In einer anderen HautInside“ lautet der Originaltitel, unter dem der Liebesroman der kanadischen Autorin Alix Ohlin im letzten Jahr erschienen ist. Es handelt sich um die dritte Veröffentlichung der 40-Jährigen, die an der Harvard University und am Michener Center for Writers in Austin, Texas, studierte und als Dozentin für kreatives Schreiben am Lafayette College in Pennsylvania arbeitet. „Inside“ landete im Jahr 2012 auf der Shortlist des mit 50.000 US-Dollar dotierten Scotiabank Giller-Preises, der ausschließlich an kanadischische Autorinnen und Autoren vergeben wird. Die Übersetzung von Sky Nonhoff erschien am 22. Januar 2013 im Beck Verlag unter dem Titel „In einer anderen Haut„.

Ohin hat aus dem Impuls, anderen helfen zu wollen, eine tieftragische, wundervolle Geschichte konstruiert„, schreibt Johan Dehoust in der heute veröffentlichten Rezension auf Spiegel Online Kultur, eine Einschätzung, die von den meisten Rezensenten der englischsprachigen Ausgabe geteilt wird. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt derartig viele positive Buchbesprechungen über einen „Liebesroman“ gelesen habe.

Kurzbeschreibung
Erscheinungstermin: 22. Januar 2013 im Beck Verlag (hier findet sich auch eine Leseprobe)
Als die engagierte Therapeutin Grace beim Langlaufen auf einen Mann stößt, der gerade versucht hat, sich zu erhängen, folgt sie instinktiv ihrem Impuls zu helfen.
Doch binnen Kurzem muss sie erkennen, dass ihre Gefühle für diesen faszinierenden, aber verschlossenen Mann keineswegs nur therapeutischer Natur sind. Unterdessen ist Annie, ihre junge, verstörte Patientin, von zu Hause weggelaufen, um sich bald darauf in New York als aufstrebende und dabei rücksichtslose Schauspielerin neu zu erfinden und sich möglichst auf keine menschliche Beziehung wirklich einzulassen. Und Mitch, Grace Exmann, ebenfalls Therapeut, verlässt die Frau, die er liebt, um in der Arktis einer Inuit-Gemeinde bei ihren Problemen zu helfen. Diesen vier fesselnden, komplexen Charakteren folgen wir gebannt von Montreal und New York nach Hollywood und Ruanda, denn jeder von ihnen ist auf seine Weise überzeugend und doch nicht Herr seines eigenen Lebens. Kunstvoll werden die Geschichten ineinander verwoben und wird die Spannung bis zuletzt gehalten. „In einer anderen Haut“, der zweite Roman der jungen, viel beachteten kanadischen Autorin Alix Ohlin, ist von einer messerscharfen emotionalen Intelligenz, glänzend geschrieben und arrangiert. Wie wichtig und wie gefährlich unser Impuls, unseren Nächsten zu helfen, sein kann, welch unverhoffte Wendungen und tragische Verwicklungen er nach sich ziehen kann, ist ein beherrschendes Thema dieses bemerkenswerten Romans.

Der Garten der letzten Tage von Andre Dubus III

Die Striptease-Tänzerin April muss ihre 3-jährige Tochter Franny mit in den Club nehmen, weil ihre Babysitterin sich krank fühlt und ins Krankenhaus kommt. Das Mädchen wacht nachts im Club auf und macht sich orientierungslos auf die Suche nach ihrer Mutter. Schließlich steht sie weinend an der Hintertür. AJ, ein Kunde des Clubs, findet sie dort und nimmt sie in bester Absicht mit in sein Auto. Er will sich um das Kind kümmern und es in Sicherheit zu bringen. Währenddessen bemüht sich April um einen jungen Araber, der hasserfüllt und zornig, aber mit sehr viel Geld eine Privatvorstellung bei ihr gebucht hat.

6 Tage lang, von Donnerstag bis Dienstag, werden diese und noch einige andere Personen in dem Buch detailliert beschrieben. In Rückblenden erfährt der Leser viel über die jeweiligen Vorgeschichten. Die Erzählperspektive ist dabei immer die jeweilige Figur, um die sich die Handlung dreht.

Das Highlight ist die Geschichte um den jungen Araber Bassam, der sich dann am Dienstag, den 11. September 2001, an den Anschlägen in den USA beteiligen wird. Was für ein Aufhänger! Die arabischen Begriffe, die der Autor benutzt und am Ende des Buches übersetzt, sollen wohl als Beweis für die Authentizität seiner Recherchen dienen oder zumindest seine Erzählgenauigkeit unterstreichen.

