Terézia Mora_Frankfurter Buchmesse 2013Wie soeben bekannt wurde, erhält Terézia Mora den mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis 2013 für ihren Roman „Das Ungeheuer„. Herzlichen Glückwunsch!

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus.

Ein schwarzer Strich zieht sich durch den Buchtext von Terézia Moras Roman ,Das Ungeheuer‘. Er teilt die Geschichte von Darius Kopp und Flora. Sie waren ein Ehepaar, er ein Jedermann, der seine Frau mehr als alles, aber heillos liebte und überfordert war von ihrer Krankheit, ihren Depressionen. Flora hat Selbstmord begangen. Kopp bleibt zurück mit ihrer Asche in einer Urne und einer Datei, in der die Ungarin Flora Tagebuch über ihre Krankheit führte. Er macht sich auf den Weg durch Osteuropa von Ungarn nach Kroatien, nach Albanien und immer weiter bis er schließlich in Griechenland strandet, auf der Suche nach einer Heimat für die Asche und seine Verzweiflung. ,Das Ungeheuer‘ ist ein stilistisch virtuoser, perspektivenreicher Nekrolog und eine lebendige Road-Novel aus dem heutigen Osteuropa. Das UngeheuerTerézia Mora findet eine radikale Form, der verstorbenen Flora und ihrem Leiden, das sie Darius nicht mitteilen konnte, eine Stimme zu geben. Ihre Tagebuchdatei ist parallel zur Reiseerzählung von Darius unter dem schwarzen Strich zu lesen, ein Mosaik autobiografischer und medizinischer Skizzen zur Depression. Als Schriftstellerin gelingt es Mora, zwei Charaktere, die sich im Leben verfehlten, und zwei Textformen miteinander in Verbindung zu setzen. Terézia Mora vereint hohes literarisches Formbewusstsein mit Einfühlungskraft. ,Das Ungeheuer‘ ist ein tief bewegender und zeitdiagnostischer Roman“, lautet die Begründung der Jury für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres.

Kurzbeschreibung
Erscheinungstermin: 2. September 2013 im Luchterhand Literaturverlag (688 Seiten)
„Solche Geschichten gibt’s, zu Hauf. Ingenieur gewesen, Job verloren, Frau verloren, auf der Straße gelandet“: Kein außergewöhnliches Schicksal vielleicht auf den ersten Blick, doch Terézia Moras Romanheld Darius Kopp droht daran zu zerbrechen. Denn Flora, seine Frau, die Liebe seines Lebens, ist nicht einfach nur gestorben, sie hat sich das Leben genommen, und seitdem weiß Darius Kopp nicht mehr, wie er weiter existieren soll. Schließlich setzt er sich in seinen Wagen, reist erst nach Ungarn, wo Flora aufgewachsen ist, und dann einfach immer weiter. Unterwegs liest er in ihrem Tagebuch, das er nach ihrem Tod gefunden hat, und erfährt, wie ungeheuer gefährdet Floras Leben immer war – und dass er von alldem nicht das Geringste mitbekommen hatte.

Arbeit und Schlaf, Arbeit, Arbeitsweg und Schlaf. So sah das erfolgreiche Leben von Darius Kopp aus. Bis er eines Tages den Job verlor. Und bis sich bald darauf seine Frau das Leben nahm und ihm zum zweiten Mal in kürzester Zeit der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde. Seitdem lebt er apathisch dahin, tötet die Zeit mit stumpfem Fernsehen und Fertigpizzen. Sein Freund Juri versucht Darius zwar wieder zurück in sein altes Leben als IT-Experte zurückzubefördern, doch dieser beschließt, eigene Wege zu gehen. Er wollte doch das geheime Tagebuch seiner Frau lesen, und er muss auch noch ihre Urne beisetzen. Aber wo? In ihrem ungarischen Heimatdorf oder in Budapest oder an den Hängen des Ararat? Und so begibt sich Darius Kopp auf eine lange Reise – auf der Suche nach der Wahrheit über seine Frau. Über sich selbst. Und über diese dunkle und ungeheuere Welt.

