Bücherliste: Die Vorleser am 22.10.2010 im ZDF

Die Vorleser: Amelie Fried & Ijoma Mangold am 22.10.2010 im ZDF

In ihrer neunten „Vorleser-Sendung“ im ZDF mit Amelie Fried und Ijoma Mangold ist 22.10.2010 um 23 Uhr der Schauspieler Joachim Król zu Gast.

Joachim Król ist einer der bekanntesten deutschen Film- und Fernsehschauspieler. Er  stellt sein derzeitiges Lieblingsbuch „Der Neuling“ von Michael Ebmeyer, einen Roman über Aufbruch und Neuanfang, vor.

Bücherliste vom 22.10.2010:

Der Neuling von Michael Ebmeyer

Kurzbeschreibung

In Michael Ebmeyers neuem Roman verschlägt es einen schüchternen Stuttgarter Versandhauslogistiker nach Sibirien, wo er sich zum obsessiven Liebenden wandelt und nicht mehr zurück in sein altes Leben findet.Matthias Bleuel steht neben sich. Seit seiner Scheidung lebt er wie betäubt vor sich hin. Als sein greiser und russlandsentimentaler Chef ihn bittet, nach Kemerowo in Südsibirien zu reisen, um dort in einer winzigen Zweigstelle des Versandhauses eine Urkunde zu überbringen, willigt er ein, weil er zu schwach zum Neinsagen ist. Doch in der mystischen sibirischen Sommerlandschaft erkennt sich Bleuel plötzlich selbst nicht mehr wieder. In Liebe zur geheimnisvollen Sängerin Ak Torgu entflammt, wird der verzagte Logistiker zum geistergläubigen Heißsporn. Zunächst stolpernd, dann immer drängender bewegt er sich in eine völlig neue Welt hinein. Er setzt alles aufs Spiel, um Ak Torgu für sich zu gewinnen – und um sich endgültig zu verabschieden vom einstigen Matthias Bleuel. Michael Ebmeyer ist es gelungen, die alte Geschichte vom Aufbruch in ein anderes Leben neu zu erzählen. Ein Roman über Liebe und Besessenheit, über den unwahrscheinlichsten Ort und den Mut zum Neuanfang.

Solar von Ian McEwan

Kurzbeschreibung
Michael Beard, 53, ist Nobelpreisträger der Physik. Doch seine besten Zeiten hat er hinter sich, er käut seine prämierte Idee in Vorträgen wieder und ergattert so Fördergelder für ein politisches Prestigeprojekt: das Institut für erneuerbare Energien. Wirklich neue Energien aber steckt er nur in sein Privatleben: während seiner fünften Ehe hat er es immerhin zu elf Affären gebracht. Doch als schließlich alles ins Wanken gerät, bietet sich ihm die Gelegenheit zu einem Coup, denn die geniale Idee eines Rivalen sorgt für neuen Zündstoff in seinem Leben. In Solar geht es nicht nur um Sonnen-, sondern auch um kriminelle Energie.

Ins Weiße zielen von Ricardo Piglia

Kurzbeschreibung
Wieso musste Tony Durán sterben? In seinem lang erwarteten neuen Roman entführt uns Ricardo Piglia in die trügerische Ruhe der argentinischen Provinz. Während alle Welt glaubt, der schwule Japaner Yoshio habe den Ausländer Durán getötet, entwickelt Kommissar Croce mit Hilfe des aus Buenos Aires angereisten Journalisten Renzi seine eigene Theorie: Waren es wirklich nur die körperlichen Reize der Zwillingsschwestern Ada und Sofía Belladona, die Durán in die Pampa gelockt haben? Was hatten deren Vater und Bruder, die Besitzer der hiesigen Fabrik, mit dem Opfer zu schaffen? Was hat es mit dem Erbe der irischen Mutter der Zwillinge auf sich? Und was nur hat Cueto, der aalglatte Staatsanwalt und Intimfeind Croces, zu verbergen? Piglia bietet alles auf, was das Genre des Kriminalromans hergibt um die Gemeinplätze der Gattung am Ende auszuhebeln und zu zeigen, dass nichts so ist, wie es scheint. Dabei gelingt ihm die Quadratur des Kreises: ein Buch, das sich liest wie ein Krimi und doch keiner ist.

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Tipps von Amelie Fried:

Smile or die: Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt von Barbara Ehrenreich

Kurzbeschreibung
„Sei positiv! Optimisten leben länger! Der Erfolg ist in dir!“ Seit Jahrzehnten künden Ratgeber und Motiva­tionstrainer von der grenzenlosen Macht positiven Denkens. Glück, Gesund­heit, Reichtum und beruflicher Erfolg so die Botschaft sind für jeden jederzeit erreichbar, eine lückenlos positive Grundhaltung vorausgesetzt. Selbst schuld, wer da noch Sorgen hat oder gar die Ursachen seiner Probleme in der Realität vermutet. Arbeitslose erfahren, einzig der Ton ihrer Bewerbung entscheide über deren Erfolg. Selbst Krebskranke werden heute gewarnt, eine „negative Haltung“ könne ihre Heilung gefährden. Wie konnte aus dem harmlosen Lob einer optimistischen Lebenseinstellung eine kulturelle Glaubenswahrheit mit zunehmend zwanghaften Zügen werden? Mit kritischer Intelligenz und beißendem Spott nimmt Ehrenreich eine blühende Bewusstseinsindustrie unter die Lupe, die mit »Positive Thinking« inzwischen Mil­liarden verdient. Trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenz haben »positive Psychologie« und Glücksforschung inzwischen sogar die Universitäten erobert. Doch nirgendwo ist das Ausblenden der Realität stärker verbreitet als in der Wirt­schaft: Die Weigerung, negative Entwicklungen überhaupt ins Auge zu fassen, hat so Ehrenreich wesentlich zum jüngsten Crash beigetragen. Eine »erfrischend aggressive und glänzend intelligente Attacke auf das Nonsense-Monster mit den tausend Armen« (Daily Mail), zugleich ein überfälliges Plädoyer für eine Rückkehr zu Realismus und gesundem Menschenverstand.