Und doch fragt man sich, warum tut er das? Gemeint sind nicht die kleinen Schritte in der Handlung, sondern die fehlenden Erklärungen für die wichtigen Entscheidungen. Warum der Araber in den Club geht, wird im Detail erklärt, aber warum er sich an diesem unmenschlichen Attentat beteiligt nicht. Warum April ihre Tochter mit in den Club nimmt ist klar, aber warum sie nach ihrem Albtraum um die verlorenene Tochter weiter als Stripperin arbeiten will, wird nicht klar. Vielleicht ist der gelungene Wechsel der Erzählperspektiven der interessanteste Aspekt in diesem Buch. Die Klärung der gescheiterten Ehe von AJ, einmal aus seiner persönlichen Sicht und einmal aus der Sicht seiner Frau, wäre ein eigenes Buch wert.

Doch leider bleibt der Autor im Anfang stecken, und auch die anderen Figuren beleuchtet der Autor nur an der Oberfläche. Oder überliest man auch die entscheidenden Passagen einfach, weil man in den endlosen Beschreibungen kleinster Details auf den fast 600 Seiten einfach ermüdet? Leider konnten diese Details nicht helfen, die Charaktere in dem Buch besser zu verstehen.

Kurzbeschreibung
Florida, Anfang September 2001: Die junge Stripperin April nimmt ihre dreijährige Tochter Franny mit zur Arbeit im Puma Club. Jean, ihre einsame alte Vermieterin mit dem wunderschönen Garten voller Blumen, liebt die Kleine von ganzem Herzen und passt sonst immer auf sie auf, doch heute ist sie wegen einer Panikattacke im Krankenhaus. In dieser Nacht hat April einen ungewöhnlichen Kunden: Bassam, einen jungen Araber, der gleichzeitig hasserfüllt und viel zu persönlich scheint und sein vieles Geld mit vollen Händen ausgibt. Ein anderer Mann, AJ, wird aus dem Club geworfen, er ist betrunken, zornig und einsam. Und dann sieht er auf einmal ein weinendes kleines Mädchen allein an der Hintertür des Clubs stehen…
Aus dieser explosiven Mischung entspinnt sich eine atemlose, unerbittliche, leidenschaftliche Geschichte um Sex und Elternliebe, um Ehre und Gewalt. Eine Geschichte von der düsteren Kehrseite der amerikanischen Erfolgsgesellschaft, und ihre realistisch gezeichneten Figuren kommen uns zum Greifen nah. April, Bassam, Jean, AJ und die kleine Franny sind in dieser Nacht durch ein gemeinsames Schicksal verbunden und jede Figur erzählt aus ihrer eigenen Sicht dieselbe Geschichte: die Geschichte des Moments, der Amerika und die Welt für immer verändert hat.

Der Garten der letzten Tage ist am 25.08.2009 im Verlag C.H. Beck erschienen. Die 598 Seiten umfassende gebundene Ausgabe ist für 24,95 Euro im Buchhandel erhältlich.

Der Lesekreis bedankt sich bei C.H. Beck für die freundliche Überlassung eines Rezensionsexemplars.

Über den Autor
Bevor Andre Dubus III Schriftsteller wurde, hat er als Privatdetektiv, Bewährungshelfer, Barkeeper, Raumpfleger und Schauspieler gearbeitet. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Pushcart-Prize und der National Magazine Award for Fiction. Andre Dubus lebt in Massachussets.

Über die Übersetzer
Ulrike Wasel, geboren 1955, arbeitet als Übersetzerin angloamerikanischer Literatur. Klaus Timmermann, geboren 1955, arbeitet als Übersetzer angloamerikanischer Literatur in Düsseldorf.

Zwischen den Attentaten: Geschichten einer Stadt von Aravind Adiga

Am Anfang eines jeden Kapitels bekommt der Leser eine sachliche Einführung in die jeweilige Örtlichkeit. So beginnt Aravind Adigas neuer Roman „Zwischen den Attentaten“ (orig. Between the Assassinations) mit der Beschreibung des Bahnhofs in Kittur, einer fiktiven Stadt an Indiens Südwestküste zwischen Goa und Calicut:  Der Bahnhof ist dreckig und düster und mit weggeworfenen Essensresten übersät, in denen streunende Hunde herumschnüffeln. Abends kommen die Ratten aus ihren Löchern.

Hier beginnt der Roman mit der Geschichte des zwölfjährigen Ziauddin, der in einem Teehaus in der Nähe des Bahnhofs aushilft. Er wird herumgestoßen, verliert seinen Job, kämpft dann als Gepäckträger an Kitturs Bahnhof um Kunden. Als er sich dafür bezahlen lässt, die Züge zu beobachten, die täglich indische Soldaten an ein unbekanntes Ziel transportieren, wird er fast hineingezogen in den Dauerkonflikt zwischen Moslems und Hindus.

