Seitensprung der Sisterhood

Kapitel 13
Tod dem Drachen

Duncan und ich betraten den großen Konferenzraum im Hauptgebäude dicht gefolgt von Doc Jane und Sam. Ich kannte den Raum noch nicht und sah mich neugierig um. Er war sehr nüchtern eingerichtet und vollgepackt mit technischen Geräten. Eine Wand bestand nur aus Monitoren – vor einem saß Demetri, der leise in sein Headset sprach und seine Finger über die vor ihm liegende Tastatur fliegen ließ.

Er lächelte nur kurz, hob flüchtig die Hand zur Begrüßung und widmete sich sofort wieder seiner Tätigkeit. Wir nahmen an dem schlichten ovalen Tisch Platz, an dem schon Tiago, Jean und Eric saßen. Da öffnete sich die Tür und Leif erschien. Mit einem kurzen Nicken in unsere Richtung setzte er sich ans andere Ende des Tisches. Duncans Augenbrauen zogen sich kurz zusammen, als er die Fee stumm betrachtete. Dann erwiderte er den knappen Gruß und legte demonstrativ seine Hand auf meine und drückte sie sanft. Doc stieß mich an und wir zwinkerten uns amüsiert zu.

Sie wusste nun alles, was in den vergangenen Wochen passiert war. Nach einem fantastisch zubereitetem Essen von Mary und einer kleinen, aber ausgelassenen Feier  mit Tiago, Eric und Jean, haben wir die halbe Nacht gequatscht und uns gegenseitig auf den neusten Stand der Dinge gebracht.

Jetzt betraten Shadow und Mythos den Raum. Shadow stellte sich gleich an das Ende des Tisches und starrte einen Moment vor sich hin, dann hob er eine Hand und sofort trat Stille ein. Seine Augen schimmerten silbrig, als er uns der Reihe nach betrachtete. Mittlerweile kannte ich ihn gut genug, um zu wissen, dass er innerlich ziemlich aufgewühlt war, das aber hinter einer gleichgültigen Miene gut zu verbergen wusste. Auch dass er selbst hier stand, wo er doch eigentlich lieber im Hintergrund blieb und Mythos diese Aufgaben überließ, machte mich stutzig. Etwas Außergewöhnliches musste geschehen sein. Plötzlich saßen wir alle kerzengerade da und blickten ihn gespannt an.

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„Ich habe einige Neuigkeiten, die euch sehr interessieren werden!“, sagte er mit ernster Stimme und sah uns dabei der Reihe nach an.

„Es ist an der Zeit Sweetlife dazu zuschalten. Bitte sei so gut, Demetri.“

Alle waren still und blickten neugierig in Richtung des Computergenies. Auf dem großen Bildschirm an der Wand erschien ein Testbild, dann war Sweetlife an ihrem mächtigen Schreibtisch in ihrem Büro auf der Insel zu sehen.
Die Lautsprecher knisterten. Sweetlife lächelte freundlich in die Kamera.

„Seid gegrüßt, meine Lieben”, sagte sie mit ihrer rauchigen Stimme und schnippte dabei die Asche der unvermeidlichen Zigarette zielsicher in den gläsernen Aschenbecher. Sie wirkte besorgt und Doc überlegte, wie lange es her war, dass sie sie zuletzt auf der Insel gesehen hatte.
Shadow nickte Sweetlife zu und fuhr fort.

„Zuallererst muss ich dir von einigen Veränderungen, die den Orden betreffen, berichten. Tim hat eine Beurlaubung auf unbestimmte Zeit beantragt.“

Ein ungläubiges Raunen ging durch den Raum. Shadows Stimme unterbrach das darauf folgende laute Stimmengewirr.

„Ruhe, bitte. Um eure Fragen zu beantworten, Tim spielt mit dem Gedanken, den Bufo-Mönchen beizutreten. Er begleitet sie auf eine Pilgerwanderung nach Bethlehem, danach fällt er seine endgültige Entscheidung. Diese Mönche haben kein festes Kloster, sie reisen durch die ganze Welt, um ihre Missionen zu erfüllen. Wie mir einer unserer Agenten in Ankara berichtete, traf Tim sie während seines Urlaubs auf dem Weg zu einer Döner-Bude und sah, wie sie bei einer Krötenwanderung den Tieren über die Straße halfen. Er war ja schon immer sehr tierlieb und fing an, ihnen dabei zu helfen. In seiner Nachricht an den Agenten stand, dass Tim eine, wie er sagte, Eingebung hatte und dieses Leben als Mönch der Sinn seines Lebens sei und er allem Weltlichen abschwören wolle. Er lässt euch grüßen und wünscht euch viel Erfolg bei eurem nächsten Einsatz.“

Nach dieser Erklärung trat Stille ein. Ungläubig blickte sich jeder um. Doc sah ein Funkeln in Tiagos Augen, dann hielt er sich den Bauch und seine Schultern zuckten vor Anspannung. Er gab ein undefinierbares Quietschen von sich. Dann konnte auch Jean seine Fassung nicht mehr wahren. Er schmunzelte in die Runde und als er einen Schluck von seinem Kaffee nahm, sah er, dass auch Duncan ein breites Grinsen auf dem Gesicht hatte. Tiago bekam sich wieder in den Griff.

„Oh man, Tim in sonem roten Kleidchen, das würde ich zu gern sehen.“

„Bitte beruhigt euch wieder, das war noch nicht alles. Weiterhin müssen wir auch auf unbestimmte Zeit auf Kerstin und Drago verzichten. Am besten übergebe ich jetzt an Sweetlife.“ Er nickte in ihre Richtung.
Die Anführerin des Sixpack räusperte sich kurz.

„Wie ihr ja wisst, ist Kerstin mit Drago nach Neuseeland zu seiner Familie gereist. Sie fühlt sich dort sehr wohl und wurde dort auch direkt in die Familie aufgenommen. Ihr kennt sie ja und wisst, wie hilfsbereit sie ist. Als die Schwester von Drago mit ihrem Mann von einem Einkaufsbummel nicht wieder heimkehrte, übernahm sie das Ausbrüten ihrer Eier. Das dauerte fast drei Wochen. Letzte Woche sind die kleinen Drachen geschlüpft und da sie Kerstin und Drago als erstes erblickten, halten die Drachenbabys die beiden nun für ihre Eltern. Bis das spurlose Verschwinden von Dragos Schwester nicht aufgeklärt ist, wird sich in erste Linie Kerstin um die 14 Kleinen kümmern. Natürlich hat sie alle Hände voll zu tun, sie steckt bis über beide Ohren in schmutzigen Windeln. Falls die richtige Mutter nicht bald wieder auftaucht, bin ich mir nicht sicher, ob Drago und Kerstin den Hort der Drachen überhaupt wieder verlassen werden. Die Jungen sind übrigens sehr niedlich, sie hat mir Fotos geschickt. Ich leite euch die E-Mail von ihr mal weiter.“

Doc und Angie waren sprachlos und konnten gar nicht fassen, dass ihre Schwester ihr aufregendes Leben tatsächlich für einen Mutterjob aufgegeben haben sollte. Sie blickten sich an, dann wieder auf den Monitor.

„Ich soll euch grüßen und ausrichten, dass ihr nicht allzu sauer auf sie sein sollt. Sie hofft, dass ihr ihr verzeiht, dass sie euch hängen lässt. Sie will euch das noch persönlich erklären. So, das war aber leider noch nicht alles an Neuigkeiten von mir.“

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Sweetlifes Gesicht flackerte auf dem großen Bildschirm, doch nach wenigen Sekunden hatte Demetri wieder ein klares Bild geschaffen. Ihre freundlichen Augen schienen jeden einzelnen von uns anzusehen.

„Ich habe letzte Woche einen Brief von Lilli aus Argentinien erhalten. Es würde zu lange dauern ihn komplett vorzulesen, also werde ich euch nur das Wesentliche mitteilen und das Original an euch schicken.
Auch sie ist sehr herzlich von der Familie Zoom aufgenommen worden. Doch nach einem Barbecue tauchte plötzlich Nandos Ex-Freundin Joana auf und verlangte von ihm endlich die Alimente für die gemeinsamen fünf Kinder. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, fiel Lilli aus allen Wolken, zumal diese Joana zu dem Zeitpunkt auch noch hochschwanger mit Zwillingen von ihm war.“

Oh nein! Wer hätte das von Nando gedacht? So wie es aussah, keine von uns. Die Jungs geizten nicht mit bissigen Kommentaren zu dem miesen Schuft! Die arme Lilli. Sweetlife gönnte sich unterdessen einen großen Schluck Kaffee aus ihrer Lieblingstasse mit dem Marienkäfernmotiv. Erst als Shadow eine Hand hob und wieder Ruhe eingekehrt war, sprach sie weiter.

„Lilli hat ihm das alles verziehen und will bei ihm bleiben. Jedoch kann sie ihr grünes Leuchten nach diesen dramatischen Ereignissen nicht mehr kontrollieren. Denn das war noch nicht alles. Seine Familie, die von alledem nichts wusste, hat ihn zusätzlich auch noch enterbt. Nur seine Großmutter hat ihn noch finanziell unterstützt, und so konnte Nando mit Lili zusammen eine Bäckerei aufmachen, in der sie Teutonisches Spezialitätenbrot anbieten. Sie sorgen nun gemeinsam für ihren Lebensunterhalt und auch für die Kinder, die Joana bei ihnen gelassen hat. Leider wohnen sie jetzt in einem ziemlich abgelegen Ort in der Wildnis und haben dort weder Computer noch Internet. Darum hat sie auch den Brief geschickt und Mail.
Lilli ist jetzt durch ihr dauerhaftes Leuchten natürlich für den Außendienst untauglich geworden und bat mich um die Freigabe aus dem Sixpack. Ich bin ihrem Wunsch nachgekommen und habe ihr auch in eurem Namen Grüße ausgerichtet. Ich hoffe, das war in eurem Sinn?“

Doc Jane und ich sahen uns einen Moment an und zuckten mit den Achseln.

„Na klar“, sagte Doc und ich nickte zustimmend. Was gab es da auch mehr zu sagen, wir konnten einfach nicht fassen, was aus unseren Schwestern geworden war? Doch Sweetlife war immer noch nicht fertig.

„Ich habe auch Nachrichten von Lucys Mutter aus Italien erhalten.
Lucy und ihr Bruder haben sich während der großen feucht-fröhlichen Wiedersehensfeier in Katzen verwandelt, wie alle Mitglieder der Familie. Das muss wohl bei den Gestaltwandlern so üblich sein. Und da sehr viel Rotwein und Grappa geflossen war, ist leider ein kleines Missgeschick passiert. Die beiden waren die einzigen, die sich nicht wieder zurückverwandeln konnten und sind daraufhin verschwunden. Kurze Zeit später wurden sie beim Streunen in den Gassen von Neapel erwischt und von tierlieben Menschen eingefangen und zum dortigen Tierheim gebracht. Es ist ein kleines privates Tierheim. Tja, und wie das so üblich ist mit Streunern sie… sie wurden kastriert.“

Sweetlife blickte todernst und fixierte einen imaginären Punkt über unseren Köpfen an, räusperte sich kurz, atmete tief ein und sprach weiter.

„Gavin fand die beiden leider zu spät. Lucy und Raphaello wurden schon an ein älteres Ehepaar vermittelt und leben jetzt außerhalb von Neapel in einem kleinen Dorf. Er hat alles Mögliche versucht, aber die beiden fühlen sich sehr wohl dort und da Gavin seit kurzem unter einer Katzenallergie leidet…“

Sweetlife musste den Punkt über uns höchst interessant finden, denn sie ließ ihn nicht aus den Augen. Mit unerschütterlicher Miene sprach sie weiter.

„Jedenfalls bleiben sie dort. Gavin ist daraufhin für den Rest des Urlaubs nach Cannes geflogen und hat dort bei den Filmfestspielen einen Job angenommen, um sich abzulenken. Er, als Feuerelfe, bedient dort die… ökologischen… Popcornautomaten…, die ohne Strom… Entschuldigt mich bitte einen Moment, mein Telefon!“

Überstürzt sprang Sweetlife aus unserem Blickfeld und wir starrten auf ihren leeren Schreibtisch. Telefon? Ihr Telefon stand still und schweigend auf dem Schreibtisch! Nur waren jetzt merkwürdige Laute zu hören, die verdächtig nach unterdrücktem Lachen klang.

Nach diesen Mitteilungen saßen wir alle mucksmäuschenstill da. Niemand wagte es, den anderen anzusehen. Eine Bewegung, ein Geräusch und die Hölle würden losbrechen. Als Duncan seinen Stift fallen ließ und unvermittelt unter dem Tisch verschwand um nach ihm zu suchen, wagte ich einen schnellen Blick in die Runde. Tiago griff blitzschnell zu einer Cola-Dose, die auf dem Tisch stand, öffnete sie mit einem Zischen und nahm hastig einen tiefen Schluck. Jean umklammerte seine Kaffeetasse mit beiden Händen und sah aus, als würde er angestrengt im Kaffeesatz lesen. Sam senkte seine Stirn langsam auf die Tischplatte und wagte nicht sich zu rühren. Eric saß mit gerunzelter Stirn und verschränkten Armen kerzengerade auf seinem Platz und blickte ernst vor sich hin. Leif hatte sich auf seinem Stuhl sehr weit zurückgelehnt und starrte angestrengt auf einen Punkt an der Decke.

„Hilfe“, murmelte er kaum hörbar. Ich schloss sofort meine Augen und biss mir fast die Zunge blutig. Himmel! Plötzlich gab Doc Jane neben mir ein unterdrücktes Glucksen von sich, gleich darauf noch eins. Das war´s! Schlagartig war es mit unserer Beherrschung vorbei und wir lachten alle lauthals los. Duncan schlug bei dem Versuch aufzustehen mit dem Kopf unter die Tischplatte, Tiago lief vor Lachen die Cola aus der Nase und Mythos sank in Zeitlupe seitwärts vom Stuhl. Leif kippte gleich mit dem ganzen Stuhl um und blieb einfach liegen. Duncan umklammerte, immer noch unter dem Tisch, meine Beine und wollte sich ausschütten vor Lachen. Sam bebte am ganzen Körper und trommelte mit der Faust auf den Tisch, ohne die Stirn von der Platte zu nehmen. Doc und ich lagen uns hinter seinem Rücken kichern in den Armen.

Es dauerte eine Weile bis wir uns wieder halbwegs beruhigt hatten. Ich wischte mir immer noch grinsend die Tränen ab und sah Shadow mit dem Rücken zu uns stehen. Auch seine Schultern bebten. Doch von ihm war kein Laut zu hören. Nur Eric saß immer noch kerzengerade mit zusammengezogenen Brauen da und erwiderte kopfschüttelnd meinen fragenden Blick.

„Oh nein, Angie, wenn ich jetzt anfange zu lachen, kann ich nie wieder aufhören, das schwöre ich dir!“

Sweetlife war noch nicht wieder aufgetaucht, aber sie musste noch in ihrem Büro sein, denn ihr herzliches ansteckendes Lachen klang ziemlich gespenstisch aus dem Monitor.

Plötzlich öffnete sich die automatische Tür mit einem leisen Zischen und ein Geist wankte in den Raum…

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Sofort war es totenstill im Raum und alle starrten zu der Gestalt, die im Türrahmen stand.

Es handelte sich offensichtlich um einen Mann, der an die zwei Meter groß war. Seine Beine waren in eine eng anliegende schwarze Lederhose gehüllt und seine Füße steckten in überkniehohen Stiefeln mit unzähligen Schnallen an der Seite. Geziert wurde das Ensemble noch von einem Killernietengürtel, an dem jede Menge Ketten herabhingen. Er trug ein schwarzes Hemd mit voluminösen Rüschen am Kragen und an den Ärmeln. Sein Hals zierte auch so ein Killernietenband. Das Gesicht war weiß gepudert und die Augen so dunkel geschminkt, dass sie wie schwarze Löcher wirkten. Auch der schwarze Lippenstift wirkte seltsam grotesk. Sein Outfit krönte ein grellpinker Irokesenschnitt, der zu Stacheln aufgestyled war.

Leif und Mythos standen langsam auf und blieben regungslos stehen. Die Gestalt bewegte sich einen Schritt in den Raum, die Tür schloss sich zischend hinter ihr. Doc runzelte die Stirn, denn was sie zuerst für einen Geist gehalten hatte, kam ihr vage bekannt vor. Da das Anwesen so abgesichert war, dass keine Unbefugten eindringen konnten, stellte diese Person jedenfalls keine Bedrohung dar, also verhielten sich alle ruhig. Doc scannte die Person von oben bis unten und von unten bis oben. Ihr Gesicht blieb an den bernsteinfarbenen Augen hängen.

„Cyrus?“, hörte sie sich sagen, doch war es kaum mehr als ein Flüstern. Sie wusste nicht genau warum, aber ja, die Augen… sie kannte diese Augen nur zu gut. Doch nichts an dieser Aufmachung hätte sie glauben lassen, es könnte sich um ihn handeln. Sie blinzelte, dann noch einmal.

„Ja, ich bin´s. Es war gar nicht so leicht das Anwesen zu finden und ich warne euch, ich will keine blöden Sprüche hören.“

Es trat wieder Stille ein und alle blickten sich betreten. Dann ging das Gelächter wieder los.

Tut mir leid.“, sagte Jean lachend, „aber das geht beim besten Willen nicht, du siehst aus wie eine Ugly-Betty-Puppe.

Los, raus mit der Sprache, warum siehst du aus wie Chucky in echt?“, forderte Tiago eine Erklärung.

Duncan, der sein Schmunzeln nicht mehr vom Gesicht zu bekommen schien, zog Angie auf seinen Schoß und vergrub sein Gesicht ich ihren Haaren, als er Cyrus lauschte. Shadow stand derweil mit gerunzelteter Stirn da und blickte auf den Werwolf. Cyrus seufzte laut.

Okay, ich komme sowieso nicht drumherum. Ihr kennt doch noch meinen Cousin Jean-Claude?“, fragend sah er in die Runde und Doc musste einen neuen Lachanfall unterdrücken.

Er hat bei uns Zuhause in Beauport, einen neuen Club eröffnet.

Was? In eurem Dorf gibt es einen Stripclub?“ fragte Jean grinsend.

Ja, genau, das Danse Macabre. Ich hab´ Jean-Claude damit aufgezogen und gewettet, dass der Club bei der Eröffnung kläglich versagen wird. Ich meinte, es würde sowieso niemand kommen und nie gedacht, dass dafür eine Nachfrage besteht. Leider hat sich in den letzten Jahren die Szene dort sehr verändert und ich habe die Wette verloren. Ich musste als Showmaster dort die Acts ansagen und natürlich entsprechend aussehen. Jean-Claude hat sich natürlich köstlich amüsiert und bei meinem Kostüm kein Klischee ausgelassen. Ich musste mich so beeilen herzukommen, dass ich noch keine Zeit hatte mich umzuziehen. Außerdem brauche ich noch gleich ein Foto von mir in diesem Aufzug hier, das ich ihm mailen muss. Er wollte unbedingt, dass ich so hier aufkreuze. Er meinte, dass dürfe er euch keinesfalls vorenthalten.

Schade, dass es der letzte Tag ist heute“, meinte Tiago, „mit dir wären wir endlich mal in diesen Gothicclub reingekommen, in dieses Guilty Pleasure.“ Cyrus strafte ihn mit einem bösen Blick und setzte sich an den Tisch, gegenüber von Doc und Sam.

Stirnrunzelnd betrachtete er den Engel, sagte aber kein Wort. Tiago konnte es sich nicht nehmen lassen, Cyrus die Neuigkeiten der anderen Mitglieder mitzuteilen. Ein lautes Räuspern lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm. Sweetlife saß wieder am Tisch, sie hatte glänzende Augen und ihre Wimperntusche war etwas verschmiert, doch sie versuchte ganz geschäftsmäßig und ernsthaft zu wirken. Sie nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Ihre Augen wurden groß, als sie Cyrus erblickte, und fixierten dann angestrengt einen Punkt irgendwo an der Wand.

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Doch diesmal hatte sie sich schneller wieder im Griff. Nach einem kurzen Räuspern nickte sie auffordernd in Shadows Richtung. Der legte sogleich einen Gegenstand auf den Tisch, den ich noch nie vorher gesehen hatte. Ein circa 10×15 cm großes Kästchen aus blank poliertem dunklem Holz, an dessen Vorderseite einige kleine Edelsteine eingelassen waren. Die winzigen Steine, ich glaube es waren Saphire, umgaben ein kleines Schloss in einem scheinbar willkürlichen Muster. Neugierig betrachteten wir diesen Gegenstand näher. Doch bevor wir Fragen stellen konnten, klärte uns Sweetlife auf.

„Das ist die Schachtel der Petra, die Jane und Sam aus Irland gerettet haben. Ihr Inhalt wird euch helfen den Drachen endgültig zu vernichten. Sie ist seine Achillesferse nach der wir so lange gesucht haben. In diese Schachtel wurde vor vielen Jahrhunderten von seiner Gefährtin Petra das Herz von Dungeon verbannt, als er sich der schwarzen Magie zuwandte und eine Gefahr für die Menschheit wurde. Petra selbst hat die Schachtel in die Unterwelt gebracht und dort versteckt. Sie hat ihren Dienst leider mit dem Leben bezahlt. Wie die Schachtel in Irland auftauchen konnte, ist uns nicht bekannt. Aber das ist auch nicht wichtig, wichtig ist nur, dass sie jetzt in unserem Besitz ist. Sie darf aber unter keinen Umständen zu früh geöffnet werden! Dungeon würde sofort ihre Signatur erkennen und niemand könnte ihn bei dem Versuch, sie wieder in seine Gewalt zu bringen, aufhalten. Sollte sie jemals in seine Hände gelangen, wäre er unbesiegbar und seine Macht unermesslich. Die Schachtel ist nur mit einem bestimmten Schlüssel zu öffnen und zusätzlich mit einem Schutzzauber umgeben. Auch wer diesen Zauber zu früh bricht, würde den Drachen sofort auf seine Spur bringen.“

Alle betrachteten die Schachtel nun mit ziemlichem Respekt. Sie lag da wie eine Granate, eine scharfe Granate, die jeden Moment hochgehen konnte.

„Und wo ist der Schlüssel?“, fragte Leif interessiert. Doc griff beherzt nach der Schachtel und betrachtete sie von allen Seiten.

„Ich kenne das Muster“, flüsterte sie kaum hörbar, „das ist auch kein Muster, das sind Schriftzeichen, die ich schon einmal gesehen habe, ich weiß nur nicht mehr wo…?“ Sie legte die Schachtel zurück und zog nachdenklich die Stirn kraus. Mit einem triumphierenden Lächeln legte Schadow einen circa 20 cm großen, antiken goldenen Schlüssel auf den Tisch, direkt neben die Schachtel.

„Hey, das ist doch der Schlüssel, den Bowen und ich in Peru gefunden haben“, rief Jane überrascht und sprang auf. „So einen Zufall gibt es doch nicht! Und wie soll er in das Schloss passen? Er ist doch viel zu groß! Außerdem sind es arabische Schriftzeichen, die auf ein Portal hindeuten. Das hat Bowen damals gesagt. Es kann also niemals der richtige Schlüssel sein!“

Als der Name Bowen fiel, wurde es plötzlich ganz still im Raum. Sichtlich aufgewühlt starrte Doc Shadow an. Ob sie in dem Moment an die Umstände dachte, unter denen sie mit Bowen den Schlüssel gefunden hatte? Sie hatte mir die Episode damals erzählt, auch den romantischen Teil. Ich biss mir auf die Lippen und hoffte, dass die Erinnerungen nicht zu schmerzhaft für sie waren. Beschwichtigend hob Shadow eine Hand und lächelte Jane beruhigend an.

„Es war wirklich einer der großen Zufälle, die im Leben passieren. Vielleicht war es auch Schicksal, dass ihr den Schlüssel gefunden habt? Es könnte auch sein, dass Moggovitor ihn dort für euch platziert hat. Es ist ihm erlaubt, zu lenken, aber niemals darf er aktiv eingreifen ohne ausdrücklichen Wunsch. Aber wer weiß das schon, letztendlich zählt nur, dass der Schlüssel, genau wie die Schachtel, in unserer Hand ist.“

Als Shadow das Wort übernommen hatte, setzte Jane sich wieder und rückte näher zu Sam. Innerlich atmete ich erleichtert auf, sie schien endgültig über Bowen hinweg zu sein. Jetzt lauschte sie, wie wir alle, gebannt Shadows Erklärungen, eine Hand lag vertraut auf Sams Arm.

„Duncan hat ihn mir gleich nach seiner Ankunft hier übergeben und ich habe in zunächst zu einigen anderen antiken Artefakten gelegt. Erst als Sweetlife mir von der Schachtel berichtete und mir ein genaues Bild von ihr übermittelt hatte, bemerkte ich die frappierende Ähnlichkeit der Muster und begann in meinen alten Schriften zu forschen. Da ich Magie spüren konnte, hatte ich sofort die kleinen feinen Schwingungen, die die Schachtel umgaben, gespürt. Nur bei dem Schlüssel regte sich nichts, er blieb ein toter Gegenstand.“

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„Diese Schriftzeichen sind nicht arabischen Ursprungs. Sie sind eine längst vergessene Sprache der Drachen. Diese Zeichen sind dem Arabischen sehr ähnlich und daher leicht zu verwechseln, sie haben aber eine vollkommen andere Bedeutung. Dennoch konnte ich sie entschlüsseln!“ Er schrieb mit seiner eleganten, etwas altertümlichen Schrift nur einen Satz an die Flipchart.

„Im Inneren liegt der Schlüssel zum Erfolg, auf die eine oder andere Art.“

Mh, das war aber nicht sehr spektakulär. Ich hatte mit einem schwerlösbaren Rätseln gerechnet, umständlichen Hinweisen, komplizierten Wortspielen, etwas in der Art.

„Na, das ist ja nicht schwer“, bemerkte ich, „das Herz ist ja in der Schachtel. Aber der Schlüssel passt trotzdem nicht, er bleibt nun mal zu groß.“

„Geduld. Was für die Schachtel gilt, gilt auch für den Schlüssel, denn auf beiden sind ja dieselben Zeichen.“

Shadow nahm den Schlüssel, drehte zu unserem Erstaunen den Griff ab, und ließ aus einem Hohlraum eine Art pechschwarze, zweizackige Cocktailgabel, halb so groß wie mein kleiner Finger, auf den Tisch gleiten. Er nahm die Gabel auf und hielt sie hoch, damit sie jeder sehen konnte.

„Fein poliertes Obsidian. Seht euch nur die einzigartigen Muster auf den Zinken an, die Unebenheiten, eine hervorragende Arbeit eines unbekannten Künstlers. So etwas ist äußerst selten – und sie passen genau in das kleine Schloss.“

Augenblicklich wurde es unruhig in dem Raum. Woher wollte er das so genau wissen?

„Natürlich konnte ich das nicht praktisch prüfen, ohne den Drachen zu wecken. Aber, ich habe da so meine Methoden. Das ist der richtige Schlüssel!“, versicherte er abschließend und legte ihn in gebührendem Abstand zu der Schachtel wieder auf den Tisch. Er ließ uns einen Moment Zeit das Gehörte sacken zu lassen. Shadow und seine Geheimnisse, dachte ich schmunzelnd, aber ich glaubte und vertraute ihm. Duncan lehnte sich zurück und streckte seine langen Beine aus.

„Jetzt wissen wir das Wie, aber noch nicht das Wo“, warf ich zweifelnd ein.

„Dazu komme ich jetzt“, sagte Shadow, öffnete in aller Ruhe eine Flasche Wasser und trank ein paar Schlucke. Oh, er verstand es wunderbar, uns auf die Folter zu spannen, dachte ich und rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Mit einem überlegenen Lächeln fuhr er endlich fort.

„Dungeon hat sich nach seiner Niederlage in Peru und der Vernichtung der Klone zunächst an einen unbekannten Ort zurückgezogen, um seine Wunden zu lecken. Nur Battle, sein schwarzer Magier und seine Kumpanen, waren in seinem Namen ziemlich aktiv – wie ihr ja wisst.“

Oh ja, wenn ich nur an den Angriff auf Duncan in Le Havre dachte, lief mir immer noch ein kalter Schauer über den Rücken.

„Nun ist es einem unserer Agenten, der eine der Spuren verfolgt hatte, gelungen, ihn auf Sizilien zu orten. Er hat sich wahrscheinlich in eine der zahlreichen Nebenhöhlen des Ätnas zurückgezogen. Wo genau, ist uns leider nicht bekannt. Aber er ist noch dort. Eure Aufgabe wird es nun sein, ihn aufzuspüren und ihn zusammen mit dem Inhalt der Schachtel in die glühende Lava zu werfen. Das wäre nicht nur seine endgültige Vernichtung, sondern auch die seiner Anhänger. Er hat sie so fest an sich gebunden, dass sein Tod auch der ihre bedeuten würde.“

Ein paar Sekunden war es totenstill, dann brach ein wahrer Begeisterungssturm los. Jubelnd klatschten wir uns gegenseitig ab und trommelten auf den Tisch. Na, das waren ja mal gute Neuigkeiten! Wir hatten einen Anhaltspunkt, endlich ging es wieder in die Schlacht! Wir alle waren mehr als bereit und brannten darauf, dem elenden Mistkerl gehörig in seinen geschuppten Hintern zu treten und ihn ein für allemal zur Strecke zu bringen! Okay, das mit der Lava würde nicht so einfach werden, aber für alles gab es schließlich einen Plan! Mit einem grimmigen Lächeln stand Duncan auf und wandte sich an Shadow.

„Gib mir eine Stunde, dann habe ich das Team zusammen und einen todsicheren Plan.“ Shadow erwiderte sein Lächeln und nickte.

„Nichts anderes habe ich erwartet“, sagte er vertrauensvoll und klopfte ihm auf die Schulter, dabei funkelten seine Augen dämonisch wie flüssiges Silber, sein Enthusiasmus war ansteckend.

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Sweetlife vertraute ihm offenbar auch, denn sie verabschiedete sich mit herzlichen Worten und mit dem Hinweis, dass wir in Verbindung bleiben. Sie hatte wie immer noch einen dringenden Termin.
Als der Monitor wieder automatisch auf Standby schaltete, öffnete sich die Tür mit einem leisen Zischen.

„Ah, da ist ja auch schon Mary. Sie hat einen kleinen Imbiss für euch vorbereitet. Habt ihr noch Fragen?“

Wir sahen uns an und zuckten mit den Schultern. Eigentlich war alles soweit klar… nur ich hatte eine Frage, aber die hatte nicht wirklich etwas mit dem Fall hier zu tun und konnte noch ein bisschen warten.

„Nicht? Gut, dann werde ich mich jetzt mit Mythos zurückziehen und euch das Feld überlassen.“ Shadows Lächeln war äußerst befriedigend, als er vom Tisch zurück trat, um Mary Platz zu machen. Ich wartete also geduldig, bis Mary die Platten mit Sandwiches und kleinen Snacks auf dem Tisch verteilte und jedem mit vielsagendem Blick eine Servierte in die Hand gedrückt hatte. Nachdem sich die Tür hinter ihr, Shadow und Mythos lautlos geschlossen hatte, platzte ich mit meiner Frage heraus.

„Wer ist Jean Claude?“

Doc nickte zustimmend neben mir.

„Oh ja, das würde ich auch gerne wissen.“

Plötzlich wirkten die Jungs seltsam verlegen, drucksten herum und waren auf einmal sehr beschäftigt mit so wichtigen Sachen wie die Flaschen auf dem Tisch neu zu ordnen oder lose Blätter und Stifte auf dem Tisch hin und her zu schieben. Wie aufs Stichwort flackerte auf einmal der Monitor und ein gutaussehender Mann erschien, der mit melodischer tiefer Stimme und mit einem leichten französischen Akzent zu sprechen begann.

„Cyrus mein Lieber, bist du wohlbehalten angekommen?“ Doc und ich starrten den hinreißend attraktiven Mann auf dem Monitor mit großen Augen an. Er war circa 1.80 cm groß, schlank, hatte blauschwarze Locken, die ihm offen bis zur Taille reichten und unverschämt tiefblaue Augen. Sein Gesicht war schon fast zu makellos für einen Mann. Seine schönen sinnlichen Lippen hatte er zu einem lasziven Lächeln verzogen, so dass die Spitzen seiner Eckzähne aufblitzten. Er stand lässig angelehnt an einer glänzenden Metallstange, die bis zur Decke reichte. Mit blankem Oberkörper und nur mit einem schmalen Lederetwas um die Hüften. Seine Stiefel glichen denen von Cyrus, sie gingen auch bis weit über die Knie, nur fehlten die unzähligen Schnallen. Ich vermutete, dass sie aus feinstem Wildleder gearbeitet waren, denn sie schmiegten sich wie eine zweite Haut um die Beine und ließen einen schmalen Streifen seiner nackten Oberschenkel frei. Höchst interessant war auch der Hintergrund. Der Mann schien sich in einer Art Bar aufzuhalten, wohl eher in dem Stripclub, den Cyrus erwähnt hatte. Dank moderner Technik konnten wir den ganzen Raum überblicken. Das Licht war schummrig, die Musik wummerte und… holla, an eben diesen langen Stangen, die in dem Raum verteilt angebracht waren, räkelten sich aufreizend, mehr oder weniger, halbnackte gutgebaute Männer, nur mit schmalen Lederstreifen bekleidet, die notdürftig die strategisch wichtigen Punkte bedeckten. Brillant in Szene gesetzt von Spotlights, die an ihren glänzenden Körpern auf und ab wanderten. Unwillkürlich beugten Doc und ich uns weiter über den Tisch, näher zum Monitor.

„Wow!“, hauchten Doc und ich im Chor. Das musste ein Stripclub für Frauen sein. Denn das Publikum war, soweit wir das erkennen konnten, ausschließlich weiblich. Wow, sowas gab es in Kanada?

„Das ist Jean Claude… wie er leibt und lebt!“, bemerkte Cyrus trocken und verdrehte die Augen. Dieser zwinkerte uns schamlos aus halbgesenkten Lidern zu und ließ eine Reitgerte geschmeidig durch seine langen Finger gleiten, bevor er mit der Spitze wedelte und auf uns zeigte.

„Warum hast du mir verschwiegen, dass ihr zwei so reizende Schönheiten in eurer Bruderschaft habt, mein lieber Cousin?“ Doc streckte einen Arm über den Tisch und wedelte mit der Hand ohne die Augen von dem Monitor zu nehmen.

„Tiago? Kann ich was von deiner Cola haben? Mir ist so warm…. Sind das aber hohe Stiefel.“ Ich griff nach dem Blatt Papier, das vor mir lag und wedelte mir Luft zu.

„Ist die Klimaanlage kaputt? Puh, ist das heiß hier! Guck mal Jane, der Blonde ganz links… also der kann sich ja verrenken. Noch ein bisschen tiefer und ihm verrutscht die….“

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„DEMETRI!“, brüllte Duncan laut. Plötzlich war der Bildschirm wieder schwarz. Oh schade, gerade wo es interessant wurde. Doc und ich zogen einen Flunsch und blickten zu Demetri. Der zuckte mit den Schultern und hob entschuldigend beide Hände.

„Sorry, muss ein Übertragungsfehler gewesen sein.“ Ja klar! Jane und ich grinsten uns an. In ihren Augen funkelte der Schalk.

„Jungs, wie wäre es, wenn wir, natürlich erst nachdem wie den Drachen erledigt haben, eine Reise nach Kanada machen würden?“, fragte Doc. Ihre Stimme klang nicht nur schwer begeistert, sondern hatte auch einen klitzekleinen doppelzüngigen Unterton.

„Nein!“

Waren das Sam und Duncan? Oder alle Jungs gleichzeitig? Als Sam und Duncans tiefes Knurren und unser Kichern langsam abklangen, entspannten sich alle wieder und unterhielten sich leise, dabei verputzten wir Marys köstlichen Sandwiches. Duncan setzte sich zu Demetri und machte sich Notizen. Er arbeitete sehr konzentriert an dem Plan. Verträumt betrachte ich ihn leise seufzend. Wie er wohl mit solchen Stiefeln aussehen würde? Bestimmt umwerfend. Auch so ein winziges Lederetwas stände ihm bestimmt super gut. Meine Fantasie machte gerade große Sprünge, riesengroße. Schnell schob ich mir den letzten Bissen in den Mund und griff wieder zu dem Blatt Papier.
Duncan brauchte nicht mal eine halbe Stunde, als er sich mit nachdenklicher Miene wieder neben mich setzte, mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn gab und sich wortlos die Platte mit den letzten Sandwiches heranzog, die er genüsslich verschlang. Geistesabwesend streichelte er mir dabei mal über meinen Arm oder meine Hand. Obwohl ich vor Ungeduld und Neugierde fast platzte, verkniff ich mir, ihn anzusprechen und ließ ihn in Ruhe seinen Gedanken nachhängen, auch wenn es mir verdammt schwer fiel. Die anderen schienen an seine Schweigsamkeit in solchen Fällen gewöhnt zu sein, denn sie warfen ihm nur einen flüchtigen Blick zu, ohne ihre Gespräche zu unterbrechen und ignorierten ihn dann wieder.
Endlich spülte er die letzten Bisse mit einer Cola runter, putzte sich artig den Mund mit seiner Servierte ab, die ich ihm stumm reichte und warf sie auf die leere Platte. Dann schlug er mit der flachen Hand kurz auf den Tisch.

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Sofort verstummten die Gespräche und alle Augen waren auf ihn gerichtet.