Brooklyn von Colm Tóibín

Kurzbeschreibung
Die junge Irin Eilis Lacey wandert um 1950 nach Amerika aus, um in Brooklyn eine neue Arbeit zu finden. Doch sie passt sich nur langsam an das neue Leben an, schließt nicht leicht Freundschaft. Ganz allmählich gewinnt sie Selbstvertrauen und merkt, dass sie zu einer selbständigen, erwachsenen Person geworden ist. Das macht ihr die Entscheidung zwischen Irland und Amerika, zwischen dem einen und dem anderen Mann, nicht leichter. Der preisgekrönte Autor Colm Tóibin beschreibt eindrucksvoll ein klassisches Schicksal einer Emigration, den Werdegang einer ganz normalen Frau – ganz und gar aus ihrer Perspektive gesehen.

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3 in 3 Minuten

Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung von Herfried Münkler

Kurzbeschreibung
„In der Debatte über den drohenden Verlust der Mitte wird und muss die Mitte neu vermessen werden. Dazu will dieses Buch einen Beitrag leisten.“ Der Begriff der Mitte beherrscht die politische Debatte. Aber was genau ist unter Mitte †“ gesellschaftlich, politisch, geographisch †“ zu verstehen? Wo liegt sie? Wer gehört dazu? Und warum ist sie seit je mit der Idee vom „rechten Maß“ verbunden? Herfried Münkler zeigt, wie sich die Vorstellungen von Mitte und Maß entwickelt haben †“ von Aristoteles über Karl Marx bis zur Gierdebatte unserer Tage, von der Entstehung der Städte als Zentren der Macht bis zur schrumpfenden Mittelschicht in den Gesellschaftendes 21. Jahrhunderts. Ein erhellender Blick auf die Geschichte und zugleich die Analyse eines höchst aktuellen Themas. „Herfried Münkler ist ein wandelnder Ein-Mann-Think-Tank.“ Die Zeit
„Herfried Münkler erzählt souverän und gut lesbar. Hier spricht eine klare Stimme der Vernunft.“ Süddeutsche Zeitung

Deutschboden von Moritz von Uslar

Kurzbeschreibung
Ich sagte: Ich haue ab von hier, dort hin, wo kaum ein Mensch je vor uns war †“ nach Hardrockhausen, Osten, nordöstliche Richtung, nicht zu weit weg, vielleicht eine Stunde von Berlin entfernt. Dort suche ich mir einen Boxclub, trainiere mit, hänge rum und tue nichts, außer die ganze Zeit nur zuzuhören und zuzugucken, was passiert, und abends stelle ich mich da hin, wo der totale Blödsinn erzählt wird, auf Parkplätze, an Tankstellen, in Pilslokale, und nebenbei erfahre ich alles über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart.†œ
Moritz von Uslar geht in eine Kleinstadt im Osten Deutschlands, er bleibt drei Monate und kehrt mit dieser großen Erzählung, einer Geschichte der Gegenwart, die gleichzeitig Reportage und Abenteuerroman ist, zurück.
Willkommen in jenem unbekannten Land, das Deutschland heißt.
Draußen, vor der Großstadt, wo Hartz IV, Alkoholismus, Abwanderung und Rechtsradikalismus angeblich zu Hause sind: Hier beginnt diese Geschichte. Der Reporter sucht nach einem Ort mit Boxclub und Kneipe und findet ihn im Landkreis Oberhavel, gut eine Autostunde nördlich vor Berlin. Pension Heimat, Franky†™s Place, Gaststätte Schröder: Pils am Tresen, Diktiergerät am Mann. Der Reporter hört zu, guckt zu, trinkt mit, trainiert mit, labert mit, und am nächsten Morgen steht er wieder da. Es erscheinen der Kneipenchef Heiko, der Geschichtenerzähler Blocky, der tätowierte Punk Raoul, und damit ist der Zugang eröffnet: zu den Proben der Band »5 Teeth Less«, zu Grillfesten mit Deutschlandfahne, zum Abhängen am Kaiser†™s-Parkplatz und an der Aral-Tankstelle †“ und zum Alltag junger Männer, die vielleicht keine großartige Zukunft haben, aber einen ziemlich guten Humor.
Die präzisen Beobachtungen, im Wortlaut mitgezeichneten Gespräche, die Gags, Sprüche, Märchen und Blödeleien und die Fülle absurder, rührender und furchterregender Alltäglichkeiten entwickeln einen Sog, der den Leser hineinzieht in das Leben in der ostdeutschen Kleinstadt. Das ist klassisches und das ist modernes Reportertum.
Moritz von Uslar besitzt den Mut, die Ausdauer und das Einfühlungsvermögen, um zu zeigen, dass Wirklichkeit immer jener Ort ist, der jenseits der Erwartung liegt. In diesem Buch ist Platz für allerhand Abstrusitäten, bloß für keine Trostlosigkeit. Deutschboden leuchtet †“ es ist das Licht der Tankstelle an der Ausfallstraße nachts um halb eins.

Doppelleben: Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop von Antje Vollmer

