Ungeschliffener Diamant von Alice Pung [Rezension]

Ein 32-jähriger Mann, seine im achten Monat schwangere Frau, seine 27-jährige Schwester und die alte asiatische Großmutter in einem lila Wollpyjama werden zu Pionieren, als sie in den 1990er Jahren in Melbourne eintreffen. Die Lebensumstände in diesem wundersamen Australien unterscheiden sich völlig von denen in Phnom Penh. Hier leiden die Kinder höchstens Todesängste, weil sie einen Wrigley´s Spearmint verschluckt haben, und nicht, weil sie auf eine mit Munition gefüllte Kondensmilchbüchse getreten sind. Hier pinkelt keiner auf die Straße, gibt es keine Leprakranken und keine Soldaten der Roten Khmer, die die Menschen in den Massen-Exodos zwingen. Dass in dem kleinen Melbourner Vorort, in dem die Familie schließlich wohnt, ihnen niemand das Essen wegnimmt, müssen sie erst lernen.

Die Krankenschwestern staunen, als die Erzählerin dieser Geschichte mit einem enormen Schopf schwarzer Haare und einem runzeligen Walnussgesicht zur Welt kommt. Für sie ist es das erste chinesische Baby, das sie sehen. „Gute Nachricht“ (Agheare) soll es heißen, weil es im Paradies geboren wird. Und da der Vater sich an die Geschichte von Alice im Wunderland erinnert und seine Tochter auch einen englischen Namen braucht, nennt er sie Alice. Alice wird ist diesem Wunderland aufwachsen und Dinge wie Sicherheit, Überfluss, Demokratie und das kleine grüne Ampelmännchen für selbstverständlich halten. Sie wird an der Universität studieren, natürlich Anwältin werden und einen Herzchirurgen heiraten, beschließt der Vater.

Während der Vater erfolgreich einen Elektroladen eröffnet, wächst Alice zwischen den Fronten ihrer Mutter und Großmutter auf. Beide Frauen leben isoliert und haben sich ausgerechnet die Vierjährige ausgesucht, um ihren unüberwindbaren Hass aufeinander auszuleben. Sie bürden ihr ihre Geheimnisse auf und verurteilen sie gleichzeitig zu Stillschweigen. Alice liebt beide Frauen und so wird sie unfreiwillig zur Plaudertasche. Sie vermutet, dass in Wirklichkeit beide von der anderen Seite gehört werden wollen und sie ihnen durch ihr Plaudern die einzige Möglichkeit verschafft, ihren Kummer nach außen zu tragen.

Auch Alice wird zur Außenseiterin. Die Großmutter steckt sie in wattierte Mao-Anzüge und Alice hat Angst in der Schule in der ungeübten Sprache zu reden. Ihre Stimme klingt dünn und lächerlich, wie eine Kanone, die mit quietschendem Gummispielzeug schießt. Statt Freundinnen, bringt Alice schmutzige Wäsche mit nach Hause. Sie schafft es nicht, die Lehrerin um Erlaubnis zu bitten, auf die Toilette gehen zu dürfen.

Die drei Frauen – Großmutter, Mutter und Tochter – sind die zentralen Figuren in diesem Roman, während der Vater eher im Hintergrund bleibt. Die Familie zeigt keinerlei Ambitionen, sich mit der „westlichen Welt“ auseinander zu setzen und bleibt in ihrer strengen chinesischen Tradition verhaftet. Die Großmutter fordert den ihr zustehenden Respekt als Familienoberhaupt und überwacht alles.

Wart´s nur ab, bis zu älter bist und eine Schwiegermutter hast wie meine. Dann wirst du verstehen„, sagt die Mutter eines Tages zu Alice, als sie bemerkt, dass die Mutter mit glasigem Blick und ausdrucksloser Miene ins Nichts starrt. Doch Alice versteht nicht, ob sie damit die unüberwindlichen Härten des Lebens meint. Mit dem ständigen Seufzen und Lügen und Sterben, was das Leben einer Chinesin ausmacht, will sie eigentlich nichts zu tun haben.

Diesen Vorsatz kann sie nicht umsetzen. Während die Mutter bis spät in die Nacht arbeitet und mit giftigen Chemikalien Goldschmuck für den Verkauf herstellt, muss Alice sich um die Geschwister und den Haushalt kümmern. Dass sie in der Schule gute Noten schreibt und die Hausarbeit verrichtet, ist selbstverständlich.