Zuerst müssen wir wissen, ob es etwas Neues von der Trollfront gibt. Leif?

Leif schüttelte bedächtig seine blonde Mähne.

Nein, alles Ruhig. Eigentlich verdächtig ruhig, aber hier in Schottland halten sich auch nur noch sehr wenige auf. Ich mache mich gleich wieder auf den Weg und werde meine Augen und Ohren aufhalten. Ich werde euch benachrichtigen, wenn sich etwas regt.

Duncan nickte flüchtig und sprach gleich weiter.

Gut. Jetzt zum Team. Angie, Jane, Cyrus, Jean, Tiago, Eric, Sam und ich werden morgen Früh mit dem Heli nach Sizilien fliegen und außerhalb von Maletto landen, ganz in der Nähe der Basis, in der unser Agent schon auf uns wartet. Dort ist auch einer der geheimen Zugänge zu dem Vulkan. Sam, du wirst den Heli fliegen.

Der Angesprochene nickte sofort zustimmend. Seine funkelnden Augen waren ernst und konzentriert auf Duncan gerichtet, während er Docs Hand nicht losließ. Sie hatte gut gewählt, offensichtlich war er ein Mann mit vielen Talenten.

Angie und Jane, ihr seid für den Schutzzauber der Schachtel zuständig und werdet ihn zur gegebenen Zeit außer Kraft setzten. Eric wird vor Ort mit Demetri verbunden bleiben. Jean und Tiago, ihr beiden Spürnasen macht Dungeon in dem Vulkan ausfindig. Cyrus, du kannst sie unterstützen und wirst Fernandos Stelle als Heiler einnehmen. Doc wird dich unterstützen. Unsere weitere Vorgehensweise klären wir dann vor Ort. Fragen?

Was ist mit Waffen?“, warf Eric ein.

Nur die eigenen. Alles andere ist schon in der Basis.

Jean der Waffenmeister zeigte mit dem Daumen nach oben, ein kurzes zustimmendes Kopfnicken der anderen… das war´s auch schon mit der Besprechung. Hoppla, das war aber kurz und knapp. Ein bisschen verwirrt standen auf. Jane sah mich an und ich konnte auch nur ratlos mit den Schultern zucken. Vermutlich erinnerte sie sich gerade, genau wie ich, an unsere Teambesprechungen auf der Insel. Da ging es jedes Mal wesentlich lauter und lustiger zu, auch wurde jedes Detail bis ins Kleinste diskutiert. Aber das gehörte nun der Vergangenheit an. Offenbar waren wir jetzt also offizielle Mitglieder der Bruderschaft, ohne viel Tamtam und das ganze Brimborium einer feierlichen Aufnahme. Oh, und ebenfalls ohne schmerzhafte Stechen eines Orchideen-Tattoos, dem Zeichen der Bruderschaft. Mir konnte es nur Recht sein. Die Jungs standen noch um den Tisch herum und schienen auf etwas zu warten. Duncan erwiderte meinen fragenden Blick und plötzlich verzogen sich seine Mundwinkel zu einem unheimlichen Lächeln.

Also los, Brüder… und Schwestern! Heizen wir dem Mistkerl ordentlich ein!

Duncan reckte seine geballte Faust in die Mitte und wir berührten sie unaufgefordert mit unserer. Ein lauter Schlachtruf aus allen Kehlen bekräftigte unsere Absicht den Drachen endgültig in den Schlund der Hölle zu schicken. Kurz darauf verabschiedete sich Leif hastig und verließ den Raum, auch der Rest verstreute sich. Nur Duncan, Doc, Sam, Demetri und ich blieben noch. Duncan ging zu Demetri und beugte sich über die Tastatur um etwas einzugeben, als Jane Sam hastig etwas ins Ohr flüsterte und mich dann mit besorgtem Gesichtsausdruck und einer gemurmelten Entschuldigung in Duncans Richtung auf die Seite zog.

Wie stellt Duncan sich das eigentlich vor?“ flüsterte sie, als wir mit dem nötigen Abstand zu den Jungs in einer Ecke standen, „woher sollen wir wissen, welches der richtige Spruch ist? Drachenmagie ist sehr kompliziert, wie du weißt. Dagegen war die Sache in Peru, als wir gemeinsam den Magier eliminiert haben, ein Kinderspiel. Denk doch nur mal an das Malheur mit Ef-Ef… wenn da was schief geht… nicht auszudenken!

Verdammt, sie hatte Recht. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht! Mit Drachenmagie kannte ich mich nicht besonders gut aus, obwohl einige zu meiner Familie gehörten. Sie war einfach zu komplex. Wir durften uns nicht den kleinsten Fehler erlauben. Aber ich hatte schon eine Idee, wer uns da helfen konnte. Beruhigend klopfte ich ihr auf den Arm und ging zurück zu Duncan.

Ich habe mit Doc noch etwas zu erledigen, mein Schotte. Wir treffen uns dann später in der Villa, ja?“ Duncan sah auf und küsste mir flüchtig auf die Stirn.

Seite 159

Schon gut, ich habe mit Sam und Demetri auch noch Einiges zu besprechen.

Schon beugten er und Sam sich wieder zu Demetri, und ich machte mich mit Doc auf zu Shadows Gemächern. Natürlich hätten wir den Aufzug benutzen können, der uns direkt von dem Konferenzraum zu Shadow gebracht hätte. Doch ich fand den anderen Weg viel amüsanter. Unterwegs zur Villa erzählte ich ihr die Geschichte von dem Geheimgang und meiner ersten Begegnung mit Shadow. Kichernd liefen wir durch den Gang und stolperten dann durch die Geheimtür, geradewegs in den großen Saal mit der wunderschönen Kuppel. Jane blieb abrupt stehen und sah sich um.

Wow… du hast recht! Das ist ja wirklich beeindruckend!

Da ich mich hier schon bestens aus kannte, überließ ich sie einen Moment ihrer Begeisterung und suchte unterdessen nach Shadow. Der saß in trauter Zweisamkeit mit Libell vor dem Kamin und trank Tee. Er hatte uns natürlich schon bemerkt und sprang sofort auf. Mit einem einladenden Lächeln eilte uns entgegen. Libell folgte ihm nur zögernd und blieb in einigen Metern entfernt abwartend stehen. Neugierig musterte sie erst mich, dann Doc. Ach ja, die beiden kannten sich noch nicht persönlich, sondern nur aus meinen Erzählungen. Nachdem ich die beiden rasch einander vorgestellt hatte, unterrichtete ich Shadow von der Teambesprechung und erklärte ihm unser Dilemma. Er überlegte kurz und rieb sich nachdenklich das Kinn. Dann schnippte er mit den Fingern und führte er uns in einen abgelegenen Teil seiner riesigen Bibliothek. Er blieb vor einem recht unscheinbaren kleinen Schrank stehen, der mir eigentlich noch nie aufgefallen war und öffnete die schlichte Glastür. Mit einer Handbewegung forderte er uns auf, näher zu treten.

Ich bin mir sicher, dass ihr hier fündig werdet. In diesem Schrank befindet sich ein Buch, das von Druiden und Hexen zusammen geschrieben worden ist. Es gilt als das einzige noch verbliebene Exemplar dieser Art und ist sehr alt.

Wie bitte?!

Euren ratlosen Minen entnehme ich, dass ihr von dem Buch noch nie gehört habt. Wundert euch nicht, es galt lange als verschollen und ist irgendwann in Vergessenheit geraten. Aber es enthält mehrere aufschlussreiche Kapitel über Drachenmagie. Ihr könnt es in aller Ruhe studieren und wenn ihr meine Hilfe braucht, zögert nicht. Ich bleibe in der Nähe“, fügte er schmunzelnd hinzu.

Mit einer leichten Verbeugung zog er sich mit Libell wieder zurück.

Vielen Dank“, murmelte Doc abwesend und strich mit beiden Händen und leuchtenden Augen über den Einband.

Sie war schon in ihrem Element und hatte alles andere um sich herum ausgeblendet. Das Buch war so groß und schwer, dass wir das riesige Monstrum, dessen Inhalt gebunden in gegerbtem Leder sicher aufbewahrt wurde, nur zu zweit bewegen konnten. Der Buchdeckel war noch zusätzlich mit schweren Eisenbeschlägen und kunstvollen Riegeln verziert, die das Gewicht noch mal enorm in die Höhe trieben. Oh Himmel, war der Schrank eigens um dieses Buch herum gebaut worden?

Vampir müsste man sein“, presste ich zwischen den Zähnen hervor, als wir es zusammen auf ein Lesepult direkt neben dem Schrank wuchteten.

Trotz seines hohen Alters war es erstaunlich gut erhalten und zeigte keinerlei Gebrauchsspuren. Zum Glück war es mit keinem Zauber umgeben und so hatten wir keine Schwierigkeiten die Riegel in die richtigen Richtungen zu schieben, um das Buch zu öffnen. Neugierig schlug Jane die erste Seite auf.

Oh Mist… das gibt´s doch nicht! Und was machen wir nun?“ flüsterte ich entsetzt, nachdem wir einige Zeit stumm auf die sehr fremdartigen Schriftzeichen und Symbole gestarrt hatten.

Genau… Mist!“, stimmte Jane mir grimmig zu, „ich kenne ja schon viele Schriftzeichen, aber diese hier sind mir vollkommen unbekannt.

Kopfschüttelnd fuhr sie mit dem Zeigefinger immer wieder ratlos über die geheimnisvollen Zeichen. Es war zum Verzweifeln! Wie sollten wir in so kurzer Zeit es schaffen, diese Zeichen zu entziffern und auch noch das ganze Buch durchackern, um den richtigen Spruch zu finden? Ohne Hilfe waren wir aufgeschmissen. Seufzend sah ich mich nach Shadow um und zuckte leicht zusammen, als eine Hand sich beruhigend auf meine Schulter legte. Er schien unser Dilemma bemerkt zu haben und war lautlos hinter uns getreten.

Oh Verzeihung, ich vergaß… diese Schriftzeichen wurden eigens für das Buch erschaffen. Ihr könnt sie gar nicht kennen, tut mir leid.

Nur zu gerne machten wir ihm Platz und konnten dann nur staunen, als er über das Buch gebeugt scheinbar mühelos die Seiten überflog. Nach nur wenigen Minuten hob er den Kopf und lächelte siegessicher.

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Es ist gar nicht so schwer wie es aussieht. Man nehme einige altgriechische Schriftzeichen, römische, germanische Runen, ägyptische Hieroglyphen, etwas von den Mayas, den Kelten, ein bisschen Asiatisches, kombiniere die uralten Zeichen an den richtigen Stellen mit den Neueren, befolge einen bestimmten Rhythmus und schon hat man… was ist?

Doc starrte immer noch ratlos auf das Buch und ich rollte mittlerweile gereizt mit den Augen. Das war jetzt nicht sein Ernst, oder? So ein Blabla!

Oh Shadow, bitte! Zeig uns einfach, wo das mit der Drachenmagie steht und übersetzte es für uns, Ja?!“ forderte ich ihn ungeduldig auf.

Er lächelte ein wenig nachsichtig über meine Ungeduld, murmelte eine Entschuldigung und machte sich ans Werk. Er bemühte sich erst gar nicht, uns die Zeichen zu erklären, sondern suchte gleich nach dem Kapitel mit der Drachenmagie. Es dauerte auch nicht lange und er hatte gefunden, was wir brauchten. Den Spruch, oder vielmehr die richtige Kombination von verschiedenen Sprüchen, war schnell übersetzt und wir prägten sie uns auch sofort ein. Trotzdem schrieb Doc sie sicherheitshalber auf. Die ganze Aktion hatte kaum etwas mehr als eine Stunde gedauert. Erleichtert atmete ich auf, zumindest eine Hürde war geschafft! Ich umarmte Shadow.

Vielen Dank. Du bist der Größte!

Es war mir ein Vergnügen“, sagte er schmunzelnd und drückte mich kurz an sich. Dann gab er mich wieder frei und wandte sich an Doc.

Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen gerne die Zeichen bei einer Tasse Tee …

Oh nein, dafür haben wir keine Zeit. Wir haben noch viel zu tun!“ unterbrach ich ihn schnell und kassierte von Doc einen irritierten Blick.

Hastig stopfte ich den Zettel in meine Hosentasche und griff nach ihrer Hand.

Los, komm schon! Wenn alles vorbei ist, kommen wir wieder hierher“, versprach ich ihr, als ich sie fast gewaltsam von dem Buch wegzerren musste.

Fortsetzung folgt…
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Wer mehr von dem Online-Roman „Seitensprung der Sisterhood“ lesen möchte, findet die Kapitel 1 bis 9 von Angie und die Kapitel 1 bis 3 von Doc Jane hinter den Links.

Nachdem das Schicksal und die turbulenten Ereignisse die beiden Protagonistinnen Angie und Doc Jane auf dem Anwesen der Bruderschaft in Schottland wieder zusammengeführt hat, bestreiten sie gemeinsam den alles entscheidenden Kampf gegen ihren Erzfeind. Nur sie können die Welt retten und den gefürchteten Drachen besiegen. 😉

Um einen kleinen Einblick in die Story zu gewähren, nachfolgend die Legende mit den wichtigsten Mitwirkenden:

Auf dem Anwesen
Shadow: Gründer der Bruderschaft und „König“ des Anwesens. Ein Dämonenfürst und Vater von Angie.
Mythos: Shadows rechte Hand. Ein Dämon.
Demetri: Computergenie und zuständig für Recherchen. Dämon der Sinne
Dr. Home: Arzt und Wissenschaftler. Ein Mensch und aus unerklärlichen Gründen unsterblich.
Igor: Schweigsamer Assistent des Doktors. Spezies unbekannt.
Libell: Feenprinzessin und Stiefschwester von Leif
Leif: Agent der Bruderschaft. Eine Fee.
Ikarus: Pilot und Gestaltwandler.
Mary: Haushälterin und seit vielen Jahren die gute Seele im Haus der Ordensbrüder. Spezies unbekannt.
Henry: Zuständig für den Fuhrpark der Bruderschaft, Mechaniker und Autofreak. Ein Zwerg.
Polly: Lebt in der Stadt der Zwerge mit ihrer Familie. Freundin von Angie und eine Hexe.
Sam: Ein Engel und Gefährte von Doc Jane

Mitglieder des Ordens der schwarzen Orchidee
Duncan: Vorsitzender. Vampir und Gefährte von Angie
Cyrus: Werwolf und Heiler.
Tiago: Werwolf und zuständig für das Catering. Bester Kaffee ever…
Jean: Werwolf und Kapitän der Seraphim (Yacht)
Eric: Werwolf und Verbindungsoffizier
Tim: Werwolf und neuer Waffenmeister
Bones: Vampir und Konstrukteur. Gefährte von Kate
Fernando: Vampir und Heiler. Gefährte von Lilli
Gavin: Feuerelfe und Trainer. Gefährte von Lucy
Drago: Drache und Gestaltwandler. Undercoveragent und Gefährte von Kerstin

Aktive Mitglieder der Sisterhood
Doc: Merküre, Druidin und Heilerin, Tochter von Merlin.
Angie: Hexe und Dämonenhalbblut, Tochter von Shadow
Sweetlife: Chefin der Sisterhood. Halbgöttin und mehr…
Ef-EF: Dämon mit französischem Akzent in Gestalt eines Hamsters.

Nur die Besten der Bruderschaft schaffen es nach jahrelanger, harter Ausbildung in den Orden der schwarzen Orchidee. Sie sind die Elite der Bruderschaft und ausgezeichnete Kämpfer.
Alle können dank genetischer Manipulation im Mittelalter bei Tageslicht existieren und haben den Blutdurst besiegt. Ein Sekret in ihren Fangzähnen sorgt für sexuelle Stimulation. Ihre übernatürlichen Fähigkeiten dagegen sind ausgeprägter. Die Werwölfe verspüren nicht mehr den Drang sich bei Vollmond zu verwandeln. Sie haben sich unter Kontrolle … meistens. 😉

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Seitensprung der Sisterhood

Kapitel 9
Die Ruhe vor dem Sturm

Duncan hatte gerade den Fußboden von den Scherben befreit und gesäubert, als ich schnell die Tischdecke in die Mülltonne beförderte und sein anzügliches Grinsen dabei großzügig übersah. Dann baute er sich, immer noch grinsend, in seiner ganzen Größe vor mir auf, hob mich hoch und setzte mich auf einen Stuhl vor den Tisch.
„Okay, mein Herz, du rührst dich nicht von der Stelle und ich werde uns jetzt etwas zu essen zaubern… “ Mit gerunzelter Stirn inspizierte er den Inhalt des Kühlschranks.
„Es kann ja nicht so schwer sein, ein paar Omelettes hinzubekommen oder Steaks zu braten“, murmelte er vor sich hin und suchte willkürlich ein paar Zutaten zusammen und stellte sie auf die Arbeitsplatte.  Skeptisch beobachtete ich, wie er etwa ein halbes Dutzend Eier so ungeschickt aufschlug, dass ein Großteil auf der Arbeitsplatte landete und er leise fluchend den Rest in eine Glasschüssel warf. Als ich aufsprang und ihm ein Papiertuch reichte, sah er mich nur finster an.
„Oh nein, mein Schatz, du bleibst sitzen! Ich schaffe das schon. Immerhin habe ich schon mal gesehen, wie so etwas gemacht wird.“
Gut zu wissen, dachte ich nur und verbiss mir mühsam ein Lachen, während ich mich wieder auf meinen Stuhl sinken ließ. Als er eine Scheibe Schinken erst kritisch beäugte und sie dann komplett in die Schüssel zu den Eiern warf, kribbelte es mir in den Fingern helfend einzugreifen.
„Duncan, soll ich nicht vielleicht doch…“
„Nein! Ich werde doch wohl noch etwas zu essen für dich zubereiten können… verdammt!“ Verbissen versuchte er mit einer kleinen Reibe dem Käse einige Stückchen zu entlocken, ohne sich dabei die Haut von den Fingern zu hobeln. Ich hielt mich zurück und blickte schnell aus dem Fenster. Schade, seufzte ich leise, es regnete noch in Strömen. Also wurde es wohl vorläufig nichts mit unserem Strandspaziergang. Wieder fluchte er leise. Er hatte mit dem Schneebesen die Eier so schwungvoll aufgeschlagen, dass er mit dem Ellbogen die Tüte mit der Milch umstieß. Diese fiel auf die Tomaten, von denen einige das Weite suchten und auf dem Boden landeten. Ich hob sie schnell auf und legte sie außerhalb seiner Reichweite zurück auf die Arbeitsplatte. Dann zog ich schnell die Pfanne, aus der schon verdächtiger Rauch aufstieg, von der heißen Herdplatte und schaltete sie aus. Der Dunstabzug übernahm den Rest. Bevor er etwas sagen konnte, tätschelte ich aufmunternd seine Schulter.
„Ich weiß, mein Großer… du schaffst das schon!“
Er kniff die Augen zusammen und verfolgte mich mit seinem finsteren Blick, als ich mich mit unschuldiger Miene wieder setzte. Dann nickte er und widmete sich wieder seiner Schüssel. Jetzt war er vorsichtiger und schob sie nach einer Weile zur Seite, um sich mit dem Salat zu beschäftigen. Es war schon ein Bild für die Götter, wie dieser sonst mit einem Schwert geschickt hantierende Krieger mit einem kleinen Messer kämpfte, um eine Zwiebel zu schälen und sie in kleine gleichmäßige Würfel zu schneiden. Ach, ich liebte ihn dafür, dass er sich so abmühte, nur um für mich eine Mahlzeit zuzubereiten. Seufzend sah ich verstohlen auf die Uhr. Ich gab ihm noch genau 10 Minuten, dann wollte ich übernehmen!
Um mich bis dahin von der mittelschweren Katastrophe, die er veranstaltete, abzulenken, griff ich mir mein Black Beauty, um die eingegangenen Nachrichten abzurufen. Es war nur eine. Libell hatte mir eine SMS geschickt. Bin bei Freunden und werde dort auch übernachten. Melde dich, wenn die Luft wieder rein ist 😉
Lachend las ich Duncan die SMS vor und schickte Libell nur einen Smiley zurück. Danach telefonierte ich mit Shadow, um ihn auf den neusten Stand zu bringen. Ich teilte ihm mit, dass wir erst morgen zurückkehren würden.
Ein unterdrückter Schmerzschrei ließ mich hochschrecken. Duncan grinste mich sogleich entschuldigend an und hielt mir seine Hand hin.
„Nichts passiert, die Wunde schließt sich schon wieder, siehst du?“ Er hatte sich mit einem scharfen Messer, mit dem er die Tomaten häuten wollte, fast die Fingerkuppe abgeschnitten! Aber die Wunde schloss sich tatsächlich binnen Sekunden vor meinen Augen. Trotzdem. Das reichte!

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Ich verdrehte die Augen, stand auf und drückte ihm das Handy in die Hand und ihn auf den Stuhl.
„Shadow… für dich“, sagte ich knapp, und als er protestieren wollte, hob ich nur drohend den Zeigefinger und küsste ihn auf die Nasenspitze.
„Kein Blutbad mehr, oder willst du, das ich vor Hunger sterbe? Also! Und wenn du ganz brav bist, darfst du auch den Tisch decken.“ Zum Glück forderte Shadow seine ganze Aufmerksamkeit und ich konnte mich endlich um das Essen kümmern.
Schnell hatte ich mit wenigen Handgriffen sein Chaos beseitigt. Als ich den Salzstreuer und einige Schalestückchen aus der Schüssel mit den Eiern fischte, beschloss ich spontan, es bei Salat, Steak und Brot zu belassen.
Duncan sprach sehr lange mit Shadow. So konnte ich meinen eigenen Gedanken nachgehen, während ich den Salat zubereitete und die Steaks briet. Doc kam mir in den Sinn. Ich hatte schon lange nichts mehr von ihr gehört. Komisch… ob sie wohl über die Ereignisse in Glasgow Bescheid wusste? War sie noch in Irland, und wer war dieser geheimnisvolle Typ, mit dem Ikarus sie gesehen hatte? Und wie war es meinen anderen Schwestern in der Zwischenzeit ergangen? Die Antworten wollte ich mir später holen, wenn wir wieder zurück in Schottland auf dem Anwesen waren.
Duncan hatte sein Gespräch mittlerweile beendet und richtete mir noch schöne Grüße von Jean und Tiago aus. Als ich mit meinen Vorbereitungen fast fertig war, entdeckte ich noch einen kleinen Käsekuchen im Kühlschrank, den ich mit frischen Früchten garnierte. Duncan verfolgte mich mit seinen ungläubigen Blicken.
„Bei dir sieht das so leicht aus… woher kannst du das?“, fragte er und setzte sich an den Tisch.
Ich zuckte nur mit den Schultern und stellte die Tomaten, die ich ausgehöhlt und mit Käse und Kräutern gefüllt hatte, in eine kleine Auflaufform, um sie für einige Minuten unter den Grill zu schieben.
„Gwen hat es mir beigebracht. Sie hat darauf bestanden und gemeint, dass auch in modernen Zeiten eine Frau kochen können sollte.“ Ich schnitt das Brot auf und stellte es mit der Salatschüssel auf den Tisch, den er mittlerweile gedeckt hatte. Sogar einen Kerzenleuchter aus Kristall hatte er gefunden und das Licht der Kerze spiegelte sich in dem feinen Porzellan wieder.
„Besonders, wenn sie auf einen eifrigen und zu allem entschlossenen Vampir trifft, der zwar gutaussehend und sexy ist und noch dazu ein großer Krieger, aber auch stur wie ein Maulesel sein kann und in der Küche eine absolute …“ Kichernd landete ich in seinen Armen. Er hielt mich fest, zog mich auf seinen Schoß und sah mich brummig an. Doch seine Mundwinkel zuckten.
„Sei still, Frau“, sagte er streng und verschloss mir den Mund mit seinen Lippen. Ein Nerv tötendes Piepen drang wenig später langsam in mein Bewusstsein. Oh, die Tomaten waren fertig. Seufzend befreite ich mich widerwillig aus seinen Armen und stand auf.
Als endlich alles auf dem Tisch stand, machten wir uns heißhungrig über die Köstlichkeiten her. Es erstaunte mich immer wieder, welche Mengen er in kürzester Zeit verdrücken konnte. Schmunzelnd sah ich zu, wie er seinen Teller mit einem Stückchen Brot sauber wischte. Dann zog er den Käsekuchen zu sich und bevor ich empört protestieren konnte, begann er, mich breit grinsend mit dem Leckerbissen zu füttern.
„Habe ich mich eigentlich schon bei dir bedankt?“, fragte er und schob mir eine kleine Erdbeere in den Mund. Kauend nickte ich.
„Ich glaube, nach dem dritten oder vierten Mal habe ich aufgehört zu zählen“ , antwortete ich und zwinkerte ihm dabei zu.
Nach dem zweiten Stück winkte ich dankend ab und er machte sich über den Rest her. Er ließ nur ein paar Krümel übrig und lehnte sich mit gefalteten Händen über seinem Bauch zufrieden zurück.
In dem Moment riss die Wolkendecke auf und die Sonne kam hervor.
„Sieh´ doch mal, wie bestellt!“, rief er gut gelaunt, „ komm, lass uns raus gehen “. Spontan sprang er auf, griff meine Hand und zog mich einfach hinter sich her zur Garderobe.
„Aber wir können doch nicht einfach… Duncan, so warte doch… sollten wir nicht erst wenigstens ein bisschen Ordnung schaffen?“
„Das kann warten. Wer weiß, wie lange sich das Wetter hält.“ Ach, recht hatte er. Libell kam nicht vor morgen wieder, und wer außer uns würde sich an der Unordnung stören?

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Als ich in meine Lederjacke schlüpfte und mir den Schlüssel, den Libell für uns auf dem kleinen Tisch an der Garderobe deponiert hatte, schnappte, stellte sich Duncan mir lächelnd in den Weg und schüttelte nachsichtig den Kopf.
„Was?“
Stimmte etwas nicht mit mir? Ich sah an mir herunter, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Ich hatte sogar meine Stiefel angezogen.
Er griff nach einer dicken unförmigen Daunenjacke, zog mir meine Lederjacke wieder aus und half mir in das riesige Ungetüm. Sie musste Libell gehören. Da sie viel größer war als ich, versank ich fast in der Jacke. Dann sah er mich prüfend an, schüttelte immer noch nicht ganz zufrieden den Kopf, setzte mir noch eine dicke Strickmütze auf und wickelte einen grobgestrickten Wollschal mehrmals um meinen Hals. Dann nickte er zufrieden, zog sich selber seine abgewetzte Lederjacke an und öffnete die Tür, um mich vorbei zu lassen. Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Das war jetzt nicht sein ernst, oder? Ich konnte mich kaum bewegen und kam mir wie das Michelin-Männchen vor!
„Und, wo sind die Hunde?“, fragte ich ihn etwas undeutlich, da der Schal meinen Mund bedeckte und mir bis knapp unter die Nase ging, mit übertriebener Begeisterung in der Stimme.
„Welche Hunde?“, Verdutzt sah er sich um.
„Na, die Schlittenhunde. Wir machen doch eine Polarexpedition, oder nicht?“ Er musterte mich aufmerksam von Kopf bis Fuß, dann blieb sein Blick an meiner ärgerlichen Miene hängen.
„Oh, tut mir leid, Angie,… zu viel?“
Ich nickte stumm und zog die viel zu warmen Sachen wieder aus und meine geliebte Lederjacke wieder an.
„Duncan, ich weiß ja deine Besorgnis zu schätzen, wirklich, und ich weiß, du meinst es nur gut. Aber ich bin nicht aus Zucker, okay?!“ Die letzten Worte kamen ein bisschen lauter als beabsichtigt rüber, aber wenn ich nicht langsam einen Riegel vor seine übertriebene Fürsorge schob, würde ich wahrscheinlich keinen Schritt mehr alleine machen können und wir würden ernsthafte Probleme bekommen.
Von seiner zerknirschten Miene und seinem reumütigen Blick ließ ich mich diesmal nicht beeindrucken, sondern küsste ihn schnell auf die Wange.
„Ich liebe dich, mein Schotte. Aber wir müssen mal dringend über einige Dinge reden, nur nicht heute, denn…“, ich schubste ihn aus dem Weg und sprintete los, „wer als letzter am Strand ist, muss den Abwasch machen!“
Ich kam nur einige Meter weit, dann blieb ich abrupt stehen. Wo ging es überhaupt zum Strand? Ich hatte keine Ahnung und suchte die Straße nach einem Hinweisschild ab. Weit konnte es nicht sein, denn das Meeresrauschen war ganz entfernt zu hören. Doch etwas anderes faszinierte mich plötzlich so, dass ich kaum bemerkte, wie Duncan neben mir auftauchte.
Die Straße war menschenleer und es war windstill. Die hohen Bäume, die rechts und links die Straße säumten, sahen mit ihrem herbstlich gefärbten Laub einfach wunderschön aus. Besonders als die Sonne mit ihren Strahlen auf die letzten Regentropfen an den Blättern trafen und sie wie tausende kleine Diamanten in allen Regenbogenfarben funkeln ließ. Ich stand wie gebannt mitten auf der Straße und seufzte leise. Es sah einfach zauberhaft aus, fast magisch. Ich lehnte mich an Duncan und zusammen betrachteten wir schweigend das märchenhafte Schauspiel. Als ich einen Arm um seine Taille legte, konnte ich den Griff der Pistole fühlen, die er sich in seinen Hosenbund gesteckt hatte. Meine Messer hatte ich gut in meinen Stiefeln versteckt. Wir konnten einfach nicht aus unserer Haut und waren immer auf der Hut.
Dann zeigte er auf ein kleines Schild am Ende der Straße, verbeugte sich mit einer fließenden Bewegung tief vor mir, nahm meine Hand und küsste sie. Sein verschlagender Blick, mit dem er mich dabei durch die Wimpern ansah, behagte mir gar nicht. Sein hämisches Lächeln auch nicht. Was hatte er vor? Ich wollte ihn gerade fragen, als er mich laut lachend wie ein Kind auf seine Arme hob und sofort mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit loslief.
Mir blieb noch nicht mal die Zeit zu schreien, geschweige denn mich zu wehren oder auch nur zu protestieren. Oh mein Gott, es musste wahnsinnig geworden sein! Ich krallte meine Nägel in seinen Arm, presste mein Gesicht fest an seine Brust und kniff die Augen zu.

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Er schien den Boden kaum zu berühren, als er die Geschwindigkeit noch steigerte… wenn das überhaupt möglich war. Ich klammerte mich so fest ich konnte und nach Atem ringend an seinen Körper. In meinen Ohren rauschte es laut und mein Magen drehte sich. Plötzlich hatte ich das Gefühl kurz zu schweben und schrie auf. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Er verminderte seine Geschwindigkeit, hielt an und stellte mich behutsam auf einen stark schwankenden Untergrund.
„Sind… sind wir noch in Frankreich?“flüsterte ich immer noch atemlos an seiner Brust und wagte nicht, mich zu rühren oder ihn loszulassen.
„Aber ja.“ Seine tiefe Stimme klang viel zu amüsiert für meinen Geschmack!
Zögernd öffnete ich die Augen und funkelte ihn böse an.
„Tu. Das. Nie. Wieder!“, keuchte ich und versuchte meinen Magen wieder unter Kontrolle zu bekommen, während ich mich weiter Halt suchend an seinen Arm klammerte, um nicht auf meinem Allerwertesten zu landen, denn nicht der Boden schwankte, sondern ich! Er strich mir sanft die Haare aus dem Gesicht und legte beschützend seine Arme um mich.
„Ach komm, Angie… so schlimm war es auch wieder nicht. Atme ein paar Mal tief durch, dann geht es wieder.“ Nicht so schlimm? Hatte er vergessen, dass ich so meine Probleme mit hohen Geschwindigkeiten hatte? Und das eben war… war kurz vor Lichtgeschwindigkeit! Er selbst war kein bisschen außer Atem, im Gegenteil, seine Augen funkelten vor Vergnügen, er wirkte glücklich und befreit.
„Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe, aber ich musste einfach laufen. Ich brauchte das. Ich lasse dich auch gewinnen und mache später freiwillig den Abwasch, ja?“ Seine warmen Lippen streiften meine Stirn. Sein Glück, dass ich mich schon wieder halbwegs erholt hatte. Ich knuffte ihn leicht in den Bauch.
„So leicht kommst du nicht davon, mein Lieber! Der Abwasch gehört mindestens die nächsten zehn Jahre dir.“
Ganz vorsichtig und langsam drehte ich meinen Kopf, um nicht wieder einen Übelkeit erregenden Schwindel zu riskieren und sah mich um.
„Wo sind wir überhaupt?“
Erstaunt bemerkte ich, dass wir mitten in einer kleinen, durch eine riesige Felswand geschützte Bucht, auf weichem, feuchtem Sand standen.
„Mir gefallen die Ruhe und die Abgeschiedenheit, denn hierher verirrt sich kein Tourist, auch die Einheimischen meiden diesen Ort seit Jahrhunderten. Dieses Fleckchen Erde lässt sich nur vom Meer aus erreichen. Weiter draußen ist ein Riff, das die hohen Wellen abhält. Ich komme immer hierher um abzuschalten. Und, gefällt es dir hier?“
Gefallen? Ich war begeistert! Diese ungewöhnliche Bucht, die so gar nicht an diese Küste passte, erinnerte mich ein wenig an unsere Insel. Es gab zwar nicht so viel Vegetation, aber der Sand war genauso fein und fast weiß, die Sonne schien von einem tief blauen Himmel auf uns herunter und es war ungewöhnlich warm, sodass ich meine Jacke öffnen konnte. Er nahm meine Hand und führte mich zu ein paar niedrigen Felsen vor der gigantischen Felswand. Sie waren nicht schwer zu überwinden und so kletterten wir mit Leichtigkeit etwas höher, bis wir einen schönen Platz gefunden hatten. Hier setzten wir uns auf ein paar Steine, die von der Sonne gewärmt waren. Von diesem erhöhten Aussichtspunkt hatten wir einen tollen Überblick über die ganze Bucht und das Meer. Duncan lehnte sich entspannt an die Felswand hinter uns und erzählte mir, wie er die Bucht gefunden hatte. Shadow hatte ihm schon vor über 100 Jahren von ihr erzählt und bis heute hatte sie sich nicht verändert.
„Aber wie ist das möglich, warum wurde sie nie entdeckt? Ich meine, so etwas bleibt doch in der heutigen Zeit nicht lange verborgen. Und so menschenleer scheint die Gegend ja nun auch nicht zu sein.“

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„Die Menschen können sie nicht wahrnehmen. Selbst mit den neusten technischen Gerätschaften nicht. Wenn du dich mal genauer umsiehst, wirst du feststellen, dass sich die Proportionen je nach Blickwinkel verschieben. Die Bucht wirkt dadurch viel kleiner, als sie in Wahrheit ist. Am besten siehst du es vom Strand aus. Zusätzlich ist sie noch durch ein magisches Band geschützt. Nur wer den Code kennt, kann sie betreten. So wie ich. Laut einer Legende war diese hier im vierzehnten Jahrhundert die Zuflucht einer Gruppe von Templern, die aus England flüchten mussten und vor der Küste auf das Riff aufgelaufen sind. Sie sind hier gestrandet und haben weiter hinten in eine Höhle gehaust, unsichtbar für ihre Feinde. So haben sie hier Dank ihres magischen Anführers, der diese Bucht in ein kleines Paradies verwandelt hat, einen ganzen Winter überlebt.
Du kannst es in einer Art Tagebuch in Shadows Bibliothek nachlesen. Und wie du weißt, steckt in jeder Legende ein Körnchen Wahrheit.“
Erstaunlich, wie… plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke.
„Lass mich raten. Der magische Templer war Shadow, stimmt´s?“ Als er nur lächelnd nickte, schüttelte ich verblüfft den Kopf. Shadow… mein Vater, überraschte mich immer wieder aufs Neue!
„Doch nun komm, meine kleine Hexe“, sagte Duncan und nahm meine Hand, „lass uns runter zum Strand gehen.“
Hand in Hand liefen wir lachend über den noch feuchten Sand, sammelten Muscheln und bizarr geformte Steine. Eine besonders schöne Muschel legte er mit einem Lächeln auf meine Handfläche. Ich betrachtete sie verwundert von allen Seiten. Sie hatte eine etwas seltsame Form und sah einer Art ähnlich, die eigentlich nur in der Südsee vorkam, aber mittlerweile erstaunte mich hier in der magischen Bucht nichts mehr. Vorsichtig umwickelte ich sie mit einem Taschentuch und steckte sie in meine Jackentasche. Sie würde mich immer an diesen Tag erinnern.
Die anderen kleine Steine und Muscheln warfen wir in die Wellen und sprangen lachend zurück, wenn die Wellen unseren Schuhen zu nahe kamen. Dann standen wir einfach nur da und beobachteten die Möwen und die Wellen, die an dem Strand leckten und ließen uns die leichte Brise um die Nase wehen. Tief atmeten wir die raue kühle Luft ein und genossen einfach das Hier und Jetzt.
Duncans riesiger Brustkorb wölbte sich unter seiner Jacke und ich betrachte verträumt sein Profil. Er sah genauso aus wie immer. Nein, besser. Kraftstrotzend und mächtig. Er hatte sich vollständig von dem Angriff erholt und so entspannt und gelöst hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Selbst die Sorgenfalten auf seiner Stirn waren verschwunden. Das war ungewöhnlich für ihn, da er sonst immer zu viel grübelte und sich die Verantwortung für alles und jeden aufbürdete, besonders nach dem Anschlag in Glasgow und die Bedrohung von Dungeon, die immer noch über uns schwebte. Doch schnell schob ich diesen unheilvollen Gedanken beiseite, denn nichts sollte diesen wunderschönen Tag trüben.
„Du hattest recht“, sagte er und riss mich aus meiner Träumerei.
„Ich weiß. Äh… und womit?“
Er warf noch mit aller Kraft einen letzten Stein in hohem Bogen auf das Meer hinaus und drehte sich dann zu mir. Verblüfft versuchte ich die Flugbahn des Steines zu verfolgen, doch er verschwand einfach am Horizont. Wow.
„Mit der kleinen Auszeit. Es ist verdammt lange her, dass ich am Meer gestanden habe, mit einer hübschen Frau an meiner Seite, die eine Meisterin der Überredungskunst ist und um die jeder ihn beneiden würde.“ Sanft zog er mich in seine Arme.
„Wenn man es genau betrachtete, stand ich eigentlich noch nie…“ murmelte er und beugte sich dicht zu mir runter. Seine Augen leuchteten verführerisch, seine Lippen waren kühl und schmeckten nach Salz und Meer als er mich küsste.
Dann schlenderten wir gemütlich zu der Stelle, von der aus man eigentlich den Eingang einer Höhle sehen sollte, wie er mir versicherte. Doch ich konnte außer glatten Felsen nichts erkennen.
„Du musst schon sehr genau hinsehen und diesen Punkt anvisieren“, erklärte er mir und zeigte mit seinem Finger auf eine unbedeutende Stelle unterhalb der Felswand, die sich durch nichts von ihrer Umgebung unterschied. Ich starrte eine Weile ziemlich intensiv auf die Stelle, solange bis meine Augen tränten, als sich endlich etwas tat. Kaum wahrnehmbar flimmerte ein unscheinbarer Punkt und veränderte die Farbe. Er vergrößerte sich zusehends, bis deutlich die Umrisse einer Tür, durch die ein Mann von Duncans Größe bequem hindurch passte, zu sehen war.