Foto: Lesekreis

Ursula Krechel ist am 8. Oktober zum Auftakt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis 2012 ausgezeichnet worden. Die 64-jährige Schriftstellerin erhielt den mit 25.000 Euro dotierten Literaturpreis für ihren Roman „Landgericht„. Ursula Krechel war als einzige Autorin auf der Shortlist nominiert und konnte sich gegen Ernst Augustin, Wolfgang Herrndorf, Clemens J. Setz, Stephan Thome und Ulf Erdmann Ziegler durchsetzen.

Ursula Krechel erzählt in ihrem Roman ‚Landgericht‘ die Lebensverwicklung des aus dem Exil zurückkehrenden Richters Richard Kornitzer. Er ist vom Glauben an Recht und Rechtsstaatlichkeit durchdrungen und zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert“, so die Begründung der sieben Jury-Mitglieder.

Die Sprache des Romans oszilliert zwischen Erzählung, Dokumentation, Essay und Analyse. Bald poetisch, bald lakonisch, zeichnet Krechel präzise ihr Bild der frühen Bundesrepublik – von der Architektur über die Lebensformen bis hinein in die Widersprüche der Familienpsychologie. Landgericht ist ein bewegender, politisch akuter, in seiner Anmutung bewundernswert kühler und moderner Roman„, heißt es weiter in der Begründung der Jury.

Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Sie arbeitete als Dramaturgin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Seit ihrem Debüt im Jahr 1974 mit dem Theaterstück „Erika“ veröffentlichte sie Gedichtbände, Prosa, Hörspiele und Essays. Ihr Roman „Shanghai fern von wo“ (2009) wurde mehrfach ausgezeichnet. 2009 erhielt sie den „Joseph-Breitbach-Preis“. Urusla Krechel lebt in Berlin.

Quelle: Börsenblatt

Heute, am 12.09.2012, wurden die Nominierten der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2012 bekannt gegeben. Eine Autorin und fünf Autoren gehen ins Rennen um den mit 25.000 Euro dotierten Literaturpreis. Neben dem österreichischen Jung und Jung Verlag, Ch. Beck und Rowohlt Berlin ist der Suhrkamp Verlag gleich mit drei Titeln vertreten.

Die Preisverleihung findet am 8. Oktober 2012, 18.00 Uhr, zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Frankfurter Römer statt. Erst am Abend der Preisverleihung erfahren die sechs Nominierten, an wen von ihnen der Deutsche Buchpreis geht.

Die nominierten Romane im Überblick

Robinsons blaues Haus von Ernst Augustin

Kurzbeschreibung
Daniel Defoe sagt, er habe eines der unglaublichsten und abenteuerlichsten Leben gelebt. Ich sage: Ich auch.
Mein Vater hatte mich eines Tages beiseite genommen: Du wirst es einmal schwer haben, mein Sohn, du wirst entdecken, dass du allein bist, dass du dich auf einer Insel befindest – inmitten eines Ozeans von Menschen, die alle laut reden und alle etwas anderes meinen. Die ihre Seele daran setzen werden, dich von deiner Insel zu vertreiben, es sind sechs Milliarden, alle miteinander, kannst du das verstehen? Ja, Vater. Nein, sagte er.
Es ist die Fabel vom letzten Robinson in einer Welt nicht mehr vorhandener Freiräume. In Grevesmühlen, in blauer Südsee, im Londoner Kerker, im Spiegelhaus auf dem Wyman Tower. Es gibt einen hochpolierten Freitag, eine Dame mit Schritt, es gibt eine abgesoffene Kirche, ein Imperium von Besenkammern und es gibt Luxus, illuminierte Zahnbürsten, Tangomusik, bernsteinfarbenes Licht. Vor allem gibt es eine Unmenge virtuellen Geldes, mit dem man das alles kaufen kann und das sich auf Knopfdruck „löscht“. Und der beste Freund erweist sich dann als der tödlichste. Eine letzte Robinsonade, ja, aber eine poetische von nie gesehener Farbigkeit, genau so – der Autor ist seit drei Jahren erblindet.