Eine Nähmaschine rettet Alice schließlich über die Pubertät, die innerhalb der Familie nicht thematisiert wird. Als die anderen Mädchen anfangen, sich für Markenklamotten und Jungs zu interessieren, verbringt Alice Wunder auf ihrer „Janome„. Hier fügen sich alle Einzelteile ihres Lebens zu einem Ganzen zusammen.

Eine Familie ist wie eine Schlange. Wenn der Kopf der Schlange gerade ist, dann ist auch der Rest des Körpers gerade. Wenn aber der Kopf schief ist, dann wird der Körper so schief und krumm wie Ginseng und geht zugrunde„, trichtert man Alice ein, als die Mutter in eine tiefe Depression fällt, und Alice in ihrer Vorbildfunktion komplett das Ruder übernehmen muss. Sie schafft es nicht, zu rebellieren.

Dass Alice dennoch in ihrer Heimat Australien angekommen ist, zeigt sich deutlich, als ihr die Worte fehlen, um der Mutter das Ausfüllen einer Quittung im elterlichen Elektrogeschäft zu erklären. Diese sich entwickelnde Sprachlosigkeit, die Mutter hat es nie geschafft, Englisch zu lernen – Alice vergisst langsam die Muttersprache der Eltern, ist das Synonym für die Veränderung in ihrem Leben. Sie schafft letztendlich den Spagat zwischen dem Mikrokosmos in ihrem traditionellen chinesischen Elternhaus und dem modernen Australien.

Alice Pungs autobiographischer Debütroman „Ungeschliffener Diamant“ ist komisch und verstörend zugleich. Die Autorin nimmt auf humorvolle Art und Weise der Tragik der Lebensumstände dieser entwurzelten Emigrantenfamilie den Ernst und die Düsternis. Sprachlich beeindruckend und ungeheuer intensiv bereitet dieses Buch großes Lesevergnügen – absolut empfehlenswert!

Kurzbeschreibung
Alice kommt als Tochter chinesisch-kambodschanischer Einwanderer kurz nach deren Ankunft in Melbourne zur Welt und wächst dort zwischen zwei Kulturen auf, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: hier die strenge Tradition der chinesischen Enklave, Hausgötter, Aberglauben und Alltagszeremonien, dort die Freiheit des westlichen Wunderlands, in dem alles möglich scheint. Schon bald kommt ihr die Welt der Eltern exotischer vor als die neue Heimat, wo der Vater einen Elektrohandel betreibt und sich in Arbeit stürzt, während die Mutter Goldschmuck fertigt und an der neuen Sprache scheitert. Irgendwann gehen Alice die Worte aus, um sich mit ihrer Mutter zu verständigen. Mal ernst und verzweifelt, dann wieder leichtfüßig ironisch entfaltet dieses erzählerische Juwel seinen unwiderstehlichen Charme.

Über die Autorin
Alice Pung, geb. 1981, lebt als Anwältin und Schriftstellerin in Melbourne, engagiert sich an Schulen und hält zahlreiche Vorträge an Universitäten in aller Welt. Ungeschliffener Diamant (Originaltitel: Unpolished Gem) ist ihr erster Roman, er erschien 2006, stand auf zahlreichen Shortlists und wurde 2007 als bestes australisches Debüt ausgezeichnet.

In der Edition fünf erschien die deutschsprachige Übersetzung von Marieke Heimburger am 29. August 2012.

 

Literaturverfilmung: Rubinrot von Kerstin Gier – Kinostart am 14.03.13 [Trailer]

RUBINROT ist die Verfilmung des ersten, gleichnamigen Bandes der „Liebe geht durch alle Zeiten„-Trilogie von Kerstin Gier.

Nach seiner Veröffentlichung im Februar 2009 stand der Roman insgesamt 54 Wochen auf der Spiegel-Bestenliste, die beiden Nachfolgebände „Saphirblau“ und „Smaragdgrün“ insgesamt 89 Wochen. Allein in Deutschland gingen über eine Million Bücher über den Ladentisch. „Rubinrot“ wurde in 26 Sprachen übersetzt und in 22 Länder verkauft.

Die Lieblingsfilm GmbH (München-Geiselgasteig) hat die Filmrechte an der Fantasy-Trilogie erworben. Im Frühjahr 2011 startete ein Fan-Casting für die Verfilmung. Über 1000 Fans beteiligten sich daran und mehr als 750 Casting-Videos wurden auf den Rubinrot-Kanal bei YouTube hochgeladen. Die Rollen von Cynthia Dale und Sarah Blooomberg (beides Klassenkameradinnen der Heldin Gwendolyn und ihrer Cousine Charlotte) wurden so an die Laiendarstellerinnen Oxana Salzmann (Cynthia) und Friederike Rhein (Sarah) vergeben.