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„Das war ja klar“, lachte ich, „Shadow und sein Hang zu Geheimnissen.“ Ich hätte mir gerne noch die Höhle angesehen, aber leider frischte in dem Moment der Wind auf und begann an meinen Haaren zu zerren. Es wurde eisig kalt. Duncan schien das nichts auszumachen, nur ich begann erbärmlich zu frieren, was ich aber natürlich niemals zugeben wollte! Fröstelnd schloss ich meine Jacke. Die Bucht lag zwar sehr geschützt, aber selbst Shadows Magie konnte das Wetter nicht beeinflussen.
Die Sonne stand schon ziemlich tief und dunkle Wolken zogen langsam von der Landseite her auf, die einen neuen Schauer ankündigten.
„Tut mir leid, meine Süße, aber wir sollten uns auf den Heimweg machen“, sagte Duncan plötzlich neben mir und zeigte auf die dunklen Wolken, „das nächste Mal kommen wir im Sommer hier her.
„Schade. Aber wie wollen wir es schaffen, vor dem Schauer…“ überlegte ich laut, als sein diabolisches Grinsen mich diesmal vorwarnte.
„Oh nein, Duncan! Nicht noch einmal! Vergiss es! Keine Chance! “ Abwehrend hob ich beide Hände und ging kopfschüttelnd langsam rückwärts.
„Ach Angie, dir passiert doch nichts. Ich passe schon auf… vertrau mir einfach. Schließe deine Augen und genieße es. Ich werde auch nicht so schnell sein wie eben, versprochen.“ Mit seiner besänftigenden Stimme versuchte er mich einzulullen, was ihm auch beinahe gelang. Je weiter ich vor ihm zurückwich, desto näher kam er mir.
„Bitte, Duncan“, flehte ich, „ gibt es denn keine andere Möglichkeit? Vielleicht, wenn ich versuchen würde, uns wieder zurück zu zaubern?“ Er hob eine Augenbraue.
„Hast du das denn schon mal gemacht.“
„Äh… nein, aber ich könnte es doch versuchen, oder?“ Und bestimmt wären mir auch die passenden Zaubersprüche eingefallen… wenn ich nur genug Zeit gehabt hätte mich zu konzentrieren, aber die hatte ich leider nicht. Außerdem hatte ich keine Ahnung, ob das magische Band, das die Bucht schützte und ich merkwürdigerweise nicht spüren konnte, meinen Zauber zulassen würde. Als ich seine skeptische Mine sah, gab ich auf.
„Also gut…“, seufzte ich resigniert, legte meine Arme um seinen Hals und lehnte meine Stirn an seine Brust.
„Aber bleib bitte unter Warp, ja?“ Ich presste mich fester an ihn und schloss meine Augen schon mal vorsorglich. Sanft hob er mich hoch, küsste mich auf die Stirn und drückte mich lachend an sich.
„Versprochen. Keine Angst, mein Herz. Es ist gleich vorbei“.
Und schon ging es los. Diesmal war es nicht so schlimm, da ich wusste was auf mich zukam. Auch das Brausen in meinen Ohren war erträglich. Sein gleichmäßiger ruhiger Herzschlag beruhigte mich zusätzlich und ehe ich mich versah, stellte er mich schon wieder vor Libells Haus ab.
Den heißen Kakao und die Sandwichs die er anschließend für uns zubereitete, übrigens das Einzige, was er ohne Unfälle zustande bringen konnte, wie er mir augenzwinkernd gestand, stellte er vor mich auf den kleinen Tisch an dem Sofa, auf dem ich es mir gemütlich gemacht hatte. Er setzte sich dicht neben mich, und bot mir großzügig die Fernbedienung für den Flatscreen an. Doch ich konnte sie ihm getrost überlassen, da es sich schon auf dem Anwesen gezeigt hatte, dass wir in Bezug auf Filme den gleichen Geschmack hatten. Zufrieden lehnte er sich zurück, zappte durch die Kanäle und blieb bei Hitchcocks „Die Vögel“, einem alten Filmklassiker, hängen. Oh schön, einer meiner Lieblingsfilme.
Der Kakao schmeckte köstlich, besonders da er ihn mit einem großzügigen Klecks Sahne und einer Priese Zimt getoppt hatte, und die Sandwichs waren überraschend schmackhaft. Rundrum zufrieden, satt und müde kuschelte ich mich näher an ihn und nahm meine Lieblingsstellung ein – mein Kopf auf seiner Brust, damit ich seinen Herzschlag hören konnte.
„Danke für das schöne Geschenk“, flüsterte ich und lächelte vor mich hin, während ich das Geschehen auf dem Bildschirm verfolgte.
„Bitte, gern geschehen… was für ein Geschenk? Und wofür?“ Er legte die Fernbedienung beiseite und legte eine Hand auf meinen Kopf.
„Für diesen Tag, für den Sonnenschein eben am Strand … und sag nicht, du hättest nicht dafür gesorgt, dass im richtigen Moment die Wolken verschwinden. Wage es nicht, mir diese Illusion zu nehmen, mein Schotte!“ Sein leises Lachen ließ seinen Brustkorb vibrieren.
„Dafür, dass du dieses schöne Fleckchen mit mir geteilt hast, für die Muschel… nicht für den Lauf, der war gruselig, aber für den Kakao, ach… einfach für den schönen Tag“, zählte ich weiter auf und rieb meine Wange an seiner Brust.
„Heute ist nämlich mein Geburtstag“, gestand ich leise.
Er zuckte zusammen und richtete sich auf.
„Angie! Verdammt, warum hast du denn nichts gesagt? Ich hätte doch…“ Ich legte schnell einen Finger auf seinen Mund.
„Warum? Es war doch ein perfekter Tag.“ Er sah mich eine Weile schweigend an, dann zog er mich enger an sich und schaltete mit einem kurzen mentalen Befehl den Fernseher aus.
„Und er ist noch nicht zu Ende“, raunte er in mein Ohr und trug mich in mein Zimmer…

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Am nächsten Morgen weckte mich Duncan mit einem innigen Kuss und befahl mir lächelnd ja liegen zu bleiben, bis ich den Kaffee, den er für mich zubereiten wollte, riechen konnte. Seufzend kuschelte ich mich daraufhin nochmal zufrieden in die Kissen und dachte an den gestrigen Tag. Von dem werden wir wohl noch eine Weile zehren müssen, denn sobald wir wieder auf dem Anwesen waren, würde es wieder losgehen, mit planen, recherchieren und was sonst noch dazugehörte, um Dungeon endlich zu erledigen. Eigentlich freute ich mich darauf, wieder in den Kampf zu ziehen und das Wiedersehen mit meinen Schwestern und den Brüdern konnte ich kaum mehr erwarten. Als nach wenigen Minuten der verführerische Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee meine Nase umwehte, sprang ich voller Tatendrang aus dem Bett… um mich sogleich wieder zurückfallen zu lassen. Der Schwindel war wieder da und mein Kopf tat weh. Mist, das konnte ich jetzt gar nicht gebrauchen. Ich wartete mit geschlossenen Augen eine Weile und massierte meine Schläfen. Dann versuchte ich es noch einmal und stand diesmal langsamer auf. Der Schwindel war Gott sei Dank weg, nur das Pochen hinter meinen Schläfen nicht, aber das war zu ertragen. Unter der Dusche bemerkte ich dann auch noch, dass die Wunde an meinem Arm, die eigentlich fast verheilt war, sich gerötet hatte. Ach, wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich bei mir und klebte später ein Pflaster darauf.
„Du bist so blass mein Herz, geht es dir nicht gut?“, fragte Duncan besorgt, als er mir eine Tasse Kaffee zuschob und mir die Haare aus dem Gesicht strich. Ich rieb mir die Stirn.
„Doch, doch, mir geht es gut. Ich habe nur etwas Kopfschmerzen und….“ Da fiel mein Blick auf die Schachtel mit den Kapseln. Oh, die hatte ich gestern total vergessen. Hoffentlich war es noch nicht zu spät und schluckte schnell gleich zwei auf einmal. Duncan sah mich dabei nur durchdringend an und sagte kein Wort. Dann schob er mir mein Black Beauty zu.
„Ruf´ du Libell an, ich kümmere mich um Ikarus. Wir brechen sofort auf.“ Plötzlich ging alles sehr schnell. Ich durfte mich nicht mehr von meinem Platz rühren, nachdem ich mit Libell gesprochen hatte. Duncan packte in Windeseile unsere Sachen und rannte aufgebracht hin und her, dabei fluchte er die ganze Zeit vor sich hin und machte sich die größten Vorwürfe. Nach einer Weile hielt ich das einfach nicht mehr aus und stellte mich ihm in den Weg.
„Halt! Duncan, hör sofort auf damit! Der Tag gestern war wunderschön, also mach es nicht kaputt.“ Er stand schwer atmend vor mir, die Schulgefühle in seinem Blick waren kaum zu ertragen.
„Angie… aber zu welchem Preis? Verdammt, ich hätte dem niemals zustimmen dürfen!“ Ich legte eine Hand an seine Wange und spürte gleich die Anspannung unter der er stand. Er biss die Zähne so fest zusammen, dass ich das Knirschen deutlich hörten konnte.
„Duncan… so beruhige dich doch. Wenn einer Schuld hat, dann bin ich das, und niemand sonst. Schließlich habe ich die Kapseln vergessen! Aber das ist jetzt unwichtig, mir geht es schon wieder gut.“ Sein flammender Blick durchbohrte mich, er schien mir nicht wirklich zu glauben.
„Ich will nicht, dass du dir Vorwürfe machst, hörst du?“ Er schloss kurz die Augen und nickte dann seufzend. Ein wenig entspannter stellte er dann unsere Koffer neben die Tür. Das leichte Brennen an meinem Arm, wo mich die Magierin erwischt hatte, verschwieg ich ihm lieber. Darum konnte sich Dr. Home kümmern, wenn wir wieder auf dem Anwesen waren.
Kurze Zeit später traf auch schon Libell mit dem Mietwagen ein und fragte mich besorgt, was los war, als sie mich umarmte.
„Alles halb so wild“, beruhigte ich sie mit einem schnellen Seitenblick auf Duncan, der ihr schweigend die Schlüssel aus der Hand nahm und sofort damit begann, unser Gepäck zu verstauen. Schnell zog ich sie in die Küche und erzählte ihr von meinem kleinen Malheur mit dem Medikament. Daraufhin sah sie mich mit gerunzelter Stirn prüfend an.
„Bist du dir wirklich ganz sicher, dass es nicht so schlimm ist? Ich mein… du bist ziemlich blass und…“. Unwirsch drückte ich ihr einen Becher Kaffee in die Hand und zog meine Jacke an.
„Oh bitte! Du nicht auch noch! Duncans Überfürsorge reicht mir schon“. Seufzend schnappte ich mir meine Tasche und wartete neben der Tür auf sie.
„Mach dir keine Gedanken, mir geht es gut.“
Duncan stand schon angespannt neben dem Wagen und hielt uns die Türen auf. Ohne Verzögerungen machten wir uns umgehend auf den Weg zum Flughafen.
Der hochgewachsene Beamte am Check-in Schalter für VIP´s schien uns schon zu erwarten.

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Er warf nur einen kurzen Blick auf die Papiere, die Duncan ihm hinhielt, tippte an seine Mütze und nickte uns mit einem geheimnisvollen Lächeln zu. Ohne jegliche Kontrolle gelangten wir unverzüglich zu dem Startplatz, auf dem schon der Helikopter auf uns wartete. Libell schluckte hörbar, als sie Ikarus lässig grinsend an dem Einstieg gelehnt sah und warf ihm einen besorgten Blick zu. Der zwinkerte jedoch nur unbekümmert.
„Keine Angst, diesmal halte ich meinen Mund. Ich habe noch die Drohung vom letzten Mal im Ohr und möchte kein Risiko eingehen.“ Lachend verstaute er unser Gepäck und nahm etwas von der Spannung, die in der Luft lag. Duncans grimmige Miene ließ ihn jedoch schnell verstummen und er bereitete hastig den Start vor.
Als wir uns angeschnallt und in die Luft erhoben hatten, nahm ich Duncans Hand und lächelte ihn zuversichtlich an.
„Hey, alles in Ordnung, mein Schotte.“ Sein Lächeln geriet etwas schief, als er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch ich konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.
Der Flug verlief ruhig. Libell und ich plauderten über die vergangenen Tage. Duncan beteiligte sich kaum an der Unterhaltung und telefonierte lange mit Shadow. Seine Miene verfinsterte sich nach dem Gespräch immer mehr und er begann nervös mit seinen Fingern auf der Lehne zu trommeln. Ich war nur froh und erleichtert, als Ikarus nach einer Weile verkündete, dass wir in wenigen Minuten auf dem Anwesen landeten.
Der Heli hatte kaum Bodenkontakt, als Duncan hastig meinen Gurt löste und mich auf seinen Armen aus der Maschine trug. Er hatte alles bis ins Kleinste organisiert. Shadow und Mythos, die auf dem Landeplatz auf uns warteten, nickte er nur kurz zu und mir blieb nur ein schnelles Winken zur Begrüßung, als er an ihnen vorbeistürmte. Ich sah nur noch aus dem Augenwinkel, wie Shadow mir zuversichtlich zuzwinkerte und Libell erfreut umarmte.
Obwohl ich Duncan immer wieder versicherte, dass ich in der Lage sei alleine zu gehen, lief er stur weiter zu dem großen Hauptgebäude, in dem die Krankenstation untergebracht war. Erst in einem kleinen Raum im vierten Stock, der vollgestopft mit medizinischen Geräten war und nach Desinfektionsmitteln roch, hielt er an und setzte mich vorsichtig und behutsam auf die schon vorbereitete Liege. Der dort wartende Dr. Home und stürzte sofort auf mich zu.
„Aaah, Miss Angie, da sind Sie ja endlich! Und Sie haben ihn gefunden und gleich mitgebracht… sehr schön“. Freudestrahlend warf er sein Sandwich, das er gerade angebissen hatte, achtlos hinter sich, um mir begeistert die Hand zu schüttelten. Seine Brille auf der Nase hüpfte vor Begeisterung mit.
„Und Sie weilen auch wieder gesund und munter unter uns, Sir Duncan… wie erfreulich!“ Er ließ meine Hand abrupt los und wirbelte so schnell zu Duncan herum, um ihm auf die Schulter zu klopfen, dass seine Brille nicht mitkam und drohte auf dem Boden zu landen. Doch sein Assistent, ein extrem großer dünner Mann mit militärisch kurz geschorenen blonden Haaren und violetten Augen, zuckte nicht mal mit der Wimper, als er das Sandwich, das Duncan nur knapp verfehlte, im Flug auffing und in den Mülleimer beförderte. Gleichzeitig setzte er mit der anderen Hand die Brille wieder auf die Nase seinen Chefs. Er schien ihn genau zu kennen. Mit unbewegter Miene fuhr er sogleich mit seiner Arbeit fort, als wäre nichts geschehen.
„Ja, ja“, brummte Duncan ungeduldig während ich leise hinter seinem Rücken kicherte.
„Jetzt fangen Sie schon an! Also, was muss ich tun?“
„Sie müssen viel ruhiger werden, Sir. Entspannen Sie sich.“ Dr. Home rieb sich unternehmungslustig die Hände und griff scheinbar wahllos nach einigen Instrumenten, die auf dem kleinen Metallwagen ordentlich aufgereiht lagen. Mit einem spitzen Metallstab zeigte er auf seinen Assistenten.
„Das ist übrigens Igor, meine rechte Hand… ein guter Mann, der nicht viel redet.“ Igor nickte uns freundlich zu und wackelte kurz mit seinen buschigen Augenbrauen. Home kratzte sich nachdenklich mit dem Stab am Kinn und sinnierte dann laut.
„Eigentlich spricht er so gut wie gar nicht… aber das stört nicht weiter, jetzt machen wir erst mal einige Tests und sehen dann weiter.“ Besorgt beobachtete ich wie Duncans Miene sich verfinsterte. Home schien das nicht zu bemerken, er legte das Instrument wieder zurück und griff stattdessen in aller Seelenruhe nach einer Tasse mit Kaffee, nahm einen tiefen Schluck, seufzte genussvoll mit geschlossenen Augen und reichte sie dann an Igor weiter.
„So, dann wollen wir mal sehen“, überlegte er laut, während er suchend über die Instrumente blickte.

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„Womit fangen wir denn an… ach, wie hat Ihnen denn Frankreich gefallen? Ich war leider noch nie dort, habe aber schon viel von dem Land gehört… ah, da ist ja die Knochensäge, die ich schon so lange gesucht habe!“ Bitte? Erschrocken starrte ich Home mit großen Augen an. Wofür brauchte er denn jetzt sowas? Er betrachtete das glänzende Teil verzückt von allen Seiten und strich behutsam mit dem Daumen über das Sägeblatt. Seufzend legte er es wieder zurück und verkündete dann zu meiner großen Erleichterung: „Aber das brauchen wir in Ihrem Fall natürlich nicht. Schade. Also immer mit der Ruhe…
„ICH BIN RUHIG! Was bezwecken Sie eigentlich mit der Verzögerung? Wollen sie meine Gefährtin leiden sehen, Sie verdammter Sadist?“, donnerte Duncan plötzlich bebend vor Zorn los und wollte auf ihn losgehen. Auf ihn hatte ich gar nicht mehr geachtet! Blitzschnell war ich von der Liege runter und stellte mich vor ihn. Der Doktor war erschrocken bis an die Wand zurückgewichen und hielt klugerweise seinen Mund. Sein Assistent stand wie erstarrt neben dem Tisch mit den Instrumenten und ließ uns nicht aus den Augen.
„Duncan, sieh mich an!“, forderte ich ihn eindringlich auf und umklammerte fest seine Oberarme. Er war wie eine geladene Waffe, die jeden Moment losgehen konnte, aber mir würde er nichts tun, das wusste ich genau. Sein wilder Blick, der eben noch aufgebracht zwischen dem Doktor und seinem Assistenten hin und her ging, blieb an meinem Gesicht hängen. Mit ruhiger Stimme versuchte ich ihn abzulenken.
„Lass den Doktor seine Arbeit machen, er wird wissen, was zu tun ist. Es dauert eben, solange es dauert.“ Ich schob ihn dabei langsam zu der zweiten Liege, die für ihn direkt neben meiner bereitstand und fixierte ihn dort mit meinem Körper, sodass ihm nichts anderes übrig blieb als sich zu setzten.
„Es wird alles gut gehen. Du musst nur ein bisschen Geduld und Vertrauen haben… versuch es wenigsten, ja? Mir zuliebe.“ Er sah mich immer noch an, allerdings war der lodernde Zorn in seinen Augen verschwunden. Schließlich seufzte er tief und runzelte die Stirn.
„Ich benehme mich unmöglich, stimmt´s?“
„Ja!“ antwortete ich erleichtert und stellte mich auf die Zehenspitzen um ihn zu küssen. Er brummte eine Entschuldigung Richtung Doktor Home und legte sich dann bereitwillig auf den Rücken. Ich nickte dem Doktor vertrauensvoll zu und legte mich guten Mutes neben Duncan. Lächelnd griff ich nach seiner Hand und drückte sie… dann wurde mir schwarz vor Augen.

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„Was ist denn jetzt passiert?“
Noch ein wenig benommen richtete ich mich auf und rieb mir die Augen.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Duncan neben mir besorgt und half mir in eine sitzende Position.
„Ich weiß nicht… hab ich irgendwas verpasst?“
Schien so, denn Libell, Shadow, Polly und Mythos standen lächelnd um meine Liege herum, selbst bei Igor, der neben Dr. Home stand, zuckten die Mundwinkel. Wo kamen die denn so schnell her?
„Du hast dich selber ausgeknockt, meine Kleine“, sagte Shadow schmunzelnd, setzte sich auf die andere Seite der Liege und drückte meine Hand. Wie sollte ich das denn bitte geschafft haben?
Der einzige, der nicht lachte, war der Doc. Er stand mit verschränkten Armen an dem Fußende und schüttelte missbilligend den Kopf.
„Gleich zwei auf einmal? Waren sie der Meinung, viel hilft viel? Wie unvernünftig von Ihnen! Das war eindeutig eine Überdosierung!“
Wovon sprach er denn nur? Ich hatte keine Ahnung was… oh, die Kapseln, aber das war doch schon Stunden her.
„Das muss der Stress und das Adrenalin gewesen sein, als sie versuchten, diesen Neandertaler hier unter Kontrolle zu halten“, antwortete der Doktor auf meine unausgesprochene Frage und warf Duncan einen bösen Blick zu, „dazu noch die Magie in den Kapseln, die natürlich doppelt verstärkt wirkte, in die eine oder andere Richtung eben. Das muss die Wirkung verzögert haben. Und als Sie dann zur Ruhe kamen… Bauz!“
Duncan legte einen Arm um mich, zog mich an sich.
„Daran bin ich wohl nicht ganz unschuldig, tut mir leid mein Herz. Aber nun ist ja wieder alles in Ordnung, auch die Sache mit deinem Blut. Doktor Home war wirklich fantastisch, er hat auch deine Wunde versorgt, die wieder aufgebrochen ist und sich infiziert hatte. Es war zwar ziemlich knapp, aber gerade noch rechtzeitig. Durch meine Blutspende ist nicht einmal mehr eine Narbe zu sehen. Also, Doktor, sie haben sehr gute Arbeit geleistet! “
Oh, deshalb fühlte ich mich so super, fast wie neugeboren, ich spürte sein Blut in meinen Adern, seine Kraft und seine Stärke, es fühlte sich so wunderbar und richtig an. Aber über eines wunderte mich schon. Warum rühmte Duncan den Doc so überschwänglich? Eben wollte er ihm noch an die Gurgel springen und jetzt das? Klar, er war ihm dankbar, dass er so schnell reagiert hatte und ich wieder hergestellt war, aber es war eigentlich nicht Duncans Art… es sei denn? Stutzig geworden sah ich mir den Doktor genauer an. Er wirkte immer noch etwas verärgert, seine Augen blickten finster und sein Gesicht kam mir irgendwie verändert vor. Da musste doch noch mehr los gewesen sein, nachdem bei mir die Lichter ausgegangen waren! Duncan nahm meine Hand und küsste sie.
„Du hast uns zuerst einen ganz schönen Schrecken eingejagt…“
„Uns?“ meldete sich der Doktor sichtlich empört zu Wort. „Uns?“, wiederholte er, „ SIE waren es doch der….“ Plötzlich verstummte er, warf Duncan einen kurzen Seitenblick zu, schob, in einer fremden Sprache vor sich hin brummelnd Igor aus dem Weg und kehrte uns den Rücken zu. Hier stimmte doch etwas nicht! Duncan räusperte sich nur und übernahm wieder das Wort.
„Nun, wie auch immer. Er hat dir Blut abgenommen und konnte durch einen Schnelltest exakt die Menge meines Blutes bestimmen, die du brauchtest. Die ganze Behandlung dauerte dann nur noch ca. 1 Stunde, du hast dann einfach weiter geschlafen.“ Ich schmiegte mich an seine Seite und genoss seine Wärme. Ach, eigentlich waren mir die ganzen medizinischen Dinge egal, Hauptsache…
„Keine Sorge, Miss Angie, Mr. Thorp hat sich nur an der Brille des Doktors vergriffen und sie mit der bloßen Hand zerquetscht“, ertönte plötzlich eine fremde tiefe Stimme, in der ein wenig Bewunderung mitschwang. War das tatsächlich Igor, der da gesprochen hatte? Fasziniert beobachtete ich, wie er mit einer Augenbraue wackelte und mich freundlich anlächelte. Dann registrierte ich erst, was er gesagt hatte. Ich brauchte Duncan nur ansehen, sein schuldbewusster Blick sagte mir mehr als tausend Worte. In dem Raum wurde es plötzlich mucksmäuschenstill, alle sahen uns abwartend an.
„Oh nein!“, stöhnte ich und verdrehte die Augen. Das ist also noch während meines Blackouts passiert. Ich konnte mir die Szene lebhaft vorstellen. Der arme Doktor konnte von Glück sagen, dass nur seine Brille zu Schaden kam. Plötzlich konnte ich dem Drang zu kichern nicht widerstehen und klammerte mich an Duncan. Ich drückte mein Gesicht an seinen Bizeps und prustete erstickt los.

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Oh Gott, wie peinlich, aber mit dieser Szene vor Augen, der Erleichterung, dass mit mir alles wieder in Ordnung war, konnte ich einfach nicht aufhören, es war wie eine Erlösung, eine Befreiung. Auch den anderen schien es ähnlich zu ergehen, sie redeten und lachten erleichtert durcheinander.
Verstohlen blinzelte ich an seinem Arm vorbei. Home starrte mich mit offenem Mund empört an.
„Bitte bring mich hier raus“, wisperte ich. Ich konnte fühlen, wie auch seine Selbstbeherrschung bröckelte, auch er war sich der Komik der Situation bewusst geworden und konnte sich ein Lachen kaum verkneifen.
Der einzige, der ruhig und besonnen wirkte, war Shadow. Er stand auf, musterte mich mit einem liebevollen Blick und er hob nur eine Hand. Sofort hatte er alle Aufmerksamkeit in dem Raum.
„Genug. Gönnen wir Angie und Duncan etwas Ruhe. Mary hat zu ihrer glücklichen Heimkehr und zu Angies Genesung ein Festessen geplant. Wir treffen uns dann um 20 Uhr in der Villa des Ordens. Ich bitte um pünktliches Erscheinen. Außerdem sollten wir später….“ Duncan wartete erst gar nicht das Ende der kleinen Ansprache ab, sondern schob mich wortlos bis zur Tür. Ich drehte mich noch schnell um und sah den Doktor um Verzeihung bittend an.
„Tut mir leid, Doktor. Ich bin ihnen wirklich sehr dankbar und … sie sollten mal ernsthaft über Kontaktlinsen nachdenken.“ Dann verließen wir fluchtartig den Raum und liefen kichernd bis zu unserem Apartment. Dort ließ ich mich, immer noch lachend und ein wenig außer Atem, auf das Sofa fallen.
„Oh Duncan, du bist unmöglich!“ Duncan? Wo war er denn… oh, er stand mit dem Rücken an der Tür und drückte sie langsam ins Schloss während er mich mit seinem ganz besonderen Blick, der mir durch Mark und Bein ging, musterte. Ich hätte fast geschnurrt, als ich mich tiefer in die Polster drückte.
„Böse Angie“, murmelte er heiser und kam geschmeidig wie eine Raubkatze auf mich zu. Seine Hände zu beiden Seiten von meinem Kopf auf der Rückenlehne aufgestützt, streifte er mit seinen warmen Lippen meine Wange.
„Ganz böse….“
Seine Küsse ließen mich wieder einmal meine Umgebung vergessen, nur ihn nahm ich wahr, seine Wärme, seinen Duft, seine Hände auf meiner Haut, die so kraftvoll und gleichzeitig so sanft und zärtlich sein konnten. Deshalb bekam ich auch kaum etwas von dem Tumult mit, der plötzlich unten im Haus ausbrach. Bis die Tür aufflog und mit einem lauten Krachen an die Wand flog. Doch erst als jemand lauthals meinen Namen rief, fuhr ich erschreckt auf und versuchte mich aus Duncans Armen zu lösen. Doch der hielt mich leise fluchend fest und beschützte mich mit seinem Körper. Er war genauso verwirrt wie ich und starrte überrascht den Besucher an, der da ziemlich aufgebracht vor uns stand.

Fortsetzung folgt…

Kapitel 1: Seitensprung der Sisterhood – Ankunft in Schottland

Kapitel 2: Seitensprung der Sisterhood – Das Anwesen der Bruderschaft

Kapitel 3: Seitensprung der Sisterhood – Geheimnisse

Kapitel 4: Seitensprung der Sisterhood – Verschwörung

Kapitel 5: Seitensprung der Sisterhood – Entführt

Kapitel 6: Seitensprung der Sisterhood – Die Rückkehr

Kapitel 7: Seitensprung der Sisterhood – Le Havre

Kapitel 8: Duncan in Lebensgefahr

finden sich hier.

Copyright © Seitensprung der Sisterhood

Seitensprung der Sisterhood

Kapitel 8
Duncan in Lebensgefahr

Da ich wusste, dass sich Vampire sehr schnell erholten, war es nur eine Frage der Zeit bis Duncan wieder aufstand. Dann wollte ich ihn mir ohne Gnade vorknöpfen und ihm wegen seines Leichtsinns sich mit so einer Übermacht anzulegen gehörig die Leviten lesen.  Schnell suchte ich die Umgebung nach eventuellen Zuschauern oder Zeugen ab, da ich den Schutzschild der Magier bei meinem Einsatz außer Kraft gesetzt hatte. Doch außer ein paar Ratten, die sich hinter den Mülltonnen versteckten, und einer streunenden Katze auf Futtersuche war niemand hier. Gerade wollte ich die Fenster genauer inspizieren, als Libell leise nach mir rief.
„Angie, hier stimmt was nicht! Er blutet, und zwar ziemlich heftig. Müsste er nicht auch langsam aus seiner Ohnmacht erwacht sein?“ Erschrocken fuhr ich herum und sah in sein bleiches Gesicht. Was stimmte nicht mit ihm? Normalerweise hätten doch seine Selbstheilungskräfte schon längst eingesetzt haben müssen. Besorgt fiel ich neben ihm auf die Knie, nahm vorsichtig seinen Kopf in beide Hände und bettete ihn behutsam auf meine Oberschenkel. Er gab kein Lebenszeichen von sich.
„Duncan, was machst du denn bloß… jetzt wach doch auf, bitte“, bettelte ich während ich gleichzeitig mit einer Hand über sein blutverschmiertes Gesicht fuhr und ihm dabei seine dunklen Locken aus dem schmerzverzerrten Gesicht strich. Er öffnete seine Augen nicht.
Die Verletzung knapp über seiner Schläfe sah nicht wirklich schlimm aus, auch die anderen Wunden, die ich auf den ersten Blick erkennen konnte, waren harmlos. Aber an seiner Seite klaffte ein tiefes Loch, aus dem das Blut ohne Unterlass lief. Sie mussten ihn mit einem silbernen Dolch oder etwas Ähnlichem verletzt haben. Verdammte Magier mit ihrer schwarzen Kunst. Sie hatten scheinbar durch einen dunklen Zauber seine Selbstheilungskräfte blockiert. Während unserer Fahrt durch Le Havre konnte ich spüren, dass es hier in der Gegend kaum magische Geschöpfe gab, und von einem Heiler wusste ich auch nichts. Eine eiskalte Hand griff nach meinem Herz. Oh Gott, was sollte ich denn jetzt nur machen, dachte ich leicht panisch. Libell gab mir unaufgefordert ihren Schal, den ich sofort auf die stark blutende Wunde drückte. Bilder von einer ähnlichen Situation, als Norbert tödlich verwundet worden war, erschienen vor meinen Augen. Ich hatte keine Ahnung, was hier mit Duncan geschah, ich wusste ja nicht einmal, ob diese Verletzung ihn nur schwächte oder ob sie ihn letztendlich nicht doch töten konnte. Eines wusste ich, ich durfte ihn nicht verlieren… nicht meinen Duncan! Mit zitternden Fingern streichelte ich seinen Kopf. Der Puls an seinem Hals war erschreckend schnell, seine Atmung zu flach und unregelmäßig, und er bewegte sich immer noch nicht. Langsam krochen Angst und Verzweiflung in mir hoch. Libell legte ihre Hand über meine.
„Angie, in ein Krankenhaus können wir ihn nicht bringen“, sagte sie leise, „ die würden dort zu viele Fragen stellen und können ihm sowieso nicht helfen. Es gibt auch keinen Heiler hier. Wir leben hier eigentlich in einer fast magielosen Region. Aber wir müssen schnellstens weg hier! Also bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn mit zu uns zu nehmen. Glaubst du, du schaffst das?“ Ich konnte nicht sprechen und nickte nur, dabei wischte ich mir nicht einmal die Tränen ab, um ihn nicht loszulassen. Wir müssen es einfach schaffen, dachte ich, und ließ meinen Blick nicht von seinem Gesicht. Libell wartete meine Antwort erst gar nicht ab.
„Gut, ich hole jetzt den Wagen. Bleib ganz ruhig und warte hier.“ Wo sollte ich auch schon hin ohne ihn. Sie fummelte den Autoschlüssel aus meiner Tasche, weil ich noch immer nicht bereit war ihn loszulassen. Ich nahm kaum wahr, dass sich ihre Schritte entfernten als sie zu dem Wagen hastete. Ich konnte Duncan nur hilflos ansehen und überlegte fieberhaft wie ich die Blutung stoppen konnte. Seine Wimpern warfen dunkle Schatten auf seine Wangen und sein Mund öffnete sich ein wenig, als ich ihm über seine kratzigen Bartstoppeln strich. Doch er wachte immer noch nicht aus seiner tiefen Ohnmacht auf. Ein eisiger Windstoß, der durch die Gasse fuhr, ließ mich frösteln und verwirbelte die Asche der Magier und nahm sie mit sich fort.
Libell fuhr den Wagen so nah wie möglich an uns heran und ließ den Motor laufen, als sie Sekunden später neben uns wieder auftauchte.
„Na, dann los! Du nimmst seine Beine, ich den Rest. Und komm erst gar nicht auf die Idee zu widersprechen, ich bin vielleicht nicht stärker, aber größer als du!“, kommandierte sie mich mit einem nachsichtigen Ton in der Stimme.

