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Denis Scheck befördert 7 der Top Ten der Bestenliste auf den Müll

6. April 2009 | Von | Kategorie: Druckfrisch, Lesekreis

druckfrisch1In seiner Literatursendung am 05.04. kommentierte Denis Scheck wieder die Top Ten der Spiegel-Bestenliste.
Dieses Mal traf es die Bestseller der Hardcover besonders hart. Nur drei der Top Ten fanden seine Gunst, die restlichen sieben beförderte Denis Scheck gnadenlos auf den Müll.

Gleich zwei der vier Titel von Stephenie Meyers erfolgreichen Twilight-Saga belegen derzeit die beiden ersten Plätze – völlig zu Unrecht, denn laut Denis Scheck verfasst Stephenie Meyer keine Literatur sondern einen sämigen Sprachbrei. Bei Sarah Kuttners Mängelexemplare diagnostiziert er Trittbrettfahrerei mit einem Hang zur Depression und bei Simon Becketts Leichenblässe nerven so langsam die ewig wiederkehrenden Serienkiller. Seine Abneigung gegen Charlotte Roches Malheur Feuchtgebiete sind schon hinlänglich bekannt. Auch Daniel Glattauers Fortsetzung von Gut gegen NordwindAlle sieben Wellen – hält Denis Scheck für überschätzt und überflüssig, ebenso wie Karen Roses Krimi Todesbräute mit seiner quälenden Länge in lupenreiner SMS-Prosa.

Na ja, immerhin bleiben uns Denis Schecks  Empfehlungen für Daniel Kehlmanns neuen großartigen Roman Ruhm, Unser allerbestes Jahr ein gutes Buch von David Gilmoure und Uwe Tellkamps Turm, gemessen am Rest dieser Bestsellerliste natürlich schieres Gold und ein literarischer Lichtblick!

Platz 1
mullStephenie Meyer: Bis(s) zum Ende der Nacht
In Band vier läuten für Bella Swan endlich die Hochzeitsglocken, der Auserwählte Edward darf sie beissen und schwängern, und für den leer ausgegangenen Werwolf-Nebenbuhler Jacob bleibt die Hoffnung auf das Töchterlein. Versteckt unter Meyers sämigem Sprachbrei findet sich stahlharte Ideologie: “Mädels, spart Euch bis zur Hochzeit auf, verwandelt Euch daraufhin in willige Gebärmaschinen und überlasst alle wichtigen Entscheidungen am besten Euren weisen Altvorderen!”, ruft die Mormonin Meyer ihren Leserinnen zu. Wenn Sie mich fragen: Hier ist jemand nicht von einem Vampir, sondern vom wilden Affen gebissen worden.
(Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 788 Seiten, 19,90 €)

Platz 2
mullStephenie Meyer: Bis(s) zum Abendrot
Schock deine Eltern, heirate einen Vampir! Welch schöne Idee. Leider lieblos verschenkt, weil Stephenie Meyer schlicht eine in wirklich jeder Hinsicht – stilistisch, intellektuell, in ihrer Phantasie – beschränkte Autorin ist. Wie schafft man es nur, so dicke Romane über so schlichte Charaktere zu schreiben? Indem man wie Stephenie Meyer jede Aussage in gnadenloser Redundanz verdoppelt, ja verdreifacht. Hier runzelt keiner die Stirn, ohne dass er im gleichen Satz “tief in Gedanken” ist und obendrein noch eine “grübelnde Miene” aufsetzt.
(Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 557 Seiten, 19,90 €)

Platz 3
mullSarah Kuttner: Mängelexemplare
Ein Schulbuchbeispiel für Trittbrettfahrerei in der Literatur: Was Charlotte Roche die Intimhygiene, ist Sarah Kuttner die Diagnose Depression. Während bei Roche aber wenigstens noch die ersten 20 Seiten imponieren, nervt Kuttners narzisstische Trotzköpfchen-Heldin ab Seite eins durch ihre Erzählstimme, ununterscheidbar vom manisch aufgekratzten Tonfall einer Telefonquizsendung im Fernsehen.
(S. Fischer, 272 Seiten, 14,95 €)