Kurzbeschreibung
Einsatz auf Leben und Tod
Die bewegende Doppelbiografie über ein charismatisches Paar, das den Widerstand gegen Hitler wagte
Heinrich Graf Lehndorff gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen Adolf Hitler. Sein Name ist heute nur noch wenigen bekannt. Das ist umso erstaunlicher, als er zu den engsten Mitwissern des Kreises um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Henning von Tresckow gehörte. Die »Wolfsschanze«, das Führerhauptquartier, lag in unmittelbarer Nähe der Güter Heinrich von Lehndorffs. In seinem Familienwohnsitz, Schloss Steinort, war seit 1941 ein ganzer Flügel für den Außenminister des NS-Reiches, Joachim von Ribbentrop, beschlagnahmt. Regelmäßige Essen zwischen von Ribbentrop und dem Schlossherrn und seinen Familienangehörigen sind mit Fotos dokumentiert. Auch die Verschwörer aus dem militärischen und zivilen Widerstand waren wiederholt zu Gast – ein perfektes Doppelleben, das über drei Jahre hinweg aufrechterhalten wurde. In ihrer Doppelbiographie geht Antje Vollmer der faszinierenden Frage nach, was Heinrich und Gottliebe von Lehndorff bewogen hat, das Risiko dieses Doppelspiels einzugehen. Denn über die Konsequenzen ihres Engagements waren sich die Lehndorffs jederzeit im Klaren. Anhand von Originaldokumenten, Briefen und Zeitzeugen rekonstruiert Antje Vollmer auch die dramatischen Stunden rund um den 20. Juli: Lehndorffs Verhaftung und zweimalige Flucht, die Konsequenzen für seine hochschwangere Frau, die Geburt der Tochter im Gefängnis, die Folterverhöre, die Hinrichtung von Lehndorffs am 4. September in Berlin-Plötzensee. Zum ersten Mal umfassend abgedruckt: der bewegende Abschiedsbrief von Heinrich Graf Lehndorff an Frau und Kinder.

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Kurzfristig kann laut ZDF noch ein Buch dazu kommen oder wegfallen. In diesem Fall werden die Informationen zu den neuen Büchern in der „Bücherliste†œ auf www.dievorleser.zdf.de veröffentlicht.

Weitere Informationen zur Sendung finden sich unter www.dievorleser.zdf.de

Die nächste Sendung „Die Vorleser“ im ZDF mit Amelie Fried und Ijoma Mangold wird am Freitag, 03. Dezember 2010, ab 23.00 Uhr, zu sehen sein.

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Die Kinder der Elefantenhüter von Peter Høeg [Rezension]

Die Kinder der Elefantenhüter von Peter Høeg

An einem Karfreitag verschwinden der Pfarrer Konstantin Finø und seine Frau Clara, Organistin der Kirche und ambitionierte Tüftlerin, spurlos. Zurück bleiben die Kinder Peter, Tilte und Hans und der Foxterrier Basker, der mehr ein Mensch als ein Hund ist. Geheimnisvolle Agenten tauchen auf, den Kindern droht die Einweisung in ein Heim.

Das Ehepaar Finø hatte schon früher entdeckt, dass ein gut platziertes Wunder während der Predigt ein durchaus lukratives Geschäft verspricht. Den Kindern wird schnell klar, dass sich die Eltern wieder auf Abwegen befinden. Dieses Mal haben sie es auf die Juwelen abgesehen, die bei der Großen Synode, einem ökumenischen Gipfeltreffen in Kopenhagen, ausgestellt werden.

Peter Høegs neuer Roman „Die Kinder der Elefantenhüter†œ ist in die drei Teile „Finø†œ, „Auf dem Meer der Möglichkeiten†œ und „Die Stadt der Götter†œ gegliedert. Im Anschluss findet sich ein 14 Seiten umfassender Epilog mit dem Titel „Der Finøwalzer†œ.

†œJetzt erzähle ich dir, was wir erlebten. In Wirklichkeit tue ich das nicht, um von uns zu erzählen. Sondern um mich selbst daran zu erinnern, wann die Tür offen stand, um es dir zu zeigen.
Ich kann dir nicht durch die Tür helfen, weil ich selber nicht richtig durch sie hindurchgegangen bin. Aber wenn wir sie finden und davorstehen, oft genug, du und ich, dann weiß ich, dass wir eines Tages gemeinsam in die Freiheit hinausgehen werden.†

Der 14-jährige Peter, auch Petrus genannt, ist der Erzähler der Geschichte. Er ist eins fünfundfünfzig groß, siebenundvierzig Kilo schwer und trägt die Fußballstiefelgröße neununddreißig. Peter lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester Tilte auf Finø. Finø ist eine Insel der Möglichkeiten und liegt mitten im Meer der Möglichkeiten. †œMeer der Möglichkeiten† klingt wenigstens viel schöner als Katzenarsch, die einzig korrekte Übersetzung für Kattegat wie Tilte findet. Tilte ist sechzehn und hat längst erkannt, dass ihre Eltern Elefantenhüter sind. Sie haben etwas in sich, dass viel größer ist als sie selbst, etwas, das sie nicht kontrollieren können. Es ist die Sehnsucht nach der Erkenntnis, was Gott wirklich ist, die ihren Augen die Wehmut verleiht, eine Sehnsucht, groß wie ein Elefant.

†œDie Finø-Bewohner haben von ihren vielen Reisen Männer und Frauen unterschiedlicher ethnischer Herkunft mitgebracht, und auf diese Weise wurden der Insel viele verschiedene Namen zugeführt†œ, erklärt Peter. Wen wundert es also einen Arzt, Psychiater Hirnforscher und Hypnotiseur namens Thorkild Thorlacius-Drøbert, eine Anaflabia Borderrud als Bischöfin oder eine Buddhistin, IT-Expertin und Chefin eines Call-Centers für sexuell-kulturelles Coaching namens Leonora Ganefryd auf Finø anzutreffen. Die Hebamme ist zugleich Leichenbestatterin, der Vorsitzende der Finøer Separatistenpartei oberster Priester von †œAsathor†. Alle leben in friedlicher Koexistenz.

Im ersten Teil †œFinø† entledigen sich die Kinder erfolgreich ihren Verfolgern um Thorkild Thorlacius und den Agenten Lars und Katinka und verschaffen sich mit Hilfe des Laute spielenden Ex-Junkie und Drogentherapeuten  Rickardt Graf Tre Løver Zugang auf die †œWeiße Dame von Finø†. Mit dem ganzen Schwarm bizarrer Charaktere machen sie sich auf den Weg nach Kopenhagen zur Großen Synode. Die †œWeiße Dame von Finø† ist ein Luxusdampfer, der für einen arabischen Ölscheich und seinem Harem gebaut wurde und mit 42 Kajüten mit goldenen Wasserhähnen, einem Pool und einer Frauenklinik ausgestattet ist. Das Schiff ist weiß wie Schlagsahne und bietet einen idealen Tummelplatz für Peter Høegs zweiten Teil †œDas Meer der Möglichkeiten†.