Auch in den folgenden sechs Schilderungen Adigas geht es um private Spannungen und um die großen politischen und religiösen Konflikte in den achtziger Jahren in Indien, zwischen den Attentaten auf Indira und Rajiv Gandhi. Am Ende des Romans befindet sich eine Chronologie über die Zeit vom 31. Oktober 1984, dem Tag der Ermordung Indira Gandhis durch ihre Leibwächter, bis zum 21. Mai 1991, dem Tag, an dem CNN die Nachricht über Rajiv Gandhis Ermordung verbreitete und eine zweitägige Staatstrauer in Kittur angeordnet wurde.

Adiga zeichnet in seinen Mosaiken mit Humor, Sympathie und Offenheit  ein brillantes, eindringliches neues Sittengemälde über Indien, das  an „Der weiße Tiger“ anschließt und unser Verständnis für Indien und die Welt, in der wir heute leben, erweitert.

Die FAZ hat eine Rezension unter dem Titel Wankende Weltbilder veröffentlicht. Leider ist Indien im FAZ Romanatlas immer noch ziemlich verwaist. Bislang findet man dort nur Shashi Tharoors Aufruhr, dabei gehören  Aravinds Der Weiße Tiger und Zwischen den Attentaten eigentlich zwingend auf die Landkarte.

Zwischen den AttentatenKurzbeschreibung
Als würde man an einer siebentägigen Erkundung der Stadt Kittur und ihrer Besonderheiten teilnehmen, so führt Aravind Adiga in seinem neuen Buch, einem Zyklus von Geschichten, den Leser durch diese brodelnde fiktive Stadt, die deutlich erkennbare Züge Bangalores trägt. Wie in Adigas preisgekröntem Debüt „Der weiße Tiger“ werden mit Witz und Furor, Mitgefühl und Humor, Mut und Leidenschaft Geschichten erzählt, in denen die unbarmherzigen Gegensätze und der unbeugsame Überlebenswille im heutigen Indien plastisch werden.
Da ist der zwölfjährige Ziauddin, der in einem Teehaus in der Nähe des Bahnhofs aushilft und, weil er einem hellhäutigen Fremden vertraut, einen großen Fehler macht. Da ist ein privilegierter Schuljunge, der aus Protest gegen das Kastenwesen an seiner Schule Sprengstoff zündet. Und da ist George D’Souza, der Moskitomann, der sich bei der reizenden, jungen Mrs Gomes zum Gärtner und dann zum Chauffeur hocharbeitet und alles verliert, als er die strengen Grenzen zu überschreiten versucht.

Aravind Adiga, dessen „Weißer Tiger“ den bedeutenden Booker-Prize gewann und zum Weltbestseller wurde, ist ein begnadeter Erzähler und Menschenkenner, und in dem reichen Panaroma von Figuren und Geschichten aus Kittur, die kunstvoll miteinander verwoben sind, erkennen wir fasziniert eine fremde Welt, die doch auch unsere ist, blicken in Abgründe menschlicher Kämpfe und lesen von Hoffnungen und Wünschen, die uns vertraut sind.

Über den Autor
Aravind Adiga wurde 1974 in Madras geboren, wuchs zeitweise in Sydney, Australien, auf, studierte Englische Literatur an der Columbia University und am Magdalen College in Oxford.
Adiga begann seine journalistische Arbeit als Finanzjournalist bei der Financial Times, Money und dem Wall Street Journal. Er berichtete über den Aktienmarkt und machte viele Interviews, unter anderem mit Donald Trump. Sein Artikel über das Buch Oscar und Lucinda erschien in Second Circle als Online-Literatur-Rezension. Danach blieb er für drei Jahre in Südasien als Korrespondent, bevor er freiberuflich arbeitete. In seiner Freizeit schrieb Adiga den Roman Der weiße Tiger, für den er 2008 den Booker-Preis erhielt. Einen großen Teil des Booker-Preisgelds in Höhe von 50.000 Pfund hat er seiner ehemaligen, katholischen Schule in Mangaluru gespendet.

Auf die Frage, welche Autoren ihn am meisten bei seinem Buch beeinflusst haben, antwortete Adiga, dass es drei afroamerikanische Schriftsteller waren – Ralph Ellison, James Baldwin und Richard Wright.

Heute arbeitet Aravind Adiga als Journalist in Asien und lebt in Mumba, Indien.

Über den Übersetzer
Klaus Modick, geboren 1951 in Oldenburg, studierte Germanistik, Geschichte, Pädagogik, Theaterwissenschaften und Philosophie in Hamburg. 1980 Promotion, seit 1984 freier Schriftsteller und weltweite Gastprofessuren. Modick lebt heute mit Frau und zwei Töchtern wieder in Oldenburg.

