März 2002: Ausweitung der Kampfzone – Michel Houellebecq

Cover Ausweitung der KampfzoneKurzbeschreibung
Der provokante Erstling des französischen Star-Autors: Ein junger Informatiker seziert mit gnadenlosem Blick die Welt – und erklärt sie zur gefühlsfreien Kampfzone. Im täglichen Kampf um Erfolg und Sexpartner kann er nicht mithalten. Und so ringt er in seiner isolierten Existenz mit der Einsamkeit, (fehlendem) Sex und Machtphantasien.

Über den Autor
Michel Houellebecq, eigentlich Michel Thomas, geboren am 26. Februar 1958 †“ gemäß anderen Quellen 1956 – auf Réunion, ist ein französischer Schriftsteller. Heute lebt er in Irland und auf Lanzarote. Houellebecq gilt in Frankreich zur Zeit als der meistgelesene, aber auch umstrittenste Autor seiner Generation.

Er begann in den 1980er Jahren mit Gedichten, die 1991 und 1992 gesammelt in den Bänden Rester vivant und La Poursuite du bonheur erschienen (Suche nach Glück, 2000). In seinem frühen Essay H. P. Lovecraft, contre le monde, contre la vie, 1991 (Gegen die Welt, gegen das Leben, 2002), setzte er sich mit Leben und Werk des amerikanischen Kultautors der fantastischen Literatur, H.P. Lovecraft, auseinander.

Aber erst mit seinen Romanen Extension du domaine de la lutte 1994 (Ausweitung der Kampfzone, 2000) und vor allem Les Particules élémentaires, 1998 (Elementarteilchen, 2001), die beide verfilmt wurden, erreichte er nationale und internationale Bekanntheit. Der dritte Roman, Plateforme, 2001 (Plattform) und der vierte, La Possibilité d’une île, 2005 (Die Möglichkeit einer Insel) waren gleich bei ihrem Erscheinen Erfolge. Sie wurden mit den Literaturpreisen Prix Novembre bzw. Prix interallié ausgezeichnet und noch im Erscheinungsjahr in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt.

In seinen meist in der Ich-Form erzählten Romanen zeichnet Houellebecq, ähnlich wie sein Freund Frédéric Beigbeder, das provokante Bild einer narzisstischen westlichen Konsumgesellschaft. Seine Protagonisten leiden unter ihrem Egozentrismus, ihrem Unerfülltsein und ihren Schwierigkeiten, in einer kontakt- und gefühlsgehemmten Gesellschaft menschliche Nähe und gegenseitige Hingabe zu erleben. Insbesondere die sexuelle Frustration erscheint als ein Leitmotiv, paradoxerweise auch in Form häufiger Darstellungen erfüllter Sexualität. Denn eine von Houellebecqs Spezialitäten, die er besonders in Plateforme zu einer Kunst ausbaut, besteht darin, regelmäßig halb- bis anderthalbseitige Sexszenen in die Handlung einzufügen. Hierbei werden die Vorgänge (die sich i. d. R. im Rahmen des „Normalen†œ halten) bald sachlich, bald einfühlsam dargestellt. Ein anderes Merkmal sind die ebenfalls oft en passant eingefügten essayistischen, zeitkritischen oder pseudo-wissenschaftlichen Betrachtungen. Insgesamt ist Houellebecqs Sprache schnörkellos und präzise; sein Erzählstil wirkt nüchtern und beiläufig.

Houellebecqs drei Lyrikbände (Suche nach Glück 1996, Der Sinn des Kampfes, Wiedergeburt 1999) sind im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt geblieben, ebenso seine Essays (einige 2001 wiederveröffentlicht in Die Welt als Supermarkt), die in der internationalen Presse (u. a. Die Zeit) und in namhaften Literaturzeitschriften (u. a. L’Atelier du roman, Paris) erschienen sind.