Für Tumult sorgt die eisgekühlte Leiche der Vibe von Ribe. Bereits seit zehn Tagen tot, ist sie in einem Sarg mit Kühlvorrichtung ebenfalls unterwegs zum Gipfeltreffen der Religionen um gesegnet zu werden. Graf Rickardt befreit sie aus ihrem Sarg, weil er ein sicheres Plätzchen für seine Laute braucht. So taucht Vibe abwechselnd im Rollstuhl im Kühlhaus des Schiffes, oder als Ärztin verkleidet in der Frauenklinik auf. Verdient hat sie die Behandlung allemal, schließlich hat sie den Kindern als Eisbudenbesitzerin im Sommer oft luftgefüllte Eiskugeln verkauft.

In †œDie Stadt der Götter† kommt es schließlich im dritten Teil zum fulminanten Showdown in Kopenhagen. Bruder Hans greift ins Geschehen ein, Pallas Athene, eine gutherzige und schlagkräftige Prostituierte, gefühlvolle Terroristen und einige andere vervollständigen den Reigen der burlesken Figuren.

†œWas wir und die Welt also erleben, ist das Schlüpfen der Elefanten aus ihren Puppen , sie schlagen mit den Flügeln und fangen an zu flattern, falls du das Bild verstehst, das vielleicht nicht gerade dem Biologieunterricht entspricht, aber einigermaßen deutlich macht, was da tatsächlich geschieht†œ, lautet Peters Botschaft.

Peter Høegs Figuren sind stark überzeichnet. Die Kinder sind die offensichtlichen unschuldigen Vertreter in einer Welt von selbstgefälligen, religiösen, korrupten, kriminellen halb- oder vollverrückten Erwachsenen. Hans ist achtzehn und studiert Astropyhsik in Kopenhagen. Er ist der Visionär unter den Kindern und stark und schön. Die sechzehnjährige Tilte hat die Spiritualität zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht. Sie verfügt über einen so messerscharfen Verstand, dass selbst ihre Lehrer sich vor ihr fürchten. Peter ist eher klein und schmächtig und dennoch der Star in Finøs Fußballverein. Er ist schnell, handelt entschlossen und mutig und ist der Realist unter den Geschwistern. Peters unverbrauchter Blick legt in seiner Vorurteilslosigkeit die Absurditäten der Erwachsenenwelt offen. Er bezieht den Lesenden direkt mit ein und schildert mit viel Wortwitz und Humor die unglaublichste Abenteuergeschichte mit Verfolgungsjagden, Entführung, Maskeraden, Erpressung bis hin zu einem Sprengstoffanschlag, den es zu verhindern gilt.

Mit einem Augenzwinkern greift der Autor die großen philosophischen Fragen des Lebens auf und spielt mit der Idee, dass bei einem Treffen mit den †œrichtig Verrückten†, den Mystikern aller Weltreligionen, eine gemeinsame Grundlage gefunden werden könnte. Schließlich sieht es in jedem Paradies fast gleich aus, und bei Licht betrachtet, sind sie sich näher, als man dachte.

Peter Høegs Fabulierkunst ist furios und amüsant. Der Roman liest sich wie ein Roadmovie und sprüht geradezu von wahnwitzigen Ideen. Er hat darin einen wahrhaft mächtigen Elefanten befreit. Dennoch wünsche ich mir in seinem nächsten Roman wieder eine Handlung mit Protagonisten in Smillas Alter. Peters altkluge Stimme wirkt am Ende doch ein wenig ermüdend.

Kurzbeschreibung
Auf den ersten Blick sind die Finøs aus Dänemark eine ganz normale Familie: Der Vater ist Pastor, die Mutter spielt Orgel, Peters großer Bruder studiert Astronomie. Doch an einem Karfreitag sind plötzlich die Eltern verschwunden, die schon einmal durch zweifelhafte Wundertaten mit der Justiz in Konflikt geraten waren. Um Vater und Mutter vor weiteren Torheiten zu bewahren, beginnen Peter und seine Schwester Tilte eine großangelegte Suchaktion. Inmitten falscher Heiliger und fanatischer Sinnsucher finden sie ihre eigene Tür zur Freiheit und zum Glück. Peter Høegs spannender und temporeicher Roman ist ein Abenteuer voller filmreifer Szenen, aktueller Anspielungen und verrückter Einfälle. Der Autor von „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ zeigt erneut seine mitreißende Fabulierkunst.

Über den Autor
Peter Høeg, 1957 in Kopenhagen geboren, studierte Schauspiel, Tanz und Literaturwissenschaften. Nach zahlreichen Reisen, vor allem in die Karibik und nach Afrika, gründete er eine Stiftung zugunsten von Frauen und Kindern in Entwicklungsländern. Peter Høeg lebt heute als freier Schriftsteller in der Nähe von Kopenhagen.

Die Kinder der Elfefantenhüter“ umfasst 488 Seiten und ist am 06.09.2010 im Hanser Verlag erschienen. Der Lesekreis bedankt sich beim Hanser Verlag für die freundliche Überlassung eines Rezensionsexemplares. Wer mehr über Peter Høeg und die Kinder der Elefantenhüter erfahren möchte, sollte unbedingt Tiltes Insel besuchen. Der Verlag hat dem Roman eine eigene Homepage eingerichtet, auf der auch aktuell ein Gewinnspiel zum Roman ausgeschrieben ist. Der Hauptpreis ist eine Reise nach Kopenhagen.

www.tiltes-insel.de

Im Sitzen läuft es sich besser davon von Alois Hotschnig [Rezension]

Im Sitzen läuft es sich besser davon von Alois Hotschnig

In sechs Erzählungen unterschiedlichster Länge entfaltet Alois Hotschnig eine Welt des Alterns zwischen Vernunft und Verfall. Der Titel des Bandes ist zugleich der letzte Satz der letzten Erzählung. So entsteht eine Klammer, die die Sammlung in einen diskreten Zusammenhang bindet.

