Roberto Saviano wird mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2009 geehrt

Der Geschwister-Scholl-Preis 2009 wird dem italienischen Schriftsteller Roberto Saviano verliehen. Er erhält den Preis für sein aktuelles Buch, „Das Gegenteil von Tod“ (Hanser)†“ aber darüber hinaus für sein engagiertes Schreiben insgesamt.

Savianos Werk zeuge im Sinne des Preises von geistiger Unabhängigkeit und sei geeignet, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem gegenwärtigen Verantwortungsbewusstsein wichtige Impulse zu geben, so die Preisbegründung.

Weiter heißt es in der Begründung der Jury, dass der gerade 30-jährige Saviano den Mut hat, die Wahrheit zu sagen: „Er spricht Dinge aus, die in Italien fast niemand zu sagen wagt und hat damit auch unseren Blick auf Italien verändert. Schon mit seinem literarischen Debüt „Gomorrha†œ (Hanser, 2006) hat er einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt, wie die Mafia, speziell die Camorra, immer noch das Leben der Menschen systematisch zerstört.“

Ausdrücklich verweist die Jury auf die Klarheit und Intensität der Sprache Savianos, die seine Essays, Reportagen und Erzählungen so erschütternd macht: sie ist nüchtern, gleichzeitig empathisch, zart und in höchstem Maße poetisch. Seine literarische Wucht ist gespeist aus dem Zorn über die weltweite Macht der organisierten Kriminalität †“ trotzdem ist Roberto Saviano fähig wie kein anderer, die komplexen Sachverhalte eindringlich und allgemeinverständlich darzustellen. Damit leistet er ungeachtet seiner eigenen Situation einen einzigartigen Beitrag zum Verständnis des Leidens seiner Mitmenschen in seiner Heimat. Der Geschwister Scholl-Preis ehrt somit einen Autor, der unter Einsatz seines Lebens dagegen anschreibt, eine ausweglos erscheinende Situation als gegeben hinzunehmen.

Am 14.06.2009 hat Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch Roberto Saviano interviewt und darüber berichtet wie es ist im Untergrund zu leben und zu schreiben: Es gibt, wenigstens in Italien, eine beträchtliche Menge Leute, die ihn lieber heute als morgen tot in seinem Blut liegen sehen will: Seit der enormen Aufmerksamkeit, die sein Mafia-Bestseller „Gomorrha“ bekam, steht Roberto Saviano auf der Todesliste der ‚ehrenwerten Gesellschaft‘ und kann sich in seiner Heimatstadt Neapel nicht mehr blicken lassen.

Das Gegenteil von Tod

Das Gegenteil von TodKurzbeschreibung
Nach dem sensationellen Erfolg seines Mafia-Bestsellers „Gomorrha“ zeigt Roberto Saviano in erschütternden Reportagen die andere Seite der Medaille: die Welt jener jungen Italiener, die auf der Seite des Gesetzes stehen und doch auch an vorderster Front. Im armen Süden von Italien, wo jungen Männern keine große Wahl bleibt, wenn sie einer legalen Arbeit nachgehen wollen, ist der Dienst bei der Polizei oder beim Militär oft die einzige Chance, der Kriminalität zu entgehen. Savianos namenloser Erzähler berichtet von gleichaltrigen Freunden, die sich zu Kampfeinsätzen gemeldet haben, im Kosovo, in Afghanistan oder in Somalia, und von denen viele nur als Tote zurückgekommen sind.

Über den Autor
Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, arbeitete nach dem Studium der Philosophie als Journalist für „Il Manifesto“, den „Corriere del Mezzogiorno“ und „L’Espresso“. Für „Gomorrha“, sein erstes Buch, erhielt er 2006 den Premio Viareggio.Friederike Hausmann, geboren 1945, Studium der Geschichte und Altphilologie in Berlin. Nach Promotion tätig als Lehrerin. Nach langjährigem Aufenthalt in Italien lebt sie heute als Autorin und Übersetzerin in München. Als Italien-Expertin schreibt sie für den Rundfunk sowie überregionale Tages- und Wochenzeitungen.