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„Du musst ihn jetzt loslassen, Angie. Wir schaffen ihn auf die Rückbank.“ Ich löste meinen Blick nur widerstrebend von ihm und war Libell dankbar, dass sie diesmal das Kommando übernahm. Mit vereinten Kräften schafften wir ihn irgendwie auf die Rückbank. Umsichtig hatte Libell den Beifahrersitz ganz nach vorne gestellt, damit wir seine langen Beine unterbringen konnten. Ohnmächtig, blutend und in sich zusammengesunken saß oder vielmehr hing Duncan neben mir. Eine Hand presste ich auf die Wunde, mit der anderen drückte ich seinen Kopf behutsam an meine Brust.
„Man, ich wusste gar nicht, dass Muskeln so viel wiegen, aber jetzt los, festhalten!“, versuchte Libell zu scherzen. Sie ließ jede Geschwindigkeitsbegrenzung außer Acht und raste los wie eine Irre. Ich bekam kaum etwas davon mit, es war mir auch egal, denn ich zerbrach mir immer noch fortwährend den Kopf darüber was ich tun konnte, um ihm zu helfen. Ich musste mir möglichst schnell eine Lösung einfallen lassen, denn uns rannte die Zeit davon! Unterwegs ließ mich nur Duncans leises Stöhnen ab und zu zusammenzucken, wenn Libell rasant eine Kurve nahm oder der Wagen über eine Unebenheit holperte und wir durchgeschüttelt wurden. Dann presste ich mein Gesicht in sein Haar und murmelte beruhigende, belanglose Worte. Vielleicht konnte er mich ja hören.
In Rekordzeit erreichten wir ihr Domizil und da Libells Nachbarn so spät im Jahr nicht mehr hier wohnten, konnten wir ihn ungesehen ins Haus schleppen.
„In mein Zimmer“, presste ich unter der Anstrengung hervor. Wir legten ihn auf mein Bett und ich zog ihm seine Schuhe aus. Vorsichtig löste ich den Schal. Seine tiefe Wunde blutete nicht mehr ganz so stark, aber sie hatte sich immer noch nicht geschlossen. Vorsichtig wischte ich mit einem Ende das Blut von seinem Gesicht. Eigentlich verteilte ich es nur, denn der Schal triefte mittlerweile von seinem Blut. Libell eilte aufgeregt ins Bad und kam mit einigen Handtüchern unter dem Arm wieder, die sie neben Duncan auf das Bett legte.
„Kann ich irgendetwas tun? Kann ich dir helfen… oh Gott, er sieht so blass aus… so… Soll ich dir was bringen, damit du ihn verarzten kannst? Willst du ein Glas Wasser? Angie, …sag doch was!“ Von ihrer Überlegenheit in der vergangenen Stunde war nicht mehr viel übrig. Sie rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her und machte mich noch nervöser und ängstlicher als ich schon war. So war sie mir absolut keine Hilfe und ich keine für Duncan. Er brauchte mich jetzt rational und klar denkend. Ich riss mich zusammen, schloss kurz meine Augen und atmete einige Male tief durch.
„Libell, ganz ruhig. Du kannst mir helfen, indem du mir Verbandszeug und etwas zum Desinfizieren holst. Dann brauche ich Wasser, um ihn zu säubern. Danach fahr bitte so schnell wie möglich in das Hotel und hol seine Sachen, ja? Der Zimmerschlüssel ist in meiner Tasche. Alles andere schaffe ich schon alleine.“ Ich gab mich ihr gegenüber zuversichtlicher und stärker als ich mich fühlte. Sie war dankbar und erleichtert, dass es etwas zu tun gab.
Nachdem sie mir alles gebracht hatte, machte sie sich auf den Weg zu Duncans Hotel.
Ich entfernte seine Kleidung bis auf seine Shorts. Vorsichtig wusch ich ihn ohne dabei die Wunde zu berühren. Es zerriss mir fast das Herz ihn so schwach und hilflos zu sehen, blutend und ohne Bewusstsein, so bleich und dem Tode nahe. In meiner Verzweiflung betete und schimpfte ich abwechselnd vor mich hin.
Oh Duncan, du verrückter Kerl… fünf Magier! Was hast du dir nur dabei gedacht? Wahrscheinlich nichts! Das war nicht mutig, das war Wahnsinn du… du geliebter Schotte! Du bist in eine Falle getappt, nicht wahr? Ich schimpfte immer weiter leise mit ihm, nur um nicht wieder in Tränen auszubrechen. Dabei überlegte ich fieberhaft, was ich tun konnte, um die schwarze Magie unschädlich zu machen. Seine Selbstheilungskräfte mussten endlich wieder einsetzten bevor es zu spät für ihn war. Schwarze Magie konnte nur durch einen starken Zauber oder durch weiße Magie neutralisiert werden.
Während ich das blutige Tuch erneut auswrang, kam mir plötzlich die Idee. Vielleicht war das ja die Lösung? Weiße gegen schwarze Magie. Das war vielleicht unsere einzige Chance, also musste ich es einfach versuchen. Ich stellte die Schüssel schnell auf den kleinen Tisch und kniete mich neben ihn auf das Bett. Meine Kräfte alleine würden vielleicht nicht ausreichen, also musste ich etwas von mir hergeben, etwas was mir sehr am Herzen lag, eine Fähigkeit von mir. Nur so konnte ich die Magie, die ich brauchte, verstärken. Ich betrachtete kurz meinen Ring, der mir immer treu gedient hatte, und strich über den leuchtend grünen Smaragd, in dem ein besonderes magisches Feuer brannte. Dann stand mein Entschluss fest und ich handelte ohne weiter darüber nachzudenken. Über eventuelle Konsequenzen für mich konnte ich mir später noch genug Gedanken machen.

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Ohne zu zögern nahm ich den Ring von meinem Finger, beugte mich über Duncan und hielt den Stein dicht an seine verletzte Seite. Mit geschlossenen Augen konzentrierte ich mich auf meine Zauberkräfte und ließ dabei meine dämonischen unangetastet, da ich Angst hatte, sie genau in diesem Moment nicht genug kontrollieren zu können und ihm dadurch mehr zu schaden als zu nützen. Leise sprach ich eine der uralten geheimen Formeln, die mich Gwen gelehrt hatte. Der Wortlaut ähnelte denen der dunklen Seite, doch der kleine Unterschied bestand aus wenigen Silben und war das Entscheidende. Kaum spürbar fing etwas in meinem Inneren an zu ziehen. Immer wieder sprach ich die Formel, bis das Ziehen und Zerren sich langsam steigerte und fast unerträglich wurde. Etwas wollte meinen Körper verlassen, doch mein Innerstes kämpfte noch dagegen an und leistete Widerstand. Massiver Druck baute sich in meinem Kopf auf. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meine Bemühungen zu verdoppeln, bis mir vor Anstrengung und Schmerz fast schwarz vor Augen wurde. Doch an Aufgeben war nicht zu denken. Ich biss die Zähne zusammen bis mein Kiefer schmerzte und bunte Lichter vor meinen Augen tanzten. Und obwohl mein Hände zitterten und ich den Ring kaum noch festhalten konnte, gab ich nicht nach. Auch wenn es mich umbringen sollte, es ging um Duncan, nur um ihn und sein Leben. Ein mächtiger Ruck durchfuhr mich, als ich die Formel mittlerweile nicht mehr monoton vor mich hin murmelte, sondern schrie. Und endlich ließen mein Körper und mein Geist los, und dieses Etwas, diese geheimnisvolle Kraft, die ein Teil von mir und meiner Magie war, verließ meinen Körper. Sie strömte durch den Ring, der in diesem Moment so hell leuchtete wie nie zuvor, direkt in seine Wunde und in seinen Körper. Ein heftiger Schmerz ließ mich kurz aufschreien und zusammenzucken. Dann war es vorbei. Mühsam öffnete ich meine Augen und sah, wie die Wunde sich langsam schloss und der Blutstrom endgültig versiegte. Dann forderte dieser enorme Kraftaufwand seinen Tribut und ich brach schwer atmend über seiner Brust zusammen. Niemals zuvor hatte ich mich so leer, so ausgelaugt und erschlagen gefühlt wie in diesem Moment. Doch es war mir vollkommen egal, denn einen Augenblick später hörte ich das wunderbarste Geräusch der Welt… seinen regelmäßigen Herzschlag.

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Erleichtert hob ich den Kopf und sah in sein geliebtes Gesicht. Er sah zwar immer noch erschreckend blass aus, aber seine Gesichtszüge waren nicht mehr so schrecklich verzerrt. Er atmete ruhiger, und nach einem tiefen Seufzer glitt er von seiner Ohnmacht übergangslos in einen tiefen Schlaf ohne die Augen geöffnet zu haben. Kaum zu glauben, aber ich hatte es tatsächlich geschafft und über die unselige dunkle Seite gesiegt ohne selber Schaden zu nehmen! Ich war nur furchtbar erschöpft und fühlte die Lücke, die fast schmerzhafte Leere, die die fehlende Magie hinterlassen hat. Doch auch das würde vergehen. Glückselig schmiegte ich meine Wange an seine Brust und lauschte eine Weile seinem Herzschlag. Er schlief tief und fest seiner Genesung entgegen. Zärtlich streichelte ich seine Wange, küsste ihn vorsichtig auf seine noch kalten, leicht geöffneten Lippen und zog die Decke über ihn. Er würde sich im Schlaf wieder vollständig erholen, da war ich mir sicher. Langsam schob ich den Ring wieder auf meinen Finger. Er fühlte sich jetzt ganz anders an, so ohne seine Magie, irgendwie kälter. Der Stein wirkte blass ohne das Feuer im seinem Inneren, und das eigentümliche Leuchten war verschwunden. Er war nur noch ein ganz gewöhnlicher Ring, zwar immer noch hübsch anzusehen, aber mehr eben nicht.
Jetzt gab es noch etwas Wichtiges für mich zu tun. Todmüde und völlig erschöpft stand ich auf und ging zur Terrassentür. Ich öffnete sie weit und trat in die kalte Nachtluft hinaus. Der schneidende Herbstwind hatte sich gelegt und die Wolkendecke riss in dem Moment auf, als ich die Terrasse betrat. Millionen von Sternen funkelten über mir und der Mond zeigte mir sein lächelndes Gesicht. Mit beiden Händen fuhr ich mir durch meine Haare und zählte wenig später drei Haare zwischen meinen Fingern. Die Ausbeute war zwar gering, aber sie würde reichen. Ich deponierte sie auf meine linke Handfläche, streckte sie aus und legte meine rechte auf mein Herz. Dann neigte ich demütig und voller Dankbarkeit meinen Kopf.
„Hab Dank, oh Mutter aller Dinge, für deine Güte und Hilfe“, flüsterte ich leise und respektvoll. Ein leiser zarter Windhauch, der plötzlich über meine Handfläche strich, nahm meinen Tribut mit sich und verschwand damit in der Dunkelheit. Lächelnd atmete ich ein paarmal tief die klare Luft ein und fühlte mich in diesem Augenblick so verbunden und in Einklang mit ihr wie selten zuvor. Mit geschlossenen Augen blieb ich noch ein wenig draußen in der Kälte stehen und genoss es, dass sich meine innere Batterie langsam wieder auflud. Fröstelnd rieb ich nach einer Weile meine Arme und ging wieder hinein. Nach einem letzten prüfenden Blick auf den tief schlafenden Duncan verschwand ich schnell im Bad und duschte mich in Windeseile. Dabei entdeckte ich die kleine Schramme, die der Streifschuss an meinem Arm hinterlassen hatte. Dieses Miststück von Magierin hatte mich doch tatsächlich noch erwischt! Zum Glück war die kleine Wunde kaum der Rede wert und hatte sich schon verschorft. Zufrieden zog ich mein Sleepshirt an und vergewisserte mich nochmals, dass Duncan ruhig schlief. Als ich ihn da so liegen sah, so friedlich und entspannt, musste ich daran denken, dass ich ihn beinahe verloren hätte. Doch schnell vertrieb ich jeden trüben Gedanken und ging in die Küche, um für Libell, die ich jeden Moment zurückerwartete, Kaffee zu kochen.
Als das Wasser zischend und brodelnd durch die Maschine lief und sich das köstliche Kaffeearoma im Raum ausbreitete, fiel mir siedend heiß Shadow ein. Bei ihm hatte ich mich ja noch gar nicht gemeldet! Ich holte mein Handy und rief ihn an. Bereits nach dem ersten Klingeln hob er ab. Ausführlich erzählte ich ihm wie und wo ich Duncan gefunden hatte und von dem Kampf mit den Magiern. Nur die Aktion mit dem Ring verschwieg ich ihm. Das ging vorläufig nur mich etwas an.
„Na, Gott sei Dank, dass du ihn gefunden hast und er wohlauf ist“, sagte Shadow und seiner Stimme war die Erleichterung über die gute Nachricht anzuhören.
„Meinst du, das war eine Falle?“
„Mit Sicherheit. Ich verstehe nur nicht, wie er da reintappen konnte. Er ist doch sonst so umsichtig und vorsichtig. Ich werde ihn auf jeden Fall fragen. Ich muss auch wissen, was er herausgefunden hat, aber erst, wenn er wieder aufgewacht ist.“
„Ja, mach das. … und wie geht es euch? Alles in Ordnung?“
„Uns geht es prima. Ich bin nur sehr müde. Aber du hättest Libell erleben sollen. Sie war einfach fantastisch und mir eine sehr große Hilfe!“
„Und… wo ist sie jetzt?“

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„Libell ist ins Hotel gefahren und holt Duncans Sachen. Er wird hier bei mir bleiben“, erklärte ich fest, „zusammen werden wir dann überlegen wie es weitergehen soll. Ich glaube nämlich nicht, dass die Sache mit den Magiern schon ausgestanden ist.“ Mit dem Versprechen, Libell auch ja von ihm zu grüßen und mich am nächsten Tag wieder zu melden, beendete ich das Gespräch.
Ich hatte gerade die Schränke erfolgreich nach Schokoladencookies durchforstet, als Libell mit Duncans Reisetasche erschien.
„Und? Gab es Probleme mit Claude?“, fragte ich sie und fischte mir einen Keks aus der Packung. Genussvoll ließ ich die Schokolade auf der Zunge zergehen und konnte einfach nicht mehr aufhören zu lächeln.
Ein Blick in mein Gesicht genügte ihr, und sie seufzte erleichtert.
„Oh, wenn ich dich so ansehe, weiß ich, es ist wieder alles okay. Wie geht es deinem Duncan? Claude war übrigens gar nicht da, ein anderer Portier hatte Nachtdienst. An ihm konnte ich mich unbemerkt vorbeischleichen. Der hat nämlich selig hinter seinem Tresen geschlummert.“ Kichernd ließ sie sich auf den Stuhl neben mir fallen, griff sich einen Keks und stöhnte laut als sie ihre Schuhe abstreifte.
„Puh, das war vielleicht ein Tag… Ich bin so fertig, dass ich im Stehen schlafen könnte. Und du siehst auch nicht viel besser aus. Aber nun erzähl, wie geht es ihm? Besser?“ Ich nickte und trank meinen Kaffee in kleinen Schlucken.
„Ja, es geht im viel besser sogar. Seine Selbstheilungskräfte haben endlich eingesetzt und er schläft jetzt.“ Libell sah mich misstrauisch an.
„Wie hat er denn seine Kräfte so schnell wieder gewonnen?“ Während ich ihrem prüfenden Blick auswich, drehte ich unbewusst an meinem jetzt magielosen Ring und überlegte mir eine Antwort, weil ihr die Wahrheit höchstwahrscheinlich nicht schmecken würde. Plötzlich griff sie mit einem leisen Aufschrei über den Tisch und schnappte sich meine Hand.
„Angie! Oh nein! Was hast du getan? Du hast deine Fähigkeit zu fliegen aufgegeben? Für ihn? Bist du dir sicher, dass er das wert ist? Ich meine, das war doch bestimmt riskant und gefährlich für dich!“Anklagend fuhr sie fort und ließ mir keine Gelegenheit für eine Erklärung.
„ Auf dem Anwesen hat er dich nicht gerade gut behandelt. Und.. ja, ich verstehe schon, er ist dein Gefährte und du liebst ihn, aber er hat nicht so gehandelt wie ein solcher.“ Ich brauchte nicht lange zu überlegen und entriss ihr verärgert meine Hand.
„Damit das klar ist, was zwischen ihm und mir vorgefallen ist, oder wie er mich behandelt hat, tut hier überhaupt nichts zur Sache. Auch dass ich ihn liebe und jederzeit mein Leben für ihn geben würde, steht hier nicht zur Debatte. Denn er bleibt immer noch der mutigste und tapferste Kämpfer und Krieger, den ich kenne. Er hat mir das Leben gerettet damals in Peru, als ich mit schwarzer Magie vergiftet wurde. Er hat uns da zum Sieg geführt und er ist der beste Anführer des Ordens, den sie je hatten. Er würde jederzeit und ohne zu zögern sein Leben für seine Männer lassen, und er ist loyal seiner Familie und seinen Freunden gegenüber! Du kennst ihn nicht so wie ich! Also frage mich nie wieder, ob er das wert ist!“ Betreten sah sie mich an. Dann legte sie behutsam eine Hand auf meinen Arm und murmelte eine Entschuldigung.
„Angie, so meinte ich das nicht. Ich habe nur Angst, dass dir etwas passieren könnte. Tut mir leid… vergiss was ich gesagt habe, ich bin einfach zu müde.“
„Schon gut, ich bin auch stehend k.o. und war wohl zu heftig. Es war ja auch ein ereignisreicher Tag. Komm, lass uns einfach schlafen gehen und diesen Vorfall schnell vergessen, ja?“ Ich konnte ihr nicht lange böse sein und lächelte sie aufmunternd an.
Sie nickte müde mit halb geöffneten Lidern, küsste mich lächelnd auf die Wange und schlurfte in ihr Zimmer. Ich blickte ihr belustigt nach. Sie hatte sich erstaunlich gut gehalten, dafür, dass sie sonst eher behütet und verhätschelt wurde. Sie war mir in der kurzen Zeit richtiggehend ans Herz gewachsen und mir mittlerweile so vertraut wie eine sehr gute Freundin.
Zurück in meinem Zimmer kroch ich im Dunkeln zu Duncan unter die Decke. Vorsichtig tastete ich nach der Wunde, doch sie war verschwunden. Auch fühlte er sich nicht mehr so kalt an. Glücklich und zufrieden kuschelte ich mich an ihn und wärmte ihn mit meinem Körper. Mit seinem köstlichen Duft in der Nase schlief ich erschöpft und zufrieden ein.
Es war noch dunkel draußen, als sein warmer Atem mich in der Früh weckte. Er musste sich im Schlaf zu mir gedreht haben und war meinem Gesicht sehr nahe gerückt. Er schlief immer noch tief und fest.

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Die schreckliche Leere in mir, die ich gefühlt hatte, als ich einen Teil meiner Magie aufgegeben hatte, füllte sich langsam wieder mit meiner tiefen Liebe zu ihm. Leise seufzend betrachtete ich ihn und strich eine Strähne aus seinem Gesicht. Und warum fühlte ich mich trotz allem nicht so glücklich, wie ich es eigentlich sollte? Das hatten mir Libells Äußerungen gestern klar vor Augen geführt. Die Probleme die wir miteinander hatten, mussten erst gelöst werden. Leise und vorsichtig stand ich auf ohne ihn dabei zu wecken. Ich werde ihm so wenig wie möglich von gestern erzählen, nahm ich mir vor. Unvoreingenommen und frei soll er alleine entscheiden, ob er sein Leben mit mir verbringen wollte. Er sollte sich aus Liebe für mich entscheiden und nicht aus Dankbarkeit, weil ich sein Leben gerettet hatte oder aus Pflichtgefühl Shadow gegenüber. So und nicht anders wollte ich es, denn nur so konnte es zwischen uns auf Dauer funktionieren. Mit einem letzten Blick auf ihn schloss ich die Tür und ging in die Küche, in der Libell schon mit einer Tasse Kaffee auf mich wartete. Sie sah frisch und ausgeruht aus. Ihr helles Haar war gekonnt verstrubbelt, und sie hatte sich schon zu so früher Stunde perfekt und elegant gekleidet. Beneidenswert. Ich sah nur flüchtig an meinem Sleepshirt herunter. Na wenigstens war es sauber und hatte sogar einige Glitzersteinchen aufzuweisen.
„Guten Morgen. Gut geschlafen? Wie geht es Duncan? Wirst du ihm sagen, was sich gestern alles ereignet hat und wie du ihn geheilt hast?“ Ich runzelte die Stirn. Uh… so viele Fragen vor dem ersten Schluck Kaffee. Meine warnend erhobene Hand ließ sie schmunzelnd verstummen, als ich mich ihr gegenüber setzte und dankbar von dem Kaffee nippte. Er war genau richtig, schwarz und stark. Er vertrieb die letzten Reste meiner Müdigkeit und Erschöpfung und weckte meine Lebensgeister. Nachdem sie mir nachgeschenkt hatte, war ich endlich in der Lage ihr geduldiges Lächeln zu erwidern und zu antworten.
„Guten Morgen. Ja, gut, er schläft noch, in etwa, also nicht alles. Zumindest nicht jetzt, später vielleicht.“ Verdutzt stellte sie die Kanne auf den Tisch zurück. Schnell kam ich ihren Fragen zuvor und erklärte ihr ausführlich meine Motive ihm nur das Nötigste zu sagen. Ihrem ungläubigen Blick entnahm ich, dass sie ganz und gar nicht damit einverstanden war, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen.
„Bitte versprich mir, dass du ihm nichts davon erzählst. Das werde ich schon selber irgendwann machen.“ Ihre Miene verfinsterte sich. Sie schien mir nicht wirklich zu glauben, also bat ich sie noch einmal eindringlich.
„Libell bitte, versprich es mir, dass er nichts von alledem erfährt, außer von mir!“ Sie wollte gerade etwas sagen, als sie plötzlich mit weitgeöffneten Augen an mir vorbeistarrte. Seufzend stellte ich die Tasse ab.
„Er steht hinter mir, richtig?“ Sie nickte nur und starrte ihn weiter mit offenem Mund an. Ich drehte mich langsam um und sah Duncan in dem Durchgang stehen, den er mit seiner riesigen Gestalt fast vollständig ausfüllte. Seine dunklen Locken waren total zerzaust und bildeten einen verwegenen Kontrast zu seinem blassen Gesicht. Er trug nichts außer seinen Shorts. Seine dunklen Augen blickten etwas verwirrt, doch dann blieben sie an mir hängen und durchbohrten mich fast.
„Was soll wer nicht erfahren? Was ist passiert und warum seid ihr hier? Wo bin ich hier überhaupt?“, fragte er noch etwas verschlafen mit seiner tiefen melodischen Stimme. Ich hatte sie so lange nicht gehört, dass alleine sein Klang mein Herz schneller schlagen ließ. Ich lächelte ihn unsicher an. Himmel, so schnell hatte ich noch nicht mit ihm gerechnet. Ich musste unbedingt Zeit gewinnen…
„Äh… möchtest du nicht erst unter die Dusche? Das Bad ist gleich neben meinem Zimmer. Das ist übrigens Libell, eine echte Prinzessin. Wir machen in der Zwischenzeit Frühstück, okay? Dann können wir in alle Ruhe reden, einverstanden?“ Er zog seine Augenbrauen argwöhnisch zusammen, doch dann nickte er zögernd.
„Gut. Ich beeile mich, denn auf die Geschichte bin ich schon sehr gespannt!“ Mh, irgendwie klang das ein bisschen bedrohlich, vielleicht täuschte das aber nur. Ich blickte ihm verträumt hinterher, als er mit seinem geschmeidigen Gang meine Zimmertür ansteuerte.
„Er ist grantig, aufbrausend und sehr besitzergreifend. Er ist stur wie ein Maulesel! Mit seiner Rechthaberei und Arroganz treibt er mich manchmal bis zu Weißglut!“, flüsterte ich leise und seufzte tief, als er die Zimmertür hinter sich schloss.
„Aber… ach, ich kann mir nicht helfen, er hat den knackigsten Hintern der Welt!“

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Libell schüttelte kichernd den Kopf und begann den Tisch zu decken. Während ich die Croissants-Rohlinge mit Eigelb bestrich und in den Ofen schob überlegte ich fieberhaft, was und wie viel ich ihm erzählen sollte. Wo sollte ich anfangen? Bei meinem Unfall? Oder warum ich hier war? Wie würde er es aufnehmen, dass ich ihm nachgereist war, obwohl ich ja offiziell nichts von alledem wissen sollte? Würde es seinen Stolz verletzen? Doch das war nicht das eigentliche Problem. Er wollte mich nicht dabei haben. Er hatte mir den Anschlag auf unsere Freunde und Mitstreiter verschwiegen und den Grund seines hastigen Aufbruchs nach Le Havre. Er hat mich aus dem Team ausgeschlossen. Libell und ich arbeiteten stumm Hand in Hand, doch ich war zu beschäftigt mit meinen Überlegungen. Zerstreut bemerkte ich kaum, dass sie mir das Küchentuch wieder abnahm, mit dem ich zum wiederholten Mal die Tassen unnötigerweise polierte. Ihren prüfenden Blicken wich ich verlegen aus und beobachtete lieber die Croissants beim Backen. Es grenzte schon an ein Wunder, dass ich sie rechtzeitig aus dem Ofen nahm und nicht verbrennen ließ, denn ich war immer noch in meinen Gedanken versunken und zu keinem brauchbaren Ergebnis gekommen.
Da erschien er auch schon wieder. Oh je.. ich vergaß immer wieder, wie schnell Vampire waren. Seine Haare waren noch feucht, er hatte sich rasiert und frische Sachen angezogen. Also musste er seine Tasche in meinem Zimmer gefunden haben.
Wortlos setzte er sich lässig mit unbewegter Miene neben Libell und wartete. Ich stellte den Korb mit den herrlich duftenden Croissants auf den Tisch, setzte mich dazu und zuckte mit den Schultern.
„Also… Shadow hat nicht wirklich geplaudert. Mach ihm also bitte keine Vorwürfe. Ja… und irgendwie sind wir dann nach Le Havre gekommen. Eine schöne Stadt übrigens. Dann habe wir durch Zufall deinen Kampf mit den Magiern gesehen und ein bisschen eingegriffen und… na ja, dann sind wir eben mit dir hier gelandet“, sagte ich leichthin und vermied dabei den direkten Blickkontakt.
„Das Haus gehört Libell. Hübsch, nicht? Und… oh, ich habe den Orangensaft vergessen!“ Ich sprang wieder auf und versuchte hinter seinem Rücken Libell mit meinen Augen nachdrücklich auf ihr Versprechen hinzuweisen.

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Zuerst sah sie mich an, als könnte sie nicht glauben, was ich da gerade von mir gegeben hatte. Ich war ja selbst überrascht. Sie kniff kurz ihre schönen blauen Augen zusammen, dann breitete sich urplötzlich ein zuckersüßes verschlagenes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
„Du schielst, Angie!“ Im gleichen Atemzug wandte sie sich an Duncan.
„Sie hat ihre Gabe zu fliegen aufgegeben, um Ihr Leben zu retten!“, verkündete sie aus heiterem Himmel.
„Es hat nämlich nicht mehr viel gefehlt und Sie wären jetzt nicht mehr!“ Duncan und ich zogen hörbar die Luft ein. Ich vor Empörung und er aus Unglauben.
„Verdammt, Libell, du hast es mir versprochen!“, rief ich und starrte sie wütend an. Den Krug mit dem Saft knallte ich so hart auf die Arbeitsplatte, dass er protestierend knackte und etwas vom Inhalt überschwappte. Dieses kleine Biest lächelte immer noch und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Verklag mich doch! Außerdem habe ich dir gar nichts versprochen.“ Das stimmte allerdings, da Duncan und uns im entscheidenden Moment unterbrochen hatte. Verärgert lehnte ich mich mit verschränkten Armen gegen den Kühlschrank und hielt fürs erste meinen Mund. Duncan sah erst gar nicht zu mir herüber, sondern forderte Libell freundlich auf weiterzusprechen und mich ja zu ignorieren, was diese elende Verräterin auch mit sichtlichem Vergnügen tat! Vergeblich versuchte ich sie zu unterbrechen, doch meine Proteste wurden einfach ignoriert!
„Und es kommt noch besser! Hat Sie Ihnen eigentlich von dem Unfall und der Entführung erzählt? Nicht? Das war mir klar! Dann passen sie mal schön auf!“ Das durfte doch jetzt nicht wahr sein! Sie erzählte ihm ohne Unterlass und mit Wonne die ganze Geschichte. Ich überlegte die ganze Zeit ernsthaft, ob ich sie zuerst erwürgen, erdolchen oder einfach nur erschießen sollte, aber das erschien mir alles viel zu human und schnell. Duncan warf mir ab und zu einen seiner undurchdringlichen Blicke zu, sagte aber nichts, sondern lauschte ihr weiterhin sehr aufmerksam. Das Frühstück war vergessen! Als Libell abschließend noch von Leif und seiner Rolle bei meiner Heilung erzählte, allerdings wohl weißlich das Wie verschwieg, begann ich mich ein bisschen unbehaglich zu fühlen. Aus ihrem Munde hörte sich die ganze Geschichte so anders an, viel dramatischer, als ich sie empfunden hatte. Dieses hinterhältige Biest strahlte ihn jetzt an, als hätte sie den Jackpot gewonnen. Duncan, ganz der Charmeur, nahm daraufhin freundlich lächelnd ihre Hand.
„Hab vielen Dank, Libell, das war ja sehr aufschlussreich! Und nenn mich bitte Duncan, ja?“, sagte er und sah sie dabei mit seinen unwiderstehlichen Augen an. Sein engelhaftes, sanftes Lächeln wurde mir langsam unheimlich.
„Würdest du mich bitte mit Angie alleine lassen? Ich glaube, wir zwei haben da noch Einiges dringend zu klären!“, fragte er sie dann besonders liebenswürdig.
Oh oh, nicht gut… gar nicht gut! Libell schnappte sich sofort ihre Tasche und machte sich auf den Weg zur Tür.
„Aber sicher doch! Ich fahre für ein paar Stunden in die Stadt. Ich melde mich dann später… viel später! Ihr habt also alle Zeit der Welt um… nah, ihr wisst schon!“, rief fröhlich. Beschwörend und entsetzt funkelte ich sie an, sie wollte mich doch wohl jetzt nicht mit ihm alleine lassen?
„Du schielst schon wieder, meine liebe Angie!“, dann zwinkerte sie mir nur von der Tür aus zu und weg war sie. Ich hörte noch ihr lautes, fröhliches Lachen durch die geschlossene Haustür. Ich verschluckte mich fast an meinem Kaffee, als ich vorsichtig über den Rand meiner Tasse zu Duncan blickte und sah, dass er mit gesenktem Kopf, wie ein gereizter Stier, bedächtig aufstand und langsam auf mich zu kam. Sein merkwürdiges Lächeln hatte jetzt eine beängstigende Ähnlichkeit mit dem eines Racheengels. Oh oh… schnell stellte ich meine Tasse ab und wich langsam zurück. Ich räusperte mich und wollte gerade etwas sagen, als er mir zuvor kam.
„So und nun zu dir, meine Liebe… dein Handy war also nur ein bisschen kaputt, ja? Vielleicht war ja der Akku leer?“, fragte er sarkastisch. Als ich ihm antworten wollte, hob er die Hand.
„Ah! Ach nein, es ist ja mitsamt deinen Papieren verbrannt! Nachdem du einen schweren Unfall hattest. Nachts. Alleine. Auf einer einsamen Landstraße, bei dem Henrys Auto einen Totalschaden erlitt. Ach ja… entführt wurdest du ja auch noch von zwei Söldnern, die dir nach dem Leben trachteten- schwer verletzt natürlich-, unter dem tust du es ja nicht, hab ich recht?“ Sein Lächeln war nur noch eine grimmige Maske und seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

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Noch schlimmer war seine Stimme. Sie war nicht laut, nein, sie klang wie das leise Knurren eines gereizten Pitbuls kurz vor dem Angriff. Ich wusste, er würde mir nichts tun, aber er sah jetzt einfach nur beängstigend aus.
„Wann wolltest du mir das eigentlich erzählen? Oder besser noch, wolltest du mir überhaupt jemals erzählen, warum du dich gar nicht melden konntest? Wahrscheinlich nicht, hab ich recht? Oder du hättest die wichtigen Details deiner Entführung einfach weggelassen oder heruntergespielt, ja? Oh, und eine magische Fähigkeit, die ein Teil von dir ist, mal so eben im Handumdrehen aufzugeben, als wäre es eine Lappalie, ist ja auch nichts Besonderes, oder? Dass du dabei mal wieder leichtfertig dein Leben aufs Spiel gesetzt hast, war dir wohl auch egal, oder? Korrigiere mich, wenn ich falsch liege oder hab´ ich was vergessen?“
„Ach, wer braucht die schon, wenn es Flugzeuge gibt“, murmelte ich und sah mich blitzschnell nach einer Fluchtmöglichkeit um. Doch er hatte mich bald erreicht. Er blieb eine Sekunde verdutzt stehen, um ungläubig den Kopf zu schütteln. Die Atempause währte nur kurz, plötzlich spürte ich wieder den Kühlschrankgriff in meinem Rücken. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir den Tisch einmal umrundet hatten. Seine finstere Miene wirkte auf einmal nachdenklich.
„Libell hat gar nicht erzählt, wie Leif dich geheilt hat? Ich wusste nicht mal, dass er das Talent dazu besitzt“, sagte er und durchbohrte mich dabei mit seinen Augen. Oh nein, von mir erfuhr er das bestimmt nicht, zumindest jetzt in diesem Augenblick nicht! Da konnte ich ja gleich Öl ins Feuer gießen! Ich reckte mein Kinn und sah ihn entschlossen an.
„Das willst du gar nicht wissen!“
„Ach ja? Und warum nicht?“
„Weil… du wirst nur sauer!“ Misstrauisch blieb er stehen.
„Ach, und was bin ich jetzt? Auf einer Friedensmission?“ Fassungslos starrte er mich an und fuhr sich mit beiden Händen durch seine Haare, dann lachte er plötzlich laut auf, als wäre er nicht ganz bei Sinnen.
„Ha! Jetzt weiß ich endlich was du vorhast!“ Er tippt mir mit einem Finger anklagend gegen die Brust.
„Du willst mich in den Wahnsinn treiben, stimmt`s!“ Moment! Wer hier wen in den Wahnsinn trieb, würde sich noch zeigen! Mir reichte es jedenfalls! Ich hatte genug von seinen Anschuldigungen und drückte energisch meine Hände gegen seine Brust, schob ihn rückwärts gegen den Tisch und funkelte ihn unheilvoll an, während er sich überrascht an die Tischplatte lehnte.
„Ach, wo wir schon mal dabei sind! Du wagst es, mir Vorwürfe zu machen, ich würde mit meinem Leben spielen? Wer hat mich denn einfach stehen lassen und sich dann ganz alleine… wohlbemerkt ALLEINE aufgemacht, um eine heiße Spur zu verfolgen, mh? Und dass, obwohl man niemals ohne Rückendeckung zu so einer Mission aufbricht? Niemals! Ganz zu schweigen davon, dass du mir nicht einmal von dem Anschlag in Glasgow erzählt hast!“ Ich hielt ihm eine Hand mit gespreizten Fingern zornig vor seine Nase.
„Fünf! Sich mit gleich fünf Magiern anzulegen, ist das etwa vernünftig? Dass ich vielleicht vor Angst um dich fast wahnsinnig geworden wäre, als ich dich da so liegen sah, verletzt und blutend, ist dem Herrn ja wohl ziemlich egal gewesen, oder? Du… du verdammter störrischer schottischer Maulesel!“ rief ich und boxte gegen seine Brust. Er öffnete den Mund, um etwas sagen, doch ich war noch lange nicht fertig mit ihm! Dazu steckten mir der Schrecken und die Angst, die ich in den vergangenen Stunden ertragen musste, noch zu tief in den Knochen.
„Sei still!“, fauchte ich und er klappte verblüfft seinen Mund wieder zu.
„Du hast mir mal gesagt, du würdest alles für mich tun. Habe ich nicht das gleiche Recht? Dann gebe ich eben das Fliegen auf. Na und? Darauf kann ich gerne verzichten, aber auf dich nicht, du alter starrköpfiger Vampir! Du bist ein Teil von mir, und nicht die Fliegerei!“ Vor lauter Wut kamen mir auch noch die Tränen, die ich gleich unwirsch wegwischte.
„Weißt du eigentlich, dass ich eine scheiß Angst um dich hatte, als du nicht zu dir kamst? Deine Selbstheilungskräfte sich nicht einsetzten und du immer schwächer wurdest und ich dachte, ich würde dich für immer verlieren? … was ist?“ Sein wunderschönes Lächeln brachte mich total aus dem Konzept. Amüsiert hob er mein Kinn sanft mit einer Hand an.
„Schottischer Maulesel?“, fragte er leise.

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Ich schniefte laut und war total verwirrt über diese Wendung.
„Ja! Gibt es die überhaupt?“, fragte ich stirnrunzelnd, „ach egal, dann eben schottischer Dickschädel…“ Ich sah nur noch hilflos in seine Augen, die mich plötzlich voller Liebe ansahen.
Oh Gott, ohne ihn konnte ich nicht mehr leben. Mit einem leisen Aufschrei warf ich mich an seine Brust und umklammerte ihn fest. Seine starken Arme umfingen mich sofort und pressten mich an seinen warmen Körper.
„Tu so etwas nie wieder, hörst du?!“ flüsterte ich, rieb mein Gesicht an seinem Shirt und wischte so die letzten Tränen ab.
„Hey, das ist nicht fair!“ murmelte ich, als er daraufhin begann mit seinen Lippen meinen Hals zu liebkosen.
„Du arbeitest mit unlauteren Mitteln!“ Oh ja, genau da! Ich schloss meine Augen und bog seufzend meinen Kopf so weit nach hinten, damit er auch ja jeden Zentimeter berühren konnte.
„Mh… du hast angefangen. Wenn du mich so wütend anmotzt, kann ich dir einfach nicht widerstehen. Dann blitzen deine Augen und du siehst einfach wunderschön aus, mein Herz“, nuschelte er, während er die empfindliche Stelle hinter meinem Ohr mit seinen Lippen liebkoste. Meine Knie wurden weich, und ich wühlte mit beiden Händen durch seine seidigen, kräftigen Haare.
„Gar nicht, du… oh, hör bloß nicht auf!“ Weiter kam ich nicht, denn Duncan verschloss mir den Mund mit einem innigen Kuss. 😳
Seufzend und leicht benebelt von seinem Duft und seiner Nähe löste ich mich nur widerstrebend von ihm. Ich versuchte, ihn ein wenig wegzudrücken, um ihn auf Abstand zu halten, denn in seinen Armen war ich wie immer zu keinem klaren Gedanken fähig. Doch er wich keinen Zentimeter zurück und bedachte mich nur mit einem lüsternen Blick, der keinen Zweifel offen ließ. Und was wollte ich? Ich schloss kurz die Augen, um nicht von seinem unwiderstehlichen Blick abgelenkt zu werden, und versuchte mich daran zu erinnern, worum es in unserem Streit ging. Doch es wollte mir partout nicht mehr einfallen. Da war doch noch etwas Wichtiges, über das ich mit ihm reden wollte…
„Duncan, wir müssen reden“, sagte ich und versuchte halbherzig seine Hand aufzuhalten, die sich unter mein Shirt gestohlen hatte und begann meinen Rücken zu streicheln. Doch er zog mich nur noch enger an sich.
„Nicht jetzt, später… viel später“, raunte er an meinen Lippen und knabberte sanft an meiner Unterlippe, bevor er sich wieder über meinen Mund hermachte und seine Hand weiter verführerisch über meinen Körper wanderte. Er wollte doch wohl nicht jetzt und hier…? Flüchtig schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass wir für Stunden das Haus für uns alleine hatten, das hatte Libell uns mit ihrem Blick eindeutig zu verstehen gegeben. Und so wie es sich anfühlte, gab es kein Zurück mehr.