Der erste Text mit der Überschrift „Karl†œ beschreibt das symbiotische Zusammenleben eines älteren namenlosen Ehepaares mit ihrem Hund Karl. Die anfänglich noch realistisch wirkende Konzentration auf das Haustier schlägt zunehmend ins Absurde um, da Karl nicht nur „Mann†œ und „Frau†œ, sondern allmählich den ganzen Ort mit Bissen traktiert und beherrscht. Obwohl bandagierte Bisswunden bald zum Erscheinungsbild der örtlichen Bevölkerung gehören, ergreift keiner naheliegende Maßnahmen; die Launen des Hundes werden als unabänderlich hingenommen. Als seine Bisse schließlich als heilbringend begehrt werden, nimmt die Erzählung märchenhafte Züge an. Zum Schluss verschwindet Karl unter ungeklärten Umständen.

Trotz dieses inhaltlichen Normbruchs präsentiert die Eingangserzählung sich jedoch als normale Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Die allwissende Erzählerstimme gestaltet einen zusammenhängenden Verlauf aus einer übergeordneten Perspektive. So wird eine Kontrollfähigkeit vermittelt, die den darauffolgenden Texten fehlt. Es ist als ob mit dem Verschwinden Karls auch der ordnende Zugriff abhanden gekommen. Von nun an wird in Dialogen, direkter und erlebter Rede erzählt, die Einheiten werden kleiner.

Das macht sie keineswegs sinnentleert. In „Die großen Mahlzeiten†œ wird besprochen, in welchem Rhythmus die Medikamente zwischen den Mahlzeiten genommen werden sollen. Darüber herrscht keine Einigkeit, man diskutiert, beobachtet sich gegenseitig und der Kreis von Teilnehmern ist unscharf. Ich und Du, Vater und Mutter, aber auch Paul, Hans und Franz spielen eine Rolle. Hotschnig bedient sich dabei einer Sprache, die „dem Volk auf’s Maul schaut†œ. Die Versatzstücke klingen alltäglich und vernünftig, die Redewendungen sind konventionell. Erst die kleinen Verschiebungen machen stutzig:

„Wann du kommst, lässt sie fragen. Es ist sieben.
Die Pillen willst du nicht nehmen, sagst du? Warum denn nicht?
Weil ich hungrig bin. Weil mir nach Essen ist. Jetzt. Darauf freue ich mich schon den ganzen Tag. Satt zu sein, endlich einmal.
Aber gegessen habt ihr doch heute? Gefrühstückt. Es ist sieben Uhr abends jetzt, Vater.
Wäre denn jetzt nicht Zeit, dieses Zeug einzunehmen? Um sieben, um elf, um drei und um sieben, das sagst du doch immer. Oder ich frühstücke jetzt und nehme es um acht. Obwohl, wenn ich es um acht nehme, dürfte ich doch erst um neun wieder essen. Sie sagt, wenn ich es um sechs geschluckt hätte, könnte ich jetzt um sieben etwas haben.†œ

Mit der nächsten Erzählung, „Etwas verändert sich†œ, wird das Ensemble der Namen größer, Orte von Flattach bis Arles werden aufgezählt und die Dialoge schwanken in ihrem Realitätsbezug. Gleichzeitig nehmen inhaltlich Begriffe zu, die eine Art Heim, eine gemeinsame Unterbringung anzeigen. Dennoch bleiben die Dialoge konkret, sie zeugen von Vertrautheit und gemeinsamen Erinnerungen. Man spricht von Thea, Klaus und Kurt, den Freunden, und auch von Herrn Orter und Frau Harter. Wieder taucht ein Paul auf, kommt ein Hund vor, doch wer genau gerade spricht, bleibt unklar.

Die kleineren Reisen†œ vermischen nun ganz gezielt die „großen Mahlzeiten†œ der Gegenwart mit den Reisezielen der Vergangenheit. Refrainartig werden Menüs zitiert – „Kürbiscremesuppe, Saftfleisch mit Knödel und Blaukraut, Kompott†œ – ohne dass mit Sicherheit gesagt werden kann, ob das sprechende Paar vom ‚Essen auf Rädern‘ versorgt wird oder bereits in einem Altersheim isst. Ihr Interesse gilt aber vor allem dem Festhalten der Urlaubsorte und -erlebnisse aus vergangenen Tagen. Der erinnerte Figurenkreis expandiert gewaltig, gut dreißig Freunde und Bekannte werden namentlich erwähnt und mit Speisen und Orten verknüpft. Auch Karl ist wieder da, allerdings als Mensch, der mit „Gerda†œ um das Vorrecht des genaueren Erinnerungsvermögens ringt. Hotschnigs Wiedergabe ist dabei durchaus komisch:

Und in Cattolica Hans-Peters erste Lasagne. Er war zum ersten Mal mit dabei, und es war seine erste Lasagne.
Die beinahe seine letzte Lasagne gewesen wäre. Weil er doch am Tag darauf eine Kolik gehabt hat. Wegen der Muscheln.
Wegen der Muscheln war das? Hans-Peter isst keine Muscheln, das stimmt.
Hans-Peter isst überhaupt nicht mehr, Gerda. Zwanzig Jahre ist das jetzt her. Danach hat er sich nur noch von Lasagne ernährt.
†œ

In der vorletzten, sehr kurzen, Erzählung wird nun deutlich ein Umzug vorbereitet. Es scheinen drei Generationen involviert (Grossvater, Sohn und Enkel), aber es bleibt unentscheidbar, ob die Abreise in Richtung Familienanschluss oder eher sogar ins Irrenhaus geht. „Besorgungen für den Tag†œ unterscheidet sich nämlich dahingehend von den übrigen Texten als hier über größere Strecken nun wirklich Non-Sense-Reime aneinandergereiht werden. Gerda ist auch wieder da und der Hund Klabund und eine deutliche Anspielung auf einen anderen Wahnsinn: Brandstiftung. So wie „Die kleineren Reisen†œ auch „Die großen Mahlzeiten†œ hätten heißen können, würde für diese Erzählung „Etwas verändert sich†œ passen. Die „Besorgungen für den Tag†œ wiederum überschreiben genauso gut die Einkaufsbemühungen aus „Die kleineren Reisen†œ. Hotschnig spielt mit diesen Momenten des Wiedererkennens, so dass nicht nur die Grenzen innerhalb der einzelnen Erzählungen, sondern auch die zwischen ihnen verschwimmen.