Der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels †“ Landesverband Bayern und der Landeshauptstadt München verliehene Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird in diesem Jahr zum 30. Mal vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen David Grossmann, Anna Politkovskaja, Saul Friedländer, Necla Kelek und Arno Gruen.

Die Verleihung des Preises findet im Rahmen einer geschlossenen Festveranstaltung am Montag, dem 16. November 2009 um 19.00 Uhr in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München statt.

Quelle: BuchMarkt

Anna-Seghers-Preis 2009 für Daniela Dröscher und Guadalupe Nettel

Der Anna Seghers-Preis ist ein internationaler Literaturpreis, mit dem Nachwuchsautoren gefördert werden sollen. Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert, die zu gleichen Teilen jeweils an einen Autor aus dem deutschsprachigen sowie aus dem lateinamerikanischen Raum vergeben wird.

Die Schriftstellerin Anna Seghers verfügte in Ihrem Testament, dass die Tantiemen ihrer Werke zur Unterstützung junger Künstler aus der DDR und aus Entwicklungsländern dienen sollen. Von 1986 bis 1994 vergaben die Akademie der Künste der DDR, später die Kinder der Schriftstellerin (Pierre und Ruth Radvanyi) jährlich Stipendien an diese Künstler. 1995 wurde die Anna Seghers-Stiftung eingerichtet.

Um den Anna Seghers-Preis kann man sich nicht bewerben. Der Vorstand der Anna Seghers-Stiftung beruft alljährlich eine Persönlichkeit als Juror, die die beiden Preisträger vorschlägt.

Der Anna-Seghers-Preis 2009 geht an die Schriftstellerinnen Daniela Dröscher und Guadalupe Nettel. Dröscher lebt in Berlin und hat nach Prosa- und Theaterarbeiten mit „Die Lichter des George Psalmanazar“ gerade ihren ersten Roman veröffentlicht. Guadalupe Nettel kommt aus Mexiko-Stadt und schrieb Erzählungen sowie den Roman „El Hésped“ (Der Gast).

Der Preis wird den Autorinnen am 19. November in Mainz überreicht.

Kurzbeschreibung „Die Lichter des George Psalmanazar“ von Daniela Dröscher

Daniela DröscherFischmann!, verspotten die Kinder den seltsamen Jungen, der im Jahr 1749 in einem schottischen Küstendorf erscheint. Mit bloßen Händen fängt er Doraden, und während er sie verkauft, singt er immer neue fremdländisch klingende Schicksalsweisen. Der alte Bischof von Innes wird Zeuge des Schauspiels. Er lockt den Jungen fort vom Meer und nimmt ihn mit sich. Die Folianten in der bischöflichen Bibliothek ziehen George magisch an. In einer Nacht blättert er in einem Buch über die Insel Formosa, die er am nächsten Tag als Ort seiner Herkunft besingt. Der geschäftstüchtige Innes gibt dem Jungen den Namen George Psalmanazar und bringt ihn in die Hauptstadt. In aller Öffentlichkeit erzählt er von Formosa, und er präsentiert das formosische Alphabet. Auch Mr Johnson, der Löwenmann, ist gekommen. Er kauft dem Bischof den wundersamen Jungen ab und nimmt ihn zu sich in die Fleet Street, wo er mit seiner üppigen Frau Elizabeth und Stieftochter Lucy lebt. George und Lucy sind klein, unschuldig, nicht von dieser Welt. Ihre Begegnung ist der Beginn einer zarten Liebesgeschichte im London des 18. Jahrhunderts. Unvereinbare Passionen gehen wie ein Riss durch die Figuren: Die Sehnsucht nach Gemeinschaft und die Liebe zu den kleinen Dingen; Erfolg und Genügsamkeit. Der Versuch, das Kleine und das Große zusammenzuführen, scheitert. Am Ende bleibt nicht mehr als das Eingehen dahin, wo Paradoxien überleben können: ins Kunstwerk. Die Lichter des George Psalmanazar ist ein grandioses Erzähldebüt und eine Liebesgeschichte, die schöner, sonderbarer – und zeitloser nicht sein könnte.