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Seufzend gab ich endgültig nach, als eine flammende Erregung über meine Nervenenden züngelte und ich mich Halt suchend an ihn klammerte. Mit einer Hand wühlte er stöhnend durch meine Haare, mit seiner anderen drückte er mich fest an seinen Körper und ließ mich so seine Erregung spüren. Er war der einzige, der genau wusste, welche Knöpfe er bei mir drücken musste, um mich in ein hilfloses, erregtes Bündel zu verwandeln. Ich schlang meine Arme um seinen Nacken und erwiderte seinen heißen, alles verzehrenden Kuss. Er schmeckte unwiderstehlich und ich hatte zu lange nicht von ihm gekostet. Er war meine Lieblingsdroge, und ich der Junkie, der zu lange auf Entzug war. Tiefes Verlangen nach ihm durchfuhr mich, ich war ihm noch nicht nah genug und musste ihn unbedingt berühren. Mit einer Hand fuhr ich unter sein Shirt und streichelte verlangend jeden Zentimeter seiner nackten Haut, den ich erreichen konnte. Seine Haut war warm und weich wie Seide, dabei fest und glatt. Unter meinen Fingerspitzen spürte ich den erregenden Tanz seiner Muskeln und wollte mehr. Ich wollte sein Gewicht auf mir spüren, ich wollte fühlen, wir lebendig und unzerstörbar er war und gleichzeitig seine Erregung in mir… ungezügelt und leidenschaftlich. Ein Beben ging durch seinen Körper, als ich mit dem Daumen über seine Brust strich. Ein tiefes animalisches Knurren ließ seinen Brustkorb vibrieren und sein Griff wurde fester. Mit einer Hand hob er mich hoch, drehte sich blitzschnell mit mir, fegte mit der anderen brutal die Sachen vom Tisch und setzte mich, ohne den Kuss zu unterbrechen, ein wenig unsanft ab. Seine Hand schob mein Shirt nach oben und ehe ich mich versah, lag es auch schon auf dem Boden. Meine restliche Kleidung folgte sofort und mit einer kaum wahrnehmbaren Handbewegung entledigte er sich auch seiner. Sanft beugte er sich über mich. Mein ganzer Körper brannte lichterloh, als er mit seinen weit ausgefahrenen Eckzähnen meine Haut reizte ohne sie zu verletzen. Dann impfte er mich behutsam mit seinem besonderen Serum. Sofort rann flüssiges Feuer durch meine Adern. Berauscht von seinem Aphrodisiakum vergaß ich meine Umgebung, die ganze Welt, alles, es gab nur noch ihn und mich. Ich reckte mich voller Verlangen seinen magischen Händen entgegen. Das Blut rauschte in meinen Ohren, als er mich überall berührte und seine Lippen der feurigen Spur folgten, die seine Finger hinterlassen hatten. Seine Augen glitzerten und leuchteten vor Verlangen, als er mir tief in die Augen sah.
„Angie… meine geliebte Angie, du fühlst dich so gut an… brenne, brenne für mich, so wie ich für dich brenne“, presste er mit heiserer Stimme hervor. Und ich brannte und fiel in den Strudel der Ekstase und riss ihn mit mir in einen erregenden Rhythmus…
Danach schloss er schützend wie um einen Kokon seine Arme fest um mich. So verharrten wir einige Minuten, um wieder zu Atem zu kommen. Dann hob er mich hoch und setzte sich mit mir auf einen Stuhl. Überwältigt von dem Erlebten schmiegte ich mich glücklich an ihn, rieb meine Nase an seiner Halsbeuge und schwelgte in den grandiosen Gefühlen, die er in mir ausgelöst hatte. Seine Kraft und Stärke hatte nicht nachgelassen und seine streichelnden warmen Hände begannen mich erneut zu erregen.
„Meine süße, kleine Hexe, das war erst der Anfang… ich habe dich so lange nicht in meinen Armen gehalten und ich werde jetzt alles nachholen, was wir in den letzten Wochen versäumt haben!“ Er umfasste mein Gesicht und mit einem lasziven Lächeln wollte er sich wieder über meine Lippen hermachen. Doch ich legte ihm lächelnd einen Finger auf den Mund und schüttelte langsam meinen Kopf. Für die wohligen Gefühle, die er mir bereitet hatte, würde ich mich jetzt revanchieren.

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„Oh nein, mein Liebster, jetzt bin ich dran. Lehn dich einfach zurück und genieße es. Und wehe du bewegst dich“, flüsterte ich an seinem Ohr und knabberte liebevoll an seinem Ohrläppchen. Eine Sekunde stutzte er, dann nickte er gehorsam und wartete neugierig und mit begierig glitzernden Augen auf die Fortsetzung. Lächelnd löste ich seine Hände von meinen Hüften und verbannte sie hinter seinem Rücken, um so ungehindert meine Finger langsam und sinnlich über sein Gesicht und seinen muskulösen Körper wandern zu lassen. Dabei sah ich fasziniert, wie sich sein Gesicht lustvoll verzerrte. Dann begann ich mich aufreizend langsam zu bewegen…

Nach einer gemeinsamen Dusche hatten wir es endlich in mein großes breites Bett geschafft. Angenehm erschöpft und selig lag ich an seiner Seite und hatte meinen Kopf auf seinem Arm gebettet. So könnte ich ewig liegen, dachte ich verträumt und genoss seine Nähe und seinen männlichen, ganz speziellen Duft. Das werde ich wohl auch müssen, kicherte ich in mich hinein, da ich mich kaum noch bewegen konnte. Duncan lag auf dem Rücken und starrte mit gerunzelter Stirn an die Decke, dabei biss er sich immer wieder auf die Lippe. Irgendetwas beschäftigte ihn. Ich mochte seine ernsten grüblerischen Stimmungen noch nie und wollte ihn gerade fragen, was los war, als er mich plötzlich und unerwartet fester an sich zog und meinen Kopf sachte auf seine Brust drückte.
„Angie… oh Gott, du hast mir so gefehlt!“, flüsterte er, „ich wollte doch niemals, dass du… ich…“ Seine gequälte Stimme zerriss mir fast das Herz. Ich konnte nur erahnen, was in ihm vorging und legte meine Finger auf seinen Mund.
„Nicht, mein Schotte. Es ist doch alles gut. Wir sind wieder zusammen, das ist das einzige was zählt, alles andere gehört der Vergangenheit an.“ Er nahm meine Hand und küsste jeden einzelnen Finger, dann verschränkte er unsere Finger ineinander und schüttelte entschieden den Kopf.
„Nein, es ist nicht gut. Es gibt etwas, was du wissen musst.“ Er seufzte tief und mied meinen Blick. „An dem Tag deiner Rückkehr habe ich mich unverzeihlich benommen. Ich habe dich gehasst, zumindest habe ich mir das eingeredet. Als ich von Leif erfuhr, dass du mich nur wegen einem Missverständnis wortlos verlassen hattest, war ich so außer mir. Ich hätte dich am liebsten geschüttelt, wenn du da in meiner Nähe gewesen wärst. Aber als du dann in dem Apartment vor mir standest, war ich kurz davor dich in meine Arme schließen. Oh Gott, ich hätte alles in dem Moment stehen und liegen gelassen nur um bei dir zu bleiben. Aber die eine Sache war einfach zu wichtig, verstehst du? Außerdem war ich so starrsinnig“, sagte er bitter, „ schlimmer noch, ich fühlte mich im Recht. Ich wollte dich leiden sehen, so wie ich gelitten hatte. Ich wollte dir weh tun. Du solltest fühlen wie das ist, diese Ungewissheit, das Verlassen werden… die Qual. Ich war so dumm als ich dachte, ich könnte dich auch nur für ein paar Tag verlassen… so dumm. Ich hätte das sowieso niemals geschafft, das wurde mir spätestens klar, als ich den Heli nach Le Havre bestieg. Wenn ich gewusst hätte, was du durchgemacht hast durch den Unfall und die Entführung… Vergib mir, denn ich hatte ja keine Ahnung.“ Seine schonungslose Offenheit berührte mich tief und ich ließ in sich alles von der Seele reden, was ihn gequälte. Ich unterbrach ihn nicht, sondern zog nur seine Hand an meinen Mund, küsste sie und stütze dann meinen Kopf darauf, um ihn weiter ansehen zu können. Zum Glück sah er nicht mehr so verdammt ernst aus.
„Willst du wissen, warum ich dir nichts von dem Anschlag gesagt habe? Weil ich genau wusste, wie du reagieren würdest. Du hättest keine Ruhe gegeben und darauf bestanden mitzukommen. Aber ich wollte dich nur aus einem Grund nicht dabeihaben. Ich wollte dich nicht ausschließen, niemals! Es war einfach zu gefährlich. Der Krieg mit Dungeon ist in eine neue Phase eingetreten. Er hat eine große Schar Magier um sich versammelt, und sie sind verflucht stark und gefährlich. Wenn du in die Schusslinie geraten wärest und sie dich irgendwie in die Finger bekommen hätte, wäre es ein leichtes gewesen, dich als Druckmittel gegen mich ein zusetzten, und ich hätte wählen müssen… Angie, ich weiß nicht, ob ich das gekonnt hätte.“ Unter welcher erdrückenden Anspannung er gestanden haben musste, konnte ich mir kaum vorstellen. Kein Wunder, dass er so reagiert hatte.

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„So wusste ich dich auf dem Anwesen in Sicherheit. Besonders nachdem ich mich so unmöglich dir gegenüber benommen hatte, bin ich davon ausgegangen, dass du mir nicht folgst. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel, die Gefahr für uns, für alle, war und ist einfach zu groß, verstehst du?“ Plötzlich sah er mich belustigt an.
„Dass Shadow umkippen würde, hatte ich mir schon gedacht und vielleicht auch insgeheim erhofft.“ Er strich zärtlich mit seinem Daumen über meine Lippen.
„Wer kann dir schon widerstehen, mein Engel.“ Ich erwiderte sein Lächeln und drückte seine Hand, um ihn aufzufordern weiter zu sprechen.
„Bruce war eigentlich nur ein kleines Licht in Dungeons Gefolge. Ihm wurde die Sache mit den Magiern zu brenzlig und er wollte aussteigen. Die Informationen, die er für uns hatte, wollte er aber nur persönlich an uns weitergeben, da er Angst hatte abgehört zu werden. Doch ich kam zu spät, sie dulden keine Verräter in ihrer Mitte und hatten ihn schon zum Schweigen gebracht. Den Hinweis auf Dungeon, die Schuppe, die du auch entdeckt hast, hatten sie zu auffällig hinterlegt. So wie einen zerknüllten Zettel in seiner Hand mit einer Telefonnummer. Als ich die anrief, meldete sich seine angebliche Frau, die von ihm instruiert war, die Informationen an mich weiterzugeben. Sie wollte mir die Informationen aber nur persönlich übergeben und machte einen Treffpunkt aus. Natürlich wusste ich, dass sie mich bewusst in eine Falle gelockt hatte. Glaub mir, ich war vorsichtig und habe die Lage vorher ganz genau gecheckt. Ich war sogar eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt dort, um keine böse Überraschung zu erleben. Tja, nur hatten die Magier leider die gleiche Idee. Sie waren so gut getarnt, dass ich sie zu spät bemerkte. Der Angriff aus dem Hinterhalt kam selbst für mich total überraschend.“ Bisher hatte ich schweigend zugehört, doch nun konnte ich mich nicht bremsen.
„Das muss dieses Miststück von Magierin gewesen sein, die dich fast umgebracht hätte…“ Er nickte bestätigend.
„An Flucht war nicht mehr zu denken“, fuhr er fort, „ und ich wehrte mich, so gut ich konnte, den Rest kennst du ja. Wenn du nicht gewesen wärst… oh Gott. Du bist mir, trotz allem was ich zu dir gesagt habe, nachgereist und hast mich gesucht. Warum?“
Ich schlang ein Bein um ihn, als er sich zu mir auf die Seite drehte.
„Du kannst fragen! Weil ich dich liebe, du Dummerjan. Nichts und niemand hätte mich aufhalten können.“ Ich knuffte ihn liebevoll in die Seite, weil er mir ein bisschen zu selbstgefällig und zufrieden grinste. Als Antwort wickelte er eine Haarsträhne von mir um seine Finger und zog sanft daran. Doch dann stockte er und sah mich nachdenklich an.
„Mh, und wie hat Leif dich nun geheilt? Oder ist das ein großes Geheimnis?“ Schmunzelnd hauchte er einen Kuss auf meine Nase. Oh je, der Themenwechsel behagte mir gar nicht! Aber da kam ich wohl nicht drum herum.
„Versprich mir, dass du ganz ruhig bleibst, ja?“
„Warum sollte ich ausrasten?“ fragte er mich verdutzt.
„Weil ich dich kenne, mein Lieber… also, erst versprichst du es, nein, besser du schwörst es mir, ganz ruhig zu bleiben!“Amüsiert küsste er mich auf den Mund und wanderte dann mit seinen Lippen weiter Richtung Hals und Schlüsselbein.
„Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Also gut… ich schwöre hoch und heilig ruhig zu bleiben“, murmelte er gegen meine Haut und erreichte auf diesem Weg meine Brust und besiegelte seinen Schwur mit einem zarten Biss. Keuchend versuchte ich meine Gedanken beisammen zu halten, solange es noch ging, und den erregenden Stromschlag, der mich durchfuhr, zu ignorieren. Ich hielt seinen Kopf an Ort und Stelle fest und erzählte ihm alles ohne etwas zu beschönigen oder herab zu spielen. Keine Geheimnisse mehr.
Duncan erstarrte augenblicklich und bewegte sich nicht. Lag es an mir oder an dem Gehörten, dass sein Atem schneller ging? Oh je, sein tiefes Knurren klang gar nicht gut. Seine warme, kräftige Hand, die eben noch zärtlich streichelnd über meinen Bauch tiefer gewandert war, verharrte abrupt und krallte sich tief in meinen Oberschenkel.
„Lieblingsschotte, du hast es versprochen!“ Ich hielt immer noch seinen Kopf fest und fuhr mit dem Zeigefinger zärtlich die Konturen seines Ohres nach.
„Bitte! Es ist doch vorbei und es hat ja nichts bedeutet, also mir nicht, und Libell war dabei, also… du hast es versprochen!“

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„Ich bin doch ruhig… ganz ruhig!“, zischte er zwischen seinen bis zum Anschlag ausgefahrenen Eckzähnen und wühlte sein Gesicht in das Tal zwischen meinen Brüsten. Ich begann seinen Nacken zu kraulen und spürte wie seine Anspannung langsam nachließ und er ruhiger wurde.
„Ich sag ja nichts. Nur soll die verdammte Fee mir vorerst nicht unter die Augen kommen, ernsthaft!“
Mühsam unterdrückte ich ein Kichern und wand mich unter seinen forschenden Fingern.
„Duncan! Er hat mich geheilt… wie auch immer.“ Plötzlich warf er mich auf den Rücken und kniete sich vor mich hin. Seine wild funkelnden Augen, die mich festentschlossen ansahen, machten mich auf der Stelle neugierig. Ich beobachtete ihn genau. Was hatte er jetzt vor?
„Angie, mein Herz, dass ich dich über alles liebe, weißt du. Du bist MEIN, so wie ich DEIN bin! Und das soll endlich jeder wissen! Jeder! Zur Hölle mit einer großartige Feier und mit dem ganzen unnötigen Brimborium oder das Warten auf eine passende Gelegenheit! Wir haben schon viel zu lange damit gewartet.“ Seine Augen brannten vor Entschlossenheit und Enthusiasmus.
„Wenn du einverstanden bist, mein Herz, werden wir hier und jetzt auf der Stelle unsere Vereinigung vollziehen und besiegeln.“ Ich hatte unwillkürlich bei seinen letzten Worten den Atem angehalten und ihn mit großen Augen angestarrt. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet! Sollte es denn wirklich und wahrhaftig endlich wahr werden? Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchfuhr mich und ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Nur zu gerne hätte ich meine Zustimmung gegeben, wenn… tja wenn da nicht noch ein großes Problem gewesen wäre. Seufzend setzte ich mich auf, legte eine Hand an seine Wange und sah ihn traurig an. Wahrscheinlich hatte ich zu lange mit meiner Antwort gewartet, denn er wirkte verunsicher, als er seine Hand auf meine legte.
„Wenn… wenn du willst, dann falle ich auch auf die Knie und frage dich ganz offiziell ob du…“ Sofort unterbrach ich ihn und schüttelte entschieden den Kopf.
„Nein, nein, Duncan mein Liebster, das ist es nicht. Oh bitte, glaube mir, ich würde nichts lieber als das tun, aber… da gibt es noch ein Problem“. Ich erzählte ihm was Dr. Home über mein Blut herausgefunden hatte, von der Diagnose und seiner Behandlungsmöglichkeit. Danach konnte ich ihn nur mit Mühe davon abhalten, sich das Handgelenk sofort aufzureißen, um mir sein Blut zu geben.
„Dann lass uns sofort aufbrechen“, forderte er rigoros und machte Anstalten aufzustehen, doch ich hielt ihn am Arm zurück.
„Hey, so dringend ist es nun auch wieder nicht. Ich habe ja noch meine Kapseln. Die helfen ganz gut. Es reicht vollkommen, wenn wir morgen zurück fliegen. Ikarus wartet Stand-by auf uns auf dem Flughafen. Wir haben also noch reichlich Zeit.“ Er sah mich unerbittlich an und schüttelte stumm den Kopf. „Außerdem können wir morgen doch nochmal in dem Haus von diesem Bruce vorbeischauen, und sehen, ob wir nicht doch noch irgendwo versteckte Hinweise finden. Vielleicht haben wir ja etwas übersehen?“ Ich versuchte ihn damit zu locken, nur um nicht sofort abzureisen.
„Nein, ich werde kein Risiko eingehen, wenn es um deine Gesundheit geht!“ sagte er bestimmend und stand auf, um nach seiner Hose zu greifen und sich anzuziehen.
„Die Spur hier in Le Havre ist sowieso kalt. Also können wir auch sofort aufbrechen. Auf dem Anwesen können wir dann die weiteren Schritte in Sachen Dungeon planen, aber erst, nachdem du geheilt bist.“

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Niedergeschlagen blieb ich sitzen, zog ein Kissen an meine Brust und starrte vor mich hin. Oh bitte nicht. Ich verstand ja seine Motive, denn wenn es um mich ging, war er immer übervorsichtig, aber die vergangenen Stunden mit ihm waren traumhaft schön und so nahe waren wir uns schon lange nicht mehr gewesen, da mochte ich nicht schon wieder in die kalte und grausame Wirklichkeit zurückkehren. Jedenfalls nicht sofort. Ich wollte wenigstens noch ein paar Stunden mit ihm alleine verbringen. Ein paar gestohlenen Stunden nur mit ihm zusammen sein, ohne Kämpfe, Krieg, Angst und Verfolgung…
„Bitte Duncan“, bat ich leise, „ ich wünsche mir nur ein paar Stunden Auszeit für uns beide. Nur du und ich. Kein Dungeon, keine Trolle oder Magier, keine Waffen, keine Kämpfe… lass uns für ein paar Stunden alles vergessen. Nur bis morgen. Dann können wir von mir aus wieder loslegen, abreisen… was immer du willst, aber… bitte Duncan. Ich weiß ja, dass du dir Sorgen um mich machst, aber das brauchst du wirklich nicht. Es geht mir doch gut.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass Duncan noch kein Wort gesagt hatte. Ich hob den Kopf und sah ihn neben dem Bett stehen, fertig angezogen und mit gerunzelter Stirn. Sein Blick lag fast düster auf mir.
„Einfach nur das Böse mal für ein paar Stunden hinter uns lassen. Vielleicht einen Spaziergang am Strand machen oder gemeinsam einen Film ansehen. Nur du und ich, niemand sonst. Bitte. Ich verlange doch nichts Unmögliches, oder doch?“ Er sagte immer noch nichts, sondern fuhr sich nur mit beiden Händen seufzend durch seine Haare. Frustriert biss ich mir auf die Unterlippe, die verdächtig anfing zu zittern, und drückte mein Gesicht in das Kissen. Ich hätte heulen können.
„Wahrscheinlich doch“, murmelte ich erstickt.
Ein Geräusch ließ mich aufschauen. Duncan hatte sich vor das Bett gekniet. Behutsam nahm er meine Hände und schenkte mir ein warmes Lächeln.
„Nein, mein Herz, tust du nicht. Du hast recht, die Welt da draußen kann auch mal eine Zeitlang ohne uns….“. Ich ließ ihn gar nicht ausreden und flog ihm mit einem Freudenschrei an den Hals und küsste ihn. Leider wurde die romantische Stimmung von meinem lauten Magenknurren unterbrochen. Lachend machte er sich los und sah mich streng an.
„Du ziehst dich lieber schnell an, sonst kommen wir gar nicht mehr aus diesem Zimmer. Ich mache unterdessen Frühstück!“ Mit einem schnellen Blick auf seine Uhr korrigierte er sich.
„Äh… etwas zu essen. Die Zeit für Frühstück ist schon seit Stunden vorbei. Irgendwelche Wünsche? Oh, ich weiß schon… aber ob ich hier Haggis auftreiben kann, wage ich zu bezweifeln.“ Das Kissen, das ich kichernd nach ihm warf, verfehlte ihn nur knapp, da er sich wohlweißlich schnell aus dem Staub in Richtung Küche aufmachte.
Und ich beeilte mich, so schnell ich konnte. Unsere wenigen gemeinsamen Stunden waren zu kostbar, um sie mit unwichtigen Sachen zu vertrödeln. Diesmal verzichtete ich komplett auf Make-up, zog meine Jeans und einen Pullover an, bürstete meine Haare in Windeseile und lächelte die ganze Zeit vor mich hin, denn ich war immer noch ein klein wenig verblüfft über seinen plötzlichen Sinneswandel. Dann hörte ich das Rumoren aus der Küche durch die geschlossene Tür. Oh je! Mit hochrotem Kopf musste ich daran denken, was wir für ein Chaos angerichtet hatten und lief schnell zu ihm, um ihm zu helfen es zu beseitigen.
Fortsetzung folgt…

Kapitel 1: Seitensprung der Sisterhood – Ankunft in Schottland

Kapitel 2: Seitensprung der Sisterhood – Das Anwesen der Bruderschaft

Kapitel 3: Seitensprung der Sisterhood – Geheimnisse

Kapitel 4: Seitensprung der Sisterhood – Verschwörung

Kapitel 5: Seitensprung der Sisterhood – Entführt

Kapitel 6: Seitensprung der Sisterhood – Die Rückkehr

Kapitel 7: Seitensprung der Sisterhood – Le Havre

finden sich hier.

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Seitensprung der Sisterhood

Kapitel 7
Le Havre

Na, das war wenigstens ein Handy, dachte ich lächelnd, nachdem ich die rote Schleife abgestreift hatte. Das Grauen in Pink legte ich achtlos auf den Tisch. Dieses hier entsprach genau meinem Geschmack! Es war schwarz, klein, extrem flach und unauffällig… fast. Ganz unten an der Ecke klebte ein winziger „Hello Kitty“- Sticker als kleiner Gruß von Mythos, doch damit konnte ich leben. Allerdings war mir die Technik neu, und auch die Marke war mir gänzlich unbekannt. Es hatte große Ähnlichkeit mit dem „Golden Eye“, das ich auf der Insel gelassen hatte, es war nur kleiner.
„Das ist die neueste Entwicklung von unseren Technikern. Also praktisch unsere Hausmarke“, sagte Shadow. „Ach, ich sehe schon, mit dem, was ich ausgesucht habe, lag ich ziemlich daneben“, setzte er noch bedauernd hinzu und lächelte nachsichtig, als ich begeistert die ganzen Funktionen und die zusätzlichen Apps studierte.
„Aber ich wünsche mir trotzdem, dass du es behältst, Angie.“
„Natürlich“, murmelte ich zustimmend und sah ihn entschuldigend an. Es war ja sein erstes Geschenk an mich und solange ich es nicht benutzen musste… Ich nahm es vom Tisch und ging damit ins Schlafzimmer und legte es auf das Bett. Währenddessen beschäftigte ich mich weiter mit meinem neuen Black-Beauty. Jemand hatte schon die wichtigsten Nummern eingespeichert. Auch die Klingeltöne waren, Mythos sei Dank, ziemlich neutral. Während ich mich immer weiter mit dem Handy vertraut machte, nahm ich kaum wahr, dass Shadow mir leicht auf die Schulter klopfte und sich seufzend verabschiedete. Plötzlich musste ich mit Schrecken daran denken, dass ich nicht nur das Golden Eye, sondern auch mein Schwert und die meisten Messer und Wurfsterne zu Hause gelassen hatte. Also würde ich mich wohl aus der Waffenkammer der Brüder bedienen müssen, denn unbewaffnet wollte ich auf keinen Fall nach Frankreich reisen.
Mary kam und räumte den Tisch ab, als ich gerade den großen Schrank nach einem geeigneten Koffer durchstöberte. Sie schaute kurz um die Ecke und nickte ernst, als sie mich erfolglos suchen sah. Wortlos öffnete sie eine Tür neben dem großen Schrank und holte einen kleinen Koffer hervor, der genau passend für meinen Kurztrip war. Sie strich flüchtig über meinen Arm und war auch schon wieder weg. Ein Klopfen an der Apartmenttür unterbrach wenig später meine Packaktion.
Ich ließ Mythos herein, der zu meinem Erstaunen mühelos eine schwere Kiste mit sich trug. Er stellte sie auf den Tisch und zwinkerte mir zu.
„Shadow hat mir von Ihren Reiseplänen berichtet. Ich war in der Zwischenzeit auch nicht untätig und habe schon mal ein kleines Waffenarsenal zusammengestellt. Suchen Sie sich in Ruhe aus, was Sie brauchen.“ Als ich neugierig die Kiste begutachtete, war ich einfach begeistert und wäre ihm beinahe um den Hals gefallen! Er hatte wirklich an alles gedacht! Sogar ein japanisches Kurzschwert, ein Wakizashi, war dabei. Es lag in meiner Hand, als wäre es für mich geschmiedet worden. Die Klinge war nur ca. 70cm lang, es war leicht und einfach zwischen den Schulterblättern zu verstauen.
„Danke, Mythos, das ist ja fantastisch! Genau das, was ich brauche! Oh… und vielen Dank nochmal für das Handy.“ Er zwinkerte mir verschwörerisch zu und trug die Kiste auf meine Bitte ins Schlafzimmer. Er lachte laut, als er Shadows Geschenk auf dem Bett glitzern sah.
„Er ließ sich partout nicht davon abbringen. Aber ich hatte mir gleich gedacht, dass es dir überhaupt nicht gefällt und wohlweislich vorgesorgt.“ Dann verabschiedete er sich rasch und wünschte mir viel Glück. Als er gegangen war, suchte ich meine Kampfmontur zusammen, von der ich mich niemals trennte, und zog mich bis auf Slip und BH aus. Meine schwarze Lederhose mit den Geheimtaschen und die weiße Bluse lagen auf dem Bett parat, als Libell eintrat.
„So, ich bin fertig und schon ziemlich aufgeregt“, verkündete sie und ließ sich lächelnd auf mein Bett fallen.
„Ich habe schon mit dem Manager, der mein Haus während meiner Abwesenheit betreut, in Frankreich telefoniert. Er arbeitet schon lange für meine Familie und ist absolut vertrauenswürdig. Er füllt sogar den Kühlschrank… oh nein, was ist denn das?“ Grinsend zeigte sie auf das Etwas in Pink.
„Frag bloß nicht! Ein Missgriff von Shadow. Ich weiß, er meint es nur gut, aber damit kann ich mich nirgends sehen lassen“, sagte ich und suchte in der Kiste nach den geeigneten Waffen. Sie beobachtete mich interessiert, als ich mir meinen Gürtel mit den Wurfmessern um meine Taille schlang und festzurrte.

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Ihre Augen wurden immer größer, als ich mir auch noch die Oberschenkelgurte anlegte und das Kurzschwert in das Holster, das ich mir umgeschnallt hatte, zwischen meine Schulterblätter schob und alles unter meiner Bluse versteckte.
„Wow! Dich möchte ich nicht zum Feind haben!“ Als ich mir die kleine Pistole, die kaum größer als eine Zigarettenschachtel und eine Spezialanfertigung war, um meinen Knöchel band, platzte sie heraus:
„Himmel! Wie willst du damit durch den Zoll kommen?“ Nachdem ich meine Lederhose über die Waffen zog und mich vor ihr mit ausgebreiteten Armen präsentierte, schüttelte sie verwundert ihren Kopf.
„Also, wenn ich es nicht gerade mit eigenen Augen gesehen hätte… du siehst so unschuldig und lieb aus, als könntest du kein Wässerchen trüben, dabei bist du bestimmt absolut tödlich. Bleibt nur noch das Problem mit den Sicherheitsbeamten… oh, ich nehme mal stark an, das Shadow da was drehen kann, oder?“
„Davon gehe ich aus“, sagte ich zuversichtlich und versuchte meine Haare in einem Zopf zu bändigen. Wortlos nahm sie mir die Bürste aus der Hand und erledigte das für mich. Kurze Zeit später hing ein sauber geflochtener Zopf lang meinen Rücken herunter.
„Oh, danke“, sagte ich und packte die Bürste ein. Sie nahm Pinky in die Hand und lächelte ein bisschen verträumt.
„Er gefällt dir, ja?“ Verlegen legte sie das rosafarbene Ungetüm zurück ohne mich dabei anzusehen. „Wen meinst du?“, fragte sie scheinbar ahnungslos.
„Shadow natürlich“, antwortete ich und verkniff mir ein Grinsen, als sie rot wie eine Tomate abrupt aufstand.
„ Äh… ja, er ist ganz nett. Wir treffen uns dann unten, okay?“, sagte sie und verließ fast fluchtartig das Schlafzimmer. Ich nickte nur lächelnd, da ich sie nicht weiter in Verlegenheit bringen wollte.
Als ich den Rest eingepackt hatte, zog ich meine Lederjacke an, verstaute noch schnell die Kapseln in einer Innentasche und griff mir die Kette, die immer noch auf dem Schreibtisch lag. Ab sofort würde ich sie ewig tragen, schwor ich mir in diesem Augenblick. Egal wie alles ausgehen würde, nur Duncan konnte sie mir noch abnehmen, niemand sonst.
Sorgenvoll warf ich einen letzten Blick zurück in das Zimmer. Hoffentlich ging alles gut aus und ich würde in ein paar Tagen mit Duncan zusammen wieder über diese Schwelle treten. Seufzend schloss ich die Tür und schrak im gleichen Moment zusammen, als die gegenüberliegende Tür von Norberts Apartment geöffnet wurde. Leif stand mit Libells Köfferchen in der Hand im Türrahmen und sah mich verlegen an.
„Sie… sie hat in Norberts Apartment übernachtet. Ich hoffe, das war in Ordnung?“
„Na klar, warum sollte sie nicht? Es steht doch leer.“ Es berührte mich zwar noch immer ein wenig, aber das Leben ging nun mal weiter.
„Ach, könntest du mir bitte bei dem Verschluss helfen?“, bat ich ihn und hielt ihm die Kette hin.
„Natürlich, kein Problem.“ Ich drehte ihm den Rücken zu und hob meinen Zopf an. Seine Hände zitterten ein wenig, aber nach dem dritten Versuch klappte es endlich. Plötzlich spürte ich seine warmen Hände auf meinen Schultern, seine weichen Lippen streiften meinen Nacken und er stöhnte unterdrückt.
„Leif… nein, bitte nicht“, flüsterte ich und drehte mich um. Seine Augen glühten, als er sich entrückt über die Lippen leckte.
„Entschuldige, ich habe mich hinreißen lassen. Kommt nicht wieder vor“, versprach er reumütig und trat einen Schritt zurück. Er stupste mir leicht auf die Nase und nahm mir meinen Koffer ab.
„Sei bloß vorsichtig in Frankreich, ja?“ Angesichts der Tatsache, dass er noch etwas gut bei mir hatte und ich ihn nicht so schnell wiedersehen würde, verzieh ich im den kleinen Ausrutscher.
„Aber immer. Und was machst du jetzt?“ Er zuckte mit den Schultern.
„Ich werde die wenigen noch verbliebenen Söldner jagen und sie erledigen, damit dieses Problem endlich aus der Welt geschafft ist. Vorher werde ich sie natürlich noch gründlich und ausgiebig… befragen“, sagte er, während wir zusammen die Treppe nach unten gingen.
Dass er auf sich aufpassen sollte, brauchte ich ihm nicht sagen. Ich war sehr zuversichtlich, dass er mit den Mistkerlen endgültig aufräumen würde. Unten warteten Shadow und Libell auf uns. Shadow übergab mir gleich eine kleine Mappe.

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„Da sind deine Papiere und neben einer neuen Kreditkarte auch noch etwas Bargeld drin. Ich habe dir Name und Adresse von der Person, die Duncan treffen wollte, aufgeschrieben. Die Adresse des kleinen Hotels, in dem er während seines Aufenthaltes einchecken wollte, ist auch dabei. Ihr landet auf einem geheimen Stützpunkt des Ordens nahe dem offiziellen Flughafen von Le Havre. Die Flugaufsicht in Frankreich ist informiert und ihr werdet bei eurer Ankunft nicht kontrolliert, sondern könnt gleich durchgehen zu den Garagen, wo ein Wagen auf euch wartet. Der Schlüssel steckt.“ Er hatte wirklich an alles gedacht, und das in der kurzen Zeit! Manchmal vergaß ich einfach, wie mächtig er war. Seine Augen funkelten wie Onyx, als er mich plötzlich ernst ansah.
„Kleines, ich will dich nicht unnötig beunruhigen, aber… Duncan hätte sich längst melden müssen. Mag sein, dass er bisher noch keine Möglichkeit dazu hatte, weil er Undercover arbeitet und dann absolute Funkstille hält, aber… ach, vielleicht mache ich mir auch nur unnötig Sorgen. Also, gebt auf euch acht und meldet euch sofort, wenn sich etwas Entscheidendes getan hat, ja?“ Ich verstand ihn schon und nickte grimmig. Ein Grund mehr, so schnell wie möglich aufzubrechen. Ich mochte keine langen Abschiede.
„Danke für alles. Und… wird schon schief gehen“, sagte ich nur und küsste ihn auf die Wange. Ich wollte gerade los, als Mary kam und mein Gesicht in ihre Hände nahm. Stumm musterte sie mich sekundenlang.
„Kommt gesund wieder, ja? Alle drei!“ Sie küsste mich flüchtig auf die Stirn, nickte Libell zu, drehte sich um und ging einfach. Anscheinend mochte sie auch keine Abschiedsszenen. Seufzend sah ich ihr nach. Ich wusste, dass sie sich furchtbare Sorgen um uns machte, besonders um Duncan, sie hatte schon Norbert und Bowen verloren und litt immer noch unter dem Verlust. Stillschweigend gelobte ich ihr und mir Duncan wiederzubringen. Libell nahm meine Hand.
„Komm, der Heli wartet“, sagte sie leise.
Der Hubschrauberlandeplatz befand sich auf einem freien Gelände hinter dem Verwaltungsgebäude. Unser Gepäck war schon von hilfreichen Geistern an Bord verstaut worden. Geduckt liefen wir auf den wartenden Heli zu und kletterten hinein. Sofort schloss sich hinter uns die Tür automatisch und verriegelte sich hermetisch. Verwundert bemerkte ich, dass es im Inneren längst nicht so laut war wie in vielen anderen Helikoptern mit denen ich geflogen war. Libell und ich ließen uns auf unseren komfortablen Plätzen hinter dem Piloten nieder und schlossen die Sicherheitsgurte. Insgesamt hatte der Heli Platz für acht Passagiere. Der Pilot drehte sich mit einem breiten Grinsen zu uns.
„Hallo, Ladies, mein Name ist Ikarus. Ich bin euer Pilot und begrüße euch herzlich an Bord. Bitte anschnallen, Türen schließen und festhalten, diese Fahrt geht rückwärts!“ Aha, ein Witzbold. Ich zog nur eine Braue hoch betrachtete ihn mir genauer. Durch sein jungenhaftes Grinsen, sah er aus wie Anfang 20. Seine blonden Haare waren militärisch kurz geschoren und er hatte niedliche Grübchen. Plötzlich atmete Libell neben mir etwas heftiger und umklammerte mit kalten Fingern meine Hand.
„Sag mir, dass das ein Scherz war!“, bat sie mich erschrocken und schluckte. Was?
„Vielleicht hätte ich erwähnen sollen, dass ich noch nie geflogen bin“, sagte sie leise. Als sie meinen fragenden Blick sah, lachte sei ein bisschen zittrig.
„Ich leide ein bisschen unter Flugangst, aber keine Angst, ich gerate nicht so schnell in Panik… hoffentlich!“ rief sie, als Ikarus feixend meinte, dass noch niemand oben geblieben sei und wir uns ja gut festhalten sollten. Der Heli hob in derselben Sekunde ab und stieg kerzengerade in den Himmel. Libell quietschte ängstlich und zerquetschte fast meine Hand. Stöhnend versprach ich ihr laut, mir den Piloten gleich nach unserer Landung vorzuknöpfen, wenn er nochmal solche dämlichen Bemerkungen von sich geben sollte. Wir gewannen schnell an Höhe. Nach einigen Minuten vollzog der Heli ganz sanft einen eleganten Schlenker und flog weiter in Richtung Süden. Libell entspannte sich langsam und gab meine Hand zögernd wieder frei. Sie war zwar noch etwas blass um die Nase, konnte aber schon wieder lächeln.
„Danke, Angie. Ich weiß, ich benehme mich albern, aber jetzt geht es mir wieder gut. Ich hatte wohl nur Angst vor dem Start, aber er war nur halb so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Da meldete sich Ikarus zu Wort.
„So, Ladies, wir haben unsere Flughöhe erreicht und werden voraussichtlich in einer Stunde in Le Havre landen. Alles in Ordnung, das Wetter spielt höchstwahrscheinlich auch mit. Guck doch mal neben eure Sitze. Unter der Klappe findet ihr einen Thermo-Kaffeebecher und ein Muffin.