In den Hauptrollen sind Maria Ehrich (Gwendolyn Shepherd) und Jannis Niewöhner (Gideon de Villiers) sowie Laura Berlin (Charlotte) zu sehen. In weiteren Rollen u.a. Veronica Ferres als Grace, Gwens Mutter und Katharina Thalbach als Großtante Maddy.

Kinostart ist am 14.03.2013.

Heute wurde der erste Trailer dazu veröffentlicht.

Zum Inhalt des Film
Eigentlich ist Gwendolyn Shepherd (Maria Ehrich) ein ganz normaler sechzehnjähriger Teenager – ärgerlich nur, dass ihre Familie definitiv einen Tick zu viele Geheimnisse hat. Allesamt ranken die sich um ein Zeitreise-Gen, das in der Familie vererbt wird. Jeder ist sich sicher: Gwens Cousine Charlotte (Laura Berlin) trägt das Gen in sich und so dreht sich alles ständig um sie. Bis sich Gwen eines Tages aus heiterem Himmel im London um die letzte Jahrhundertwende wiederfindet. Ihr wird schlagartig klar, dass stattdessen sie zur Zeitreisenden geboren wurde. Und das, obwohl sie darauf gut verzichten könnte. Genauso wie auf Charlottes arroganten Freund Gideon de Villiers (Jannis Niewöhner), mit dem sie sich nun zusammentun muss, um das größte Geheimnis ihrer Familiengeschichte aufzuklären. Eins steht für sie fest: Sie wird alles daran setzen die uralten Mysterien zu lösen. Was ihr dagegen nicht klar ist: Dass man sich zwischen den Zeiten möglichst nicht verlieben sollte. Denn das macht die Sache erst recht kompliziert!

Regie: Felix Fuchssteiner
Drehbuch: Katharina Schöde
Kamera: Sonja Rom
Schnitt: Wolfgang Weigl

Der Film wird gefördert vom Deutschen Filmförderfonds, dem FilmFernsehFonds Bayern, der Film- und Medienstiftung NRW, der Mitteldeutschen Medienförderung und der Filmförderungsanstalt sowie unterstützt vom Bayerischen Bankenfonds.

Quelle: Rubinrot – der Film

Jürgen Habermas erhält den mit 50.000 € dotierten Heine-Preis 2012

Der 73-jährige Soziologe und Philosoph Prof. Dr. Jürgen Habermas erhält den mit 50.000 Euro dotierten Heine-Preis 2012 der Landeshauptstadt Düsseldorf. Der Heine-Preis zählt zu den bedeutendsten Literaturpreisen in Deutschland. Seit 1972 wählt die durch den Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf eingesetzte Jury „Persönlichkeiten, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten„.

Im Dezember 2012 wird Oberbürgermeister Dirk Elbers den Preis in einem Festakt in Düsseldorf überreichen.

Die Jury begründete ihr Votum wie folgt:

Der Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf 2012 wird an Jürgen Habermas verliehen, als einen der weltweit bedeutendsten Denker der Gegenwart, für sein Lebenswerk, das durch freiheitliche Ideen der Aufklärung, seinen unermüdlichen Einsatz für ein demokratisch verfasstes Deutschland sowie seine streitbaren Beiträge zu den gesellschaftspolitischen Debatten Europas geprägt ist. Jürgen Habermas steht mit seinem kritischen Werk überzeugend in der Tradition des Schriftstellers und Intellektuellen Heinrich Heine.

Oberbürgermeister Dirk Elbers, Vorsitzender der Jury, sagte nach der Entscheidung:

Mit Jürgen Habermas ehrt die Landeshauptstadt Düsseldorf einen wichtigen Denker, dessen philosophisches Werk weltweite Ausstrahlung hat. Kaum ein anderer Intellektueller prägt so präzise und scharfsinnig die aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland und Europa, wie Jürgen Habermas. Mit dem Heine-Preis als einem der wichtigsten Literatur- und Persönlichkeitspreise im deutschsprachigen Raum würdigt Düsseldorf in diesem Jahr auch einen seiner großen Söhne.