Der Verlag über das Buch
Wer ist George Psalmanazar? Eine Fußnote brachte die junge Autorin Daniela Dröscher auf diese Frage: ein kleiner Moment, aus dem ein Debüt von beispielloser Sprachgewalt entstanden ist. Auf den Spuren des großen englischen Gelehrten Dr. Samuel Johnson betritt der Leser eine Welt, deren Farbenpracht und Klangkulisse ihn zutiefst berühren.

Die gebundene Ausgabe umfasst 362 Seiten und ist im August 2009 im Berlin Verlag erschienen. Die Lichter des George Psalmanazar ist für 19,90 Euro im Handel erhältlich.

„Der Gast“ von Guadalupe Nettel liegt in der deutschsprachigen Übersetzung noch nicht vor.

Umberto Eco erhält Bundesverdienstkreuz mit Stern

Die Bundesrepublik Deutschland verleiht heute dem italienischen Schriftsteller und Medienwissenschaftler Umberto Eco  das Große Verdienstkreuz mit Stern.

Großes Verdienstkreuz mit SternEco werde als profunder Kenner der deutschen Kultur und Gesellschaft ausgezeichnet, teilt die deutsche Botschaft in Rom mit. Jenseits der Gemeinplätze  wisse er die Besonderheiten der italienischen und deutschen Welt und ihre gegenseitige Anziehung mit Weisheit und Ironie darzustellen. Auch werde er für seinen scharfen Intellekt, seine enzyklopädische Kultur und für zivile Aufrichtigkeit geehrt.

Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria, Piemont geboren. Durch seine Romane, allen voran Der Name der Rose (orig. 1980, deutsch 1982), wurde er weltberühmt. Seit 1971 Lehrstuhlinhaber an der Universität Bologna, hat er zahlreiche Gastprofessuren in aller Welt wahrgenommen und ist mit bisher 33 Ehrendoktortiteln (u. a. in Deutschland an der Freien Universität Berlin) ausgezeichnet worden. Im Herbst 2007 stellte er seine akademische Lehrtätigkeit ein.

Borges und Joyce nennt er als die beiden modernen Autoren, „die ich am meisten geliebt habe und von denen ich am stärksten beeinflusst worden bin“.

Als Bürger und politischer Autor ist Eco ein aktiver und vehementer Gegner von Silvio Berlusconi. In zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln hat er dessen Politik scharf kritisiert. Noch kurz vor der Wahl im April 2006, die Berlusconi dann knapp verlor, veröffentlichte Eco seine gesammelten politischen Schriften nochmals in Buchform unter dem Titel Im Krebsgang voran: Heiße Kriege und medialer Populismus (deutsch: Frühjahr 2007).

Seit 1962 ist er mit Renate Ramge verheiratet, einer deutschen, in Frankfurt am Main geborenen Expertin für Museums- und Kunstdidaktik, mit der er einen Sohn und eine Tochter hat.

Quellen: Süddeutsche Zeitung, Wikipedia

Kathrin Schmidt erhält den Preis der SWR-Bestenliste 2009

„Du stirbst nicht“ heißt der im Februar 2009 erschienene neue Roman von Kathrin Schmidt. Im Mai, Juli, August und September wurde der Roman jeweils in die SWR-Bestenliste gewählt.  Die Jury der SWR-Bestenliste vergibt seit 1994 jährlich bei ihrem Treffen in Baden-Baden den mit 10 000 Euro dotierten „Preis der SWR-Bestenliste“, mit dem Kathrin Schmidt jetzt ausgezeichnet wurde.

„Mit ihrem in wesentlichen Teilen autobiographischen Roman „Du stirbst nicht“  hat Kathrin Schmidt ohne Frage einen der besten deutschsprachigen Romane des Frühjahrs 2009 vorgelegt, das ist Literatur auf hohem Niveau, die einen inhaltlich und sprachlich gleichermaßen zu begeistern vermag“, zu diesem Fazit kommt tinius auf seinem Literaturblog ReadingEase in einer ausführlichen Rezension über dieses Buch.