Der Ort der letzten Erzählung, „Ausziehen ja, anziehen auch†œ, ist eine Arztpraxis. Vom eigenen Haus mit Hund über eine Gemeinschaftsunterkunft verengt sich nun der Raum auf ein Wartezimmer. Die Wörterliste stammt diesmal aus dem Bereich der Medikamente, das Personal aus der Gegenwart und dem erinnerten Café Central. Wieder sind die Dialoge meist voll sinnvoller, gegenseitiger Anteilnahme und lassen sich gut verfolgen, nur das Kreisen um das Immergleiche weist auf einen Verfallsprozess hin.

Sehen Sie?
Sehen Sie, sehen Sie, Sagen Sie mir, was ich sehen soll, vielleicht sehen wir es dann gemeinsam.
Frau Miller. Frau Miller war die Nächste, meine ich. Oder nicht?
Frau Miller war die Nächste, ja. Frau Miller ist immer die Nächste. Seit ich bei der Frau Doktor bin, ist Frau Miller die Nächste oder eine der Nächsten, in jedem Fall aber ist sie vor mir. Und das oft mehrmals am Tag.
Und jetzt?
Was und jetzt, Sie können einen aber auch ganz schön beschäftigen, wissen Sie.
Der Nächste, wer der Nächste ist, jetzt, nach der Frau Miller. Sie? Oder ich? Nach Frau Miller wird ja nicht wieder Frau Miller die Nächste sein. Oder doch?

Zu diesem Zeitpunkt hat man auch als Lesender bereits aufgegeben, die Texte unterscheiden zu wollen, es gibt immer einen davor und einen nächsten. Hotschnig spinnt ein Gewebe, welches einem immer bekannter vorkommt und doch könnte man es nicht nacherzählen. Jede einzelne Äußerung klingt vernünftig, das Ganze aber lässt sich nicht platzieren. Dieses „Dunkel war’s, der Mond schien helle†œ ist keine neue Technik und muss es auch nicht sein; die Frage stellt sich aber, warum Hotschnig sie anwendet. Ist der Erzählantrieb denn wirklich widersprüchlich? Das Bewusstsein der Figuren mag sicherlich ausfransen und die Lebensschau nicht immer chronologisch sein. Der Tonfall aber ist stets gutmütig; man ist willig zu verstehen, zu trösten und aufeinander einzugehen. Insofern verdeutlicht die Absurdität vielleicht lediglich das Asynchrone eines alternden Gehirns. Man wird Zeuge mannigfaltiger Listen von Details †“ Namen, Begriffe und Orte †“ , die nicht mehr gebraucht werden und Redewendungen, die nichts mehr bewirken. So bleibt vielleicht nur der sture Witz übrig, mit dem Frau Hatzer sich im allerletzten Abschnitt widersetzt:

„Frau Hatzer, wollen Sie sich nicht setzen, wo wir endlich einen Platz für Sie gefunden haben, dort wäre noch ein Platz für Sie, sehen Sie?
Das macht nichts. Ich kann auch stehen. Ich versäume nichts, wenn ich stehe und ich versäume nichts, wenn ich sitze. Aber solange ich noch stehen kann, sitze ich doch lieber, wissen Sie. Im Sitzen läuft es sich besser davon.
†œ

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Der 140 Seiten umfassende Erzählband „Im Sitzen läuft es sich besser davon†œ von Alois Hotschnig erschien bei Kiepenheuer & Witsch im September 2009.

Der Lesekreis bedankt sich Gabi für die ausführliche Rezension und beim Verlag Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Überlassung eines Rezensionsexemplares.

Komödie gewinnt: Man Booker Prize 2010 für Howard Jacobson

Am 12. Oktober 2010 wurde Howard Jacobson in der Londoner Guildhall mit dem Man Booker Prize 2010 ausgezeichnet.

Der 68-jährige britische Autor und Journalist erhielt den mit 50.000 £ dotierten Literaturpreis für seinen im August 2010 bei Bloomsbury erschienenen Roman „The Finkler Question„.

Sir Andrew Motion, Vorsitzender der Jury bei der Vergabe des Man Booker Prize, bezeichnete den Roman als „ein wunderbares Buch„. „The Finkler Question“ sei sehr witzig, aber auch intelligent, traurig und sehr subtil. Howard Jacobson habe den Preis zurecht verdient.

Nach William Golding, der 1980 im Alter von 71 Jahren den Man Booker Prize erhalten hat, gehört Howard Jacobson zu den ältesten Gewinnern der wichtigsten britischen Literaturauszeichnung. Mit „The Finkler Question“ wurde erstmalig seit der 42-jährigen Vergabe des Man Booker Prize eine Komödie (Comic Novel) ausgezeichnet.

Howard Jacobson mit The Finkler Question

Kurzbeschreibung
‚He should have seen it coming. His life had been one mishap after another. So he should have been prepared for this one‘. Julian Treslove, a professionally unspectacular and disappointed BBC worker, and Sam Finkler, a popular Jewish philosopher, writer and television personality, are old school friends. Despite a prickly relationship and very different lives, they’ve never quite lost touch with each other – or with their former teacher, Libor Sevick, a Czechoslovakian always more concerned with the wider world than with exam results. Now, both Libor and Finkler are recently widowed, and with Treslove, his chequered and unsuccessful record with women rendering him an honorary third widower, they dine at Libor’s grand, central London apartment. It’s a sweetly painful evening of reminiscence in which all three remove themselves to a time before they had loved and lost; a time before they had fathered children, before the devastation of separations, before they had prized anything greatly enough to fear the loss of it. Better, perhaps, to go through life without knowing happiness at all because that way you had less to mourn? Treslove finds he has tears enough for the unbearable sadness of both his friends‘ losses. And it’s that very evening, at exactly 11:30pm, as Treslove hesitates a moment outside the window of the oldest violin dealer in the country as he walks home, that he is attacked. After this, his whole sense of who and what he is will slowly and ineluctably change. „The Finkler Question“ is a scorching story of exclusion and belonging, justice and love, ageing, wisdom and humanity. Funny, furious, unflinching, this extraordinary novel shows one of our finest writers at his brilliant best.