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Hat der Boss geordert. Ach ja, genießt es, es könnte euer letzter sein!“, verkündete er mit Grabesstimme, was Libell gleich wieder zusammenzucken ließ. Ich schlug ihm sofort unsanft gegen die Schulter und erklärte ihm, dass das vorhin nicht nur eine leere Drohung war und ich nicht bis zu Landung warten würde. Dann beschrieb ich ihm ausführlich, was ich mit dem Muffin, dem Kaffee, einem Messer und mit ihm anstellen würde, wenn er nicht endlich seine Klappe hielt. Libell gluckste neben mir.
„Wow, mit einem Muffin?“, flüsterte sie. Ich starrte grimmig auf den Rücken von Ikarus
„Ja, besonders die mit Blaubeeren eignen sich dazu!“, setzte ich noch hinzu.
Ikarus zog den Kopf ein und hob beide Hände.
„Schon gut, schon gut. Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor“, sagte er, drückte ein paar Knöpfe und drehte sich seufzend zu uns.
„Echt, Ladies, das war ein Scherz! Die Kiste ist absolut sicher.“ Plötzlich musterte er mich argwöhnisch. „Moment mal. Bist du nicht auch… Oh, noch jemand von der Sorte?“
„Was meinst du damit?“
„Vor ein paar Wochen habe ich Doc Jane von NS-Island nach Irland geflogen.“ Plötzlich umwölkte sich seine Stirn und er sah finster an mir vorbei auf einen imaginären Punkt hinter mir. Das war doch nicht alles, seinem Blick nach zu urteilen.
„Was ist passiert?“, fragte ich alarmiert und setzte mich aufrecht hin. Hoffentlich war mit Jane alles in Ordnung!
„Wer ist Jane? Oh warte… sie ist eine Kampfschwester von dir, richtig?“, fragte Libell. Ich nickte ihr flüchtig zu. Später war noch Zeit genug ihr ausführlicher von meinen Schwestern zu erzählen. Zuerst musste ich wissen, was mit Jane passiert war! Der junge Gestaltwandler erzählte uns ausführlich von der Explosion in Irland, bei dem der Learjet zerstört wurde, mit dem er eigentlich Doc Jane und einen gewissen Sam in die USA fliegen sollte. Man merkte ihm an, dass er noch ein bisschen daran zu knabbern hatte, denn er blickte trotz seiner Lässigkeit finster vor sich hin.
„Und dann? Was ist weiter passiert? Und wer ist dieser Sam?“, bohrte ich weiter. Libell saß nur still da und hörte verängstigt zu. Ikarus zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, wer das war. Er hatte Doc Jane begleitet. Ich habe auch nicht gefragt, dass stand mir nicht zu, ich hatte ja auch nur einen Job zu erledigen. Aber beruhige dich, es ist ja nichts weiter passiert, niemand ist verletzt worden. Es kam auch nichts an die Öffentlichkeit, und die Brüder vor Ort haben die ganze Angelegenheit geklärt.“ Dann war es ja auch kein Wunder, dass ich davon nichts wusste. Etwas beruhigter lehnte ich mich zurück. Aber dieser Sam ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wer war er, und was hatte er mit Jane zu tun?
„Was für eine Spezies war er denn?“, fragte ich und war schon sehr neugierig zu erfahren, mit wem Jane da unterwegs war. Ikarus überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Ich meine, er war kein Mensch, er war… ich kann es wirklich nicht sagen, ich erinnere mich nur an seine ungewöhnliche Aura, die ihn umgeben hat.“ Achselzuckend drehte er sich wieder zurück und ließ mich nachdenklich zurück. Komische Sache, aber Jane schien ihm vertraut zu haben. Durch die Aufregungen der letzten Wochen, hatte ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet und mein schlechtes Gewissen meldete sich umgehend. Zum Glück hatte ich ihre Nummer im Kopf. Also zog ich mein Black-Beauty hervor und ließ es lange klingeln, doch niemand hob ab. Na gut, dann würde ich es eben später nochmal versuchen. Ich überlegte schon Sweetlife anzurufen, aber wenn etwas Entscheidendes passiert wäre, hätte sie sich sicher schon bei mir gemeldet.

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Beruhigt steckte ich das Handy wieder zurück in eine der verborgenen Taschen an meinem Oberschenkel und genoss meinen Kaffee. Libell dagegen starrte mich immer noch verblüfft an. Also erzählte ich ihr endlich von meinen Schwestern, den verschiedenen Spezies, denen sie angehörten, ihren besonderen Eigenschaften und was uns zusammengebracht hatte. Ich berichtete auch von der Seraphim, auf der wir unsere Gefährten gefunden haben. Sie war ziemlich beeindruckt und erzählte nun ihrerseits aus ihrem, bis zu der Trollsache, eigentlich ziemlich unspektakulärem Leben. So verging die Zeit wirklich wie im Flug und schon teilte uns Ikarus mit, dass wir unsere Flughöhe verlassen hatten und in wenigen Minuten landen würden. Die Sonne war schon untergegangen, als er den Heli geschickt und sanft unweit des Hauptgebäudes des kleinen Flughafens aufsetzte. Und genau wie Shadow es geplant hatte, konnten wir unbehelligt französischen Boden betreten. Das Wetter war typisch herbstlich. Es wehte ein rauer Wind, der an unserer Kleidung zerrte, und es war empfindlich kalt. Die Luft roch nach Meer. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Ikarus lief mit unserem Gepäck vor uns her zu einer Garage, in der ein französischer Wagen der Mittelklasse auf uns wartete. Er verstand, dass wir es eilig hatten und verstaute die Koffer hastig in dem Kofferraum. Er versprach, in der Nähe zu bleiben, um uns wieder zurück nach Schottland zu fliegen und verabschiedete sich dann per Handschlag.
„Viel Glück euch Beiden. Und grüße Doc Jane, wenn du sie siehst, ja?“ Ich nickte und machte es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Libell setzte sich hinter das Steuer und wir fuhren sofort los. Es herrschte kaum Verkehr um diese Zeit, und nach ca. 20 Minuten erreichten wir unser Ziel, den kleinen Ort Octeville sur Mer.
Sie hielt vor einem schlichten weißen Bungalow mit einem gepflegten kleinen Vorgarten, der sich perfekt in die genauso unscheinbar aussehenden Häuser in der Straße einreihte. Dann parkte sie den Wagen direkt vor einer Garage und stieg aus, um den Schlüssel aus einer verborgenen Nische hinter einem Blumenkübel zu ziehen. Ich schnappte mir derweil unser Gepäck und eilte hinter ihr her.
„Hey, ist das nicht ein bisschen unvorsichtig?“ Sie lachte nur und versicherte mir, dass dies hier eine sichere Gegend war, und viele es auch so machen würden. Außerdem haftete auf dem Schlüssel eine Magie, der es nur ihr erlaubte ihn zu benutzen, versicherte sie mir und schloss die Haustür auf.
Im Innern des Hauses stellte ich verblüfft unsere Koffer in dem großen Flur ab und drehte mich langsam um meine eigene Achse.
„Wow, also das sieht man dem Haus aber von außen nicht an.“ Ich schlüpfte aus meinen Schuhen und lief barfuß über die angenehm warmen dunklen Fliesen und tippte gleich auf eine Fußbodenheizung. Alles war im mediterranen Stiel eingerichtet, an den Wänden hingen neben Bildern berühmter Maler, einige antike Spiegel. In jeder noch so kleinen Ecke standen Töpfe mit üppigen Grünpflanzen.
Das große Wohn- Esszimmer, ein gemütliches Kaminzimmer und die Küche im Landhausstil gingen ineinander über und bildeten so eine große Wohneinheit. Nur die Schlafzimmer und angrenzenden Badezimmer hatten abschließbare Türen.
„Das ist ja fantastisch und wunderschön hier!“, rief ich begeistert. Sie lächelt stolz und zeigte mir das Zimmer, das sie für mich vorgesehen hatte. Ich stellte meinen Koffer auf einen niedrigen Hocker und warf meine Jacke auf das riesige Kingsize-Bett. Libell ließ mich unterdessen alleine und zog sich in ihr Zimmer zurück. Mit einem schnellen Blick überflog ich die wirklich schöne Einrichtung. Helle zierliche Möbel, ein begehbarer Kleiderschrank, warme Farben und eine indirekte Beleuchtung sorgten dafür, dass man sich gleich wohlfühlte. Eine große Glastür hinter den bodenlangen duftigen Vorhängen führte auf eine Terrasse, doch ich stand unter einer zu großen Anspannung, um das alles genießen zu können, denn schließlich waren wir nicht zu unserem Vergnügen hier.
Ich verschwand schnell im Bad, um mich frisch zu machen. Auch hier war alles da, was das Herz begehrte. Der helle Marmor, die großzügige Dusche, alles strahlte eine schlichte Eleganz aus.
Wieder zurück, warf ich einen sehnsüchtigen Blick auf das einladende Bett. Doch obwohl ich hundemüde war, musste es leider warten. Es gab jetzt Wichtigeres zu tun. Außerdem war es Zeit für die magische Kapsel. Ich schluckte sie mit einem großzügigen Schluck aus der Wasserflasche, die auf dem zierlichen Schreibtisch für mich bereit stand. Sie hielt mich zwar bei Kräften, konnte aber die Müdigkeit nicht ganz vertreiben. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und er war noch nicht zu Ende. Seufzend überprüfte ich den Sitz meiner Waffen und zog meine Jacke wieder an. Dann machte ich mich auf die Suche nach Libell.

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Ich entdeckte sie in der Küche, wo sie gerade dabei war den Inhalt des Kühlschranks zu studieren.
„Okay, dann los!“, rief ich ihr zu und war schon auf dem halben Weg zur Haustür, um meine Schuhe wieder anzuziehen, als Libell hinter mir herlief und mich am Ärmel festhielt.
„Halt, wo willst du denn hin?“
„Duncan suchen?“ Verständnislos sah ich sie an. Was dachte sie denn, was ich vorhatte?
„Oh nein, Angie, heute nicht mehr, es ist schon spät. Morgen ist doch auch noch ein Tag. Du bist stehend K.O. wie ich auch.“ Als ich protestieren wollte, hob sie eine Hand.
„Ich verstehe ja, dass du es kaum erwarten kannst nach Duncan zu suchen, aber überleg doch mal. Wem nützt es, wenn wir jetzt blindlings und erschöpft drauflos stürmen? Niemandem. Und wenn etwas passiert wäre, ob nun gut oder schlecht, hätte Shadow sich sicher schon bei dir gemeldet.“ Verdammt, sie hatte ja recht. Schweren Herzens gab ich nach.
„Na gut, aber gleich morgen Früh geht´s los!“ Müde ließ ich mich auf den Stuhl vor dem ovalen Küchentisch fallen.
„ Dann melde ich mal Shadow, dass wir gut angekommen sind und erst morgen loslegen.“ Während sie alles zusammensuchte, um uns Sandwiches zu machen, telefonierte ich mit Shadow. Er sah das genauso wie Libell und ich gab endgültig nach, als er mir versicherte, keine Nachricht sei eine gute Nachricht. Obwohl ich nicht den rechten Appetit hatte, machte ich mich trotzdem mit Libell anschließend über die Sandwiches her. Ein richtiges Gespräch kam nicht mehr zu Stande, denn wir waren einfach zu müde. Es dauerte auch nicht lange und ich fiel auf dem komfortablen und behaglichen Bett in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen, nach einem hastigen Frühstück, fuhren wir los. Wir hatten beschlossen, zuerst zu dem Hotel zu fahren, in dem Duncan sich einquartieren wollte. Obwohl die meisten Touristen um diese Jahreszeit fehlten, kamen wir durch den Morgenverkehr nur langsam voran. Ich konnte meine Ungeduld nur schwer vor Libell verbergen. Sie versuchte, mich abzulenken indem sie mich auf die eine oder andere Sehenswürdigkeit aufmerksam machte.
Das kleine Hotel lag in der Rue Caligny in der Nähe des Hafens. Der Concierge an der Rezeption, ein junger Mann mit rötlichen Haaren und Sommersprossen, las gerade seine Morgenzeitung. Er legte sie bei unserem Eintreten sofort beiseite und sah uns freundlich lächelnd entgegen. Im letzten Moment fiel mir ein, dass Duncan ja Inkognito unter einem anderen Namen hier eingecheckt hatte. Da den niemand von uns kannte, beschrieb ich Duncan detailliert und fragte nach seiner Zimmernummer. Sofort schaltete der Kerl auf stur und antwortet nur knapp, dass er nicht berechtigt wäre, derartige Auskünfte zu geben und griff mit einem arroganten Gesichtsausdruck wieder nach seiner Zeitung. Genervt schnalzte ich mit der Zunge. Verdammt, ich hatte keine Zeit für solche Spielchen und keine Lust auf endlosen Erklärungen, die wahrscheinlich sowieso fruchtlos endeten. Dann eben auf die harte Tour. Gerade wollte ich in seinen Kopf eindringen und so seine Gedanken manipulieren, um an die Auskünfte zu gelangen, als Libell mich sanft zur Seite schob. Sie strahlte den Mann mit ihren großen blauen Augen liebenswürdig an. Dadurch, dass sie sich auch noch weit über den Tresen beugte und ihm so einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté gewährte, hatte sie plötzlich seine volle Aufmerksamkeit. Sie setzte ihren unwiderstehlichen Charme ein und stellte ihm mit einem gekonnten Augenaufschlag und lasziver, heiserer Stimme in fließendem Französisch Fragen über Duncan. Und tatsächlich, binnen kürzester Zeit hatten wir nicht nur die Zimmernummer, sondern auch einen Ersatzschlüssel und die private Telefonnummer von Claude, dem Concierge, nebst einer Einladung für uns beide zu einer intimen Party bei ihm. Als er mich ziemlich schamlos von oben bis unten musterte und mit seinem Blick längere Zeit an meinem Busen hängen blieb, um mir dann auch noch anzüglich zuzuzwinkern, zog ich Libell mit hochrotem Kopf zu dem Aufzug. Auf dem Weg nach oben stupste ich sie in die Seite.
„Hey, ich hätte das auch geschafft!“, murrte ich, „es hat ja nicht viel gefehlt, und er hätte auch noch einen Preis ausgehandelt!“ Innerlich schüttelte es mich. Sie sah spöttisch auf mich herunter.
„Ja sicher!“, erwiderte sie trocken, „so ruhig und besonnen wie du im Moment drauf bist, hätte er jetzt entweder ein Schleudertrauma oder einen irren Blick!“ Meinen finsteren Blick quittierte sie mit einem nachsichtigen Lächeln.
„Ach Angie, es geht auch mal ohne Magie. Außerdem hat mir das eben Spaß gemacht und… wir haben doch alles, was wir wollen, oder?“ Triumphierend wedelte sie mit dem Schlüssel vor meiner Nase und legte ihn dann in meine ausgestreckte Handfläche.
„Der ist nur für den Notfall“, sagte ich ernsthaft. Als sich die Fahrstuhltür im dritten Stock für uns öffnete und wir in den Flur traten, blieb ich abrupt stehen.
„Er ist nicht da.“ Ich hätte es eigentlich schon viel früher spüren müssen, doch dieser Lüstling von Concierge hatte mich abgelenkt.
„Wie bitte?“

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„Er ist nicht da“, wiederholte ich flüsternd, „ich kann ihn nicht spüren.“ Ich lief zu seiner Zimmertür und schloss sie auf. Libell blieb dicht hinter mir. Ich sah mit einem Blick, dass er sich schon früh auf den Weg gemacht haben musste. Sein Bett war zerwühlt, seine Reisetasche stand geöffnet auf einem Stuhl, nur ein schwarzes Shirt hing nachlässig über einem Stuhl. Ich nahm es in die Hand und presste mein Gesicht hinein. Es roch nach ihm. Im Bad lagen die feuchten Handtücher noch auf dem Boden, und ein schwacher Duft seines Aftershaves lag in der Luft. Oh Gott, wir mussten ihn knapp verpasst haben. Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Libell legte mir tröstend eine Hand auf die Schulter.
„So wissen wir wenigstens, dass es ihm gut geht. Komm, vielleicht finden wir ja irgendeinen Hinweis darauf, was er als nächstes vorhat?“ Ich biss mir auf die Lippe und unterdrückte meine Tränen. Sie hatte recht, er war wohlauf… bis jetzt jedenfalls. Sie überließ es mir, das Zimmer zu durchsuchen und blieb an der Tür stehen, um mich vor ungebetenen Gästen zu warnen, falls welche auftauchen sollten. Ich fand nichts Relevantes, außer seinem Handy. Es lag in der Nachttischschublade und war ausgeschaltet und mit einem Code gesichert. Ich hielt es ratlos in der Hand und fragte mich, ob er es nur vergessen hatte, oder es mit Absicht hiergelassen hatte, damit niemand, falls ihm unterwegs etwas passieren sollte oder er gar getötet würde, seine wahre Identität enthüllen konnte? Letzteres war mir zu beängstigend und ich verdrängte den Gedanken ganz schnell wieder.
„Und, was machen wir jetzt?“, fragte Libell und nahm mir sein T-Shirt von der Schulter, das ich dort die ganze Zeit unbewusst geparkt hatte.
„Jetzt fahren wir zu der Adresse von diesem Kontaktmann, die Shadow mir gegeben hat. Wahrscheinlich ist Duncan gerade dort.“ Der erste Impuls war sein Handy einzustecken, doch ich legte es vorsichtshalber wieder in die Schublade zurück. Als Nachricht hinterließ ich einen meiner kleinen Wurfsterne und ging entschlossen zur Tür.
„Aber lass uns bloß den Hintereingang benutzen. Wenn ich diesem Claude nochmal begegne, springe ich ihm wahrscheinlich an die Gurgel!“ Libell folgte mir leise kichernd. Wir benutzen diesmal die Treppe. Leise und schnell schlichen wir unten an der Wand entlang und gelangten so, unbemerkt von Claude, der sich wieder hinter seiner Zeitung verschanzt hatte, zum Lieferanteneingang. Im Auto gaben wir umgehend die Adresse von einem gewissen Bruce Fletcher in das Navi ein.
„Ist das weit von hier?“, fragte ich und beobachtete wie das Gerät die Route berechnete.
„Wir müssen bis Harfleur, das sind ungefähr 8-10 Kilometer von hier.“ Unterwegs machte sie kurz an einem Fastfood Restaurant halt und nötigte mich zu einem schnellen Imbiss im Auto.
Als wir in die Rue de Robert Ancel einbogen, hielt ich unwillkürlich den Atem an.
„Warte! Fahr langsam an dem Haus vorbei und versuch dort hinten zu wenden. Nicht dass uns noch jemand bemerkt.“
Wir parkten auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinter einem Lieferwagen und konnten von dort in sicherer Entfernung das Haus gut beobachten. Diesmal konzentrierte ich mich sofort auf Duncan.
„Er ist nicht da!“, flüsterte ich und ballte die Fäuste vor lauter Frust ihn schon wieder verpasst zu haben. Es war zum verrückt werden!
„Angie, du weißt doch gar nicht, ob er schon wieder weg ist oder erst noch woanders hin ist, bevor er sich mit diesem Bruce treffen wollte. Lass uns doch einfach abwarten“, beruhigte sie mich. Ich nickte enttäuscht, was blieb mir auch anderes übrig!
Wir beobachteten das Haus eine Weile, doch nichts tat sich. Nach fast einer Stunde hatte ich die Nase voll und beschloss, etwas zu unternehmen. Ich teilte ihr mit, dass ich jetzt nachsehen würde, ob überhaupt jemand da war.
„Okay, ich gehe zuerst“, sagte Libell zu mir und machte Anstalten aus dem Wagen zu steigen.
„Oh nein, das lässt du schön bleiben. Du bleibst im Wagen oder hinter mir!“, schärfte ich ihr ein und hielt ihren Arm fest. Ihr trotziger Gesichtsausdruck ließ mich die Augen verdrehen und sie härter anfahren, als ich eigentlich wollte.
„Verdammt Libell, das ist hier kein einfaches Abenteuer, verstehst du? Bis jetzt war das alles eine Lappalie, ein Spaziergang, aber ab sofort wird es bitterer Ernst und richtig gefährlich! Ich möchte dich einfach aus der Schusslinie haben.

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Du musst genau meine Anweisungen befolgen, ist das klar? Sonst vergessen wir die ganze Sache gleich am besten!“ Mist, ich hatte sie wohl zu hart angefahren, denn sie sah mich nun ziemlich eingeschüchtert an.
„Bitte, versteh doch, das ist kein Spaß. Hast du so etwas überhaupt schon mal gemacht? Wieviel Kampferfahrung hast du, und wieviel habe ich?“ Sie brauchte nicht lange zu überlegen und nickte zerknirscht.
„Tut mir leid, Angie… du hast ja recht. Ich war wohl zu voreilig und habe überhaupt nicht nachgedacht! Natürlich bist du der Boss.“ Gut, dass das geklärt war, denn es hätte mir sehr leid getan, wenn ihr durch ihren Überschwang etwas passiert wäre. Ich wusste ja auch nicht, was uns in dem Haus erwartete.
Forsch und ohne zu zögern gingen wir auf das Haus zu, so, als wären wir harmlose Besucher oder würden dazu gehören. Ich hielt meine kleine Pistole, deren Munition aus Silberkugeln bestand, in meiner Handfläche verborgen, als wir die Haustür, die einen winzigen Spalt offen stand, erreichten. Vorsichtig stieß ich sie weiter auf und lauschte angestrengt. Nichts. Nichts deutete auf die Anwesenheit von irgendjemandem hin, nur ein lautes Brummen und unser Atem durchbrachen die Stille. Trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl, als ich die Tür so leise wie möglich hinter uns ins Schloss fallen ließ.
„Hier stimmt etwas nicht. Du bleibst am besten hinter mir. Wollen doch mal sehen, was hier los ist “, wisperte ich ihr über meine Schulter zu und sah mich mit meiner Pistole im Anschlag blitzschnell um.
„Hier riecht es aber komisch!“, flüsterte Libell leise, zog die Nase kraus und warf nach meinem Okay einen schnellen Blick in die anderen Räume, deren Türen offenstanden. Im Inneren des Hauses war es fast so kalt wie draußen. Die spartanische Einrichtung wirkte etwas verwahrlost und heruntergekommen. Die Möbel waren zum Teil kaputt und in der Küche stapelten sich Berge von schmutzigem Geschirr, leeren Pizzakartons und Schachteln von einer Fastfood-Kette mit Essensresten. Vielleicht stammte dieser merkwürdige Geruch daher? Das laute Brummen kam von einem uralten Kühlschrank, der ziemlich verdreckt in einer Ecke stand. Im hinteren Bereich des Hauses entdeckte ich eine kleine geschlossene Tür, unter der Licht hindurch schimmerte. Mit angehaltenem Atem lauschte ich, während ich mich der Tür näherte. Libell hielt sich dicht hinter mir. Doch noch immer war kein Laut zu hören. Langsam drücke ich die Klinke herunter, schob die Tür zentimeterweise auf und steckte vorsichtig meinen Kopf hindurch. Dann gab ich Libell grünes Licht. Oha, dies musste ein Labor oder eine Werkstatt sein. Der kleine fensterlose Raum war vollgestopft mit Regalen, die mit Papieren, Akten und merkwürdigen undurchsichtigen Behältern, Drähten und Werkzeugen überquollen. An einer Wand stand eine Werkbank, auf der die Werkzeuge eines Feinmechanikers wild durcheinander neben einer angebissenen Pizza lagen. Der Boden war auch hier mit leeren Fastfood Schachteln übersät. Auf einem Tisch an der gegenüberliegenden Wand flackerte der Monitor eines Computers. Auf der Tastatur lag ein Kopf, aus dem uns blicklose Augen anstarrten. Ein dünner Blutfaden im Mundwickel sickerte in die Tastatur. Wir hatten die Quelle des üblen Geruchs gefunden!
Libell schrie neben mir auf, und ich zuckte erschrocken zusammen. Schnell schlug sie sich die Hand vor den Mund.
„Oh Gott, ich glaub mir wird schlecht!“
„Geh lieber raus, und bewache die Haustür. Ich gucke mich schnell um, dann verschwinden wir von hier! “Das musste ich ihr nicht zweimal sagen. Sie drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in Richtung Haustür. Ich steckte die Pistole wieder weg und versuchte nicht durch die Nase zu atmen, während ich die Lage begutachtete. Auf dem Monitor war nur die harmlose Webseite eines französischen Baumarktes zu sehen. Es gab nicht die geringsten Kampfspuren. Der kopflose Körper des recht korpulenten toten Mannes, wirke ziemlich bizarr, denn er saß immer noch aufrecht in einem Bürostuhl – gehalten von den Armen, die auf dem Tisch lagen. Seine rechte Hand hielt die Maus. Ich konnte mich einfach nicht überwinden ohne Handschuhe in den Taschen des Toten nach seinen Papieren zu suchen und deshalb nur annehmen, dass es sich um Bruce handelte. Der Mörder musste ihn eiskalt erwischt haben, als er ihm den Kopf abschlug. Das erklärte auch den überraschten Ausdruck, der auf seinem bleichen Gesicht festgefroren war. Es musste ein sehr scharfes Schwert gewesen sein, denn es war ein sehr glatter, sauberer Schnitt. Alles war voller Blut, besonders der Fußboden.

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Es war gar nicht so einfach nicht in die Pfütze zu treten, die sich rund um den Mann gebildet hatte. Die Ränder der großen Lache unter dem Tisch waren schon eingetrocknet, demnach war der Mann schon längere Zeit tot. Das erklärte auch den strengen süßlichen Geruch. Etwas schimmerte neben seiner Hand, die die Maus noch im Tode umklammert hielt. Ich erkannte die rote Schuppe sofort und ein unangenehmes Kribbeln breitet sich in mir aus angesichts des netten Grußes von Dungeon. Ich hielt mich nicht länger als nötig in diesem Raum auf und ließ alles so, wie es war. Auch die Schuppe rührte ich nicht an. Mit dem Ärmel meiner Jacke wischte ich unsere Fingerabdrücke von der Klinke und warf einen letzten prüfenden Blick durch den Raum. Alles war noch genauso, wie bei unserem Eintreten. Gut so. Libell sah mir erleichtert entgegen. Ich nahm ihre Hand und hielt mich einen Moment an ihr fest.
„Komm, lass uns bloß schleunigst von hier verschwinden!“
Unauffällig wischte ich noch unsere Spuren von der Haustür, bevor ich sie hinter uns ins Schloss zog. Zurück in dem Wagen starrten wir beide schweigend durch die Windschutzscheibe.
„Boah, das war heftig!“, flüsterte Libell nach einer Weile. Sie war immer noch ziemlich blass und reichte mir die Wasserflasche, aus der sie einen großzügigen Schluck genommen hatte.
„Oh ja, und wie! So wie es aussieht, ist der Mann von seinen eigenen Leuten umgebracht worden. Sie mögen keine Verräter. Wahrscheinlich war er der Bombenleger, oder zumindest hat er die Bombe gebastelt, so wie es in der Werkstatt aussah.“ Langsam lehnte ich mich zurück und schloss meine Augen. Ich hatte das Gefühl, dass mir etwas Wichtiges entgangen war, doch was? Ich dachte angestrengt nach und filterte alles ganz genau, was ich dort gesehen hatte, meine Eindrücke, Empfindungen… und plötzlich fiel es mir wieder ein.
„Natürlich!“ rief ich und schlug mir vor die Stirn, „Duncan ist schon längst dagewesen! Entweder gestern oder heute ganz früh. Ich konnte da drin ganz schwach seinen Geruch wahrnehmen. Dieser widerliche Geruch hat seinen fast überlagert. Er muss den Toten auch entdeckt haben und ist dann wieder weg. Ich werde Shadow gleich mal berichten, was wir gefunden haben und ihn fragen, ob es was Neues gibt.“ Ich stellte das Handy auf laut, damit Libell gleich mithören konnte. Doch auch Shadow wusste nichts, Duncan hatte sich noch immer nicht bei ihm gemeldet.
„Angie, das muss nichts heißen, er hält das meistens so, wenn er auf so einer Mission ist. Wir kümmern uns schon um den Toten und alles weitere, mach dir keine Sorgen.“ Nach einer kurzen Pause räusperte er sich.
„Äh… und wie geht es Prinzessin Libell?“, fragte er und hörte deutlich, wie er dabei ein wenig den Atem anhielt.
„Das kannst du sie ruhig selber fragen“, antwortete ich und grinste Libell an, die gleich verlegen zurücklächelte.
„ Ich habe dich auf laut gestellt und sie hört mit.“
„Danke… mir geht es gut. Ich… also, das mit dem Toten war schon… aber es geht mir wirklich gut“, versicherte sie ihm. Nachdem wir das Gespräch beendet hatten, seufzten wie beide gleichzeitig, was uns ein nervöses Kichern entlockte.
„Und, was machen wir jetzt?“, Libell sah mich unsicher an, „ wie willst du ihn jetzt finden? Wir haben keine Adresse, keinen Anhaltspunkt, wo er sich aufhalten könnte.“ Eine Chance hatten wir noch.
„Ich könnte ihn aufspüren.“
„Ach ja, das wollte dich schon im Hotel fragen. Warum kannst du ihn spüren? Weil du ihn liebst? Ist das so bei Gefährten?“
„Keine Ahnung, warum das so ist, aber ich habe ihn in meinem Blut. Ich habe damals in Peru von ihm getrunken und wenn ich mich auf ihn konzentriere, dürfte ich ihn innerhalb eines Radius von… ich weiß nicht, vielleicht 50 Metern oder mehr, orten können.“
„Kann Duncan das auch? Ich meine dich aufspüren?“ Ich schüttelte mit dem Kopf.
„Ich glaube nicht. Wir sind ja noch nicht verbunden, er hat noch nicht von mir getrunken.“ Ich hatte es noch nie ausprobiert und wusste deshalb nicht, ob es über eine größere Entfernung klappen konnte. Die Sonne ging langsam unter und mir rannte die Zeit davon!
„Libell, wir werden einfach die Gegend abfahren müssen“, sagte ich verbissen, „ und wir fangen mit den Außenbezirken an. Etwas anderes bleibt uns leider nicht übrig. Also los, ich fahre diesmal und du dirigierst mich, einverstanden?“

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„Nein! Ich werde fahren. Ach Angie, wie willst du dich auf Beides konzentrieren? Autofahren und Duncan, wie soll das funktionieren? Lass mich noch eine Weile fahren, dann können wie ja immer noch wechseln, okay?“ Nein, das war eigentlich nicht okay! Aber ich hatte keine Lust mich mit ihr zu streiten und fügte mich zähneknirschend.
Wir begannen unsere Tour mit einem kurzen Abstecher zu Duncans Hotel, doch der brachte auch nichts, er war nicht da.
Wir waren schon eine Weile durch die Straßen von Le Havre gefahren, als Libell vor einem kleinen italienischem Restaurant hielt. Eigentlich wollte ich gerade jetzt keine Unterbrechung, doch Libell sah mich streng an.
„Oh nein, vergiss es! Wir brauchen beide dringend eine Pause, und ich habe Hunger.“ Sie grinste nur, als ich sie finster anstarrte und demonstrativ mit verschränkten Armen sitzen blieb. Libell sprang lachend aus dem Wagen und hielt mir die Tür auf.
„Na? Wie wäre es mit einer schönen saftigen Pizza mit knusprigem Rand und extra viel Käse?“, lockte sie mich hinterlistig. „ Ich kenne den Koch hier, er ist fantastisch und wenn du alles brav aufgegessen hast, lasse ich dich auch ans Steuer. Na, ist das ein Angebot?“ Damit hatte sie mich. Mein Magenknurren verriet mich noch zusätzlich, denn ich hatte durch meine Suche nach Duncan meinen Hunger glatt vergessen. Ich gab ihr recht und seufzte innerlich. Meine Sorge um Duncan ließ mich langsam durchdrehen und eine Ablenkung tat sicher gut.
„Biest!“, brummelte ich trotzdem, als wir gemeinsam das Restaurant betraten. Sie hatte nicht übertrieben. Die Pizza war köstlich und die kleine Pause war wirklich nötig. Außerdem war es mal wieder Zeit für meine Kapsel. Dennoch wurde ich unruhig und drängte zum Aufbruch. Großzügig übernahm Libell die Rechnung, während ich schon zum Auto lief.
Endlich saß ich wieder hinter dem Steuer und ließ mich von ihr durch die Straßen zu dem Hafenviertel leiten. Gleichzeitig streckte ich meine mentalen Fühler nach Duncan aus.
Wir fuhren schon einige Zeit durch die fast menschenleeren Straßen immer knapp unter der vorgeschriebenen Geschwindigkeit, damit mir ja nichts entging, als wir in eine ziemlich zwielichtige Gegend abbogen. Nur wenige renovierungsbedürftige Wohnhäuser zwischen leer stehenden Lagerhäusern und Baulücken säumten die schlechtbeleuchten Straßen. Immer wieder musste ich tiefen Schlaglöchern ausweichen. Ich dachte gerade daran, wie sich dieses vernachlässigte Viertel von dem schmucken Jachthafen mit seinen eleganten und luxuriösen Booten unterschied, als ich mich plötzlich seltsam unwohl fühlte. Beunruhigt rutschte ich auf dem Sitz herum und sah zu Libell, doch sie schien nichts zu bemerken. Etwas Bedrohliches lag in der Luft. Ein paar Sekunden später hatte ich das Gefühl, als ob mir jemand mit der Faust in den Magen schlug. Ein eisernes Band legte sich um meine Brust. Ich rang keuchend nach Luft, umklammerte angestrengt das Lenkrad und trat das Gaspedal durch. Libell schrie entsetzt neben mir auf.
„Angie! Was ist denn?“ Ich spürte eine dunkle Energie… eine sehr dunkle. Sie war so stark, dass sie mir körperliche Schmerzen bereitete. Doch ich spürte auch gleichzeitig etwas anderes.
„Schwarze Magie!“, presste ich hervor und konzentrierte mich sofort wieder auf die Straße. Zum Glück war in der Gegend nichts los um die Zeit. So konnte ich Gas geben.
„Und zwar ganz in der Nähe. Ich habe ihn! Ich habe Duncan endlich gefunden! Er wird von mehreren Magiern angegriffen und ist in Lebensgefahr!“ Lieber Gott, lass mich bloß nicht zu spät kommen, betete ich und fuhr immer schneller. Ein unsichtbares Band zog mich in die ungefähre Richtung, wo der Kampf stattfand.
Angestrengt spähte ich in jede der schmalen Seitengassen. Libell klammerte sich mit schreckgeweiteten Augen an ihren Sitz, als ich eine Kurve ziemlich scharf und mit quietschenden Reifen nahm ohne vom Gas zu gehen.
„Kommt schon… wo seid ihr?“, stieß ich hervor. Endlich! Ich konnte Duncan genau fühlen und bremste den Wagen abrupt am Bordstein ab. Libell und ich wurden in die Gurte gepresst. Libell stöhnte laut auf und versuchte durch die Scheiben etwas zu erkennen.
„Wo sind sie, ich kann sie nicht sehen?“ Ich zeigte ihr die ungefähre Richtung.
„Sie sind zwei, höchstens drei Straßen entfernt. Ich kann nicht näher heranfahren, ohne zu riskieren, dass wir entdeckt werden.“ Ängstlich sah sie mich an.