Kathrin Schmidt hat es mit „Du stirbst nicht“ ebenfalls in die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2009 geschafft. Ob sie auch diese Auszeichnung erhält, wird sich 12. Oktober 2009 auf der Frankfurter Buchmesse zeigen.

Du stirbst nichtKurzbeschreibung
Vom Hirnschlag erwacht – die Geschichte einer Heilung

Helene Wesendahl weiß nicht, wie ihr geschieht: Sie findet sich im Krankenhaus wieder, ohne Kontrolle über ihren Körper, sprachlos, mit Erinnerungslücken. Ihr Weg zurück ins Leben konfrontiert sie mit einer fremden Frau, die doch einmal sie selbst war. Kathrin Schmidt packt ihre Leser diesmal durch die Beschränkung, und zwar im wörtlichen Sinne. Mit den Augen ihrer erwachenden Heldin blicken wir in ein Krankenzimmer, auf andere Patienten, das Pflegepersonal und den eigenen Körper, der plötzlich ein Eigenleben zu führen scheint. Und wir erleben die mühsamen Reha-Maßnahmen mit, die Reaktionen der Familie, den aufopferungsvollen Einsatz ihres Mannes – und die bruchstückhafte Wiederkehr ihrer Erinnerung. Was da zutage tritt, konfrontiert Helene mit einem Leben, in dem sie sich kaum wiedererkennt, und das vieles in Frage stellt, was in der neuen Situation so selbstverständlich scheint. Sie entdeckt frühe Brüche in ihrer Biographie, verdrängte Leidenschaften und aus der Not geborene Verpflichtungen. Als ihr bewusst wird, dass ihr Herz sich bereits auf Abwege begeben hatte und sie den Mann, der sie jetzt so eifrig pflegt, eigentlich verlassen wollte, droht sie den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kathrin Schmidt gelingt das Erstaunliche: Sie macht den Orientierungs- und Sprachverlust nach einer Hirnverletzung erfahrbar und zeigt einen Weg der Genesung, der in zwei Richtungen führt, zurück und nach vorn. Dabei entsteht ein Entwicklungsroman ganz eigener Art, der durch seine innere Dynamik fesselt und durch die Rückhaltlosigkeit, mit der seine Heldin sich mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert, fasziniert. Er überzeugt vor allem durch die bewegende Schilderung eines sprachlichen Neubeginns.

Über die Autorin
Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, arbeitete als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter den Leonce-und-Lena-Preis 1993. Ihr 1998 erschienener Roman „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“ wurde mit dem Förderpreis des Heimito von Doderer-Preises und dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1998 ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin. Bisherige Veröffentlichungen: „Poesiealbum 1979“, Gedichte, 1982. „Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik“, Gedichte, 1987. „Flußbild mit Engel“, Gedichte, 1995. Weitere Titel bei Kiepenheuer & Witsch: „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“, Roman, 1998. „GO-IN der Belladonnen“, Gedichte, 2000. „Koenigs Kinder“, Roman, 2002, „Seebachs schwarze Katzen“, Roman, 2005.

Die gebundene Ausgabe umfasst 347 Seiten und ist im Februar 2009 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Du stirbst nicht ist für 19,95 Euro im Handel erhältlich.

Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2009

Die Jury für den Deutschen Buchpreis 2009 hat sechs Romane für die Shortlist nominiert.

Deutscher Buchpreis 2009Jury-Sprecher Hubert Winkels sagte: „Die Shortlist-Diskussion in diesem Jahr dauerte einen ganzen Tag. Alle Beteiligten waren beeindruckt von der Intensität der Gespräche, die oft ans Grundsätzliche rührten – der Literatur, der eigenen Arbeit -, die die ganze Verstrickung des Lesers mit einzelnen Büchern offenbarten und eben deshalb manchmal auch schmerzhaft waren. Dann nämlich, wenn ein Roman nicht unter die letzten sechs gelangte, den man für einen großen hält, oder umgekehrt.

