„Es ist, als hätte er sich in diesem Buch und im Leben einen Ort geschaffen, an dem sich die Themen seines Lebens verdichten.“ Susanne Mayer, Die Zeit.

„Man hoffe ja immer auf ein Wunder, hatte es zu Beginn geheißen, mit einem Zitat aus dem rettenden Roman. Jetzt, da mit dessen Vollendung zugleich diese Lebens-Geschichte ans Ende gelangt ist, hat sich das Wunder ereignet. Es ist auch eines der Literatur.“ Heinrich Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung (04.04.09)

„Was autobiographisches Schreiben vermag, und welche schriftstellerische Größe Enquist hat!“ Jan Böttcher, Süddeutsche Zeitung (09.03.09)

ein-anderes-lebenKurzbeschreibung
Von einem, der als Sohn einer strenggläubigen Volksschullehrerin in einem Dorf in Schweden aufwuchs und zu einem der angesehensten europäischen Schriftsteller wurde. Per Olov Enquist erzählt seine Lebensgeschichte, als ob es die eines anderen wäre: Er studierte in Uppsala, erlebte die RAF-Zeit in West-Berlin, schrieb in München als Journalist über die Olympiade und debütierte mit seinem ersten Theaterstück am Broadway in New York. „Wenn alles so gut ging, wie konnte es dann so schlimm werden?“ – steht als Leitfrage über Enquists Biografie, die auch tief in die Alkoholabhängigkeit und an den Rand des Todes führte. Ein außergewöhnliches Buch, das sich liest wie ein zeitgenössischer Roman.

Leseprobe © Carl Hanser Verlag, München
[….] Er hat immer davon geträumt, sich im Zentrum zu befinden, wenn die Geschichte einen Wendepunkt erlebt. Aber wenn man sich zufällig wirklich dort befindet, sieht man nicht gut. Auf jeden Fall nicht in die Zukunft; dass die Olympischen Spiele in München den Anfang einer ganz neuen Form von Kriegführung markierten, bei der sich nicht mehr Armeen gegenüberstehen sollten, nein, dass der Kampf künftig von unüberwindlichen, aber zugleich hilflosen Armeen gegen Terroristen in unzugänglichen Löchern geführt werden sollte. Das konnte damals ja niemand absehen.

Aber so kam es. Das Zentrum ist ein überschätzter Platz. Siebzehn Jahre später befindet er sich im November 1989 in Prag in jener
Nacht, als die Mauer fällt und hunderttausend Menschen den Wenzelsplatz bevölkern, aber da versteht er nichts, befindet sich so nah am Zentrum, dass die Volksmassen die Geschichte verdecken, und möchte am liebsten schlafen. Jetzt versteht er auch nicht, kann nur Trauer empfinden. Es war doch alles so heiter. Er schrieb so gut. Er bewegte sich so leicht, spürte keine Erschöpfung; er hatte sein ganzes Leben davon geträumt, diese Sportspiele mitzuerleben, zu sehen und zu schreiben. Jetzt nur Trauer.
Ihm wird klar, dass die Rolle der Politik im Sport, das Hauptthema im Sekundanten, jetzt schonungslos bestätigt
werden würde.
Mehr denn jeder andere hätte er es wissen müssen. Man baut eine fantastische Theaterbühne in München. Die ganze Welt bewundert dieses Theater, alle sind da. Man erleuchtet die Bühne, richtet die Fernsehkameras darauf, setzt die Weltpresse auf die Tribünen. Man kündigt ein Spiel an, das nur vom Sport handeln soll. Für zwei Wochen soll die Wirklichkeit sich fernhalten.
Man täuscht sich. Dieses Theater und diese Bühne sind allzu gut beleuchtet, die Aufmerksamkeit allzu intensiv und
verlockend. Wenn die ganze Welt diese Bühne betrachtet, wollen viele sie betreten, eiskalte Akteure mit anderen Absichten als der zu spielen. Dann kommen sie. Sie springen auf die Bühne und führen ein Stück auf, das von der Welt da draußen handelt. Männer in schwarzen Masken treten ins Rampenlicht und spielen ein Spiel anderer Art, das man den Palästinakonflikt nennen kann. Im nachhinein war es ja so leicht zu verstehen. Die Politik sollte sich dieses Sportspiel einverleiben und es in einem Happs schlucken. Und das Spiel würde vorbei sein. Was hatte Frau Meckel gesagt? Hatte sie nicht zum Erlöser Jesus Christus gebetet, dass er vom Gift der Politik verschont bliebe?
Er fragt sich, was sie jetzt denkt.[…] Fortsetzung der Leseprobe hier beim Hanser Verlag

Über den Autor
Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebt in Stockholm. Er studierte Literaturwissenschaften an der Universität von Uppsala. Von 1965 bis 1976 arbeitete er als Kolumnist für Zeitungen und als Fernsehmoderator. Außerdem gehörte er schon da literarischen Führungszirkeln in Schweden an. Von 1970/71 hielt er sich mit einer Förderung des DAAD in Berlin auf. 1973 war er als Gastdozent in Kalifornien tätig. Seit 1977 ist er freier Schriftsteller und setzt sich nach wie vor für die gewerkschaftliche Organisation von Schriftstellern ein. Aus dem schwedischen Schriftstellerverband, dessen Vorstand er zeitweilig angehörte, ist er nach einer Kontroverse inzwischen ausgetreten.

In seinem Werk erkennt man eine eher melancholische Weltsicht. Immer wieder schildert der Autor auch die Einschränkungen, die eine pietistische Lebensweise auferlegt, vor allem in Auszug der Musikanten und Lewis Reise. Sein im deutschen Sprachraum bekanntestes Werk ist der historische Roman Der Besuch des Leibarztes, in dem er das Verhältnis des Arztes und Politikers Struensee zu der dänischen Königin Caroline darstellt. Für seinen ersten Kinderroman Großvater und die Wölfe, der auf einem Ausflug mit seinen Enkeln basiert, wurde er mit dem LUCHS des Jahres 2003 ausgezeichnet. In seinem 2008 auf schwedisch und 2009 in deutscher Übersetzung von Wolfgang Butt erschienenen, in der dritten Person geschriebenen autobiografischen Buch Ein anderes Leben schreibt er u. a. über seine Kindheit in einem nordschwedischen Dorf, die Entstehungsumstände einiger seiner Werke, besonders des Dokumentarromans Die Ausgelieferten, sowie über sein zeitweiliges „Leben im Alkohol“ und die Überwindung seiner jahrelangen Alkoholkrankheit. Er arbeitete als Theater und Literaturkritiker und zählt zu den bedeutendsten Autoren Schwedens. Der internationale Erfolg seines „glanzvollen, hinreißend erotischen, politischen Großwerks“ („Ekstra Bladet“) bei Presse und Publikum war das Ereignis des literarischen Bücherfrühlings 2001.

Per Olov Enquist ist mit seinem Buch „Ein anderes Leben“ vom 11. bis 13. Mai auf Lesereise in Berlin, Hamburg und München. Im Literaturhaus München ist er am 13.05. zu Gast.

Gebundene Ausgabe: 544 Seiten, erschienen am 04. März im Hanser Verlag, 24,90 Euro

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