Januar 2002: Das Wüten der ganzen Welt – Maarten `t Hart

Cover Das wüten der ganzen WeltKurzbeschreibung
Maarten t’Hart gehört zu den beliebtesten Autoren der Niederlande. In seinem Roman schildert er die kleine Welt eines südholländischen Städtchens. Dort, in der President Steynstraat, ist der Komponist Alexander Goudveyl als Sohn eines Lumpenhändlers aufgewachsen, großgezogen mit Gebeten und den alten Geschichten vom Krieg. Dreißig Jahre später erinnert er sich an diese Zeit, vor allem an den 22. Dezember 1956, einen regennassen Samstagnachmittag, an dem der Polizist Vroombout ermordet wurde…

Über den Autor

Maarten ‚t Hart, geboren am 25. November 1944 in Maassluis, ist ein niederländischer Schriftsteller.

‚t Hart wurde als ältester Sohn eines Totengräbers, Paulus ‚t Hart und Magdalena van den Giessen geboren. Er wuchs in einer von strengem Calvinismus geprägten Umgebung auf und hegte bereits als Kind ein Interesse für Bücher. Er studierte von 1962 bis 1968 an der Universität Leiden Biologie mit dem Schwerpunkt Verhaltensforschung und arbeitete von 1970 bis 1987 an derselben Universität als Dozent für Verhaltensbiologie. Er schrieb seine Doktorarbeit über das Verhalten von Ratten.

1971 debütierte er als Schriftsteller – zunächst noch unter dem Namen Martin Hart – mit dem Roman Stenen voor een ransuil. 1975 erhielt er den Multatuli-Literaturpreis für seinen ersten Erzählungsband und erzielte 1978 mit dem Buch über seine Jugenderinnerungen Een vlucht regenwulpen (dt. „Ein Schwarm Regenbrachvögel“), das 1981 verfilmt wurde, seinen ersten großen Erfolg.

Der Autor steht in der Tradition der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Ihn interessieren weniger die Strukturfeinheiten des modernen Romans als die genaue und atmosphärisch dichte Beschreibung der ihm vertrauten Landschaft und der Menschen seiner Heimat. Viel von seinem Werk enthält autobiographische Elemente, seine Bücher sind überwiegend aus der Ich-Perspektive geschrieben. Beliebte und oft wiederkehrende Themen sind der Calvinismus (obwohl ‚t Hart überzeugter Atheist ist), die klassische Musik, die unglückliche Liebe und die Natur.

Maarten ‚t Hart gehört zu den beliebtesten Autoren der Niederlande. Seine Bücher wurden in viele Sprachen, u.a. ins Deutsche, Englische und Schwedische übersetzt. Der Bachliebhaber ist seit 1967 mit Anneke van den Muyzenberg verheiratet und lebt als freier Autor und Kolumnist auf dem „Teylingerhof“ im südholländischen Warmond bei Leiden.

Dezember 2001: Ich muß los – Annette Pehnt

Cover Ich muss losKurzbeschreibung
Unergründlich und scheu ist er, der Held in Annette Pehnts erstem Roman. Er läuft in den schwarzen Anzügen seines toten Vaters herum, erzählt als selbsternannter Reiseführer von Limonadebrunnen und Honigfrauen. Seine Phantasie ist grenzenlos, die Nähe zu anderen nicht. Vor allem nicht die zu seiner Mutter und ihrem neuen Freund. Erst als Dorst die jungen Elner trifft, scheinen seine Zurückhaltung und seine Ratlosigkeit ein Ende zu finden.

Annette PehntÜber die Autorin
Annette Pehnt, geboren am 25. Juli 1967 in Köln, ist eine deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin mit Wohnsitz in Freiburg im Breisgau.

Annette Pehnt legte 1986 ihr Abitur ab und leistete anschließend freiwillige Sozialarbeit in Belfast (Nordirland). Sie hat auch in Schottland gelebt. Danach studierte sie Anglistik, Keltologie und Germanistik an den Universitäten in Köln, Galway (Irland), Berkeley (Kalifornien) und Freiburg im Breisgau. Ihr Studium schloss sie 1994 mit dem Magistergrad und dem ersten Staatsexamen ab; 1997 folgte die Promotion an der Universität Freiburg mit einer Arbeit zur irischen Literatur.