Fast wie das richtige Leben, gesteigert in einer kommunikativen Ausnahmesituation und mit einem Ergebnis, das nur auf den ersten Blick verwundern mag, da der eine oder andere noch weniger bekannte Autor und Titel dabei ist. Bei der Lektüre wird vielleicht nicht jeder allen Entscheidungen zustimmen, aber immer wissen, warum das jeweilige Buch derart ausgezeichnet ist. Und er wird sehen, dass nicht nur thematisch, sondern auch formal die deutschsprachige Literatur über eine bestechende Bandbreite verfügt.“

Am 19. August hatten die sieben Jurymitglieder die 20 Titel der Longlist bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet am 12. Oktober in Anwesenheit der nominierten Autorinnen und Autoren der Shortlist zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt. Der Preisträger erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro. Mit dem Deutschen Buchpreis 2009 zeichnet der Börsenverein den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus.

Die nominierten Romane der Shortlist (in alphabetischer Reihenfolge):

Lichtjahre entferntRainer Merkel: Lichtjahre entfernt (S. Fischer, März 2009)

Kurzbeschreibung
Der Familientherapeut Thomas Kaszinski wird vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe gestellt. Er muss sein Leben in Ordnung bringen. Auf einer Reise nach New York trifft er seine langjährige Freundin. Doch die Beziehung scheint am Ende zu sein. In immer neuen Anläufen und in dem ständigen Bemühen um noch intensivere Erlebnisse nähert er sich dem Zentrum der Katastrophe und erinnert sich an die dramatischen Ereignisse der letzten Monate, die, wie seine Liebe, Lichtjahre entfernt sind. Er verliert sich in der Vergangenheit. Eine gemeinsame Reise in die Wüste wird zu einer Grenz-Erfahrung. Kurz vor seinem Rückflug erkennt er plötzlich, dass es noch eine Möglichkeit auf Rettung gibt.

AtemschaukelHerta Müller: Atemschaukel (Hanser, August 2009)

Kurzbeschreibung
Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. „Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15° C.“ So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Überm RauschenNorbert Scheuer: Überm Rauschen (C. H. Beck, Juni 2009)

Kurzbeschreibung
Einst sind der Vater und die Brüder gemeinsam fischen gegangen, das Rauschen des Wehrs hinter der Gaststätte in der Eifel, in der sie gelebt haben, hat die Kindheit der Brüder mit Ahnungen und Phantasien belebt. Aber der Vater, der beim Angeln immer auf der Suche nach einem riesigen, mythischen Urfisch war, ist schon lange tot. Und der ältere Bruder Hermann ist abgeholt worden, musste in die Klinik, er hat den Verstand verloren, sein Schicksal ist ungewiss. Der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ist zurückgekehrt an den Ort der Kindheit, um der Familie zu helfen, steht im Fluss, angelt und lässt das Leben des Bruders, sein eigenes, das der Familie Revue passieren. Die Kindheit am Fluss, die erste Liebe, die kauzigen Gäste der elterlichen Gastwirtschaft, die Ausbruchsversuche des Bruders, der Niedergang der Kneipe, der Fluss und die Fische, der Tod der holländischen Gelegenheitsgeliebten des Bruders und die ungeklärte Frage nach dem eigenen leiblichen Vater – erschöpft und doch überwach versucht der Erzähler, aus den Erinnerungen und Gesprächen, Ereignissen und Beobachtungen einen Zusammenhang herzustellen, eine Erklärung zu finden. Norbert Scheuers neuer Roman „Überm Rauschen“ entwickelt mit seiner genauen und poetischen Sprache einen enormen Sog. Trauer und Schönheit einer ganzen Welt entstehen durch diese suggestive Geschichte, deren Protagonisten mit ihrer Suche nach dem großen mythischen Fisch zugleich auf der Suche nach dem Glück sind. Und das Glück ist da, im Rauschen, in der wehmütigen Kraft des Erzählens.

