Edward George Bulwer-Lytton stellte seinem Roman Ernest Maltravers von 1837 folgende Widmung voran:

TO THE GREAT GERMAN PEOPLE,
A race of thinkers and of critics;
A foreign but familiar audience,
Profound in judgment, candid in reproof, generous in appreciation,
This work is dedicated
By an English Author.

Und seitdem sind wir in freier Anlehnung an diese Widmung das “Volk der Dichter und Denker”…

Als aufklärerischer Idealist war Bulwer der deutschen Tradition verbunden. Seine Kenntnis der Werke Schillers und Goethes ist zwar nichts Außergewöhnliches, da eine Vertrautheit mit der deutschen Klassik und Romantik unter den Gebildeten Großbritanniens etwa seit den 1820er Jahren als selbstverständlich galt. Auch mit seiner Empfänglichkeit für Goethe_Schillerden deutschen „Idealismus“ als Gegenkraft zum daheim herrschenden „Materialismus“und „Philistertum“ erscheint Bulwer als Glied einer Kette, nämlich als wichtiger Repräsentant der von Thomas Carlyle bis Matthew Arnold reichenden Kulturkritik Englands. Jedoch sein Verhältnis zu Schillers Reflexivität sticht hervor: 1844 erscheint seine Übersetzung der Lyrik Schillers, „The Poems and Ballads of Schiller“, eingeleitet durch eine Lebensskizze: „A Brief Sketch of Schiller’s Life“, die trotz der angekündigten Kürze über hundert Seiten umfasst. Ganz und gar jenseits der Toleranzgrenze seiner germanophilen Landsleute lag Bulwer jedoch, indem er zur Schau stellte, was Trodd „[his] daring flirtation with a new morality“ nennt: ein Wagnis, das ohne den Rückhalt in Goethes Immoralismus (beim britischen Lesepublikum noch verpönt) undenkbar wäre. „Faustisch“ ist das Benehmen des Verbrecher-Helden Eugene Aram (er wurde des Mordes überführt und gehängt) im gleichnamigen Roman von 1832. Der überführte Mörder rechtfertigt das Motiv seiner Tat als Drang nach unbedingtem Wissen. 1838 teilt Bulwer seinem Freund John Forster mit, wie sehr er die Finesse von Goethes „Wahlverwandtschaften“ goutiere und wie unfähig das britische Lesepublikum zu solcher Lektüre sei.

Quelle: Editionsprojekt Karl Gutzkow

5 Gedanken zu „Die Deutschen – das „Volk der Dichter und Denker“ von Edward Bulwer-Lytton

  1. Hast du prima dargestellt, wenn auch (für meinen persönlichen Geschmack) ein bisschen zu viel Brüllschrift drin ist… 😉

    Das komplette E-Book „Ernest Maltravers“ gibt es bei Gutenberg (auf Englisch).

  2. Danke Massa Buana Sahib Effendi 😉
    Da es ja für deinen Geschmack angerichtet war, habe ich nachträglich etwas „entbrüllt“
    Sach mal, wusstest du eigentlich vorher schon, dass Bulwer die deutschen Dichter so geschätzt hat, oder hast du das auch erst jetzt entdeckt?
    LG

  3. Da fühle ich mich aber sehr geehrt, dass du dieses Menü speziell für mich serviert hast! Ich dachte bisher, du schreibst, weil es dir Freude macht (und natürlich auch, damit deine treuen Leser in aller Welt was davon haben!) 😉
    Aber mal im Ernst, ich finde, zu viel Brüllschrift macht einen Text unübersichtlicher und zeugt zuweilen von mangelnder Seriosität. Und bevor ich’s vergesse: Ich fand übrigens auch die Pompeji-Platte sehr appetitlich angerichtet.

    Das mit Bulwers Germanophilie habe ich zwar schon vorher gewusst (auch das mit der Widmung), aber jetzt habe ich alles wieder schön aufgefrischt, ergänzt, sortiert und den entsprechenden Bereichen meiner Kopf-Festplatte zugeordnet. Du hast ja auch sicher schon gemerkt, dass ich ziemlich intensiv zu den Büchern und Autoren recherchiere, die ich vorschlage.

  4. Lieber Don,
    natürlich bereitet es mir ebenfalls sehr viel Freude im Einzelfall besondere Menüs zuzubereiten, vor allem dann, wenn ich einen soooo netten Gast bewirten darf 😉

    Ok, aber nun im Ernst, die Brüllschrift liegt mir besonders, weil ich immer das Gefühl habe ich müsste bestimmte Gegebenheiten besonders hervor heben. Es soll eigentlich das Lesen bzw. das Überfliegen vom Geschriebenen erleichtern und eben die wesentlichen Dinge kennzeichnen. Lieber würde ich sie natürlich jedem ins Ohr brüllen 😉

    Stimmt, deine Buchvorschläge sind immer besonders interessant und gut recherchiert, das machst du schon großartig. Lawrence Durrell, Mary Kingsley und Márquez werden hier übrigens am meisten ge- und besucht.
    Liebe Grüße

  5. ach Don, ich vergaß Dostojewski, der ist auch fast täglich gefragt, kam auch von dir! Ehrlich gesagt verstehe ich das nicht so ganz, schließlich gibt es die alle tausendfach im Netz…

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