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„Kannst du spüren, wie viele Magier es sind?“ Ich schüttelte den Kopf und atmete flacher, damit der Druck in meinem Brustkorb nachließ. Das half zum Glück und so konnte ich den Schmerz ausblenden.
„Keine Ahnung, vielleicht zwei… ich weiß nicht, ich kann nur Duncan genau spüren und eben diese dunkle Magie.“ Und die war ziemlich komplex. Es mussten also mehr als zwei sein, aber das behielt ich lieber für mich. Ein wenig furchtsam sah sie die Straße entlang.
„Und, was machen wir jetzt? Du hast doch einen Plan, oder? Bitte sag mir, dass du einen Plan hast!“ Ich nickte schnell. Na ja, einen konkreten hatte ich nicht, aber das musste ich ihr nicht auf die Nase binden. Sie war schon ängstlich genug und verließ sich voll auf mich, also musste ich mir schnell etwas einfallen lassen. Ich sah mich blitzschnell um und beschloss zu improvisieren.
„Wir gehen jetzt zu Fuß weiter. Sobald wir da sind, verschaffen wir uns einen Überblick… dann sehen wir weiter. Zum Glück war niemand weiter zu sehen, so konnten wir uns ungesehen anschleichen. „Bleib dicht hinter mir und halte die Augen offen, ja? Wird schon schiefgehen.“ Ich drückte Libell aufmunternd den Arm. Sie nickte stumm und lächelte verzagt. Geistesgegenwärtig zog ich noch schnell den Schlüssel ab und steckte ihn ein, bevor jemand in dieser zwielichtigen Gegend das Auto als leichte Beute ansah und somit unseren Rückzug gefährdete.
„Also los, treten wir diesen Mistkerlen in den Hintern und holen Duncan da raus. Noch haben sie uns nicht entdeckt, wir haben also den Überraschungseffekt auf unserer Seite“, flüsterte ich während ich die Autotür leise ins Schloss fallen ließ. Lautlos liefen wir an einigen Gebäuden vorbei und gelangten ungesehen in eine kleine Seitengasse. Hier musste der Kampf stattfinden. Es war eine Sackgasse. Am Eingang stand ein rostiger Müllcontainer, hinter dem wir in Deckung gingen. Rechts und links ragten Hauswände in die Höhe und am Ende der Gasse stand eine hohe Mauer. Es war schon sehr verwunderlich, dass niemand auf das Geschehen hier aufmerksam wurde, doch ich wusste auch gleich warum. Die Magier hatten sich und ihre Umgebung in einem Radius von einigen Metern mit einem Schutzzauber umgeben, der normal Sterblichen alles in einem diffusen Licht erscheinen ließ und die Geräusche ausblendete. Doch für uns war das kein Hindernis. Wir sahen drei Magier, die besiegt am Boden lagen. Der vierte wankte auch schon bedenklich. Nur der fünfte stand noch aufrecht, leistete erheblichen Widerstand und griff Duncan immer wieder an. Plötzlich machte ich mir große Sorgen um Duncan. Sein Schwert lag außerhalb seiner Reichweite und er war nur noch mit einem Dolch bewaffnet. Er stand zwar noch aufrecht und überragte mit seiner großen Gestalt seine Gegner, aber seinen müden Bewegungen nach zu urteilen musste der Kampf schon ziemlich lange dauern und er war verletzt. Wie schwer, konnte ich nicht erkennen, nur an seiner Seite breitete sich ein großer dunkler Fleck aus.
Jetzt musste alles schnell gehen.
„Hör mir genau zu, Libell. Alleine schaffe ich es vielleicht nicht“, wisperte ich hastig, „ kann sein, dass ich deine Hilfe brauche. Du musst dann mein Verstärker sein. Sobald ich dir ein Zeichen gegeben habe, nimm Körperkontakt zu mir auf. Fass meinen Arm oder meine Schulter an, egal was, und lass dann sofort deine Energie in mich hineinfließen, ja? Aber schließe um Himmelswillen deine Augen, das ist ganz wichtig! Hast du verstanden?“ Sie hatte mir aufmerksam zugehört und nickte eifrig.
„Noch wichtiger ist es für dich, mich rechtzeitig wieder loszulassen. Sonst riskieren wir eine Art Rückkopplung, die dich verletzten könnte. Aber keine Angst, ich sage dir früh genug Bescheid. Wir schaffen das… gemeinsam.“ Ich zögerte keine weitere Sekunde und drückte Libell meine kleine Waffe in die Hand.
„Hier, für den Notfall. Kannst du damit umgehen?“
„Ja, kein Problem.“ Ich schärfte ihr gerade ein, die Deckung nicht zu verlassen, außer ich würde ihre Hilfe brauchen, als ein Geräusch mir einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Ich riss meinen Kopf herum und sah mit Entsetzten, wie Duncan zu Boden ging und bewegungslos liegen blieb. Über ihm stand breitbeinig der letzte verbleibende Magier, eine Frau mit bleichem, vor Hass verzerrtem Gesicht. Ich sah einen Dolch mit einer sehr langen Klinge in ihren Händen, den sie hoch über seinen Kopf hielt, bereit zuzustoßen, um ihm den Rest zu geben.
„NEIN!“, schrie ich laut und rannte auf sie zu. Noch im Lauf zog ich ein Wurfmesser und schleuderte es ihr entgegen. Ich hatte zwar das Überraschungsmoment auf meiner Seite, doch die Magierin bewegte sich genau in diesem Moment und sah mir verdutzt entgegen. Das Messer streifte ihren Arm, aber sie war wenigsten von Duncan abgelenkt. Sie ließ von ihm ab und griff sofort in die Tasche ihres schwarzen Umhangs.

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Ich gab ihr keine Gelegenheit eine Waffe zu ziehen. Ich rammte sie mit der vollen Wucht meines Körpers. Und obwohl sie mich um mindestens einer Kopfgröße überragte und kräftiger als ich gebaut war, geriet sie ins Straucheln. Mit beiden Händen gab ich ihr noch einen kräftigen Stoß und sie fiel auf den Rücken. Ich sprang über sie hinweg, drehte mich sofort um und zog blitzschnell mein Schwert.
„Du bekommst ihn nicht, du Miststück!“, knurrte ich und schaltete sofort auf Kampfmodus. Ich hätte sie beinahe unterschätzt, als sie für einen Moment hilflos am Boden lag. Denn sie war schnell, aber nicht schnell genug. Das Messer, das sie mir entgegen schleuderte, konnte ich rechtzeitig mit meinem Schwert aus der Bahn kicken. Sie sprang behände auf ihre Füße und fauchte frustriert. Ich war bereit, und wartete auf ihren Angriff. Dabei ließ ich sie keine Sekunde aus den Augen. Unauffällig lockte ich sie von Duncan weg, indem ich sie umkreiste und mich so zwischen sie und Duncan schob. Leider bemerkte die kleine Waffe, die sie in ihrer Hand verborgen hatte zu spät. Ich trat ihr zwar noch gezielt gegen den Arm, doch ein Schuss hatte sich schon gelöst. Die Kugel streifte meinen Arm zum Glück nur und schlug in die Hauswand hinter mir ein.
„Du wirst von ihm nicht mehr viel haben, Schätzchen!“, krächzte sie mit einer widerlichen Stimme und lachte hämisch, „der macht es nicht mehr lange. Eigentlich schade um ihn. Der wäre noch etwas für mich und meine Sammlung gewesen.“ Als sie sich genüsslich über ihre dünnen Lippen leckte und ihr schwarzes Haar, das ihr in langen, dünnen Strähnen um das Gesicht hing, schüttelte, sah ich rot. Mit einem Schrei stürzte ich mich auf sie, wich ihren Tritten und Fäusten geschickt aus und drängte sie immer weiter mit meinem Schwert an die Hauswand. Als ich ihr meine Schwertspitze genau an die Stelle, wo ihr Herz sitzen musste hielt, gab sie jede Gegenwehr auf, sah mich mit abgrundtiefem Hass an und presste sich an die Wand. Stocksteif und keuchend wartete sie auf den Todesstoß. Ich trat dichter an sie heran. Mit Genugtuung bemerkte ich die ganzen Blessuren in ihrem Gesicht, die sie von Duncan kassiert hatte.
„Du rührst ihn nie wieder an, dafür werde ich sorgen“, versicherte ich ihr eiskalt. „ Für jede Wunde, für jeglichen Schmerz, den ihr ihm zugefügt habt, wirst du jetzt bezahlen!“ Gnadenlos und ohne zu zögern stieß ich mit aller Kraft zu. Das Schwert drang in ihren Körper ein, durchbohrte die Rippen und das Herz. Erst als ich auf einen Widerstand der Wand hinter ihr stieß, stoppte ich und beobachtete sie genau. Ihr Gesicht verzog sich qualvoll und sie schloss die Augen. Plötzlich hoben sich ihre Mundwinkel und sie lachte leise. Sie öffnete ihre kleinen schwarzen Augen wieder und sah mich triumphierend an. Ihre dunkle Macht schlug mir entgegen. Verdammt, wie war das möglich, dachte ich entsetzt. Warum lebte sie noch? Lebte sie überhaupt?
„Netter Versuch, aber du kannst mich nicht töten. Dein Schwert ist vollkommen nutzlos, denn ich habe schon lange kein Herz mehr. Ich habe es meinem Meister Dungeon geschenkt. Ich kann nicht von dir besiegt werden, Hexe.“ Sie war zwar nicht tot, aber der Stich mit dem Schwert musste sie doch ziemlich geschwächt haben. Jedenfalls war sie zu schwach, um mich anzugreifen.
„Ach ja? Das werden wir noch sehen. Du hast dich mit der Falschen angelegt, Schätzchen.“ Ich zog mein Schwert wieder heraus, trat zurück und warf es einfach zur Seite. Für das, was ich vorhatte, brauchte ich es nicht. Irritiert sah sie erst das Schwert, dann mich an. Sah ich da etwa Angst in ihren Augen aufblitzen? Sehr schön, die sollte sie auch spätestens jetzt haben. Ich trat noch weiter zurück, hob kurz meine Hand als Zeichen für Libell und spürte auch schon ihre Hand an meiner Schulter. Dann streckte ich meine Arme aus, spreizte meine Finger und konzentrierte mich auf die gewaltige Kraft, die tief in meinem Inneren schlummerte. Sie war wahrscheinlich ein Erbe von Shadow, was ich damals, als ich sie schon einmal in Peru einsetzte, noch nicht wissen konnte. Seinerzeit hatten Doc und ich einen schwarzen Druiden gemeinsam vernichtet. Die Macht der Magierin war trotz ihres geschwächten Zustands nicht zu unterschätzen. Und bevor sie sich heilen oder neue Kraft schöpfen konnte, richtete ich schnell meine Finger auf sie aus und flüsterte leise, kaum hörbar die uralten Formeln. Sofort spürte ich die gewaltige Macht in mir ansteigen. Unaufhörlich durchströmte sie jede Faser meines Körpers und vereinigte sich mit dem Energiestoß, den ich von Libell in diesem Augenblick erhielt.
„Loslassen!“
Abrupt zog Libell ihre Hand zurück und nahm Abstand von mir.

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Diesmal konnte ich die Gabe schon wesentlich besser kontrollieren als beim letzten Mal und leitete diese geballte Energie zu meinen Fingerspitzen. Augenblicklich entlud sie sich als gewaltige Blitze, die die Magierin völlig unvorbereitet trafen. Sie riss in Todesangst ihre schwarzen Augen ungläubig auf und hatte nicht einmal mehr die Zeit zu schreien, als eine sehr helle gleißende Strahlung sie vollständig umhüllte. Die Luft um uns schien zu explodieren, doch sie verletzte uns nicht, sondern verwandelte die Frau vor unseren Augen binnen weniger Sekunden in ein Häufchen Asche. Anschließend lenkte ich die Blitze zu den vier am Boden liegenden Magiern, auch von ihnen blieb nach kurzer Zeit nicht mehr als ein graues Häufchen Unrat übrig. Dann war alles vorbei. Die mit Elektrizität aufgeladene Luft knisterte noch etwas und es roch ein wenig nach Ozon. Schwer atmend stützte ich mich mit beiden Händen auf meine Knie und versuchte so schnell wie möglich wieder zu Kräften zu kommen. Es hatte mich mehr angestrengt als ich dachte.
„Damit hast du wohl nicht gerechnet, du Schlampe! Niemand vergreift sich ungestraft an meinem Gefährten… niemand!“, keuchte ich grimmig und trat mit einem Fuß in die Asche, um sie zu zerstreuen. Libell zeigte keinerlei Zeichen von Schwäche und eilte zu Duncan, der immer noch auf dem Asphalt lag und sich nicht rührte.

Fortsetzung folgt…

Kapitel 1: Seitensprung der Sisterhood – Ankunft in Schottland

Kapitel 2: Seitensprung der Sisterhood – Das Anwesen der Bruderschaft

Kapitel 3: Seitensprung der Sisterhood – Geheimnisse

Kapitel 4: Seitensprung der Sisterhood – Verschwörung

Kapitel 5: Seitensprung der Sisterhood – Entführt

Kapitel 6: Seitensprung der Sisterhood – Die Rückkehr

finden sich hier.

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Seitensprung der Sisterhood

Kapitel 6
Die Rückkehr

Leif sah mich wachsam an, als ich seine Hand nahm und sie drückte.
„Wick… äh, Leif“, begann ich, „wenn du nicht gewesen wärst, würde ich jetzt hier nicht sitzen. Ich verdanke dir mein Leben. Ich will mir auch gar nicht ausmalen, was der Troll und der Kobold mit mir angestellt hätten, wenn du nicht aufgetaucht wärst.“ Innerlich schüttelte es mich, als ich an die beiden schmierigen Kerle dachte.
„Ich nehme mal an, dass du die Beiden erledigt hast“, sagte ich und zeigte auf die mittlerweile getrockneten Blutflecken, die auf seinem Shirt klebten. Sein Grinsen war Antwort genug. Doch das war es nicht, was mich interessierte.
„ Warum?“, wollte ich wissen und sah ihm fest in die Augen. Er stutzte verwundert.
„ Warum was?“, fragte er argwöhnisch. Ich seufzte und überlegte mir meine nächsten Worte sehr genau.
„Warum hast du mich gerettet? Ich meine, du hattest hier die beste Gelegenheit mich verschwinden zu lassen, ohne Spuren, ohne Zeugen. Stattdessen befreist du mich und heilst mich sogar. Also warum? Erklär es mir.“ Ich erhielt keine Antwort von ihm. Er sah mich nur stumm an, ohne eine Miene zu verziehen. So kam ich nicht weiter, also versuchte ich es anders.
„Bitte verstehe mich nicht falsch, natürlich bin ich dir dankbar dafür, sogar sehr, keine Frage, aber was hat sich an deiner Meinung über mich geändert? Du magst keine Hexen und du magst mich nicht. Jedenfalls war es auf dem Anwesen noch so. Also, warum hast du die günstige Gelegenheit, Rache zu üben, verstreichen lassen?“ Er presste seine Lippen fest zusammen und seine Brauen bildeten eine finstere Linie als er mich schweigend musterte.
„Ist es wegen Duncan?“, hakte ich nach. Schweigen.
„Du willst es mir nicht sagen, oder?“
„Nein“, sagte er bestimmt. Ohne den Blick von mir zu wenden, rückte ein wenig von mir ab.
„Und du redest Unsinn! Wie kommst du nur auf die absurde Idee, ich hätte dich töten wollen? Gut, wir hatten unsere Auseinandersetzungen, aber ich wäre doch nie so weit gegangen. Was denkst du denn von mir!“ Er klang ziemlich verärgert, doch davon ließ ich mich nicht beeindrucken und beobachtete ihn genau. Als er plötzlich meinem Blick auswich, war es schon zu spät. Ich hatte etwas in seinen Augen gesehen, das mich ein bisschen traurig stimmte. Er empfand mehr für mich, als gut für ihn war, doch ich konnte ihm nur meine Freundschaft anbieten, mehr nicht. Und das wusste er. Ich konnte ihm nicht helfen, da ich im Moment ganz andere Sorgen hatte. Er sah abwechselnd von meiner Hand, die seine immer noch hielt, in mein Gesicht. Er schien mit sich zu ringen, bis er kaum hörbar seufzte.
„Also schön“, sagte er leise, „du weißt, ich verehre Duncan sehr. Aber ich fing an, ihn zu beneiden… um dich, und das war nicht gut, sogar verdammt mies. Also wurde es höchste Zeit für mich zu verschwinden. Mehr wirst du von mir dazu nicht hören. Sag einfach Danke und damit ist das Thema ein für allemal erledigt, ja?“, forderte er mich mit einem schiefen Lächeln auf, „ach… und nenn mich ruhig Wicki. Ich habe mich schon daran gewöhnt, und ich glaube, mir würde sonst etwas fehlen.“ Okay, wenn er es so haben wollte, mir sollte es nur recht sein. Ich umarmte ihn fest.
„Danke Wicki. Ich stehe tief in deiner Schuld, wenn ich irgendwas für dich tun kann, sag es mir, bitte“, flüsterte ich in sein Ohr.
Er erwiderte meine Umarmung und drückte mich fest an sich.
„Ach Quatsch, ist doch gern geschehen, Angie“, murmelte er, „tu mir nur einen Gefallen, wenn du Duncan erzählst wie ich dich geheilt habe, warte bitte damit bis ich das Land verlassen habe, ja?“ Lachend versprach ich es ihm, und schon ertönte von draußen ein ungeduldiges Hupen. Libell. Sie hatte ich fast vergessen.
Bei dem Versuch selber zu laufen, wäre ich beinahe über meine eigenen Füße gestolpert. Mist, ich war immer noch ziemlich wackelig auf den Beinen. Leif hob mich kurzerhand hoch und trug mich behutsam die Treppe hinunter. Unten im Hausflur sah ich Troll und Kobold mit verrenkten Gliedern neben der Treppe liegen und zuckte entsetzt zusammen.
„Es ist vorbei, Angie!“, sagte er beruhigend und streichelte tröstend über meinen Arm, „es ist vorbei.“

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Libell hatte inzwischen ihren Land Cruiser direkt vor dem Eingang geparkt und wartete ungeduldig auf uns. Sie hatte die Rückbank mit einer Decke und einigen Kissen ausstaffiert, um es mir so bequem wie möglich zu machen. Leif setzte mich ab, drehte sich jedoch gleich wieder um und ging zu meinem Erstaunen zum Haus zurück.
„Gebt mir noch 10 Minuten, dann können wir fahren“, rief er noch über die Schulter, ehe er im Innern verschwand.
Libell und ich sahen uns an und zuckten gleichzeitig mit den Schultern. Wir hatten keine Ahnung, was er da noch wollte. Ich probierte unterdessen sofort aus, ob die Rückbank für mich genügend Platz zum Liegen bot. Wenn ich meine Beine ein wenig anzog, konnte ich es sogar mir sogar relativ bequem machen. Wunderbar. Aber erst wollte ich mir ansehen, wohin mich die Mistkerle verschleppt hatten. Das kleine zweistöckige Haus sah ziemlich baufällig aus und war von einem mit Unkraut überwuchertem Garten umgeben. Einige Dachziegel fehlten, und mehrere Fenster waren zerbrochen. Die schmutziggraue Farbe blätterte an vielen Stellen ab. Ich schauderte. Nicht nur das Haus, sondern die ganze Umgebung sah ziemlich trostlos aus. Der Himmel war dunkelgrau verhangen und es fing an zu regnen. Na, das passte ja, dachte ich, und wollte nur schnellstmöglich weg von hier. Da erschien auch schon Leif, glitt mit einem breiten Grinsen hinter das Steuer und fuhr los. Nach reichlich Abstand zu dem Haus hielt er wieder an, drehte sich zu mir um und drückte mir mit einem satanischen Grinsen einen kleinen schwarzen Kasten in der Größe einer Streichholzschachtel in die Hand.
„Angie, dir gebührt die Ehre!“
Ich begriff sofort, was er meinte und drückte ohne lange zu überlegen mit einem befriedigenden Lächeln den winzigen roten Knopf. Gleich darauf ertönte eine gewaltige Explosion und das gesamte Haus flog mit einem mordsmäßigen Knall in die Luft. Gottlob war dies eine sehr einsame Gegend. Es gab weit und breit keine Nachbarn, die wir aufschrecken konnten, als ein mächtiger Feuerball in den Himmel schoss. Wir ließen die brennenden Trümmer mit einem befreienden Lachen hinter uns, als Leif das Gaspedal durchtrat und wir endlich das Kapitel Troll und Kobold abschließen konnten.
Leif hielt nur kurz an der nächsten Tankstelle, um vollzutanken und uns bei den McLeods telefonisch anzumelden. Währenddessen versorgte Libell uns mit Schokoriegeln und Getränken, um wenigstens den ersten Hunger zu stillen. Dann setzten wir die Reise ohne Stopp fort. Unterwegs fragten sie mich abwechselnd mindestens ein Dutzendmal wie es mir ging und ob ich es auch bequem hätte. Ich wusste ihre Besorgnis zu schätzen, sie meinten es ja nur gut und ich mochte sie sehr. Aber nachdem ich ihnen genauso oft versichert hatte, dass es mir blendet ging, sie mich aber weiterhin mit ihrer besorgten Fragen löcherten, verdrehte ich genervt die Augen und drohte damit, sie am Steuer abzulösen, um es ihnen zu beweisen.
Das half.
Na also, geht doch, dachte ich grinsend und konnte mich endlich in die warme Decke kuscheln und döste ein.
Als Leif vor einem schmucken Häuschen, einer Bed & Breakfast Pension, hielt, wachte ich auf. Erstaunt stellte ich fest, dass es schon Nachmittag war und ich tatsächlich fast drei Stunden fest und traumlos geschlafen hatte. Ich fühlte mich gut und hatte mich soweit erholt, dass ich alleine gehen konnte.
Ian und Mary McLeod waren ein nettes älteres Ehepaar, das schon vor dem Haus auf uns wartete und uns freundlich begrüßte. Ohne Fragen zu stellen, brachte Ian uns zu unseren Zimmer, die in einem größeren Anbau zum Garten hinaus lagen. Mary wollte sich unterdessen um das Essen kümmern. Die Zimmer waren zwar klein, aber hell und hübsch eingerichtet. Für unsere Zwecke genau richtig und ausreichend, da wir unseren Aufenthalt ja so kurz wie möglich halten wollten. Libell verschwand sofort zu einer Shoppingtour in dem kleinen Ort, Leif zog sich in das andere Zimmer zurück und ich ging sofort ins Bad. Dort fand ich alles vor, was ich brauchte und putze mir zuerst ausgiebig die Zähne. Die anschließende Dusche war so eine Wohltat, dass ich mich zwingen musste, sie, nachdem ich fast den gesamten Vorrat an Shampoo und Duschgel aufgebraucht hatte, wieder zu verlassen. Als ich mich später in das flauschige Badetuch hüllte und meine Haare trocknete, wurde mir etwas schwindelig. Ich spürte wie meine Kräfte nachließen und setzte mich schnell auf das Bett.

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Verdammt, das konnte doch nicht nur mit dem Blutverlust zusammenhängen, oder mit dem Hunger, da musste doch noch mehr sein! In dem Moment kam Libell mit mehreren großen Tüten beladen zurück und hörte mein lautes Fluchen. Sie legte die Tüten ächzend auf das andere Bett und warf mir eine zu.
„Ach Angie, nun sei nicht so ungeduldig, das wird schon wieder“, sagte sie, während sie eine knallrote Bluse aus eine der Tüten zog und kritisch von allen Seiten geäugte. Schließlich warf sie sie achtlos auf das Bett, um ein azurblaues T-Shirt hervorzuziehen. Nach einer genauso gründlichen Inspektion, nickte sie wohlwollend.
„Nach dem Essen geht es uns allen besser. Sollst mal sehen, wenn wir in ein paar Stunden auf dem Anwesen eintreffen, bist du fast wieder wie neu. So, ich hoffe, ihr habt noch genügend heißes Wasser übrig gelassen. Ich werde mich jetzt auch unter die Dusche begeben.“ Sie warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu und suchte ihre Sachen zusammen. Ich seufzte, vielleicht hatte sie ja recht. Geduld war noch nie meine Stärke gewesen. Also begann ich neugierig in der großen Tüte zu wühlen, um zu sehen, was sie mir mitgebracht hatte.
Oh nein! Entsetzt hielt ich einen verboten kurzen schwarzen Minirock aus Leder, der kaum breiter als ein Gürtel war, hoch.
„Das ist doch wohl nicht dein Ernst, oder?“
„Wenn Duncan wirklich sauer auf dich sein sollte, musst du eben alle Register ziehen“, meinte sie grinsend. Aber so bestimmt nicht! Ärgerlich warf ich den Fetzen Leder wieder in die Tüte… zu dem mindestens eine Nummer zu kleinem bauchfreien Top aus glitzernden Pailletten, den Netzstrümpfen und dem Hauch von Dessous. Die silberglänzenden High-Heels beachtete ich erst gar nicht!
„Das ist nicht mein Stil!“ Himmel, was hatte sie sich nur bei dem nuttigen Outfit gedacht? Duncan würde mich für verrückt halten, wenn er es nicht sowieso schon tat. Ich biss mir auf die Lippen, als ich plötzlich daran denken musste, wie Duncan das Gespräch mit Leif ziemlich abrupt abgebrochen hatte. Das konnte nichts Gutes bedeuten und ein unangenehmes Gefühl beschlich mich. Augenrollend nahm sie mir die Tüte wieder ab und drückte mir eine andere in die Hand.
„Das dachte ich mir schon. Da sind eine Jeans und ein warmer Pullover drin. Eine warme Jacke müsste auch dabei sein. Aber auf die sexy Unterwäsche bestehe ich!“ Sie deutete meine bekümmerte Miene falsch.
„Ach komm schon Angie, das sollte ein Witz sein!“, sagte sie entschuldigend. Stirnrunzelnd beobachtete sie mich.
„Oder machst du dir etwa Sorgen wegen Duncan? Ich glaube, das musst du nicht. Ich denke, er wird schon ungeduldig auf dich warten. Soweit ich das mitbekommen habe, liebt er dich, und du ihn. Also kommt auch alles wieder in Ordnung, ganz bestimmt!“ Ich teile ihren Optimismus zwar nicht ganz, fühlte mich aber durch ihre aufmunternden Worte gleich ein wenig besser.
Sie verschwand in der Dusche, und ich zog mich endlich an. Sie hatte wirklich ein ausgezeichnetes Gespür und zwar nicht nur in Sachen Mode, sondern bis auf den scheußlichen Witz in der einen Tüte, hatte sie auch genau meine richtige Größe erwischt, das musste der Neid ihr lassen. Alles passte perfekt. Sogar die bequemen Sneakers waren farblich abgestimmt auf den weichen Kaschmirpullover in Aubergine. Wir trafen uns wieder in der geräumigen Küche, in der Mary schon mit dem köstlichen Essen auf uns wartete, und wie stürzten uns mit Heißhunger darauf. Zumindest ich hatte seit Tagen, außer den Müsliriegeln, die Libell mir während meiner Gefangenschaft heimlich zugesteckt hatte, nichts mehr gegessen. Ungeniert verputzen wir alles, was auf dem reichgedeckten Tisch stand. Selbst von dem lauwarmen, wunderbar cremigen und aromatischen Käsekuchen mit der dicken Schicht buttriger Streusel, den Mary extra für uns gebacken hatte, blieb nur das Anstandsstückchen übrig. Da wir es eilig hatten, verabschiedeten uns auch alsbald von Ian und Mary, die es sich nicht nehmen ließen, jedem von uns noch ein riesiges Lunchpacket in die Hand zu drücken. Geld lehnten sie lächelnd ab und wünschten uns nur eine gute Reise. Diesmal fuhr Libell, und ich machte es mir wieder auf meiner Rückbank bequem. Nachdenklich sah ich aus dem Fenster, während Leif und Libell sich leise unterhielten. Was würde mich auf dem Anwesen erwarten?

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Meine Gedanken kreisten abwechselnd um die beiden Männer, die zu dem Wichtigsten in meinem Leben geworden waren – um Duncan und Shadow. Obwohl ich Shadow noch nicht allzu lange kannte, hatte er schon einen sicheren Platz in meinem Herzen eingenommen. Hoffentlich hatte ich mit meiner dämlichen Aktion nicht zu viel Schaden angerichtet und die beiden konnten mir verzeihen. Doch als Leif feixend erzählte, dass der Mini, den ich mir „ausgeliehen“ und bei dem Unfall zu Schrott gefahren hatte, Henry gehörte, sank ich stöhnend zurück in die Polster und schloss meine Augen. Mist, das auch noch… armer Henry! Demnach hatte ich ihm doppelt übel mitgespielt. Aber ich konnte es nicht nun mal nicht ungeschehen machen, also musste ich es auf irgendeine Art und Weise wieder gut machen. Als ich laut und vernehmlich seufzte, lächelte mir Libell beruhigend in dem Rückspiegel zu und versuchte mich abzulenken, indem sie eine seichte Unterhaltung über die neuesten Filme und Musik begann. Doch ich war nicht ganz bei der Sache und antwortete nur halbherzig. Je länger wir unterwegs waren, desto unruhiger wurde ich. An Schlaf war auf der letzten Etappe auf unserer Reise überhaupt nicht mehr zu denken. Die Unterhaltung plätscherte nur noch leicht vor sich hin und verstummte dann ganz. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir unterwegs waren, ich hatte jedes Zeitgefühl verloren und sehnte einfach nur das Ende unserer Fahrt herbei. Nach einem weiteren Fahrerwechsel schienen wir unserem Ziel immer näher zu kommen, da mir die Landschaft immer bekannter vorkam. Ich setzte mich aufrecht hin und starrte erwartungsvoll aus dem Fenster. Wenn mich nicht alles täuschte, musste gleich die kleine Abzweigung kommen. Und schon bog Leif ab und hielt nach einer Weile neben dem kleinen unscheinbaren Baum, der mittlerweile keine Blätter mehr trug. Er streckte seinen Arm aus und berührte mit seiner flachen Hand die Rinde. Schon erschien wie aus dem Nichts das prachtvolle Tor, öffnete sich und gab den Blick auf das dahinter liegende imposante Anwesen frei.
„Wow! Das sieht ja fantastisch aus!“, rief Libell begeistert.
Ihr erging es genau wie mir, als ich zum ersten Mal durch das Tor fuhr. Da ich das Anwesen mittlerweile als meine zweite Heimat betrachtete, fühlte es sich an, als ob ich nach Hause zurückkehrte. Trotzdem beschlich mich ein beklemmendes Gefühl, als Leif mit Schrittgeschwindigkeit an den imposanten Gebäuden vorbei fuhr und ihr erklärte, welchem Zweck sie dienten. Es war weit nach Mitternacht, und niemand war mehr auf den Wegen. Selbst die Gargoyles zeigten sich nicht. Nervös drehte ich ein paar Haarsträhnen um meine Finger. Wird überhaupt jemand da sein, um mich zu empfangen? Endlich hielt Leif vor dem Gebäude mit der schwarzen Orchidee über dem Eingang. Da standen sie. Mary, Henry, Mythos und Shadow warteten vor der Treppe. Duncan war nicht dabei. Shadow lächelte liebevoll und öffnete die Wagentür. Er half mir beim Aussteigen und zog mich dabei gleich in seine Arme. Er drückte mich an sich und versicherte mir gleichzeitig, wie froh er war, dass ich endlich wieder da war. Vor Erleichterung fing ich an zu weinen und klammerte mich an ihn. Es tat so gut, und ich fühlte mich gleich geborgen.
„Oh Shadow, es tut mir so leid, ich wollte dir doch keinen Kummer bereiten, ich wollte ja zurück, aber… ich konnte dich nicht erreichen, weil….“ Schniefend verhaspelte ich mich. Er strich mir sogleich beruhigend über den Kopf.
„Scht… ich weiß. Ganz ruhig… nun bist du ja wieder da, das ist die Hauptsache. Über alles andere reden wir später“, murmelte er an meiner Wange. Ich konnte nichts weiter sagen und nickte nur. Als ich mich etwas beruhigt die Tränen abgewischt hatte, sah ich in die freundlich lächelnden Gesichter der anderen. Henry wirkte etwas verlegen und wich meinem Blick aus. Seufzend ließ ich Shadow los, ging sofort zu ihm, streckte ihm meine Hand entgegen und lächelte ihn reumütig an.
„Oh Henry, es tut mir so wahnsinnig leid. Ich wollte das alles nicht. Hoffentlich können Sie mir verzeihen?“ Er winkte verschämt ab und schüttelte kräftig meine dargebotene Hand.
„Natürlich, Miss Angie… schon gut, alles in Ordnung. Hauptsache sie sind gesund wieder da. Wo ist denn der Mini?“ Fragend sah er an mir vorbei zu Leif. Der schlug ihm nur auf die Schulter und drückte ihm die Schlüssel des Cruiser in die Hand.
„Später, Henry. Kümmerst du dich bitte um den hier?“Zuerst runzelte Henry misstrauisch die Stirn, doch dann nickte er freudestrahlend.
„In Ordnung… später“, und war auch schon mit dem Auto verschwunden. Mythos, wie immer freundlich und charmant, begrüßte mich mit einem erleichterten Lächeln und verabschiedete sich auch gleich wieder in einem Atemzug.

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Er hätte noch einige dringende Sachen zu erledigen, entschuldigte er sich. Um diese Zeit? Skeptisch sah ich ihm hinterher, doch Mary lenkte mich ab, indem sie mich einfach schnell an sich drückte, ‚dem Himmel sei Dank‘ flüsterte und auch schon wieder ins Haus verschwand. Shadow legte einen Arm um mich, als ich fröstelnd die Schultern hochzog. Es war empfindlich kalt und der Wind war eisig.
„Nun kommt rein, hier draußen ist es zu kalt und ungemütlich“, sagte er und schob mich durch die Eingangstür. In der großen Halle blieben wir stehen und Shadow wandte sich an Libell, die die ganze Zeit geduldig gewartet hatte.
„Ich möchte Sie herzlich Willkommen auf meinem Anwesen heißen, Prinzessin. Ich bin sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Mit einer formvollendeten Verbeugung neigte er sich über ihre Hand und deutete einen Handkuss an. Libell starrte ihn nur mit großen Augen hingerissen an.
„Ich freue mich auch…“, stammelte sie plötzlich ganz schüchtern. Ich verkniff mir ein Grinsen, denn mich interessierte etwas ganz anderes. Wo war Duncan? Ich konnte ihn zwar spüren, aber auch hier unten war er nicht. Aufgewühlt biss ich mir auf die Lippen. Die erste Hürde hatte ich überraschend leicht überwunden, allerdings stand mir die schwerste noch bevor. Da legte Shadow eine Hand auf meine Schulter.
„Geh ruhig zu ihm, er wartet oben auf dich, Kleines“, sagte er sanft. „Leif wird mir inzwischen alles erzählen, nicht wahr?“ Fordernd sah er ihn an und als der eilfertig nickte, nahm er Libell sachte am Ellbogen und dirigierte sie in Richtung Esszimmer.
„Kommen Sie, meine Liebe, Mary hat einen kleinen Imbiss für uns zusammengestellt, Sie müssen hungrig sein. Du natürlich auch Leif. Ich bin schon sehr gespannt auf deinen Bericht.“
Plötzlich stand ich ganz alleine in der großen Halle und blickte seufzend nach oben. Okay, dann mal los. Ich wollte eigentlich die Treppe hochstürmen, aber diese eigenartige Erschöpfung griff wieder nach mir. Also ging ich vorsichtig Schritt für Schritt. Als ich oben vor der Apartmenttür stand, wurde mir sogar wieder etwas schwindelig. Verdammt, das konnte ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen! Ich versuchte es wegzuatmen, und nach einigen tiefen Zügen ging es mir tatsächlich wieder etwas besser. Entschlossen öffnete ich die Tür.
Da stand er, mein wunderschöner Schotte, groß und kraftvoll. Oh Gott, wie hatte ich ihn vermisst! Sein Lächeln, das mir immer wieder den Atem raubte, seinen Duft, seine Wärme. Ich begehrte ihn so sehr, dass es weh tat und mein Herz flog sofort zu ihm. Sein dunkles, dichtes Haar hatte er mit einer silberfarbenen Schnalle zusammengebunden, auf der seltsame Zeichen abgebildet waren. Er trug eine schwarze Hose und einen grauen Rolli und stand am Fenster wie eine Statue aus Marmor – kalt und unbeweglich mit dem Rücken zu mir. Seine ganze Haltung wirkte derart distanziert, dass ich mich kaum näher wagte, obwohl ich ihn am liebsten umarmt und mich an ihn geklammert hätte, um ihn nie wieder loszulassen. Doch da musste ich durch. Langsam näherte ich mich ihm, bis uns nur noch der Schreibtisch trennte. Das Bild von mir lag darauf und die Kette mit dem Smaragdherz gleich daneben. Er hatte sich immer noch nicht gerührt und starrte weiter aus dem Fenster, obwohl er genau wusste, dass ich hinter ihm stand. Ich räusperte mich und holte tief Luft.
„Duncan… bitte“, hauchte ich, denn meine Stimme versagte. Endlich drehte er sich um. Er musterte mich prüfend von oben bis unten.
„Geht es dir gut?“, fragte er kühl.
„Ja“, log ich in ihn an. In Wirklichkeit ging es mir lausig! Ich zuckte innerlich zusammen, als ich ihn mir genauer ansah. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Seine Miene war eine undurchdringliche Maske, und er sah blass aus. Der Blick aus seinen Augen erschreckte mich am meisten, er war seltsam emotionslos, beinahe gleichgültig.
„Du bist blass“, stellte er fest. Dito dachte ich nur.
„Ich bin nur müde“, sagte ich resigniert. Noch ein kurzer Blick, dann drehte sich wieder zum Fenster. Okay, dass er mich nicht mit offenen Armen empfangen würde, war mir klar gewesen. Aber so? Himmel, wenn er mich doch angeschrien, oder wütend etwas gegen die Wand gepfeffert hätte, wäre es einfacher gewesen. Aber diese Gleichgültigkeit und Kälte konnte ich nicht ertragen! Ich ging langsam um den Schreibtisch herum und legte eine Hand auf seinen Arm.
„Duncan, bitte… es tut mir so leid. Aber versteh mich doch, als du telefoniertest und ich … was sollte ich denn in dem Moment denken?