Sand von Wolfgang Herrndorf

Kurzbeschreibung
„Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen.“ Während in München Palästinenser des „Schwarzen September“ das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis – Nordafrika 1972. Ein mitreißender Agententhriller – und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman.

Landgericht von Ursula Krechel

Kurzbeschreibung
Nach „Shanghai fern von wo“ geht Ursula Krechel noch einmal den Spuren deutscher Geschichte nach. Ihr neuer Roman handelt vom Exil und von den fünfziger Jahren, von einer Rückkehr ohne Ankunft.Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch „Shanghai fern von wo“ geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman „Landgericht“ noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaasschen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung lässt „Landgericht“ den Figuren späte Gerechtigkeit widerfahren. „Landgericht“, der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.

Indigo von Clemens J. Setz

Kurzbeschreibung
Im Norden der Steiermark liegt die Helianau, eine Internatsschule für Kinder, die an einer rätselhaften Störung leiden, dem Indigo-Syndrom. Jeden, der ihnen zu nahe kommt, befallen Übelkeit, Schwindel und heftige Kopfschmerzen. Der junge Mathematiklehrer Clemens Setz unterrichtet an dieser Schule und wird auf seltsame Vorgänge aufmerksam: Immer wieder werden Kinder in eigenartigen Maskierungen in einem Auto mit unbekanntem Ziel davongefahren. Setz beginnt, Nachforschungen anzustellen, doch er kommt nicht weit; er wird aus dem Schuldienst entlassen. Fünfzehn Jahre später berichten die Zeitungen von einem aufsehenerregenden Strafprozess: Ein ehemaliger Mathematiklehrer wird vom Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler brutal ermordet zu haben. Und jetzt noch einmal von vorne. Vergessen Sie die Zusammenfassung einer Romanhandlung, die sich jeder Zusammenfassung entzieht, und lesen Sie das Buch. »Indigo« von Clemens J. Setz. Sein viertes insgesamt. Sie werden feststellen: Das »radikale Gegenprogramm zur hübsch verkasteten Literaturwerkstättenliteratur« (»Die Welt«) geht weiter. Rasend spannend und so erholsam wie eine gute Massage. Hinterher spüren Sie jeden Muskel.

Fliehkräfte von Stephan Thome

Kurzbeschreibung
Hartmut Hainbach ist Ende fünfzig und hat alles erreicht, was er sich gewünscht hat: Er ist Professor für Philosophie und hat seine Traumfrau geheiratet, die er nach zwanzig Jahren Ehe immer noch liebt. Dennoch ist Hartmut nicht glücklich. Seine Frau ist nach Berlin gezogen, sodass aus der Ehe eine Wochenendbeziehung geworden ist, die gemeinsame Tochter hält die Eltern auf Distanz, der Reformfuror an den Universitäten nimmt Hartmut die Lust an der Arbeit. Als ihm überraschend das Angebot zu einem Berufswechsel gemacht wird, will er endlich Klarheit: über das Verhältnis zu seiner Tochter, über seine Ehe, über ein Leben, von dem er dachte, dass die wichtigen Entscheidungen längst getroffen sind. Drei Jahre nach seinem gefeierten Debüt Grenzgang gerät in Stephan Thomes neuem Roman Fliehkräfte wieder einer ins Straucheln. Und mit atemberaubendem Gespür für die Niederlage, für das, was wirklich schmerzt, schickt Thome seinen Helden auf eine alles entscheidende Reise. Über Frankreich und Spanien führt sie ihn bis nach Lissabon und zugleich in die Vergangenheit, ganz nah heran an die Verwerfungen und Abgründe des gelebten Lebens.