Platz 4
lesenDaniel Kehlmann: Ruhm
Ein in jeder Beziehung durchdachter Roman, ein Roman, der mal stimuliert, mal anrührt, mal verführt, ein Roman über Form, Funktion und Folgen moderner Massenkommunikation via Handy und Internet. Wenn schon E-Mail-Romane, dann bitte solche.
(Rowohlt, 203 Seiten 18,90 €)

Platz 5
mullSimon Beckett: Leichenblässe
Der Brite Dr. David Hunter hat von Arzt auf Forensiker umgeschult und übt auf Serienkiller dieselbe Wirkung aus wie ein Magnet auf Eisenspäne. Mal ehrlich: Wollen Sie wirklich noch ein Buch über einen Serienkiller lesen? Dieses hier ist ja einigermaßen routiniert geschrieben, aber haben solche Romane nicht etwas wahnsinnig Fades, eben Serielles? Immer nur den lieben langen Tag oder auch die Nacht vor sich hin massakrieren: Das kann’s doch nicht gewesen sein! Lesen Sie doch stattdessen mal ein gutes Buch – zum Beispiel das auf Platz 4!
(Deutsch von Andree Hesse , 415 Seiten, 19,90 €)

Platz 6
mullCharlotte Roche: Feuchtgebiete
Fängt stark an, lässt stark nach: Roches Geschichte um das einfältige Scheidungskind Helen Memel ist sprachlich zu arm und gedanklich zu schlicht. Im Schwäbischen nennt man so etwas einen Riesenseich. Sagen wir freundlicher: Hier ist jemandem ein kleines Malheur passiert.
(DuMont, 219 Seiten, 14,90 €)

Platz 7
mullDaniel Glattauer: Allen sieben Wellen
Die überflüssige Fortsetzung eines überschätzten Romans. Wer Ihnen einreden will, dieses Buch sei etwas Besonderes, weil ganz in Form von E-Mails erzählt, liest sicher auch gern all die vielen tollen Fax-, Fernschreiber, Telegramm- und Rohrpost-Liebesromane.
(Deuticke Verlag, 224 Seiten, 17,90 €)

Platz 8
lesenDavid Gilmoure: Unser allerbestes Jahr
Ein Vater macht seinem 15-jährigen Sohn ein unmoralisches Angebot: Er darf mit der verhassten Schule aufhören, vorausgesetzt, er schaut sich drei Filme die Woche zusammen mit seinem Dad an. Wie man mit Hilfe von Francois Truffaut, Marlene Dietrich und Marlon Brando einen Menschen aus sich machen kann, erzählt der Kanadier David Gilmoure in diesem autobiographischen Buch, das einen so wie ein schön kitschiger Kinofilm dreimal lachen und dreimal weinen lässt. Ein gutes Buch!
(Deutsch von Adelheid Zöfel, S. Fischer, 256 Seiten, 18,95 €)

Platz 9
mullKaren Rose: Todesbräute
Einiges in diesem auf seiner ganzen quälenden Länge in lupenreiner SMS-Prosa verfassten Krimi kommt mir ziemlich weit hergeholt vor. Zum Beispiel, dass der Bruder des ermittelnden Special Agent ein Serienkiller ist und ihre Eltern umgebracht hat, während seine potentielle Geliebte sich als die Zwillingsschwester jener Frau erweist, die vor 13 Jahren auf exakt dieselbe Weise ermordet wurde wie das heutige Opfer. Sehr naheliegend erscheint mir allerdings der Verdacht, der IQ der Autorin könnte sich nach Verzehr einiger Austern kurzzeitig verdoppeln.
(Deutsch von Kerstin Winter, Droemer Knauer, 684 Seiten, 14,95 €)

Platz 10
lesenUwe Tellkamp: Der Turm
Uwe Tellkamp erzählt in “Der Turm” von den letzten sieben Jahren der DDR. Ich habe viele Einwände gegen diesen Roman: gegen seine in meinen Augen traditionshörige Schwerblütigkeit, gegen seine Machart und seine erheblichen Längen genauso wie gegen seine Familienfixiertheit und sein dumpf-deutsches Kunstwollen. Aber um zur Abwechslung mal über Maßstäbe zu sprechen: Gemessen am Rest dieser Bestsellerliste ist Tellkamps “Turm” natürlich schieres Gold und ein literarischer Lichtblick!
(Suhrkamp Verlag, 976 Seiten, 24,80 €)