Howard Jacobson war bereits 2002 mit seinem Roman „Who’s Sorry Now“ und im Jahr 2006 mit „Kalooki Nights“ auf der Longlist für den Man Booker Prize vertreten.

Vielleicht scherzte er deshalb bei seiner Dankesrede mit folgenden Worten: „Du fängst an, den Juroren, die dir Preise geben, für alle Preise Vorwürfe zu machen, die sie dir nicht gegeben haben. Heute Abend vergebe ich allen, sie haben nur ihren Job gemacht.“

Bislang ist keines seiner Bücher in einer deutschsprachigen Übersetzung erschienen. Das mag sich jetzt ändern, denn Howard Jacobson kann neben seinem Preisgeld mit einem enormen Anstieg beim Verkauf seiner Bücher rechnen. Der Man Booker Prize sichert ihm zusätzlich weltweite Anerkennung. Alle sechs nominierten Autorinnen und Autoren der Shortlist erhalten neben einem Preisgeld von 2.500 £ eine Designer-gebundene Ausgabe ihres Buches.

Quelle: Man Booker Prize

Jugendliteraturpreis 2010: ausgezeichnete Jugendliteratur

Jugendliteraturpreis 2010: ausgezeichnete Jugendliteratur

Am 08. Oktober 2010 wurde auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Jugendliteraturpreis 2010 vergeben.

Als einziger Staatspreis für Literatur wird der Deutsche Jungendliteraturpreis seit 1956 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftet und jährlich verliehen. Ausgezeichnet werden herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur. Die Preissummen betragen insgesamt 50.000 Euro.

Zusätzlich erhalten die Preisträger eine Skulptur, die Michael Endes Momo darstellt.

Der mit 10.000 Euro dotierte Sonderpreis wurde Mirjam Pressler am 08. Oktober 2010 auf der Frankfurter Buchmesse von Bundesministerin Dr. Kristina Schröder für ihr Autoren-Gesamtwerk verliehen. Bereits 1994 erhielt sie den Sonderpreis für das Gesamtwerk Übersetzung. Der Sonderpreis ist Teil des Deutschen Jugendliteraturpreises und wird seit 1991 im jährlichen Wechsel an deutsche Autoren, Illustratoren und Übersetzer vergeben.

Bilderbuch

Garmans Sommer von Stian Hole

Kurzbeschreibung
Noch nie ist ein Sommer so schnell vergangen wie der, bevor Garman in die Schule kommt. Vielleicht liegt es daran, dass Garman beim Gedanken daran ein bisschen bange ist. Ob man irgendwann mal vor gar nichts mehr Angst hat? Nein, sagen Garmans Großtanten. Tante Ruth zum Beispiel hat Angst vorm Winter, weil alten Damen schnell kalt wird und die Straßen dann so rutschig sind. Sogar Mama fürchtet sich: vorm Zahnarzt, bei dem sie nächsten Dienstag einen Termin hat. Ein kleiner Trost ist es schon, dass auch Erwachsenen manchmal mulmig ist … Für „Garmans Sommer“ erhielt Stian Hole den wichtigsten Bilderbuchpreis seines Heimatlandes Norwegen sowie den Bologna Ragazzi Award 2007.
Das Buch ist ein Kunstwerk, ein Stück vom Glück. Der norwegische Bilderbuchzeichner erzählt eine Geschichte, die überall Gültigkeit hat – die eines Sommers, wie Kinder ihn lieben; warm, prickelnd vor Leben. Man lernt in diesem wunderschönen Buch auf subtile Weise, dass nichts von Dauer ist. Das kann man traurig finden. Garmans Sommer ist in der Tat ein trauriges wunderschönes Buch. Aber die Tatsache, dass wir all die Schönheit, die uns Hole zeigt und erzählt, als traurig empfinden können, beweist nur unsere Liebe zum Leben.“ (Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.09)
Jurybegründung
Dieses ganz besondere Bilderbuch zeigt, dass man über Angst sprechen muss und dass man ihre Arten und Formen besser verstehen kann. Doch wegreden lässt sie sich nicht. Und so bleibt es zwar dabei, dass Garman sich mulmig fühlt, wenn er an den nächsten Tag, seinen ersten Schultag, denkt. Aber er weiß auch, dass diese Angst zum Leben gehört.

Kinderbuch

Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen von Jean Regnaud (Text), Émile Bravo (Illustration) und Michael Hau (Gestaltung)

Kurzbeschreibung
Emile Bravo, der unlängst auch als Autor und Zeichner von SPIROU UND FANTASIO ein Glanzlicht setzen konnte, illustrierte für diese Graphic Novel eine Geschichte seines Freundes Jean Regnaud. Der kleine Jean befindet sich in höchster Not, als er in der Schule erzählen soll, was seine Eltern beruflich machen. Sein Vater ist Firmenchef, doch seine Mutter lebt nicht bei der Familie. Über sie weiß Jean so gut wie nichts. Deswegen beginnt er, sich das Leben seiner Mutter in Gedanken auszumalen. Immer wilder werden seine Ideen, und schließlich landet die Mutter seiner Fantasie im Wilden Westen, wo sie auf Buffalo Bill trifft.
Jurybegründung
Das Buch überzeugt in seiner Mischung von Text und Bild besonders auch da, wo Illustrationen in versiert gewählten Passagen den erzählten Text ersetzen. Die eigene literarische Sprache des Originals verstand Kai Wilksen sehr gut ins Deutsche zu übertragen. Auf allen Ebenen ist Mein Mutter ist in Amerikaeinereichhaltige Graphic Novel, die ihren Leser sicher einige Zeit begleiten wird, um ihn immer wieder etwas Neues entdecken zu lassen.