Quelle Foto: Wikipedia © Wolfram Huke at en.wikipedia , http://wolframhuke.de

NgŠ©gÄ© wa Thiong†™o im Literaturhaus München

Aufgrund des großes Interesses begann die Veranstaltung im Literaturhaus München am 14. September 2012 mit ein wenig Verspätung. Während das Literaturhausteam fleißig zusätzliche Stühle im Saal platzierte, standen die Besucher an der Kasse noch in einer Schlange, die bis ins Treppenhaus reichte. Kein Wunder, denn das Münchner Literaturhaus eröffnete das Herbstprogramm mit einem Paukenschlag. NgŠ©gÄ© wa Thiong†™o, der 74-jährige kenianische Schriftsteller und Literaturnobelpreisanwärter, war angekündigt.

Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler moderierte die Veranstaltung. NgŠ©gÄ© wa Thiong†™o erzählte von seiner Kindheit, den vier Frauen seines Vaters, den 24 Geschwistern und wie er, der bis zu seinem 9. Lebensjahr barfuß gelaufen war, auf Drängen und mit Unterstützung seiner Mutter die Schule als Jahrgangsbester absolviert hatte und somit ein Stipendium der Makerere-Universität in Uganda und der University of Leeds in Großbritannien erlangte. Während seiner Schulzeit lernte er in seinem noch unter britischer Kolonialherrschaft stehenden Landes die Ungerechtigkeit der 2-Klassen-Gesellschaft kennen.

In englischer Sprache veröffentlichte er 1964 seinen ersten Roman Weep Not, Child. Seit 1978 übersetzt und publiziert er seine Werke, die er in seiner Muttersprache Kikuyu (Eigenbezeichnung: GÄ©kŠ©yŠ©) verfasst, ins Englische. Ende der 70er Jahre wurde Thiong†™o ohne Prozess unter der Herrschaft der Regierung von Daniel arap Moi inhaftiert.

Sein neuer Roman Herr der Krähen, der im Juni 2011 im A1 Verlag erschienen ist, ist eine lebendige, ausdrucksstarke Satire über den Prototyp des afrikanischen Despoten, die mit tiefgründigem Humor die Lebensbedingungen in einer zunehmend globalisierten Welt thematisiert, heißt es in der Kurzbeschreibung des Verlags. Die Textpassagen, die Knut Cordsen vom Bayerischen Rundfunk vorlas, bestätigten vor allem den tiefgründigen Humor. Der Büchertisch der Münchner Buchhandlung Lentner war nach der Veranstaltung fast komplett leer, vielleicht auch deshalb, weil Sigrid Löffler diesen Roman als das wichtigste afrikanische Buch des 21. Jahrhunderts bezeichnet hatte. NgŠ©gÄ© wa Thiong†™o nahm sich im Anschluss viel Zeit und signierte geduldig die vielen, vielen Exemplare, die ihm vorgelegt wurden.

NgŠ©gÄ© wa Thiong†™o mit seinen Söhnen Björn u. Thiong´o

Währenddessen nahmen zwei seiner Söhne, die ihn zu der Lesung begleitet hatten, hinter ihm auf der Bühne Platz. Björn, links im Bild, lebt in Schweden und arbeitet als Journalist und auch sein 17-jähriger Sohn Thiong†™o, rechts im Bild, will in die Fußstapfen seines Vaters treten. Zwei weitere Kinder, eine Tochter, die in Finnland lebt und ein Sohn, der gerade an der Universität in Kampala einen Abschluss in Deutsch gemacht hat, schreiben ebenfalls.

Shortlist zum Man Booker Preis 2012

Am 11. September wurde die Shortlist zum Man Booker Prize 2012 veröffentlicht.

Drei Autorinnen und drei Autoren sind nominiert; drei große Verlage konkurrieren mit drei kleinen, drei historische Romane finden sich darunter.

Zwei Debütromane, mit Hilary Mantel eine Gewinnerin des Man Booker Prize und ein zum zweiten Mal nominierter Autor wetteifern um den mit 50.000 Pfund Sterling dotierten Literaturpreis.

Die nominierten Titel der Shortlist

  • Tan Twan Eng: The Garden of Evening Mists (Myrmidon Books)
  • Deborah Levy: Swimming Home (And Other Stories)
  • Hilary Mantel: Bring up the Bodies (Fourth Estate)
  • Alison Moore: The Lighthouse (Salt)
  • Will Self: Umbrella (Bloomsbury)
  • Jeet Thayil: Narcopolis (Faber & Faber)

Am 16. Oktober 2012 wird der Man Booker Preis 2012 bei einem Galadinner in der Londoner Guildhall verliehen.