Nichts Weißes von Ulf Erdmann Ziegler

Kurzbeschreibung
Dies ist die Geschichte von Marleen, die sich, noch ehe sie Lesen lernt, in die Welt der Buchstaben verliebt. Hineingeboren in eine erfolgreiche Werber- und Illustratorenfamilie, träumt sie früh von wahrhaft Großem: der perfekten Schrift. An der Kunsthochschule hat sie Rückenwind, kann Marleen sich selbst Kontur verleihen. Ihr Pioniergeist treibt sie voran, bald steckt sie mittendrin in der Jobwelt der Achtziger – und erliegt deren Verheißungen. Die Medien erfahren einen Schub, plötzlich geht alles rasend schnell, schon hat man den Halt verloren. Sie muss erste Rückschläge einstecken, berufliche wie private. Flexibilität ist gefragt, schon in den Anfangszeiten der Globalisierung, und Marleen gibt sich flexibel, koste es, was es wolle – in der Hoffnung, dass ihr Traum weniger flüchtig ist als die Welt, gegen die es gilt, ihn wahrzumachen. Mit »Nichts Weißes« legt Ulf Erdmann Ziegler den Roman einer Generation vor, für die das Hereinbrechen des Computerzeitalters identisch ist mit dem eigenen Erwachsenwerden. Randscharf, raffiniert, brillant.

Sieben Jurymitglieder haben in den letzten fünf Monaten 162 Neuerscheinungen, die zwischen Oktober 2011 und dem 12. September 2012 erschienen sind oder noch erscheinen, gesichtet und 20 Titel von 6 Autorinnen und 14 Autoren für die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2012 nominiert.

Am 12. September folgt die Bekanntgabe der Shortlist mit sechs Titeln – der Siegertitel wird zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse am 10. Oktober bekannt gegeben.

Die nominierten Romane

  • Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus (C. H. Beck, Januar 2012)
  • Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste (Suhrkamp, Februar 2012)
  • Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend (Knaus, September 2012)
  • Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte (Wagenbach, Januar 2012)
  • Rainald Goetz: Johann Holtrop (Suhrkamp, September 2012)
  • Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (Hanser, Februar 2012)
  • Wolfgang Herrndorf: Sand (Rowohlt.Berlin, November 2011)
  • Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen (Frankfurter Verlagsanstalt, September 2012)
  • Germán Kratochwil: Scherbengericht (Picus, Februar 2012)
  • Ursula Krechel: Landgericht (Jung und Jung, August 2012)
  • Dea Loher: Bugatti taucht auf (Wallstein, März 2012)
  • Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss (Diaphanes, März 2012)
  • Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische (Piper, Mai 2012)
  • Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck (Luchterhand, August 2012)
  • Michael Roes: Die Laute (Matthes & Seitz Berlin, September 2012)
  • Patrick Roth: Sunrise (Wallstein, März 2012)
  • Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez (Galiani Berlin, Februar 2012)
  • Clemens J. Setz: Indigo (Suhrkamp, September 2012)
  • Stephan Thome: Fliehkräfte (Suhrkamp, September 2012)
  • Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes (Suhrkamp, August 2012)

„Am verblüffendsten an unserer Longlist ist wohl ihre Welthaltigkeit, kaum eine Dimension, die nicht vorkommt: die große Liebe und der avancierteste Kapitalismus, die Erfahrung des Heiligen so gut wie Schocks der Kälte und Einsamkeit. Unsere zwanzig besten Romane greifen aus: in den Jemen, nach Nordafrika, nach Polen und nach Argentinien, ins gänzlich Imaginierte sowieso. Und überraschend viele versuchen sich an geschichtlichen Bestandsaufnahmen der Bundesrepublik in den 50er, 60er und 70er Jahren. Der Jury fiel es nicht leicht, aus der großen Zahl starker Bücher ihre Auswahl zu treffen“, sagt Jurysprecher Andreas Isenschmid (Neue Zürcher Zeitung am Sonntag). Und: „Die Jury diskutierte lang, kontrovers – und durchwegs freundschaftlich. Sie einigte sich auf eine Liste, auf der Alte Meister neben noch wenig bekannten, jüngeren Autoren stehen.“

Quelle: Deutscher Buchpreis

„Eugen Ruge hat mit seinem Werk In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt) den Deutschen Buchpreis gewonnen – zumindest wenn es nach unseren Lesern geht“, meldete das Börsenblatt überraschenderweise bereits am Montagmittag. Abends wurde die Meldung dann wiederholt; mit dem Unterschied, dass diesmal nicht die Börsenblatt-Leser, sondern die Jury abgestimmt hatte und zu dem gleichen Ergebnis gekommen war.