Jugendbuch

Such dir was aus, aber beeil dich! Kindsein in zehn Kapiteln von Nadia Budde (Text, Illustration)

Kurzbeschreibung
Karierte Schürzen und Eierlikör, Kartoffeln, Fliegen und Tapetenmuster, Langeweile und Abenteuer: Die Zeit dehnt sich, die Sommer sind endlos, die Welt der Erwachsenen ist sonderbar und undurchschaubar, und dass man je so wird wie sie, ist ganz undenkbar. Woran man sich erinnert, wenn man an seine Kindheit zurückdenkt, ist Glückssache. Oft sind es Details, an die sich Erinnerungen knüpfen, die allerkleinsten, allernormalsten Dinge, aus denen sich in der Rückschau eine ganze Welt zusammensetzen kann. Nadia Budde, geboren 1967, aufgewachsen bei den Großeltern in einem kleinen brandenburgischen Dorf und später bei der Mutter in Magdeburg und Ostberlin, blickt zurück mit der ihr eigenen Mischung aus Witz und Genauigkeit. Reich begabt als Zeichnerin wie als Autorin, ausgezeichnet für ihr Bilderbuch „Eins zwei drei Tier“, ist sie seit Jahren eine der interessantesten Künstlerinnen auf dem deutschen Kinderbuchmarkt. Mit „Such dir was aus, aber beeil dich!“ geht sie neue Wege: Ihr Erinnerungsbuch steht irgendwo zwischen Comic und Graphic Novel und entwirft dabei so assoziationsfreudig wie detailliert ein Panorama, in dem das individuelle Erleben auf Erfahrungen verweist, die jeder kennt, der einmal Kind gewesen ist.
Jurybegründung
Such dir was aus, aber beeil dich!ist bei allem Mehrwert, den die Doppeladressierung dem erwachsenen Mitleser verschafft, vor allem ein Buch für Jugendliche, die dabei sind, die Kinderzimmereinrichtung gegen ein jugendliches Mobiliar auszutauschen, ihre Kuscheltiere †“ bis auf eines vielleicht! †“ in den Keller oder auf den Dachboden zu verbannen und die Kinderbücher aus dem Regal zu räumen. Hier kommt ein Buch, das die Leere im Regal auszufüllen vermag und eine gelungene Anleitung ist, sich an die eigene Kindheit so zu erinnern, dass man sich liebevoll von ihr zu verabschieden und erwachsen zu werden vermag.

Sachbuch

Mutige Menschen. Widerstand im Dritten Reich von Christian Nürnberger

Kurzbeschreibung
Christian Nürnberger erzählt von zwölf Frauen und Männern, die den Mut zum Widerstand hatten: Mut, Hitlers Pläne zu durchkreuzen, Mut, Hitlers Befehle zu verweigern, Mut, Menschenleben zu retten: Dietrich Bonhoeffer, Willy Brandt, Georg Elser, Mildred Harnack, Robert Havemann, Fritz Kolbe, Janusz Korczak, Helmuth James Graf von Moltke, Martin Niemöller, Sophie Scholl, Irena Sendler, Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Beeindruckende Lebensbeschreibungen für Jugendliche ab 13 Jahren
Jurybegründung
Wenn es wahr ist, dass jede Generation ihren eigenen Erzähler braucht, der die historischen Ereignisse in jeweils passender Perspektive zu berichten und aktuelle Fragen zu stellen versteht, dann hat die heutige junge Generation in Christian Nürnberger ihren Autor gefunden: Er erzählt genau, engagiert und sehr persönlich auf eine Weise, die die Urteilsbildung beim Leser nicht nur anregt, sondern auch einfordert.
Überzeugend ist auch die herausragende literarische Qualität der biografischen Erzählung, die sich in dem individuellen Zuschnitt der einzelnen Porträts und in einer sehr genauen und delikat formulierenden literarischen Sprache zeigt. Nürnbergers eindringliches Nachwort führt uns die Allgegenwart der Vergangenheit vor Augen, die jede Generation neu für sich auslegen muss. Mutige Menschen verbindet auf überzeugende Weise fundierte historische Informationen mit politischem Engagement auf sprachlich hohem Niveau.

Preis der Jugendjury

Die Tribute von Panem 01 – Tödliche Spiele von Suzanne Collins

Kurzbeschreibung
Überwältigend! Von der Macht der Liebe in grausamer Zeit … Nordamerika existiert nicht mehr. Kriege und Naturkatastrophen haben das Land zerstört. Aus den Trümmern ist Panem entstanden, geführt von einer unerbittlichen Regierung. Alljährlich finden grausame Spiele statt, bei denen nur ein Einziger überleben darf. Als die sechzehnjährige Katniss erfährt, dass ihre kleine Schwester ausgelost wurde, meldet sie sich an ihrer Stelle und nimmt Seite an Seite mit dem gleichaltrigen Peeta den Kampf auf. Wider alle Regeln rettet er ihr das Leben. Katniss beginnt zu zweifeln – was empfindet sie für Peeta? Und kann wirklich nur einer von ihnen überleben? Eine faszinierende Gesellschaftsutopie über eine unsterbliche Liebe und tödliche Gefahren, hinreißend gefühlvoll und super spannend.
Jurybegründung
Brandaktuelle Fragen entflammen im Kopf des Lesers: Wie abhängig bin ich in der Mediengesellschaft von meinem Bild in der Öffentlichkeit? Wie kann ich ich selbst bleiben ohne mich im Surrealen zu verlieren? Wie erschreckend ähnlich ist die fiktive Gesellschaft Panems schon der unseren? Am Ende weiß keiner, welche Auswirkungen die „gespielte“ Liebesgeschichte haben wird und welche Auswirkungen die Medien auf unsere Zukunft haben werden.

Quelle: Deutscher Jugendliteraturpreis

Hinweis: Die vollständigen Begründungen der Jury zur Wahl finden sich auf der Internetseite des Deutschen Jugendliteraturpreises in den jeweiligen Kategorien.