Dinge.

Ich speicherte die E-Mail ab. Er hatte Recht, aber ich wäre bescheuert, das zu tun. Von meinem Standpunkt aus war er das DHS.

Ich wandte mich wieder Kerouac zu, da kam die nächste E-Mail. Dieselbe Bitte von einer anderen Nachrichtenagentur: KQED wollte mich treffen, um ein Radio-Interview aufzuzeichnen. Ein Sender in Brasilien. Die Australian Broadcasting Corporation. Deutsche Welle. Den ganzen Tag lang trudelten Presse-Anfragen ein. Und den ganzen Tag lang lehnte ich höflich ab.

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Viel Kerouac las ich an diesem Tag nicht.

“Du musst eine Pressekonferenz abhalten”, sagte Ange, als wir am selben Abend in dem Café bei ihr um die Ecke saßen. Ich war nicht mehr allzu scharf drauf, sie in der Schule abzuholen und womöglich wieder mit Van im selben Bus zu sitzen.

“Hä? Bist du wahnsinnig?”

“Mach es in Clockwork Plunder. Such dir einfach einen Handelsstützpunkt, wo kein PvP erlaubt ist, und leg eine Uhrzeit fest. Du kannst dich von hier einloggen.”

PvP, Player-versus-Player, ist ein Kampf-Modus Spieler gegen Spieler. Einige Bereiche von Clockwork Plunder waren als neutrales Territorium definiert, und dort konnten wir theoretisch eine Tonne Reporter anschleppen, die keine Ahnung vom Spiel hatten, ohne zu riskieren, dass andere Spieler sie während der Pressekonferenz einfach umlegten.

“Ich kenn mich mit Pressekonferenzen null aus.”

“Musst du halt googeln. Ganz sicher hat schon mal jemand einen Ratgeber geschrieben, wie man eine erfolgreiche Pressekonferenz abhält. Ich mein, wenn der Präsident das kann, kannst du das auch. Der sieht nicht so aus, als ob er sich schon allein die Schuhe zubinden kann.”

Wir bestellten noch Kaffee.

“Du bist eine sehr kluge Frau”, sagte ich.

“Und ich bin schön.”

“Das auch.” – Fortsetzung Kapitel 15

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Hintergründe, Handlung und weitere Informationen zu Little Brother findet ihr unter: Jugendthriller: Little Brother von Cory Doctorow komplett im Netz

Hier handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Christian Wöhrl

Little Brother ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert.

Das Original wurde unter: http://craphound.com/littlebrother veröffentlicht.