Du stirbst nichtKathrin Schmidt: Du stirbst nicht (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2009)

Kurzbeschreibung
Vom Hirnschlag erwacht – die Geschichte einer Heilung Helene Wesendahl weiß nicht, wie ihr geschieht: Sie findet sich im Krankenhaus wieder, ohne Kontrolle über ihren Körper, sprachlos, mit Erinnerungslücken. Ihr Weg zurück ins Leben konfrontiert sie mit einer fremden Frau, die doch einmal sie selbst war. Kathrin Schmidt packt ihre Leser diesmal durch die Beschränkung, und zwar im wörtlichen Sinne. Mit den Augen ihrer erwachenden Heldin blicken wir in ein Krankenzimmer, auf andere Patienten, das Pflegepersonal und den eigenen Körper, der plötzlich ein Eigenleben zu führen scheint. Und wir erleben die mühsamen Reha-Maßnahmen mit, die Reaktionen der Familie, den aufopferungsvollen Einsatz ihres Mannes – und die bruchstückhafte Wiederkehr ihrer Erinnerung. Was da zutage tritt, konfrontiert Helene mit einem Leben, in dem sie sich kaum wiedererkennt, und das vieles in Frage stellt, was in der neuen Situation so selbstverständlich scheint. Sie entdeckt frühe Brüche in ihrer Biographie, verdrängte Leidenschaften und aus der Not geborene Verpflichtungen. Als ihr bewusst wird, dass ihr Herz sich bereits auf Abwege begeben hatte und sie den Mann, der sie jetzt so eifrig pflegt, eigentlich verlassen wollte, droht sie den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kathrin Schmidt gelingt das Erstaunliche: Sie macht den Orientierungs- und Sprachverlust nach einer Hirnverletzung erfahrbar und zeigt einen Weg der Genesung, der in zwei Richtungen führt, zurück und nach vorn. Dabei entsteht ein Entwicklungsroman ganz eigener Art, der durch seine innere Dynamik fesselt und durch die Rückhaltlosigkeit, mit der seine Heldin sich mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert, fasziniert. Er überzeugt vor allem durch die bewegende Schilderung eines sprachlichen Neubeginns.

Die FrequenzenClemens J. Setz: Die Frequenzen (Residenz, Februar 2009)

Kurzbeschreibung
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf. Dies ist die Geschichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

GrenzgangStephan Thome: Grenzgang (Suhrkamp, August 2009)

Kurzbeschreibung
Alle sieben Jahre steht Bergenstadt kopf: Man feiert Grenzgang, das traditionelle dreitägige Volksfest, und dabei werden nicht nur die Gemeindegrenzen abgeschritten. Auch abends im Festzelt wird ausprobiert, wie weit man gehen kann. Alle sind dabei, nur zwei stehen am Rand: Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Er ist nach gescheiterter Uni-Karriere als Lehrer ans Gymnasium Bergenstadt zurückgekehrt. Sie versorgt nach gescheiterter Ehe ihre demenzkranke Mutter und hat Ärger mit ihrem pubertierenden Sohn. Vor sieben Jahren beim letzten Grenzgang sind sich die beiden schon einmal begegnet, und damals ist etwas passiert, woran sich die beiden auch noch bei diesem Fest nur mit gemischten Gefühlen erinnern.
Grenzgang ist das furiose Debüt eines jungen Autors, der von Anfang an aufs Ganze geht: Spannungsreich und voller überraschender Wendungen erzählt Stephan Thome von der Jagd nach dem Glück, die seine Figuren aus Berlin und Köln in die hessische Provinz und von dort in einen Swinger-Club an der Frankfurter Peripherie führt. Schnell wird klar, wie leicht vermeintliche Sicherheiten abhanden kommen können und wie dünn das Eis ist, auf dem Lebensentwürfe gründen – und daß es trotzdem keine Alternative zum Kampf um das eigene Glück gibt.

Quelle: Börsenblatt