Quelle: Druckfrisch

11 Kommentare
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  1. Ich hab’s gestern verpasst, aber eben online gesehen. Ich schwanke noch zwischen Amüsiertheit und leichtem Entsetzen. Die Worte waren jedenfalls deutlich. *g*
    Einerseits fand ich den Beitrag lustig und in manchen Punkten auch nicht verkehrt. Andererseits finde ich es recht überheblich, den Geschmack der Leser als so dermaßen daneben darzustellen. Alles, was keinen besonderen literarischen Anspruch hat, ist mehr oder weniger Schund. Wenn es aber nun mal das ist, was die Leute unterhält…

  2. der traut sich was, der sch(r)eck 😉

  3. Wie sagt er immer so ernsthaft: “Vertrauen Sie mir, denn ich weiß was ich tue!” – und trotzdem sieht man den Schalk in seinen Augen. 🙂
    In der Regel hat er ja Recht, nur den Verriss über Harry Potter kann ich ihm einfach nicht verzeihen…
    Schönen Tag und liebe Grüße

  4. Bei der letzten Sendung (… Franzen war im Interview dabei) wurde immer wieder klasse Musik eingespielt. Von wem war sie? Würde mich freuen, wenn Ihr mir dies verraten könnten.
    Viele Grüße
    Alfons Wiggenhauser

  5. hi Alfons, das muss, wenn Jonathan Franzen dabei war, die Sendung vom 28.11.2010 gewesen sein – also nicht die letzte:

    Rückschau: Musiktitel – Sendung vom 28. November 2010

    Ganz ohne jegliche Diskussion ging diesmal die Wahl zum “Druckfrisch”-Musiker des Monats November über die Bühne. Zu genialisch gelungen ist Consoles neue CD “Herself”, die an diesem Wochenende erschienen ist. Wir hätten allerdings von Console auch nichts anderes erwartet.

    Für Console ist es nichts Neues, “Druckfrisch” mit einem Song von sich einleiten zu dürfen. Jahrelang war sein Track “To Catch A Beat” Titelmusik unserer kleinen litaraturkritischen Familiensendung. Mit “Bit For Bit”, dem zartesten Stück seiner neuen CD, darf er auch diesmal wieder den musikalisch emotionalen Einstieg in die Sendung gestalten.

    Konkurrenz hätte Console allenfalls aus der eigenen Band bekommen können: Denn in der Berliner/Weilheimer Band “Saroos”, die diesmal mit einem ihrer hypnotischen Soundtracks die Buchhandelsempfehlung musikalisch begleiten darf, spielt und komponiert mit Christoph Brandner auch der Drummer der Console-Band mit.

    Die “Druckfrisch”-Musiktitel vom 28. November 2010:

    Titel: Bit For Bit
    Interpret: Console

    Titel: Dark Eyes
    Interpret: Iron & Wine & Calexico

    Titel: Can You Please Crawl Out Your Window
    Interpret: Jimi Hendrix

    Titel: Wasted Hours
    Interpret: Arcade Fire

    Titel: Yukoma
    Interpret: Saroos

    Titel: Across 110th Street (acoustic demo version)
    Interpret: Bobby Womack

    Liebe Grüße 😉

  6. Dieser unsägliche Herr Wichtigtuer Scheck lebt doch nur vom Verriss der Bücher. Mit immer den gleichen dummen und hohlen Sprüchen – er nennt es Kritik – macht er sich interessant, sicher so kann er auch Geld verdienen. Und all`die Schleimer, die ihm dann auch noch sprichwörtlich die Füße küssen?

  7. Das musste mal raus, nicht wahr, Gert?! Deine Meinung ist legitim, obwohl ich sie nicht unbedingt teile. Vielleicht ist die Art und Weise seiner Kritik nicht gerade verkaufsfördernd, aber dafür rühren die Verlage die Werbetrommeln ja auch kräftig – gerade bei den Bestsellern. Er polarisiert, klar, aber doch nicht dumm und hohl, wie ich finde.
    LG

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