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Es hat sich für mich nun mal so angehört, als ob du…. Ich weiß, es war ein riesiger Fehler einfach so zu verschwinden, ohne mit dir zu sprechen. Ich wollte mich ja auch später melden, aber mein Handy funktionierte nicht.“ Selbst in meinen Ohren hörte sich diese Ausrede ziemlich lahm an, aber sollte ich ihm gleich von dem Unfall erzählen, bei dem ich fast draufgegangen war? Das konnte ich ihm noch nicht sagen. Zumindest ließ er meine Hand wo sie war und wich nicht vor mir zurück. Ich lehnte vorsichtig meine Stirn gegen seinen Oberarm und genoss seine Wärme und seinen Duft für einen Augenblick. Doch er starrte nur weiter aus dem Fenster. Als er schließlich anfing zu reden, hob ich den Kopf und ließ ihn los.
„Ein paar Minuten nur, hättest du nur ein paar Minuten länger gewartet, dann wäre es nicht so weit gekommen. Angie, meine Nichte Fiona ist erst 12 Jahre alt und ich bin ihr Hüter. Sie wollte dich mit einer großen Feier zu unserer Vereinigung überraschen. Das war das große Geheimnis! Und stell` dir vor, ich war sogar bereit, mein Wort ihr gegenüber zu brechen und wollte es dir sagen, weil ich wusste, dass du genug von der ganzen Geheimniskrämerei hattest!“ Seine kühle Gelassenheit bröckelte, als er sich endlich umdrehte und meine Arme umfasste.
„Als du nicht wiederkamst, habe ich dich gesucht. Doch ich konnte dich nicht finden. Niemand hat dich gesehen. Dann haben… Angie, alle haben dich gesucht! Weißt du überhaupt, was für Sorgen wir uns um dich gemacht haben, als du nicht auffindbar warst? Was für Szenarien wir uns ausgedacht hatten, was mit dir passiert sein konnte?“, sagte er und sah mich dabei vorwurfsvoll an.
„Dann bemerkten wir, dass ein Auto fehlte. Doch Henry versicherte uns immer wieder, dass das nicht möglich sein konnte. Er war total verwirrt. Es sah so aus, als ob ihn jemand manipuliert hatte.“ Vielsagend tippte er sich an die Stirn und sein verächtlicher Blick traf mich tief.
„Da kam mir zum ersten Mal der Verdacht, dass du freiwillig das Anwesen verlassen hast. Du hast mir mal gesagt, dass man dir die Kette nur mit Gewalt abnehmen könnte. Du würdest sie nie freiwillig hergeben. Als ich sie unten neben der Haustür gefunden habe, und bemerkte, dass der Verschluss unversehrt war, wusste ich, dass du mich verlassen hast.“ In seinen Augen sah ich, wie es in ihm anfing zu brodeln und er sich sehr zusammenreißen musste, um nicht zu brüllen. Er umklammerte meine Oberarme fester.
„Ich konnte es nicht glauben“, sagte er noch mühsam beherrscht, „darum habe ich versucht dich auf deinem Handy zu erreichen, ich wollte es von dir hören, mit deinen eigenen Worten! Aber es sprang immer nur die Mailbox an. Shadow vertraute fest darauf, dass du dich bestimmt melden würdest. Du wärst nicht wie deine Mutter, versicherte er mir immer wieder. Oh nein, das bist du wahrhaftig nicht.“ Sein sarkastischer Ton machte mir Angst, doch ich unterbrach ihn nicht.
„Du bist sogar noch schlimmer! Sie hat Shadow wenigstens noch eine Nachricht hinterlassen. Doch du bist ohne ein Wort einfach verschwunden!“ Er schnippte mit dem Finger.
„Einfach so!“ Meine Augen brannten. Es tat weh, dass er mich mit dieser Frau verglich. Ich war nicht wie sie! Auf keinen Fall! Sein fester Griff schmerzte langsam, und ich musste mir auf die Lippe beißen, um einen Aufschrei zu unterdrückten, während er mit seiner Anklage fort fuhr.
„Dann kam der Anruf von Leif.“ Er schüttelte langsam den Kopf.
„Nicht zu wissen, wo du bist, was passiert ist, warum du mich ohne ein Wort verlassen hast, war schon bitter genug, …dann feststellen zu müssen, dass es nur ein dummes Missverständnis war….“ Anklagend ruhte sein Blick weiter auf mir.
„Ich kann ja nachvollziehen, dass du durch die Geschichte mit Shadow etwas überreagiert hast. Ich bin der letzte, der dafür kein Verständnis hat, aber weißt du, was das Schlimmste für mich war?“ Ich brachte kein Wort raus und schüttelte nur stumm den Kopf.
„Das Schlimmste war, dass du mir so etwas überhaupt zugetraut hast!“ Oh mein Gott, ich hasste mich in diesem Moment, dass ich ihm das angetan hatte, und dass ich nichts darauf erwidern konnte. Er ließ mich so abrupt los, als hätte er sich an mir verbrannt. Kurz geriet ich ins Wanken und konnte dem Drang meine schmerzenden Arme zu reiben nur schwer wiederstehen konnte. Frustriert fuhr er sich mit beiden Händen durchs Haar.
„Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal durchmachen kann, Angie… ich weiß es wirklich nicht!“
„Duncan, das wird nie wieder geschehen, das verspreche ich dir“, versicherte ich ihm eindringlich,
„oder schwöre es, wenn du willst. Ich weiß ja auch nicht, was in mich gefahren ist. Wenn ich es nur ungeschehen machen könnte, aber das kann ich nun mal nicht, genauso wenig kann ich die Zeit zurückdrehen. Und glaub mir, ich habe meine Lektion gelernt.“

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In seinen Augen blitze kurz etwas auf, was ich nicht deuten konnte, dann drehte er sich um und ging zur Tür. Entgeistert beobachtete ich, wie er eine kleine Reisetasche, die die ganze Zeit neben der Tür gestanden hatte, aufhob und im Begriff war, den Raum zu verlassen.
„Duncan, was hast du vor? Oh nein, bitte tu das nicht!“ Ich verstand ja, dass er mit Recht wütend auf mich war, aber warum war er so unerbittlich? Das konnte er doch nicht tun! Warum lief denn auf einmal alles so schief?
Ich wollte zu ihm, aber meine Beine drohten mich im Stich zu lassen und ich musste mich schnell an dem Stuhl festklammern, um nicht hier und jetzt zusammenzubrechen. Das war der denkbar ungünstigste Zeitpunkt. Verdammt, ich wollte nicht wie ein schwaches Frauchen wirken, das bei jeder Gelegenheit in Ohnmacht fiel, oder mitleiderregend in Tränen ausbrach, um jemanden umzustimmen. Ich riss mich so gut es ging zusammen, als er sich zu mir drehte.
„Ich muss. Es hat nichts mit dir oder uns zu tun, es ist eine wichtige Ordensangelegenheit.“ Er schloss mich also aus! Ich hätte schreien können, doch stattdessen nickte ich nur.
„Aber du kommst wieder, oder?“, fragte ich leise. „Bitte sag ja, BITTE!“ Er nickte.
„In ein paar Tagen bin ich wieder da“, sagte er ohne mich anzusehen.
Ich wollte ihm noch so viel erklären, ihn anflehen zu bleiben, doch die Zeit reichte nicht.
„Pass auf dich auf, ja?“, brachte ich noch leise heraus. In der einen Hand die Klinke, in der anderen die Tasche haltend antwortete er nur: „Tu ich doch immer.“ Dann war er weg. Geschockt starrte ich auf die geschlossene Tür und konnte es kaum glauben. Er war wirklich gegangen, er war weg und hatte mich hier stehen lassen! Ich schlug eine Hand vor den Mund und unterdrückte ein Wimmern. Dann waren meine Kraftreserven endgültig aufgebraucht. Ich sackte zusammen und landete auf meinen Knien. Ich hoffte immer noch, dass es nur ein Alptraum war und er jeden Moment wieder zurück durch die Tür kam, um mich in seine Arme zu nehmen. Doch die einzigen, die nach einiger Zeit erschienen, waren Shadow und Libell. Shadow sah mich auf dem Boden knien und war sofort an meiner Seite, um mich aufzuheben. Fassungslos klammerte ich mich an seinen Arm.
„Shadow, er ist weg!“, stammelte ich. „Ich weiß ja, dass ich großen Mist gebaut habe, aber warum ist er einfach gegangen? Warum ist er nur so kaltblütig? Da stimmt doch was nicht. Und was ist das für eine dringende Ordensangelegenheit, die nicht einmal ein paar Stunden warten kann? Warum ausgerechnet jetzt?“
„Darüber reden wir morgen, Kleines. Mach dir keine Sorgen, jetzt musst du dich zuerst ausruhen. Leif hat mir ausführlich Bericht erstattet. Morgen, vielmehr heute Morgen wird unser Dr. Home dich gründlich untersuchen. Er ist ein ausgezeichneter Heiler.“ Ich konnte vor Erschöpfung kaum noch die Augen offenhalten, aber ich bemerkte dennoch, wie Shadow mir auswich. Aber ich war einfach zu müde, um weitere Fragen zu stellen. Er trug mich ins Schlafzimmer und legte mich behutsam auf das breite Bett.
„Habe Vertrauen, Angie und schlaf jetzt“, sagte er leise und strich mir lächelnd die Haare aus dem Gesicht. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist. Alles andere wird sich finden.“ Er küsste mich auf die Stirn und ließ mich mit Libell alleine. Sie half mir, mich bettfertig zu machen, deckte mich zu, und noch bevor sie den Raum verließ, war ich schon fest eingeschlafen.

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Leises Lachen weckte mich nach einem tiefen, traumlosen Schlaf. Ich öffnete gähnend meine Augen und sah Shadow und Libell, die auf dem kleinen Sofa saßen, die Köpfe zusammensteckten und sich angeregt unterhielten. Na, was bahnte sich denn da an? Schmunzelnd setzte ich mich auf. Ich unterbrach diese traute Zweisamkeit nur ungern, aber… plötzlich kam mir ein Gedanke. Haben die beiden etwa die ganze Zeit über hier meinen Schlaf bewacht? Hoffentlich nicht.
„Guten Morgen, ihr zwei.“ Shadow und Libell fuhren wie ertappt auseinander und Libell wurde sogar ein bisschen rot. Sie stand auf und grinste mich verlegen an.
„Guten Morgen Angie… oder guten Mittag, es ist ja schon nach eins. Schön, dass du endlich wach bist, ich besorge mal gleich Kaffee, ja?“, sagte sie auf dem Weg zur Tür. Shadow setze sich lächelnd zu mir aufs Bett und nahm meine Hand. Seine Augen glitzerten silbern, als er mir liebevoll die Wange tätschelte.
„Hallo, mein Kleines. Gut geschlafen? Du siehst jedenfalls schon viel besser aus als bei deiner Ankunft. Trotzdem wird gleich Dr. Home kommen und dich gründlich untersuchen. Leif hat mir von deinem Unwohlsein berichtet und das macht mir Sorgen. Möchtest du vorher noch etwas?“ Ich versuchte den Pelz in meinem Mund runter zu schlucken.
„Oh ja, da gibt es Einiges. Duschen, Kaffee, Frühstück, Antworten auf meine Fragen vielleicht? Okay, das Bad hat Vorrang. Aber danach müssen wir unbedingt reden!“ Ich sprang aus dem Bett und wartete auf den Schwindel, der aber Gott sei Dank ausblieb. Shadow verabschiedete sich mit dem Versprechen, nebenan auf mich zu warten. Ich schaffte es gerade noch, mich zu duschen, meine Haare zu trocknen und mich anzuziehen, doch als ich wieder im Schlafzimmer vor dem großen Spiegel stand, und den Knopf meiner Jeans schloss, kehrte nicht nur der Schwindel, sondern auch mein Kummer wegen Duncan mit voller Wucht zurück. Es war zum Verrücktwerden! Ich setzte mich kraftlos auf das Bett, zog sein Kissen seufzend an mich und presste mein Gesicht hinein, um seinen Geruch tief einzuatmen. Der ganze Raum war noch mit seinem Duft getränkt und mir kamen die Tränen. Duncan fehlte mir… In dem Schlafzimmer sah es so aus, als ob ich nie weggewesen wäre. Alles stand noch genauso an seinem Platz, wie ich es verlassen hatte. Selbst das rote Kleid, das ihm so gut an mir gefallen hatte, hing auf einem Bügel an der Schranktür, so, als hätte es auf mich gewartet. Als ich unser Gespräch noch einmal Revue passieren ließ, konnte ich mir einfach nicht erklären, warum alles so schief gelaufen war. Ich hatte fast den Eindruck, als wollte er mir partout nicht verzeihen. Aber weshalb nur? Und wohin war er so plötzlich aufgebrochen? Er würde wiederkommen, hat er gesagt… aber nicht wann. In ein paar Tagen? Das war mir zu vage. Seufzend wischte ich die letzten Tränen weg. Trübsal blasen oder in Selbstmitleid ertrinken, nützte mir nichts. Ich wollte um ihn, um uns, kämpfen, und wenn es das Letzte war, was ich tun konnte! So leicht gab ich jedenfalls nicht auf. Nur Shadow konnte mir vielleicht die richtigen Antworten liefern, und den musste ich jetzt fragen!
Im Wohnzimmer saßen Libell und Shadow an dem Tisch vor dem Kamin und musterten mich besorgt. Mit zusammengepressten Lippen setzte ich mich zu ihnen. Obwohl ich bestimmt schlimm aussah mit meinen vom Weinen roten Augen und dem verquollenen Gesicht, verloren sie kein Wort darüber. Ich bedankte mich bei ihnen dafür mit einem schiefen Lächeln.
„Mit einem lieben Gruß von Mary und du sollst ja nichts übriglassen“, sagte Libell und goss uns schmunzelnd Kaffee ein, „sie ich wirklich ein Schatz.“
Ja, das war sie. Für mich stand ein Frühstück bereit, mit dem mindestens fünf Personen satt werden konnten. Shadow nippte an seinem Kaffee und verzog augenblicklich das Gesicht. Ich wusste, er bevorzugte Tee, aber tapfer nahm er noch einen zweiten Schluck.
„Polly lässt dich übrigens herzlich grüßen“, sagte er und stellte die Tasse weit von sich, „sie ist mit den Kindern unterwegs zu Aaron und bedauert es sehr, dich verpasst zu haben.“ Schade, aber nicht zu ändern. Mein lautes Magenknurren erinnerte mich daran, dass ich zuletzt bei den McLeods etwas gegessen hatte und beschloss die Befragung bis nach dem Frühstück zu verschieben. Trotz meines Kummers, machte ich mich mit großem Appetit über die Köstlichkeiten, die Mary für mich zusammengestellt hatte, her. Libell und Shadow griffen auch noch einmal zu, obschon sie ihr Frühstück schon vor Stunden gemeinsam mit Mary eingenommen hatten. Sie waren erst kurz vor meinem Aufwachen ins Schlafzimmer gekommen, um nach mir zu sehen.

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Das beruhigte mich sehr, und nach der vierten Tasse Kaffee war ich definitiv voll bis oben hin. Mir blieb jedoch keine Zeit Shadow endlich ins Gebet zu nehmen, da es in dem Moment laut und vernehmlich an der Tür klopfte.
„Das wird Dr. Home sein. Ach ja, und wundere dich bitte nicht“, warnte Shadow mich grinsend, stand auf und öffnete die Tür. Ein kleiner hagerer Mann schob ihn mit einem ungeduldigen Grunzen aus dem Weg und steuerte flink wie ein Wiesel auf mich zu. Mit einem freundlichen Lächeln stellte er sich als Dr. Home vor und nahm gleich mir gegenüber Platz. Shadow und Libell wurden von ihm völlig ignoriert, die daraufhin mit einem aufmunternden Lächeln in meine Richtung den Raum verließen. Ich musterte den Doktor ein wenig skeptisch, da er sich durch seine ganze Erscheinung und sein Auftreten doch sehr von den anderen Heilern, denen ich bisher begegnet bin, unterschied. Er trug einen ganz normalen grauen Anzug, der allerdings ziemlich zerknittert war und seine besten Tage schon lange hinter sich hatte. Sein Oberhemd zierten einige bunte Flecken, deren Herkunft ich nicht wissen wollte. Seine wirre Mähne aus mahagonifarbenen Locken erinnerte ein bisschen an den Afrolook aus den Siebzigern. Er trug eine Brille mit dicken schwarzen Rändern, die ihm ständig von der Nase zu rutschen drohte und die er immer wieder energisch zurückschob. Hinter den Gläsern jedoch funkelten intelligente blaue Augen, mit denen er mich aufmerksam musterte. Als er mir die Hand mit einem festen warmen Händedruck schüttelte, fühlte er gleich nach meinem Puls und begann sofort mit seiner angenehmen Stimme gezielte Fragen zu stellen. Fast beiläufig untersuchte er mich dabei so gründlich, dass ich meinen ersten Eindruck von ihm revidierte, denn er schien wirklich etwas von seinem Fach zu verstehen. Abschließend setzte er sich wieder, murmelte stirnrunzelnd ein paar Worte in einer fremden Sprache und goss sich seelenruhig eine Tasse Kaffee ein, die er dann mit Schwung zu seinem Mund führte. Dass dabei ein paar Tropfen auf seinem Hemd landeten, schien ihn nicht weiter zu stören. Gott sei Dank war der Kaffee nur noch lauwarm, dachte ich bei mir, als er die Tasse in einem Zug leerte. Amüsiert reichte ich ihm schnell eine Servierte, die er einen Moment lang fragend ansah. Dann wischte er sich damit über die Stirn und stopfte sie anschließend in die leere Tasse. Oha. Seine Brille balancierte schon wieder vorne auf seiner Nasenspitze, als er sich freundlich lächelnd zurücklehnte und die Fingerspitzen aneinander legte. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht laut loszuprusten. Was für ein drolliger Mann!
„Also soweit sind Sie körperlich topfit, Miss Angie“, stellte er fest und schob seine Brille wieder an ihren Platz, „ nur Ihre Erschöpfung und der Schwindel machen mir Sorgen. Ich werde noch eine Blutprobe nehmen und im Labor gründlich analysieren. Es dauert nicht lange, höchstens eine Stunde. Danach werden wir wissen, was mit Ihnen nicht stimmt.“ Okay… als ich sah, wie er in dieser fremden Sprache vor sich hin brummelnd in seiner schwarzen Tasche wühlte und nach einer Weile ein Spritzenset und einen kleinen Schlauch triumphierend in die Höhe hielt, wurde mir doch etwas mulmig. Zögernd streckte ich im meinen Arm entgegen und machte mich schon auf das Schlimmste gefasst. Doch widererwartend war er sehr umsichtig und ich spürte noch nicht einmal den Einstich. Nachdem er die Blutprobe sicher in der Tasche verstaut hatte, ging er ohne ein weiteres Wort und ließ die Tür für Shadow und Libell offen.
„Sag mal, das ist euer Doktor? Was für eine Spezies ist er denn?“, fragte ich Shadow, der lächelnd nach Libell wieder Platz genommen hatte, während ich den restlichen Orangensaft gerecht unter uns aufteilte.
„Ja, er ist ein Phänomen, nicht wahr? Ich habe ihn vor vielen Jahren in Transsylvanien entdeckt. Er ist durch und durch ein Mensch.“ Ich verschluckte mich fast an meinem Saft.
„Wie bitte, er ist ein Mensch? Aber wie passte er denn hierher auf das Anwesen?“
„Das ist ja das Phänomen, obwohl er schon über 200 Jahre alt ist, altert er nicht und keiner weiß warum. Zugegeben, er ist ein bisschen eigenartig, aber auf seinem Gebiet eine Koryphäe. Doch nun zu dir. Was hat denn Home gesagt?“
„Soweit ist alles in Ordnung. Er will nur noch mein Blut untersuchen. In einer Stunde wissen wir mehr“, antwortete ich knapp, denn nun wurde es Zeit für ein ganz anderes Thema. Streng nahm ich Shadow ins Visier.
„Also… was ist hier los? Wohin musste Duncan so schnell? Und komm mir nicht wieder mit ‚Ich kann es dir nicht sagen, weil ich mein Wort gegeben habe‘, sonst schreie ich! Davon habe ich nämlich die Nase gestrichen voll! Keine Ausflüchte und Beschönigungen, bitte!“

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Shadow sah schuldbewusst an mir vorbei und strich sich verlegen über die Nase. Oh nein! Ich verdrehte stöhnend die Augen und wollte ihm gerade dementsprechend meine Meinung sagen, als mich ein verschlagenes Lächeln von ihm verblüfft innehalten ließ. Seine Augen waren in diesem Moment tiefschwarz, als er mir zuzwinkerte.
„Er hat mir das Versprechen abgerungen DIR nichts zu sagen. Aber von Libell war nicht die Rede!“Oh, wer hätte das gedacht! Mein Vater, das ausgefuchste Schlitzohr! Libell sah ein bisschen verwirrt zwischen uns hin und her, dann zuckte sie die Achseln.
„Ich weiß zwar nicht, was ihr meint, oder um was es geht, aber bitte, ich höre?“ Shadow lehnte sich zurück.
„Einen Tag nachdem Angie verschwunden war, gab es einen Bombenanschlag in Glasgow“, sagte er ernst. Libell und ich zogen hörbar die Luft ein, aber Shadow hob gleich beschwichtigend die Hände.
„Wartet. Tiago und Jean waren an dem Tag in der Stadt und wollten sich mit Eric in unserem dort befindlichen Büro treffen. Zum Glück erhielten wir eine anonyme Warnung und konnten das Gebäude, in dem die Bombe hochgehen sollte, rechtzeitig evakuieren. Es wurde niemand verletzt. Eric versuchte noch, sie zu entschärfen, doch er konnte nichts tun, außer sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Das merkwürdige an der Bombe war nämlich, dass es keinen Zeitzünder oder etwas in der Art gab. Er fand nur später heraus, dass sie magisch gezündet wurde. Wahrscheinlich ein neuartiger Typus, der den Verdacht nahelegt, dass Schwarz-Magier im Spiel sind.“ Libell nickte grimmig und ballte ihre Fäuste.
„Das war bestimmt Battle der Magier, der auch meine kleine Schwester entführt hat. Er war der Vertraute von dem Troll, der wiederum für Dungeon gearbeitet hat.“ Ich hatte zwar noch nie etwas von ihm gehört, stimmte ihr aber zu.
„Das wissen wir nicht mit Bestimmtheit“, sagte Shadow, „ aber vieles deutet daraufhin, dass Battle seine Hände im Spiel hatte, oder zumindest einer seiner Handlanger. Das haben wir am Tatort gefunden. Was hältst du davon?“ Er gab mir eine kleine rote Schuppe, die ich sofort genau unter die Lupe nahm.
„Das ist keine echte“, stellte ich gleich fest, „aber gut nachgemacht. Das muss eine Art Kunststoff sein. Es scheint so, als ob Dungeon wieder im Geschäft ist und uns dieses hier als seine Visitenkarte hinterlassen hat!“
„Das dachten wir uns auch. Sie ist aus dem gleichen Material wie die Bombe. Duncan verfolgt eine heiße Spur, die nach Le Havre in Frankreich führt. Er ist dort Undercover unterwegs, um jemanden zu kontaktieren, der… “
„Was?“, unterbrach ich ihn entsetzt und sprang auf. Hatte ich mich gerade verhört?
„Willst du damit sagen, dass er alleine auf dieses Himmelfahrtskommando gegangen ist? Ohne Rückendeckung? Ist er denn wahnsinnig geworden?“ Das durfte doch nicht wahr sein! Shadow zuckte mit den Schultern.
„Er hat sich freiwillig gemeldet, weil niemand außer ihm zur Verfügung stand. Jean, Tiago und Eric sind in Glasgow geblieben, um die Spuren vor Ort zu sichern. Sie arbeiten mit unseren Kontaktleuten bei der Glasgower Polizei eng zusammen. Die anderen Brüder sind zu weit entfernt oder nicht zu erreichen, also blieb nur er. Ich habe ihn noch ausdrücklich auf die Gefahren hingewiesen, aber er… Angie, er wollte es so, unbedingt. Was hatte ich denn für eine Wahl?“ Fassungslos starrte ich ihn an.
„Es ihm verbieten vielleicht?“ Shadow zog eine Augenbraue hoch und sah mich vielsagend an.
„Okay, ich verstehe schon“, seufzte ich und setzte mich wieder. Duncan der alte Sturkopf ließ sich nichts verbieten!
„Angie, er war in dem Glauben, du hättest ihn verlassen. Nach Leifs Anruf war er kurz versucht, die Sache niederzulegen, doch du kennst ihn ja. Er macht nie einen Rückzieher. Obwohl er schon sehr spät dran war, blieb er noch so lange, um dich zu sehen und sich zu vergewissern, dass es dir gut geht.“

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Er hatte ja recht, nur wusste ich im Moment nicht, ob mich das beruhigen oder aufregen sollte. Bekümmert rieb ich mir geistesabwesend über meine Arme. Duncans kühles Verhalten mir gegenüber ließ mich annehmen, dass er nur aus Pflichtgefühl auf mich gewartet hatte, aber da war doch etwas in seinen Augen gewesen… oder wollte ich das nur sehen? Und dann auch noch die Sache mit der Bombe… Jean und Tiago… Ein forderndes Klopfen unterbrach meine Gedankengänge.
Dr. Home erschien mit meinen Ergebnissen. Wie beim ersten Mal beachtete er Shadow und Libell nicht und setzte sich gleich zu mir. Er stellte ohne Rücksicht auf das Geschirr, das dort noch stand, mit Schwung seine Tasche auf den Tisch. Libell und Shadow reagierten schnell und zogen schleunigst einige Sachen aus der Gefahrenzone und brachten sie grinsend in Sicherheit. Ich bat die beiden zu bleiben, als sie Anstalten machten aufzustehen, denn der ernste Blick von Home beunruhigte mich ein wenig.
„Also Doktor, was stimmt nicht mit mir? Und bitte keine medizinischen Fachausdrücke“, bat ich ihn.
„Wie Sie wünschen, Miss Angie. Um es gleich vorweg zu sagen, es hat nichts mit Ihrem Blutverlust zu tun, obwohl der nicht gerade gering war. Es ist ihr Blut selbst!“ Er nickte so heftig, dass seine Brille wieder mal gefährlich ins Rutschen geriet.
„Ihr Blut ist ein seltsamer Cocktail. Sie haben merkwürdigerweise eine nicht zu bestimmende Blutgruppe. Ich habe hier einmal zum besseren Verständnis die gängigsten Blutgruppen unserer verschiedenen Spezies aufgelistet.“ Er reichte mir ein bedrucktes Blatt, auf dem am unteren Rand ein dicker Kaffeefleck prangte.
>> D2= Drache, M= Mensch, H1= Hexe, V1 = Vampir, D1= Dämon, F1= Fee, E1= Elfe, W1= Werwolf<<
„Es gibt natürlich noch die Gruppen der Mischwesen. Kompatibel mit den verschiedenen Gruppen sind eigentlich nur zwei, höchstens drei. Zum Beispiel V1D1= VD2“, fuhr er fort und gab mir ein zweites Blatt.
„ Hier ist Ihre.“
Auf dem Blatt stand nur >> D2MH1V1D1F1=? << Wer sollte denn daraus schlau werden?
„Und was bedeutet das jetzt für mich?“, fragte ich ihn verwirrt und gab ihm die beiden Papiere zurück.
„Jede dieser Komponenten versucht nun die Machtposition zu übernehmen. Dieser Kampf geht natürlich nicht ohne Folgen ab, daher auch ihr Schwäche und der Schwindel. Bisher konnten die verschiedenen Gruppen ohne Probleme in einer Art Koexistenz friedlich miteinander auskommen, doch als F1 dazukam, wurde etwas Neues aktiviert und die ganze Sache geriet außer Kontrolle. Was helfen würde, wäre eine wohl dosierte Gabe von Duncans Vampirblut. Tja, aber der steht im Moment nicht zur Verfügung, oder?“, sagte Home und schaute mich fast ein wenig verlegen dabei an.
„Muss es denn unbedingt von Duncan sein? Kann nicht auch ein anderer Vampir mir Blut spenden?“
„Nein, da Sie schon einmal von ihm getrunken haben, ist das leider ausgeschlossen.“ Verdammter Mist!
„Aber es muss noch eine andere Möglichkeit geben! Ich kann doch nicht die ganze Zeit hier untätig rumliegen und warten!“, sagte ich zornig. Der Doktor lächelte mich wissend an und tätschelte tröstend meine Hand, die ich schon zur Faust geballt hatte, um sie auf den Tisch zu hauen.
„Das dachte ich mir schon. Ich weiß, Duncan ist im Moment außer Landes. Nur die Ruhe, ich habe hier ein Medikament, das sollte Ihnen helfen, die Zeit zu überbrücken.“ Er zog blindlings einen kleinen Plastikbehälter aus der Tasche, öffnete ihn und legte mir eine kleine unscheinbare weiße Kapsel in die Hand, die nach wenigen Sekunden anfing in meiner Handfläche kaum wahrnehmbar zu vibrieren. Interessiert betrachtete ich sie genauer, konnte aber nichts Besonderes an ihr entdecken.
„Die Kapseln reagieren auf Körperwärme, da wir sie magisch verstärkt haben. Sie helfen Ihnen schnell, wieder zu Kräften zu kommen“, versprach er mir und stellte den kleinen Behälter vor mir auf den Tisch, griff sich den letzten Croissant und biss herzhaft hinein.
„Damit dürften Sie eine Weile auskommen“, sagte er mit vollem Mund, „nehmen Sie morgens und abends eine, das sollte reichen. Allerdings dürfen Sie sich in der Überbrückungsphase nicht die kleinste Infektion leisten, das könnte sonst fatale Folgen haben. Ihr Imunsysthem ist im Moment ziemlich beschäftigt und angeschlagen. Also, seien Sie unbedingt vorsichtig, ja?“

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Geschickt fing er seine Brille im Flug auf, bevor sie auf dem Tisch landen konnte. Dabei musste er den Rest des Croissants loslassen, das nun unter den Tisch lag. Ungerührt sprach er weiter.
„Und denken Sie bitte daran, die Gabe von Duncans Blut muss unter ärztlicher Aufsicht geschehen. Nur so kann ich das Risiko und die Folgen einer Überdosierung ausschließen.“ Ich nickte zustimmend und schluckte schnell die Kapsel. Es dauerte wirklich nicht lange und ich fühlte mich viel besser – kräftiger und voller Tatendrang. Wenigstens etwas Positives! Erleichtert hielt ich ihm meine Hand hin.
„Vielen Dank, Doktor. Aber kein Wort zu den anderen, ja?“ Er nickte lächelnd, wischte seine Finger an seinem Jacket ab und schüttelte mir die Hand zum Abschied. Sofort reifte in mir ein Gedanke, als ich die Tür hinter ihm schloss. Langsam drehte ich mich zu Shadow und Libell um, die die ganze Zeit über stumm gewartet hatten.
„ Das gilt auch für euch zwei. Zu niemandem ein Wort, ja? Besonders nicht zu Leif! Der würde sich nur unnötig Vorwürfe machen. Ich werde so schnell wie möglich nach Le Havre reisen, und versuche erst gar nicht, mir das auszureden! Mein Entschluss steht fest!“, sagte ich zu Shadow und sah ihm dabei fest in die Augen. Ich hatte zwar noch keine Ahnung, wie ich dorthin kommen sollte und wartete förmlich auf seinen Widerspruch, aber ich würde schon einen Weg finden! Doch er überraschte mich schon wieder. Er strich sich eine Weile nachdenklich übers Kinn, dann schlug er mit der flachen Hand auf die Sessellehne.
„Okay, gib´ mir eine Stunde, dann steht der Heli für dich bereit. Bis dahin habe ich auch neue Papiere für dich, und was du sonst noch so brauchst, besorgt.“ Als ich ihm dankbar um den Hals fiel, drückte er mich an sich.
„Ich kann dich eh nicht davon abhalten, also fahr zu ihm. Duncan braucht bestimmt deine Hilfe, auch wenn er es niemals zugeben wird. Ich habe vollstes Vertrauen in deine Fähigkeiten, Angie. Ich weiß, dass du eine hervorragende Kriegerin bist und dich nicht bewusst in Gefahr begibst. Also los, pack ein paar Sachen zusammen.“, sagte er leicht amüsiert. Unerwartet meldete sich Libell zu Wort.
„Ich habe ein kleines Haus in der Nähe von Le Havre, in einem Vorort, direkt am Meer. Es kostet mich nur einen Anruf, und du könntest für die Zeit dort wohnen.“ Nachdenklich betrachtete ich sie und hatte plötzlich eine Idee.
„Mh, und warum kommst du nicht mit?“
„Meinst du wirklich?“, fragte sie unsicher.
„Na klar. Erstens können deine magischen Fähigkeiten von Nutzen sein, zweitens reise ich nicht gerne alleine und drittens ist mein Französisch ziemlich eingerostet.“
„Okay, das sind schlagende Argumente“, sagte sie lachend, „ und natürlich komme ich gerne mit! Gepäck brauche ich nicht viel, ich habe noch einige Sachen in Frankreich und das bisschen, was ich mitgebrachte habe, ist schnell zusammengepackt. Meine Papiere habe ich sowieso dabei.“ Ihre Augen begannen vor Eifer und Begeisterung zu leuchten. Sie sah kurz fragend zu Shadow und als der zustimmend nickte, klatschte sie vor Freude in die Hände.
„Fein!“, rief sie und war auch schon durch die Tür verschwunden. Shadow sah ihr lächelnd hinterher. Hatte ich da gerade einen kleinen Seufzer gehört? Plötzlich schlug er sich vor die Stirn, so dass ich erschrocken zusammenfuhr.
„Ach, das hätte ich beinahe vergessen“, sagte er, zog ein kleines Päckchen aus seiner Tasche und überreichte es mir. Überrascht betrachtete ich es von allen Seiten.
„Für mich?“ Shadows Augen hatten die Farbe von dunklem Karamell, als er seinen Blick liebevoll auf mich richtete.
„Ein kleines Willkommensgeschenk von mir … nun pack schon aus.“ Neugierig öffnete ich die geschmackvolle Verpackung und hielt eine kleine schwarze Schachtel in der Hand. Lächelnd öffnete ich den Deckel und… mein Lächeln gefror auf der Stelle!
„Oh, das war doch nicht nötig! … äh, das ist ja…“ Einfach Furchtbar! Auf einer weißen Plüschhülle lag ein schreiend pinkfarbenes und auffallend großes Handy. In das Gehäuse waren kleine, schimmernde Perlmuttblüten eingearbeitet, in deren Mitte kleine Strasssteine funkelten.
„Und? Gefällt es dir? Du hast ja keins mehr, also habe ich Mythos gebeten, mir eine Auswahl der neuesten Handys zu besorgen. Ich dachte mir, dieses hier wäre genau das richtige für mein kleines Mädchen“, sagte er und sah mich dabei erwartungsvoll an.

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Na wenigstens war einer von uns begeistert. Oh Himmel, so etwas Kitschiges hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ratlos drehte ich es in meinen Händen.
„Schau doch mal, ich habe schon alle wichtigen Nummern für dich gespeichert“, sagte er begeistert, nahm mir das … Ding wieder ab und fuhr eifrig mit seinen schlanken langen Fingern über das Display.
„Natürlich steht die Nummer von Duncan an erster Stelle.“ Plötzlich ertönte die Melodie ‚Love me Tender‘ von Elvis Presley als Klingelton. Schnell huschten seine Finger erneut über das Monstrum in Pink.
„ Gleich danach findest du meine Nummer.“ Strahlend gab er mir das Handy zurück, als ‚Angie‘ von den Stones erklang. Je beschwingter er wurde, desto schwerer fiel es mir, das ‚Geschenk‘ zurückzuweisen. Unterdessen zählte er weiter die Nummern auf, die von dem Anwesen, Pollys…
„Es gefällt dir nicht“, stellte er fest, als ich immer noch nichts sagte, sondern nur verzweifelt auf das Ungetüm starrte. Ich räusperte mich und versuchte, so diplomatisch wie möglich zu sein.
„Doch, doch“, schwindelte ich, „es ist nur sehr… extravagant.“ Vorsichtig ausgedrückt, denn es war hässlich, die Farbe ging gar nicht, die Strasssteine sahen unmöglich aus, es war unhandlich und einfach viel zu groß. Innerlich seufzend gab ich mir einen Ruck. Egal, ich werde es lieben, denn es war das erste Geschenk, das ich von ihm bekommen hatte – von meinem Vater!
„Vielen Dank, es sieht toll aus. Ein bisschen auffällig vielleicht, aber sonst sehr hübsch!“, versicherte ich ihm als ich ihn umarmte und auf die Wange küsste.
„Es sind übrigens echte Diamanten“, raunte er in mein Ohr, „nicht dieser billige Plunder.“Aufgebracht schob ich ihn von mir.
„Oh nein, das kannst du vergessen! Das werde ich auf keinen Fall annehmen!“ Als ich sein betrübtes Gesicht sah, tat mir mein Ausbruch schon wieder leid.
„Versteh doch, wenn ich so etwas Wertvolles nun verliere? Oder es geht bei einem Kampf kaputt? Ich käme um, vor schlechtem Gewissen.“ Außerdem hatte ich die Befürchtung, dass es im unpassenden Moment anfangen würde im Dunkeln zu leuchten. Und damit meinte ich nicht nur das Display! Bei Lautlosschaltung und aktivierter Vibration würde ich wahrscheinlich durchgeschüttelt wie in einem Shaker.
„Schade, also hatte Mythos doch Recht“, seufzte er bekümmert, „er war auch der Meinung, dass es zu auffällig sei und nicht zu dir passen würde. Er hatte dieses hier vorgeschlagen.“

Fortsetzung folgt…

Kapitel 1: Seitensprung der Sisterhood – Ankunft in Schottland

Kapitel 2: Seitensprung der Sisterhood – Das Anwesen der Bruderschaft

Kapitel 3: Seitensprung der Sisterhood – Geheimnisse

Kapitel 4: Seitensprung der Sisterhood – Verschwörung

Kapitel 5: Seitensprung der Sisterhood – Entführt

finden sich hier.

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