Julia Franck und die Mittagsfrau - Aus dem Fluch wird ein Erfolg„Jede neue Arbeit trägt ihr Risiko in sich selbst“

Julia Franck war einer der Stars der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Für ihren Roman „Die Mittagsfrau“ erhielt die Berliner Schriftstellerin den Deutschen Buchpreis 2007. Im Interview spricht sie über die Bedeutung des Preises und seine Auswirkungen auf ihre Arbeit.

Frankfurter Buchmesse: Frau Franck, Sie wurden in den 90er Jahren in die Kategorie „Literarisches Fräuleinwunder“ eingereiht. Ist der Deutsche Buchpreis, den Sie nun zehn Jahre nach ihrem Debütroman erhalten haben, eine Art Ritterschlag für Sie?

Julia Franck: Die Kategorie „Literarisches Fräuleinwunder“ zielt auf sexuelle Kriterien ab und nicht auf literarisch ästhetische. Ich fühle mich heute so sehr als Ritter wie damals als Fräulein.

Was bedeutet Ihnen der Preis ganz persönlich?

Er ermöglicht mir für zwei, drei Jahre Arbeiten in Ruhe. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, wie wenige Schriftsteller überhaupt von ihrer Arbeit leben können und dass es keinerlei Absicherung gibt, weder im Krankheitsfall noch für eine Arbeitslosigkeit. Natürlich bedeutet der Preis auch eine große Ehre, deren Bedeutung jedoch noch abzuwarten bleibt. Viele Leser machen ein Buch lebendig, das ist schön. Zugleich stimmt ein erfolgreiches Buch jeden kritischen Leser misstrauisch, zumindest in Deutschland.

Wie haben Sie die diesjährige Frankfurter Buchmesse als Preisträgerin erlebt?

In einem Rausch, der vor allem aus Arbeit bestand. Beständiges Sprechen und Antworten machten ein Reflektieren in dieser Zeit unmöglich. Die Arbeit ging meist von 8.30 Uhr und endete ohne Pause häufig erst gegen 23 Uhr. Und da hatte ich noch keine der berühmten Partys besucht, sondern gerade erst das letzte Interview für eine Radio-Sendung gegeben.

Waren die vielen Termine nur Pflicht oder haben sie auch Spaß gemacht?

Einige Gespräche waren interessant, aber Spaß ist etwas anderes: Das Schreiben selbst macht Spaß, mit den Kindern durch Schnee laufen oder ein Konzertbesuch. Die pure Freude ist schon deshalb nicht so einfach, weil ich selbst mindestens fünf Bücher des Herbstes gelesen habe, die den Preis in meinen Augen verdient hätten – und es gibt eine natürliche Scham, wenn man gewinnt. Auch die Polemik und Häme, die in Deutschland selten lang auf sich warten lassen, wenn etwas erfolgreich wird, wirken dabei mit.

Ihr preisgekrönter Roman, dessen Geschichte vom Vorabend des ersten Weltkriegs bis ins geteilte Deutschland der 50er-Jahre reicht, hat (s)ein Vorbild in ihrer Familie. Wie verformt sich ihrer Erfahrung nach Realität in die Wirklichkeit eines Romans?

Das Vorbild in der Familie fehlte, weil ich die Großmutter (väterlich) nie kennen gelernt habe. Insofern überrascht es nicht, dass die Figuren im Roman so starke eigenständige Charaktere entwickelt haben, dass niemand in meiner Familie sich eins zu eins wieder erkannt hätte. Aber es ist eigenartig, wenn jetzt immer wieder die Frage gestellt wird, wie man sich als „junger Autor“ in eine Zeit hineindenkt, die man selbst nicht erlebt hat – und ob die Geschichte nicht ebenso heute hätte spielen können. Sie ist aus vielen Gründen heute so nicht denkbar, aber warum sollte ein Schriftsteller auch nur über den eigenen Bauchnabel schreiben? Ich bin der Meinung, dass er über die Dinge schreiben muss, die ihm dringend notwendig erscheinen – nicht über solche, von denen eine Außenwelt annimmt, dass sie angemessen sind für die Generation oder den Alltag eines heutigen Menschen.

Sie haben schon als Kind geschrieben und in schwierigen Lebensphasen war Schreiben eine Art Mittel zum Überleben für Sie. Was bedeutet es Ihnen heute?

Nach wie vor kann ich mir ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellen. Aber die Phasen, in denen ich zwanghaft arbeite, sind überschaubar. Es gibt auch die Monate, in denen ich ideell arbeite – und meist dauern sie länger als solche, in denen ich eine Vorstellung umsetze, komponiere.

Erhöht diese Auszeichnung den Druck auf Sie, eine erfolgreiche Autorin zu sein?

Nein, im Gegenteil. Der Preis gibt mir die Möglichkeit, mich für zwei, drei Jahre unabhängiger zu fühlen, ich kann arbeiten, Fehler machen, Dinge ausprobieren. Denn er nimmt mir einen bestimmten Druck: Nämlich die Sorge, wie ich in den nächsten Monaten das Essen, die Kleidung meiner Kinder, den Kindergarten und dergleichen mehr bezahle.

Außerdem trägt jede neue Arbeit ihr Risiko in sich selbst und resultiert aus keiner äußeren Erwartung oder Resonanz. Ein Preis – selbst dieser womöglich höchste und wichtigste, den ein Autor vor dem 70. Lebensjahr und den Ehren eines Büchner-Preises erhoffen könnte – unterliegt in seiner Bedeutung anderen existentiellen Erfahrungen als denen, die ich gemacht habe und ohne die ich womöglich keine Schriftstellerin geworden wäre. Nein, der Impuls zum Schreiben kommt von innen. Der innere Druck, Zweifel, Zwang sind größer als es jemals ein äußerer sein könnte.

Was macht Ihrer Einschätzung nach die deutsche Gegenwartsliteratur auch für die internationale Buchwelt interessant?

Es scheint mir zwar etwas vermessen, mich als Schriftstellerin zur allgemeinen Lage zu äußern. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die deutsche Gegenwartsliteratur gerade in ihrer Verschiedenartigkeit zeigt, dass sie keinem gesellschaftlichen Auftrag mehr folgen muss – wie das etwa in der Nachkriegszeit der Fall gewesen ist, als jeder Schriftsteller noch Haltung beweisen und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der Deutschlands führen musste.

Die dritte Generation, der auch ich angehöre, kann wieder frei erzählen, Mut zu Bildern haben und sich je nach Interesse dem eigenen Bauchnabel, der jüngsten Liebe, der Medien- und Gesellschaftskritik oder auch einer Familiengeschichte zuwenden, die in Deutschland – wie wohl auf der ganzen Welt – immer nur eine gebrochene sein kann.

Trotzdem zeigt das sehr vielseitige, fast bunte Spektrum der heutigen Literatur in Deutschland auch, wie unterschiedlich eine Kultur mit einem Trauma umgeht, das sie selbst inszeniert hat.

Der preisgekrönte Roman „Die Mittagsfrau“ von Julia Franck ist im S. Fischer Verlag erschienen. Ãœbersetzungsrechte wurden bereits nach China, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, die Niederlande, Norwegen, Schweden und Spanien (spanisch und katalanisch) verkauft.

Quelle: Frankfurter Buchmesse

3 Gedanken zu „Ein Interview mit Julia Franck

  1. kann mir jemand helfen? :wer führte das interview?? ist das aus einer zeitung o.ä.????
    vielen dank,
    anna

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