Seit 1992 lebt Annette Pehnt, die verheiratet und Mutter von drei Kindern ist, als Literaturkritikerin und freiberufliche Schriftstellerin in Freiburg im Breisgau; daneben lehrt sie auch an der dortigen Universität. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie u.a. 2001 den Förderpreis zum Künstlerinnenpreis des Landes Nordrhein-Westfalen und den Mara-Cassens-Preis, 2002 den Preis der Jury bei den Klagenfurter Tagen der Deutschsprachigen Literatur. 2007 wurde sie für ihr Buch Rabea und Marili mit dem Kinderbuchpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Oktober 2001: Das kunstseidene Mädchen – Irmgard Keun

Cover Das kunstseidene Mächen OA 1932 Form Roman Epoche Moderne
Das kunstseidene Mädchen, ein typisches Werk der Neuen Sachlichkeit, ist ein Zeit- und Großstadtroman über die letzten Tage der Weimarer Republik. Aus der Sicht einer scheinbar naiv-durchtriebenen Ich-Erzählerin, des kunstseidenen Mädchens Doris, vermittelt Irmgard Keun ein hautnahes Bild der Alltagsmisere einer kleinen Büroangestellten, die ihrem engen Lebenskreis entfliehen will.
Inhalt: Doris arbeitet lustlos im Büro eines Rechtsanwalts. Ihren freudlosen Alltag kompensiert sie mit Tagträumen †“ sie will ein Filmstar werden †“ und mit Abendvergnügungen, bei denen sie die Prüde spielt und ihre diversen Bekanntschaften zu Geschenken animiert. Von ihrer großen Liebe Hubert wurde sie enttäuscht; er verließ sie wegen eines reichen Mädchens, versuchte aber sein Verhalten mit moralischen Bedenken ihr gegenüber zu rechtfertigen. Trotz ihrer Jugend macht sich Doris keinerlei Illusionen über die Liebe, die Männer und den Kaufwert der Liebe. Als sie die Zudringlichkeiten ihres Chefs heftig zurückweist, weil er ihr zu alt ist, wird ihr gekündigt.
Eine kleine Stelle als Statistin am Theater scheint die Erfüllung ihrer Kleinmädchenträume zu ermöglichen. Durch Intrigen erhält sie sogar einen Platz an der Schauspielschule und hat großen Erfolg, als sie bei einer Aufführung einen Satz sprechen darf. Doch nach dem Diebstahl eines Pelzmantels, der sie unwiderstehlich anzieht, flieht sie nach Berlin, ohne zu wissen, wie sie dort überleben kann.
Doris wird konfrontiert mit dem Elend der Arbeiterfamilien, mit Prostitution und Brutalität, ist aber fasziniert von der glitzernden Großstadt und zeigt einen nahezu unerschütterlichen Optimismus. Ob als Kindermädchen, ausgehaltene Geliebte eines Fabrikanten oder Gelegenheitsprostituierte, Doris bleibt sich gleich, macht sich nichts vor und wirkt deshalb auf den Leser sympathisch. Ihre Zuneigung zu einem Kriegsblinden, den sie durch das nächtliche Berlin führt und es ihm mit ihren Augen schildert, offenbart ihre große Hilfsbereitschaft und Güte. Als sie Ernst, einen von seiner Frau verlassenen »anständigen« Mann, kennen lernt, freundet sich Doris aus Liebe sogar mit der Hausfrauenrolle an, die ihr sinnvoller erscheint als nichts sagende Büroarbeit. Dass Ernst seine Frau nicht vergessen kann, schmerzt sie. Doris verlässt ihn und benachrichtigt die Ehefrau, um ihm zu helfen. Am Ende sitzt sie im Wartesaal des Bahnhofs und weiß nicht, wohin sie gehen soll.
Aufbau: Konsequent lässt die Autorin die Ich-Erzählerin als fiktive Tagebuchschreiberin in naivem, schnoddrigem, aber klarsichtigem Ton sprechen; die Figur wirkt hierdurch lebendig und plausibel. Mit einer stilistischen Mischung aus Neuer Sachlichkeit und Sentimentalität gelingt es Keun, ihre Leser direkt anzusprechen. Die Handlung ist nicht chronologisch erzählt, doch die Zeitsprünge †“ Vor- und Rückgriffe †“ sind leicht nachvollziehbar.
Wirkung: Nach dem Sensationserfolg des ersten Romans Gilgi, eine von uns (1931) hätte Das kunstseidene Mädchen Keun den literarischen Durchbruch bringen können †“ trotz der vehementen Proteste rechter und konservativ bürgerlicher Kreise. Die nationalsozialistische Kulturpolitik verhinderte jedoch die Etablierung der Autorin auf dem Buchmarkt und zwang sie ins Exil. Heute gilt Keun als Vorreiterin der Frauenliteratur.