Warum das Börsenblatt das Voting der Leser bereits veröffentlicht hat, obwohl die Mitglieder der unabhängigen Jury noch hinter verschlossenen Türen tagten, ist nicht ganz nachvollziehbar, zumal das Börsenblatt das Verbandsorgan des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist.

Unter der Headline „Mutlose Mitte – Kompromisskandidat: Eugen Ruge erhält der Deutschen Buchpreis für seinen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung in der heutigen Ausgabe einen kritischen Artikel von Volker Breidecker, der hinterfragt, ob Eugen Ruges Sieg das Ergebnis eines fragwürdigen Auswahlverfahrens ist.

Seiner Meinung nach  stritten die Jurymitglieder weder für Originalität, Einfallsreichtum und Wagemut noch für sprachkünstlerische Qualitäten, sondern wählten mit Eugen Ruge einen „Kompromisskandidaten“. Sein  Romandebüt werde sich zweifellos sowohl beim hiesigen und auch beim internationalen Publikum  gut verkaufen, allerdings sei dieser „Heimatstoff“ vor Jahren schon lebendiger, bissiger und prägnanter von Barbara Honigmann (Ein Kapitel aus meinem Leben) erzählt worden.

Nicht leicht miteinander vereinbar seien die Kriterien – hier die literarische Qualität eines Buches, dort seine kommerziellen Erfolgsaussichten, die die jährlich wechselnde Jury zu einem Spagat zwinge, meint Volker Breidecker. Fatal sei jedoch das Prozedere beim Schaulaufen der Kandidaten in der Endrunde. Jedes Jurymitglied übernimmt für einen Shortlist-Autoren die Patenschaft und präsentiert ihn wie bei der Oscar-Verleihung mit Kurzfilm und persönlichen Worten dem Publikum im Frankfurter Römer. Demnach sei laut Volker Breidecker jeder Juror vor allem „seinem“ persönlichen Favoriten verpflichtet und unterliege dadurch einem nicht geringen Druck zur Selbstprofilierung. Nachdem allein aus sportlichem Ehrgeiz alles darangesetzt werde die Wunschkandidaten der Kollegen abzusägen, bliebe nach dem Gemetzel nur ein „Konsenzkandidat“ zu küren.

Dr. Volker Breidecker, Literaturwissenschaftler, Politologe, Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, fordert, das Auswahlverfahren des Deutschen Buchpreises dringend zu überarbeiten. Wie das Auswahlverfahren besser funktionieren könnte, verrät er leider nicht.

Die Vorabveröffentlichung des Votings hat mich zwar ebenfalls irritiert, ich kann mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Jurymitglieder tatsächlich derartig miteinander konkurrieren und nur ihre „persönlichen“ Kandidaten durchsetzen wollen.

Beim mit 601.000 Euro (!) dotierten und vom Verlag Editorial Planeta gestifteten spanischen Literaturpreis Premio Planeta müssen Autoren bzw. die Verlage ihre Manuskripte unter einem Pseudonym einreichen, so dass sie den Jury-Mitgliedern nicht bekannt sind. Dieses Verfahren hat dazu geführt, dass auch häufig bisher unbekannte Autoren ausgezeichnet werden.

Leider ist das System auch nicht perfekt, denn hier gibt es Vorwürfe, der Planeta-Verlag nehme Einfluss auf die Jury und berücksichtige nicht ausreichend die literarische Qualität.

Quelle Foto: Deutscher Buchpreis © Claus Setzer