Die gebundene Ausgabe umfasst 382 Seiten und ist am 17. August 2009 im Verlag C.H. Beck (Lese- und Hörprobe) erschienen. Aravind Adigas Zwischen den Attentaten ist für 19,90 Euro im Handel erhältlich.

Mathilda„Ich will gemein sein. Schreckliche Gemeinheiten machen, und warum eigentlich nicht“, lauten die ersten Sätze in Victor Lodatos Romandebüt Mathilda Savitch. Mit  kleinen Gemeinheiten sucht die dreizehnjährige Protagonistin Mathilda Aufmerksamkeit. Mal verpasst sie einem Mitschüler eine Ohrfeige, lässt von Zeit zu Zeit absichtlich einen Teller fallen oder schneidet sich die Haare kurz.

Dem Leser wird schnell klar, dass die Ich-Erzählerin in einer tiefen Krise steckt. Der Todestag ihrer fast 16-jährigen Schwester Helene jährt sich zum ersten Mal. Helene starb vor einem einfahrenden Zug. Mathilda ist fest davon überzeugt, dass ihre Schwester vor den Zug gestoßen wurde. Unermüdlich macht sie auf die Suche nach Antworten für die Tat und den mutmaßlichen Mörder. Sie kramt in den Sachen der toten Schwester, liest Briefe und knackt schließlich das Passwort und verschafft sich so Zugang zu Helenes E-Mails. Hier taucht die pubertierende 13-Jährige in das Liebesleben der Schwester ein und erfährt Dinge, die sie einerseits ängstigen und andererseits faszinieren. Sie erkennt, dass sie ihre Schwester nicht gekannt hat und quält sich mit Schuldgefühlen.  Auf Unterstützung durch die Eltern wartet sie vergeblich, denn beide sind durch den Verlust der ältesten Tochter im Leben wie erstarrt.

„Nicht alles, was man auf dem Herzen hat, schafft es über die Lippen. Vieles geht unterwegs verloren“, heißt es an einer Stelle in dem Roman. In Sätzen wie diesen spiegelt sich das Dilemma in dem Mathilda steckt. Nach außen zeigt sie sich trotzig, intelligent und selbstbewusst, innerlich ist sie zutiefst verunsichert und macht sich Gedanken über das Leben, die Zukunft, die Unendlichkeit.

Es ist erstaunlich wie detailliert, präzise und überzeugend Victor Lodato die Figur der Mathilda Savitch entwickelt hat. Man kann sich ihrer sarkastischen oftmals auch humorvollen Stimme kaum entziehen, der Roman ist perfekt ausgearbeitet.

„Die Stimme von Mathilda Savitch erreichte mich eines Morgens mit einer eigentümlichen Energie. Ich weiß noch, wie ich aus dem Schlafzimmerfenster heraus sah, noch nicht richtig wach, und mir plötzlich die ersten Worte des Romans über die Lippen geflüstert kamen. Als Theaterautor bin ich es gewöhnt, Stimmen zu hören, aber Mathildas Stimme war besonders beharrlich – und sagenhaft verführerisch. Die folgenden Jahre habe ich dann damit verbracht, alles aufzuschreiben, was dieses Kind mir gesagt hat. Ich fühlte mich wirklich mehr wie ein Sekretär als ein Schriftsteller“, sagt Victor Lodato in einem Interview. (Das Interview ist komplett nachzulesen beim C.H. Beck Verlag)

Victor Lodato arbeitete 6 Jahre an Mathilda Savitch. Das Ergebnis ist ein wundervolles, beeindruckendes Buch und eine absolute Empfehlung für Jugendliche ab 13 Jahren und auch für Erwachsene.

Die gebundene Ausgabe umfasst 301 Seiten und ist im C.H. Beck Verlag im Juli 2009 erschienen. Der Preis beträgt 17,90 Euro.

Über den Autor

Victor Lodato, in Hoboken, New Jersey geboren, studierte an der Rutgers University und ist Mitglied der Dramatist Guild of America. Für seine erfolgreichen Theaterstücke hat er u. a. Fellowships der Guggenheim Foundation und des National Endowment of Arts erhalten sowie zahlreiche Preise, u. a. vom Kennedy Center Fund for New American Plays.
„Mathilda Savitch“ ist sein erster Roman. Victor Lodato lebt in Tuscon, Arizona und in New York.
(Stand April 2009)

Über die Übersetzerin

Grete Osterwald wurde 1947 in Bielefeld geboren und lebt als freie Übersetzerin aus dem Englischen und dem Französischen in Frankfurt am Main. Sie erhielt u. a. 2001 den Übersetzerpreis des Verlages C.H.Beck und 2007 den Wilhelm-Merton-Preis für ihr umfangreiches Gesamtwerk.