Kurzbeschreibung
Doris ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagaus, tagein lange Briefe tippen, sondern ein Star werden. Sie will hinaus in die große Welt, ins Berlin der Roaring Twenties . . .

Über die Autorin
Irmgard Keun, geboren am 06.02.1905 in Berlin, gestorben am 05.05.1982 in Köln, ist eine der herausragenden Vertreterinnen des Großstadtromans zur Zeit der Weimarer Republik. Mit analytisch-scharfem, leicht ironisch gebrochenem Blick schilderte sie das Schicksal der kleinen Leute in einer unsicheren Zeit. Die Tochter einer Fabrikantenfamilie wuchs in Berlin und Köln auf. Nach dem Besuch der Schauspielschule arbeitete sie kurzzeitig in diesem Beruf. Ihr erster Roman Gilgi, eine von uns (1931) war ein durchschlagender Erfolg. Keun wurde als Wunderkind gefeiert, zumal sie sich fünf Jahre jünger machte. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bereitete ihrer sich anbahnenden Karriere ein jähes Ende; ihre Bücher, die dem Frauenbild der neuen Machthaber nicht entsprachen, wurden verbrannt. Ende 1935 ging Keun ins Exil nach Belgien und reiste mit Joseph R Roth durch das nicht besetzte Europa, danach versteckte sie sich in den Niederlanden. 1940 lebte sie mit falschen Papieren in Deutschland. In den Nachkriegsjahren als Rundfunkautorin erfolgreich, geriet Keun bald in Vergessenheit. Die Renaissance ihrer Romane um 1980 hat sie noch erlebt. Biografie: H. Beutel/A. Barbara Hagin (Hrsg.), „Einmal ist genug“. Irmgard Keun. Zeitzeugen, Bilder und Dokumente erzählen, 1995; G. Kreis, Was man glaubt, gibt es. Das Leben der Irmgard Keun, 1991; H. Häntzschel, Irmgard Keun

September 2001: Neununddreißigneunzig – Frédéric Beigbeder

Cover Neununddreißigneunzig Kurzbeschreibung
Der Preis ist der Titel ist die Message dieses Skandalromans aus Frankreich, der seinen Autor Frédéric Beigbeder den Job in einer bekannten Werbeagentur kostete und ihn auf Platz eins der Bestsellerlisten katapultierte. Er ist ein wildes Pamphlet gegen den Totalitarismus von Medien und Werbung und gegen die neoliberale Pervertierung der Demokratie. Beigbeder reiht sich damit ein in die Front jener französischen Autoren um Michel Houellebecq, die den Verantwortlichen der globalen Realität den ‚Kampf auf Leben und Tod‘ angesagt haben.

Über den Autor
Frédéric Beigbeder, geboren 1965 in Neuilly-sur-Seine, studierte Politikwissenschaft und lebt als Kritiker und Schriftsteller in Paris.
Unter anderem arbeitet er für Elle, Paris Match und die Kultursendung „Masque et la plume“ bei France Inter. Außerdem war er zehn Jahre lang als Texter in einer renommierten Werbeagentur tätig, die ihm nach der Veröffentlichung seines ersten Romans vom Fleck weg engagierte. Er gilt als Enfant terrible des französischen Literaturbetriebs. Neununddreißigneunzig ist sein dritter Roman.